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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel.

Es war gegen halb acht Uhr und also um diese Jahreszeit wirklich schon Nacht; aber die Gasflammen leuchteten. Es fand ein Völkerzuströmen auf dem Koburger Bahnhofe statt; aber der Vater Gutmann war vorhanden und da als ein Anhalt im ersten Drang und Gewühl des Aussteigens. Denn wer dabei nicht zugegen war, oder wenigstens nicht sofort zu sehen war, das waren der Vater Blume und der Onkel Laurian.

Versprechen und halten ist und bleibt zweierlei.

Vergebens reckte sich das Kind im Gedränge der männlichen Germanen-Sturmflut auf den Zehen empor:

»Aber das ist doch nicht möglich! Sie haben es so fest versprochen. Ach, sie können mich wohl bloß in dem rücksichtslosen, gräßlichen Tumult nicht finden!«

»Soll ich mal rufen? Soll ich mal Papa rufen, Fräulein Klotilde?« fragte Vater Gutmann.

»Gott, und jetzt nennt der mich schon ganz ungeniert bei meinem Vornamen!« dachte ärgerlich-angsthaft das verlassene Kind. Laut rief sie:

»Das täte ich schon selber, wenn es was helfen würde und sich schickte. Sie sind wahrhaftig nicht da! Das ist aber doch zu großartig – o, wenn das meine Mutter wüßte!«

Der letzte Seufzer kam so gepreßt heraus, daß der junge Gutmann jetzt sein Herzblut drum gegeben hätte, um dem Alten die ferneren Retter- und Ritterdienste aus der Hand zu nehmen. Aber ließ ihn der Alte? Bewahre! – Hatte der den angenehmen Kavalier auf der Reise gespielt, so übte er sein gewonnenes Recht auch bei der Ankunft am Reiseziel rücksichtslos gegen die doch mehr dazu berechtigte Jugend aus. Das neue deutsche Reich zu gründen, war er nach Koburg gekommen. Das Empfangsbureau der ersten konstituierenden deutschen National-Vereins-Versammlung stand weit geöffnet und wartete, daß er hereinkomme und die die nächsten schicksalsschwangeren Tage betreffenden Karten und sonstigen Ausweise löse.

Aber was tat er?

Er tat, als ob ihn diese Geschichte – die Geschichte der Entwicklung des deutschen Volkes zu einer wirklichen Familie gar nichts angehe. Er widmete sich einzig und allein den Privatsachen der Familie Blume in Wunsiedel, d. h. diesem allerliebsten, braven, netten, verständigen Mädel aus Wunsiedel. Na, sein grauer Kopf gab ihm ja wohl das Recht, etwas weniger blöde zu sein als sein innerlich und äußerlich zappelnder und doch nicht zugreifenkönnender Sohn, – dieser »schüchterne Knabe«.

In dem dem Auskunftsbureau zustrebenden Gedränge sämtlicher teutonischer Völkerschaften, die augenblicklich so wenig wie sonst Rücksicht auf den Ellbogennachbar nahmen und auf Klothilde gar nicht, drängte er nicht mit, stand er gegenstemmend und den Schwall von dem verlorenen Kinde abhaltend und fragte, als es endlich Luft umher gab, und der Major außer Dienst und der Onkel Laurian noch immer nicht zu sehen waren:

»Ja, Fräuleinchen, was fangen wir denn nun an?«

»O Gott, sie kommen doch wohl noch! sie haben sich wohl nur ein wenig verspätet!«

»Ne,« sagte der erfahrene Reisegreis, »wie ich sie jetzt kennen gelernt habe, kommen die nicht mehr: aber verspätet mögen sie sich wohl haben, jawohl! Wer von den beiden den anderen mit wohin genommen hat, kann ich natürlich noch nicht sagen; aber einer muß den anderen verhindert haben, hier zu sein, und daß augenblicklich keiner von beiden weiß, was die Uhr ist, das ist auch klar.«

»Das Vergnügen, das sie mir versprochen haben, geht wirklich schön an!« seufzte tief im Innersten Fräulein Klotilde. Laut rief sie nochmals: »Aber sie hatten es mir doch so fest versprochen!«

»Aber sie haben es zugleich mit uns anderen auf sich genommen, das deutsche Volk aufzubauen.«

»Ach, Unsinn! So große Eile hatte das wahrhaftig doch wohl noch nicht. Und was die zwei dazu tun werden – o!«

»O Fräuleinchen, das letzte können Sie ebensogut von mir und meinem stummgeborenen Herrn Sohn hier denken –«

»Das nächste Mal bringen sie die Tante Adele nach Hause und halten es ein Menschenalter zum Besten der Familie bei ihr aus,« murmelte Klotildchen und hatte ganz gewiß das feine Ohr des lieben alten Herrn nicht mit in die Rechnung gezogen.

»Fräulein Klotilde,« sagte Vater Gutmann zärtlich-väterlichst, »sehen Sie mal, gute kleine Mädchen, die böse Tanten zum Familienbesten nach Hause gebracht haben, fressen wir, mein Junge und ich, ganz gewiß nicht: also – vertrauen Sie sich uns an für die nächsten Stunden. Diesmal helfen wir Ihnen noch weg vom Rande der Verzweiflung. Aus diesem Schiffbruch Ihres Vertrauens in die Menschen und die allernächste Verwandtschaft kommen Sie noch mal glücklich heraus. Und nun lassen Sie uns vor allen Dingen erst mal in der Präsenzliste uns nach Herrn Major Blume und Herrn Apotheker Poltermann umsehen. Stehen sie da drin, so sind sie auch noch anderswie in der Zeitlichkeit und hier in Koburg präsent. Junge, geh mal hin und besorge uns die Notizen! Nein, warte, laß mich das tun und sorge du währenddessen hier draußen für die junge Dame.«

»Ja bitte, aber lassen Sie mich mit nachsehen. Papa haßt die Hotels und wollte sich auf gut Glück mit dem Onkel Laurian, wie er sagte, auf die deutsche Bruderliebe hin privatim einquartieren lassen. Und obgleich ich ja nicht mit in die Politik gehöre, so verließ er sich drauf, daß man auch mich mit ihm unterbrächte, da ich ja doch nicht viel Raum einnähme.«

Letzteres war wahr. Viel Raum in der Wildnis des Lebens nahm dieses schlanke Feenkind für jetzt noch nicht ein. Das konnte erst noch kommen in einer guten nahrhaften Ehe; aber – davon zu reden ist jetzt doch wahrhaftig noch nicht Zeit! –

Sie drängten sich also zu drei durch bis an den Tisch des Empfangskomitees.

»Herr Major außer Dienst Blume aus Wunsiedel?« fragte einer der freundlichen Herren, blätterte ein wenig und lächelte mit einem Gesichte wie: auf den hatten wir ja vor allen gezählt.

»Herr Major Blume – Zwiebelmarktgasse, Numero zehn, Witwe Wellendorf.«

»Gott sei Dank! so ist er doch wenigstens am Orte! aber, o bitte, bitte, kann ich vielleicht hier auch noch erfahren, ob Onkel mit ihm gekommen ist?«

Einen Augenblick sah der freundliche Herr ein wenig verdutzt auf das hübsche, hastig zufahrende Mädchen, dann aber steckte er um so rascher seine bebrillte Nase in seine Listen.

»Witwe Wellendorf – Zwiebelmarktgasse zehn – Herr Apotheker Poltermann aus Wunsiedel.«

»Ja, ja, das ist er! O, herzlichen Dank! Wenn der Onkel Laurian mit hier ist, so muß entweder etwas sehr Schreckliches vorgefallen sein, was ihn jetzt vom Bahnhofe abgehalten hat; oder der Papa hat ihn wirklich –«

Sie vollendete ihren Satz nicht. Da sie nicht zum Stamm Sem gehörte, so war sie unbedingt eine Japhetidin. Ham war vollständig ausgeschlossen. –

»Wilhelm,« sprach jetzo aber der Vater zu seinem Sohne: »Du weißt, ich hasse auch die Hotels, und was die deutsche Bruderliebe anbetrifft, so sind wir ja nur derentwegen hier in Koburg. Sagen Sie, bester Herr, könnten wir, mein Sohn und ich, Kaufmann Gutmann und Kameralsupernumerar Gutmann aus H. nicht gleichfalls in der Zwiebelmarktgasse ein Unterkommen finden?«

Der freundliche Herr blätterte in einer anderen Liste:

»Die Hotels, selbst die Wirtshäuser, werden auch wohl schon ein wenig überfüllt sein. Gottlob! – Zwiebelmarktgasse? . . . die hiesige Einwohnerschaft hat sich – Gott sei Dank – von einem Entgegenkommen gezeigt, welches für unsere patriotischen Absichten in der Tat von Bedeutung ist. Zwiebelmarktgasse Numero elf – gerade gegenüber der Nummer zehn: ›Logis für zwei bessere Herren.‹«

»Sind wir diese zwei besseren Herren, Wilhelm?«

»Unbedingt!« rief der Kameralsupernumerar mit solchem Eifer, daß ihn jetzt der Vater schlau angrinste. »Mir schon recht,« sagte er; Fräulein Klotilde sagte gar nichts und hatte auch keinen Grund, etwas zu sagen.

Sie erhielten nun die betreffenden Nachweisezettel, einen Grund, darob zu erröten, hatte Fräulein Blume ebenfalls nicht; aber sie errötete doch, als sie dem jüngeren Beschützer ihre Täschchen und ihre Reisetasche überlieferte. Größeres Gepäck war nicht vorhanden; die Tante Adele hatte es durch Fracht nach Wunsiedel vorausgeschickt: »Länger als ein paar Tage werden sie dich ja wohl hoffentlich nicht dort in Koburg unnützerweise mit sich herumschleppen.«

Den Weg in die Stadt brauchen wir nicht zu beschreiben; wir werden noch genug in der letzteren herumzulaufen haben. Ein freundlicher jugendlicher Koburger führte sie und verweigerte die Annahme jeder Erkenntlichkeit.

»Hier sind wir, solange die Herren bei uns sind, alle umsonst zu Diensten fürs einige Vaterland!« sprach er stolz, und Vater Gutmann hob die Augen zum dunkeln Nachthimmel empor, denn so was war ihm auf allen seinen Reisen noch nicht vorgekommen.

»Sohnemann,« rief er, dem liebenswürdigen jungen Thüringer beinahe zärtlich auf die Schulter klopfend, »mein Name ist Gutmann, ich bin in H. zu Hause. Wenn Sie da mal hinkommen, dann besuchen Sie mich ja.«

Die Zwiebelmarktgasse hatten sie erreicht, die Witwe Wellendorf gefunden; wen sie aber natürlich nicht fanden, das war der Vater Blume und der Onkel Poltermann.

»Ei, Fräulein,« sagte die freundliche, alte Thüringerin, die sich auch erboten hatte, für die Einigung des Vaterlandes sich und das Ihrige zur Verfügung zu stellen und zureisender germanischer Brüderschaft sorglich das verlassene Heim nach Möglichkeit zu ersetzen. »Ei, Fräulein, wie können Sie es glauben, daß so vergnügte, liebe Herren zu Hause bleiben, wenn die ganze Stadt überall des patriotischen Pläsiervergnügens voll ist, und jeder dem anderen so viel zu sagen hat, und alle einer Meinung sind, nur nicht ganz, weil das Genauere zwischen jedem und jedem noch besprochen werden muß? Ja, Papa und der Herr Onkel wohnen wohl bei mir, und auch für Sie, mein liebstes Fräulein, find' ich noch ein Bettchen und Zimmerchen: aber die Herren treffen Sie augenblicklich nicht. Die hatten auch noch einen hübschen, jüngeren Herrn mit sich gebracht – Sie werden ihn gewiß kennen, Fräulein, seinen Namen weiß ich nicht, denn er logiert im Löwen auf dem Steinwege, und dahin haben ihm der Herr Vater, der Herr Major, und der Herr Onkel das Geleit gegeben. Und von dort wollten sie alle drei nach dem Bahnhofe, um Sie abzuholen, Fräulein. Sie würden sich sehr freuen, meinten sie, den jüngeren Herrn – er ist ein bißchen umfänglich, mit 'ner bißchen hohen Stirn und blond und spricht so ein bißchen, als ob er aus Österreich wäre – Sie würden sich recht freuen, diesen jungen Herrn auch am Bahnhofe zu Ihrem Empfang mit allen übrigen deutschen Patrioten gegenwärtig zu finden.«

»Ei, ei, Fräuleinchen, sehen Sie mal!« schmunzelte Herr Gutmann. »Nicht bloß der Herr Vater und der Herr Onkel, sondern auch noch ein angenehmer, hübscher junger Herr für Sie! Was kann uns nun noch zum Vergnügen fehlen, hier in Koburg?«

Beim Schimmer der kleinen Lampe der Frau Wellendorf ließ es sich nicht recht erkennen, ob Fräulein Klotilde wonnig errötete oder aus Verdruß eine andere Farbe annahm. Jedenfalls setzte sie jetzt dem älteren ihrer Beschützer einen wenn auch dankbaren, so doch kurzen Knix hin und schien es für eine Erleichterung zu nehmen, als der jüngere Helfer in der Not etwas verdrossen brummte:

»Wir müssen nun aber auch doch wohl an unser eigenes Unterkommen denken.«

Der Alte schien noch gar keine Lust zu haben, daran zu denken; aber Fräulein Blume half seinem Sohne, indem sie sich an die Frau Wellendorf wandte: »Die Nummer elf der Zwiebelmarktgasse ist wohl gerade Ihnen gegenüber?«

»Ganz gerade gegenüber; Schneidermeister Daniel! Ja, zu der Gevatterin Daniel haben die Herren vom Komitee auch gesagt, als sie kam und sagte, sie habe die Gelegenheit für ein paar nette Vaterlandsfreunde leer stehen – haben sie gesagt, die Herren: ›Nicht nur nett, sondern so anständig als möglich sollen die Herren sein, die wir Ihnen schicken, Frau Daniel, verlassen Sie sich drauf.‹ Nun, und ich sehe schon, es hat sich auch für die Nachbarin recht gut getroffen.«

Vater Gutmann wußte wirklich nicht mehr wohin mit seinem Vergnügen: aber dann nahmen sie doch Abschied voneinander, die Reisegenossen von Immelborn her, reichten sich die Hände und schieden fürs erste als verhältnismäßig recht gute Freunde und Bekannte voneinander.

 


 

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