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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Die Sache nahm nun Formen an, die der großen Weltgeschichte angehören. Das Buch von »Gutmanns Reisen« würde nicht nur seines Umfangs wegen in keiner deutschen Bibliothek einen Platz finden, wenn wir alles hineinpackten, was seines historischen Rechts wegen an dieser Stelle hineingehört; wir würden es politisch nach den verschiedensten Seiten hin mit den Leuten und Lesern verderben, und was das Schlimmste wäre, wir würden uns wahrscheinlich selber schauderhaft langweilig werden, und das letztere möchten wir fast noch weniger gern als das erstere. Vorsichtig also! –

Von neuem wälzte es sich von allen Seiten her gegen das herzogliche Reithaus heran und in es hinein. Sie waren fast sämtlich aus der Ferne gekommen und hatten also nicht zu Hause geschlafen und ihre gewohnte Bequemlichkeit gehabt, und so war es für einige von ihnen schon jetzt ein wahres Glück, daß sie einen Gegner wußten, eine Frage der Tagesordnung kannten, an denen sie demnächst, der Reihenfolge der Redner nach, ihr Unbehagen auslassen konnten.

Gutmann junior warf von der Haustür aus noch einen Blick zu den Gardinen der Witwe Wellendorf empor; aber die schöne Nachbarin zeigte sich nicht. Major Blume und Apotheker Poltermann hatten schon den Vater Gutmann in Beschlag genommen, und der Major, nach der Uhr sehend, sagte:

»Er hatte fest versprochen, wenn irgend möglich, ebenfalls zur rechten Zeit da zu sein.«

Und mit dem Wort kam er, tänzelte er schon um die Ecke, fröhlich, ausgeschlafen habend, ohne jegliches akute oder chronische Kopfweh, und mit einem Heliotrop im Knopfloch, sein zierliches Stäbchen schwingend und sein Bäuchlein im Morgensonnenschein behaglich vor sich hertragend.

»Da sind wir ja alle!« rief er. »Etwas habe ich mich doch wohl verspätet; aber ich werde auch nur Fräulein Klotilde diese Blüte und meinen Morgengruß zu Füßen legen, und bin sofort wieder hier unten und zu Ihrer Verfügung, meine Herren.«

»Dazu würde wohl keine Zeit mehr sein, lieber Pärnreuther,« brummte der Major. »Meine Tochter wird diesmal Ihre Aufmerksamkeit für genossen annehmen. Kommen Sie – marsch – linken Fuß voran. Jetzt geht das Vaterland aller andern Süßigkeit vor!«

»O, das tut mir ja recht herzlich leid,« seufzte Herr Alois, ebenfalls einen Blick den Gardinen der Witwe Wellendorf zusendend. »Nun, dann komm du, Willi,« sagte er. »Laß uns zwei junge Leute jetzt zusammenhalten – in Not und Tod und Treue, fürs Vaterland und unsere Damen.« Damit schob er seinen Arm unter den seines kindlichen Verehrers von Anno Windischgrätz, Haynau, Bem und Dembinsky, und dann schoben sie sich alle – abermals um die Ecke, dem herzoglichen Reithause zu. In dem Augenblick, wo der letzte Zipfel von ihnen verschwand, bewegte sich der Vorhang bei der Witwe Wellendorf und zwar heftig.

Ganz und gar nicht scheu lugte Fräulein Klotilde hinter ihm vor und der patriotischen Schar nach. Sie bog sich ruhig (d. h. eigentlich durchaus nicht ruhig) aus dem Fenster heraus, sah hinter ihnen drein und sagte, mit dem Füßchen aufstampfend:

»So! Da gehen sie, und hier stehe ich und kann mich ja auch wohl wieder setzen und mit mir selber beschäftigen – vielleicht Briefe schreiben! Ja, ich werde Briefe schreiben und zuerst einen an die Tante Adele – einen ausführlichen über meine Undankbarkeit und meine innige Sehnsucht nach ihr und meine – herzliche – Anhänglichkeit – an – ihr – Immelborn!« – –

Hiernach können wir ja wohl in dem Reithause zu dem ersten Gegenstand der Tagesordnung, der deutschen Verfassungsfrage übergehen. Der Ausschußantrag darüber lautete:

»Das deutsche Volk wird seinen Anspruch auf bundesstaatliche Einheit, welcher durch das Gesamtorgan des Bundes und alle einzelnen deutschen Regierungen anerkannt ist und in der Reichsverfassung von 1849 seinen Ausdruck gefunden hat, nimmermehr aufgeben.«

»Weswegen ich mich auch von neuem auf Reisen gewagt habe und hier sitze,« sagte Vater Gutmann.

»Hiernach erkennt es der Nationalverein für seinen Beruf, auf die Schaffung einer einheitlichen Zentralgewalt und eines deutschen Parlaments mit allen gesetzlichen Mitteln hinzuwirken. Zu den Befugnissen der Zentralgewalt gehört vor allem die militärische Obergewalt und die ausschließliche Vertretung gegenüber dem Ausland.«

»Ganz meine Meinung!« rief der alte Lützower, der wiederum einige Bänke vor unseren Freunden, wie auf Vorposten Anno Dreizehn, die Wacht bezogen hatte.

»Der Nationalverein erwartet, daß jeder deutsche Volksfreund willig die Opfer bringen werde, die zur Errichtung der Größe und Einheit Deutschlands nötig sind. Das preußische Volk vor allem muß dartun, daß es trotz seiner glänzenden Geschichte und trotz der Großmachtstellung des preußischen Staates sich als Teil des deutschen Volkes fühle, und daß es gleich jedem andern Staate Deutschlands der deutschen Zentralgewalt und Volksvertretung sich unterordne. Wenn die preußische Regierung die Interessen Deutschlands nach jeder Richtung tatkräftig wahrnimmt und die unerläßlichen Schritte zur Herstellung der deutschen Macht und Einheit tut, wird gewiß das deutsche Volk vertrauensvoll die Zentralgewalt dem Oberhaupt des größten reindeutschen Staates übertragen sehen.«

»Ist das wirklich auch deine Meinung, Willi?« fragte Herr Alois von Pärnreuther.

»Ich bin dafür!« sagte Gutmann der Jüngere fest, ob allein aus politischen Gründen, mag dahingestellt bleiben.

»Na, na, na,« brummte nach außen hin der Vater Blume. Nach innen hinein summte ihm so etwas von »königlich bayerischer Majorsecke« und fraglicherweise auch aus königlich preußischer militärischer Obergewaltsflut tückisch aufragender Scheiterungsklippe. »Ich für mein Teil habe nichts dagegen; aber eine etwas genauere freundschaftliche Erörterung und Auseinandersetzung wird doch wohl noch nötig werden,« fügte er seinem äußerlichen Gebrumm zu.

»Der Nationalverein gibt keinen Teil des deutschen Bundesgebiets auf. Er erkennt die deutschen Provinzen Österreichs als natürliche Bestandteile des Vaterlandes und wird mit Freude den Augenblick begrüßen, welcher den Anschluß dieser Provinzen an das geeinte Deutschland möglich macht.«

»Das ist wenigstens ein Trost!« seufzte Herr Alois von Pärnreuther nach der Stirn greifend. »Und was ist hier für eine Luft? . . . Wenn sie zu Hause nur eine Ahnung davon haben, daß ich hier bloß zufällig von Wunsiedel aus zuhöre, so –«

»O, du bist ja durch dein jetziges Geschäft ein halber Ungar. Du kannst schon ausweichen, und uns wirkliche, reine Deutsche jede uns zugedachte Prügelsuppe allein auslöffeln lassen.«

»Willi,« rief Herr Alois von Pärnreuther vorwurfsvoll. »Willi, ich habe dich als Kind gekannt, du mich als Jüngling: bin ich damals bei euch gewesen wie einer, der einer dem deutschen Vaterlande zugedachten Prügelsuppe aus dem Wege ging? Wenn du nichts mehr von mir weißt, so frage deine Mutter nach mir!«

In diesem Augenblick war für die zwei das Weib als Mädchen, als mannbare Jungfer, als noch heiratsfähige, junge Witwe weniger als ein nichts – es war eine Nichtigkeit – ganz und gar nicht vorhanden, auch in der Zwiebelmarktgasse bei der Witwe Wellendorf nicht. Alles war für eine schöne Minute innige Männerfreundschaft, vaterlandsaufopferungssehnsüchtige Rührung, zärtliches Händedrücken zwischen den Stühlen. Einen Kuß konnten sie sich vor versammeltem, politischem Volk nicht gut geben; aber sie waren nahe daran.

»Ich habe damals als dummer Junge, als Kind wollte ich sagen, häufig Tränen der Begeisterung in mein kindliches Kopfkissen geweint, Alois! Über dich, Alois!«

»Und ich habe den blonden norddeutschen Knaben in der Tiefe meiner Seele über die schleswigschen Schlachtfelder getragen und nach Wien mitgenommen.«

»Bruder Alois!«

»Ja, innige jugendfrische Brüderschaft! Die paar Jahre Altersunterschied zwischen uns zählen ja wahrhaftig nicht.« – –

»Die Gemeinsamkeit des Bluts, die Geschichte der Interessen weisen uns auf die innigste Verbindung mit ihnen hin, auf eine durch Übereinstimmung der politischen Institutionen und durch den ungehemmtesten geistigen und wirtschaftlichen Verkehr inniger als bisher geknüpfte Verbindung. Der Verein wird aber auch, falls die Macht der Verhältnisse und unbesiegbare Hindernisse die deutschen Teile Österreichs vom gleichzeitigen Anschluß an den deutschen Bundesstaat abhalten, sich hierdurch nicht hindern lassen, die Einigung des übrigen Deutschlands anzustreben. Wie sich auch in der nächsten Zukunft das Verhältnis dieser Provinzen zu dem übrigen Deutschland gestalten mag: der Verein hält fest an der Zuversicht, daß jener unvertilgbaren innern Gemeinschaft auch die rechte Form der äußern politischen Einigung auf die Dauer nicht fehlen kann.«

»Hm, ganz glatt wird das wohl nicht abgehen,« murmelte Freund Alois. »Wundern soll es mich, wer jetzt von uns aus hier zuerst das Wort nimmt und den Herren da oben doch ein wenig das Konzept zurechtrückt. Einiges in dem Programm würde unbedingt doch wohl etwas genauer besprochen werden müssen.«

»Hoffentlich nicht zu genau!« riet Kameralsupernumerar Gutmann.

»Junger Mensch, weil das Leben kurz und das Wetter draußen heute sehr angenehm ist? Nun ja, mir auch recht, wenn sie den Herren vom Ausschuß und von der Spree erst unsere Ansicht von der Donau richtig zu Protokoll gegeben haben werden. Nachher benutze auch ich gern genug den schönen Tag und besehe mir heute, wie du gestern, mit unserer lieben Kleinen die Feste Koburg und lasse Deutschland ohne mich mit Deutschland fertig werden. Mama Blume in Wunsiedel hat mir das Kind, wie deine Mama sich auszudrücken pflegt, förmlich auf die Seele gebunden, und die beiden alten Herren sorgen wahrhaftig doch etwas zu wenig für sein ihm hier in Koburg zur Belohnung der Tugend und Tapferkeit versprochenes Vergnügen.«

Wilhelm Gutmann fand es plötzlich ganz natürlich, daß die alten Herren sich hier die zu laute Privatunterhaltung der jüngern verbaten.

»So halte doch das Maul endlich,« rief gröblich sein Vater. Major Blume drückte sich gegen seinen Wiener Hausfreund etwas höflicher aus.

»Sie werden merkwürdige Dinge zu Hause erzählen können, wenn Sie nur ein bißchen aufmerksam zuhören, Bester,« erinnerte er, und Herr Alois versicherte, daß er dieses ganz gewiß tue, und daß die Herren von der preußischen Spitze doch die Auseinandersetzung nicht so leicht finden würden, wie sie sich augenblicklich noch einzubilden schienen.

Für diese erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins schien der Ausschuß freilich die Sache so rasch und leicht als möglich abmachen zu wollen. Seinen Antrag hatte er gestellt; nunmehr faßte er seine weiteren Wünsche darüber den Anwesenden gegenüber in einen kurzen guten Rat zusammen. Nämlich:

»In Erwägung, daß es sich in verschiedenen Anträgen um Durchführung der Reichsverfassung von 1849 handelt,

in Erwägung, daß die Meinungen über eine sofortige Agitation für die Reichsverfassung offenbar diametral auseinandergehen und daß hierbei weder eine Scheidung nach Parteien, noch nach geographischer Lage zu erkennen ist,

in Erwägung, daß das mögliche Kommen eines Augenblicks, wo die Reichsverfassung als Banner aufgestellt werden kann, zur Zeit die Entscheidung dieser Frage nicht notwendig erscheinen läßt,

in endlicher Erwägung, daß der Ausschußantrag die unbedingt von der deutschen Nation verlangten Sätze der Reichsverfassung – einheitliche Zentralgewalt und Parlament – gewahrt hat,

aus diesen Gründen beschließt der Nationalverein: nach Annahme des Ausschußantrags in der Verfassungsfrage über sämtliche oben gedachten Anträge zur Tagesordnung überzugehen

»Ah – oh – hm – ei – Rrrrr – hmmhmm – oh – ah! . . . Bravo!«

Das »Bravo« kam aus dem Munde des Jüngsten in der Versammlung. Willi Gutmann murmelte es unwillkürlich an diesem Wendepunkte der deutschen Geschichte. Sonst war wohl kein zweiter, selbst im Ausschuß, der nicht mit ernster Stirn im Reithause sich umsah und so die Frage stellte, ob wirklich niemand mehr was zu sagen habe?

Zur Tagesordnung übergehen – über sie hinweglaufen – aus dem herzoglichen Reithause vor dem Freund aus Jugendtagen hinausstürzen – ihm in der Zwiebelmarktgasse zuvorkommen – mit Fräulein Klotilde das neue deutsche Reich für gegründet erklären und zu Hübscherem, Wichtigerem, Wonnigerem in Koburg übergehen – die ganzen nächsten Tage, die Zeit und Ewigkeit vollständig zu ihrer Verfügung haben – – – der junge Mensch glaubte wahrhaftig einen Augenblick vollkommen dran, bis ihm der nächste eines Bessern, wenn man hier sich dieses Wortes bedienen darf, belehrte, und ihm dartat, daß um einen solchen Brei viele Köche mit ihren Rührlöffeln, und jeder von ihnen mit seiner Hand voll Salz versammelt sind.

O über der Väter Sprichwörterweisheit! Wie versalzten sie dem Jüngling an diesem ersten Morgen der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins das Vergnügen, welches ihm in Koburg wohl nicht von einem zärtlichen Vater versprochen worden war, welches er sich aber allmählich mehr und mehr selber daselbst versprochen hatte! Sein einziger Trost war bald nur noch Herr Rudolf von Bennigsen auf dem Präsidentenstuhl. Dem Mann sah er es nach und nach auch an, daß ihm des Guten und des guten Rates doch zu viel werde. –

Herr Alois von Pärnreuther aus Wien hat sie sämtlich in seinem Notizbuch, und Klio hat sie auch alle auf ihren ewigen Tafeln, wie sie kamen, einer nach dem andern – einer für sich allein, einer mit Genossen, einer mit der Einwilligung seiner Frau und seines Landesherrn, einer ohne Zustimmung dieser Mächte, einer mit und einer gegen seinen Kneiptisch zu Hause, einer mit den Erinnerungen seines Großvaters und einer mit der furchtbaren Sorge für seiner Kinder Kindeskinder: alle aber mit der festen Überzeugung, daß es durchaus nicht gehe, wenn es nicht durchaus so gehe, wie sie sich die Sache gedacht und reiflich überlegt hatten.

»Willi, du freust mich!« sagte Vater Gutmann, seinem Kinde einmal aufs Knie klopfend. »Sehen Sie nur, Major, wie mein Junge hier mit vollem Herzen und mit ganzer Seele dabei ist!« Konnte der Greis dafür, daß er sich irrte?

Wo war die Hälfte des Herzens des Knaben? Wo war ein gut Drittel seiner Seele?

Draußen waren sie. Draußen vor der herzoglichen Reitbahn – in der Zwiebelmarktgasse waren sie, und wie trefflich auch Hofgerichtsadvokat Metz aus Darmstadt zur Sache und für den Ausschuß reden mochte, Willi Gutmann konnte nur halben Ohres ihm zuhören: fort und fort hörte er in alle Politik und alle Philosophie der Geschichte hinein die Witwe Wellendorf das arme, kleine Ding in der Zwiebelmarktgasse aus Mitleid unterhalten und nahm, trotz Metz, mit zuckender Ungeduld und steigendem Mißbehagen teil an der »Langweilerei«.

Metz meinte: »Die Stellung Preußens und Österreichs sind die bestrittensten Fragen; sie müssen aber entschieden werden!« Herr Wilhelm Gutmann mit mehr als einem Blick auf seinen liebenswürdigen Freund aus der Jugendzeit und aus Wien war vollständig damit einverstanden.

Unbedingt mußten hier immer noch sehr dunkle Fragen so rasch als möglich entschieden werden!

Metz sagte: »Das Hauptunglück ist der Partikularismus. Der Schwabe neckt den Bayer, der Preuße den Österreicher, ja, sogar der Frankfurter den Darmstädter. Wir müssen aber das Gefühl wecken, daß alle, groß und klein, deutsche Brüder sind, daß sie zusammengehören.«

»Was sich liebt, neckt sich,« seufzte der Onkel Poltermann: worauf aber sein Schwager ihn an- und in seine lyrische Geistesabwesenheit zurückbrummte.

»Wenn nur die Sache nicht manchmal ein bißchen zu arg würde, und der Spaß zu grob. Ich habe bei Bronzell mit gestanden und kann in dieser Hinsicht aus persönlicher Erfahrung mitreden.«

»Das kann unser Schimmel auch!« meinte Vater Gutmann so vergnüglich, so echt deutsch gemütlich-ironisch, daß es an einem Haar hing, wenn sie sich nicht sofort wieder in die Haare fielen, diese guten deutschen Brüder, wie sie ebenso rasch, gestern abend im Café Moulin, für gut und böse, für Zeit und Ewigkeit Brüderschaft miteinander gemacht hatten. Glücklicherweise bat sich die nächste Nachbarschaft in dem Reithause, aus allen Räumen und von sehr vielen Parteischattierungen, nachdrücklich Ruhe aus; sie wünschte Herrn Metz gottlob noch ein weniges weiter zu hören. Zumal da noch eine erkleckliche Anzahl auch von Gegenrednern das Wort verlangt hatte. Was den Kameralsupernumerar Gutmann aus H. anbetraf, so war der so sehr in der Frage, wie sich deutsche Brüder in ihrer Zusammengehörigkeit mit entzückenden deutschen Schwestern freundschaftlich auseinander finden könnten, aufgegangen, daß er die historische Erinnerung an die Schlacht von Bronzell völlig überhört hatte. Eine Ahnung hatte er noch nicht davon, wie sehr es zur Lösung dieser – seiner Frage beitrug, daß sein Freund Alois Auge und Ohr nur für den Darmstädter Hofgerichtsadvokaten hatte. Nämlich nachdem dieser treffliche Redner Preußen in seiner Schnoddrigkeit und – geschichtlichen Größe klein und groß gemacht hatte, kam er sachgemäß auf von Pärnreuthers Kaiserstaat Österreich und damit freilich auf etwas, wofür der ungarische Weingroßhändler Auge, Ohr und Herz beisammenbehalten mußte.

»Wir haben einen Teil von Deutschland, der dem Süden besonders lieb ist und in furchtbarer Lage sich befindet,« sagte Metz.

»Das weiß der liebe Gott!« seufzte Herr Alois.

»Eine Macht, die aus verschiedenen Nationen besteht, fesselt ihn; er will sich dem ganzen Deutschland anschließen, kann aber nicht,« sagte Herr Metz.

»Mögen möchte er wohl!« seufzte Herr Wilhelm Gutmann, befand sich jedoch seltsamerweise mit seinem Seufzer und also auch seinen Gedanken mehr in der Zwiebelmarktgasse als in dem herzoglichen Reithause; mehr vor der Frage, was mit Fräulein Klotilde Blume als was mit Deutsch-Österreich im neuen deutschen Bundesstaate anzufangen sei.

»Jetzt soll es mich wundern, wie er sich, mir, uns mit gesetzlichen Mitteln aus der Frage heraushilft?« murmelte Alois.

»Sie können Männern, welche diesen Teil Deutschlands nicht verlieren wollen und sprechen: das ganze Deutschland soll es sein! mit Recht nicht entgegenrufen: Das ist unpraktisch und unerreichbar! Also – streben wir auch hier eine überwältigende Mehrheit zu erzielen und einer Hauptquelle der Verdächtigungen ein Ende zu machen. Deutsch-Österreich wollen wir! Das deutsche Element soll und muß zusammen! In dem deutschen Parlament darf nicht italienisch und ungarisch gesprochen werden. Wir haben das Prinzip einerseits zu wahren, andrerseits der Macht der Tatsachen uns nicht zu verschließen. Da wir immer nur eine Agitation mit gesetzlichen Mitteln wollen, so müssen wir einerseits Deutsch-Österreich als Teil des neuen Bundesstaates anstreben, andrerseits aber auch auf den Fall der Unmöglichkeit des sofortigen Anschlusses uns vorbereiten. Darum sagen wir laut: Wir werden uns konstituieren als Deutschland, und warten und hoffen, daß das gemeinsame Blut sofort oder später diese äußeren Hindernisse besiege, und daß unser Bundesstaat, falls er Deutsch-Österreich wider Verhoffen nicht alsbald umschließen könnte, es mindestens später zu dem vorhin allein geeinigten Deutschland hinziehen wird.«

»Ja, aber?!« stammelte Herr Alois von Pärnreuther aus Wien; und dann wendete er sich zu seinem jüngeren deutschen Bruder aus dem deutschen Norden und sagte: »Willi, eigentlich wollte ich dir den Vorschlag machen, nach dieser Rede die Kleine zusammen von der Mutter Wellendorf abzuholen und mit ihr Koburg von der vergnüglichsten Seite zu sehen; aber damit ist es, was mich angeht, nichts. Ich bin es mir und ich bin es meinen Leuten zu Hause schuldig, jetzt auch noch die anderen zur Sache reden zu hören!«

»Wir haben,« schloß Herr Metz, »mit unsäglicher Mühe vor einem Jahre ein Band gefunden, welches die ganze Fortschrittspartei umschließt, welches der Feindschaft ein Ende macht zwischen Demokraten und Konstitutionellen in Nord und Süd, welches uns die schönsten Vorteile für die deutsche Sache brachte. Wollen Sie nun durch einen mindestens zweifelhaften Beschluß dieses Band vielleicht zerreißen und durch solchen Beschluß vielleicht das Schmieden neuer Ketten für die nationale Entwickelung ermöglichen? Ich rufe Ihnen deshalb nochmals zu mit den Bewohnern einer der freisinnigsten, der volkstümlichsten und aufopferungsfähigsten Städte von Deutschland, mit den Bewohnern von Hanau, die auch die Reichsverfassung wünschen, die aber sagen: Vor allen Dingen seid einig, einig, einig!!!«

»Schiller!« sagte Onkel Laurian.

 


 

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