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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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Vierzehntes Kapitel.

So war es recht! Wenn was der Sache zu einem alle befriedigenden guten Ende verhelfen konnte, so war es dieses gemütliche Hin- und Herpendeln zwischen der hohen Politik und dem guten Koburger Bier; zwischen dem Reithause und dem Wirtshause. Im heftigen Männergewoge drängte es sich durch die jetzt dunkle und kühle Herbstnacht dem Café Moulin zu. Viele mit warmen Herzen, nicht wenige mit heißen Köpfen! Sie hatten sich alle noch gegenseitig auszusprechen, und Herr Wilhelm Gutmann sogar hätte gern vor dem Zubettegehen noch einmal mit seinem Freunde Alois gesprochen.

Ob Fräulein Klotilde wohl wirklich Punkt zehn Uhr zu Bette gegangen war? ob wohl der Onkel Laurian so vernünftig gewesen war, sie nach Hause nach der Zwiebelmarktgasse, zur Witwe Wellendorf zu bringen, und auch selber hübsch und solide zu ihrem Schutz zu Hause zu bleiben und höchstens noch im Sinne seines hohen Freundes Jean Paul Friedrich Richter eine stille, schutzengelhafte Pfeife aus dem Fenster in der Zwiebelmarktgasse zu rauchen?

Aber –

»Junge,« rief Vater Gutmann, »dies hat mir ganz den Anschein, als ob das hier eine ganz famose Nacht werden könnte und wir fürs Erste wahrscheinlich noch nicht zu Bette kämen! Major, nun eine recht gemütliche Ecke, und dann meinetwegen laß sie kommen: Russen, Franzosen, Engländer und was sonst noch Lust hat, sich an uns zu reiben. Ich meine, wenn wir so dabei bleiben, werden wir es ihnen schon zeigen! Wilhelmchen, mein Söhnchen, in welche unbestimmte Ferne gaffst denn du mal wieder herein? – Kellnär« –

Er glaubte seinen Vater gekannt zu haben, ihn zu kennen, der Sohn des alten »Käsekrämers«, und er erfuhr von Augenblick zu Augenblick auch in dieser Nacht mehr, in welchem Irrtum er noch immer befangen sei in dieser Hinsicht. Von Augenblick zu Augenblick ging es dem Kinde dazu deutlicher auf, daß auch seine Mutter zu Hause in einem ganz ähnlichen Irrtum befangen sei; auch sie hatte während ihrer ganzen langen Regierung sich viel und vertrauensvoll auf die ewige Unantastbarkeit ihrer diplomatischen und militärischen Gewalt über den »guten Alten« verlassen! Oh, sie hätte in dieser Nacht mit ihm im Schützenhause zu Koburg sitzen und Ihn sehen und hören sollen!

»Der Greis ist prächtig!« sagte die Hoffnung der Zukunft, sein Sohn. »Wenn der in seiner ganzen Vollständigkeit nicht mit in das neue deutsche Reich hinüberginge, dann bliebe auch ich draußen. Wenn der nicht mit übervollem, saftigem, freudigem, tapferem Herzen, jauchzend unter Preußens dürre, nüchterne Oberhoheit in militärischen und diplomatischen Angelegenheiten sich fügte, dann möchte auch ich nicht mit drunter!«

Und alle rundum in der gemütlichen Ecke: Thüringer, Schwaben, Ober- und Nieder-Sachsen waren so gegen Mitternacht ganz und gar der Meinung des Sohnes. Und was Bayern anbetraf, so machte Punkt zwölf Uhr – gerade als ein neuer Tag für Deutschland angehen sollte – Major außer Dienst Blume aus Wunsiedel Brüderschaft mit Herrn Gutmann dem Älteren aus H. und sämtliche Süddeutsche an den umliegenden Tischen folgten dem Beispiel nicht nur vergnügt, sondern auch fest überzeugt, daß sie unter den gegenwärtigen, unbehaglichen, politischen Umständen gar nichts Behaglicheres tun könnten.

Wahrscheinlich auch von dem Bedürfnis getrieben, auch einen süddeutschen Bruder an sein Herz zu drücken, begriff Gutmann der Jüngere immer weniger, wo sein Freund Alois eigentlich blieb. Den Instinkt, wenn das hübsche süddeutsche Schwesterlein zu Bett gebracht worden war, die »anderen« noch »irgendwo« zu finden, traute er ihm sowohl, wie dem Onkel Poltermann schon zu: um so überraschender war es denn für ihn, als der letztere, der Onkel Laurian, plötzlich allein kam und sagte:

»Schwager Blume, wir haben mit deinem Kinde nach dem Theater im Löwen zur Nacht gegessen. Jetzt träumt es hoffentlich schon von dir, hat sich aber fest vorgenommen, dir morgen früh nochmals deutlich seine Ansicht über deine väterliche Art, es bloß zu so einem Vergnügen nach Koburg zu laden, mitzuteilen.«

»So?« fragte Vater Blume, den Vater Gutmann aus den Armen freilassend. Und er fragte sehr gedehnt und fügte nur noch hinzu:

»Hm, hm! ei, ei!«

»Ein Pläsier war es gerade nicht für so ein armes junges Ding,« brummte der Onkel Laurian weiter. »Euer verehrter Wiener Hausfreund, euer lieber Herr von Pärnreuther hatte natürlich wieder sein Kopfweh mit aus dem Theater gebracht, fühlte sich abgespannter denn je und ging mit den wehmütigsten Entschuldigungen zu Bette. Ich habe euer verlassenes Kind nach der Witwe Wellendorf gebracht, habe mit ihm noch ein Stündchen gesessen und von der Tante Adele geredet, bis es, wenn auch etwas weinerlich, so doch zärtlich sagte: »Ich glaube ganz gewiß, sie sitzen wieder in dem Schützenhause an ihrer großen politischen Arbeit und vergessen alles andere darüber. Und dir, Onkel, sehe ich es auch an, daß du gern noch einige Augenblicke da hinein gucktest. Nun, denn gehe nur hin und erinnere den Papa in der Mama Namen ein bißchen an seinen letzten Gichtanfall, und daß er doch nicht gar zu lange hocken bleibt. Auf mich nehmt nur ja keine Rücksicht, ich weine mich schon ganz zufrieden ganz alleine in den Schlaf.«

Wem bei diesen Worten das Herz sich im Leibe umdrehte, wer sich am Stuhle hielt, um nicht außer sich in die Höhe zu fahren, das war Herr Willi Gutmann. Auf wen die Sache aber ganz den entgegengesetzten Eindruck machte, das war das Scheusal von Vater und Major a. D., das war der Vater Klotildens.

Was erwiderte er? Gar nichts erwiderte er; er brummte nur:

»Ganz das Mädel, wie es von der Alten erzogen ist. Ach, die arme Tante Adele! Na, Poltermann, dann setz dich nur; – Kellnär, hier dem Herrn einen Stuhl und ein Seidel:

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt;
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält!«

Einige Augenblicke später ertappte sich Herr Supernumerar Gutmann dabei, daß er im vollen Chor mitsang:

»Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten, schönen Klang.«

Für einen älteren jungen Menschen, der Kopfweh hatte, war um diese Zeit der Nacht solche deutsche Volksentwickelung wirklich nichts, und so war der weiland tapfere Held von Wiens Barrikaden, Ungarns Heiden und Schleswig-Holsteins Moor- und Torfgegenden in der Tat wohl besser in seinem Bette im Löwen als hier am allgemeinen Verbrüderungstisch im Schützenhause zu Koburg aufgehoben. Für Willi Gutmann lag gewissermaßen eine Beruhigung darin, daß sie beide ruhig im Bette lagen: sein Kindheits- und Knabenideal Alois von Pärnreuther von altersher und seine niedliche, tapfere, frische, zierliche wunderhübsche Reisebekanntschaft vom gestrigen Tage. – – –

Aber die Zeit stand auch jetzt nicht still; die Nacht schritt vor. Die Protagonisten, die »führenden Geister« hatten sich längst aus dem Tumult zurückgezogen, wenn sie ja einen Augenblick hineingeguckt hatten. Es bringt eben in solchen Tagen ein jeder sein Teil von Verantwortlichkeit mit; aber auf dem einen liegt sachgemäß das Ding doch etwas schwerer, als auf dem andern. Und es waren viele, viele in den Tagen vom dritten bis zum fünften September Achtzehnhundertsechzig in Koburg anwesend, denen es mit ihrem Dortsein zu Rat und Tat in des Vaterlandes blutiger Not und lächerlichem Jammer bitterer, bitterster Ernst war. Glücklicherweise befanden sich jedoch von solchen unter unseren guten Bekannten am Orte keine. Unsere Freunde konnten immer noch »bloß einen Augenblick« länger bleiben und trotz allem Ernst der Weltgeschichte doch ihren Spaß dran haben: es gehört immer zu den Vorzügen des Erdenlebens, nicht zu den Protagonisten, zu den führenden Geistern gerechnet zu werden, und gleichfalls schon des Anstandes wegen früher nach Hause zu müssen als die anderen, und zwar gerade dann, wenn's erst recht vergnügt wird, oder doch noch recht nett ist!

Seltsamerweise war es die Jugend, welche in der Nacht vom dritten auf den vierten September im Schützenhause zum Aufbruch mahnte.

»Wir müssen morgen früh um halb neun wieder im Reithause sein, Papa, und es geht jetzt auf zwei,« sagte der jüngere Gutmann zum älteren, und der ältere sprach mit etwas schwerer Zunge zuerst vergeblich nach dem richtigen Namen suchend:

»Da hören Sie's, Herr Laurian – Poltrian – Poltermann! Für so 'ne Sorte soll Ihr Jean Paul heute noch geschrieben haben? Puh, der ist tot und begraben für dies verständige Volk! Hören Sie es, wie da mein Küken mir Vernunft spricht, und grüßen Sie mir gefälligst Ihren Wunsiedler Ehrenbürger, und er möchte uns ganz gehorsamst vom Halse bleiben für – jetzt – und – alle – künftige – Zei – ten.«

»Lieber, bester Gutmann, lieber Bruder,« stammelte ebenfalls mit etwas schwerer Zunge der Major und Klotildens Vater, »da hast du ganz recht, es ist nichts mehr mit dem jungen Volk. Da habe ich so ein Mädel zu Hause in Wunsiedel – nein, ja wohl hier in Koburg, Schwager Poltermann? Im Löwen, um ihr ein Vergnügen zu machen für alle die Naseweisheit, zu der ihre Mama sie zu – meinem – Kummer – anleitet. Das Mädel solltest du sagen hören: ›Nun, Papa, wie ist's denn mit dem Heimgehen?‹ . . . Bruder Gutmann, dies Geschlecht pflanzt das deutsche Vaterland nicht fort – gar in verbesserter Auflage – kein Gedanke dran! . . . Dahingegen unser Pärntreuher . . . unser gemeinschaftlicher Alois – unsern Freund meine ich! Ja, der! Ihr habt ihn als jungen Helden und deutsche Völkerblüte Anno Achtundvierzig im Hause gehabt; wir haben ihn jetzt in Wunsiedel im Hause als Hausfreund, auf seinen Durchreisen von Wien in seinem Weingeschäfte – großartig! 's gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien – immer fidel – immer gemütlich, und schwarz-rot-golden bis ins tiefste Herz – der muß mit in das neue Reich, und meine Frau und meine – Tochter sind auch derselben Meinung und tun's nicht ohne ihn. Schade, daß er jetzt immer so leicht Kopfweh hat – ja, ja, Bruder Gutmann, man wird älter und muß sich schonen und für die Jugend erhalten und – na, meinetwegen denn auf nach Valenzia, zu Bette! Der junge Mensch hier weiß wohl den nächsten Weg?«

Der junge Mensch wußte ihn; aber der Onkel Laurian wußte ihn auch. Letzterer nahm kopfschüttelnd und – völlig nüchtern, den Arm des jungen Menschen und seufzte: »Kommen Sie denn, lieber Freund. Wir wollen still hinter ihnen hergehen und weiter keine Bemerkungen machen: der Herrgott, der den bösen Ham schwarz färbte, hätte vielleicht auch für uns noch einige Wichse im Topfe. Na, na, die akuten Brummschädel morgen früh! Dagegen dürfte unter Umständen sogar Ihr teurer Herr Alois mit seinem chronischen einpacken!«

Sie kamen in der Zwiebelmarktgasse an, und die zwei neuen deutschen Duzbrüder, Nord- und Mitteldeutschland, nahmen nochmals voneinander Abschied wie für die Ewigkeit mit den zärtlichsten Seufzern, die bei so frischgewonnener Freundschaft ziemlich häufig nicht nur aus dem deutschen Gemüte, sondern auch aus dem deutschen Magen aufsteigen. Für alle Ewigkeit; aber mit der festen schönen Gewißheit, sich morgen wiederzusehen und dann alles, alles ins klare zu bringen, was augenblicklich dunkel war in – den Gefühlen.

Eine brennende Lampe hatte ihnen der fürsichtige Schneider und Gastfreund Herr Daniel auf die Treppe gestellt. Bei ihrem Schimmer gelangten sie nach oben. Oben angelangt aber wollte der Vater Gutmann durchaus noch einmal umkehren und aus dem Hause hinaus; er wünschte »seinen Major« noch einmal ans Herz zu drücken, er wünschte dem Onkel Laurian noch einmal zu sagen, daß er ihn für einen zu lieben, zu guten, zu kuriosen Kerl halte.

Es gelang dem Sohne doch, ohne schwarz zu werden, ihn ins Bett zu bringen, und da er gottlob seinen »Kinderschlaf« noch »intakt« hatte, so war er auch sofort traumlos weg. Der Sohn blieb noch so lange vom Lager, als drüben noch Licht war. Dem Schattenspiel auf den Vorhängen nach hatte dorten der Onkel Poltermann mit dem Vater Blume seine liebe Not. Endlich aber erlosch auch da die Lampe. Nächtlicher Friede waltete über Koburg, und mit den Stiefeln versuchte nunmehr Willi Gutmann des Tages Sorgen auszuziehen: des Tages Unruhe behielt er in erklecklichem Maße im Blut. Von einem »Kinderschlaf« war bei ihm in dieser Nacht nicht die Rede.

O Klotilde, Klotilde Blume! Weshalb mußtest du dem Knaben in den Weg laufen, wo er doch in Koburg so vieles Wichtigere, wenn auch nicht Hübschere zu bedenken – mitzubedenken hatte? Weshalb mußte er in Immelborn dich sehen, wo doch ganz Deutschland auf ihn sah, in seinem jungen Verständnis, in seiner jugendlichen Tatkraft sich seine Zukunft gewährleistet erhoffte?

Aber angenehm war's doch, selbst mit der größten Unruhe im Blute, oder gerade darum, so im Bette zu liegen und Deutschland Deutschland sein zu lassen und das kleine deutsche Mädel aus Wunsiedel wie das große Vaterland nach allen seinen Schönheiten und Nutzbarkeiten, nach seiner ganzen Herrlichkeit zu würdigen, wie es in den deutschen Liedern steht und bis zum Ende aller Vokalmusik auf Erden gesungen werden soll von einzelnen, zu zweien oder im Chore: Männlein allein, Weiblein allein, oder Männlein und Weiblein mitsammen, welches letztere immer am besten klingt.

Wie sich Herr Wilhelm Gutmann bei vernünftiger Überlegung von Rechts wegen hätte vorkommen müssen, geht uns an dieser Stelle gar nichts an; er sang aber – er sang die ganze Nacht durch so als einzelner des deutschen Vaterlandes schönsten Preis und Reiz, und als im Morgentraum sein idealer Freund von Pärnreuther sich mit einem wienerwäldlerischen Jodler einmischen wollte, verwies er ihn kurzweg darauf, daß er, Herr Alois, als österreichischer Bruder doch eigentlich noch mehr als er, Herr Willi Gutmann, Grund habe, in Koburg bei der Sache zu bleiben, nämlich bei dem eigentlichen Zweck der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins.

Mit einem Schrei fuhr er nicht auf, als er sich im Glanz der Morgensonne an den Schultern gepackt und geschüttelt fühlte, daß die Federn herumflogen.

»Ha, ja – na –!«

Auch der Onkel Poltermann hatte den alten Hamburger Weltfahrer Gutmann aus H. sehr unterschätzt. Wer ohne Brummschädel zuerst aus den Federn war, glänzend gewaschen, fest in den Hosen und Stiefeln, stämmig auf den Füßen, das war der fröhliche Greis. Wer das Kind in das nüchterne Selbstbewußtsein zurückrief und rüttelte, das war der Vater.

»Junge, um halb Neun wolltest du im Reithause sein. Der Kaffee steht seit Stunden auf dem Tische, und um neun Uhr fängt die Versammlung an. Bist du in zehn Minuten nicht auf den Beinen, so bleib meinetwegen liegen, so lange du willst; ich gehe allein. Der Nachbar Blume drüben ist auch schon längst zu Wege. Scheint ebenfalls sein Teil Elend an seinem jungen Nachwuchs zu erleben. Hat mir wenigstens von dergleichen, so viel ich verstanden habe, über die Gasse zutelegraphiert und herübergebrummt.«

»Wieso?« fragte hastig der Sohn, steilrecht im Bette auffahrend.

»Frag ihn selber! da ist er schon wieder am Fenster. Na, wie ist es, Blume? bleibt sie?«

Der Major drüben nickte verstimmt, Willi Gutmann machte mit fliegender Eile Toilette, und wir begeben uns nach der andern Seite der Zwiebelmarktgasse hinüber, um uns genauere Auskunft zu holen, was dort eigentlich Unangenehmes vorgefallen war.

Passiert war so etwas; und Vater Blume hatte für seinen Unmut in der Tat einigen Grund. Nämlich über den Kaffeetisch weg hatte ihm sein Töchterlein plötzlich, wie aus dem blauen Morgenhimmel heraus, ihren festen Entschluß kundgegeben, mit der nächsten Reisegelegenheit nach Hause, nach Wunsiedel zu fahren, da sie absolut nicht einsehe, was sie eigentlich hier in Koburg solle und was sie durch ihren längeren Aufenthalt daselbst am heutigen Tage und an den nächsten zur Gründung des neuen deutschen Reiches beitragen solle.

»Was sagst du jetzt dazu, Poltermann?« hatte der Vater Blume gestammelt.

»Hm!«

»Ich weiß es wirklich nicht, Papa, wie ich euch hier noch zu eurem Vergnügen weiter behülflich sein könnte. Bei der Tante Adele war ich doch wenigstens zu irgend etwas nütze; aber hier bringt ihr eure großen politischen Geschäfte ganz gut ohne mich fertig. Im Gegenteil, ich geniere euch doch nur; also laß mich nur ruhig wieder nach Hause reisen: ich nehme wahrhaftig gern unter diesen Umständen das mir versprochene Vergnügen für genossen an, und die Mama hat wohl sogleich wieder eine bessere Verwendung zu Hause für mich, als wie ihr hier in Koburg.«

»Die Mama?« stotterte Vater Blume, »Mädchen, verdirb mir die gute Laune nicht ganz! . . . Die Mama? Deren Gesicht möchte ich nicht sehen, wenn nachher – ich nach Hause käme! Poltermann, du kennst deine Schwester – hat sie dich, mich und Freund Pärnreuther bloß des deutschen Nationalvereins wegen hierher reisen lassen? Mädel, zur Belohnung für deine gute Aufführung sind wir doch zum guten Teil mit hier in Koburg. Und wenn ich auch deinen Onkel und mich ganz aus der Rechnung lasse, so hat sie doch gesagt: ›Herr von Pärnreuther, lieber Pärnreuther, auf Sie und Ihr lustiges Wiener Gemüt verlasse ich mich besonders, daß das arme Kind nach seiner Aufopferung in Immelborn mir recht vergnügt wieder nach Wunsiedel kommt!‹ – Mädchen, Klotilde, daran hast du wohl auch nicht bei deiner verrückten Absicht gedacht?«

»Gar nicht, Papa!«

»Ich sehe eigentlich aber auch nicht ein, Schwager Blume, weshalb –«

»Jetzt macht mich nicht wild!« hatte der Major geschrieen und auf den Tisch geschlagen, daß das sämtliche Kaffeezeug getanzt hatte. »Einsehen tue ich allmählich auch nichts mehr; aber das weiß ich: geht dies Frauenzimmer jetzt, heute morgen nach Wunsiedel ab, kommt zu Hause an, und es fällt der Alten ein, an ihrer Stelle morgen früh hier zu sein und mir die Hölle wegen vernachlässigter Vaterpflichten zu heizen, dann – gehe ich auch; aber – sucht dann nur nicht nach mir: macht meinetwegen aus Deutschland, was ihr wollt; ich bin nicht mehr darin zu finden!«

Unter solchen Umständen und bei so entsetzlicher väterlicher Aufregung hatte Fräulein Klotilde nur das Taschentuch auf die Augen drücken können. Das aber hatte ihr dann der Onkel Laurian weg- und heruntergezogen und ihr zugeredet:

»Tildle, dann bleib meinetwegen hier, wenn keinem andern zuliebe! Ein bißchen kannst du doch immer auch den alten Onkel mit in die Rechnung ziehen bei deinem Koburger Vergnügen. Diese ganzen Tage durch werde ich es ja wohl auch nicht ununterbrochen im herzoglichen Reithause aushalten, und wo soll ich dann nachher mit mir hin, wenn ich dich nicht mehr habe, hier bei der Witwe Wellendorf und vielleicht noch mal oben auf der Feste Koburg mit der weiten Welt um uns und unter uns?«

»O Gott, Onkel – Onkele! . . . Ja, ja! Dich hatte ich ja wahrhaftig vergessen. O, verzeihe mir! Ja, Papa, beruhige dich nur und sei du wieder vergnügt: ich bleibe hier und gründe das neue deutsche Volk mit! es war nur eine Dummheit von mir, was ich gesagt habe, und – weil ich die Nacht durch nicht – nicht ganz gut geschlafen hatte!«

 


 

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