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Hahnenschrei

Hans Leifhelm: Hahnenschrei - Kapitel 36
Quellenangabe
typepoem
booktitleHahnenschrei
authorHans Leifhelm
year1926
firstpub1926
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleHahnenschrei
pages69
created20180323
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Irre

            Der Irre geht ins Feld
Am Sommermorgen, wenn die Lerche jubiliert.
Voll Wunder, Qual und Wirrnis ist die Welt –
Der Irre fühlt nicht, wie er sich verliert,
Ihn hält nicht Raum noch Zeit noch Folge fest,
Sein Haupt es ist ein Zelt
Bald aufgeschlagen hier, bald fortgetragen,
Das in sich eingehn fremde Ferne läßt.

Ihn wundert nicht, daß jetzt ein Wüstenwind
Ihn heiß umweht – er sieht die Karawane gehn,
Tierhäupter schwanken hoch am Himmelrand,
Es steht ein goldner Stern im blauen Licht –
Er weiß es nicht,
Daß er als Kind sie einst im Dom gesehn –
Es ziehn die heiligen drei Könige durch den Wüstensand.

Nun geht er hin –
Da ist es ein Gespann, dabei ein Knecht,
Die keiner sieht – er aber spricht mit ihnen,
Er hebt die Hand, rückt das Geschirr zurecht
Und gibt Befehl, die Brache umzupflügen,
Und Knecht und Tiere, die Jahrzehnte schon
Dahin sind und die irgendwo begraben liegen,
Sie hören ihn mit aufmerksamen Mienen
Und ziehn davon.

Da kommt ein Mann, unscheinbar das Gewand –
Er liebt es, ohne Prunk und unerkannt
Einmal nach seinem Meierhof zu schaun,
Der große Kaiser Karl – er hat sogleich gesehn
Von fern an seiner Haltung, wer es war,
Doch er verrät ihn nicht und läßt ihn gehn –
Er lächelt, da er an den Meier denkt,
Der Gast wird ihn erbaun.

Er gönnt ihm gern
Den kaiserlichen plötzlichen Besuch –
Der Meier ist sein Vater zwar,
Doch tut ihm Not, zu sehen seinen Herrn,
Er führt zu stolz das Regiment, zu jäh
Legt er den andern seinen Willen auf,
Jetzt steht er wohl, gekleidet in Brabanter Tuch,
Die Hand am Silberknauf,
Am Tor – und jetzt erkennt er in der Näh,
Daß es der Kaiser ist.

Er wird noch lange nicht nach Hause gehn,
Er hat es nicht gelernt,
Ihm nahe in sein kaltes Aug zu sehn –
Der Vater ist noch immer Herr zu Haus,
Und da man ihn zum Kirchhof trug, da kam
Er bald zurück, und hinter ihm ging lahm
Der Tod und ordnete sich zum Gesind,
Der Vater schickte ihn ins Feld hinaus,
Und wo er mäht, da fällt das Korn geschwind.

Still ist das Feld,
Die Schnitter schlafen auf den Grund gestreckt,
Nun geht er zwischen reifen Roggenfluren,
Wo rechts und links die Ähren mannshoch wehn,
Von seinem Schritt geweckt
Entfliehn die Käfer in den Räderspuren –
Kristallner Woge gleich so sieht man stehn
Fern das Gebirg – Urahne die da spann
Erzählte ihm erst neulich noch davon,
Vom heiligen Land, wo Milch und Honig rann,
Vom Libanon.

Er kommt zum Wald,
Die Buchenhallen stehen grün durchsonnt,
Ein heller Stamm aufleuchtet dort und hier,
Da rasten Engel weiß und blond,
Und das Getier macht sorglos Halt.
Da teilt sich hoch das dunkle Laubgezelt,
Und Gott erscheint –
Wie riesigen Haines Wuchs ist die Gestalt,
Sein Odem weht wie kühler Hauch,
Sein Auge ist wie Zederndunkelheit –
Da steht er nun und kann ihn ruhig schaun,
Das ist der Wald der Ewigkeit
Am Rand der Welt.

Am Abend kommt der Irre aus dem Feld,
Ihm taumelt noch der Gang, ihm bebt das Blut,
Vor den Gehöften ruht
Die Bauernschaft – sie schaun sich nickend an
Ein Auge kneifend, und sie lächeln dann,
Aus junger Burschen Mund fliegt auf ein Spott –
Er aber geht vorüber als ein fremder Mann,
Denn er kennt Gott.

 


 

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