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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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Achtzehntes Kapitel.

Ja, glücklicherweise, aber nicht bloß für sie, die liebe, aber – na, na! – Nichte kam der gute Onkel Poltermann zuerst. Auch Herr Willi Gutmann konnte ihn unter geschilderten Umständen recht sehr als Vermittler zwischen Himmel und Erde gebrauchen! Und auf daß man ihn nach der rechten Art ge- und verbrauchen konnte, kam er aus der wilden germanischen Katzbalgerei im Reithause ganz und gar wie aus einer deutschesten, wunsiedelerischten Idylle heraus, mit dem gutmütigen, feinen Näslein auf der Suche nach rechts, nach links, nach hinten über die rechte Schulter und über die linke Schulter, nur nicht geradeaus dorthin, wo sie saß, die er suchte.

Natürlich suchte er seine Nichte, hatte sie in der Zwiebelmarktgasse gesucht und »merkwürdigerweise« dort nicht gefunden in der Gesellschaft der Witwe Wellendorf. Nachher war er auf Zufall gewandelt, und daß er sie – das gute Mädchen – hier fand, im Garten der Ehrenburg, dafür konnte er eigentlich nichts. Sie, Fräulein Klotilde und Herr Willi, erblickten ihn selbstverständlich auch zuerst, und so fand er sie wieder mit Siriusweiten zwischen ihnen – die eine in der einen Ecke der Bank, den andern in der anderen – sehr anständig, sehr verständig, völlig tadellos in Haltung und Mienen – wenigstens dem ersten Anschein nach.

»Der Onkel Laurian!« hatte Klotilde selbst bei seinem Anblick wenn nicht entsetzt, so doch erschrocken gerufen und den für Zeit und Ewigkeit gewonnenen Lebensgenossen, den Beschützer in Not und Tod, ihren Willi mit beiden Händen von sich geschoben und auch ihrerseits ihn fürs erste seiner Verwirrung und Verlegenheit allein überlassen.

»Mein Gott, hier sitzest du?« fragte der Onkel Poltermann. »Ich suche die halbe Stadt nach dir ab und fange an, mir schon Sorgen zu machen –«

»So? Seit wann denn? Wo soll ich denn eigentlich sitzen, wenn sich keiner von euch nach mir umsieht?« tat das Liebchen die Gegenfrage, und zwar für eine solche Sünderin, mit so bösem, von Jubel, Glück und angstvoller Schämigkeit überquellendem Herzchen bemerkenswert hell, kühl und klar von ihrem weiblichen Vorrecht: »Rühr mich nicht an oder ich beiße!« Gebrauch machend.

»Ja, ja,« stotterte denn auch der Onkel Poltermann, »ja, es ging eben recht scharf her in der Versammlung, es platzten zu viele interessante Gegensätze aufeinander. Aber jetzt ist eine Frühstückspause gemacht worden –«

»Und Papa, und – wohl auch Herr von Pärnreuther machen Gebrauch davon, und ob ich vor Hunger und Einsamkeit und Verlassenheit vergehe, das kümmert keinen?«

»Großer Gott, ja, wahrhaftig, wahr ist es! Recht hast du! Aber glaube mir, ich habe doch an dich gedacht, ich bin auch in der Zwiebelmarktgasse gewesen, – Appetit hatte ich nicht – höchstens das Bedürfnis nach etwas Ruhe und frischer Luft.«

»Und da wandeltest du wie dein hoher Albano, dein Emanuel, dein Horion, dein liebster Walt und wie alle sonst aus Hof und Bayreuth und Wunsiedel und Flachsenfingen heißen, und triffst jetzt nur aus Zufall auf mich armes Wurm, deine bloß Gott und der Welt anheimgegebene Nichte, die auch nur aus Zufall auf – auf – Herrn – auf Herrn –«

»Du liebster Himmel, jawohl, du hast recht, mein armes Kind. Leider nur zu sehr recht. Herr Gutmann, ich sage Ihnen meinen besten Dank, daß Sie wenigstens sich ein wenig meiner armen vernachlässigten Kleinen angenommen haben. Zu meinen Zeiten hätte ich unter solchen Umständen die glückliche Gelegenheit ganz gewiß ebenfalls benutzt, und die junge Dame zum Zuckerbäcker – zum Konditor geführt.«

»Onkele, lieb Onkele!« lächelte Klotilde, als ob ihr übervolles Herz nicht bloß jenseits der Thüringer Berge, sondern auch jenseits des Fichtelgebirges liege. »Onkele, rühmst du dich da nicht zu sehr? wärst du wirklich deiner Zeit nicht zu schüchtern zu so was gewesen? Du bist doch unverheiratet geblieben, und wie du selber mir mal gesagt hast, nur weil du dich im rechten Augenblick nie gleich recht hast fassen können. Was weißt du denn, was Wil– was Herr Gutmann mit mir angefangen hat und wohin er mich geführt hat, seit wir auf dem Bahnhofe zu Immelborn zuerst zusammengestoßen sind?«

Ein anderer Onkel als der Onkel Laurian hätte hiernach nach weiter nichts mehr gefragt; er hätte vollkommen gewußt, woran sie – er – die Familie – beide Familien waren: der Onkel Laurian fragte: »Also hat der Herr Supernumerar wirklich die Gelegenheit, sich angenehm und ritterlich zu zeigen, besser zu benutzen verstanden als ich meiner Zeit?«

»Ich hoffe!« lallte das jüngste Mitglied der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, und der Onkel Poltermann gab ihm die Hand und rief: »Nun, das freut mich und nimmt mir wenigstens in dieser Hinsicht einen Stein vom Herzen. Aber nun, Kinder, erlaubt auch, daß ich mich einen Augenblick zwischen euch niederlasse. Es ging für einen ältern, ruhigen und wohl zu wenig parteipolitisch angelegten Mann doch ein wenig sehr bewegt in der herzoglichen Reitbahn her. Dieser Herr von Bennigsen hatte ganz gewiß recht mit seinem Vorschlag, erst einmal eine Frühstückspause zu machen, um den Geistern Gelegenheit zu geben, sich etwas zu beruhigen.«

Er ließ sich zwischen ihnen nieder. Er setzte sich zwischen sie, die beiden Heimtücker, das unschuldigste, ahnungsloseste Lamm von einem Onkel Poltermann, und um sein gutes Gesicht herum sahen sich die zwei Bösewichter in die glückstrahlenden, flimmernden Augen, und hinter seinem braven Rücken faßten sie sich an den Händen, die Racker, und drückten sich dieselben auch, die bösen, bösen – na, kurz, die Sünder, die Erbsünder – oh!

»Das freut mich wirklich, Herr Gutmann, daß Sie sich meines Nichtchens so freundlich angenommen haben. Ich würde sonst gern bereit sein, mit euch in der nächsten Restauration –«

»Wir sind ganz gewiß ganz satt, lieber Herr Pol– lieber Herr Onkel Laurian!« rief Willi Gutmann. »Und wir sind auch gar nicht auf Erden. Wir haben oben gefrühstückt. Dort!«

Der Onkel blickte nach oben.

»Was? Zum andernmal auf der Feste Koburg? Sieh, sieh, da muß es euch gestern morgen doch recht gut gefallen haben. Ha, ha, wohl gar auf der Bärenbastei, Thildle?«

»Noch etwas höher, Onkelchen,« stotterte Fräulein Klotilde.

»Auf jenem Stern dort oben!« rief der Kameralsupernumerar Gutmann, nach der Hand des alten Wunsiedeler Apothekers greifend. »Dort links über jenem Kastanienwipfel!«

»Wa – was?! Nun, beim Hesperus, beim Luzifer, bei der Venus, seht ihr denn die Sterne am hellen Mittage?«

»Wir haben sie gesehen. Onkelchen!« riefen die beiden und hatten beide die Arme um seine Schultern.

»Wir haben unsererseits das neue deutsche Reich gegründet – den wirklichen deutschen Nationalverein!« rief Wilhelm Gutmann aus H.

»Er hat mich gefragt, ob ich seine – seine Frau werden wolle, und – ich – ich habe ja gesagt!« hauchte Klotilde Blume aus Wunsiedel.

Der Onkel Poltermann sah aus wie Jean Paul Friedrich Richters sämtliche Werke. Alles was in den sechzig Bänden vorkommt, malte sich in diesem Augenblicke in seinem Gesichte ab, und erst minutenlang später war er fähig (Gott sei Dank, in der Linken des Mädchens Rechte, in der Rechten des jungen Mannes Linke) zu fragen: »Aber dein Vater, Mädle? . . . und noch mehr deine Mutter, Kind? . . . und – und – ihr Herr von Pärnreuther?«

»O Gott, das ist ja deine – das muß und wird ja nun deine Sache sein, liebster, bester Onkel Laurian!«

»Und Ihr verehrter Herr Papa, Sie Tausendsassa? und Ihre Frau Mama zu Hause?« wandte sich der Onkel von der Sünderin an den Sünder. »Junger Mensch, wie ich auch über dieses – dieses Frühstücken auf mir gänzlich unbekannten Gestirnen denken mag: für Sie wäre es doch sehr nützlich gewesen, wenn Sie beides hätten miteinander vereinigen können – die Teilnahme an meiner armen Kleinen hier und die Teilnahme an der Versammlung in der herzoglichen Reitbahn. Er hat grimmig genug nach Ihnen ausgeschaut, der Herr Papa! Augenblicklich scheint es mir doch noch etwas unwahrscheinlich, daß er Sie mit nach Koburg genommen hat, um die Sterne am Mittage zu sehen und so auf einem von ihnen Ihr Privatreich zu gründen und Ihren besonderen deutschen Nationalverein. Es ist scharf hergegangen zwischen euern Vätern, arme Kinder! Das bitte ich mir aus, wie es ferner kommen mag, daß mir keins die Julia und keins den Romeo spielt! Daß sie nicht selber von der Tribüne gesprochen haben, hat die Sache nur noch giftiger gemacht. Hie Welf, hie Waiblingen! hätte ich nicht dabei gesessen und abwechselnd nach ihren Fäusten gegriffen, so könnte jetzt schon zwischen ihnen Blut geflossen sein! Kinder, arme Kinder, die beiden sitzen auch auf ihrem Stern, aber nicht wie ihr einträchtiglich auf der Frau Venus, sondern jeder von ihnen auf dem seinigen, der Herr Gutmann auf dem nördlichen großen Bären und mein Schwager, lieber Herr Gutmann, der Major Blume aus Wunsiedel, auf dem südlichen Kreuz. Kinder, arme Kinder, habt ihr es denn so ganz vergessen, daß es sich heute hier in Koburg nicht um euch, sondern darum handelt, in welche Hand demnächst die militärische und diplomatische Gewalt des deutschen Volkes gelegt werden soll? Mein hoher Dichter würde auch jetzt vielleicht schalkhaft dazu blicken und lächeln: Nun, nun, auch zwischen diesen beiden jungen Narren könnte es sich heute in Koburg darum handeln, wer später den Pantoffel führt und die Hosen anhat: ich tue das nicht; – es ist vielleicht unrecht von mir, aber ich, ich versetze mich ganz in eure höhergestimmte Lage und sage: wie die Sachen bis jetzt in der Reitbahn stehen, geben eure zwei grauköpfigen Starrköpfe euch nur an Parteigenossen ab. Ihr verlaßt euch auf mich? Liebster Himmel, was soll, was kann ich dazu tun, um solche politischen Bocksbeine dazu zu bringen, die Arme auszurecken und die Hände segnend über eure Kindsköpfe zu legen?«

Sie saßen stumm ihm zur Seite und sahen wieder in die Höhe wie nach einem vierten Stern, welcher allen, allen – politischen Bocksbeinen wie Verliebten gestattete, einträchtiglich, zärtlich auf ihm zusammen zu hocken.

»Es ist entsetzlich!« schluchzte Klotilde.

»Zu dumm! verrückt ist's!« murmelte Wilhelm; und so saßen sie noch stummer, bis endlich der Onkel fragte: »Wißt ihr was?«

»Nun?« riefen sie beide, zufahrend – um bei dem bekannten Gleichnis zu bleiben – zufahrend wie Ertrinkende nach einem Strohhalm.

»Ich setze meine einzige Hoffnung eines glücklichen Ausgangs für euch auf – auf unseren Herrn Alois, deiner Eltern teuren Herrn von Pärnreuther, Klotilde.«

Klotilde ließ den Strohhalm fahren und sah ihren Onkel Laurian nicht bloß vorwurfsvoll an. Da er nochmals nickte, versank sie wehrlos in die Tiefe der Verzweiflung. Herr Willi Gutmann seinerseits hielt besagten Strohhalm noch einen Augenblick länger fest.

»Jedenfalls halte ich mich in irgend einer Weise an ihn,« murmelte er und meinte seinen edelsten Idealfreund, sein Kindheit-, sein Jugendideal, den österreichisch-ungarischen Weingroßhändler, Herrn Alois von Pärnreuther.


»Nämlich, es ist im Grunde ein guter, ein herzensguter, ein wirklich zu gutmütiger, lieber Mensch, unser Wiener Freund,« meinte der Onkel Poltermann. »Wir haben ihn gern in Wunsiedel – von euch in euerm Norden spricht er nur mit Tränen in den Augen. Wie sie sich aber in der Reitbahn hin- und hergerissen haben, er, und dein Vater, lieber Sohn, und mein Schwager – das war fast nicht mehr schön; aber – wie ich ihn kennen gelernt habe, könnte man vielleicht doch noch auf sein Gemüt einwirken. Wenn es möglich zu machen wäre, daß du, mein Sohn, dem Major, meinem Schwager, Klotildens Vater zuliebe großdeutsch würdest, und er sich von deinem Papa ins Kleindeutsche hinüberziehen ließe und dann edelmütig hinginge und mit euren Müttern – und vorzüglich deiner Mutter, Klotilde, redete –«

»O Gott, o Gott, o Himmel, liebster Himmel, ja, ja, ja, unsere Mütter – meine – Mutter!« rief Fräulein Klotilde. »O bitte, bitte, liebster, bester Onkel, rede doch nicht so weiter – das ist ja nichts! Ja, ja, ja, unsere Mütter, Willi! Es mag ja furchtbar hergehen mit unseren Vätern in der herzoglichen Reitbahn; aber unsere Mütter zu Hause – was werden unsere Mütter zu Hause dazu – zu uns sagen?«

»Für meine bürge ich, wenn ich dich ihr bringe!« schrie der Kameralsupernumerar aufspringend, verzückt, begeistert, außer sich vor Siegesgewißheit. Und wahrlich, es war wirklicher sieghafter Lebenssonnenschein, der aus seiner kleinen Heimat auf die große Frage fiel und sie zauberisch, gemütlich vollkommen löste.

»Mama kann nichts an dir auszusetzen haben, mein Herz!« schluchzte zärtlich, aber erst nach einigen Augenblicken zärtlichen Schluchzens, das liebe Mädchen und dabei stand auch sie auf den Füßen vor der verhängnisvollen Bank und dem Onkel Laurian; und sie hielten sich ungescheut jetzt vor dem Onkel Laurian in den Armen, und der Onkel Laurian mit dem Bewußtsein, eben grenzenlosen Unsinn geredet zu haben, machte bei diesem Anblick politisch unzurechnungsfähig die Sache wieder gut, indem er, wie aus dem Herzen seines großen Weltdichters heraus das unzurechnungsfähige Menschenvolk fragte:

»Kinder, wißt ihr, was ich an eurer Stelle täte?«

Sie wußten es nicht. Sie schüttelten nur die Köpfe.

»Was denn, Onkel Poltermann?«

»Da denn die Sache ist, wie sie ist, und das Unglück eben geschehen ist, und die Folgen wohl ihren Lauf haben werden, so – es ist wohl ein großes Unrecht, daß ich es sage – so, wie ich mich kenne und in meiner Offizin, in der Phantasie, durch die langen Jahre immer besser kennen gelernt habe, so – machte ich es wie ihr – und dächte an gar nichts! . . . Du lieber Himmel, in einer Viertelstunde eröffnet Herr von Bennigsen die Sitzung von neuem, und – Herr Gott, Tildle, da kommt dein Herr von Pärnreuther. Er sucht jedenfalls uns. Mädel, nun klug wie eine Schlange, wenn auch ohne Falsch wie eine Taube! Sohn Gutmann, ich sehe es ihm an, vorzüglich sucht er Sie – dich, und zwar im Auftrage deines Vaters.«

»Wenn er weiter nichts sucht!« ächzte Herr Willi. »Sei nur ruhig, liebes Herz, er ist dein Freund – mein Ideal; aber alles hat doch seine Grenzen!«

Die Brautleute blieben aufrecht; aber der Onkel Poltermann mußte sich setzen! Er saß auf der Zauberbank und hatte nie in seinem Leben die Daumen so krampfhaft umeinander gedreht wie jetzt, sämtliche Werke seines Lieblingsdichters nach gutem Rat für die Minute durchblätternd.

 


 

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