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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Wir sind wieder da, von wo wir ausgegangen sind. Am Mittwoch, den fünften September Achzehnhundertsechzig war die erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins mit einem wohlverdienten Hoch auf denjenigen deutschen Fürsten geschlossen worden, der sie möglich gemacht hatte, indem er ihr in seinem Staat ein Asyl verschaffte, welches das sämtliche übrige Deutschland, soweit es von Gottes Gnaden regiert wurde, ihr verweigert hatte. Für uns aber, die wir mit der Firma Vater und Sohn Gutmann auf Reisen gingen, war die Hauptsache natürlich schon am Vierten besorgt worden. Die Leser dieses Buches geht es heute wirklich nichts mehr an, wie wir damals in der schleswig-holsteinischen, der kurhessischen und der italienischen Frage abgestimmt haben, was in der Militärfrage unsere Meinung war, und wem wir bei der Wahl des neuen leitenden Ausschusses unsere Stimme gaben.

Wir schreiben den zwölften September Achtzehnhundertsechzig. Es ist Mittwoch und also auch wieder ein Markttag in H. gewesen. Es ist wieder am Spätnachmittag, wieder ist der Groß- wie der Kleinhandel vorbei; wieder ist der Marktplatz gekehrt worden und liegt reinlich wie eine Putzstube da. Wieder sitzt die Mutter Gutmann mit ihrem Strickstrumpf in ihrem Rundbogenfenster und hat wieder den Markt, aber diesmal mit zwei spielenden Hunden drauf, ganz allein für sich. An ihren »Plätzen« sind die Apotheke und der großstädtische Herr Provisor drin, ebenso das »Palais« des benachbarten großhändlerischen Konkurrenten; auch die Ecke, um welche »es nach dem Bahnhof geht«, und um welche man ebenso »muß«, wenn »man vom Bahnhof kommt«, ist noch da, und was auch die Mutter Gutmann von ihrem Fensterplatz ins Auge fassen mag, diese Ecke behält sie stets im Auge. Scharf! mit einer Mischung von Unbehagen, Unmut und Unruhe. Letztere will sie natürlich nicht an sich herankommen lassen. –

Die letzten Nummern des städtischen Tageblatts hat sie auf ihrem Tischchen vor sich, legt jetzt die Hand drauf und murmelt:

»Merkwürdig ist es zum wenigsten, daß sie nach dem ersten kurzen, dünnen, dummen Brief, in welchem das Kind ihre Ankunft dahinten meldet, nicht das geringste von sich hören lassen. Ihre politische Prostemahlzeit habe ich tagtäglich hier im Blatt gedruckt vor mir gehabt, aber von ihnen keinen Muck dabei! Kein Wort, was sie zur Sache gesagt haben, oder was ein anderer über sie gesagt hat! Allmählich sollte einem unheimlich dabei werden. Daß sie nicht selber die Finger zwischen die Räder haben klemmen wollen, das will ich ihnen noch nicht so sehr verdenken; aber wenn sie nicht öffentlich reden wollten, so konnten sie doch wenigstens nach Hause schreiben. Ist das nun bloß ihre Rücksichtslosigkeit, oder wollen sie mich überraschen, oder – wollen sie fürs erste mal wieder gar nicht nach Hause kommen? Wenn nur der Alte nicht mit dabei wäre! Wenn den einer kennt, so muß ich das doch sein – wenn der auf seinen früheren Eisenbahnen und Chausseen wieder zu seinem alten Wesen aufgelebt sein sollte, dann ist er imstande und verführt mir meinen Jungen zu Geschichten, an die das unschuldige Lamm von selber gewiß nie gedacht haben würde. Na, na, auf ihre Entschuldigungen bin ich jedenfalls gespannt. Die werden mir schön was zusammenlügen; aber kommt mir nur erst!«

Zweidrittel der Welt können an dem einen Ende zusammenfallen, oder neu aufgebaut werden, ohne daß das dritte Drittel nur eine Ahnung davon hat. So war es, ein jeder muß das zugeben, in diesem Falle.

In der Stadt Koburg hatte die endgültige Vereinigung des deutschen Nordens mit dem deutschen Süden stattgefunden, und in der Stadt H. vergoldete die Nachmittagssonne, in tiefster Stille, ruhig weiter, hier und da eine Hauswand und noch viele Giebel und wußte sonst von nichts und Frau Lina Gutmann auch nicht. Das einzige Zeichen, daß das Weltall noch immer rund um den Fenstersitz und das Strickzeug der Frau Lina lag, war, daß es vor zehn Minuten wieder »auf dem Bahnhofe gepfiffen hatte.«

Sie konnten auch jetzt – mit diesem Zuge gekommen sein. –

Der wenige Verkehr des Städtleins wälzte sich jetzt um die Ecke. Sie aber waren wieder nicht darunter! Mehr mit dem Unmut als der Wehmut der Gattin und der Mutter das Haupt schüttelnd, erhob sich Frau Lina Gutmann von ihrem Stuhl, um das Warten für heute aufzugeben, als sie nochmals stehen blieb und nach einem Fremdling hinübersah, der jedenfalls auch mit dem letzten Zuge gekommen war, jetzt an der Ecke stand und, wie es schien, ihr Haus mit außergewöhnlicher Teilnahme ins Auge gefaßt hielt.

Da stand er an der Ecke. Von Körper wohlbehäbig, von Kostüm elegant. Mit Geldtasche, Reisetasche und einem Knaben, der ihm einen eleganten Handkoffer nachtrug. Auch der autochthone Knabe deutete auf das Haus Gutmann. –

»Wieder so ein maulfertiger Handlungsreisender, mit dem ich in Abwesenheit meines Alten nichts anzufangen weiß,« brummte die Frau Gutmann.

Jetzt fing der feine Fremde an, auf das Haus und das Bogenfenster loszuschreiten, und die Mutter Lina sich vor der drohenden Höflichkeiten- und Wortüberschwemmung immer tiefer in das Innere ihres Kontors zurückzuziehen; als es, wenn auch ähnlich, so doch ganz anders kam, was die »Überschwemmung« mit Höflichkeiten anbetraf.

Aus dem Heranwatscheln wurde ein Sprung. Der Fremdling streckte beide Arme weit geöffnet in das Fenster des Hauses Gutmann.

»Ja, sie ist es.«

Ein zweiter, ein dritter Sprung führte ihn in die Ladenpforte. Er stolperte über den Lehrling vor dem Essigfaß, er rannte den ersten Kommis über den Haufen und setzte den zweiten beinahe in eine Heringstonne. Er zerstieß sich selber das Schienbein an der Sirupstonne; aber er hatte die Firma Gutmann mit Sturm genommen; er hielt die alte Dame an beiden Händen, er hielt die Erstarrte in den Armen und er küßte sie, wie er Klotilde Blume nie abgeküßt haben würde.

»O, Sie kennen mich noch, gnädige Frau! Sie müssen mich noch kennen, meine Lebensretterin, meine Wohltäterin! Geben Sie mir rechts und links die mir gebührenden Watschen; aber ich bin's noch einmal! Mein Name ist von Pärnreuther – aus Wien, und Sie – Sie – Sie – Mama Gutmann, Sie haben, als ich mit dem Strick von Neunundvierzig um den Hals zu Ihnen kam, mehr als Mutterstelle an mir vertreten. Nicht wahr, Sie kennen mich noch, Sie wollen mich noch wiedererkennen? O, was für ein gewissenloser, vergeßlicher Nichtsnutz bin ich die letzten zehn Jahre durch gegen Sie gewesen, Sie liebe, Sie gute, Sie beste Mama!«

»Ja freilich,« stammelte, allmählich mehr und mehr wieder zur Besinnung kommend, die alte Dame. »Ja freilich sollte ich Sie kennen. Aber, Herr, wohin ich Sie tun soll –«

»O, schlagen Sie nur nach in Ihrem lieben, guten, gütigen Herzen, Mutter Lina. Es steht freilich die ganze Welt, soweit sie Not hat, drin; aber blättern Sie nur zurück, bis Sie auch auf mich wieder kommen! den Alois! Gnädige Frau, liebe Seele, der tolle Österreicher, der zu Hause noch nicht genug bekommen hatte, und sich in Schleswig-Holstein das Fehlende dazu holen wollte . . .«

»Unser – Herr Alois – unser armer toller Wiener!« stammelte die alte Frau. »Der arme Junge, den sie in Wien und Ungarn hängen und der sich in Schleswig fürs deutsche Vaterland totschießen lassen wollte! . . . Aber weshalb haben Sie denn nicht ein einziges Mal geschrieben, wenn – wenn – es Ihnen so gut geht und – Sie wirklich noch am Leben sind?«

»Weil ich, weil – ich – ein Viech – weil mich meine Mutter im alten lustigen Wien, dem früheren, beim Tanze auf die Welt gebracht hat! Der Saphir hat damals einen Witz darauf gemacht, und der Nestroy hat's in einem Couplet im Theater an der Wien abgesungen. O, Frau Lina, wir sind aber das alte Wien nicht mehr; – o Mama, Mama, wie freu' ich mich, daß ich aber Sie so ganz unverändert, so ganz wie vor zehn Jahren vor mir habe!«

Sie hatten sich jetzt aber schon nicht mehr bloß vor sich; sie hielten nun einander beide in den Armen. Als die Mutter Gutmann, ihn, ihren Schützling, wieder daraus frei ließ, rief sie:

»Jetzt kann es mich aber noch einmal so arg verdrießen, daß mein Mann und mein Sohn noch nicht zu Hause sind. Wie würden auch die sich freuen! Aber nun legen Sie ab, Herr Alois, fürs erste lasse ich Sie nicht wieder aus dem Hause, Pärnreuther! Wenn mein Mann und der Junge hiervon eine Ahnung hätten! Aber es geschieht ihnen schon recht! Nämlich Sie müssen wissen, liebes Kind, und es wird Sie auch vielleicht interessieren, daß die beiden, so wie Sie damals, wieder dabei sind, das neue deutsche Volk zu gründen. In Koburg sind sie hierfür am Werke. Wie sie mit der Geschichte grade dahin geraten sind, ist mir bis jetzt noch nicht ganz klar geworden, aber da sie einmal ihr Herz draufgestellt hatten, und ich die ewige Unruhe hier im Hause darüber herzlich satt hatte, na, so habe ich sie denn ziehen lassen. Eigentlich sollten sie den Zeitungen nach schon längst wieder zu Hause sein, – na, Herz, meinen braven Alten kennen Sie ja: der bleibt immer gern ein bißchen lange bei Tisch sitzen, und mein Herr Sohn, Ihr kleiner Willi, hat sich auch zu einem netten Früchtchen ausgewachsen. Übrigens hat er seine Studien vollendet und führt jetzt den Titel Kameralsupernumerar, und so ist auch gestern ein dicker blauer Brief an ihn angekommen mit dem großen Amtssiegel. Gott schütze uns vor Schaden, wenn sie zuviel Unsinn in Koburg gemacht haben! Nun, jetzt habe ich ja wenigstens Sie zum Trost und sehe, daß nicht jeder gehängt wird, der den Strick um den Hals hat. Sie sind doch hoffentlich gekommen, um recht lange bei uns zu bleiben, Alois. Und eine Ewigkeit werden meine zwei Politikvagabunden ja hoffentlich wohl auch nicht in dem Koburg versitzen, nachdem dort schon längst alles in Ordnung und fürs erste wieder hoffentlich zu Ende ist.«

Es war ihm, dem Herrn von Pärnreuther, bis jetzt vollständig unmöglich gewesen, das mindeste Wort in den Herzenserguß seiner alten Beschützerin einzuschieben. Jetzt gelang's und geschah's, da die gute Frau doch endlich einmal Atem holen mußte.

»Sie lassen schön grüßen,« bestellte er von Koburg her. »Sie befinden sich recht wohl, der Herr von Gutmann und mein – Freund Willi, und sind sehr vergnügt und lassen schönstens grüßen.«

»Wer läßt mich schönstens grüßen?« fragte Frau Lina, die Arme am Leibe sinken lassend.

»Mein teurer Herr von Gutmann, mein edler Freund, und mein Freund Wilhelm, mein – junger – Freund! Ich komme auch von Koburg, und sie haben mich nur vorausgeschickt, um es zu Hause zu bestellen, daß sie sehr gesund und – vergnügt sind. Sie machen nur noch einen kleinen Abstecher.«

»Einen kleinen Abstecher? Ei, ei, ei, ei! Und wohin, wenn ich fragen darf?«

»In das Fichtelgebirge. Nach Wunsiedel.«

»Ist das außerhalb von Deutschland? Ist das so bei Ihnen?«

»O nein, es gehört beides zum Königreich Bayern. Jean Paul ist in Wunsiedel geboren.«

»So? Aber was haben sie denn da zu suchen? Und wie lange gedenken sie sich im Siedelgebirge oder Wunsiegel aufzuhalten?«

»Das wußten sie selber noch nicht genau. Das kam ganz und gar auf die gnädige Frau – auf die Frau Major von Blume in Wunsiedel an.«

»Hören Sie, Pärnreuther, ich sollte eigentlich erst für eine Erfrischung und Ihre sonstige Bequemlichkeit sorgen; – Ihr altes Zimmerchen nehmen Sie natürlich der alten Erinnerungen wegen gern wieder – aber dieses geht mir doch so sehr über allen Spaß und alles Verständnis, daß ich Sie und mich doch noch ein bißchen bei dieser Sache verweilen muß. Vor allem also, wer ist diese Frau Majorin von Blume?«

»Nun, Fräulein Klotildens Mama, die auch noch gar nichts von den – Vorfällen in Koburg wußte, und erst, wie jetzt Sie, damit bekannt gemacht werden mußte.«

»Und weshalb sind denn nicht Sie in dieser geheimnisvollen Geschichte mit nach dem Wun – Wunsiedel weitergereist?«

»Ich war dabei gänzlich überflüssig geworden. Sogar störend! Aber sie meinten – Fräulein Klotilde und Wilhelm meinten –«

»Mein Wilhelm?«

»Mein intimster Freund Willi Gutmann.«

»Klotilde und Willi?! . . . Pärnreuther?!«

»Ja, sie meinten, den Gefallen könne ich ihnen zu allem übrigen auch noch tun, und hierher reisen – zu Ihnen! O teuere Frau und Wohltäterin, Sie wissen ja, wie gern ich das tun mußte, nachdem ich Herrn Gutmann und meinen Freund Willi in Koburg –«

»Ja, ja, alles schon recht! aber die Dunkelheit wird mir durch Sie jetzt nur immer dunkler! Also heraus ohne weitere Redensarten! Was haben mein Mann und mein Junge, statt hier nach ihren Geschäften zu sehen, mit der mir gänzlich unbekannten Reisebekanntschaft im Fichtelgebirge zu suchen?«

»O, sie haben auch dort ein großes Geschäft. Sie haben die Frau Majorin dort zu besänftigen, wie ich es auf mich genommen habe, hier zu Ihnen zum Guten zu reden. O, Frau, gnädige Frau, gütige Mama, es sind Sünder! . . . An mir haben sie gesündigt, an dem Herrn Major haben sie gesündigt, an der Frau Majorin haben sie gesündigt, und – an Ihnen, Mama Gutmann sündigen sie eben jetzt noch!«

»Jesus Christus, mir beben allmählich alle Glieder, Alois! Um des Himmels willen, wer hat denn so gesündigt?«

»Mein Freund Willi und Fräulein Klotilde und Herr Gutmann, Ihr lieber Herr Gemahl, der freilich den alten Rückert in Neuseß um Rat gefragt hat, ehe er die Sünde auf sich nahm.«

Die Frau griff sich mit beiden Händen an den Kopf; Herr Alois aber seufzte weiter:

»Der alte Rückert meinte natürlich, so weit er es über die Gartenhecke beurteilen könne, habe der junge Mann eine allerliebste Wahl getroffen, und liebste beste Retterin, wenn noch ein Mensch dieses noch besser beurteilen konnte als der große Poet und Herr Professor, so war ich das! Nun, es war so bestimmt. Es war alles in Koburg vom Schicksal anders bestimmt, als ich es mir in Wien und die Frau Majorin in Wunsiedel uns gedacht hatten. Unser Willi gefiel ihr, dem lieben Kinde, besser als ich; und weil ich ein so guter Kerl bin, so hätte ich wirklich in jenen Tagen ein recht schlechter Mensch sein müssen, wenn ich mich nicht auch hier ins Unvermeidliche geschickt hätte. Nun bleibt mir nichts übrig, als auch noch ein guter Onkel zu werden. Und auch das habe ich mir vorgenommen und komme jedes Jahr von Wien mit einem Patenlöffel.«

»Was?« kreischte jetzt die Mutter Gutmann, mit beiden Händen den Gastfreund packend.

»Ja, gnädige Frau, es ist nicht anders,« seufzte Herr Alois dumpf. »Sie haben ohne mich in Wunsiedel Verlobung gefeiert, und ich –«

»Und ich,« schrie die Mutter Gutmann, »bin wohl die größte Närrin, daß ich Ihnen hier mit Ihren Dummheiten so ruhig zuhöre? Kommen Sie, Pärnreuther, wenn Sie keine Pantoffeln mitgebracht haben, so können Sie in die meines Mannes oder Sohnes steigen. Hungrig und durstig werden Sie auch sein, und dafür werde ich sorgen; aber nun machen Sie mir auch weiter keine Flausen vor. Wenn ich Ihr Gesicht von heute mit dem von vor zehn Jahren vergleiche, so habe ich die Versicherung, daß man Sie heute in Wien nicht mehr aufhängt und totschießt, sondern daß Sie sich gottlob wieder zu einem recht vergnügten Wiener von der alten Sorte, so aus der Komödie, herausgefüttert haben. Aber nun machen Sie ein Ende mit dem Spaße; denn im Grunde habe ich dergleichen doch nicht damals an Ihnen verdient, Sie armes blutiges Lamm, das seine ganze damalige Wolle an den dummen Politikbüschen hatte hängen lassen!«

Der österreichische deutsche Bruder hatte es sich auf verschiedene Weise unterwegs, von Koburg her, ausgemalt, wie die alte Frau wohl seine Sendung aufnehmen könne. Was konnte er jetzt anderes tun, als mit bebender Stimme zu ächzen:

»Lieber Himmel, es ist ja leider Gottes kein Wiener Jux, kein Spaß, sondern bitterer Ernst mit der preußischen Spitze! Beste Frau, was mich anbetrifft, so hat sie, Fräulein Klotilde, mir nur den Korb gegeben; aber Sie haben recht, so lange Menschen auf Erden sich zusammenfinden, ist so was noch nicht dagewesen, wie ich hier stehe und meinen Auftrag – Himmel und Hölle, meinen Auftrag an Ihr liebes Herz ausrichte! Sie sind wahrhaftig in Wunsiedel und feiern Verlobung und haben mich geschickt, um mir noch mehr Gelegenheit zu geben, mein gutes Herz zu zeigen, und Sie, beste Mama, in solche furchtbare und ganz unnötige Aufregung zu bringen. Denn es ist wirklich ein allerliebstes Mädchen, und die Familie respektabel und der Herr Major ein Schwiegervater, wie nur zu wünschen! Und der Onkel Poltermann, o Frau Gutmann, lernen Sie nur erst den Onkel Poltermann kennen! Eigentlich wollten sie den zuerst schicken; aber nachher hielten sie es für schicklicher, daß ich ginge: ich, ich, ich! O, o, und nun seien Sie wenigstens so gut, wie Sie immer sind, und lassen's mich nicht entgelten, was die anderen an Ihnen gesündigt haben!« . . .

»Ich habe ihnen vieles zugetraut, als ich sie so ohne Beaufsichtigung ins Wilde losließ, aber dieses nicht!« sprach nach einer geraumen Weile tonlos, völlig gebrochen, geknickt und erschöpft Frau Lina Gutmann und also beinahe schon in der ins Schicksal ergebenen Stimmung des Vaters Blume im Schießhause zu Koburg.

»O dieser dumme Junge,« ächzte sie noch. »Mein armes, unschuldiges Wurm! Ich hatte ihm hier am Orte alles Verfängliche von dieser Sorte aus dem Auge gerückt, und nun muß ihm und mir das passieren! Es ist nur schade, daß mein Mann nicht als Witwer wieder von neuem auf Reisen gegangen ist, nachher wären Gutmanns Reiseabenteuer freilich vollständig geworden; dann natürlich wäre auch der Alte – der ersten Elipse in die Netze gefallen, so wie er nur da um die Ecke herum nach dem Bahnhofe hingewesen wäre!«

»Kalypso werden Sie meinen, gnädige Frau. Aber darin irren Sie sich gottlob doch, was Fräulein Klotilde anbetrifft. Unser Willi ein dummer Junge in diesem Fall? . . . Einem verruchteren Spitzbuben und hinterlistigeren Schlaukopf bin ich noch nicht auf meinem Lebenspfade begegnet. Hier! da – da – hier! haben Sie ihre Photographie. Sie können lange suchen, ehe Sie eine zweite so Süße, so Wonnigliche, so Liebe zur Schwiegertochter ausfindig machen! Wenn ein Mensch noch in der Welt ist, der das wissen kann, so bin ich's!«

Er hatte das Bild aus seinem Busen hervorgeholt und reichte es hin, und die alte Frau nahm es wie eine, die eine Spinne noch nicht einmal sehen, geschweige denn anfassen kann.

Mit spitzen Fingern nahm sie das Bildchen. Sie besah es behutsam erst von ferne, dann aus der Nähe. Dann setzte sie die Brille auf und ging mit ihm zum Fenster, und dann sagte sie nach sehr langer Betrachtung:

»Wenn nur den Photographen überhaupt zu trauen wäre! Diesem äußern Anschein nach hätte es freilich noch schlimmer auslaufen können.«

»Nicht wahr?« seufzte Herr Alois wehmütig, weinerlich entzückt. »Behalten Sie nur!« ächzte er, mit der Hand abwehrend, als ihm die Frau Lina das Bild zurückreichte.

»Sie legen kein Gewicht darauf, Pärnreuther?«

»Mir liegt es zentnerschwer auf der Seele,« ächzte der geknickte Wiener.

Die alte Dame schüttelte den Kopf; endlich sagte sie:

»Kommen Sie, lieber Freund, machen Sie es sich wenigstens fürs erste so bequem wie Anno Neunundvierzig, wo Sie auch mit einem Strick um den Hals und einer Kugel hinter sich zu mir kamen. Das sehe ich schon, wir können eine Woche Tag und Nacht zusammensitzen und haben uns immer noch nicht ausgesprochen. Was die anderen anbetrifft – na, so laß mir die nach Hause kommen, übrigens, Pärnreuther, meinem Sohne werde ich es noch nicht einmal selber zu sagen brauchen; dem teilt hier schon sein angeborener Landesfürst und Vater mit, was er über ihn und seine Fahrt nach Koburg denkt. Sehen Sie mal diesen Brief: An den hochfürstlichen Kameralsupernumerar Gutmann, – Regierungssachen! In der Stadt weiß man es schon, was drin steht: als Mutter sollte ich mich entweder totweinen oder totärgern über die Nase, die ihm darin von oben herab angehängt wird; – laß sie nur nach Hause kommen, den jungen und den alten – Nichtsnutz!« . . .

O, die schlauen Sünder, ehe die nach Hause kamen von ihren Reisen, schickten sie natürlich erst noch einen Brief sich voraus. Wir könnten die Leser raten lassen, wer den geschrieben hatte, und den, der's erriete, könnten wir den übrigen zum Muster hinstellen.

»Pärnreuther, ein Brief aus Wunsiedel!« rief die Frau Lina am Morgen des dreizehnten September am Kaffeetisch. »Sagen Sie nichts, unterbrechen Sie nicht, ich sage auch nichts, bis ich weiß, was ich zu sagen habe.«

Sie rückte die Brille zurecht und buchstabierte die etwas unleserliche Handschrift.

»Hochgeehrte Frau! Bloß wenn Sie sich mit der Feder in der Hand in meine Lage setzen, können Sie sich in meine Lage versetzen als Mutter und als Frau und ausdrücken, wofür man weder schriftlich noch mündlich Worte finden sollte. Und Sie haben nicht einmal dazu das Haus plötzlich so voll wie beim Weltuntergang und sitzen wahrscheinlich in Ihrer Erstarrung nur allein mit Herrn von Pärnreuther aus Wien, welchen ich auch gern noch einmal im Leben bloß ein Viertelstündchen ganz allein für mich haben möchte, um ihm meine Meinung zu sagen. Doch das ist nunmehr die Nebensache; die Hauptsache ist: was fangen wir mit ihnen an? Sie mit Ihrem Mann und Herrn Sohn, und ich mit meinem – ich will nicht sagen was! und mit meinem Mädel, wo ich wohl eher die Worte gefunden und ihr auch nicht vorenthalten habe.

Ist denn jemals so etwas erlebt worden seit Erschaffung der Welt? Ist jemals zweien von uns, die sich ein längeres Leben durch für Mann und Kinder und Haushalt abgesorgt haben, so hinterm Rücken mitgespielt worden? – Und nachher dann noch zu tun, als sei das nur ein guter Spaß mit dem Erschrecken und Zusammenfahren und habe sich nur ganz natürlich mit der übrigen deutschen Politik in Koburg so gemacht!! – Hochgeehrte Frau, was Sie dem Herrn von Pärnreuther für ein Gesicht gemacht haben, kann ich mir denken; ich für mein Teil habe nicht in den Spiegel gesehen, als die Sache über mich kam, und kenne meines doch! Und nun frage ich Sie einfach von unsern beiden Gesichtern aus: was sollen wir machen? – Geehrte Frau Gutmann, wir Frauen sollten doch wirklich mehr Politik treiben; denn dann hätten wir doch vielleicht eine Ahnung davon gehabt, worauf es hinauslaufen kann, wenn man ihrem, der Mannsleute, Vorgeben, einfach dumm und gutmütig Glauben schenkt und sie ziehen läßt, um ihr deutsches Volk im Reich zu begründen oder es zu hintertreiben. Fragen Sie den Herrn von Pärnreuther, ob ich eine Ahnung von dem gehabt habe, was jetzt passiert ist. Sie etwa? ich glaube auch nicht; – Ihr Herr Gemahl sieht mir nicht danach aus, wenn ich danach frage: Haben Sie nun endlich nach Hause geschrieben, Herr – Schwager? Aus diesem Grunde und von wegen dieses Gesichtes Ihres Herrn Gemahls schreibe ich heute und unterstreiche dies. Die Bösewichter behaupten, wir beide seien noch immer die Hauptsache, und so sage ich: zum wenigsten bleibt die Hauptsache, was wir beide, Sie und ich, hochgeschätzte, unbekannte Frau jetzt tun? Und die Zeit drängt; denn mit den Dienstboten hier zu Lande ist das wohl gerade so wie bei Ihnen. Verlassen kann man sich auf niemand. Der einzig Ruhige in der Verwirrung ist noch mein Bruder, der Apotheker Poltermann, Ihnen unbekannterweise. Seine Apotheke hat er abgegeben und sich ganz unserm großen Dichter Jean Paul gewidmet und Klotilde erzogen. Er wollte sie eigentlich Wina nennen; aber da sagte mein Mann, damals noch Oberleutnant: dann lauft ich nicht bloß in Wunsiedel, sondern auch in München und Würzburg oder sonst in der Garnison mein ganzes Leben als der General Zablocki herum! Da ist es denn bei Klotilde geblieben, deren wir hier des Namens viele bei uns in Franken und Bayern haben. Also mein Bruder sagt: Du magst kochen, was du willst, Schwester, du reichst nicht an die Gefühle der zwei jungen Leute und noch viel weniger an die des Vetters Gutmann, dem jedweder Bissen mit einem Gewissensbiß heruntergehen muß, bis seine Frau aus Norddeutschland dir wieder geantwortet hat. Mein Mann ist jetzt ganz unzurechnungsfähig; ebenso wie der Ihrige. Es ist doch gerade so, als wären sie beide von den verschiedensten Weltenden nach Koburg gereist, um dieses zustande zu bringen und zueinander, nämlich ihre Kinder, welche immer doch ein bißle auch noch unsere sind, Frau Schwester. Politisch liegen sie sich trotz aller nähern und wichtigeren Aufregung doch alle Augenblicke von neuem in den Haaren, und da ist es wiederum nur mein Bruder Laurian, der sie mit Vernunft, das heißt lieber: mit seiner kindlichen Ruhe auseinanderbringt, indem er sie auslacht und die Daumen umeinander dreht.

Die – unsere beiden Kinder, Ihr Wilhelm und mein Mädel, sind selbstverständlich für uns gar nicht vorhanden, die schweben in einer Welt für sich über unseren Köpfen. Mein Mädel, da es mich glücklich herum hat, ohne Gewissensbisse; Ihr Sohn, liebe Frau Gutmann, der noch seine ganze Schuld gegen Sie ungebeichtet auf sich trägt, mit Gewissensbissen. Und damit komme ich nunmehr zu der wirklichen Hauptsache. Nämlich da das Unglück nun mal geschehen ist, und wir zwei nichts mehr dagegen machen können, so bitte gütigst unbekannterweise, liebste, beste Frau, machen Sie es wie ich, und geben Sie den armen verständnislosen Geschöpfen Ihren Muttersegen!!! Was meine Tochter ist, so hat die außer Ihnen noch einen anderen schweren Stand; nämlich gegen die Tante Adele in Immelborn, auf deren Gesicht zu einem gestrigen Briefe von dem Kinde an sie wir auch recht gespannt sind. Herr von Pärnreuther, der die Tante Adele persönlich kennt, ist vielleicht so gütig, Ihnen auch in dieser Sache nähere Aufklärung zu geben. Wenn er auf seiner Rückreise nach Wien auch in Immelborn vorsprechen und zur Güte reden wollte, wäre es mir lieb.

Ihr Herr Gemahl und ich und mein Mann und vor allem der Onkel Laurian, mein Bruder, haben nun beschlossen, wenn Sie uns ein kurzes Wort zugeschickt haben, Ihnen dagegen die zwei jungen Leute zuzusenden, um mit ihnen, wie ich hier in Wunsiedel, ganz gehörig Abrechnung zu halten. Ihr Herr Gemahl meint, ehe ihm unsere Tochter nicht von Ihnen aus geschrieben habe, daß Mutter zu Hause nicht mehr böse sei, traue er sich nicht heim. Lieber lasse er Ihnen das Geschäft ganz auf dem Halse und beiße wieder in den sauren Apfel und bleibe wieder auf Reisen, für jede Firma, die ihn mit anständigen Spesen rund um die Welt schicken wolle. Sehen Sie, so sind sie, die Männer, meine ich! Und nun darüber besonders noch ein Wort ganz im Vertrauen, beste unbekannte Freundin und Schwägerin. Ein bißchen unvorsichtig sind Sie gewesen. Er, Sie wissen schon, wen ich meine, hat meiner Meinung nach, und wie ich ihn nun kennen gelernt habe, wirklich wieder Geschmack an der Sache, nämlich der Vagabondiererei unterm Vorgeben irgend eines Zweckes gefunden. Er ist imstande und wird Ihnen wieder, wie er sich ausdrückt, unglücklicher ewiger Jude, oder wie er es nennt, ewigseliger Reiseonkel! Den Vorschlag, lieber Sie, liebe Frau, zu uns kommen zu lassen, aber nicht nach Wunsiedel, sondern poetisch auf den Nürnberger Plärrer, der jetzt eben im Gange ist, hat er schon gemacht. Liebste Frau Schwägerin, ich an Ihrer Stelle ließe mir erst die Kinder von mir zuschicken, spräche mit denen ernsthaft wie ich und behielte mir für meinen Mann das übrige bis dahin vor, wo ich ihn wieder in Händen und in seinem Schlafrock zu Hause hätte. Vor allem aber schlösse ich jetzt schon brieflich Freundschaft mit mir – mit Ihrer Ihnen leider persönlich noch ganz unbekannten Freundin

Liane Blume.«

P. S. Wenn wir uns nicht zusammentun, so bleibt uns nachher, da sich mein Mann und Ihr Mann schon zusammengetan haben, nichts als kummervolles Zukreuzekriechen oder ein fernerer Verdruß im Ehestand, woran ich gar nicht denken mag! Ich wiederhole es: Sie sind so, die Männer! und damit unterstreiche ich: Frau Gutmann, lassen Sie uns zwei zusammenhalten, denn das ist das einzige, was uns übrig bleibt, wenn wir nicht ganz und gar ihnen gegenüber abdanken wollen und abgedankt werden wollen; denn die Kinder haben sie auch auf ihrer Seite!

Ihre Ihrem besten Verständnis mit Zuversicht entgegensehende

Liane Blume    
geb. Poltermann.«

Frau Lina Gutmann legte den Brief auf den Kaffeetisch nieder, sah längere Zeit ihren Freund Alois an, ohne ihn eigentlich sich zu besehen, und sagte dann:

»Was ist das mit dem Nürnberger Plärrer, Pärnreuther?«

»Der Nürnberger Plärrer? Nun, hier werden Sie es Schützenhof, in München Theresienwiese, in Stuttgart Kannstatter Wasen nennen. In Wien hatten wir das bis Achtundvierzig alle Tage. Es pflegt da sehr vergnügt herzugehen auf dem Nürnberger Plärrer.«

»So? Nun dann stimmt auch das ja zu dem andern, was mein Alter bei mir auf dem Kerbstock hat.«

»Er steht jetzt freilich in Nürnberg in seiner Blüte, der Nürnberger Plärrer. Es war in Koburg schon mehrfach die Rede davon, und verschiedene der Herren sprachen davon, sofort nach Aufrichtung des deutschen Volkes sich dorthin zu begeben und sich auf dem Plärrer in Nürnberg von ihren Arbeiten und Strapazen in Koburg zu erholen.«

Die Frau sah wiederum auf ihren Schützling, sah ihn aber diesmal wirklich an. Sie sagte – denn fragend kam das Wort nicht heraus:

»Was raten Sie, Alois?«

»Ich?«

»Ja, Sie. Sie kennen sie ja alle! Was mich angeht, so kenne ich von der ganzen sauberen Gesellschaft nur meinen Mann und meinen dummen Jungen und – diese liebe, gute, arme Frau hier, die mir diesen Brief geschrieben hat.«

»Das ist eine liebe, gute Frau, Frau Gutmann, und auch ich habe es ja erfahren, wie gut sie es mit den Menschen meinen kann! Und da auch Sie das heraushaben, so täte ich ihr in ihrer Not und Aufregung den Gefallen und reichte ihr aus Ihrer eigenen Not und Aufregung heraus nicht bloß den kleinen Finger, sondern gleich die ganze Hand. Lassen Sie sich die jungen Leute kommen, das andere macht sich dann schon von selber. Ich wüßte keinen in der Familie, dessen Stimme hierbei schwerer ins Gewicht fallen könnte, als meine!«

»Sie sind der beste Mensch, den ich je kennen gelernt habe, Pärnreuther! Und, seien Sie nur ganz ruhig. Was auch in Koburg vorgefallen sein mag: uns reißt nichts voneinander!« –

Hier endet nun eigentlich die Geschichte, und alles geht gut aus, soweit es sich diesmal im einzelnen vom einzelnen im kurzen Erdenleben übersehen läßt. Wir hoffen diesmal allem Rechnung getragen zu haben, um dieses schöne Wort im deutschen Sprachschatz auch unsernteils nicht verstauben zu lassen. Wir brauchen keinem, der uns lächelnd, wenn auch kopfschüttelnd durch diese Blätter begleitet hat, noch genauer auseinanderzusetzen, weshalb am Morgen nach dem dritten Juli Achtzehnhundertsechsundsechzig die Mutter und Großmutter Blume in Wunsiedel zu ihrem Major sagte:

»Da hat nun dieser Basilisk zugeschnappt, den ihr damals in Koburg ausgebrütet habt! Nun ja, sei nur still: der Willi ist freilich ein herzensguter Mensch, und die beiden Kindle, das Büble und Mädel sind gewiß allerliebst, und wenn unser Mädel, die Klotilde telegraphiert, daß sie mich zu ihrem Dritten trotz der Schwester Lina nötig hat, so reise ich morgen zu ihr in das Preußenland und zur Schwester Lina und ihrem Alten, und wenn sich auch eure ganze Bundesarmee mir in den Weg legt. In diesem Falle steige ich nicht bloß nochmal über meine eingeborensten Vorurteile weg, sondern auch über sie.« –

Noch weniger aber brauchen wir dem lächelnden Freunde vor diesen Blättern auseinanderzusetzen, weshalb die Mutter und Großmutter Gutmann am Abend des achtzehnten Januars Achtzehnhunderteinundsiebenzig zu einem gewissen weißhaarigen Sünder sagte:

»Na, meinetwegen darfst du mir heute abend mal wieder über die Zeit ausbleiben, wie damals in Koburg. Aber, Alter, bedenke, daß wir seitdem doch wieder um eine Reihe von Jahren älter geworden sind! Da ist es nur ein wahres Glück, daß ich heute mich auch nicht noch um den Jungen wie damals abzusorgen habe! Das ist jetzt Klotildchens Sache, und die mag es vor ihrem Mädchen und ihren drei Jungen verantworten, ob der neue deutsche Kaiser und Bismarck ein genügender Grund sind, unserm Herrn Sohn den Hausschlüssel mitzugeben. Ich wasche gottlob in dieser Hinsicht mir jetzt die Hände in Unschuld über Gutmanns Fahrten und Reisen.«

 

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