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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.

Station Wasungen!«

»Aha,« denken die Leser, »jetzt kommt er uns natürlich mit dem Wasunger Kriege und erzählt uns die ganze alte Schnurre vom Anfang bis zum Ende von neuem!« Sie irren sich aber sehr; das tut er gar nicht, dazu steckt er schon viel zu tief in Gutmanns Reisen, und in Gutmanns Reisewagen herrschte, als man sich der Station Wasungen näherte, nur der lauterste Frieden, ja mehr als dieses – das hellste Vergnügen aneinander.

Vater Gutmann war zu gut! Die letzten beiden Worte sind jetzt freilich noch in dem besonderen fröhlichsten Sinne genommen. Er war amüsant und amüsierte sich selber königlich. Der Satan aber soll den Sprachreiniger holen, der uns hier mit »Dreckblech« und »Fegebürste« auf den Hacken folgt und hinter uns zusammenkehrt, was wir fallen lassen an Fremdwörtern, auf daß er einen teutschtuenden Entrüstungsartikel damit dünge.

Es war selten zwischen Immelborn und Koburg eine amüsantere Reisegesellschaft in einem Eisenbahnwagenabschnitt zweiter Ordnung zusammengepfercht worden. Ich kenne einen gewissen Jemand, der seine Frau nur der Liebenswürdigkeit seiner Schwiegermutter wegen genommen hat: Herrn Gutmann junior durfte ein Mägdelein dreist seines »reizenden Herrn Papas wegen« Hand und Herz für Zeit und Ewigkeit anvertrauen.

Der graue Bösewicht!

Wir wissen, daß auch er dem ganzen übrigen Coupé nach Immelborn zu, längere Zeit Luft, Licht und Aussicht benommen hatte, um den Abschied der »Kleinen« von der Tante Adele mit anzusehen. Er hatte ihr (der Kleinen) aus ihren Armen (der Tante Armen) geholfen (eigentlich drückt er sich anders aus und meint, er habe ihr von ihr geholfen) und er hatte ihr ihr Handgepäck »weggestaut« und er hatte ihr seinen Eckplatz eingeräumt.

Das war schön von ihm gewesen; aber noch schöner war's von ihm, daß er sich dann an die übrige, wie wir ebenfalls schon wissen, nur männliche Fahrgesellschaft wendete und sagte:

»Jetzt lassen Sie uns aber aufhören mit der Politik, meine Herren. Wir kommen hier auf den Rädern doch nicht miteinander überein, und haben ja Koburg noch vollständig vor uns. Fräulein würde es wohl durchaus nicht interessieren. Höchstens wenn wir als deutsche Brüder etwas handgreiflich aus lauter Zärtlichkeit für unser allgemeines Wohlergehen gegeneinander würden, möchte sie davon angenehm zu Hause berichten können und es nach Verdienst komisch, aber doch auch nicht gerade sehr nett als ihr heutiges Weltumsegelungserlebnis finden.«

Fräulein interessierte die Politik, und noch dazu unter lauter unbekannten Herren im Eisenbahnwagen freilich nicht gar sehr. Des dummen Zeuges hatten sie zu Hause, d. h. die Damen zu Hause, innerhalb und außerhalb des Hauses freilich schon genug; Papa konnte da gräßlich werden, nicht nur als unzufriedener Titularmajor, sondern auch als Ehegatte und allerbestes Väterchen. Der Onkel Laurian war in dieser Hinsicht manchmal der einzige Verständige in Wunsiedel, nahm Rücksicht auf »uns Frauenzimmer«, kurz, war ein Trost und Segen für die Familie. Schon durch die Art und Weise, wie er dabei nach seiner Gewohnheit die Daumen umeinander drehte. Man konnte wahrhaftig daraufhin es ihm nachsehen, wenn er mal zu heftig für seinen Jean Paul schwärmte, langweilig wurde und sich sogar über die gegenwärtigen Lieblingsschriftsteller und Schriftstellerinnen seiner lieben Nichten mokierte.

Es ist auf der Fahrt von Immelborn nach Koburg in der Tat nicht mehr die Rede von Politik gewesen; aber Fräulein Klotilde wäre es anfangs doch lieb gewesen, wenn dem nicht so gewesen wäre, sondern die Herren nach erwiesenen ersten Höflichkeiten sich doch noch ruhig weiter mit der Neugründung des deutschen Volkes beschäftigt hätten und nicht soviel mit ihr.

Wie kam eigentlich dieser fremde, vergnügte, gottlob aber auch ganz väterliche alte Herr zu dieser sofortigen Vertraulichkeit?

Sie – hatte doch hoffentlich keinen Anlaß dazu gegeben, sondern war nur freundlich auf erwiesene Freundlichkeit hin gewesen!

Und wie kam es eigentlich, daß dieser alte freundliche Herr schon in Wernshausen fast so gut wie sie selber und zwar durch sie selber in Wunsiedel und in der Familie Blume in Wunsiedel Bescheid wußte?

»Ja, ja, Fräulein, das kennen wir!« sagte Vater Gutmann. »Der Onkel Laurian mit dem Jean Paul in der Tasche behauptet, der Papa schleppe ihn nach Koburg. Und der Herr Papa, der Herr Major, mit seinen Erfahrungen von dem italienischen Kriege im vorigen Sommer, schwört darauf, er gehe bloß der Ideale des Onkels Laurian wegen hin. Ja, ja, so sind wir. Fräuleinchen. Und unser großer Schiller singt schon:

›In solchen Dingen rühr' ich kein Bein,
Es tritt denn ein anderer für mich mit ein.‹«

»Hat er das so gesagt?« fragte Klotilde, die sich doch so fest vorgenommen hatte, garnichts selbst zu sagen und so wenig als möglich zu fragen.

»Fragen Sie nur meinen ernstblickenden Herrn Sohn hier. Das Kind ist diätarisch verwendeter Kameralbeamter, aber poetisch angehaucht. Ich habe selbst Verse an ihm entdeckt; – Wilhelm, du brauchst nicht rot zu werden. Ja, fragen Sie ihn nur: Schillern kennt er hoffentlich noch, wenigstens ebensogut als wie ich.«

Fräulein fragte den jungen Herrn nicht, und der ernstblickende junge Herr murmelte nur vorwurfsvoll verweisend:

»Aber lieber Vater?!«

Daß die zwei jungen Leute sich hierauf gar nicht mehr angesehen haben sollten, davon steht nichts in Wilhelms Tagebuch. Sie sahen sich an – verstohlen. Die junge Dame versuchte nun ernst zu blicken; aber der poetisch angehauchte Kameralbeamte ohne Gehalt lächelte trotz seines Verdrusses über seine ästhetische Bloßstellung, und wieder nachher hatte sich Klotilde hinter ihrem Taschentuch über ihr unaufhaltsames dummes Mädchengekicher zu ärgern, und dazu wieder schmunzelte der Vater Gutmann.

»Kinder, jetzt wollen wir aber auch, solange wir noch so vergnügt hier durch die schöne Welt fliegen, recht nett miteinander sein und uns gut vertragen! Wer weiß, was uns noch alles Greuliches in Koburg bevorsteht?«

Sie lachten genug unterwegs. Wir können es leider nicht leugnen, der zu neuer Weltfahrt aufgeweckte alte fidele Reiseonkel griff weit zurück in seine Commis-Voyageur-Knallerbsenscherze, seine Du-sollst-und-mußt-lachen-Anekdoten. Und je weiter er zurückgriff, desto neuer erschienen sie merkwürdigerweise der Fahrgenossenschaft. Wenn wir uns aber hier nochmals mit den Federn schmücken wollten, die er aus unvordenklicher Mauser des Witzes der Vorfahren aufgehoben hatte, so würden wir ganz gewiß nicht wie er bejubelt werden. Man würde uns höchstens lächerlich finden, wenn nicht sogar abgeschmackt und in unverantwortlicher Weise unsern Marasmus dem Publikum aufdrängend.

Wir sagen also nur, daß dieser Alte in seiner Weise prächtig war und dem jungen Mädchen immer besser gefiel, und zwar je mehr man in den Abend hineinfuhr. –

Meiningen war der Welt damals noch nicht durch die Meininger bekannt gemacht worden; aber Gutmann senior kannte es schon. Es sagte ihm nichts; aber ernst stimmte ihn Hildburghausen.

»Sehen Sie, Fräuleinchen,« sagte er, »dort wohnte bis vor wenigen Jahren ein gewisser Meyer, den Deutschland noch lange nicht so gewürdigt hat, wie er es verdient. Ich habe ihm meine Bildung zu verdanken, mein Sohn hier hat ihm seine Bildung zu verdanken –«

»Aber, Vater, ich bitte doch!«

»Mein Sohn hier hat ihm seine Bildung zu verdanken, und ein großer Teil von dem heutigen Deutschland hat ihm außerdem seine Bildung zu verdanken. Bildung macht frei, war sein Motto, und darauf abonnierte ich auf der Stelle vor dreißig Jahren bei ihm. Ich hielt sein Universum. Ich bin im Besitze seines Konversationslexikons. Eine Bibel habe ich nicht von ihm – meine stammt noch von meinem Vater; aber seine Klassikerausgaben besitze ich wenigstens in Auswahl. Was aber seine Groschenbibliothek meinem Jungen hier für eine Wohltat gewesen ist, da fühlen Sie ihm – meinen Herrn Sohn meine ich – nur selber auf den Zahn, Fräulein. Wenn Bildung frei macht, so will der Deutsche seine Freiheit dazu auch so billig als möglich haben. Und Meyer in Hildburghausen ist der erste gewesen, der da sprach: Recht hat das Vaterland! Frei werde es durch billige Bildung! Ja, Fräulein, Billigkeit macht frei – nein, Billigkeit bildet und Bildung macht frei – man wird ganz konfus bei der Geschichte. Na, Gott segne des alten Herrn Asche! Zu einem Wohltäter des deutschen Volkes ist er geworden, und sammelt man mal zu seinem Denkmal, so gebe ich unbedingt auch meinen Groschen dazu her. Du auch, billig gebildeter, blondlockiger, blauäugiger deutscher Knabe?«

»Ich auch. Aber, Vater, wenn du –«

»Mich und dich nicht mehr und mehr vor den Ohren dieser deutschen Jungfrau lächerlich machen wolltest, so tätest du mir allmählich einen Gefallen. Da hast du eigentlich recht, Wilhelm, zumal da es, wie ich bemerke, anfängt dämmerig zu werden. Also die beiden Herren erwarten Sie auf dem Koburger Bahnhofe, liebes Fräulein? Nun, da wir jedenfalls desselbigen Zweckes wegen – der höchsten Vaterlandspolitik wegen – nach Koburg fahren, mein Sohn und ich, so freut es mich jetzt schon, durch so liebenswürdige Vermittelung wahrscheinlich die Bekanntschaft von schätzbaren – hoffentlich – Parteigenossen machen zu können. Werden sich die Herrschaften, wenn ich jetzt schon fragen darf, noch über die Verhandlungen hinaus in Koburg aufhalten?«

Fräulein Blume fand diese Frage eigentlich sonderbar. Sie konnte den zwei, immer doch noch fremden Herren, doch nicht ins einzelnste auseinandersetzen, wie sie und die Tante Adele in Immelborn mit der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins zusammenhingen! Mußte sie, Klotildchen, es diesen Fremden auf die Nase binden, wie sie sich die letzten Wochen durch in Immelborn aus politischen Rücksichten geopfert hatte – aus familienpolitischen Rücksichten, gegen welche das, was Papa und Onkel Laurian in Koburg mit den übrigen Deutschen ausmachen mochten, wahrhaftig sehr wegfiel? Hätte es nicht lächerlich geklungen, wenn sie diesem alten freundlichen Herrn mitgeteilt hätte, daß ihr das deutsche Volk und seine Familienvereinigung im Grunde sehr gleichgültig sei, daß sie aber im höchsten Grade gespannt auf das Vergnügen sei, welches die nächsten Tage durch in Koburg für ihre Tugendhaftigkeit und Tapferkeit in Immelborn für sie herauskommen werde?

Da es aber immer dämmeriger, ja dunkler wurde, so fühlte sie sich doch auch immer mehr auf die Freundlichkeit ihrer Reisegesellschaft, als Lamm unter den Wölfen, angewiesen. Sie sagte deshalb auch nur:

»Papa und Onkel werden sich gewiß freuen, die Bekanntschaft der Herren zu machen. Wie lange wir uns in Koburg aufhalten werden, kann ich nicht sagen; das hängt natürlich von Papa und Onkel ab.«

»Sehen Sie einmal, Fräulein,« seufzte hierauf Papa Gutmann, »das könnte ich nicht wagen, mein Kind hier so mutterseelenallein in die weite Welt und in die Finsternis hineinfahren lassen. Es machte mir nichts als dummes Zeug!«

Der unbesoldete, nur auf Diäten angewiesene überflüssige Kameralbeamte fing beinahe an, sich wirklich zu ärgern.

»Aber, Vater – ich bitte doch gefälligst –«

Er brach ab, denn er hatte sich noch mehr zu ärgern über ein dummes Mädchengekicher hinter einem weißen Sacktüchlein, und da konnte er doch nicht hinzusetzen: »Aber Fräulein, ich bitte auch Sie gefälligst.«

Es blieb ihm also nichts übrig als sich geduldig über sich selber zu ärgern, seinen Ärger aber ruhig zu verschlucken, und seinen unzurechnungsfähigen, aus Rand und Band geratenen Erzeuger den welt- und reiseerfahrenen Tausendsassa weiterspielen zu lassen. Es war nichts dagegen zu machen; der Alte war und blieb göttlich – blieb göttlich amüsant bis Koburg.

Als sie dort landeten, lachte Klotilde zum letztenmal im Eisenbahnwagen: »Nein, aber Herr Gutmann!« und rief dann verwundert: »Aber das ist ja wahrhaftig vollständig Nacht! Nun, da ist es doch ein Glück, daß Papa und Onkel Laurian mich am Bahnhofe erwarten!«

 


 

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