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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Meine Herren! der Ausschuß des deutschen Nationalvereins hat sich verpflichtet gefühlt, bevor das erste Jahr des Bestehens des Vereins abgelaufen, eine Generalversammlung einzuberufen,« sagte Herr Rittergutsbesitzer von Bennigsen aus Hannover. »Zwar bemühen sich die Gegner abwechselnd, wie es ihnen paßt, den Verein als eine Sammlung unpraktischer Ideologen und Doktrinäre oder verkappter Revolutionäre hinzustellen; aber die Aufmerksamkeit, welche die Gegner ihm schenken, die Schwierigkeit, die sie gefunden haben, ihn in seiner Stellung und Fortbildung anzugreifen und zu unterdrücken, lehren deutlich, daß eine neue bedeutungsvolle und einflußreiche Tatsache im öffentlichen Leben Deutschlands erschienen ist. Meine Herren! Vaterlandsliebe und das Erkennen der Fehler der alten politischen Parteien werden uns den rechten Weg leiten, daß wir in unseren Verhandlungen und Beschlüssen alles nicht Wesentliche zurückdrängen, daß wir ferner selbst mit Aufopferung der Ideale einer früheren politischen Bewegung und mit Verzichtleistung auf die sofortige und vollständige Erfüllung unserer Hoffnungen, das Streben darauf richten, den festen Grund und Anfang einer nationalen Entwickelung zu legen unter ruhiger Würdigung der vorhandenen Tatsachen und der Zusammenfassung der vorhandenen Kräfte des deutschen Volkes. Die Liebe zum Vaterlande und die in ihr wurzelnde Begeisterung, die feste Zuversicht, im Laufe der Zeit große Ziele zu erreichen, werden uns die Kraft geben, entschlossen und unerschüttert unsere Aufgaben zu verfolgen und endlich alle Hindernisse zu überwinden, welche die Zerrüttung unseres Vaterlandes durch die Kämpfe der alten Parteien und die Macht und Anfeindung unserer Gegner uns entgegenstellen. Mit diesen Worten der Begrüßung an Sie, meine Herren, erkläre ich die erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins für eröffnet.«

»Das hat Hand und Fuß,« sagte Vater Gutmann. – »Bravo!« rief Vater Blume. – »Ja, du! wie du hier so ruhig sitzen kannst, begreife ich nicht,« seufzte in der Tiefe seiner Brust Gutmann der Jüngere.

Es erhielt nunmehr das geschäftsführende Mitglied des Ausschusses das Wort und verlas vor allem eine Zuschrift aus Hanau, die begann:

»Deutsche Männer! Wenngleich verhindert, eurem Verein anzugehören, unsere Sympathien sind mit eurem Streben!« und endete: »Darum nochmals, ihr deutschen Männer: ihr müßt einig werden!«

Großer Beifall folgte selbstverständlich diesem auch bei denen, die sich fest vorgenommen hatten, bei jeglichem Vorschlag zur Einigung auf ihrem Kopfe zu bestehen und keinen andern gelten zu lassen.

»Nicht mal erkundigt habe ich mich, ob sie ihr ein Lustspiel oder ein Trauerspiel aufführen, und ob sie jetzt weint oder lacht!« seufzte Willi Gutmann. »Und dieser Alois! wie ich ihn noch vor mir habe – schlachtenumdonnert, qualmgeschwärzt, abgerissen ideal und schwarz-rot-golden bis ins tiefste treue deutsche Herz! Und wie dick er geworden ist! Eigentlich ist es mir doch nicht unlieb, daß ihnen der Onkel Laurian noch nachgerannt ist ins Theater und hoffentlich dann und wann in die Unterhaltung eingreift in den Zwischenakten. Das hier bringen wir auch schon ohne ihn zusammen.«

»Junge, wir sind hier nicht in der Kirche,« brummte nach einer Weile Gutmann der Ältere. »Denkst du nur an was anderes, oder schläfst du wirklich? Na freilich, für den Geschäftsmann ist natürlich so eine Rechnungsablage etwas interessanter als wie für euch jüngere Patrioten; aber sie gehört doch eben auch dazu.«

Es redete nun Rechtsanwalt Fries aus Weimar als Ausschußmitglied über die bisherige politische Tätigkeit des Vereins, wobei Willi Gutmann trotz Klotilde und Alois völlig mit bei der Sache war. Die Wiederherstellung des Rechtszustandes in Kurhessen, die Wiederherstellung des ungeschmälerten Rechts in Schleswig-Holstein waren wohl Dinge, bei welchen auch der durch andere wichtige Sachen zerstreute Jüngling die Ohren offen halten mochte. Daß Doktor Ammermüller und Genossen in Stuttgart durch eine Zuschrift erklärt hatten, sie täten nicht mit, da der Verein die Gründung eines einigen Deutschlands mit Ausschluß von Österreich anstrebe, tat allen leid – selbst Herrn Willi Gutmann, dem der ganze Kaiserstaat, repräsentiert durch seinen Freund, Herrn Alois von Pärnreuther, eben im Koburger Theater neben Fräulein Klotilde aus Wunsiedel saß und ihr so viel Süßes sagen konnte, als er wollte. – Daß die Abtretung von Savoyen und Nizza an Frankreich ein Deutschlands Interesse gefährdender Akt sei, war klar. Daß es weder in der savoyschen noch in irgend einer andern Frage, die Europa bewegte, eine deutsche Politik, ein deutsches Veto gab, war betrübend und legte von Tag zu Tag mehr die Mahnung ans Herz, endlich Hand zu legen an den Aufbau der deutschen Verfassung.

Das Sünden- und Leidensregister riß alle mehr und mehr hin: Pärnreuther trat wieder in seiner jugendlichsten Ritterlichkeit von Anno Neunundvierzig vor Willis Seele, das schöne Mädchen von Wunsiedel ging unter im politischen Nebel, Dunst und Dampf. Es sollte aber noch besser, das heißt ärger kommen.

Ein Name, der von der Rednerbühne klang, und ein Rippenstoß seines Vaters beförderten Herrn Wilhelm Gutmann aus dem süßesten Traum in die bitterhellste Gegenwart seines armen Volks.

»Wenn Einer dem neuen deutschen Staat auf die Beine hilft, so ist es dieser Edle!« brummte der Major Blume aus Wunsiedel, und einige Reihen weiter vorn stand der alte Lützower Pastor Nodth auf und hielt die Hand hinters Ohr, um besser zu vernehmen, was Fries über jenen »Edlen« mitzuteilen hatte.

Fries sagte:

»Noch einmal gab ein äußerlich unscheinbares Ereignis dem Ausschuß Veranlassung, den Satz zu wiederholen, daß das deutsche Volk entschlossen sei, keinen Fuß breit deutscher Erde unter fremde Botmäßigkeit gelangen zu lassen. Diesmal war es nicht die Drohung des Auslandes, sondern eine im Innern Deutschlands aufsteigende Gefahr, welche die Aufmerksamkeit der Vaterlandsfreunde auf sich ziehen mußte. Als in den ersten Tagen des Monats Mai eine größere Anzahl von Ausschußmitgliedern und gesinnungsverwandten deutschen Politikern in Heidelberg versammelt waren, lag die berüchtigte Erklärung des Herrn von Borries vor, in welcher er dem Versuche zur Gründung einer Zentralgewalt mit einheitlicher militärischer und diplomatischer Leitung die Aussicht auf ein Bündnis deutscher Fürsten untereinander, ja selbst auf ein Bündnis mit außerdeutschen Staaten entgegenstellte. Es gab das jener Versammlung Veranlassung, in der Erklärung vom sechsten Mai Achtzehnhundertundsechzig der Entrüstung, welche ein solches Verhalten hervorrufen mußte, Worte zu verleihen. Nicht nur gegen die Person des Herrn von Borries konnte jene Erklärung sich richten. Seine Äußerung erhielt ihre Bedeutung durch die Stelle, an welcher sie gesprochen wurde!« . . .

Was hierauf folgte, müßte dieses Buch jedem guten Deutschen nicht zu teuer, sondern teuer machen. Fries schloß seinen Bericht unter dem donnernden Beifallsgetöse der Vorversammlung der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, der dabei blieb, trotz allem und jedem die militärische und diplomatische Gewalt der deutschen Völkerschaften in Eine Hand zu legen. Der alte Pastor Nodth aber, der Achtzehnhundertdreizehn mit ausgeritten war, und der auf seinem Standpunkt stehengeblieben war, ergriff das Wort und sprach dem Ausschuß seinen und der Versammlung besten Dank für seine bis jetzt entwickelte Tätigkeit aus. Alle erhoben sich von den Sitzen, auch diejenigen, welche noch ihre Einwände auf der Pfanne hatten und behielten. Den letztern aber sprach noch Kreisrichter a. D. Schulze aus Delitzsch einiges zum Herzen, und als er schloß:

»Der Sieg der nationalen Bewegung in Deutschland ist zugleich der Sieg der Humanität – und dieser das Endziel aller Geschichte. Auf diesem Fels, meine deutschen Brüder, ankert unser Recht und unsere Hoffnung; das Gelingen ist nur eine Frage der Zeit. Durch unsere Haltung am morgenden Tage lassen Sie uns beweisen, daß zur humanen Reife auch die politische sich zu gesellen beginnt, und gelingt uns dies, so wird man nicht lange mehr unserer Nation die Stelle vorenthalten, die ihr unter den Völkern Europas gebührt!« –
da jauchzten sie ihm alle zu und hatten alle für heute abend genug, bis auf den Doktor Stamm aus Berlin, der die Rednerbühne erklomm, um seine persönlichen Ansichten über die Gestaltung der deutschen Zentralgewalt lieber doch noch sofort mitzuteilen. Er kam aber nicht weit, wich freundlichem Zureden, stieg wieder herunter und verzichtete auf sein Vorhaben. Es ging aber auch schon gegen zehn Uhr, wo nach Major Blumes Aussage sein süßes Kind hübsch und artig zu Bette zu gehen pflegte. Es war die höchste Zeit für die Herren und deutschen Männer, Gatten, Väter, Brüder, Onkel, Verlobte und Verliebte und so weiter im herzoglichen Reithause, sich zu einem zwanglosen Zusammensein nochmals nach dem Schützenhause zu begeben.

 


 

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