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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080926
modified20181018
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Drittes Kapitel.

Einen Erfolg hatten sie schon aufzuweisen. Sie hatten sich nicht wecken zu lassen brauchen. Sie waren von selber aufgewacht und hatten auch weiter keine Hülfe beim »In-die-Hosen«- und »In-die-Stiefel«-fahren nötig gehabt. Sie hatten sich ordentlich gewaschen, gekämmt und die Zähne geputzt. Die Rührung hatte sie nicht gehindert, noch einmal in Ruhe zu Hause Kaffee zu trinken, und dann hatte der Alte gesagt:

»Weib, jetzt platzen uns die Taschen und nachher platzen wir selber, wenn wir wirklich alles das hereinfressen, was du uns da als Reiseproviant hineinpfropfst! So ganz und gar in die Wüste fahren wir doch nicht hinein.«

Draußen der erste richtige Herbstnebel. Ein grauer, aber nicht unbehaglicher Herbstsonntagmorgen.

»Alter, nimm den Jungen in acht! Junge, sorge für deinen Vater! Es ist eigentlich zu dumm, daß man keinem von beiden dieses genug anempfehlen kann.«

»Hörst du, mein Sohn, daß du mich ja hübsch in acht nimmst!«

»Jawohl, Papa. Aber auch du –«

»So halt dich doch nicht unnötig auf, alberner Bengel!« raunte der Alte dem Kinde zu. Noch ein Nicken, ein Armeausbreiten von der Ecke der Apotheke aus, und dann – trotz des so mannigfach und vielfältig geknechteten Vaterlands doch wieder einmal in der goldensten Freiheit und auf dem Wege zum Bahnhofe und zu den größesten politischen Abenteuern, die einem Heuchler von gutgezogenem Haus- und Familienvater, aber früherem Weltreisenden und seinem unschuldigen Wurme von Sohn auf einer Fahrt zur Wiederaufbauung des deutschen Volkes als ein Ganzes im einzelnen irgend begegnen konnten.

Am Bahnhofe wenig Gedränge. Der Junge nahm die Billetts. Der Junge hob und schob den Alten – den weiland Welt-, Weg- und Reise-Gewandtesten seiner Sorte – wie 'ne alte Tante in den Wagen. Er setzte ihn in die behaglichste Ecke; er sagte ihm: »Bekümmere dich nur um nichts, ich werde schon alles besorgen,« und er sagte sich: »Na, das scheint mir ein sauberes Vergnügen werden zu sollen!« Er hatte noch niemals ein seit einem Pferdealter ausrangiertes Schlachtroß beim Klange der Trompete die Ohren spitzen sehen: wie sich die Ohren des Vaters Gutmann beim Pfeifen der Lokomotive, für einen Moment nur, aber vielbedeutend aufrichteten, entging ihm natürlich vollständig. Es gehörte doch noch ein reiferes Verständnis dazu, um hier beurteilen zu können, was da war und was da werden konnte! Übrigens weiß das auch der erfahrenere Mensch sogar als sehr »politisches Tier« niemals ganz genau. –

Sie fuhren ab und zuerst hinein in einen Morgen, wie er sich für die Jahreszeit schickte. Herbstnebelig, sonst aber nicht unfreundlich: ein schöner Tag immerhin möglich. Sonntagsfrühe, aber ohne ihren nachhallenden heimatlichen Glockenklang: so früh braucht kein Pastor aufzustehen, um den Leuten auf dem Bahnhof noch eine Stimmung mitzugeben.

»Ein Glück ist es, daß es heute Sonntag ist, sie würde mir sonst das ganze Haus auf den Kopf stellen,« sagte Vater Gutmann, nach der letzten Turmspitze der Heimat hinstierend. Als sie versank, versank er ebenfalls in seine Ecke und verblieb darin und bis – Kassel in dem, was sein Sohn mit einem Fremdwort schändlich als stupor bezeichnete. Bis Kassel! Wir haben das schriftlich in den Aufzeichnungen des nicht nur darüber verwunderten, sondern dadurch vollständig verblüfft, ratlos gemachten jungen Herrn.

»Na, das wird 'ne schöne Geschichte werden, wenn der mal wieder von der Kette bricht!« hatte er sich die Sache bis jetzt ausgemalt, und nun schien das alles ganz anders zu kommen.

Der fünfundzwanzig Jahre lang in den Lehnstuhl gedrückte frühere Weltwanderer schien es fast ein wenig zu gut zu Hause, in Schlafrock und Pantoffeln und dem blühendsten Klein-, Käse- und Groß-Kornhandel der Stadt gehabt zu haben.

»Der wird unserem Namen in Koburg Ehre machen,« seufzte der gute Sohn – Gutmanns Sohn, nachdem er zum zwanzigsten Mal vergeblich versucht hatte, ihn wenigstens etwas an- und aufzufrischen durch zärtliche, durch scherzhafte, ja einige Male auch durch geistreiche Bemerkungen. »Das hatte ich mir doch anders vorgestellt! O Gott, Gott, wenn sie mir in Koburg diese Flamme, wenn sie ins Vaterland schlagen will, nur nicht ganz auspusten. Wie er nur dasitzt!«

Mit dem letzten Wort hatte das Kind recht. Ja, wie er dasaß! . . .

Von dem Gott Tuisko konnte er abstammen, von dessen Sohn Mannus mochte er abstammen. Daß er von einem der drei von dessen drei Söhnen aus blühenden germanischen Hauptstämme, daß er entweder von den Ingävonen oder den Istävonen, oder den Herminonen abstammte, war sehr wahrscheinlich; aber sicher war nur eines: nämlich, daß er heute, wo er doch auch seine Aufgabe zur ferneren Sicherstellung der germanischen Welt vor sich hatte, mit dem unrechten Bein dazu zuerst aus dem Bett gekommen war. Er saß gar nicht da; er war in seine Wagenecke hineingerutscht und in ihr in sich zusammengeschlottert und machte jede ihrer Bewegungen wie ein Paket mit. Ihm sah man es wahrhaftig nicht mehr an, daß seine Ahnen auf den Schilden die Alpengletscher hinuntergeschurrt und nach Italien hineingerutscht waren. Urgermanisch breitschultrig und sitzbemittelt war er gottlob noch dazu, aber fürs erste hätte man ihm viel Geld bei den Schild legen müssen, ehe er sich das Ding auf seine Möglichkeit hin nur angesehen hätte.

Machen wir es kurz: bis Kassel kannte ihn sein Sohn nicht wieder; – bis Kassel hatte er eben, sozusagen, soviel Stroh und Bettfedern von seiner allzu angenehmen, seiner lieben, langen häuslichen Gewohnheit, seinen gewohnten Bequemlichkeiten – kurz seiner Häuslichkeit, im Haar, daß er davor nicht aus den Augen sehen konnte und aus den augenblicklichen politischen Zuständen des deutschen Volkes heraus noch etwas weniger. Denn wenn ihn sein Sohn auf etwas mit der grauen Morgenlandschaft Vorbeifliegendes aufmerksam machte, sah er doch wenigstens hin; wenn er ihm aber mit irgend einer Anspielung auf den großen Zweck der gegenwärtigen Beschwerden kam, knurrte er nur unverständlich und – wie der junge Mann meinte – völlig idiotisch. Die Mitreisenden trugen nicht das geringste dazu bei, ihn aufzumuntern, ein junger Mann mit einer Musterkiste, dem er in jungen Jahren an albernem, aber vergnüglichem Eisenbahnhumor vielleicht ähnlich gewesen war, machte ihn nicht nur geistig, sondern auch körperlich elender: wir machen es wie der gute Sohn und überlassen ihn sich selber bis – Station Vercellae! Ach was, dummes Zeug:

»Station Münden!« rief der Schaffner.

»Da liegt ja wohl der Doktor Eisenbart begraben!« seufzte der Vater Gutmann. »Der liegt gut,« fügte er hinzu, und dem war nichts hinzuzufügen. Die Bahn folgte dem Laufe der Fulda, überschritt sie, aber verließ sie, auf kurhessischem Gebiet angelangt, sofort. Die östlichen Höhen des Habichtswaldes erhoben sich, und nun trat das Überraschende ein. Der Vater Gutmann warf einen schläfrigen, verschlafenen Blick aus dem Fenster – erhob sich ebenfalls, legte sich aus dem Fenster, versperrte durch seine breite, wohlgenährte Rückseite der Wagengenossenschaft fast peinvoll lange Licht und Luft, wendete sich – ein vollständig aufgewachter Mensch in den besten Jahren – grinsend – breitglänzend, aller guten Erwartungen gewärtig grinsend – und schlug seinem jetzt selber stupide herstarrenden Kinde fröhlich, kraftvoll auf die Schulter:

»Herrgott, der große Christoffel!« . . .

»Ja, der steht noch da, wie er zu deiner Zeit stand, Papa.«

Der ermunterte Greis, sich die Stirn reibend, murmelte:

»Hm, hm, sollte ich wirklich da was verschlafen haben, weil ich es fünfundzwanzig Jahre lang zu gut hatte? Wilhelm, o meine Jugend! O Sohn, aber er steht ja wahrhaftig noch gerade so dort oben wie vor einem Menschenalter, wenn wir im Vorbeifahren unsere schlechten Witze über ihn machten!«

»Des Epimenides Erwachen.«

»Mit deinem Griechisch bleib mir jetzt vom Leibe. Hurra, der große Christoffel, und wieder auf den Rädern! Fassung, Gutmann! meine Herrschaften, entschuldigen Sie diesen Ausbruch meiner Gefühle; der junge Mensch hier, mein Sohn, ist nicht auf dem Wege nach einer Irrenanstalt mit mir. Sohnemann, halte aber auch du mich nicht für verrückt! Hurra, der große Christoffel! wie oft bin ich an ihm vorbeigeschnurrt, ohne nach ihm hinzugucken; aber jetzt muß er mir ja wie eine Offenbarung aufgehen! Du lieber Himmel, wie gut hat man's diese lange Zeit zu Hause gehabt; aber wie vieles – wie viel Vergnügliches hat man währenddem verschlafen! Ganz wehmütig wird einem zumute – da ist er wahrhaftig noch! Hurra, der große Christoffel!«

Die Äuglein leuchteten, jegliche Spur von Müdigkeit, Erschlaffung, Verdrossenheit war an dem alten Herrn verflogen, und dazu versetzte er seinem Sprößling einen so vielbedeutenden, so munteren Rippenstoß, daß dem Knaben ganz absonderlich nachdenklich zumute wurde, und er in sich hineinstammelte:

»Alle Wetter, da wacht mir ja der alte Hahn und Reiseonkel in ganz kurioser Art auf und kräht den jungen Tag an! Nun sieh mal!«

 


 

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