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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080926
modified20181018
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Erstes Kapitel.

Was lag alles an diesem Sonnabend, dem 1. September 1860 der Frau Line Gutmann auf dem Halse! Am Morgen der Markttag mit seiner Wagenburg von Bauernfuhrwerken, mit seinem Klein- und Großhandel im Laden und im Kontor. Das Korn im Preis abgeschlagen, die Heringe gestiegen. »Für 'n Sechser Sirup wollte ich.« – »Gleich, mein Junge! Ne, Vorsteher, auf so'n Geschäft läßt sich mit meinem Willen mein Mann nicht ein, fragen Sie ihn nur selber. Ne, fragen Sie ihn lieber nicht, denn er ist mir heute zu jeder Dummheit fähig. Denken Sie nur, er will morgen verreisen. Er, der seit seinen Reisenden-Jahren seine Seligkeit darauf verschworen hat, keinen Fuß mehr in einen Eisenbahnwagen zu setzen. Gucken Sie, da sitzt er auf seinem Schreibebock und lacht: unser armer Junge habe ihn verführt, und daß der seinen Rührlöffel im Topfe gehabt hat, das will ich auch nicht leugnen; verrückt sind sie eben beide geworden. Oder sind Sie, Vorsteher, etwa auch nicht mehr mit unserm angeborenen Landesherrn allein zufrieden? sind Ihnen auch seine Truppen und seine Diplomatie nicht mehr gut genug? Von der letzteren verstehe ich nichts; aber die ersteren haben wir doch zu einem Teil hier in der Stadt in der Garnison und den übrigen Rest fast jeden Herbst zum Manöver, Sie im Dorf und ich hier im Hause, im Quartier. Es sind doch ganz hübsche Leute, und gut genährt; und nach ihren Uniformen fragen Sie nur Ihre Frauensleute, die meinigen brauche ich gar nicht zu fragen! Und ihre Bewaffnung? Wie können sie schießen, wenn sie auch nicht das neumodische preußische Gewehr haben! Vorm Jahr bin ich selbst mit hinausgegangen und habe mir beide Ohren zuhalten müssen. Und nun soll das auf einmal alles nicht gut genug sein, und sie haben sich, wie mein Mann mir auseinandersetzt und mein Sohn bestätigt, erst einzeln in allen deutschen Völkerschaften und dann in einen Haufen, ich glaube in Eisenach, zusammengefunden und die Köpfe zusammengesteckt und natürlich eine Kommission dazu gewählt. Und jetzt scheint es mir soweit zu sein, jetzt trommeln sie die ganze Landkarte nach Koburg hin, um mit der Verschwörung ganz in die Öffentlichkeit zu treten. Und wenn ich Seine Hoheit, unser hiesiger angestammter Landesherr wäre, so käme mir das Ding, so hinter meinem Rücken, zum mindesten doch etwas kurios vor. Ich habe das auch meinem Herrn Sohn gesagt. Du! habe ich ihm gesagt, daß du mir in deiner Unschuld keinen Unsinn machst und dir deine Karriere verdirbst! Soviel Politik verstehe ich doch auch seit Achtundvierzig, daß ich weiß, wo nach oben hin die Gemütlichkeit aufhört und nach unten zu wir unsere Dummheit auszubaden haben, und drüben der Herr Nachbar und Konkurrent hingeht und seinerseits fürs Vaterland auftritt und einen patriotischen Verein gründet, mit dem Titel Kommerzienrat und dem schönsten Landesorden uns dicht vor der Nase! Aber was hat es geholfen, Vernunft zu sprechen? Öl ins Feuer ist meine Rede gewesen; was ich beiläufig auch vorher schon hätte wissen können, da ich mich in Dinge mischte und über Verhältnisse redete, die ich nach ihrer Naseweisheit nicht verstand. Na, meinetwegen! Meinen Verstand für mein Hauswesen und das Geschäft haben sie mir wohl lassen müssen, und damit hoffe ich, wenn es am schlimmsten geht, auch für sie mit auszureichen. Sie reisen morgen nach Koburg, um das deutsche Volk von neuem und den neuen deutschen Nationalverein zu gründen, und ich bleibe hier und behalte den Haushalt, die Konkurrenz drüben und Seine Hoheit unsern Landesfürsten und Sie im Auge, Vorsteher. Ja, machen Sie mir nur Augen wie eine Eule, die in den Blitz sieht, Herr Schulze von Großschwabbelbauchen: so werden die Roggenpreise ab Hamburg nicht notiert, daß Sie mir so kommen dürfen, um eine Dumme an mir zu finden! Nun, Junge, was willst du denn eigentlich noch? Deinen Sirup hast du ja schon seit einer Viertelstunde! Ja so, eine Hand voll Rosinen als Lohn der Tugend, daß du gegen deine Mutter dienstfertig und höflich gewesen bist. Da! nun marsch! Heißt übrigens auch ein Geschäft, bei dem man es wohl nicht zu dem Titel Frau Kommerzienrätin bringen wird, einerlei ob man sich an seinem guten Landesherrn diplomatisch und militärisch versündigt oder nicht!« – –

Der Markt war von dem Morgenmarktverkehr wieder gesäubert worden und gereichte dem Reinlichkeitssinn des kleinen Gemeinwesens in seiner Sauberkeit wieder zur großen Ehre. Wo am Morgen, wie Frau L. Gutmann sich ausdrückte: »Tausende sich durcheinandergewühlt« hatten, trieb sich jetzt ein einzelner Hund um. An »Platzscheu« litt der nicht, wie der kürzlich aus der ungeheuren Stadt Hannover hierher in die Wüste verschlagene Provisor, am Fenster der Apotheke gähnend, bemerkte.

Auf sämtlichen drei Kirchen der Stadt schlug es fünf, und Vater Gutmann schlug sein Hauptbuch zu, wendete sich auf seinem Drehsessel ins Gemach hinein zu seiner Frau, der am Fenster über das Strickzeug weg dem Hund und dem Provisor zusehenden, und sagte:

»Linchen, mir ist doch eigentlich recht sonderbar zumute und wird's immer mehr, je mehr die Dämmerung naht. Komm' ich mir endlich mal wieder, wie seit fünfundzwanzig Jahren nicht, weltbürgerlich weinreisend-genial vor, oder – wie seit fünfundzwanzig Jahren unter deiner treuen Obhut als ein alter guter Kerl notdürftig ausgerüstet mit den zum Kornhandel und Stadtratstitel notwendigen Instinkten? Solange die Geschichte noch im weiten lag, war ich mir natürlich vollständig klar darüber und fühlte nach jeder Parteisitzung im Traum von dir an meinen Schulterblättern nach, ob ich mir auch nicht die neuwachsenden Adlerschwingen verknicke. Jetzt, wo es heißt: Morgen früh um vier geht der Zug ab! fange ich wieder an zu fühlen, aber nur bänglich – so wärmflaschen-wehmütig, kamillenteeduftig, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll! so zuhausebehaglich, so pfeifenstopfgemütlich, kurz dir und mir in unseren vier Pfählen so notwendig und unabkömmlich, daß ich dich nunmehr ernstlich frage: Packst du nicht lieber meinen Koffer wieder aus? ist es nicht für mich, dich und ihn besser, daß wir den Jungen allein reisen lassen?«

»Alter Hanswurst!« klang es vom Fenstersitz her, und es ist noch niemals, so lange jemand zu seinem eigenen Vergnügen und dem anderer aufs Seil ging, dieses Wort so zärtlich-verständnisreich ausgesprochen worden.

»Das möchtest du jetzt wohl!« fügte die alte Dame hinzu. »Erst dich blamieren und dann mir die Blamage in die Schuhe schieben. Das wäre so etwas für dich, diesen ganzen kommenden Winter durch in deinem Klub, wenn aus dieser eurer Geschichte und Verschwörung in Koburg wieder mal nichts Rechtes wird, alle deine Reden anzufangen: Ja, meine Herren, hätte meine Frau mich nicht abgehalten, meinen Senf dazuzugeben, so – und so weiter. Ne, ne, Alterchen, nichts wird wieder ausgepackt – lieber packe ich dir noch ein paar wollene Strümpfe, 'ne warme Unterhose und eine Reservenachtmütze zu, von wegen möglicher Erkältung bei dieser Erhitzung fürs allgemeine deutsche Vaterland! Verlaß dich drauf: morgen früh punkt vier Uhr werdet ihr geweckt. Das will ich auch noch meinerseits zu eurem Patriotismus beitragen, daß ihr diesmal nicht die Zeit verschlaft. Und dann in Gottes Namen marsch und gute Geschäfte eurerseits! Hier am Orte werde ich für das Geschäft schon sorgen. Wenn ihr nur gesund wiederkommt, so ist das zwar die Hauptsache: aber wenn ihr hübsch was ausrichtet, was uns die Dänen, Russen und Franzosen besser vom Leibe hält, als wie euer jetziger deutscher Bund, so wird mir das natürlich sehr angenehm sein, schon um dem ewigen Gerede, Geschwätze und Geschimpfe darüber endlich ein Ende zu machen. Übrigens, Mann, wenn du die Gefühle unseres uns nun doch mal angestammten und auch doch ganz ordentlichen Landesvaters dabei ein bißchen schonen kannst, so tue es. Die Karriere unseres Wilhelms hat er und seine Herren Geheimen Räte, was ihr auch für die Zukunft zuwege bringen mögt, für die Gegenwart wahrscheinlich noch einige Zeit in Händen, und wer sich zu grün macht, den fressen die Ziegen. Das ist meine Meinung als deutsche Hausfrau und Mutter im nüchternen Zustande. Eure Toaste bei Tische auf uns edlen Frauen und holden deutschen Jungfrauen – na ja!«

 


 

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