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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

Klio hat's aufgehoben auf ihrer ehernen Tafel, wer noch das Wort gehabt hat, bis die Rednerliste erschöpft war: Unruh aus Berlin, Morgenstern aus Fürth, Welcker aus Heidelberg, Crämer aus Doos, Schulze aus Delitzsch! Jeder von den Herren hatte mit seinen Ansichten recht gehabt, nicht nur in seiner eigenen Meinung, sondern auch in der eines mehr oder weniger großen Teiles der Versammlung. Jedenfalls aber war nunmehr alles ausgesprochen worden, was ausgesprochen werden konnte und mußte; es durfte also jetzt wohl wieder Herrn Metz aus Darmstadt, dem Berichterstatter des Ausschusses, das Wort zum Abschluß erteilt werden.

»Wir machen aber vorher zehn Minuten Pause, und der Ausschuß zieht sich dann zu einer nochmaligen Prüfung sämtlicher Anträge zurück,« verkündete der Vorsitzende. Daraufhin fuhren unter großem Gesumm und Sitzgepolter Antragsteller und Gesinnungsgenossen gleichfalls zu letzter Überlegung und Beratung im Saal mit den Köpfen zusammen. (»Wir müssen den Feind in uns bekämpfen, die Selbstsucht nämlich, durch die jeder einzelne glaubt, sein Weg sei der beste!« hatte Crämer aus Doos unter stürmischem Beifall gerufen.) Einzelne jedoch meinten, besser draußen in freier Luft zur endgültigen Erleuchtung und zu einem festen Entschluß in betreff der folgenschweren Abstimmung zu gelangen. Zu diesen nicht wenigen einzelnen gehörte Herr Gutmann Vater.

»Du willst doch nicht gehen?« fragte verwundert Major Blume.

»Meinen Jungen will ich hier haben!« schrie der Vater Gutmann. »Tot oder lebendig will ich ihn wenigstens jetzt hier haben! Wie ich selber stimmen werde, weiß ich auch ohne Metz; aber den Schlingel will ich mit in der Wagschale für mich und den Ausschuß werfen – tot oder lebendig!«

»Na, dann laufe meinetwegen,« brummte der Major. »Pärnreuther, Sie sind mein Mann! Sie brauche ich mir nicht an den Haaren herbeizuholen, wie der da seinen – seinen jungen – Preußen! Na, es soll mich wundern, ob der übrigens wirklich nette Alte seinen Deserteur wirklich aufgreift und bei was für einer angenehmen Unterhaltung er ihn findet. Vergnüglicher und kühler hat der junge Herr sicherlich gesessen, als wie wir hier in unserem Drangsal fürs Vaterland.« – –

»So, Bengel?! Da faß' ich dich!« rief der ›Alte‹ im Gewühl der aus dem Reithaus hervordrängenden ›Einzelnen‹ zuerst natürlich nur sein Kind ins Auge und auch sofort am Kragen fassend. »Ich hätte wahrhaftig Lust, dich – ah, mein Fräulein! . . . und auch Sie, Herr Poltermann – sehr erfreut, Sie auch hier zu treffen, meine Herrschaften; aber Sie werden mir recht geben, daß ich auf diesen Burschen hier einigermaßen erbost bin. Junge, wozu habe ich dich mit hierher nach Koburg genommen? Etwa bloß deines Vergnügens wegen? Wie angerötet das Menschenkind aussieht! Gesteh es, von welchem Getränk aus, aus welcher gemütlichen Ecke, von welchem angenehmen Koburger Fensterplatz aus führt dich dein unverschämtes Glück dem lieben Fräulein in den Weg? Und währenddem, mein bester Herr Poltermann, zieht sich da drinnen die Pyramide in die Spitze zusammen. Die deutsche Zukunft hängt von jeder Stimme ab, die in die Wagschale geworfen werden kann. Sie waren auch nicht recht bei der Sache, Herr Poltermann, aber das geht mich ja weiter nichts an. Du aber, Wilhelm, kommst auf der Stelle wieder mit mir herein und tust das Deinige wenigstens zum Schluß dazu, daß endlich doch – die Vernunft siegt!«

Spätere Koburger, so zum Beispiel des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts, werden Fremde auf die Stelle führen, wo das vorging, was jetzt geschah, und werden sprechen:

»Hier!«

Steht dann auch vielleicht das herzogliche Reithaus nicht mehr, so wird der Platz in der Nähe desselben oder des Ortes desselben, worauf die unselig-selig Verliebten und jach Verlobten mitsamt dem Onkel Poltermann, so nach und nach Fuß vor Fuß setzend, wieder angelangt waren – noch immer vorhanden sein und, wie gesagt, den dann lebenden Leuten gezeigt, zur Hebung des »Fremdenverkehrs« sehr verwertet werden können.

Sie standen vor der Pforte der Reitbahn: Klotilde, Willi, der Onkel Laurian und der Vater Gutmann. Drin saßen der Vater Blume und Herr von Pärnreuther. Um die betäubten Liebenden, den verwirrten Onkel Poltermann und den aufgeregten Vater Gutmann wirbelten und drängten die Abgesandten zur ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, die in der freien Luft besser zu einem letzten festen Entschluß kommen zu können geglaubt hatten. Die zehn Minuten Pause gingen zu Ende; die Gelegenheit, mit einer Eröffnung wie sie die beiden wirklichen Bevollmächtigten der Zukunft des deutschen Volkes auf dem Herzen hatten, nunmehr vor die Versammlung zu treten, konnte also gar nicht günstiger gegeben sein: o, es ist einfach fürchterlich, wie dann und wann das Schicksal sich einen Spaß daraus macht, mit den zartesten Gefühlen auf dem lebendigsten Tummelplatz des Lebens zu spielen!

Wäre der Onkel Poltermann nicht seinen beiden armen Schützlingen zu Hülfe gekommen, sie ständen heute noch da, wie's im Märchen heißt. Der alte Zauberer löste den Bann und zwar auf die allereinfachste Weise. Jean Paulsche Mondregenbogen und Sonnenwirbel kreisten nicht rundum, aber ein gut Stück vom Doktor Katzenberger war in ihm, als er, die Daumen umeinander drehend und den Kopf auf die Schulter legend, erst den jungen Sünder und dann den Erzeuger desselben anblinzelte:

»Gerötet sieht er aus? Angerötet? Hmhmhm, aus der Schenke kommt er heraus, Herr Landsmann? . . . Hm, hm, Sie haben sich nie in einem schönern Irrtum befunden, mein bester Herr! Was kann es helfen? Klingelt nicht da der Weihnachtsmann? Nein, Herr von Bennigsen! Nun Kinder, dann macht rasch! Gesteht es, was ihr getan habt! Wirf dich deinem guten Papa zu Füßen, mein Sohn! Wirf du dich mit, Mädle!«–

Das wäre freilich das Höchste gewesen, was die Liebe im Gedränge der wieder in das Reithaus zurückströmenden Abgeordneten aller verständigen Parteibildungen des deutschen Volkes hätte leisten können. Wilhelm Gutmann machte es doch lieber anders, und sein Mädchen half ihm. Sie rückten vor dem erstaunten Vater Gutmann aneinander, Schulter an Schulter, er legte ihr den Arm um die Hüften, sie legte ihm den ihrigen auf die Schulter, der Vater Gutmann hätte sich am besten in seiner Verblüffung steif hingelegt, flach auf die Erde.

»Wenn ich nur sein Gesicht bei der Geschichte hätte sehen können!« sagte noch Jahre nachher die Mutter Gutmann, und sie hatte recht: sehenswert ist sein Gesicht damals gewesen. Da es der Sohn der Mutter nicht beschreiben konnte, so lassen auch wir lieber unsere Hand und Kunst davon.

»Ja, Papa, das ist sie!« stammelte jetzt aber dieser Sohn, »du hast sie ja auch schon kennen gelernt auf der Fahrt von Immelborn her! . . . Vater, das ist sie für Zeit und Ewigkeit, und du hast ja selber auch schon gesagt: ›Das ist doch ein ganz reizendes Mädchen!‹ Und ich bin überzeugt, zu Hause die Mutter –«

Der Alte sah aus seiner Versteinerung heraus vollständig an dem verlegenen Stotterer vorüber; immer fester, mit immer größeren, merkwürdigeren Augen sah er auf den allerliebsten Fang, den Reisefang desselben. Was blieb dem armen Kind übrig, als unter diesem Blick immer verlegener, immer verschämter, und dazu von rechts und links gepufft und geknufft von allen in die herzogliche Reitbahn zurückdrängenden politischen Tieren (nach Aristoteles!) in ein helles, erbarmenflehendes Mädchengeweine auszubrechen? Der alte, brave, vergnügliche Musterreiter, der Vater Gutmann aus H., sah es ihr vom Herzen, vom Zwerchfell aufwärts steigen, sah sie in ihrer Kehle mit ihm ringen, sah es die Oberhand über ihren Widerstand gewinnen im Zucken ihrer Schultern, sah es ihr an der Nase und den – Augen an, daß sie »losheulen« würde, und – hatte in seinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal »solchen nichtsnutzigen Weibertränen widerstanden.«

»Mein Töchterchen – aber ist es denn glaublich? möglich?«

»O Gott, ja Papa! Aber – meine – Schuld ist es wirklich nicht! Ohne ihn – ohne Willi würde ich nicht – und, und, o Gott, Gott, mein Vater weiß ja auch noch nichts davon!«

In diesem Augenblick läutete drinnen, in der herzoglichen Reitbahn, Herr von Bennigsen so mit seiner Glocke, daß die letzten noch draußen weilenden Mitgründer des neuen deutschen Reiches nicht nur an der Familienszene vorbei, sondern beinahe über sie weggestürzt wären, hinein in die Halle, zur letzten Handreichung und Mitarbeit am großen Werke. Und hinein in den Tummel schleuderte der Vater Gutmann seinen Sohn Wilhelm und mit der andern Hand griff er zartfühlend nach dem zittrigen Händchen seines – Schwiegertöchterchens:

»So! . . . Jetzt bin ich hier außen an der Reihe und du da drinnen. Junge! Jetzt wünsche ich auch hier klar und nachher nach dem Rechten zu sehen und meine Stimme mit Vernunft abzugeben. Knabe, ich rate dir, daß du jetzt doppelt deinen Verstand zusammennimmst und mir keine Dummheiten begehst.«

Der Knabe hielt dies anfangs noch für Scherz; aber nur für einen kürzesten Moment. Die in die Halle zurückströmende Flut von Vaterlands-Verdruß, -Ekel, -Wut, -Hingebung und -Begeisterung faßte ihn, hob ihn trotz alles Zappelns seiner Privatgefühle, nahm ihn, betäubt, widerstrebend, willenlos mit sich hinein. Wie es eigentlich zugegangen war, wußte er nicht, aber er fand sich im bittern Ernst plötzlich wieder inmitten des Zweckes, wegen welches er im Grunde doch einzig und allein nach Koburg gekommen war; aber dazu noch auf dem Sitz zwischen seinem wirklichen Freunde Alois von Pärnreuther und seinem, immer doch nur erst möglichen, Schwiegervater. Der erstere verbiß, mit dem Knie emporzuckend, den Schmerz eines zertretenen Hühnerauges; der andere rieb sich, mit hochgezogenen Augenbrauen, die Schulter, an welche sich der zukünftige, das heißt noch immer erst mögliche, Sohn und Schwiegersohn gerade nicht geschmiegt hatte. Er war wirklich mehr daran geworfen worden, und erst nachdem der Major ihn als seine Reisebekanntschaft erkannt hatte, nahm er ihn leicht und sagte auf dem Stockzahn lachend:

»Aha, junger Herr, sind Sie endlich da? Donner und Doria, Ihnen merkt man es an, daß Sie jetzt noch gern Versäumtes nachholen möchten! Ja, ja, so geht man in Ihren Jahren um die Schule herum, übrigens können Sie mir doch dankbar sein, der Herr Vater hat schon nach Ihnen ausgeschaut! Ich hab' ihn aber immer von neuem beruhigt: Lassen's ihn doch, den jungen Herrn, Papa Gutmann; wir zu unserer Zeit hätten's wahrscheinlich nicht anders gemacht. – Nun aber mal auch im Vertrauen, haben's noch ein neues angenehmes Lokal und sauberes Getränk für uns hier in Koburg ausgefunden?«

 


 

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