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Hahnenschrei

Hans Leifhelm: Hahnenschrei - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
booktitleHahnenschrei
authorHans Leifhelm
year1926
firstpub1926
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleHahnenschrei
pages69
created20180323
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Weberdorf

        Ich kam ins Dorf, die Häusernacht
Erscholl von meinem Schritt,
Das Öllicht hielt geringe Wacht,
Müd lief mein Schatten mit.
Ein greiser Weber sprach mich an
Und bot mir Brot und Bett,
Gastfreundlich wie ein Fischermann
Vom See Genezareth.

Die Stube drinnen war gekälkt,
Der Boden weiß von Sand,
Und hinterm Holzkreuz stak verwelkt
Der Palmstrauß an der Wand.
Ich aß und trank und legte mich
Aufs Lager, froh der Ruh',
Der Alte auf den Zehen schlich
Und klinkte sachte zu.

Der Mond ging auf und füllte hell
Die Stube, noch im Traum
Sah ich des Webstuhls Holzgestell
Mit Schiff und Kettenbaum –
Das Schiffchen aber flog nicht mehr,
Die Lade ruckte nicht,
Wie durch ein abgrundtiefes Meer
Drang her gebrochnes Licht.

Und auf der Bank saß lange schon
Kein fleißiger Weber mehr,
Verschollen waren Takt und Ton,
Die Schäfte staken schwer
In Mulm und Sand, und wirr und lang
In zeitenloser Flut
Am Stuhle schwankte Moos und Tang
Bei grauer Muschelbrut.

Durchs Garngewirr die Qualle zog,
Seeigel stiegen quer,
Der grünen Algen Fäden bog
Die Strömung hin und her.
Ich sah das bleiche Holzgestöck,
Das in den Fluten schwang,
Da saß auf morscher Bank der Nöck,
Der alte Sagen sang.

Er sang von Dorf und grüner Trift
Im alten Weberland,
Er sang von einer Heiligen Schrift
In frommer Weber Hand,
Er sang von der Dämonenzeit,
Es brach der alte Kreis,
In staubigen Hallen hoch und weit
Maschinen liefen heiß.

Und der Selfaktor breit und lang
Ging in der Spinnerei,
Und Mädchen liefen längs dem Strang,
Bis ihre Zeit vorbei –
O Spinnerin, o Spulerin,
Nie lief dein Fuß durchs Gras,
In Dämmerung ging dein Tag dahin,
Trüb glomm das Licht durchs Glas.

Ihr Weber, früh verkrümmt und schief,
Wie sich der Rücken bog –
Vom Kettenbaum zum Zeugbaum lief
Der Baumwollstrang und sog
Aus euren Leibern Seim und Saft
Und kürzte euren Tag,
In der Fabriken grauer Haft
Bei schwerer Stühle Schlag.

Baumwolle bleichte Flur und Feld
Und hing im dürren Wald,
Baumwolle hielt umgarnt die Welt,
Gewitterschwarz geballt,
Verdunkelt war der Sonne Glut,
Dann brach es heulend los,
Und es begrub die große Flut
Das Land in ihrem Schoß.

*   *   *        

Ich fuhr aus wirrem Schlaf empor,
Der Webstuhl war im Gang,
Des Alten Gruß drang an mein Ohr,
Darin der Nöck noch sang.
Ich schied und ging, und lang noch scholl
Des Webstuhls Melodie,
Am Horizont unheimlich quoll
Der Rauch der Industrie.

 


 

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