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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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Zweites Kapitel.

Weib!« sagte der alte Herr, sozusagen halb weinend und halb lachend. »Deutsches, blondes, blauäugiges Weib,« sagte er, und dann sagte er weiter nichts, als: »Wenn der Junge nach Hause kommt, so halte dich an den. Der bildet die jüngere Generation und hat's möglicherweise mit seinem Weibe und seinen Würmern im Topfe zusammenzuscharren, was ihm deine Dänen, Russen und Franzosen drin übriggelassen haben. Ich gehe auf ein Stündchen zum Kegeln. Beim Abendessen treffen wir ja hoffentlich wohl noch einmal im Leben zusammen – annähernd in gewohnter Gemütlichkeit.«

»Willst du nicht doch lieber den Hausschlüssel mitnehmen, Gutmann?«

»Weib!« sagte abermals der alte Herr und setzte diesmal noch hinzu: »Velleda, alte germanische Pythia, füge jetzt nicht noch zu deinem Besserwissen die Überhebung! was soll ich heute abend mit dem Hausschlüssel, wenn du mich morgen früh um vier Uhr zum Tode fürs Vaterland wecken willst? Jawohl, so seid ihr, wie wir euch in Liedern besingen und bei Tische hochleben lassen – na ja! Also schütte dein Herz mit dem Jungen noch einmal aus; – nun aber vollständig, – bis ich zum Essen nach Hause komme – wahrscheinlich zum letztenmal.«

»Gottlob, daß ich dich kenne!« sagte Velleda; nicht bloß sozusagen »halb weinend«, sondern mit sehr ernsthaft heruntergezogenen Mundwinkeln. Da war es denn wahrhaftig ein Glück, daß der Alte wirklich ging, und daß der Junge kam.

»Was machst denn du für ein kurioses Gesicht, Mamachen?« fragte der Kameralsupernumerar Gutmann, – Gutmann junior.

»Bekümmere dich nicht um meine Gesichter, mein Sohn, sondern sieh nach dem deinigen, das heißt, besinne dich noch mal, ob wenigstens du für morgen früh alles parat hast. Für deinen Vater habe ich natürlich alles besorgt; aber du solltest doch nun allmählich meiner Beaufsichtigung und Sorge entwachsen sein! Lache nicht; es ist mein völliger Ernst, daß ich endlich jetzt herzlich froh sein will, wenn ich ihn morgen früh glücklich aus dem Hause und auf der Eisenbahn habe. Nach zwanzigjährigem Stillsitzen! Von dir jungem Schnaufer rede ich nicht. Du kannst in der Hinsicht meinetwegen anfangen, was du willst; aber – daß du ihn mir heil und vergnügt wieder hierher an Ort und Stelle schaffst, das rate ich dir, du könntest sonst in Wahrheit und Wirklichkeit ein kurioses Gesicht von mir zu sehen kriegen!«

Der gute Sohn, der zu Anfang dieser Rede dreist hätte in einem herzlichen Lachen loslegen dürfen, unterließ das. Er nahm nur Mama in die Arme und sagte:

»Aber Mutter, Mütterchen, so mach dir doch wenigstens keine kuriosen Gedanken! Koburg ist doch nicht aus der Welt, und die Art und Weise, wie Papa und ich zur Neugestaltung des deutschen Volkes dort beitragen wollen, kann doch nicht Kopf und Beine kosten und an Hals und Kragen gehen. Unschuldiger und harmloser als wir können sich doch Söhne eines Volkes nicht um ihr Vaterland bekümmern!«

»So?« fragte Velleda – Frau Line Gutmann, und als der Alte vom Kegeln heimgekommen war und sie alle drei beim Abendessen saßen, kam, so wahr ich lebe, in diesem wahrheitsgetreuen Bericht die Rede zum drittenmal auf den Vater des Vaterlandes, auf den Landesvater. Wenn dieser eine Ahnung davon gehabt hätte, wie schwer er wog, nicht bloß in dieser Geschichte, sondern in der Geschichte überhaupt, so hätte er seine herzliche Freude darüber haben und innigste Genugtuung aus der Tatsache ziehen dürfen. –

Es lag ein, in Anbetracht der unschuldigen Extravaganz, die sich der Vater des Hauses nach mehr denn zwanzigjährigem Zuhausebleiben plötzlich erlauben wollte, doch eigentlich zu schweres Gewölk über dem Familientische.

»Über euch Männer!« sagte die Mutter des Hauses. »Wenn ich mal heraus wollte aus dem ewigen Einerlei, so hieß es zwar immer seit unserem Hochzeitstage, Gutmann: Mit Vergnügen, Kind! aber geblieben ist es immer dabei, geworden ist nie was draus. Und wie oft habe ich gesagt: Mann, verhutzle mir nicht hinterm Ofen! das wird mir ja unheimlich, sich dreißig Jahre – na, bis zum dreißigsten Jahre als Commis voyageur in der ganzen weiten Welt herumgetrieben haben und dann gar nichts mehr von ihr wissen wollen. Ich sollte das natürlich nur deiner Liebe zu mir und meiner häuslichen Liebenswürdigkeit zuschreiben, Gutmann, und ich habe mir ja auch wirklich was auf diese Umwandlung deines Lebenswandels zugute getan; aber –«

»Aber?« fragte der brave Vater Gutmann, und wir müssen leider hinzufügen, grinsend.

»Aber jetzt glaube ich nicht mehr, daß ich das Stück Zucker war, was diese Sache süß machte. Ein Heuchler bist du gewesen, Gutmann! Bloß ab- und müdegelaufen und -gefahren hattest du dich, Alter, und was du fünfundzwanzig Jahre lang meine Liebe und Liebenswürdigkeit genannt hast, das nenne ich heute abend nur noch deine Seligkeit und Gemütlichkeit in Schlafrock und Pantoffeln. Mach mir nichts vor, Gutmann, die Sache ist so, und ich gönne es dir ja auch, daß du dich endlich unter meiner Obhut so gut ausgeruht hast von deinem unverheirateten jungen Großhandelsherumtreiben und mir jetzt mit einem Male zwischen dem Fünfzigsten und Sechzigsten den zweiten Reisetrieb kriegst. Reise glücklich, verführe mir das arme Wurm, unsern Jungen hier, nicht zu sehr; aber Fisimatenten mach mir lieber nicht mehr vor!«

»Aber Line –«

»Jawohl! mit Aber unterbrachst du mich eben schon einmal; jetzt aber komme ich auch mit dem richtigen Aber und sage euch nochmals: Kinder, habt meinetwegen euer politisches Vergnügen, aber verderbt es mit eurem guten Landesvater dabei nicht zu sehr! Und das wiederhole ich: ich sage das dir vor allem, mein bester Junge, denn du hast von uns allen drei eben am meisten mit dem lieben, alten Herrn zu rechnen. Und es ist ein lieber, alter Herr! Als er neulich hier war, da möchte ich doch den von euch wohl sehen, der so höflich mit jedem als wie mit seinesgleichen umging und sich behub, als wie Seine Hoheit. Wir waren alle gerührt an den Fenstern und wedelten mit den Taschentüchern, und er zog da mitten auf dem Markt auch seins heraus – ein so wundervoll weißes – und ich möchte wohl wissen, ob für solche hohen Herrschaften eine besondere Art von Wäsche besteht? Doch das ist die Nebensache; – laßt mich mal ausreden: was wollt ihr denn eigentlich? Darf nicht in eurer sogenannten Kammer jeder Schafskopf seinen Mund auftun und die Sache aufhalten? Soviel wie ich davon verstehe, fragt man euch doch bei allem um eure Meinung und Hoheiten wird sie nachher nur untergebreitet und er hat bloß seinen Namen drunterzusetzen, und – mein Sohn – unter eure Anstellungspatente! und wenn er mal einen köpfen lassen muß, was ihm doch wahrscheinlich selber gar nicht angenehm ist, und was bei meinen Lebzeiten auch nur einmal vorgekommen ist! und der hatte das verdient! – Dann ist da das Ministerium. Ja, das Ministerium, auf das ihr eure allgemeindeutsche patriotische Wut abladet und daraufhackt, weil es das nur ausführt und sozusagen aufs Brett bringt, was ihr im Grunde eurer Seelen selber seid. Ich kenne doch einige von den Herren auch, und euer jetziger Schlimmster von ihnen – Gutmann, bedenke das! – hat hier sogar bei dir – bei uns im Hause gewohnt, als er noch jüngster Assessor am hiesigen Kreisgerichte war, und ich kenne keinen, mit dem ich mich auf Bällen lieber unterhalten hätte, als mit dem, und keinen, der zu allen vergnügten Torheiten mehr aufgelegt war, als wie eben der. Und wie liebreich hat er sich gerade mit dir abgegeben, Wilhelmchen, als es dir in der Quarta und Tertia mit dem Latein und dem Griechischen nur zu oft nur so so war? Wie hat er dich mit deinen Exerzitien mit auf seine Stube genommen, und jetzt – nun – heute ist das doch gerade so, als dürfe kein Hund mit Anstand mehr ein Stück Brot von ihm nehmen! Bloß weil er in der äußern Politik ein bißchen anders denkt, als wie ihr! Ja, diese äußere Politik! Ich kann doch auch schon eine geraume Zeit politisch denken, und meine Mutter ist als Kind sogar einmal von den Kosaken mitgenommen worden; aber so eine politische Konfusion als wie jetzt, wo es doch verhältnismäßig ganz still ist, scheint mir doch noch niemals weder in der Weltgeschichte noch in euren klugen Männerköpfen dagewesen zu sein. ›Mutter, das verstehst du nicht,‹ sagt natürlich dein Vater, Junge. Und du, mein Sohn, nennst das natürlich eine Stille vor dem Sturm, als ob du diese Redensart eben erst erfunden hättest. Ich aber sage euch erstens, was die Redensart anbetrifft, so ist die schon millionenmal dagewesen und – zweitens, was das Nichtverstehen angeht, so maße ich mir das auch gar nicht an; aber meine Meinung über das Jahr Achtundvierzig und den Louis Napoleon und die schleswig-holsteinsche und die türkische oder orientalische Frage habe ich mir auch gebildet, wenn ich auch leider wenig genug zum Zeitungslesen komme; und als deutsche Jungfrau in weißem Tarlatan habe ich als Mädchen schon in den dreißiger Jahren mitgewirkt fürs Vaterland, euer allgemeines nämlich, nämlich bei dem ersten hiesigen Sängerfest, wo sogar ein halb Dutzend Hamburger kamen und darunter ein gewisser junger naseweiser – Gutmann, laß mich ausreden; unser persönliches Verhältnis ist augenblicklich nur Nebensache! Ja, was wollte ich doch sagen? Jawohl, und als politische deutsche Frau habe ich doch auch meine Pflicht getan, indem ich mich immer deinen Ansichten angeschlossen habe, Gutmann, und dich niemals abgehalten habe, und euch auch nicht morgen früh abhalten werde, wo ihr sicherlich ohne mich gar nicht von Hause wegkämet, weil ihr die Zeit verschliefet und das Deutsche Reich und Volk bloß im Bette und im Traum aufrichtetet; oder als bloße ideale Strolche und Vagabunden, ohne Kamm, Seife, Zahnbürste und die nötige reine Wäsche zum Wechseln, ich meine beileibe nicht eurer Ansichten, auf das Abenteuer loszöget. Und was ich sonst noch als deutsche edle Frau für das deutsche Volk und das deutsche Reich getan habe, so erinnere ich dich nur, Mann, an den armen Jungen, den armen jungen österreichischen Studenten, den du mir, ich glaube Neunundvierzig im Winter halb verhungert und halb erfroren ins Haus brachtest. Ja, es war so um die Zeit, wo sie in Wien Robert Blum erschossen und ihn nur gar zu gern auch gehenkt hätten – ich meine unsern armen lieben Gast und Flüchtling von damals. Und es war sogar ein Adliger, ein Ritter, ein Edler von Pärnreuther schrieb er sich, und wollte nach Schleswig-Holstein, um wenigstens da noch zu retten, was zu retten war. Und ich futterte ihn zuerst wieder zurecht, und sorgte auch für ihn für reine Wäsche und anständige Kleidung – na, ihr wißt das ja alles ebensogut als ich. Damals war er, der Herr Alois, so ein Bürschchen von neunzehn oder zwanzig Jahren. Wenn er noch lebt, muß er jetzt wohl über die dreißig sein und hat sich hoffentlich wieder nach Hause und in das gewohnte bürgerliche Leben gefunden, und hat jetzt bei ruhigeren Zeiten, so wie ihr, bloß die ungefährlicheren politischen Neigungen behalten, und steckt nicht mehr seinen Hals dem Fürsten Windischgrätz in die Schlinge, bloß um den unglücklichen Ungarn zu helfen, gerade als ob die nicht auch mal ganz Deutschland verwüstet hätten, wie ich noch aus meinem eigenen Geschichtsunterricht weiß und davon, daß ich dir den deinigen, Willi, nur zu oft überhören mußte. Und damit komme ich zu dem, was ich schon längst gesagt hätte, wenn ihr mich nur nicht immer unterbrochen hättet. Nämlich, wenn da, wie ihr sagt, da in Koburg in den nächsten Tagen sich alles zusammenfindet, was noch ein wirkliches Verständnis für das deutsche Volk hat und sich dazu rechnet, so wäre es doch zu putzig, aber auch hübsch, wenn ihr dort auch meinen lieben Wiener Leichtfittich anträfet. Von Flensburg hat er uns damals noch einmal geschrieben und sich noch einmal bedankt; aber es lag ganz in seinem Charakter, wenn er auch nicht längst in seinem kühlen Grabe läge, uns kein weiteres Lebenszeichen von sich zu geben. Und ich verdenke das ihm auch nicht; denn von mir selber weiß ich es ja, wie schwer man zu einem Briefe kommt. Na, seht euch mal nach ihm um in eurem Koburg, nach diesem süddeutschen, österreichischen politischen Bruder und wirklich allerliebsten Hans Hasenfuß. Vielleicht hat er es denn auch, aus seinen häuslichen politischen Verhältnissen heraus, sich klarer als wie ihr gemacht, was ihr eigentlich alle durcheinander zuwege bringen wollt, und er kann euch möglicherweise einen guten Rat in der Verlegenheit geben.«

»Wilhelm, jetzt wird sie fast zu grob!« erlaubte sich Vater Gutmann an dieser Stelle zu seinem Sohn zu sagen.

»So? Fast zu grob? Ne, bloß noch ein bißchen anzüglicher. Sitzt ihr etwa nicht in der allerhöchsten Verlegenheit trotz eurer schönsten patriotischen Gefühle und großen Worte? Auf der einen Seite wollt ihr das neue Deutsche Reich gründen; auf der andern möchtet ihr doch gern alles beibehalten, was das alte in tausend Fetzen zerrissen hat. Kinder, die Sache ist eben die, ihr wißt selber nicht, was ihr wollt! Auf der einen Seite wollt ihr so frei und ungebunden als wie möglich sein, und die edelsten Gefühle fühlen und zwar nicht bloß für euch selber, sondern für Polen, Ungarn, Italiener, und was weiß ich, wie die unterdrückten Völkerschaften sonst heißen. Auf der andern Seite aber wünscht ihr euch, natürlich wieder mit den edelsten Gefühlen, als in ein Paket zusammengepackt, und der Aufschrift Deutschland dran ins Regal geschoben, daß euch die Weltgeschichte immer mit einem Griff so beisammen hat und finden kann. Na, ich weiß schon, machen kann ich nichts dagegen und Seine Hoheit auch nichts, also reist nur! Geht hin nach eurem Koburg und steckt soviel Köpfe, soviel Sinne mal wieder zusammen. Mein Trost bleibt, daß der liebe Herrgott bis jetzt noch immer in seinem Laden Bescheid gewußt hat und zwar als Großkaufmann und im Kleinhandel. So wird er en détail euch mir ja wohl auch diesmal körperlich gesund, wenn auch geistig ein bißchen politisch konfuser ins Haus und ins Geschäft zurückliefern. Und jetzt geht lieber zu Bette, daß ihr mir morgen früh wenigstens munter auf den Beinen seid, wenn ich wecke, und ich mir nicht auch darum heute abend Sorgen zu machen brauche.«

Auf der Treppe sprach Vater Gutmann, auf dem ersten Absatz im Aufwärtsklimmen stehen bleibend, zu seinem Sohn: »Was meinst du nun wieder einmal zu deiner Mutter? Kannst du dir eine wunderbarere denken und wünschen?«

»Wahrhaftig nicht!« sagte der Sohn. »Sollen wir noch die Hand davon lassen? Sollen wir – oder – da diese wundervolle Rede doch eigentlich besonders auf dich gemünzt war, willst du nicht lieber doch zu Hause bleiben?«

Der alte Herr leuchtete seinem Kinde ins Gesicht und sagte:

»Hm!« und nach einer Weile: »Junge, ich habe ihr ja vorhin schon aus meiner Bequemlichkeit heraus den Vorschlag gemacht. Aber jetzt nicht mehr! Junge, sie kriegt zuviel Oberwasser, wenn ich jetzt gar noch ihr besseres Verständnis gelten lasse. Wir wollen doch nur zusammen reisen! Aber wirklich, ich gäbe, abgesehen von unseren politischen Absichten, viel darum, wenn wir ihr etwas mit nach Hause brächten, wodurch wir ihr endlich mal wirklich den Eindruck von männlicher Überlegenheit machten!« – – –

Des Vaterlands Größe,
Des Vaterlands Glück,
O gebt sie, o bringt sie
Dem Volke zurück!

Näheres und weiteres darüber zuerst im Eisenbahnwagen. –

 


 

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