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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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Siebenzehntes Kapitel.

Er hielt sich nicht beide Ohren zu. Dazu war er doch zu sehr mit dem Herzen, mit dem Verstand und mit der Vernunft bei diesen Verhandlungen im herzoglichen Reithause in Koburg, die alle im deutschen Volke so sehr angingen. Er war einfach mal wieder ein am Ende doch nur auf sein Einzelleben angewiesener, mehr oder weniger harmloser Egoist, wie – wir alle sind. Er hatte eben nur noch etwas anderes im Sinn, als die Neugestaltung der Daseinsbedingungen des deutschen Volkes im großen, und hatte dazu die feste, und eben noch mehr durch die Erfahrung gewonnene Überzeugung, daß die »größere« Angelegenheit im herzoglichen Reithause in den besten Händen sei, die das Vaterland um diese Weltstunde herum bieten konnte. Er wußte, daß alles gesagt werden würde, was gesagt werden mußte, daß er selber aber nicht mitreden werde, wolle, dürfe und könne.

Er war draußen und atmete nochmals tief in der wonnigen Herbstluft auf und trug dann seine patriotische und andere süße Betäubung weiter aufs Geratewohl. Erst ganz allgemach machte nach dem schwülen, blitzdurchzuckten, donnerdurchrollten Aufenthalt im geschlossenen Raume das fröhliche, behagliche Alltagstreiben der kleinen, hübschen, noch von der Morgensonne überleuchteten Stadt Koburg seinen beruhigenden Einfluß geltend. Es dauerte fast eine Viertelstunde, ehe Thüringen wieder um ihn lag, wie es außerhalb seines herzoglich-sachsenkoburgischen Reithauses sich auch heute um nichts kümmerte, als sein Einzelleben und seinen mehr oder weniger harmlosen Egoismus. Auf den Verkehr auf dem Zwiebelmarkte hatte die Versammlung im Reithause nicht den mindesten Einfluß. Dafür konnte sie ganz dreist im fernen China stattfinden: die Chinesen, Tataren und Mongolen mochten es ruhig unter sich ausmachen, ob sie mehr für die Dynastie Ming oder für die Dynastie Tsing waren. Was kümmerte es die guten Koburger und Koburgerinnen in ihren eiligen oder bequemlichen, ihren vernüglichen oder unvergnüglichen Morgengeschäften, ob Willi Gutmann für die Dynastie Ming und Alois von Pärnreuther für die Dynastie Tsing war? Was kümmerte es sie, wem die beiden am liebsten die diplomatische und Heeres-Gewalt des Vaterlandes in die Hände gelegt hätten?

Der Kameralsupernumerar Gutmann aus H. befand sich vor einem Bilderladen, in dessen Fenster Herzog Ernst nochmal die Gefion nahm und den Christian den Achten in die Luft sprengte. Er, Willi, stand vor allen möglichen Läden, er besah das Rathaus und die Moritzkirche von außen und kam vor einem Schuhmacherladen in einen träumerisch-literarischen Exkurs, zu dem wir ihm unbedingt zu folgen haben.

Menschensöhne, wer von euch bleibt dann und wann nicht träumerisch vor einem Schuhmacherladen stehen, wie jener gefühlvolle alte »Bachelier« im hinkenden Teufel Le Sages? Für welchen jungen und alten Junggesellen hat jener graubärtige Kavalier es nicht mit ausgesprochen, ausgeseufzt:

»Ah mon ami, voilà une pantoufle qui m'enchante l'imagination! que le pied, pour lequel on l'a faite, doit être mignon! éloignons-nous promptement, il y a du péril à passer par ici! . . .?« Ja, dieser »Weise« kannte uns! Was geht uns der schönste Hauben- und Putzladen gegen so was an? Selbst die reizendste Schnürleibausstellung wirkt nicht so lieblich-verlockend, so zärtlich-anziehend, als wie Meister Hans Sachs, der Schuhmacher und – Poet, wenn er seine Goldkäferlackstiefelchen, seine Aschenbrödel-Ball- und Brautschuhe aus weißem Atlas gedichtet hat und sie uns, dem männlichen Publikum, unter die Nase und vor das Herz hinstellt!

Da stand er in Betrachtung und Traum, Herr Gutmann junior, wie Herr Gutmann senior auf seinen Reisen sicher sehr häufig gestanden und die wichtigsten Musterreitergeschäfte darüber versäumt hatte. Er ließ sie in dem herzoglichen Reithause ohne ihn weiter verhandeln über die Geschicke Deutschlands, er wußte ja seinen idealen Kindheitsfreund fest darin und die Sache überhaupt in den besten Händen. Und die Sonne Homers lachte hinunter auf die Stadt Koburg und ihn, und die hübschen Thüringerinnen gingen vorbei und streiften ihn mit ihren Gewändern und einige ärgerten sich über ihn; denn stocksteif stand er in seiner süßen Betäubung, und sie hatten um ihn herumzugehen; auswich er ihnen nicht!

Und wie es kam, wer kann das zu völliger Genüge ausdeuten? mit dem Blick an ein Pärchen lieblichster, verheißungsvollster Rosa-Pantöffelchen angezaubert, stand er, und er seufzte, und es entrang sich seinem Busen das Wort:

»Wunsiedel!«

Und – zum zweitenmal das Wort:

»Wunsiedel!«

Wer in aller Welt kann uns das Wort deuten?


Nur das hellste, frischeste, bravste und gesundeste Mädchenlachen dicht an seiner Seite! Wenn alle die lieben Stiefelchen, die kleinen süßen Haus-, Ball- und Brautschuhe hinter den Glasscheiben in ein donnerndes Turnbrüdergelächter plötzlich ausgebrochen wären, hätte er nicht ärger zusammenfahren und erschrecken können.

»Wundsiedel? Ih Wunsiedel, o Wunsiedel! Aber um Gottes willen, Herr Nachbar in der Langenweile, wie kommen Sie denn jetzt hier, mitten in Koburg, gerade nach Wunsiedel?« fragte Fräulein Klotilde Blume. »Wie kommen Sie nur jetzt hierher in die Zwiebelmarktgasse? ich meine, Sie haben sich mit Papa – meinem Papa, Ihrem Papa, dem Onkel Poltermann und – den – übrigen in der herzoglichen Reitbahn bei den Ohren über des Vaterlandes Elend und Unglück, und nun finde ich Sie hier ganz vergnügt vor diesem Schusterladen, als ob Sie da unser deutsches Heil suchten! Oder – sind Sie wirklich vielleicht schon einig im Reithause? Und es ist ohne Blutvergießen abgegangen? Nun, das wäre ja reizend, und hätte ich mir mal wieder dummerweise ganz unnötige Sorgen gemacht.«

Reizend sah sie jedenfalls aus, und der junge Herr aus dem deutschen Norden wahrscheinlich etwas sonderbar. Denn hatte sie eben gelacht, so lachte sie jetzt bei noch genauerer Betrachtung seiner noch viel mehr, und er – er raffte sich nur zu der sehr gestotterten Frage auf:

»Ja, aber warum denn Sorgen, Fräulein – Fräulein Blume?«

Da war der Jagdhieb mit dem Sonnenschirmchen gegen die Flacianerkanone aus der Bärenbastei der Feste Koburg zum andernmal. Willi Gutmann erinnerte sich seiner sehr deutlich, sie aber fragte jetzt viel ruhiger und gemütlicher als damals:

»Nun, wer anders als ich hätte sich zwischen die – die – Herren – ich meine den Papa und den Onkel und die anderen werfen sollen, um das Schlimmste zu verhüten? Den ganzen Morgen durch habe ich mir den Kopf über die Gewißheit zerbrechen dürfen, über die Gewißheit: der liebe Gott tut doch nichts umsonst und zu etwas wirst du ja wohl in Koburg nützlich sein. Da ist es denn wohl kein Wunder, daß ich am Ende auf diese Angst gekommen bin bei dem dummen politischen Zeug?«

»Dummen, politischen Zeug,« murmelte, auf Wega-Weite, was ungefähr hundertundzwanzig Billionen Meilen sein sollen, jeglicher Politik abgewendet, der Jüngling.

»Nun, wenn es Sie ärgert, nennen Sie es meinetwegen Langweilerei, oder wie Sie wollen. Ich wenigstens finde es so, wo ich jetzt der Witwe Wellendorf ganze Familiengeschichte und sonstige Umstände und auch die der ganzen Nachbarschaft kenne, und nun auch Koburg und seine Verhältnisse zum Genügen kenne und mich nach meiner Immelborner Tante sehne, jedenfalls aber am allerliebsten wieder zu Hause wäre und alle die Herrlichkeiten hier sich selber überließe.«

»O Fräulein, wie gerne ginge ich mit – ginge ich mit Ihnen fort von hier!«

»Was? wie? Dann ist es bei Ihnen zu Hause Ihnen auch interessanter als wie hier?«

»Interessanter? Bei mir zu Hause? O – ja – nein, nein – ganz gewiß dieses nicht! Fräulein, mir gefällt es ja eben gerade jetzt hier so gut wie nirgends sonst in der Welt. Ich meine nur, wenn Sie – wenn wir beide – ach ja, in Wunsiedel ist es ganz gewiß schöner als wie hier – da wäre mir vielleicht noch besser zumute als wie jetzt hier in Koburg.«

»Wurzel schlagen wollen wir aber deshalb doch wohl nicht vor diesen Paar Kanonenstiefeln da im Fenster?« lächelte das liebe Kind, und schon gingen sie weiter, wandelten gänzlich unbeaufsichtigt weiter in der wundervoll fremden Stadt – gänzlich aller persönlichen Bemerkungen aus den Fenstern und von den Haustüren her überhoben. Dem scheuesten Reh, dem schüchternsten Mägdelein mußte das eine verwegene Sicherheit geben, und es gab sie ihr! Ja, es saßen keine Wunsiedler und Wunsiedlerinnen hinter den Fenstern und Blumenstöcken und kümmerten sich naseweis um Dinge, die sie gar nichts angingen. Die Leute hier am Ort wußten, Gott sei Dank, nicht das geringste von ihr, und sie kannte sie nicht: sie hatten das himmlische, närrische, allerliebste Koburg, seine Gassen und Plätze, seine Herbstsonne und sein Herbstgrün, seine Spaziergänge und hübschen Ruhebänke im Gebüsch vollständig für sich allein: O süße, süße, o wonnige erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins in Koburg! . . .

Es klingt freilich unpatriotisch; aber wahr ist es doch, und Wahrheit muß gesagt werden: ihretwegen, Herrn Wilhelms und Fräulein Klotildens wegen, konnten sie um diese zauberische Stunde des Tages, in der herzoglich sachsen-koburg-gothaischen Reitbahn aus Deutschland machen, was sie wollten, wenn sie ihnen – diesen zwei jungen Deutschen, nur nicht mit ihren Dummheiten kamen und ihre Meinung darüber wissen wollten! Sie machten durchaus keinen Anspruch darauf, daß die Zukunft des Vaterlandes ein bißchen auch von ihnen abhänge. Sie beschäftigten sich ganz allein mit sich selber – aus dem Unbewußten stieg es ihnen immer klarer auf, daß diese erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins einzig und allein ihretwegen hierher berufen war: O süße, erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins! o wonniger Ausschuß! o himmlischer Rudolf von Bennigsen! o Koburg! Koburg! Koburg!

Von der Stadt Koburg hatten sie aber bald genug. Sie kannten sie beide nun schon zur Genüge und zogen sich bald der Ehrenburg zu und dem schönen Garten derselben, und der schöne Garten zog sie immer tiefer in sich hinein.

Diese Thüringer Städtchen haben das so an sich, daß sie ihren Vorteil wahrzunehmen und sich so recht ins Grüne zu legen wissen. Ihre Lauben und Laubengänge wissen sie anlockend zu machen, nicht nur für Poeten und Politiker, sondern auch für Verliebte, Verlobte, und ganz besonders für solche, die letzteres werden wollen.

Im Garten der Ehrenburg, ziemlich dicht an dem aufsteigenden Pfade, den sie schon am vorigen Morgen zusammen gewandelt waren, mit dem aufdämmernden Gefühl: »Das ist ein recht netter junger Mensch!« . . . »Das ist ja mehr und mehr ein ganz herziges, kleines Mädchen!« fanden sie die Bank ihres Schicksals und nahmen Besitz davon. Konnten sie dafür, daß sie ihnen in den Weg gestellt worden war?

Hatten sie die erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins nach Koburg zusammenberufen?

Hatte Fräulein Klotilde es beim Papa und dem Onkel Poltermann in Vorschlag gebracht, daß man ihr das an der Tante Adele in Immelborn wohlverdiente Vergnügen im Park der Ehrenburg zu Koburg auf dem Wege nach der Feste Koburg zukommen lasse?

Durchaus nicht! –

Aus dem Dinge an sich, aus dem Unbewußten, aus der Welt als Wille heraus nahmen sie Platz auf der Bank, setzten sie sich, – ergriffen sie Besitz: das Fräulein natürlich scheu, schüchtern, zweifelnd von der einen Ecke, das Männ – Herr Kamerad Supernumerar Gutmann aus H. fast noch scheuer, schüchterner und bescheidentlicher von der andern. Fürs erste lag zwischen ihren beiderseitigen körperlichen und seelischen Zuständen noch ein Raum, gegen den der Abstand zwischen der Dynastie Ming und der Dynastie Tsing, zwischen Norddeutschland und Süddeutschland, gegen den das Weltmeer zwischen Hamburg und New York nur einen Katzensprung bedeutete. Wie die Versammlung im herzoglichen Reithause hätten sie immer noch die eine Hälfte nach dem Nordpol, die andere nach dem Südpol abmarschieren können, und der sittlichsten vorübersteigenden Matrone würde der schärfste kritische Seitenblick keinen Grund zu dem seit Anfang den Erdball umkreisenden weiblichen Entrüstungsgemurmel geliefert haben:

»Nun, das muß ich sagen!« . . .

Sie saßen tadellos vor dem Auge der Welt. Sie mit dem Sonnenschirmchen Figuren in den Sand zeichnend, er wie Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen oder sonst einer von den berühmten mittelalterlichen Minnesängern mit einem Knie über dem andern, und also auch, um den Blutumlauf nicht zu unterbrechen, mit dem hängenden Bein den Esel ausläutend. Und hatten sie im Gehen sich unterhalten, so saßen sie nun eine ziemliche Weile stumm, was in solchen Fällen immer der Fall ist und worüber noch kein Handbuch der Psychologie genügende Auskunft gegeben hat. Und wie in den allermeisten solcher Fälle war sie es auch, die den Bann brach und seiner Marter, gar nicht zu wissen, wie er jetzt die Unterhaltung von neuem einzuleiten habe, ein Ende machte.

Mit boshaft zugespitztem Mundwerkchen lächelte sie: »Ich glaube, an Ihrer Stelle würde ich jetzt doch die fürchterlichsten Gewissensbisse haben, Herr Gutmann.«

»Wieso? Weshalb denn, Fräulein?«

»Nun – ich meine nur.«

Und sie machte eine Bewegung, so über die Schulter ins Weite, Unbestimmte, und doch mit dem Ausdruck, daß sie da – dorten einen ganz bestimmten Ort wisse, wo er gegenwärtig unbedingt mit mehr Recht und Verpflichtung zu sitzen habe, als auf dieser Bank.

Eine Bewegung, die er machte, um ihr näher zu rücken und ihre Meinung deutlicher zu vernehmen, wies sie mit wieder einer andern Bewegung zurück und flötete dazu:

»Nun, ich denke doch. Sie sind wie die andern Herren aus einem ganz bestimmten Grunde jetzt hier in Koburg? Mein Papa sagt wenigstens, es hänge furchtbar viel davon ab, daß jeder jetzt hier an seinem richtigen Platze sei. Was sagt denn Ihr Herr Vater dazu, wenn er sich nun in der herzoglichen Reitbahn vergeblich nach Ihnen umsieht? O, es würde mir unendlich leid tun, wenn ich Sie abgehalten haben sollte – abhielte, Ihren Pflichten und Ihren edelsten Gefühlen fürs Vaterland zu folgen!«

Er durfte es leider nicht laut herausrufen, wo das Vaterland für ihn, weltmeerweit von ihm entfernt auf der Bank, und doch so himmlisch-verlockend nahe auf der nämlichen Bank völlig als eins und alles saß und immer tiefer mit der Schirmspitze in den Sand bohrte und immer schalkhafter von der Minierarbeit auf- und – von ihm wegsah.

Zu Hause galt er als ein geistvoller Mensch (auch hielt er sich selber dafür); zu Hause konnte er reden (seine Freunde sagten, bei Gelegenheiten verfüge er sogar über ein ganz erkleckliches Maulwerk); jetzt hatte er weder Geist, noch wußte er den Mund aufzutun; die Gelegenheit mußte wohl für beides nicht günstig sein.

Ihm wurde nur immer dummer zu Sinne und immer trockner in der Kehle. Als er die Albernheit, zu welcher er sich krampfhaft aufschwang, heraus hatte, hätte er sich natürlich selber sofort rechts und links dafür ohrfeigen mögen.

»O, Fräulein, das hat gar nichts zu sagen!« stotterte er, und sie seufzte, wenn man so ein verstohlenes Kichern Seufzen nennen konnte:

»O, ich mache mir wirklich Gewissensbisse! Sie waren so sehr freundlich, Herr Gutmann; aber ich darf Ihre Güte wahrhaftig nicht zu sehr mißbrauchen. Und ich komme auch ganz gut noch ferner hier in Koburg allein aus, bis Papa und Onkel Poltermann mit ihren Geschäften in der Politik fertig sind und wieder an mich denken können. Ich amüsiere mich gottlob ganz leicht und habe mein Vergnügen ganz gut allein für mich – also, bitte – es wird mir wirklich peinlich, Sie hier so aufzuhalten. Nach Papas Reden kommt es heute auf die allereinzelnste Stimme bei der Abstimmung an, und es wäre mir schrecklich, wenn das Ihre wäre, die fehlte, wenn am Ende nichts als Unsinn da unten herauskäme. Ich kenne ja freilich Ihre Partei nicht; aber was sollte sie von Ihnen in solchem Falle denken?«

Jetzt hatte er das Wort, und wenn er nicht ganz zum Idioten werden wollte, mußte er es hinausrufen, herausschreien.

»Fräulein Blume,« ächzte er, »Sie mögen lachen über mich, oder nicht; aber was sie da unten von mir denken, das ist mir in diesem Augenblick ganz – ganz – ganz einerlei! Auf der Rednerliste stehe ich nicht; die Gesichter der Alten – das Gesicht meines Alten hätte ich sehen mögen, wenn ich mich dazu gemeldet hätte! O, Fräulein, stellen Sie sich doch nicht so! Sie wissen es ja ebensogut als ich, daß Ihr Herr Vater und mein Papa, und der Onk– Herr Poltermann die Sache recht gut ohne mich ausfechten werden. Und meinen Kindheitsfreund, den dicken A– ich meine Herrn von Pärnreuther aus Wien haben sie ja auch noch in ihrem Rat und Trost bei sich; und bei der letzten Abstimmung bin ich – kann ich ja immer noch zugegen sein und meinen Stimmzettel für unsere Zukunft in die Wagschale werfen.«

Bei der Erwähnung des Herrn Alois war ein Schatten, der nicht von der Akazie über ihr stammte, über der Jungfrau Gesicht geflogen; nun aber lachte sie doch, und zwar so schelmisch-ungläubig, daß der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins jüngstes und flammendstes Mitglied sofort einen Schuh lang auf der Bank zu ihr hinrutschte, was freilich die Folge hatte, daß sie rasch einen Schuh weit von ihm wegzurutschen suchte. Aber non plus ultra, wie Karl der Fünfte sagte, dessen Reich einige in des Herzogs Ernst des Zweiten Reithause eben zu erneuern wünschten: weiter als es ging, ging es eben nicht. Über die Banklehne konnte sie nicht hinaus, in dieser Hinsicht glücklicherweise saß sie schon, so weit es möglich war, von ihm entfernt. Wir haben das ja wohl auch schon bemerkt; aber wir können wahrhaftig die Sache nicht deutlich genug machen.

Ach, sie wissen sich immer zu helfen und zu schützen, diese lieben, armen Mädchen! Die Mutter Natur muß es sie wohl aus ganz bestimmten Gründen gelehrt haben.

Klotildchen legte ihren Sonnenschirm zwischen sich und den möglicherweise zu vertraulich werdenden Knaben. Gerade in die Mitte, wie sich in früherer romantischer Mittelalterlichkeit ein blankes Schwert zwischen die schöne Prinzeß und den stellvertretenden oft scheußlichen Abgesandten auf einem fürstlichen Beilager legte; oder – sechs Jahre nach diesem Jahr Achtzehnhundertsechzig die Mainlinie zwischen Unter- und Oberdeutschland.

Bis dahin und nicht weiter sollte dies auch in der Mädchendiplomatie heißen, und das Schicksal litt es auch hier für eine kurze Zeit, und die Sonne auch. Ja, die Sonne auch! wie sie auch dazu lachte, sie ließ das Pärchen für jetzt im Blätterschatten der Akazie bei ihrem Wege über das Vaterland, das Thüringerland, über die Stadt Koburg und den Wundergarten der Ehrenburg. Von ihrem Weiterrücken am Himmelsgezelt ließ sie sich freilich nicht abhalten, weder durch jüngferliche Scheu und Schämigkeit da unten, noch durch ein französisches, britisches, russisches unverschämtes Veto. –

Wiederum handelt kein Handbuch der Seelenkunde darüber, weshalb sie nun wieder eine geraume Weile stumm saßen. Auch wir haben die Tatsache hinzunehmen und ihr nur noch hinzuzufügen, daß der Herr Kameralsupernumerar sie nur noch auffälliger machte, durch seinen Versuch, diesmal er als der erste die Stille zu unterbrechen.

»Es ist wirklich ein herrlicher Morgen!« sagte er.

»Hm!« sagte sie, und ein Zwinkern des ihm zugewendeten Äugeleins, und ein Jucken um das Näschen bewies, daß und wie sie den Versuch zu würdigen wußte. Aber gut war sie doch. Das Erbarmen gewann sofort wieder die Oberhand bei ihr. Abermals war sie es, welche der Stille in Wahrheit ein Ende machte; nämlich lachend rief sie:

»Hören Sie mal, wenn man Sie wirklich da unten in Ihrer Versammlung nicht nötig hat, dann könnten Sie sich vielleicht, wenn es Ihnen nicht zu langweilig ist, ein bißchen bei mir nützlich machen. Ich bin ja zu dumm in diesen Dingen und Angelegenheiten. Denn erstens habe ich bei unserm großen Haushalt wenig Zeit gehabt, mich damit zu beschäftigen, und dann auch, offen gestanden, haben sie mich bis jetzt auch ganz und gar nicht interessiert. Erzählen Sie mir doch ein wenig mehr, aber recht nach meinem schwachen Verständnis davon: um was handelt es sich denn eigentlich hier bei diesem Zusammenlauf von allen Seiten? Da man im Grunde doch so ein bißchen auch mich dazu herzitiert hat, so ist mein Wunsch, etwas Genaueres darüber zu erfahren, so ganz unnatürlich nicht. Daß mein Vergnügen nicht die Hauptsache dabei ist, wie der Papa nach Immelborn schrieb, das habe ich schon heraus; aber was sonst dabei herauskommen kann, das ist mir noch nicht klar, und gerade aus Papas und Herrn – Herrn von Pärnreuthers Hin- und Herreden zu Hause in Wunsiedel habe ich mir nur abgemerkt, daß noch keiner das weiß. Was aber den Onkel Lau–, den Onkel Poltermann anbetrifft, so werden Sie, selbst bei der kurzen Bekanntschaft, erfahren haben, daß er viel zu gut für alle Politik ist, und wie ich das deutsche Vaterland kenne, auch viel zu gut für es. Ebenso wie sein geliebter Jean Paul, wissen Sie, der berühmte Dichter aus unserm Wunsiedel! Sie halten wohl auch wenig von Jean Paul, Herr Gutmann?«

»Es ist ein herrlicher Morgen, Fräulein; es ist wirklich ein wunderschönes Wetter!« zu sagen, erfordert dann und wann geistige Geburtskrämpfe, die selbst nachher in der Erinnerung nicht leicht genommen werden können; aber was sollte der junge Mensch aus dem deutschen Norden jetzt sagen, um auf der Höhe der von ihr wieder aufgenommenen Unterhaltung zu bleiben?

Ihre letzte Frage war die erste, welche er zu beantworten hatte. Er hätte lügen, er hätte Begeisterung für des Onkel Laurians Heimats- und Lieblingsdichter heucheln können. Er tat es nicht; er half sich auf andere Weise, oder es wurde ihm auf andere Weise von oben geholfen. Jedenfalls wußte er nicht, daß es nicht ohne Geist war, was er erwiderte. Nämlich:

»O Fräulein, er war auch aus Wunsiedel! . . . Sechzig Bände voll hat er geschaffen – die mögen vergehen, aber Wunsiedel bleibt ihm und dem deutschen Volk durch alle Zeit, durch jede Literaturgeschichte. Wunsiedel! Solch ein Ortsname für eine Dichterwiege! Jean Paul Friedrich Richter und Wunsiedel: wer wird das je voneinander trennen können? Ja, Fräulein, er ist auch mir ein großer Poet, denn er war auch aus Wunsiedel!«

»Pah! Da bin ich ja auch her. Das kann jeder sein. Das ist keine Kunst und kein Verdienst! Und übrigens, wie kommen Sie denn auch sofort wieder hierauf, wenn Sie auch zufällig nicht bloß aus der Fremdenliste wissen, daß wir, der Papa, der Onkel Laurian und ich, auch aus Wunsiedel sind? Sie wollten mir doch nur etwas deutlicher klarmachen, weshalb wir uns hier eigentlich jetzt in Koburg aus aller Herren Ländern zusammengefunden haben! unsere Angehörigen da unten in der herzoglichen Reitbahn, und wir –«

Sie brach ab, aber um alles in der Welt hätte sie ihn nun nicht sofort zum Wort gelassen. Sie behielt es, hastig, heftig, mit sozusagen bebend zugreifenden beiden Händen.

»Ja, es wäre sehr freundlich von Ihnen,« sagte sie, sich aufrecht, abwehrend, fast altjüngferlich auf ihrer Seite der Bank zurechtrückend, »wenn Sie, da Sie doch sonst nichts Besseres zu tun haben, ein bißchen Politik und deutsche Vaterlandskunde mit mir trieben. Papa hat es wohl gewiß dann und wann zu Hause des Abends versucht, uns Kinder ein bißchen darüber zu belehren; aber da ist immer Mama mit Wichtigerem dazwischen gekommen, oder er hat sich selber mit Herrn von Pä– und dem Onkel Laurian oder einem andern Besuch darüber verwickelt und die Geschichte dann ärgerlich aufgegeben. Zu einer richtigen Klarheit ist keiner gekommen, und ich am wenigsten; also bitte, weshalb sitzen wir und unsere Angehörigen da unten hier in Koburg, wo wir persönlich doch gar nichts zu suchen haben? Das hat sich doch ganz gewiß, wie alles, schon von längerer Zeit her angesponnen und ist zu dieser Verwickelung gekommen und soll nun hier freundschaftlichst gelöst werden?«

»O nein, von gestern ist dieses Durcheinander gerade nicht, Fräulein.«

»Wie bei den meisten Familiengeschichten.«

»Gerade so! Und wie mußten wir in der Familie uns im Laufe der Zeiten ändern, ehe es zu dem heutigen freundschaftlichen Versuch, uns künftig besser zu vertragen, kommen konnte! Die Eskimos sind groß und wild, zu allem Guten träge – den Vers haben Sie wohl auch einmal auswendig gelernt, Fräulein; aber daß wir, Sie und ich, auch einmal solche Eskimos gewesen und in Pelzen gegangen sind, das hat man Ihnen wohl vorenthalten.«

»Ist es möglich?«

»Jawohl ist es möglich; aber das war noch in der soliden Eiszeit; nachher ist's noch sonderbarer in den Modejournalen zugegangen. Tätowiert haben wir uns – blau, rot, grün und gelb –«

»Herr Gutmann?!«

»Und in allen möglichen Figuren, und es ist sicherlich auch reizend und entzückend an den damaligen Damen gewesen. Das einzige Unangenehme war nur dabei, daß der Zierrat festsaß und das Kostüm nur mit der Haut gewechselt werden konnte.«

»Herr Supernumerar, ich bitte aber –«

»Gottlob kamen endlich die Römer und brachten andere Moden. Hermann und Thusnelda kann man ganz gut und anständig in jedem lebenden Bilde auftreten lassen –«

»Und das soll deutsche Geschichte sein, was Sie mir da vortragen? das soll mit der Versammlung dort im herzoglichen Reithause zusammenhängen? O bitte, dann halten Sie Ihren Vortrag lieber doch dort! ich hier verzichte darauf.«

»Fräulein,« rief der arme Knabe, mit gefalteten Händen so dicht als möglich an die Mainlinie – an das Sonnenschirmchen auf dieser seligen Bank rückend. »Fräulein Blu–, gnädiges Fräulein, weiß ich denn, was ich spreche? Für das Reden vor den versammelten Vätern da unten bin ich zu jung; für das Reden hier –«

»Wahrscheinlich zu alt, zu erhaben über ein armes Ding wie ich, um vernünftig mal über eine Sache mit unsereiner, wenn auch nur aus Erbarmen, zu reden.«

Sie hatte unwillkürlich den Schirm wieder aufgenommen und bohrte von neuem in den Sand vor ihren Füßen; verlegen rückte jetzt der junge Mann sich zurecht: so im flimmernden, tanzenden Baumblätterschatten, auf solcher Bank, solcher Zuhörerin, unter solchen kritischen, politischen Umständen, Vernunft reden sollen! ja, er versuchte es, denn er mußte. Und es wurde danach; denn – es sollte danach werden.

Wer kann es ändern, was im Buche des Schicksals für das deutsche Volk und seine Angehörigen geschrieben steht?

Seinen alten, klugen, närrischen, spaßigen Geschichtslehrer hatte er wieder vor sich, und das bohrende Sonnenschirmchen hatte er im Auge zu behalten, und einen kleinen Fuß, der den zerwühlten Sand des herzoglichen Parks wieder ebnete, und so polterte es ihm heraus bei lachender Sonne und bei merkbar ihn auslachender Wunsiedlerin:

»Na, Fräulein, auf die Römer folgten dann die römischen Kaiser, die die Päpste machten, das heißt, eigentlich von ihnen gemacht wurden, und das Haus Österreich, aus welchem auch Ihr – mein Freund Alois – der Herr von Pärnreuther stammt, und dann die Markgrafen von Brandenburg, die nachher Kurfürsten wurden und, kein Mensch weiß eigentlich, wie's zuging, Könige von Preußen, und dabei sehr viele andere Fürsten, die uns alle ihren Schutz gewährten und uns glücklich machten, wie wir sie. Wenn die Nachbarschaft sich nicht immer und ewig hereingemischt hätte, wäre ja wohl auch alles in der Ordnung und in der Familie geblieben. Aber die Nachbarschaft –«

»Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt,«

seufzte Klotilde: doch »Schiller!« wie der Onkel Poltermann in dem herzoglichen Reithause murmelte Willi Gutmann nicht hierauf. Er horchte nur gespannt, ob das Fräulein nicht noch mehr bemerken werde; da sie aber nur hinzufügte:

»Wie oft sagt auch meine Mama in Wunsiedel das!« fuhr er fort:

»Sehen Sie wohl? Ja, wo wären wir jetzt, wir Deutschen, wenn wir trotz der Einsprache, des Naserümpfens, des Stichelns, kurz der Bosheit der Nachbarn uns nicht doch immer wieder unter uns geheiratet hätten – unter uns: sowohl die Fürsten wie die Völker?! Sie mögen es mir glauben oder nicht, Fräulein Blume, aber es ist so, es verhält sich so; nur durch sein ununterbrochenes zärtliches Vertrauen aufeinander unter sich, durch sein ununterbrochenes Heiraten trotz alles Stichelns und Anbohrens der Nachbarschaft ist das deutsche Volk heute noch, wie es vor Jahrtausenden war, und gottlob noch vorhanden! Du gütiger Himmel, was haben sie für Ausrottungsversuche an uns gemacht, erst die Mammuts, die Höhlenlöwen und Höhlenbären, dann die Kelten und nachher die Römer, die Hunnen, Herrn von Pärnreuther seine edlen Magyaren, die Russen, die Schweden, die Franzosen, die Spanier, von dem kleinen Kroppzeug gar nicht zu reden: wir sind ihnen allen zu viel geblieben. Und wodurch? Wie gesagt, nur durch unser inniges, zärtliches Anschließen; die Fruchtbarkeit des Grund und Bodens, trotz des ewigen schlechten Wetters gar nicht in das Faktum eingerechnet.«

»Sie wissen das wirklich recht hübsch, aber auch recht komisch auseinanderzusetzen, Herr Gutmann,« lachte das Fräulein, aber zu ihrem Lachen doch ein wenig errötend.

»Komisch?« fragte Willi. »Großer Gott, in diesen ernsten Tagen? Fräulein Klotilde,« (er nannte sie im heiligen Eifer zum erstenmal bei ihrem Taufnamen) »wie holdselig auch der heutige schöne Herbsttag ist, wie lieblich Koburg hier neben uns liegt, und wie freundlich die alte Feste von da oben auf uns heruntersieht: sie, die Fremden um uns herum, haben augenblicklich mehr als je die unfreundliche Absicht, unser gutes Herz sich zu Nutze zu machen und es sich auf unsere Kosten so bequem als möglich. Sie haben es gewollt, Fräulein Klotilde,« (sie hatte wiederum nichts gegen die Vertraulichkeit einzuwenden!) »ich werde politisch Ihnen zu Gefallen; aber daß ich ein wenig poetisch bleibe, erlauben Sie wohl? Alle Völker also umher ballen sich zu Fäusten, und unser sogenanntes deutsches Vaterland liegt da wie eine ausgespreizte, offene Hand. Wehrlos! Und, sehen Sie, deshalb sind wir jetzt nach Koburg gekommen und verplempern die älteren Herren sorgenvoll den wonnigen Morgen dort in der herzoglichen Reitbahn hinter den Bäumen und überlegen, wie sie mit gesetzlichen Mitteln aus den wehrlosen fünf Fingern auch einen derben Knaul mit eisernen Knöcheln machen können, der sich im Notfall jedem unverschämten Lümmel im Norden, Süden, Osten und Westen mit Nachdruck auf die Nase legen und Blut herausziehen kann. Ja, ja, Blut, Blut, Blut, liebes Fräulein! Trotz dieser herzigen Bank und lieben Sonne, trotz dem hübschen Koburger Kinde, das da jetzt seinen Reifen an uns vorbeitreibt: Blut, Blut, Blut!«

Eigentlich hätte er bei so gräßlichen Worten aufspringen und mit seinen Fäusten in den Lüften herumfechten müssen; das fiel ihm aber nicht im Traume (denn im Traume befand er sich in der Tat) ein. Im Gegenteil: wenn er nicht ganz still saß, so rückte er nur ganz leise. Aber ihr näher!

Und wie zu ihrer Beruhigung den Ton etwas senkend, seufzte er:

»Der gute Familiensinn in unserer großen deutschen Familie hat uns den Fremden gegenüber immer wieder obenauf gebracht – statistisch, Fräulein: aber – aber mit dem Heiraten ist das in großen und kleinen Verhältnissen stets ein eigen Ding. Den Preußen hat eigentlich nie eine recht gewollt; aber das Haus Österreich, was muß das liebenswürdig gewesen sein durch die Jahrhunderte! Was hat das zusammengeheiratet im Laufe der Jahrhunderte! Und nun –«

»Und nun?« fragte Fräulein Blume und fügte hinzu: »Das will ich noch anhören; aber dann gehe ich wieder zu der Mutter Wellendorf; denn dann bin ich konfus genug, und das ist auch kein Vergnügen.«

»Und nun,« rief Willi Gutmann, unfähig, jetzt etwas anderes als sich selber zu hören, »nun, heute, jetzt freien sie beide, der Preuß und der Herr von Pärn– das Haus Österreich um uns zwei, – Sie und mich; und drunten in der herzoglichen Reitbahn sitzen unsere Väter und überlegen, was die beste Partie für uns zwei ist, die wir hier auf dieser Bank das schöne deutsche Vaterland vorstellen. Was der Preuße bieten kann, weiß man so ziemlich; aber nun stellen Sie sich vor, Fräulein, Sie selber heiraten mal –«

»Und das soll auch mit den Verhandlungen da unten zusammenhängen?« rief die junge Dame, sich halb von ihrem Sitze erhebend.

»O bitte, bitte! es ist ja nur des Beispiels wegen, und ich rede ja auch nur solch dummes Zeug, weil Sie selber mich dazu aufgefordert haben! Nehmen wir's an, Sie bringen dem Glücklichsten aller Sterblichen – dem Herrn Gemahl meine ich – ein recht bedeutendes Vermögen in liegenden Gründen und Ansprüchen an liegende Gründe mit –«

»Aber das tue ich ja gar nicht!«

»Bitte, bitte, bitte, immer nur beispielweise! ich kann ja leider nichts dafür, daß ich nur Jura studiert habe, und auch in dieser – dieser Stunde nichts weiß als meine albernen, dummen juristischen Vergleiche! Von Avalun, von Dschinnistan, von Jorinde und Joringel möchte ich zu Ihnen reden und auf die Zunge gerät mir nichts als die Rechtswohltat des Inventars. Unsern Fremd Alois hätten Sie vor zwölf Jahren auffordern müssen, Ihnen deutsche Reichshistorie vorzutragen; nun haben Sie mich nüchternen Gesellen aufgefordert – o, ihr Götter, wer hilft mir in der Verwirrung! – und Sie bringen, um Ihnen die Sache auf meine Weise klarzumachen, dem Glücklichsten der Sterblichen, dem Göttergünstling an jedem Ihrer ihm mitgebrachten Grundstücke einen Prozeß mit einem näheren oder ferneren Nachbar zu! Fräulein, da setzen Sie sich mal in Germanias – aber Herr Gott, die soll ja jetzt den Mann repräsentieren und die schöne Austria mit ihrem Eingebrachten – Fräulein, Fräulein –«

Er war es, der aufgesprungen war und sich in seiner Konfusion vor der lachenden jungen Wunsiedlerin im Kreise drehte, und sich mit beiden Händen den Kopf dabei zusammenhielt, und also, trotzdem auch das ganz vergeblich und ganz dummes Zeug war, keine übrig behielt, um das Herz damit zu halten. O, wie sie den politischen Konfusionarius so von unten auf, unter dem breitrandigen Strohhut weg, anlächelte, wie sie ihm süß verlegen Hohn lächelte, und wie sie lachend begann:

»Hören Sie, mein Herr Preuße –«

Aber da saß er schon wieder, und zwar ganz und gar ohne Sonnenschirm, Schwert und Mainlinie zwischen ihr und ihm auf der Bank, der historischen Bank des deutschen Volkes, der Heiratsbank und rief mit dem in die Stunde gehörenden Beben, Zucken und Zittern in Gliedern und Stimme:

»Aber um Gottes willen, ich bin ja gar kein Preuße! ich bin auch bloß, wie Sie und der Onkel Poltermann und Jean Paul Friedrich Richter aus Wun – nein; aus dem Hause des deutschen Michels und hatte heute wie alle die übrigen auch nur politisch die Wahl und also auch die Qual zwischen der Borussia und der Austria. Und wenn ich zufällig die Vermögensverhältnisse der beiden Damen ein bißchen kenne und zufällig in der Schule mal aufgepaßt habe, wenn da von historischen Hypotheken oder möglichen Ansprüchen älterer Liebhaber die Rede gewesen ist, so heirate ich doch lieber –«

»Ja, das können Sie,« sagte Fräulein Klotilde Blume. »Natürlich können Sie heiraten, wen Sie wollen! Das geht mich doch gar nichts an, und ich weiß auch gar nicht, mein deutscher Herr Michel –«

Es ist in alle Ewigkeit ungesagt geblieben, was sie nicht zu wissen behauptete. Die Sonne hatte sich allgemach über den zwei närrischen, politisch gänzlich unzurechnungsfähigen Kindsköpfen um den Akazienbaum herumgeschlichen und mit lachendem Strahl in das liebliche, liebe, aber ganz kurios verzogene Gesichtchen des Mägdleins. Ehe sie sich mit ihren so drolligen und doch so ernsten germanistischen Studien noch konfuser machten, als sie schon waren, hatte sie, die deutsche Jungfrau, erst den Sonnenschirm aufzuspannen gegen Phöbus Apollos schalkhaft zudringlichen fragenden Blick um die Ecke.

Es wurde durch ihre Bewegung wieder Raum zwischen ihm und ihr; aber es war von blauer Seide, das Schirmchen nämlich, und wer das Hübscheste aus der Farbenlehre sich herauszuholen wünschte, der hatte einfach jetzt hier am Platze zu sein und sich mit in den holden Schatten einzuschmuggeln, und Blau und Rot und Rosiges und Grün und Gold, Himmlisches und Irdisches in der Wechselwirkung aufeinander zu studieren. Darunter, darin hatte alles Platz: Newton und Goethe, Großdeutschtum und Kleindeutschtum; in diesem Blau ging alles auf, löste sich alles in Zufriedenheit, Glück und Seligkeit, und auf eine Frage: wie das eigentlich komme? würde der Esel von Frager von dem Kameralsupernumerar Gutmann aus H. wahrscheinlich die Gegenfrage vernommen haben:

»Schafskopf, wie kann man Politik und Farbenlehre treiben, wenn der Schleier der Maja so süß, so süß, so – süß über den Augen, über dem Herzen liegt?« . . .

Für jetzt handelte es sich für besagten Kameralsupernumerar aber immer noch, erst in den seligen Schatten mit hineinzukommen, ohne sofort wieder hinaus- und in seine Grenzen zurückgewiesen zu werden. Es war noch immer die Möglichkeit gegeben, daß man ihn aufmerksam drauf mache, die Welt sei groß, und es seien noch mehr Bänke im Park der Ehrenburg vorhanden, auf welchen er seinen Erdenschatten finden könne, wenn ihm hier die Sonne, der Kopf und das Herz zu heiß werde.

Er rückte. Er rückte unruhig. Daß er rückte, wußte er nicht; es machte sich ganz von selber. Daß sie nicht weiter abrücken konnte, sagen wir jetzt zum dritten Male, aber, Gott sei Dank, damit ist es auch aus und zu Ende: wir brauchen es nicht zu wiederholen; Gutmanns Reisen werden jetzt und jetzt hoffentlich! dem deutschen Volke schon teuer genug geworden sein! . . .

»Fräulein!«

»Herr Gutmann?«

»Fräulein – es – gibt doch – nichts Herrlicheres als das Reisen!«

»Meinen Sie?« seufzte sie.

»So befreiend! und so – bildend! Immer etwas Neues – immer andere Menschen und Gesichts–punkte! Gestern noch Krähwinkel, heute Wunsiedel! Gestern im Schreibstall, im Muff, Knuff und Puff des Alltags, heute im ewigen – Blau, im Thüringer Herbstsonnenschein, auf dieser himmlischen Bank! Die edelsten Geister des Vaterlandes, Deutschlands beste Männer und unsere Väter ruhig da hinten in der Herzoglichen Reitbahn am großen Werk, und wir – hier! So märchenhaft, und – o! – so wirklich, wirklich! o, Fräulein Blume! . . .«

Sie lächelte. Daß auch sie von dem Muff, Knuff und Puff des Alltags auszusagen wußte, daß sie einen schweren Monat lang im Interesse der Familie bei der Tante Adele in Immelborn geduldet hatte, mochte wohl dazu beitragen, daß sie so lächelte, wie sie lächelte. Jedenfalls, hätte sie nicht so gelächelt, wie sie lächelte, so wären sie, Willi Gutmann und Tilde Blume, heute noch nicht Mann und Frau. Sie lächelte zu dem »neuen Unsinn« des Jünglings aus dem Norden, und zwar auf die Weise, die, wenn nicht Berge verrücken, so doch Klötze verrückt machen und an die kleinen Mädchen heranwinken kann. Die schlechte Redensart »auf den Leim locken« hat selbstverständlich nicht das Mindeste mit diesem Lächeln zu tun. Die andere »auf den Leim gehen« schon eher; aber das ist doch nicht die Sache der kleinen Mädchen! Wer das tun will, der hat es nachher nur sich selber zuzuschreiben. –

Was hatte sie plötzlich zu zittern, als er ihr noch näher auf den Leib rückte?

Die ganze qualvolle, wonnevolle Stunde durch hatte er konfuses Zeug geschwatzt, und er blieb auch jetzt dabei –

»Es muß so süß sein, nicht so allein in seinem Elternhause zu sein. Sie haben Geschwister – liebe Schwestern –«

»Eine ganze Menge,« stotterte sie.

»Ich hatte auch eine Schwester, Fräulein Klotilde! Sie hieß Mathilde. Der Name klingt auch so hübsch.«

»Oh!«

»Sie ist aber leider vor meiner Geburt gestorben –«

»Ah!«

»Meine Mutter verknüpft heute mit ihr noch alles, was hübsch und lieb in der Welt ist. O, Fräulein Klotilde, wäre sie doch mit nach Koburg gekommen und hätte Sie kennen gelernt – meine Mutter, meine ich –«

»Herr Gutmann,« hauchte sie, und dann konnte er ihr nicht näher rücken; er saß ganz und gar mit unter dem blauen Sonnenschirm – – – das Schicksal hatte es so gewollt; sie hatten sich beide so lange als möglich gegen seinen Beschluß gewehrt und können uns dafür heute noch zum Zeugen aufrufen, daß nichts dagegen auszurichten gewesen war.

»O Gott, ist es denn wahr, daß das Schicksal dies so gewollt hat?« fragte schluchzend die Maid aus Oberfranken im Arm des Jünglings aus Niedersachsen, und er, der Jüngling, konnte es ihr jetzt nur beruhigend bestätigen durch ein bebendes »Ganz gewiß!« und ein nicht endenwollendes »Ja, ja, ja!« Herz am Herzen, Mund auf Mund. Aber wie als wenn das Schicksal auch das gewollt hätte, so hatte gerade um diese Zeit von Bennigsen in der herzoglichen Reitbahn gejagt:

»Wir machen jetzt eine Stunde Pause!« und auch das hatte einstimmige Billigung gefunden, und sie hatten sich alle aus dem herzoglichen Reithause ins Freie und »an die Büfetts« ergossen und so –

»Kamen sie also auch über uns in unsern siebenten Himmel, wie ein Donnerschlag aus blauem Himmel,« wie Fräulein Klotilde später berichtete. Sie fügte aber, tief aufatmend, hinzu: »Glücklicherweise für mich kam der Onkel Laurian zuerst!«

 


 

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