Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080926
modified20181018
projectid476c6de1
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

»Die dritte Stunde Nachmittags,
Das ist die müde Stunde«

singt mein lieber alter Freund J. G. Fischer in Stuttgart und hat vollkommen recht. Die dritte Stunde Nachmittags ist die müde Stunde, auf jedem Arbeitsfelde, in jeder Schule und Schreibstube und nach jeder Table d'hôte. Herr Wilhelm Gutmann versank hinter seiner Zeitung in einen immer müdern Mißmut. Das Blatt setzte, seinem Parteistandpunkt gemäß, die größten Hoffnungen in diese Zusammenkunft der besten Männer Deutschlands: Herrn von Pärnreuthers Willi gar keine mehr. Seit sich die Tür des Speisesaals hinter dem Herrn von Pärnreuther und Fräulein Klotilde geschlossen hatte, machte ihm wenigstens die ganze Geschichte nur noch wenig Vergnügen.

Der junge, lockenumflatterte Held von Achtundvierzig, Neunundvierzig und Fünfzig war der Traum seiner Nächte gewesen; der gemütliche Wiener Weinhändler von heute war noch sein Freund, der Freund seines Vaters und seiner Mutter; aber – war er, Supernumerar Gutmann, eigentlich deshalb nach Koburg geraten, um ihm – diesem kahl, dick und fast allzu gemütlich gewordenen Ideal und seiner möglichen, ja wahrscheinlichen ehelichen Nachkommenschaft das neue deutsche Reichshaus aufbauen und ausmöblieren zu helfen?

In Anbetracht des andern, jüngeren entzückenden Morgen-Jugendtraumes auf der Feste Koburg eigentlich etwas zu viel verlangt!

Was konnte es denn ihm, Willi Gutmann, dem voraussichtlichen ewigen Junggesellen und geschworenen Hagestolzen, am eigenen egoistischen Wohlbehagen viel abbrechen, wenn auch im neuen Hause die Öfen rauchten, die Fenster und Türen nicht schlossen und die Mietsherrn, Landes- und Hausväter aller Sorten: Fürsten, Herzoge, Großherzoge, Könige, ja, und vielleicht auch – Seine Majestät der deutsche Kaiser jede Gelegenheit, die Mieter zu steigern, am Schopfe faßten, dagegen aber auf Verbesserungen, Neu-Tapezieren und dergleichen nie oder nur sehr selten sich einließen?

Ihm, immer Willi Gutmann, blieb doch unter allen Umständen stets als letzte Rettung das Räsonnieren in der Kneipe, und wenn es ja zum allerschlimmsten kam, konnte er ja ganz ausziehen und ging nach Amerika, der freien Schweiz, zu Louis Napoleon oder sonst irgendwohin ins Kosmopolitische, ins Weltbürgerliche, ins: Ubi bene, ibi patria! –

Um diese müde Stunde des Nachmittags am dritten September Achtzehnhundertundsechzig, so gegen vier Uhr hin, ging ihm auch dieser letzte nichtsnutzige Trost aus, und es blieb ihm nichts übrig, als die Gewißheit, daß es bodenlos langweilig in Koburg sei, und nicht nur in Koburg, sondern in der ganzen weiten Welt überhaupt. Der fränkische Kurier entglitt seiner Hand, er griff noch einmal mechanisch auf den Lesetisch und faßte den Nürnberger Anzeiger. Er hatte nicht die Absicht ihn zu lesen; aber nachdem er einen Blick hineingeworfen hatte, überflog er doch eine Seite, sah nach dem Redakteur, richtete sich noch einmal auf und stöhnte: »Meier heißt der Mann. Das ist ja ein Hauptkerl! Donnerwetter, Gutmann, der Mann versteht es, seinem deutschen Gemüte Luft zu machen. Wilhelm, wenn hier in Koburg das mit dem Vergnügen so weiter geht, dann gehst du deinem Vater und der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins durch und nach Nürnberg zu Meier. Du suchst Meiers Bekanntschaft zu machen und womöglich seine Freundschaft zu gewinnen. O du meine Güte, wie versteht es dieser Mensch, seine Mitmenschen zu ärgern! . . . Puh, der Onkel Poltermann mit seinem albernen Jean Paul! Wunsiedel – Liane – der hohe Albano – Pärnreuther – Klotilde – Katzenbergers Badereise – Gutmanns Reisen – o Fräulein – Fräulein Klotilde Blume!« . . .

Um halb fünf vernahm er über sich so was wie seines Vaters Stimme:

»Das Kind schläft wahrhaftig wie ein unschuldiger Engel.«

Und dazu das Wort des Majors Blume:

»Na, dann wecken Sie Ihren Engel nur. Es wird allmählich Zeit fürs Schießhaus. Meine Gesellschaft wird wahrscheinlich schon längst dasitzen und mit Sehnsucht nach uns ausgucken.« –

Richtig waren sie schon da im Schießhause, Herr von Pärnreuther, Fräulein Klotilde und Onkel Laurian, und die beiden Herren winkten fröhlich; während Fräulein Klotilde doch noch nicht ganz dreinsah, als ob sie nunmehr zufrieden mit dem ihr in Koburg gewährleisteten Vergnügen sei. Aber Herr Wilhelm Gutmann, der konnte jetzt sein volles Vergnügen haben: so viele hübsche Mädchen hatte er selten auf einem Flecke beisammen gesehen! Hunderte, um nicht noch ärger zu lügen, Tausende von lieblichen Koburgerinnen machten der einen ja auch ganz niedlichen Wunsiedlerin bitterböse Konkurrenz. Sie waren alle gekommen mit ihren Nähzeugen und Strickzeugen und Häkelzeugen und mit Papa und Mama und Onkel und Tante, um sich im Schießhause, oder vornehmer Café Moulin, die merkwürdigen Menschen anzusehen, die aus aller deutschen Herren Ländern zugereist waren und sich gerade ihre harmlose Stadt ausgesucht hatten, um daselbst wer weiß was für politischen Unfug anzustiften und ihre guten Landesväter und Landesmütter durch höchst unkindliches unheimliches Kopfzusammenstecken zu beunruhigen und zu ärgern. Sie erkannten diese ruchlosen Fremden an den schon erwähnten schwarz-rot-goldenen Bändern in den Knopflöchern: an ihrer jetzigen gesellschaftlichen Aufführung im Café Moulin würden sie sie sonst wohl nicht erkannt haben, denn die war gut, tadellos.

Aber was geht es uns an, was die Koburger und Koburgerinnen zu von Bennigsen, zu Metz, zu Fries, zu Brater, zu Crämer, zu Schulze-Delitzsch, zu von Unruh und von Rochau und so weiter sagten? Uns genügt es, daß die jungen, hübschen Koburgerinnen unsern Willi Gutmann für den nettesten unter all den fremden Verschwörern erklärten, wo er sich zwischen ihren Stühlen und Kaffeetischen durchklemmen mochte.

Wie ein Telegraph ältern Datums winkte Herr Alois aus der Ferne mit Händen und Armen. Er hatte Plätze belegt. Er hatte für die beim Vergnügen noch Fehlenden drei Stühle umgekippt. Vater Gutmann machte Bahn bis zu ihm hin, ununterbrochen zurücktelegraphierend: »Wir kommen ja schon!«

Dabei aber trat er einem schwärzlich aussehenden Herrn auf die Krähenaugen und bat um Verzeihung, nachdem er zu seinem Erstaunen das Wort mille grazie! vernommen hatte.

»Lignana,« lächelte der südliche Herr mit schmerzhaft verzogenen Zügen. »Professor Lignana aus Bologna, Abgeordneter des italienischen Parlaments, Mitglied des italienischen Nationalvereins.«

»Kaufmann Gutmann aus H.«, erwiderte Vater Gutmann. »Nun guck einer diese Italiener! sind sie uns schon wieder diesen Schritt in der Weltgeschichte voraus! . . . Herr Professor, es ist mir eine große Ehre –«

Der höfliche Welsche, der noch immer seinen Schmerz zu verbeißen hatte, lächelte zu der deutschen Höflichkeitsredensart und verschwand im Gewühl, nachdem er noch viel freundlicher gelächelt hatte nach einem Blick Fräulein Klotilde Blumes.

Das Blondinchen gefiel jedem, der es zum erstenmal erblickte, und Herrn Willi Gutmann, der es doch jetzt schon öfters gesehen hatte, gefiel es so sehr von neuem, daß seinetwegen auch die allerschönste Koburgerin Strickzeug, Nähzeug und Häkelzeug hätte zusammenpacken, nach Hause gehen und – den Weingroßhändler Herrn Alois von Pärnreuther aus Wien ruhig mitnehmen dürfen. Es war eigentlich unschicklich, wie zudringlich sich der letztere Herr an sie – nicht die allerschönste Koburgerin, sondern an Fräulein Klotilde drängte und vor allen Leuten, als ob sie allein nur in der Welt und im Café Moulin vorhanden seien!

»Na, denn nur zu! laß sie das Vergnügen hinnehmen, was sie ihr in Koburg versprochen haben,« seufzte Willi Gutmann. »Fahr hin, schöner Traum!« seufzte er nicht; denn soweit war es doch eigentlich noch nicht mit ihm und er mit ihr, der kleinen Wunsiedler Schönen, die zwar das reizendste Stück Mitteldeutschlands in ihrem Persönchen zur Geltung brachte, aber das Gesamtvaterland doch noch nicht. Der Politik wegen war er, Willi, in Koburg und nicht des Verliebens wegen. Die getrennten Stämme in einem Zärtlichkeitsbunde zusammenschließen zu helfen: dazu hatte er sich mit seinem Vater auf die Reise gemacht. Diesen Zweck seines Daseins in Koburg wenigstens so lange als möglich im Auge zu behalten, war anständig, schickte sich und gebührte sich. Daß er dabei nicht einen einzigen Augenblick den Bruder, Freund aus dem Süden, sein Kindheitsideal, Herrn Alois von Pärnreuther aus den Augen lassen konnte, dafür – konnte er nichts. Daß er ihn ein paarmal im Laufe des Nachmittags beinahe giftig ins Auge faßte, dafür konnte er auch nichts: aber hübsch war es nicht. –

Die älteren Herren waren sehr vergnügt und kümmerten sich wenig um die Jugend. Je mehr schwarz-rot-gold-bebänderte Scharen sich in den Saal wälzten, desto häufiger wurden die gegenseitigen Vorstellungen, das Blicketauschen, das Händeschütteln. Was sich bis jetzt nur von Hörensagen und aus den Zeitungen gekannt hatte, das sah sich jetzt Auge in Auge und reichte Anschauung zu Anschauung, Herz zum Herzen über den Tisch. Auch der mißtrauischste, ärgerlichste deutsche Landesvater hätte sich sagen müssen, daß die meisten, ja eigentlich alle diese Patrioten und Staatsmänner aus seinen und seiner Herren Gevettern Liebden Ländern der äußern Erscheinung nach gar nicht solche Untiere waren, wie sie in dem unter des durchlauchtigsten deutschen Bundes schützenden Privilegien Anno 1815 herausgekommenen Handbuch der politischen Zoologie abgebildet und beschrieben standen. Daß sehr viele gar nicht unintelligent, manche sogar recht geistreich und energisch drein blickten, konnte zwar einiges Bedenken erregen, wer sich aber die vielen Verheirateten ansah, der mußte gestehen, daß sie jedenfalls ebenso gebändigt-friedlich, so zutunlich-nachgiebig aussahen, wie die patriarchalischsten Landesväter, die auch eine Frau hatten und Familie, und auch wußten, was das bedeutete. Vorausgesetzt, daß sie mit ihren Anschauungen über die ehelichen Verhältnisse nicht im Siècle Louis Quinze stecken geblieben waren! – Da Gutmann der Jüngere unter bewandten Umständen seine Aufmerksamkeit so viel wie möglich von Fräulein Klotilde und seinem Jünglingsideal Herrn Alois von Pärnreuther abzuwenden suchte, so vernahm er mehr, als sonst wohl der Fall gewesen sein würde, was die Koburger und die Koburgerinnen zu ihren heutigen Gästen in ihrem Schießhause sagten.

Eben sagte eine von den letzteren:

»Ja, aber den habe ich mir ganz anders vorgestellt.«

Worauf einer von den ersteren erwiderte:

»Natürlich! aus den Zeitungen und ihren abgedruckten Reden drin kann man sich nie den richtigen Begriff von solchen großen Männern machen. Da kommt einer in der Wirklichkeit ganz dünn heraus, den seinen Worten nach die Einbildungskraft einem wie einen Elefanten in die Weltgeschichte hineinmalt. Und umgekehrt.«

»Nun,« meinte auf der andern Seite ein sehr behaglicher, wohlbeleibter Thüringer, »unser Herzog weiß doch auch wohl, was er tut, und wie weit er hierin gehen kann! Er würde ganz gewiß nicht dieses alles hier im Café Moulin und nachher in seinem eigenen Reithause zugegeben haben, wenn er nicht ganz genau wüßte, daß kein allgemeiner Schaden daraus entsteht. Der Herr aus Hannover« (es war Herr Rudolf von Bennigsen gemeint) »soll sogar bei Seiner Hoheit zur Tafel gewesen sein, um für diese Versammlung um die polizeiliche Erlaubnis zu bitten. Und die Feste Koburg wird allen gratis gezeigt: wie wäre das möglich, wenn alle diese fremden Herren mit bösen Hintergedanken hierher gekommen wären? Ne, Nachbar, da dürfen wir unsere Begeisterung fürs große, allgemeine deutsche Vaterland dreist mit betätigen.«

In vollem Entzücken wollte eben Kameralsupernumerar Gutmann um die geneigte Bekanntschaft dieses allgemeinen deutschen Mitbürgers bitten, als plötzlich über den Kaffeetisch seiner eigenen Gesellschaft ein Blick und Ton zu ihm herüberdrangen, die ihn allem übrigen Interesse vollständig entfremdeten. Aus der anscheinend lebhaftesten Unterhaltung mit Herrn Alois fragte plötzlich Fräulein Klotilde, ihre Tasse an den süßen Lippen:

»Wenn ich fragen darf, Herr Gutmann, was haben Sie sich denn weiter für den Abend vorgenommen?«

Das Wort war so verblüffend, so weiblich-souverän verfügend an den jungen nach Koburg zur Neugestaltung des deutschen Volksverbandes Zugereisten gerichtet, daß er wirklich nicht wußte, was dem jungen, boshaft verführerischen deutschen Weibe drauf zu erwidern war. Es war der Jungfrau Vater, der ihm – doch auch wieder zur Erhöhung seiner Unbehaglichkeit – zu Hülfe kam, indem er schnarrte: »Na, da sind wir ja wohl alle in dem Herzoglichen Reithause zur Vorversammlung beisammen? Der junge Herr wird sich selbstverständlich nicht ausschließen, Kind. Frauenzimmer sind natürlich überflüssig dabei.«

»Natürlich,« sagte Vater Gutmann in der vollen Sicherheit, seine Frau in ziemlicher Entfernung sehr gut aufgehoben zu wissen.

»Leider, Klotilde!« seufzte Onkel Laurian, und Fräulein Klotilde flötete:

»Und Sie, Herr von Pärnreuther?«

»Ich – ich – stelle – mich ganz dem gnädigen Fräulein zur Verfügung,« stotterte der höfliche Wiener, und ehe ihn Willi Gutmann erdrosseln, und ehe er sein Wort zurücknehmen konnte, setzte Vater Blume seiner väterlichen Rücksichtslosigkeit die Krone auf, indem er rief:

»Das wollen Sie besorgen, Pärnreuther? Hören Sie, da nehmen Sie mir aber wirklich eine große Last vom Herzen. Eigentlich hatte ich das ja dem Kinde versprochen zur Belohnung für ihre Familienaufopferung. Ich habe es dem Mädel versprochen, ihr in Koburg ein Vergnügen zu machen, aber sie im Tumult der größern Zwecke gestern abend schon leider mehr als billig aus den Augen verloren. Eigentlich haben wir eine Dummheit gemacht, daß wir das arme Geschöpf hierher zitiert haben. Nun liegt sie uns auf dem Halse! Pärnreuther, wollen Sie wirklich Ihre österreichischen Volksinteressen hier der Kleinen wegen hintenansetzen? Vielleicht nimmt auch dieser junge norddeutsche Herr Ihr Teil Politik –«

»Kleindeutsch bis ins Herz! Preußische Spitze bis zum Exzeß!« brummte Willi Gutmann, wurde aber völlig überhört, und Vater Blume war in seiner väterlichen Besorgnis, Fürsorglichkeit und Ratlosigkeit auch schon weiter gerasselt:

»Also, lieber Herr Alois, Sie nehmen sich ihrer an; Sie suchen sie während der heutigen Vorversammlung und der folgenden Versammlungen so gut als möglich zu unterhalten. Bei Tische sehen wir uns ja jedenfalls immer, und abends geht sie punkt zehn Uhr zu Bette, und so können Sie ja noch immer dann mit uns vergnügt zusammentreffen. Wir verabreden das noch, nicht wahr, Poltermann?«

Der Onkel Laurian hatte das so völlig in Koburg überflüssige Mägdelein an sich gezogen, klopfte ihm zärtlich beruhigend auf die Hand und flüsterte:

»Sei nur still, so wird die Geschichte noch nicht. Es ist ja eine wahre Schändlichkeit. Na, so ein Ungeheuer von Vater!«

Wilhelm Gutmann aber begriff die junge Dame durchaus nicht mehr. Er hatte sie kennen gelernt als eine, die nicht nur das Herz, sondern auch die Zunge auf dem rechten Flecke hatte, die nicht nur der Tante Adele in Immelborn, sondern auch der ganzen übrigen Familie in Wunsiedel in Ansichten, Wünschen und Vornehmungen die Stange zu halten wußte. Und nun – saß sie da wie ein krankes Hühnchen, ließ das Köpfchen auf die Schulter sinken und lispelte melancholisch-demütig-ergeben:

»Ja, wenn aber Herr von Pärnreuther so gütig sein wollte: was könnte er heute abend mit mir in Koburg anfangen?«

»Ah, oh!« ächzte Herr Gutmann junior in der Tiefe seiner Seele; aber der Major, der sich immer noch ihren Vater nannte, wußte auch hier schon Rat:

»Wenn Sie das Mädel ins Theater führten?«

»Mit dem unendlichsten Vergnügen,« stotterte der Wiener, schien aber doch hoffnungsvoll aufzuhorchen, als der Onkel Poltermann mürrisch bemerkte:

»Hier in Koburg wird nur am Sonntag, Dienstag und Donnerstag Komödie gespielt. Heute schreiben wir aber Montag.«

»Entschuldigen Sie, lieber Herr,« mischte sich glücklicherweise vom nächsten Tisch aus eine sehr freundliche ältere Koburgerin ein, »da kennen Sie aber Seine Hoheit schlecht, wenn wir so liebe Gäste bei uns haben. Seine Hoheit haben die Gothaer für alle die Tage, welche die fremden Herren bei uns sind, hierher geschickt, um den fremden Herren wenigstens doch ein Vergnügen bei ihren schweren Geschäften offen zu halten.«

»Das finde ich großartig von dem Herzog Ernst!« rief Gutmann der Vater mit dem heftigsten Nachdruck, und – großartig fand es Gutmann der Sohn ebenfalls von dem Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, daß auch der jetzt in seine Gefühle greife, indem er dem Jugendideale, diesem dicken Wiener Weingroßhändler so wunderholde Gelegenheit gebe, den bessern Teil des Daseins am hiesigen Platze bequem aus dem Schoße des Glücks wegzunehmen.

Er machte wirklich einen schwächlichen Versuch, sich als Begleiter ins Theater anzubieten:

»Und wer nimmt sich meiner an, wenn mir in dieser ungewohnten Fremde mitten in der Nacht was passieren sollte?« fragte ihn sein Vater. »Junge, bedenke, dies ist seit einem Menschenalter wieder mein erster noch mal völlig unflügger Ausflug in die mir gänzlich unbekannt gewordene bosheitträchtige, unheilschwangere, gefahrvolle Welt! Bitt' ich dich!«

Daß er, der bängliche Greis ja den Major Blume zur Stütze und zum Tröste hatte, fiel dem Knaben, wie immer, erst nachher und zu spät ein. Es blieb dabei, er, Herr Willi Gutmann, begleitete seinen Vater, den Major Blume und den Onkel Poltermann zur Vorversammlung der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins in das herzogliche Reithaus; Herr Alois von Pärnreuther begleitete Fräulein Klotilde Blume ins Theater. Hier ist nun einmal wieder ein Beispiel davon, wie der Mensch ist: Herr Gutmann junior war am dritten September Achtzehnhundertundsechzig nicht im herzoglichen Hoftheater in Koburg; aber er haßte diese Kunstanstalt sein ganzes Leben durch, sprach schlecht von ihr und würde schlecht von ihr geschrieben haben, wenn sich je zu letzterer Ruchlosigkeit die Gelegenheit geboten hätte.

Mit dem Gesicht über der Schulter ließ sich der Jüngling von den zwei Greisen, seinem eigenen Vater und dem des Fräuleins Klotilde fortziehen, dem herzoglichen Reithause zu. Der Onkel Poltermann folgte und schien jeden Fluchtversuch unmöglich machen zu wollen. Jetzt schoben, drängten, wühlten sie sich in die festlich geschmückte weite Halle. Jetzt klemmten sie sich zwischen Bänken und Menschenknieen durch; jetzt hatten sie ebenfalls Plätze gefunden, jetzt saßen sie, und jetzt fand es sich, daß der Onkel Laurian nicht seinem jungen Freunde von der Feste Koburg den Fluchtweg hatte versperren wollen; er hatte ihn nur sich selber offen zu halten gewünscht.

»Wo ist denn Poltermann?« fragte erstaunt der Schwager, Major Blume, sich nach ihm umsehend.

Ja, wo war der? Dünne hatte er sich gemacht, eines Bessern hatte er sich besonnen: ohne ein Wort zu sagen, hatte er verstohlen das Wohl des Vaterlandes für diesen Abend allen beliebigen andern anvertraut und sich wieder aus der Halle herausgeschlichen. Weg war er – seinem Liebling und Herrn von Pärnreuther war er doch lieber noch nachgelaufen ins Theater.

 


 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.