Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080926
modified20181018
projectid476c6de1
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Sie hatte die Tante nach Immelborn gebracht und sich auf deren Wunsch und ausgesprochenes Verlangen vier bis fünf Wochen zu ihrem Vergnügen bei ihr aufhalten müssen.

Wer hatte die Tante Adele nach Immelborn bringen und sich vier bis fünf Wochen zu seinem Vergnügen bei ihr aufhalten – müssen?

Nun, wer denn anders als Fräulein Klotilde Blume aus Wunsiedel, Tochter des Majors (natürlich außer Dienst, und mißmutig) Blume und seiner Frau Liane, einer geborenen Poltermann, gleichfalls aus Wunsiedel? Wer sonst in der Familie sollte so gutmütig, so aufopferungsfähig und so voll aller willenskräftigen guten Humore zu der Aufgabe gewesen sein?

Eigentlich war aber ja Mutter Liane Blume die Barbarin gewesen, die das Lamm für das Familienwohl auf den Altar legte. Dem Vater hatte sein Kind doch zu leid getan, und er hatte sich während der Verhandlungen so oft als möglich, die Achseln zuckend, gedrückt.

Die Frau Majorin aber hatte gesagt:

»Kind, du tust es uns zuliebe und nimmst dies Schicksal noch mal auf dich. Ich für mein Teil habe seit dem ersten Juni, wo sie einrückte, bis heute doch wahrhaftig auch Engelsgeduld gezeigt! Sie jetzt aufzuhalten, wo sie endlich nach Hause verlangt, nachdem sie mir zwei Monate auf dem Leibe und der Seele gelegen und in die Haushaltung hineingeredet hat, dazu müßte ich mehr als ein Engel sein. Und da du nun doch mal ihr ausgesprochener Liebling bist und sie es wünscht, daß du mit ihr gehst und ihr ihr Wesen in Ordnung bringen hilfst, so hilft es eben nichts: du gehst! Ein Opfer ist es, das gestehe ich gern zu. Aber zur Familie gehört sie nun einmal doch, und – ganz im stillen unter uns – ihr schönes Anwesen spricht doch auch mit, wenn von Rücksichtnahme die Rede ist. Bei deinen vielen Geschwistern, liebes Lamm, und bei Vaterles barmherziger Pension und noch dazu seinen rücksichtslosen politischen Ansichten, die er ja meinethalben, wie so viele andere, ganz in der Stille haben möchte, wenn er nur nicht immer losredete – ja, was wollte ich doch sagen? Ja, so, da wäre es doch eine wahre Unvernunft von uns, wenn wir die Tante Adele jetzt um so ein paar kurze Wochen neue Geduldsprobe vor den Kopf stoßen wollten. Komm, Herz, gib mir einen Kuß und tu's deiner alten Mutter zuliebe, geh, bringe sie nach Hause und sei noch mal die paar Augenblicke im Menschenleben so lieb und gut und freundlich und lustig mit ihr, wie du ja immer bist, mein Herzensmädel! Wir wollen es dir nachher auch schon gutzumachen suchen, und ich weiß auch schon was in der Hinsicht, aber sage es noch nicht.«

Der Vater Blume sagte:

»Mein altes Mädele, ich sage gar nichts; aber was ich dazu tun kann, um es dir wieder gutzumachen, das tue ich; verlaß dich drauf.«

Und damit brachte die ganze Familie die gute Tante und die brave Tilde nach dem Posthause. Nun standen sie alle um den Postwagen herum und da banden alle sie ihr so auf die Seele – die Heuchler! – »Nimm die Tante nur ja in acht, Klotilde! sorge dafür, daß sie ja nicht im Zug sitzt!« – O diese – man hat gar keinen Ausdruck dafür – diese – was?

Und man muß es ihr lassen, Fräulein Klotilde hatte es fertig gebracht zum Familienbesten mit den flötendsten Tönen und dem süßesten Lächeln, immer von neuem aus dem Postwagenfenster zu versichern, daß sie das Ihrige tun werde – bis der Schaffner »gottlob endlich grob wurde« und der Schwager blies. Sie hatte auch noch mit dem Taschentuch, tränenfeucht war es gerade nicht, aus dem Fenster geweht; aber dieses nur dem Papa zu. Der hatte es nämlich möglich gemacht, ihr noch mal zuzuflüstern: »Verlaß dich drauf, mein wacker Mädle, ich mach's dir wieder gut.«

Das war der letzte Trost in das erste Rasseln und Schütteln der Karre hinein. Ihren Papa kannte das Kind und wußte, daß er Wort hielt, wenn Mama nichts dagegen hatte. –

Im Grunde war es, wenn kein Vergnügen, so doch sehr lehrreich mit der Tante Adele zu reisen. Da bekam man nämlich Menschenkenntnis und lernte die Angenehmen von den Unangenehmen unterscheiden. Gütiger Himmel, welche Gelegenheiten gab die Tante allen Mitreisenden, sowohl auf der Post wie nachher auf der Eisenbahn, alle ihre Charaktereigenschaften offen hinzulegen. Sie brauchten bloß anderthalb Stationen mit ihr zu fahren, um mit allem herauszumüssen, was sie an Geduld, Höflichkeit, Zuvorkommenheit, Humor oder dem Gegenteil in sich hatten. Wenn nicht mit Worten so doch mit Mienen und Gesten. O Gott, Gott, Gott, und sie hatten meistens alle das Gegenteil in sich und kamen damit heraus unter dem Blick, Wort und Humor der Tante Adele! O Gott, wie schlecht war die Menschheit: nicht bloß im großen, ganzen, sondern auch, was noch viel unangenehmer ist, im einzelnen. Nicht ein einzelner, nicht ein einziger faßte von Wunsiedel bis Immelborn die Tante Adele für einen Reisespaß auf. Sie nahmen sie sämtlich von der ernstesten Seite und quollen gegen sie über von Gift, Galle, Rücksichtslosigkeit und Rachsucht, und Klotildchen hatte dabeizusitzen wie ein Hühnchen im Regen und durfte nicht seufzen, geschweige denn gickern und gackern.

Ja, ja, Menschenkenntnis erwerben ist selten ein Vergnügen und auf Reisen nie. Als die beiden endlich in Immelborn anlangten, war die Junge vollständig fertig mit ihren Kräften, dahingegen die Alte durch den ununterbrochenen Herz- und Seelen- und Ellbogenverkehr mit den lieben Nächsten auf den Rädern so aufgefrischt, daß es ein Wunder, wenn auch kein schönes und besonders kein viel Gemütlichkeit zu Hause versprechendes, war.

»Aber Kind, wie siehst du denn aus?« fragte die Tante Adele, als sie sich dem Endpunkt der Marterfahrt näherten. »Könnt ihr jungen Leute von heute denn gar nichts mehr vertragen? Haben dich denn die paar Stunden auf dem Rade schon so gebrochen? Eh, eh, sitz mir nur nicht da wie eine geknickte Blüte, Jungfer Blume. Nimm dir lieber auch in dieser Beziehung ein Exempel an mir.«

Dagegen flüsterte ein alter Herr, der dem Fräulein das Handgepäck aus dem Wagen zureichte, mit einem gewissen mitleidig pfiffigen Ausdruck, aber sehr zärtlich (er war länger als zwei Stationen mit den beiden Damen gefahren und wußte, was er flüsterte) zu:

»Fräuleinchen, ich habe Sie bewundert! Der Himmel erhalte Ihnen Ihre heitere Dauerhaftigkeit, Ihre liebe Geduld und Ihren freundlichen Gleichmut recht, recht lange. Und Sie müssen mir schon erlauben, daß ich von Ihnen zu Hause bei mir als einem guten Beispiel erzähle und Sie meinen Fräulein Töchtern als ein Exempel aufstelle.« –

Die Reise von Wunsiedel nach Immelborn war überstanden worden. Die Aufopferung fürs Familienwohl in Immelborn ebenfalls. In Immelborn hatte Klotilde der Tante Adele zwei Monate durch geholfen – ihren – Haushalt – wieder – in Ordnung – zu bringen – und zwar zu ihrer – der Tante Adele Zufriedenheit.

Jeder Gedankenstrich aber in diesem Satze bedeutet für Fräulein Klotilde Blume aus Wunsiedel einen Lorbeerkranz. Aufgesetzt von der Tante bekam sie ihn jedoch nicht. Ob sie ihre Bescheidenheit schonen wollte oder ganz im allgemeinen das übliche Verfahren der Welt gegen großes Talent und Verdienst fürs Richtige hielt, müssen wir dahingestellt sein lassen. Beim Abschied sagte sie nur:

»Nun, Kind, dann komm gut nach Hause und grüße deine Eltern von mir. Beherzige einiges von dem, was ich dir in den letzten Tagen zu raten und anzuempfehlen hatte, so wird dein Aufenthalt hier nicht ganz vergeblich gewesen sein. Der liebe Gott behüte dich, mein Kind, und gebe dir fernerhin alles, was zu deinem Besten gehört. Also dein Papa und der Vetter Laurian erwarten dich heute abend in Koburg auf dem Bahnhofe und haben die Absicht, dir dort einige vergnügte Tage zur Erholung, wie sie sich ausdrücken, zu gönnen. Nun, nun, dazu sage ich nichts, als daß mir diese Redensart ein wenig sonderbar vorkommt. Was brauchst du denn noch eine weitere Erholung nach deinem hiesigen Aufenthalt hier bei mir in Immelborn? Meiner Meinung nach täte deine Mama gut, wenn sie dich jetzt ein wenig schärfer wieder im Hauswesen anspannte. Aber das ist, wie gesagt, meine Sache nicht. Die weltlichen Eitelkeiten und großstädtischen Pläsiervergnügen, in die man dich da in Koburg hineinzureißen die Absicht zu haben scheint, mögen deine Verwandten eben mit ihrem Gewissen ausmachen.«

Diese ganze letzte schöne Rede stammte daher, daß Papa Blume vor acht Tagen an sein »gutes Mädchen« geschrieben hatte:

»– unsere politischen Geschäfte dort gehen Dich nichts an, aber am zweiten September abends um ein Viertel auf acht bin ich mit Deinem Onkel Laurian in Koburg auf dem Bahnhofe und nehme Dich in Empfang. Drei bis vier Tage werden wohl unsere Verhandlungen über die nächsten Zukunftshoffnungen unseres deutschen Volkes dauern, und dabei soll hoffentlich auch für Dich einiges Vergnügen zur Belohnung für Deine gute Aufführung bei der lieben Tante Adele abfallen. Ich freue mich sehr auf unser Wiedersehen und der Onkel Laurian ebensosehr. Du kennst ja seine gute Meinung von Dir! Und vielleicht bringen wir noch jemand mit, der ebenfalls ein großes Interesse an Dir nimmt. Also auf ein fröhliches Wiedersehen in Koburg.

Dein treuer Vater.«

Mit so einem Briefe in der Tasche war es wohl leicht, sich von der Tante den letzten Morgen durch ruhig zum Schluß belehren und sich auch von ihr nach dem Bahnhofe begleiten zu lassen. Aber eine Schwierigkeit war`s gewesen, der Tante einen Zettel vorzuenthalten, den der Onkel Laurian in den Brief des Papas eingeschoben hatte. Dieser Zettel hatte gelautet:

»Ganz Wunsiedel, so weit es seinem und unserm Jean Paul den Stoff zu einer fröhlicheren, lichteren Betrachtung des Lebens geliefert hat, sollte eigentlich mitkommen nach Koburg und dort gegenwärtig sein, um Dir, mein Herz, meine Klotilde, einen Blumenstrauß aus den schönsten letzten Blüten des Jahres zu überreichen für Deine letzten Aufopferungen! Ich bin in Gedanken täglich bei Dir und Deiner angenehmsten Tante gewesen. Gottlob, daß die Marter zu Ende ist!

Dein getreuester Pate        
und Onkel Laurian Poltermann.«

Diese Ruchlosigkeit der Tante Adele auch vorlesen zu müssen, wäre Weltuntergang in Immelborn gewesen. Spione haben in höchster Gefahr, gefangen zu werden, solche verderblichen Billetts ungekaut übergeschluckt heruntergefressen. Das tat Klothide nicht; sie brachte das verderbendrohende Schriftstück nur mädchenhaft geschickt beiseite – überseite und kam unzermalmt und mit unzermalmten Familienhoffnungen auf die rollenden Räder:

»Adieu, Herzenstante! Es ist ja kaum mehr als ein Vierteljahr bis Weihnachten, und da sehen wir uns ja schon wieder! Bleib auch hübsch gesund, beste Tante, und behalte mich lieb!« . . .

Wer sollte sie nicht lieb behalten? Selbst die Tante Adele machte jetzt beim Abschied zwar wieder ein Regenwettergesicht, doch ein anderes als wie gewöhnlich. Es war wirklich etwas wie Zärtlichkeit und Rührung, was sich ihr um die Nase zusammenzog. Sie zog deshalb auch ihr Taschentuch, schnob sich und sagte: »Hier zieht es doch sehr. Na, also, komm gut nach Hause.«

Und damit ging sie nach Hause.

»Lassen Sie mich Ihr Handgepäck wegstauen, liebes Fräulein; ich bin ein alter Seefahrer,« sagte der Vater Gutmann. »Sehen Sie wohl, ich verstehe das.«

Das »Damencoupé« war natürlich übervoll gewesen und da der Vater Gutmann mit seinem neuaufgewachten, fröhlichen, guten Gesichte aus seinem Fenster gesehen hatte, so war Fräulein Blume ohne Besinnen zu ihm eingestiegen, und er hatte, ihr Platz machend, bei sich gesagt:

»Das ist hübsch von ihr«; und dann laut: »Rücke zu, Wilhelm! Meine Herren, bitte, ein wenig. Fräulein fahren bis?«

»Koburg,« sprach kurz mit ihrem Weltüberwinderinnengesicht Fräulein Klotilde, und der Vater Gutmann sagte laut:

»Uns äußerst angenehm!« Und innerlich: »Das Gesichtchen hat mir gerade noch gefehlt zu meinem Behagen. Ei, dies liebe Kind!«

In beidem hatte er recht. Und dazu wußte er jetzt noch nicht einmal ganz und gar, wie sehr er recht hatte!

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.