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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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Neunzehntes Kapitel.

So? da fasse ich dich, Willi?« rief Herr Alois, in die Minute hineinstürzend. »Und Sie auch, Herr Poltermann! Die Sitzung wird eben von neuem eröffnet. Meine Herren, ich bin hierher gekommen nach Koburg, eigentlich ohne Ahnung – so ganz nur zu meinem Vergnügen! – eine Ahnung von dem bittern Ernst, um den es sich handelt, habe ich wirklich nicht gehabt; aber – ich habe dich, Willi, und – begreife nicht, wie Sie, Herr Poltermann, hier sitzen können – entschuldigen Sie, Fräulein Klotilde – und uns die Sache allein ausfechten lassen. Willi, Willi, deinen Vater habe ich auch noch nie mit einem solchen dicken, roten Kopfe gesehen, und er hat dich sehr vermißt! Und Ihr Herr Vater, Fräulein Klotilde –«

»O Gott, mein Vater? . . .«

»Ja, der wird bald rot, bald bleich und hat geschworen, nur über seine Leiche ginge der Weg nach – zu – zur« –

»Wohin? Wohin?« rief Klotildchen in zitternder Aufregung, doch der Wiener Weingroßhändler stand darauf einigermaßen verlegen und ratlos.

»Ja, wohin? Freilich! Kommen Sie mit, Herr Poltermann. Komm sofort mit zurück in das Reithaus, Willi! Ihr werdet es am besten selber dort hören – wohin!«

»Gehe mit ihm,« flüsterte der Onkel Laurian Herrn Gutmann dem Jüngeren zu. »Führe ihn wieder ab. Vielleicht ist es recht gut, und jedenfalls mir sehr lieb, mit meinem armen Kinde ein paar Augenblicke allein zu sein.«

Wilhelm sah sein Mädchen an. Wenn nicht in Verzweiflung, so doch in vollkommener Verstörtheit und Verwirrung aller Begriffe von Politik, Freundschaft, Nächstenliebe, Elternliebe und – Liebe überhaupt. Eben erst in Stille, Friede und lieblicher Einsamkeit zusammen für Zeit und Ewigkeit, und jetzt schon das erste Abschiednehmen – ein Weggerissenwerden, ein Hineingerissenwerden in den gemeinsten, ödesten, schnödesten, allerdummsten, nichtssagendsten Vaterlandsphilisterkrakeel! Zum Elendsaufkreischen lächerlich, – abgeschmackt – und – doch, doch wäre es ihm auch sehr unangenehm gewesen, sich bis zum Auffälligwerden gegen Pärnreuther – gerade seinen Freund Pärnreuther zu sträuben. So blieb ihm doch nichts übrig, als Klotilden und dem Onkel Poltermann noch einen Blick des Jammers und der Wut zuzuwerfen und den Arm des Freundes, des Jugendideals, zu nehmen. Alois zog wirklich mit ihm ab, und das Schafsmäßige bei der Sache lag ganz auf Herrn Wilhelm Gutmanns Seite. Was die Neugestaltung des deutschen Volkes von seiner Stimmung zu erwarten hatte, nun, das mochte sich möglicherweise ja auch ausweisen; aber eines wußte er ganz genau: nämlich wohin in einer gewissen Richtung nur über seine Leiche der Weg ging.


Sie hatten sich alle zur Fortsetzung der Verhandlungen gestärkt. Mit mehr oder weniger roten Köpfen hatten sie sich aus dem herzoglichen Reithause herausgedrängt, einen politisch verblaßten Eindruck machten sie auf keinen der anwesenden Berichterstatter, als sie sich nunmehr wieder hineinzwängten.

Im Tor der Halle schob Alois den Sohn Gutmann dem Vater zu, und letzterer packte sofort zu und nahm sein Kind beim Kragen:

»Bengel, wo hast du gesteckt? Wo hast du die ganze Zeit über gesteckt?«

Für einen aus dem Empyreum Herabgesunkenen paßte der Ausdruck »Bengel« kaum; allein abzuschütteln war er so wenig, wie die väterliche Faust, die jetzt den Sünder und »Herumtreiber« am Oberarm nahm und an seinen richtigen Platz zurückführte.

»Hier bleibst du, bis ich gehe! Meinst wohl, du willst bei der späteren Abstimmung mich die Suppe allein ausfressen lassen, um nachher, wenn die Geschichte schief gehen sollte, zu Hause desto frivoler das Maulreißen haben zu können? Ne, ne, mein Sohn. Bist du in Koburg, das neue deutsche Reich zu gründen, so gründe es auch mit! Privatkneipereien werden heute mal nicht statuiert! Allotria werden nicht auf eigene Faust getrieben!«

»Allotria?!« murmelte der verstörte Jüngling. Er hatte sich wirklich erst darin zurechtzufinden, daß andere Leute anderes ernst nahmen, daß die Leute heute hier in der herzoglichen Reitbahn ihre Sache mit dem bittersten Ernst nahmen, und daß wohl nur eine Aufregung wie die seinige dazu gehöre, um die ihrige nicht mehr zu begreifen.

Aber willig oder widerwillig, er war wieder mit drin. Herr von Bennigsen erteilte Herrn Streckfuß aus Berlin das Wort, und nur, wenn wir uns ganz in die Seele des so frisch Verliebten und Verlobten versetzen, können wir ihm nachempfinden, wie störend es auf seine Gefühle wirkte und in seinem Gedankenzusammenhang im Verlaufe der Verhandlungen eingriff, wenn er alle Augenblicke die väterliche Faust in seiner Seite verspüren und die Frage vernehmen mußte:

»Aber Junge, bist du auch bei der Sache? Es scheint mir wieder nicht so!«

Es hatte dem bekümmerten Vater sehr häufig »wieder nicht so zu scheinen.«

»Was hast du denn eigentlich, Menschenkind? Was guckst du immer so nach der Tür? Da auf Herrn Streckfuß aus Berlin höre! Der Mann hat vollständig recht. Wer von uns hier weiß denn noch genau was von der Reichsverfassung von 1849? Ich nicht! Du nicht! Du wahrscheinlich auch nicht, Bruder Major, – also nur keine unnötige Aufregung drum. Historisches Recht? Pah! Bravo, Herr Doktor! Ganz meine Meinung. König Franz von Neapel besteht nach historischem Recht auch noch als letzter Bourbone; aber – Garibaldi hole ihn so schnell wie möglich! – Junge, Junge, ich sage dir, du bleibst hier – du gehst mir nicht wieder durch. Glaubst du etwa, hier der Herr Major und ich sagten uns nicht ebenfalls draußen in einer gemütlichen Wirtshausecke behaglicher unsere gegenseitige Meinung? Jetzt kommt Pickford aus Heidelberg.«

Pickford aus Heidelberg kam und über ihn kam es beinahe schon wieder zu einem recht unbehaglichen Konflikt zwischen den zwei zukünftigen Schwiegervätern.

Doktor Pickford aus Heidelberg sagte nämlich den Frankfurtern geradeweg ins Gesicht, ihre Meinung sei, daß der Prinz-Regent von Preußen sich erst von ihnen ein Zeugnis des Wohlverhaltens zu holen habe, ehe ihn gegenwärtige Versammlung als Führer Deutschlands nur in Aussicht nehmen könne. Den König Viktor Emanuel und den General Garibaldi habe sich der hohe Herr bis jetzt wahrlich noch nicht zu Mustern genommen, und das sei doch unbedingt notwendig, um vom deutschen Volke auf den Schild gehoben zu werden.

»Zur Ordnung! Zur Ordnung!« riefen die Frankfurter, und der Major Blume aus Wunsiedel rief mit.

»Schreien die Herren da nicht ein bißchen ins Blaue hinein?« fragte Vater Gutmann ironisch, und das nahm der Vater Blume übel und ließ es so derb bayerisch aus, daß diesmal statt des Onkels Poltermann Herr Alois von Pärnreuther ängstlich wurde, nach den respektiven Rockschößen griff und trotz eigenster Aufregung bat:

»Meine Herren, jedes Mannes Gefühle werden ja heute verletzt – die meinigen auch! – aber – ich bitte Sie darum doch: ausreden lassen!« . . .

Eben erinnerte der Präsident den Redner an die Geschäftsordnung, in der Versammlung erscholl der Ruf: »Weiterreden!« und Doktor Pickford sagte:

»Ich schließe, meine Herren. Wollen wir eins werden, so bedürfen wir der preußischen Führerschaft, und wollen wir diese Führerschaft, so müssen wir ihr nach Kräften in die Hände arbeiten. Die Freunde in Süddeutschland aber erinnere ich daran, daß wir damit nicht dem Manteuffelschen Regiment, ja nicht einmal dem gegenwärtigen Inhaber der preußischen Krone, sondern einzig dem Staate huldigen, den Friedrich der Große geschaffen und unser Landsmann, der Freiherr vom Stein, regeneriert hat.«

Stürmischer Beifall, während welchem Alois auf seinen Sitz zurücksinkend ächzte: »Es ist gerade, als ob wir heute schon gar nicht mehr vorhanden wären! Willi, Willi, wofür habe ich denn geblutet? Mein Kopf, mein Herz, meine Nerven, o, hätte ich sie doch noch so beisammen wie vor zehn Jahren, nachdem mich deine gute Mutter wieder herausgefüttert und auf die Beine gestellt hatte und ich für – Deutschland – Alldeutschland nach Schleswig-Holstein ging!«

»Das war eben damals dein Privatvergnügen!« brummte Willi Gutmann. »Unseres Privatvergnügens wegen sind wir aber heute hier nicht in Koburg zusammen, sondern endlich einmal wirklich des deutschen allgemeinen Besten wegen. Könntest du nicht wenigstens noch einmal den Versuch machen, so rasch als möglich von Wien aus am Vaterland mitzubauen?«

Ja, ja, die Liebe treibt zu vielem! Glücklicherweise hub in diesem Augenblick Rechtsanwalt Georgii aus Eßlingen von der Tribüne aus seine Rede an mit dem Wort: »Freunde!« weil er dachte, daß »Männer, die einer Sache dienten, befreundet seien und blieben, möchten auch ihre Ansichten noch so weit auseinander gehen.«

»Sehr gut! bravo!« rief Wilhelm Gutmann aufspringend und in die Hände klatschend, daß er nicht wenige mit für das gute Wort begeisterte und sie bewog, bei dem Beifallslärm mitzuhelfen. Natürlich mußte ihm daran liegen, daß Klotildens Vater und der seinige in dieser Hinsicht wie Georgii dächten.

Leider sagte sein Vater nur:

»Nun hör aber endlich auf und laß den Herrn weiterreden!«

»Ich bin aus Württemberg,« erklärte merkwürdigerweise der süddeutsche Turnvater Jahn. Ob er an den Nestelschwab dachte, der solches zu seiner Entschuldigung vorbrachte, müssen wir dahingestellt sein lassen. »Ich bin aus Württemberg,« sagte er, »welches bis jetzt nur wenige Mitglieder für den Verein gestellt hat; diese scheinbare Teilnahmlosigkeit liegt aber nicht darin, weil wir weniger als die anderen für eine machtvolle Einheit unseres Vaterlands begeistert wären, sondern weil – weil –«

Na, kurz und gut, die Schwaben trauten, trotz des schönen Eingangswortes ihres Abgesandten, den Preußen noch lange nicht!

»Sehr gut! bravo, bravissimo!« rief Herr Alois von Pärnreuther, seinerseits aufspringend und Beifall klatschend. Ihn zog der Major auf den Sitz zurück, als Georgii fortfuhr:

»Die preußische Führerschaft um jeden Preis wird kommen in einer Zeit, wo kein anderer Weg mehr vorhanden ist, wo die Gefahr an die Tore klopft, und niemand anderes da ist. Dann wird es jeder Dank wissen, wenn Preußens Regent und Preußens Heer bereit sind. Dann aber braucht es keiner Versammlungen mehr.«

»Keine Versammlungen mehr? Sind wir endlich aufgelöst? Ist die Geschichte zu Ende?« fragte Willi Gutmann, wiederum aufspringend. Er mußte wohl nicht gut hingehört haben, sondern mit seinen Gedanken wo anders gewesen sein.

»Bist du denn ganz verrückt, Junge?« fragte ihn sein mehr und mehr erstaunter Vater, und seufzend sank er zurück und haßte während der nächsten zehn Minuten niemand mehr in der Welt als Herrn Bürgers aus Köln, der noch einen neuen Verbesserungsantrag zu dem Ausschußantrage übergab. Bürgers erhielt »großen Beifall« von der Versammlung und konnte also auf den Willis verzichten. Übrigens wünschte er nur etwas ganz Selbstverständliches, nämlich, daß das deutsche Volk von der zu gründenden Zentralgewalt alle Garantie fordere, daß dieselbe die Interessen Deutschlands nach jeder Richtung tatkräftig wahrnehme und alle Schritte tue, welche zur weiteren Durchführung der deutschen Einheit und damit zur Begründung eines großen mächtigen Reiches deutscher Nation geboten sein würden. Wie er den Wunsch begründete, entging dem Kameralsupernumerar Gutmann gänzlich; denn der hörte plötzlich seinen Freund Alois zum Major Blume sagen:

»Wenn Sie zu Fräulein Klotildens Vergnügen auf dem Abstecher nach Nürnberg bestehen, so bin ich natürlich unbedingt dabei. Herziger wär's mir freilich, wir führen allesamt nach dem Ende dieser fürchterlichen Tage hier nach Wunsiedel zur Mama zurück. Was mich anbetrifft, so habe ich hier in Koburg völlig genug. Sie glauben's mir ja doch nicht, wenn ich in Wien davon erzähle.«

Er, Willi, hatte nur gehört, gehorcht; aber wir sprächen besser von einem grellen Seitenblick! Vor diesem grellen Seitenblick, den er plötzlich in sein eigenes mögliches Menschenschicksal, trotz möglicher herrlichster Neuaufrichtung und Zusammenleimung des deutschen Volkes, getan hatte, entging Gutmann dem Jüngeren, was Bessels aus Köln noch sagte und was Dr. med. Ludwig Rückert aus Koburg und Dr. med. Lüning aus Rheda in ihrem gemeinschaftlichen Kompromißantrag noch zum besten zu raten wünschten, vollkommen. Wie er sonst philosophisch darüber denken mochte: augenblicklich bestand ihm der Mensch doch aus Körper und Seele und zwar beides sehr getrennt. Mit dem Körper befand er sich freilich in der herzoglichen Reitbahn; aber seine Seele war draußen – ganz! sie konnte gar nicht abgetrennter vom Leibe draußen sein.

»Mein armes Mädchen, so weit waren deine Eltern schon mit dir und ihm? . . . Und nach Nürnberg will er zu deinem Vergnügen auch mit? Holla!!« – – – Es war fast ein Glück zu nennen, daß ein Rippenstoß seines Vaters ihm die Seele wenigstens wieder zum Teil in den Körper zurückrief und ihn hinderte, sich in der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins lächerlich und seinen Jugend-Ideal-Freund, Alois von Pärnreuther tot zu machen.

»Ich frage mich nochmals, wozu ich dich eigentlich mit nach Koburg genommen habe, wenn du mir auf diese Weise wie unzurechnungsfähig weiterzappelst!« schnurrte Vater Gutmann dem Sohne nunmehr aber im Ernste erbost ins Ohr. »Jetzt kommt ein Mann, der meiner Meinung nach vor allen eine Zukunft hat. Tu mir den Gefallen und höre den wenigstens als ein verständiger Mensch an!«

Obergerichtsanwalt Dr. Miquel aus Göttingen war's, der kam, und verblüffte den Vater Gutmann zuerst ungemein dadurch, daß er heiter bemerkte:

»Meine Herren, die ganzen Verhandlungen über das Programm scheinen mir nicht von dem Werte zu sein, den man ihnen beilegt.«

»O Klotilde!« hauchte der Sohn Gutmann.

»Na, so was?!« brummte der Vater Gutmann und zwar ganz vernehmlich.

Aber Dr. Miquel fuhr fort:

»Wir sind in einem Vereine, der nur vorbereitet, keine reale Macht besitzt, nur die Nation geistig heranbilden will, der die Hoffnung auf die Zukunft setzen soll. Was wir also hier beschließen, wird von sehr geringer Bedeutung für die Verhältnisse sein. Wir können nicht absehen, welches der letzte Ruck sein wird, der angesetzt werden muß, um zur Einheit zu gelangen, ob mit Hülfe Preußens, ob durch die Revolution oder durch die öffentliche Meinung und so weiter! Was wir tun wollen und können, ist, die Frucht reif zu machen und den Boden zurechtzulegen für den Moment, der da kommen muß.«

»O Klotilde!«

»Die Hauptsache ist, daß der Nationalverein zusammenbleibt und seine Bestrebungen, auf Einheit gerichtet, fortsetzt und fortwährend die Aufmerksamkeit der Nation darauf richtet, die Hindernisse zu beseitigen sucht, und erst dann die Frucht pflückt, wenn eine da ist, die gepflückt werden kann.«

»Ich habe ihn lieb wie meinen Bruder, aber nach Wunsiedel kommt er nicht lebendig mit ihr,« ächzte Willi Gutmann in der Tiefe seiner Seele und meinte in grimmigster Entschlossenheit mit dem »ihn« und »er« seinen »Freund« Alois von Pärnreuther. Was Miquel sonst noch redete, entging ihm dabei leider wieder ganz, übrigens trat dieser Redner auch unter wenig Beifallsgeräusch ab, nachdem er ruhig geschlossen hatte:

»Sind doch die Italiener auch einig geworden, wo die Mazzinisten alle Staaten beseitigen wollten, während andere einen Förderativstaat wünschten und die italienischen Gothaer einen allmählichen Anschluß an ein einiges Italien als Programm aufstellten. Heute sind sie einig, weil die Verhältnisse nur noch den einen Weg gelassen haben: Einheit unter einer monarchischen Spitze. So wird es uns wohl auch gehen. Wir wollen die Einheit um jeden Preis, vielleicht selbst mit Aufhebung der kleineren Staaten, wenn das nötig wird; daher erkläre ich mich immer wieder für die Ausschußanträge.«

»Ich auch!« rief Wilhelm Gutmann, wie in der Schule die Hand ausstreckend. »Wären sie doch gleich angenommen worden! O mein süßes Mädchen! Das kann sich noch in die Ewigkeit hinziehen! Wenn ich nur wüßte, wie ich wieder herauskäme!«

»Herr Schmelzkopf hat das Wort,« rief Rudolf von Bennigsen vom Präsidentensitz, und – o – wenn sich die Sache mit dem Gefühl hätte machen lassen, dann wäre vieles nicht noch nötig gewesen, dann wäre Willi Gutmann längst wieder draußen bei seinem Mädchen, – dann wären sie alle – alle, alle sofort draußen – drinnen im großen, mächtigen, einigen, einzigen, blühenden deutschen Reich gewesen, und – Unruh aus Berlin hätte nicht doch noch, auch nach diesem Redner, das Wort erhalten!

»Wohl weiß ich, deutsche Männer,« sagte der Redner, der sich jetzt über die Häupter der Versammlung erhob, »daß ihr alle mit der genauesten Erkenntnis der ernsten Zeitverhältnisse, mit dem besten Willen und der festesten Überzeugung hierher gekommen seid in die Oase Koburg; daher richte ich kurz nur die Bitte an euch: denkt und handelt als weise Staatsmänner, als echte Patrioten, als deutsche Brüder! Ich sehe dort eine hohe, edle Gestalt im schwarzen Kleide, bleich und abgehärmt, und gleichwohl so frisch und lebenskräftig; sie blutet aus vielen Wunden; o, ich brauche sie euch nicht erst zu nennen: es ist unsere teure Mutter Germania! Tut alles, was ihr unter den gegebenen Verhältnissen für möglich und gut haltet, um ihre Wunden zu heilen. Doch hütet euch vor dem Mikroskop! Wer das Mikroskop in die Hand nimmt, entdeckt immer etwas Neues, und manchem war dann das Mikroskop nicht vollständig genug! Tragt Sorge, daß nicht vor lauter Gründlichkeit das deutsche Volk zugrunde geht! Und weiter sehe ich dort traurige Gestalten – im Leichenhemde – das sind die Manen aller Deutschen, die im heiligen Kampf um die höchsten Güter des Lebens, im unseligen Bruderzwist gefallen sind! Bei den Grüften unserer deutschen Brüder in Schleswig-Holstein, bei den deutschen Grüften in ferner Scholle jenseits des Ozeans, bei den deutschen Grüften in jenem herrlichen Lande, dessen Alpen, die treuesten Wächter deutschen Wesens, in den blauen Himmel ragen, beschwöre ich euch: denkt und handelt als weise Staatsmänner, als echte Patrioten, als deutsche Brüder!«

Sie hingen ihm alle am Halse – symbolisch –, die in dem Reithause mit ihm fühlten. Von den uns besonders Angehenden Alois von Pärnreuther »frenetisch«, Major Blume aus Wunsiedel ruhiger, aber ebenso innig. Auch der alte Lützower Reitersmann, Pastor Nodth, winkte ihm vom Platze aus lächelnd, freundlich, zustimmend zu. Wer von unseren näheren Bekannten bedenklicher: »Na, na, na!« sagte, das war der Vater Gutmann aus H., und er erhielt auch sofort seine Strafe; denn fragend nach seines Sohnes Meinung sich umsehend, hatte er zu rufen:

»Herrgott, wo ist der Junge? Weiß Gott, ist mir der Bengel doch richtig wieder durchgegangen! Da verlasse sich einmal einer auf seine nächste Nachkommenschaft, wenn es sich darum handelt, die fernste Zukunft seines Volkes zu begründen!«


Die günstigste Gelegenheit zum Durchgehen hatte es freilich wieder benutzt, das jüngste Mitglied der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, draußen war es; aber nun wohin mit seinem Mikroskop im Herzen, das war eine andere Frage. Sein Mädchen wiedersuchen! Natürlich! Aber wo? Im Garten der Ehrenburg konnte es doch nicht alle Ewigkeit sitzen geblieben sein, auf der Götterbank, mit dem Onkel Poltermann!

Koburg war keine große Stadt, aber nach der Geliebten suchen konnte man doch darin. Also – wie immer in solchen Dingen – fürs erste blind losgestürmt! aufs Geratewohl der Nase nach! und selbstverständlich in der falschen Richtung, letzteres wieder mal nur, um dem Glück Gelegenheit zu geben, sich von seiner liebenswürdigsten, gefälligsten Seite zu zeigen.


»Willi! Willi! Willi! Aber – Willi!«

Daß dieser Ruf ihm galt, konnte er doch nicht wissen; denn laut schreien hatte er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gehört. Erst als eine heisere, knarrende, außer Atem gekommene andere Stimme dem holden Jagdruf seinen Familiennamen hinzufügte:

»Aber Herr Gutmann –«

und seinen Titel:

»Herr Kameralsupernumerar Gutmann!«

hielt er an im Vorstürzen, stand er, starrte, fuhr herum und – sah sie hinter sich herlaufen: sie und den armen, atemlosen Onkel Poltermann.

»Der Mensch ist ja reinewegs wie verhext!« ächzte der letztere. »Recht gut auf den Beinen; aber, wie mir scheint, etwas schwerhörig. Wirst in deiner Ehe also wohl dann und wann etwas laut zu sprechen haben, Tilde, wenn – ihr wirklich noch zusammenkommen solltet.«

»Aber Onkel? . . . Willi!«

Zum letztenmal klang der letztere Ruf und jetzt dem Geliebten wie Sphärenklang melodisch. Auf dem Königsplatz in Kassel antwortet das Echo dem Anrufer siebenmal; zehntausendmal, hunderttausendmal antwortete das Herz des Geliebten der Geliebten, und auch das reichte noch nicht.

Er stürzte ihr entgegen. Er streckte ihr die Hände zu, sie reichte ihm die ihrigen, und der Onkel Poltermann keuchte:

»Also bist du wirklich wieder draußen?«

»Wo sollte ich denn sonst sein?« rief der Jüngling, seiner Jungfer in die Augen sehend. Seinetwegen hätte das deutsche Volk seine Neugestaltung nochmals für einen Zeitraum verschieben dürfen, wie von dem Frieden von Münster und Osnabrück bis auf den gegenwärtigen Tag. Den Himmel in ihren Augen, in ihrem Herzchen hatte er sicher; dummes Zeug alles übrige! seinetwegen mochte die ganze Welt einfallen.

Fürs erste aber bemerkte seine Himmlische, allgemach wieder zu Atem kommend:

»Jesus, Herz, wenn ich nicht so gelaufen wäre und so geschrieen hätte, so liefest du noch und ließest uns dir um ganz Koburg nachlaufen! Da sieh dir mal den guten Onkel an!«

»Ja, sieh dir mal den guten Onkel an!« keuchte der Onkel Laurian. »Na, ihr zwei könnt euch wahrhaftig gratulieren, daß ich in dem Jean Paul aufgewachsen bin und noch in seine Zeit hinunterreiche! Wie weit sind sie denn da drinnen – ich meine in der herzoglichen Reitbahn?«

»Ja – wie weit? Ein Herr Miquel hatte das Wort, und Alois – Herr von Pärnreuther hat einem Herrn Schmelzkopf aus Braunschweig einen Kuß geben wollen, wegen einem Mikroskop im Kopf und wegen – ja, was denn? – wegen Schleswig-Holstein.«

»Aber Menschenkind! Mensch, wo bist du denn? Dort war er ja freilich im Jahre Neunundvierzig. Er hat dort wacker mitgeschlagen – mit dem Strick um den Hals von Windischgrätz her! Eure Bekanntschaft, eure Zuneigung, eure Freundschaft mit ihm, Wilhelm, stammt ja von dort her.«

»Aber nicht mit uns, nicht mit mir. Zu uns ist er erst als ungarischer Weinhändler nach Wunsiedel gekommen,« hauchte Klotilde Blume. »Meinetwegen mag er küssen, wen er will, nur – und dann, wie lange ist das eigentlich her: Achtzehnhundertneunundvierzig?«

»Unendlich lange!« ächzte der Kameralsupernumerar Gutmann – Gutmann der Jüngere aus H., den Arm um die Kleine schlingend. »Ich ging noch in die Schule.«

»Und mich stellte Mama in die Ecke, wenn ich damals unartig war, bis der Onkel Laurian kam und mich losbat. Damals verließ sich die Familie noch nicht auf mich, wenn es sich darum handelte, die Tante in Immelborn bei guter Laune, bei lieber Stimmung für sie zu erhalten. Hast du auch einmal in der Ecke stehen müssen, Willi?«

»Immer! Bis heute morgen – bis du mich herausholtest,« jauchzte er. Es war doch zu entzückend, jetzt schon von ihr ausgefragt und dazu »Willi« genannt zu werden: er, der vorgestern morgen noch nicht die kleinste Ahnung von ihr hatte, sowie sie nicht von ihm.

O Deutschland, Deutschland, wie bringst du deine Kinder von Nord und Süd doch zusammen, wenn du nicht bloß den Kopf, sondern auch das Herz darauf gestellt hast. Selbst bei Gelegenheiten, wo sich sonst deine Kinder am liebsten mit den Fäusten unter die Nase gehen, gelingt es dir, daß wenigstens zwei von ihnen, natürlich von zweierlei Geschlecht, sich kriegen!

Aber waren sie denn schon fest zusammen? Hatten sie sich fest, die beiden armen deutschen Kindlein, Willi Gutmann und Tilde Blume? Saßen nicht noch die harten Väter unerweicht drinnen in dem herzoglichen Reithause, wußten noch von nichts, spannen giftig mit am neuen deutschen Reich, und spieen möglicherweise sofort Gift, Wut und Galle, sobald sie erfuhren, was sich hinter ihrem Rücken angesponnen hatte?

Onkel Poltermann machte hierauf aufmerksam.

»Nehmt doch die Sache nicht so leicht,« meinte er kopfschüttelnd. »Auch den armen und wirklich herzensguten Herrn Alois nicht!«

»Sei mir von dem still!« rief weinerlich-ärgerlich Klotildchen, mit dem Fuße aufstampfend.

»In deiner Abwesenheit bei unserer guten Tante Adele hat sich das Verhältnis zwischen deiner lieben Mama und ihm noch um ein Bedeutendes fester gezogen.«

»O, Willi, es ist leider so!« schluchzte Klotilde. »Es ist ärgerlich, aber es wird wohl so sein, wie der Onkel sagt. Da ich wegen meiner Aufopferung draußen mich zu Hause nicht persönlich wehren konnte, wird wohl ganz Wunsiedel uns schon ganz sicher für verlobt halten und uns so von Haus zu Haus herumtragen.«

»Der Satan soll ganz Wunsiedel holen!« rief er, sich dieses rasch bis ins furchtbarste ausmalend, Kameralsupernumerar Gutmann.

»Das sage doch nicht,« sprach wiederum der Onkel Laurian kopfschüttelnd. »Weißt du wirklich, was Wunsiedel dem deutschen Volke und also auch dir bedeutet?«

»Jawohl! . . . natürlich!« keuchte der Jüngling lachend, aber nicht aus Wohlwollen lachend. »Ihren Jean Paul Friedrich Richter –«

»Nein, mein Sohn! Den zwar auch, aber die ganze deutsche Familie dazu, von Flachsenfingen bis Wien und Berlin, in Gemüt, Herz, Hochsinn – in Gemütlichkeit, Herzlichkeit, Zartsinn und – dem vollen Gegenteil von alledem! Junger Mensch, bei dir zu Hause hast du dasselbige, aber siehst darüber weg, weil du es zu nahe vor dir hast. In Wunsiedel wirst du das Ding objektiv fassen müssen. Nur wer mit den gegebenen Verhältnissen rechnet, kommt zu etwas; dort in der herzoglichen Reitbahn werden sie sich wohl auch darin finden müssen, wenn sie zu etwas kommen wollen.«

»Mein Herz, mein höchstes Glück,« rief der jüngere Gutmann, sein Mädchen von neuem fester an sich ziehend, »was geht uns zwei denn das alles an? Wenn wir ihnen ganz durchgingen –«

»Hinein in die Welt Jean Paul Friedrich Richters?« lächelte der Onkel Poltermann.

»Papa hat mich nach Koburg zu seiner dummen Politik berufen, um mir ein Vergnügen zu machen,« schluchzte seine Nichte. »Hat er es mir gemacht? sag es selber, Onkel, hat sich wer von euch nach mir umgesehen, außer hier meinem – meinem nun einzigen, ewigen, einzigen Willi? Aber sei nur ruhig, mein armer Engel, wenn ich mir mein Vergnügen endlich selber ein bißchen gemacht habe, so können sie das uns höchstens nur stören; unser Glück werden sie uns nicht nehmen!«

»Kinder! Kinder!« rief der Onkel Poltermann halb in Entzücken, halb in Verzweiflung um die beiden mit gerungenen Händen herumhüpfend. »Was seid ihr für Kinder! O, und ich! ich! Meines Vergnügens wegen hat mich dein Vater, Mädchen, und dein Herr von Pärnreuther, du armes Närrchen, nicht mit nach Koburg genommen, sondern nur, um auch meinerseits alle Gegensätze im deutschen Volke ausgleichen zu helfen, und – und – nun stecke ich so darin! Mädchen, wenn die nun da drinnen in völliger Harmonie wären und dein Vater herausgestürzt käme, um dich und den Herrn Alois mit dem ganzen übrigen deutschen Volk an sein Herz zu drücken, und dich gar nicht so fände, hätte er dann diesmal nicht wirklich alles Recht, zu sagen: So sind diese Preußen?!«

»Aber ich habe es ja schon zehntausendmal gesagt, daß ich gar kein Preuße bin!« schrie Wilhelm Gutmann aus der Stadt H.

»Für uns hier zu Lande doch aus dem nämlichen Topfe. Aber was ist denn das? Ist denn schon wieder eine Erfrischungspause? Das ist ja dein Vater, Sohn Gutmann, der da hergestürzt kommt!«

 


 

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