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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Drunten im Tal war der Nachmittag auch hingegangen. Sie hatten sich natürlich wieder zueinander gefunden, der Major Blume aus Wunsiedel, der Weingroßhändler von Pärnreuther aus Wien und Kameralsupernumerar Gutmann aus H. Sie waren auch zusammen natürlich noch verschiedentlich auf der Suche gewesen nach dem verlorenen Kinde, der verschwundenen Braut, und ein Vergnügen war das nicht gewesen – am allerwenigsten für den bangend-ratlosen jungen Verlobten, der hinter den zwei vergrollten, verstimmten Neugründern des deutschen Reichs herzuziehen hatte, ohne seine Liebe bei dem Alten und seinen Ingrimm bei dem Jungen an den Mann bringen zu können.

Und sie, der Alte und der Jüngere, der Major und Freund Alois, nahmen es noch dazu als eine ungeheure Freundlichkeit, daß der norddeutsche Jüngling ihre Beängstigung und ihr Ärgernis teile, als ob auch er jetzt nichts anderes in Koburg zu suchen habe als das dumme Mädel und nichts Besseres daselbst finden, wiederfinden könne!

Auch im Tal schritt der Nachmittag immer mehr dem Abend zu, und Wilhelm war dem Major noch nicht an den Busen gefallen, hatte den ahnungslosen Militärgreis auch auf eine Bank im Grünen, oder in eine Kneipe gezogen und hatte gebeichtet. Alois war ja immer dabei. Wie hätte Willi in seines Freundes Gegenwart vom Herzen los werden können, was er gegen ihn drauf hatte, nur in gewohnter Weise »durch sein Schicksal entschuldigt«?

Es war vollständig Dämmerung geworden, als der Major vor dem Hause, in welchem sein Landsmann Jean Paul nicht bloß den Titan, sondern auch die Flegeljahre gedichtet hatte, seinem und seines Weibes Lieblinge durchaus nicht durch die Blume kundgab, daß er das längere Suchen nach seinem Kinde aufgebe, aber einen Sündenbock dafür brauche.

»Ich will Ihnen jetzt mal was sagen, Pärnreuther,« schnarrte er. »Wenn ich als ein junger Mann so wie Sie unter diesen Verhältnissen nach Koburg gekommen wäre, so wäre mir dieses nicht passiert!«

»Ich? Mir?« stammelte Herr Alois, aus dem Abenddunkel vollständig über den Haufen gerumpelt durch den unvermuteten Angriff.

»Jawohl! Sehen Sie sich mal diesen jungen Herrn hier an! Er hat doch auch das deutsche Volk mit neu gründen helfen; aber hat er nicht auch noch für anderes Zeit gehabt? Er hat ruhig von seinem Jugendrecht Gebrauch gemacht und sich stellenweise in dem Reithause vermissen lassen. Waren wir Alten nicht da, um das mehr Nüchterne, das Geschäftliche in der Versammlung zu besorgen? Wenn dieser Jüngling einmal, seines – der frischen Luft wegen draußen blieb, konnten Sie da nicht von Ihrer Freundschaft für mein Haus getrieben werden, lieber Pärnreuther, die Gans, das Mädel, meine Tochter draußen ein bißle im Auge zu behalten?«

»Herr Major –«

»Seien Sie still, ich weiß alles, und Sie haben vollkommen recht. Wir sind beide hier, um Geschichte, deutsche Geschichte, Weltgeschichte zu machen! und Sie von Ihrem Wien aus ganz besonders. Natürlich haben Sie recht, und ich meine auch bloß nur so . . . ich wollte nur sagen – ja, Donnerwetter, ich wollte nur, Sie gäben mir jetzt schon einen guten Rat, Pärnreuther, was ich zu Hause sagen soll, wenn mein Weib mir unter die Nase reiben wird: ›Schöne Geschichten habt ihr mir da in eurem Koburg gemacht!‹ – Sie sind stumm, Pärnreuther. Sie wissen nichts? Nun denn Sie, liebster junger Freund, Herr Supernumerar, wissen Sie irgend etwas, was mir in diesem Verdruß zum Trost und zur Aufrichtung und nachher zur Sühne in Wunsiedel dienen kann? Reden Sie mal!«

So etwas von der Gelegenheit, zu Worte zu kommen und mit der Sache herauszurücken, war wieder vorhanden; aber nur eine in der Lüneburger Heide verirrte Heidschnucke konnte sich so jammervoll in die Situation finden als wie er. Da er nach seiner Mutter nicht um Hülfe rufen konnte, rief er nach seinem Vater, indem er stotterte, stammelte:

»Mein Papa wird jedenfalls Klo – Fräulein Klotilde –«

»Der ist auch mein einziger Trost! Ich wüßte keinen zweiten, den ich so gern für mich nach Wunsiedel schickte, um meiner Alten es klar zu machen, daß ihr Küchlein hier, den Umständen nach, doch recht gut aufgehoben gewesen und auch zu ihrem versprochenen Vergnügen gekommen sei. Herr Kameralsupernumerar, Ihr Herr Vater ist mir ein sehr lieber Bekannter geworden. Und was seinen Feuereifer fürs deutsche Vaterland anbetrifft, der richtige vergnügte, alte Bauerhahn, der auch noch einen andern Seinesgleichen zum Mitscharren auf seinem politischen Misthaufen mit dranläßt. Ich hätte so was von so einem Preuß' gar nicht für möglich gehalten! und zu meinem jungen Dinge, meinem Mädle, Herr Supernumerar, paßt er, Gott sei Dank, ganz! Sie werden sagen: sie hat ja auch den Onkel Laurian, die Klotilde; – wie sie zu dem Namen kommt, das weiß auch nur mein Herr Schwager – nämlich er, mein Schwager, der Onkel Poltermann, hat sie zwar erzogen und ich bin ihm auch dankbar dafür, aber langweilig wird er ihr auf die Länge doch. Er hat es in sich; aber er kann es nicht gut von sich herausgeben, vorzüglich so an einem fremden Ort und wie hier in Koburg in diesem deutschen politischen Weltgetöse. Was hätte das Kind heute hier davon, wenn er sie aus seinem Jean Paul anlächelt und die Daumen umeinander dreht? Jawohl, Ihr Herr Vater, Herr Gutmann, ist in meiner jetzigen Beunruhigung noch mein einziger Trost. Wie spät am Tage ist es denn eigentlich, Herr von Pärnreuther?«

Herr Alois sah nach seiner Uhr, indem er sofort mit ihr unter die nächste Gaslaterne trat.

»Meine Unruhe ist wohl nicht geringer als die Ihrige, Herr von Blume,« stotterte er, »aber – entschließen müssen wir uns jetzt doch, ob wir unter diesen Umständen an dem großen Abendessen im Schützenhause noch teilnehmen wollen.«

Das mochte richtig sein, aber ob es das Wort war, welches der Major von seinem braven Wiener Hausfreunde erwartet hatte, durfte jedenfalls zweifelhaft bleiben. Er sah den ältlichen Jüngling erst eine Weile an, ehe er erwiderte, das heißt brummte:

»Wenn Ihre Siegesstimmung danach ist! meine ist nicht mehr so recht danach. Wie ist es denn mit Ihnen, Herr Supernumerar? Sie haben ja auch bei der Abstimmung alles nach Wunsch gekriegt?!«

Daß dieser Jüngling nicht in ein lautes Weinen ausbrach, um seiner Stimmung Luft zu machen, war ein Wunder. Er griff nach der Hand seines immer noch erst möglichen Schwiegervaters, er drückte sie und stammelte:

»O, mein teurer Herr, wenn – wenn – Ihr Fräulein Tochter –«

»Mein Fräulein Tochter soll Ihnen höchstens als Warnung dienen!« schnarrte der Major. »Schleppen Sie sich nur mit Weibern, wenn Sie Wichtiges vorhaben, sich fürs Vaterland opfern und auf ein vergnügtes Abendessen nach abgetanem Verdruß rechnen wollen. Pärnreuther, mir kommt der Appetit jetzt sozusagen vor Ärger wieder! Unser alter Freund aus Lützows wilder, verwegener Jagd wollte ja wohl Plätze für uns mit belegen? Und dem sind wir doch auch verpflichtet schon von Anno Dreizehn her? Bin ich dazu hier in Koburg, um mir von dem dummen Mädel das Vergnügen verderben zu lassen? Sie versteht es so gut wie ihre Mutter, sich selber ihr Vergnügen in Sicherheit zu bringen, wenn sie mir meines zehnmal dabei verdirbt! Geben Sie mir Ihren Arm, lieber Gutmann. Wenn Ihnen Ihr politisches Gefühl nach der Abstimmung für die preußische Spitze es erlaubt, lieber Herr von Pärnreuther, so kommen Sie! Haben wir sie gesucht – den alten stillvergnügten Schwätzer, den Poltermann, und Ihren Herrn Vater eingeschlossen – so laß sie jetzt nach uns suchen. Vorwärts nach dem Café Moulin! Habe ich keinen Hunger, so macht das zwecklose Herumlaufen gottlob doch noch durstig, und merken Sie sich auch das, junger norddeutscher Freund: wie bei der Liebe, soll man auch bei einem schönen Durst rasch zufahren und die Gelegenheit nicht verpassen. Das ist mein Gefühl, und kommen Sie, ich meine Sie und Ihre Landsleute, mit diesem Gefühl zu uns über den Main, so sind Sie bei uns immer willkommen, und einen möglichen Katzenjammer nehmen wir mit in den Kauf! Kommen Sie, Pärnreuther. Haben wir der ersten Generalsversammlung des deutschen Nationalvereins beigewohnt und uns ins Unabänderliche gefügt, so wollen wir auch der ersten Generalkneipe beiwohnen. Meine Gefühle in Hinsicht auf meine Tochter erlauben es mir; Ihnen Ihre für – Deutschlands Zukunft hoffentlich gleichfalls!« . . .

Eine Festversammlung vieler hundert deutscher Männer, die vom Fels zum Meer, von der Weichsel bis zur Mosel mit allen gegen fünf Stimmen einen großen Beschluß gefaßt und ihn sicher im Protokoll haben, die hört man schon von weitem. Weit in die laue thüringische Herbstesnacht hinein vernahm man an diesem Abend die Koburger Schützenhaus-Geburtstagsfeier des deutschen Nationalvereins. Weit in die Nacht hinein erglühte das Café Moulin im Scheine seiner Lichter und versendete seinen Glanz über ganz Germanien. Nachdem die drei deutschen Brüder, die noch nicht dabei waren, in der Zwiebelmarktgasse und den zwei Gastquartieren zu letzter größerer Beruhigung hinterlassen hatten, wohin sie gegangen seien, gingen sie auch hin und langten an; wie das von vornherein kein vernünftiger deutscher Bruder bezweifelt haben kann. Sie langten an: Gedränge, Getöse, Gaskronleuchter, ein Redner, ein Saucennapf über die Schulter, Tusch, Getöse, Gedränge, Tusch, Blechmusik, Mutter Germania, Deutsches Vaterland! Kellnär! Herr Oberkellner! . . . Deutsche Brüder Schulter an Schulter nach innen und nach außen! . . . Wenn ein deutscher Bruder und zwar der jüngste Germane in der Gesellschaft, mit einer kleinen deutschen Schwester im Herzen, im Sinn, in den Gedanken, im ganzen Leibe, augenblicklich nicht wußte, wo ihm der Kopf stand, so war das zum mindesten erklärlich. Die Weltgeschichte weiß es: es braucht gar keine kleine deutsche Schwester zu sein; jede beliebige andere aus jeder anderen Nation kann jedem in jedem Augenblicke die Weltgeschichte über den Haufen werfen. Kein Vaterland mit aller Wut und allem Entzücken, die es in der Männerbrust erregt, ist sicher vor ihrem Eingreifen. Was in den Geschichtsbüchern von heroischen Heldenweibern zu lesen ist, bedeutet stets nur die Ausnahmen. Auf ein Hannchen von Orleans kommen Millionen Johannen und Jeannen, die zehntausendmal lieber zu Hause bleiben, als daß sie Rheims befreien und ihren König krönen! Was würde aus der Welt werden, wenn dem nicht so wäre, Gott sei Lob und Dank? Nichts weiter als ein blutiger, versalzener, angebrannter stinkender Brei, an dem keine ordentliche ruhige, reinliche Hausfrau ein Gefallen haben könnte und mit dem sie wahrhaftig nicht ihre Kinder – Kindeskinder mitgezählt, weiter aufpäppeln möchte. –

Bennigsen redete, Schulze-Delitzsch redete, Metz redete, Miquel redete –

»Sie reden doch jetzt wenigstens menschlich!« stöhnte Herr Alois. »Da macht Herr von Metz wieder einen sehr guten Witz und nicht auf meine Kosten! O Gott, wenn ich armes ausgestoßenes deutsches Schmerzenskind doch nun wenigstens hier bei Tische ein Wort von meinen Gefühlen in euer Vergnügen hineinrufen könnte. Meinst du, daß ich es versuche, Willi?«

»Versuche es!« ächzte Willi. »Zehn Jahre meines Lebens, wenn ich aus eurem ganzen Jubelgetöse nur fünf Minuten den Va – den Major für mich allein hätte! Zehn Jahre meines Lebens gäbe ich, wenn« – – – – – – – – – – –

Er fuhr herum. Es hatte sich ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. Hinter ihm stand sein Vater, hinter ihm stand sie – ganz und gar nicht Jeanne d'Archaft, sondern sehr angstvoll, sehr scheu, sehr zitternd, ob ihres löblichen Verdienstes ums Vaterland stand sie, das einzige deutsche Frauenzimmer, das in der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins für ihr Teil jedenfalls das Beste zur innigsten Vereinigung von Süden und Norden getan hatte! Mit einem Rosenstrauß in den bebenden Kinderhänden stand sie da, und daß Jean Paul Friedrich Richter aus Deutschland, das heißt in diesem Falle, der gute Onkel Laurian aus Wunsiedel neben ihr stand und ihr stumm zulächelte und seinen Schwager an, verstand sich in diesem Falle ganz besonders von selber.

»Habe ich es nicht gesagt? da sind sie. Na, gottlob!« rief der Major, Messer und Gabel niederlegend.

»Ja, da sind wir, alter Freund!« rief der Vater Gutmann. »Na, gottlob, es freut auch mich, daß auch hier die Mordgeschichte ziemlich glatt verlaufen zu sein scheint! Siehst du wohl. Tildchen! was habe ich dir gesagt?«

»Welche Mordgeschichte?« fragte der Major, Messer und Gabel von neuem ergreifend. »Schöne Sorgen hat uns das dumme Mädel gemacht! Was hast du ihr denn gesagt, Bruder Gutmann?«

»Was?« rief der Vater, den Sohn anstarrend. »Das muß ich sagen! . . . Ihr feiert hier nicht die endgültige Verlobung und Vereinigung des deutschen Nordens und Südens?«

»Mein lieber Vater –«

»Bleib mir mit dem Komödienton vom Leibe! Mädchen, was sagst du hierzu? Ich schicke ihn in die herzogliche Reithalle, um die Sache fertig zu machen, und er kommt nicht zu Worte! Er hat den ganzen Nachmittag für sich, um für sich und das neue deutsche Reich zu sprechen, und er enthält sich des Wortes! Junge, Junge, in welche Verlegenheit bringst du nun mich und diese junge Dame! Und noch dazu vor dem gesamten deutschen Volke, wie es scheint.«

Das schien nicht nur, sondern das war so. Die gesamte Tischnachbarschaft war aufmerksam geworden. Schon das Erscheinen dieses lieblichen Fräuleins und Rosenmädchens mitten im Männertumult war auffällig. Wer am freundlichsten und verständnisvollsten in die Szene hineinlächelte und nickte, das war der greise, geistliche Lützowsche Reitersmann, Pastor Nodth, den seine Jugend wie sein Alter am fähigsten gemacht zu haben schienen, hier und jetzt völlig zu begreifen. Halb Schaf und halb Tigertier trat aber zu allem übrigen Herr Willi Gutmann seinem Jugendideal Pärnreuther auf den Fuß, daß dieses in den Verlegenheitsschrei des jungen Freundes hineinheulte.

»Herr Major, bester, teuerster Herr Major,« schrie Gutmann, der Jüngere. »Ich – sie – wir – wir haben – Fräulein Tochter – Klotilde – meine Klotilde –«

Das Wort versagte ihm wieder, er faßte nur das Nächste – die junge Dame in den Arm. Der Major Blume hielt jetzt nur das Messer in der Faust, mit offenem Munde und im Blick nichts als das Ding an sich. Ohne den Onkel Poltermann aus Wunsiedel wären sie alle in Blödsinn untergegangen; der Onkel Laurian aber sagte sehr vernünftig:

»Komme doch mal einen Augenblick mit hinaus, Schwager Blume.«

»Bin ich verrückt, oder seid ihr es?« rief jetzt der Vater, Schwager und Schwiegervater. Nunmehr mit der Gabel in der Faust. »Was in des Henkers Namen gibt es denn eigentlich? Wo bist du gewesen, Klotilde? wo hast du gesteckt? was hast du getrieben?«

»Ich habe mir das mir hier in Koburg versprochene Vergnügen machen lassen, Vaterle!« lachte und schluchzte Klotilde, ihre Rosen vor ihrem Vater auf den Festtisch der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins niederlegend. »Papa Gutmann war so gütig, an deiner Stelle mit mir nach – Neuseß zu fahren.«

»Nach Neuseß? Der Papa Gutmann?«

»Es ist wirklich das Beste, du kommst mal einen Augenblick mit heraus, Schwager!« riet nochmals der Onkel Poltermann. Sie aber, Wilhelm und Klotilde, standen jetzt ihm, dem Vater Blume, Arm in Arm gegenüber, und wenn er nun die Gabel fallen ließ, so blieb ihm nichts übrig, als nach der Stuhllehne zu greifen.

»Du solltest mal einen Augenblick mit mir hinauskommen,« rief der Onkel Laurian und zwar mit einem Blick und Ton, als zitiere er einen Streckvers seines Lieblingsdichters.

»Bin ich hier im Irrenhause oder hier im Koburger Schießhause beim Abstimmungsfest der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins?«

»Beim Abstimmungsfest der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, Bruder Blume,« lächelte freundlich Gutmann der Ältere. »Als wir hierher kamen, lieber Major, wußte freilich keiner von uns beiden, in welche Spitze die Sache auslaufen würde. Das hat sich denn so gemacht. Ich habe nichts zur Sache getan. Frage du die jungen Leute, Major, wie es zugegangen ist. Ich habe dein Kindchen, mein liebes Kindchen, heute nachmittag nur mit dem Onkel Poltermann nach Neuseß zum alten Rückert gebracht, und wir haben ihm über den Zaun geguckt und ihn um Rat gefragt.«

»Und er hat uns in seinen Garten eingeladen, und auch er hat gesagt, ich scheine ein gutes Kind zu sein, und auch er sei für die herzlichste Verbindung von Nord und Süd im deutschen Volk! Und dann hat er mir diesen Strauß gepflückt und hat gesagt, wenn er nicht zu alt wäre, wäre er auch heute in Koburg in seinem guten Herzog seiner Reithalle; aber er hätte seinen Sohn hingeschickt, und der würde ganz gewiß auch für das Richtige und Willi stimmen. Und dann läßt er dich schön grüßen, Vater, und dir sagen, was man versprochen hätte, müsse man halten, und wenn an mir in Immelborn das Familienwohl gehangen und ich es erhalten habe, dann müsse man es auch mir zutrauen, daß ich für mein Bestes auch in Koburg zu sorgen wisse und auf das mir versprochene Vergnü – Lebensglück Anspruch machen könne.«

»Pärnreuther!«

»Herr Major?« Wie mit einem letzten Schnappen nach Luft kam das Wort bei dem erstarrten versteinerten Helden von Wien, Schwechat und Friedrichstadt heraus.

»Pärnreuther!« schrie der Major von neuem. »Da haben Sie's! Was Sie sich hier in Koburg gefallen lassen wollen, geht mich freilich nichts an; aber den Gefallen tun Sie mir noch: nehmen Sie das Mädchen am Kragen, den jungen Mann nehme ich auf mich! Aus dem Wege, Poltermann! Von der Zwiebelmarktgasse aus sprechen wir vor unserer Trennung noch miteinander, Herr Gutmann Vater!«

Ohne den alten Lützower hätte es jetzt schon Blut gegeben, wie bei Kissingen; aber der hatte nunmehr schon so sehr Lunte gerochen, daß er völlig Bescheid wußte und dreist von seinem geistlichen Amt aus beruhigend einwirken konnte.

»Aber meine Herrschaften,« rief er, halb lachend, halb gerührt, »bedenken Sie doch, daß ganz Deutschland auf uns hier sieht! Sei ruhig, mein gutes Kind, ich kenne den Papa genau, er meint es so schlimm nicht! Ein bißchen kenne ich seit vorgestern die Verhältnisse schon und glaube nicht zu irren, sowohl als freiwilliger Jäger wie als Seelsorger. Herr Kameralsupernumerar, Sie als der Hauptübeltäter, versuchen Sie es wenigstens, Ihren Herrn Freund aus Wien freundschaftlich seiner Erstarrung zu entreißen. Herr von Pärnreuther, denken Sie an seine – Ihres jungen Freundes Mutter und was die an Ihnen getan hat. Tun Sie mir und – tun Sie sich den Gefallen, seien Sie groß, seien Sie edelherzig, bleiben Sie uns in unserm Norden auch unter diesen freilich etwas verzwickten Zuständen unser bester, liebster Freund, Bruder und Landsmann im Süden! Herr Major Blume, ändern können Sie die Sache doch nicht, bedenken Sie, wie entzückt Sie mir von unserm gemeinschaftlichen Freunde Gutmann gesprochen haben: da Sie Ihrem lieben Kinde Ihr Wort nicht gehalten, ihr das ihr in Koburg versprochene Vergnügen nicht gemacht haben, so machen Sie sie dafür glücklich in Koburg. Ich glaube wirklich, ja ich weiß es: es schweben gute Geister über dieser Stunde. Herr Gutmann senior, reichen Sie dreist die Hand über den Tisch! Sehen Sie, so ist recht, Herr von Pärnreuther! Wenn der Nebenbuhler zum Nebenbuhler erst: du heimtückisches Menschenkind sagt, dann ist keine Gefahr mehr, daß sie sich einander die Hälse brechen. Lieber, bester Herr von Pärnreuther, wenn ich ganz klar in die Verhältnisse sehe, so hängt an Ihnen hier alles; also – werden Sie nicht wütend, laufen Sie nicht im Haß weg, bleiben Sie bei uns, bleiben hier als der Familie liebster, bester, teuerster, treuester Freund und Hausgenosse. Wie wollten Sie Ihrer lieben Wohltäterin, der Mutter dieses jungen Mannes hier, unter die Augen treten können – was Sie doch jetzt müssen –, wenn Sie, die Hände mit seinem Blute befleckt, zu ihr kämen?«

»Alois?« rief Wilhelm.

»Willi!« rief sein Jugendideal, das ihm niemals in solchem Glanze geleuchtet hatte als wie jetzt; trotzdem daß er hinzufügte: »Eigentlich bist du der heilloseste Schlingel, der mir auf allen meinen Schlachtfeldern und im Geschäftsverkehr im Weingroßhandel begegnet ist.«

Die beiden lagen sich in den Armen. Der Onkel Laurian fing wieder an, die Daumen umeinander zu drehen. Der Lützowsche Reiter sagte stillvergnügt, aber doch tief aufatmend:

»Dixi. Ich habe gesprochen, und wie mir scheint, wenn auch etwas aufs Geratewohl, gut und, gottlob, dem Vaterland zum Zweck!«

Dem war ganz gewiß so; aber während er gesprochen hatte, hatte auch noch ein anderer geredet an der Festtafel des deutschen Nationalvereins, und wie es schien, auch der gut und dem Vaterland zum Zweck.

Tusch der Musik! ein immer von neuem wiederholtes, nimmer endenwollendes Hoch der Versammlung.

»Es ist doch grade so, als ob sie sich auch das dazu bestellt hätte!« ächzte der Major Blume, die Hand, die er dem Vater Gutmann nicht gegeben hatte, ihm lassend. Nachher mußte er sich wirklich setzen und tat es.

»O mein teurer Vater,« hauchte Gutmann der Jüngere, sich zu ihm beugend und immer von neuem nach seiner Hand greifend.

»Sie halten gefälligst fürs erste noch den Mund, junger Herr! Zu Ihnen komme ich erst allmählich. Daß du nicht an mich gedacht hast, Klotilde, das war ja natürlich; aber deine Mutter!? Weißt du genau, was die hierzu sagen wird?«

»O Papa, Papa, Papa, sie braucht ja ihn – meinen Wilhelm nur zu sehen!«

»So? Sie braucht ihn – deinen Wilhelm nur zu sehen? Schwager Laurian, meine besten Grüße an den Herrn Legationsrat Richter und den Herrn Professor Rückert in Neuseß: Du hast das Mädel erzogen und verzogen, jetzt sieh wenigstens du zu, wie du in Wunsiedel mit deiner Frau Schwester zurecht kommst!«

 


 

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