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Hahnenschrei

Hans Leifhelm: Hahnenschrei - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
booktitleHahnenschrei
authorHans Leifhelm
year1926
firstpub1926
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleHahnenschrei
pages69
created20180323
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kanzlist

              In das Leben war er fremd gestellt,
Gleich dem Seestern auf dem Sandgestade,
Unwahrscheinlich war's, daß er die Pfade
Wandeln könnte durch die wirre Welt.
Aber tastend ging er in die Schräge,
Windend sich um Stein und Hindernis,
Schon vom ersten Tag an rollte träge
Ihm das Blut wie schwere Finsternis.

In sein Dasein strahlte nie ein Stern,
Der ihn hätte jäh entflammen mögen,
Und es war, als ob die Jahre zögen
Teilnahmlos auf Straßen weit und fern,
Während er für sich im stillen Kreise
Seine schattenhaften Spiele trieb,
Und verloren abseits der Geleise
Ein verstummtes fremdes Wesen blieb.

In vier Wände schloß sich seine Welt,
In Papieren raschelte sein kleines
Dasein – dennoch voll des bunten Scheines,
Wenn auch rings von Dunkelheit umstellt.
Denn ein jeder Lebensfunke – mag
Er auch irr verzerrt sein – ist ein Spiegel,
Darin Gottes Antlitz jeden Tag
Aufscheint wie ein untilgbares Siegel.

Also war auch dieses Sein erfüllt
Von dem Abglanz eines wunderbaren
Universums, kleine Dinge waren
Mit des Abenteuers Glanz umhüllt.
In den Akten schwamm er wie in Meeren,
Hinter Klippen rief er nach dem Land,
Doch beim Ein- und Auslauf seiner schweren
Mappe war er wie ein Kommandant.

Nur der Übergang war ihm gefährlich
In den Abend, groß und unbekannt,
Auf geländerlosem, schwankem Band
Schlich er heim, doch wenn der Urlaub jährlich
Ihn gewohnten Haltes ganz beraubte,
Dann vermochte er nur mühsam sich
Noch zu retten, wo er Boden glaubte,
In des Traumes Reiche, innerlich.

Und er saß versunken hinterm Buche,
Wo die Marken in den bunten Reihn
Ihn verzauberten, als ob das Sein
Seinen Grund in Zahl und Stempel suche,
Oder er verwandte lange Stunden
Prüfend, ordnend, beim Herbarium,
Wo die Gräser, die er aufgefunden,
Zwecklos lagen, gleich ihm dürr und stumm.

Seine Hände waren weiß und fest,
Seine Augen waren unermattet,
Nur die Stirn war haltlos und verschattet
In der wirren Haare moosigem Nest.
Wie ein Motor schlug sein Herz beständig
In der Brust, der nicht vom Leid verletzten,
Und sein Blick ging ratlos und lebendig,
Gleich, als sähen ihn die Vorgesetzten.

Da er sich und aller Welt mißtraute,
Wich er auch dem Tode aus im Bogen,
Hundert Jahre wär er noch gezogen –
Doch da Gott dies Körnlein reif erschaute,
Rief er Einen aus der Schar der dunkeln
Todesengel – der verlockte ihn
In das Feld mit eines Irrlichts Funkeln,
Rührte ihn und raffte ihn dahin.

 


 

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