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Gutmanns Reisen

Wilhelm Raabe: Gutmanns Reisen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleGutmanns Reisen
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? sechzehnter Band
printrunVierte Auflage 8.-9. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel.

Es hat alles sein Ende; auch der vergnüglichste Begrüßungsabend unter braven Leuten und deutschen Volksgenossen, die man auf Reisen kennen lernt, und mit denen man am andern Tage in der herzoglichen Reitbahn in Koburg das neue deutsche Reich begründen helfen will. Die Ansichten in der letzteren Hinsicht gingen noch weit auseinander, aber die Hauptsache für jetzt auf dem Heimwege nach der Zwiebelmarktgasse war bei so schwankenden politischen Zuständen, daß die Herren wenigstens körperlich sich so dicht als möglich aneinanderhielten. Vater Gutmann und Onkel Poltermann führten einander, so gerade es ging; Major außer Dienst Blume hielt sich am Kameralsupernumerar Gutmann fest, und dieser Jüngling hielt seltsamerweise allein nur die richtige Mitte zwischen Hauswand und Rinnstein. Ja, ja, ja, diese älteren Herren, wenn sie mal sowohl politisch wie auch sonst der Jugend ein gutes Beispiel geben sollten! . . .

Sie erreichten aber alle, nur einige Male vom Nachtwächter freundlichst zurechtgewiesen, ihre Gastquartiere und nahmen zärtlichst für den Rest der Nacht voneinander Abschied. Das übrige geht uns nichts an, nicht einmal das, daß der Major Blume aus Wunsiedel noch eine Gespenstererscheinung hatte, aber eine wunderhübsche. Der Spuk zeigte sich ihm in weißem Gewand mit von der Flamme rosig durchleuchteten Fingern ein Lichtlein beschattend und fragte:

»Na, da seid ihr wirklich endlich noch?«

Und damit ist er sofort wieder verschwunden gewesen, ganz gegen sonstige Geistergewohnheit die Tür hinter sich zuschlagend und ziemlich kräftig; aber ohne einen Schwefel- oder sonst übeln Geruch hinter sich zurückzulassen. –

Der nahe Morgen zahlte dem »vernünftig gebliebenen« Jüngling den Lohn seiner Tugend prompt aus. Er ließ ihn ohne Kopfweh nach kurzem, gesundem, traumlosem Schlaf als den ersten in der Gesellschaft erwachen und zeigte ihm die Welt und seinem Fenster gegenüber das Haus der Witwe Wellendorf, wenn nicht im Sommersonnenglanz, so doch in einem den schönsten Tag versprechenden leichten Septembernebel. Über sein Ausdembettespringen und Nachdemfensterlaufen haben wir jedoch noch einiges dazu zu merken.

Die Frage: »Ja, wo bist du denn eigentlich?« war ihm beim Erwachen nicht erspart worden, und ebensowenig, etwas später, die andere etwas eingehendere Frage: »Ja, wie kommst du denn eigentlich in dieses merkwürdige Kämmerlein und da, über der Kommode, zu diesem Bilde, dieser Lithographie: »Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha nimmt zu Pferde die Gefion und sprengt den Christian den Achten in die Luft?« Aber indem er sich reckend und dehnend diese Rätsel löste, stieg bereits eine liebere, hübschere, holdere Gewißheit in ihm auf: »Donnerwetter, gegenüber wohnt ja die Witwe Wellendorf, und bei der Witwe Wellendorf ist ja das reizende Vögelchen zu Neste geschlüpft, dem du gestern von Immelborn an, eigentlich etwas zu stumm, dumm und albern gegenübergesessen hast!« Mit einem Sprung war er aus dem Bett und am Fenster. Drüben war selbstverständlich noch alles verhangen und blieb auch noch längere Zeit so; er fuhr also mit ziemlichem Bedacht in die Kleider, machte sich jedoch so hübsch als möglich. Man konnte doch nicht wissen, was der neue Tag brachte, nicht nur in politischer Hinsicht.

Jetzt lag die Sonne schon auf dem weißen Vorhang drüben. Des Jünglings Gedanken waren dahinter.

Ob sie wohl noch schlief? – Ob sie wohl gut geschlafen hatte auf die Reisebeschwerden und den Schrecken und den Ärger? – Ob sie erwachend wohl auch gefragt hatte: wo bin ich denn? – Ob sie wohl auch den Herzog Ernst zu Pferde der Gefion und dem Christian dem Achten gegenüber hatte? – Ob sie – ob – ob sie wohl auch sich erinnert hatte: »Ei Himmel, gegenüber beim Schneider Daniel wohnt ja der liebenswürdige junge – zum Henker, nein, der reizende, entzückende alte Herr, der so gütig und gesprächig war, und so gut Vaterstelle gestern abend an mir vertreten hat?«

Der entzückende alte Herr von gestern abend schnarchte aus dem Nebengemach in den Morgen in einer Weise hinein, die erkennen ließ, daß er noch lange die Frage nicht an sich stellen werde, wo er sich befinde. An sein Kind aber trat jetzt die Frage heran: »Siehst du, ehe der Greis sein Raspeln, Schnarren und Sägen einstellt, dir Koburg erst mal ohne ihn – in der heiligen Frühe allein an; oder wartest du bis – bei der Nachbarin der Vorhang sich regt und deren Alter sich ermuntert und mit dem Onkel Laurian endlich anfängt, der süßen Kleinen das ihr versprochene Vergnügen zu machen?«

Es schlug Sechs. Es wurde ein Viertel – es ging auf halb Sieben – ein süßer Schauer ging durch den Lauscher beim Schneidermeister Daniel. Punkt halb Sieben drang durch die Gardine – na, kurz, sie schlug drüben den Vorhang zurück und öffnete das Fenster: sie konnte sich natürlich sehen lassen. In hübschester Reisetoilette und lieblichster Morgenfrische beugte sie sich vor und fuhr nur ein ganz klein wenig erschrocken errötend zurück vor dem Gruße vom – andern Ufer des Hellesponts.

Auch der Knabe zog sich zuerst dann ein wenig zurück in den Hintergrund und ein Viertelstündchen spielten sie ein holdes Versteckenspiel, bis die Lustigkeit und die Vertraulichkeit der Jugend die Oberhand gewannen und sie beide lachend, frank und frei, »voll und ganz« ans Fenster kamen und sich ungescheut über Koburgs ersten Morgenstraßenverkehr hinweg einen schönen guten Morgen wünschten.

»Der Papa schon auf, Fräulein?«

Drüben wurde ein Köpfchen geschüttelt; aber über der Schulter der jungen Dame erschien ein anderer Kopf, und es rief wer über die Zwiebelmarktgasse:

»Nein, der Papa noch nicht; aber der Onkel Poltermann, junger Herr.«

Er sah jetzt am Morgen ganz anders aus, als wie gestern abend im Löwen, der Onkel Laurian. Er war unbedingt jetzt mehr in seinem Element. Er war jetzt ganz in seinem Elemente.

»Ruhen der Herr Gutmann noch?« fragte er.

»Wie ein unschuldiges Kind. Er schnarcht den Kalk von den Wänden.«

»Mein guter Schwager ebenfalls, Herr Kameralsupernumerar. Er hat auch wohl noch für ein Stündlein genug vom gestrigen Abend. Sind Sie mit Justinus Kerner bekannt, lieber, junger Freund? Besitzen Sie Justinus Kerners Gedichte?«

»Nein; ich kenne von ihm nur den Wanderer in der Sägemühle!« lallte Herr Wilhelm Gutmann, nachdem er längere Zeit den Mund etwas weit geöffnet gehalten hatte.

»Das genügt. Was meint ihr, junges Volk, wenn wir die beiden ruhig weiter sägen ließen und einen Morgenspaziergang machten?«

Das Männchen war sein Gewicht in Golde wert, und schade, daß es so leicht war, es hätte Herrn Gutmann des Jüngeren wegen so schwer sein dürfen, wie – ihm beliebte. Er, Herr Wilhelm Gutmann, stand schon in der Zwiebelmarktgasse und in Numero zehn hörte man sie leichten und schweren Schrittes auf der Treppe, und – da war sie, heiter, wohl ausgeschlafen habend, frühlingswonnig auch am Septembermorgen; der Onkel Laurian aber sagte:

»Nämlich, um noch einmal auf den Justinus Kerner zurückzukommen, so hat der gesungen, daß er in einer Sägemühle in süßer Ruhe gesessen habe. Wir müssen es ihm glauben; aber die Sache läuft auch bei ihm doch auf einen Sarg hinaus. Klotilde, noch eine Nacht Bett an Bett mit deinem Papa, und die Sache läuft auch für mich auf einen Sarg hinaus. Der Unhold ist noch schlimmer als eine Sägemühle, und ich bin kein großer Dichter, sondern nur der kleine, zur Ruhe sich gesetzt habende Apotheker Poltermann aus Wunsiedel. Nun, Kinder, da sind wir ja ganz hübsch beisammen. Der Morgen ist prächtig, der Tag bleibt hoffentlich so, an das neue deutsche Reich brauchen wir augenblicklich ja noch nicht zu denken. Also – wohin gehen wir nun?«

»Auf den Bergen ist Freiheit!« zitierte selbstverständlich der Kameralsupernumerar seinen Schiller.

»Dann also auf die Feste Koburg?« meinte der Onkel Laurian.

»O, das ist wahr! o, da soll es wunderhübsch sein, und da bekommt man auch einen guten Kaffee, wie ich gehört habe,« rief das Fräulein.

»Auch nicht übel, hohe Klotilde, obgleich ich dir für diese Anmerkung deinen Namen nicht aus meinem Hesperus geschöpft habe. Aber es ist wahr, Herr Gutmann: der Kaffee ist gut dort oben, und nüchtern sind wir alle drei auch noch. Das Kind scheint mir nicht so ganz unrecht zu haben; also aufwärts! empor – empor zur Feste Koburg!«

Der Jüngling schwang still jauchzend seinen Hut und reichte der jungen Dame den Arm. Der Onkel Laurian wußte den Weg und ging voran.

O, du Feste Koburg! Der Mensch bringt seine Qual allmählich auf die höchsten Höhen; er bringt sie demnächst mit der Zahnradbahn auf die Jungfrau; aber Herr Gutmann junior führte die Jungfrau auf die Feste Koburg: das Glück hatte ihm den Arm geboten – nein, er hatte dem Glück, der Seligkeit den Arm geboten. O du glückselige, Seligkeit bringende Feste Koburg! –

Die beiden Herren, der Kameralsupernumerar Gutmann aus H. und der Apotheker a. D. aus Wunsiedel, trugen beide ein schwarz-rot-goldenes Bändchen im Knopfloch. Man hatte ihnen das gestern abend am Bahnhofe mitgegeben als Erkennungszeichen für die nächsten Tage. Sie hätten ja sonst im Gewühl an sich vorbeilaufen können, ohne sich als deutsche Brüder zu erkennen!

Klotilde Blume aus Wunsiedel (Wunsiedel!!) trug nur ihre blonden Haare und ihre blauen Augen, und der deutsche Bruder, der an ihr vorbeilief und sie nicht als entzückendste Stammesschwester erkannte, war ein Esel, welcher Partei er angehören mochte. Bei jedem Schritte aufwärts zur Feste Koburg wurde das dem jungen deutschen Bruder aus dem Norden klarer, und bei jedem Schritte aufwärts zur Feste Koburg zog er einen grimmigeren Überdruß aus der Vorstellung eines anderen deutschen Bruders, der auch einen Anspruch an die Verwandtschaft mit dieser Schwester, und sogar noch einen näheren als wie er, zu erheben wagen würde. Der geheimnisvolle junge Fremdling, mit dem der Huldin an seiner Seite in Koburg ein Vergnügen gemacht werden sollte, warf ihm einen wirklichen Schatten in den sonnigen Morgen. Daß er sich nach ihm nicht genauer erkundigen durfte, verstand sich ja leider augenblicklich nur zu sehr von selber. –

Sie soll viel erlebt haben, die Feste Koburg. Luther soll da das Lied von der festen Burg gedichtet haben, Wallenstein soll sie belagert haben. Wenn Wilhelm Gutmann ein Poet gewesen wäre, so würde er an diesem Morgen hier auch was gesungen und was besungen haben; um aber etwas zu belagern, dazu brauchte er wahrhaftig kein großer Feldherr zu sein, sondern konnte ruhig ein kleiner Kameralsupernumerar bleiben, wenn natürlich auch mit der Aussicht auf Beförderung.

O glückselige, wonneselige Feste Koburg! Der Onkel Laurian war doch ein Poet, und kannte den Jean Paul auswendig, und wußte Hausgelegenheit auf der Feste Koburg. Der Onkel Poltermann war an diesem Morgen, fünfhundertzwanzig Fuß hoch über der Stadt Koburg, der Zwiebelmarktgasse, dem Löwen, der herzoglichen Reitbahn und dem deutschen Nationalverein ein einziger wundervoller Streckvers. Selbst Klotilde, sein Lieblingspatchen, hatte ihn noch nie so »entzückend« gesehen, denn sonst »drehte er bei der Unterhaltung nur zu häufig die Daumen umeinander.« Er hob alles in ein ideales Licht: den Kaffee in der mittelalterlichen Burgschenke, und nachher alles Sehenswürdige der Burg selber: den Fürstenbau von außen, den Fürstenbau von innen, – den Waffensaal, den Gewehrsaal, das Rosettenzimmer, den Betsaal, das Reformationszimmer und das Hornzimmer. In der kleinen Schloßhalle erklärte er das Gallionbild des Christians des Achten und auf der Bärenbastei erklärte er sogar die – Tante Adele in Immelborn.

Man hat von der Bärenbastei die schönste Aussicht über die Stadt und ins Thüringerland hinein; und der Onkel Laurian fragte dort:

»Sie hat dir wohl das Leben arg sauer gemacht, mein armes Mätzle?« –

Es sind dort drei Kanonen aufgefahren zur Zierde der Schanze. Die Luther- oder besser die Flacius-Illyricus-Kanone von 1570, und aus der Beute von 1814 der Sauvage und der Sanspareil. Fräulein Klotilde, an dem Sanspareil hockend, beantwortete die Frage lachend wie die lachende Landschaft rings umher:

»Mir das Leben sauer gemacht? O gar nicht, Onkel Laurian! . . . Aber ich ihr! – Großer Gott, was hat sie alles an mir auszusetzen gehabt! Wenn ich nicht so ein schlechtes Herz hätte, könnte ich in meinem ganzen Leben ja gar nicht wieder ruhig werden. Ich begreife mich auch gar nicht, wie ich hier so vergnügt auf diesem Mordgeschütz sitzen kann. Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn eine an einer die Verderbnis der jetzigen neuen Zeit, so wie die Tante an mir, hat kennen lernen müssen! Onkel Poltermann, bei wem krieche ich unter, wenn unser lieber Herrgott nächstens Pech und Schwefel regnen läßt, weil alle so sind wie ich? Wer nimmt mich immer unter seinen Mantel? Onkel Laurian, du?«

Wenn der Onkel vorhin wie ein Jean Paulscher Streckvers ausgesehen hatte, wie mußte Wilhelm Gutmann aussehen bei der Vorstellung, daß sich Wunsiedels unschuldigstes, süßestes Mädchen aus dem Schicksal von Sodom und Gomorrha unter seinen Mantel in Sicherheit bringe? Sechs Jean Paulsche Streckverse paarweis hintereinander gespannt, sechs flügelspreitende, funkensprühende, donnerhufige Dichtergottsrosse, trugen den jungen Mann nicht rascher in den siebenten, den achten Himmel empor, als wie eben –

diese bloße Idee! . . .

Die Flacianer Kanone, der Sanspareil und der Sauvage, die doch hoffentlich schon dabeigewesen waren, wo man was mit Pech und Schwefel und sonst dergleichen Liebenswürdigkeiten überschüttete, öfneten bei dieser Idee ihre Mäuler wie vor Wonne. Der Onkel Laurian lachte kopfschüttelnd gerührt, wie nur ein sehr guter Onkel bei solchen Gelegenheiten lachen kann.

Klotilde erkannte das auch an. Sie faßte zärtlich seinen Arm, schmiegte sich an ihn und sagte:

»Sie hatte auch ganz recht, die gute Tante. Und was mein ewiges dummes Lachen angeht, so ist das manchmal wirklich zu dumm.«

»Nämlich, junger Herr,« sagte der Onkel Laurian, »Sie in unsere Wunsiedler Familienverhältnisse richtig einzuführen, würde sich wohl nicht lohnen an so schönem Morgen; aber darauf möchte ich doch aufmerksam machen, daß es zwar schwierig ist, das deutsche Volk zur Vernunft zu bringen, aber noch viel schwieriger, die Tante Adele in Immelborn. Und hier das liebe Lamm hat es im großen und ganzen fertig gebracht.«

»Oh!« hauchte Herr Gutmann junior; Klotilde machte ein etwas sonderbares Gesicht; und leider – leider verabsäumte der Onkel, auf die Mutter Careys Küken, die über die reine Kinderstirn flitzten, wie es sich gehörte, zu achten. Harmlos fuhr er fort:

»Ja, ja, Herr Gutmann, diese Blumen von Wunsiedel muß man genau kennen, wenn man psychologische Wunder erleben will. Gegen den Immelborner Drachen ist das Rösle hier der wahre Schutzgeist der Familie Blume in Wunsiedel; aber da ist auf der anderen Seite zum Exempel dieses Fräuleins Vater – auch eine nette Blume! und nun sage du mal, Kind, du als die einzige Verständige in der Familie, war es wohl recht von dir, so in der grauen Frühe mit dem unzurechnungsfähigen, kuratelbedürftigen Onkel Poltermann und diesem gänzlich unbekannten Herrn loszuziehen, die Freiheit auf der Feste Koburg zu suchen und den charakterlosen militärischen Greis da unten in der wüsten Großstadt Koburg ganz und gar seinem eigenen Ermessen zu überlassen?«

Man kann aus einem Streckvers alles machen, nur nicht das Gesichtchen von Fräulein Klotilde Blume. Sie nahm ihre kosende Hand von der Schulter des Onkels. Sie trat einige Schritte zurück gegen die Kanone Le Sauvage hin. Sie hob das Näschen und sprach mit beleidigt zugespitztem Mündchen (wobei Gutmann der Jüngere heftig die Ohren spitzte):

»Nun, der Papa hat ja seinen und der Mama ihren Herrn von –«

Weiter kam sie nicht, und Herr Wilhelm Gutmann nicht auf die Kosten seines Horchens. Sie war ein Frauenzimmer, das die Tante Adele zum Besten der Familie untergekriegt hatte; sie schlug wieder den ganz richtigen Weg, die böse Welt zu bändigen, ein, sie sagte zu dem verblüfften Onkel Laurian:

»Kommst du mit? Du hast vollkommen recht, bester Onkel, ich mache mir auch schon die bittersten Gewissensbisse und gehe auf der Stelle nach der Stadt hinunter, um nach dem armen Papa zu sehen.«

Und nachdem sie der Flacius-Kanone noch einen richtigen Jagdhieb mit dem Sonnenschirmchen versetzt hatte, stieg sie nieder von der Bärenbastei und verließ die Feste Koburg mit derselben Energie, mit welcher sie die Tante Adele nach Immelborn gebracht hatte. Die beiden Herren, Begleiter, Beschützer überließ sie vollkommen ihren Gefühlen. Ihret – Fräulein Klotildes wegen konnten sie mit denselben ruhig bleiben, wo sie waren. Aber das sonnige Streckversgesicht des Onkels Poltermann verzerrte sich zu einer gedrückten Gummielastikumfratze. Er hatte sich vollkommen überschossen mit seinen schlechten Redensarten, und wie fest er auch auf einen Krug kühlen Aktienbiers am offenen Fenster der mittelalterlichen Burgschenkstube gerechnet haben mochte; es war nichts mehr damit!

Jetzt sah er den verlegen den Sanspareil streichelnden Jüngling aus dem deutschen Norden an.

»Das Wettermädle! Und welchen Ortssinn sie hat! Sie findet wahrhaftig den Weg allein zur Stadt! . . . – Und – und – eigentlich hatte sie recht. Sie hatte sich wahrhaftig doch schon genug von der Tante Adele gefallen lassen müssen, und – nun – kam – auch ich noch!«

Kopfschüttelnd sah er einen Augenblick in die wonnige Herbstlandschaft, bis er plötzlich sich wendete und seinem Begleiter scharf den Daumen in die Magengrube bohrte:

»Junger Herr und Vaterlandsgenosse! Zu einem ist dieses sehr nützlich. Merken Sie es sich: wenn Sie in den nächsten verhängnisvollen Tagen drunten in der herzoglichen Reitbahn auch den Drang fühlen sollten, irgend etwas zu reden, so mäßigen Sie sich! Reden Sie nie ein Wort zu viel, behalten Sie lieber alles, alles bei sich, als daß sie ein kleinstes Wort zu viel reden sollten! Sie haben es eben wieder gesehen, wie leicht selbst unsere Engel im irdischen Dasein verschnupft werden; wie leicht man durch ein Wort zu viel in des Teufels Küche kommen kann! Und nun lassen Sie uns uns auf die Beine machen, daß wir die Wetterhexe, mein herziges Prachtmädel, halben Wegs nach der Stadt noch einholen und ernsthaft mit ihr reden. Respekt muß sein: für tausend anzügliche Worte der guten Tante Adele darf der böse Onkel Poltermann doch wohl mal eines reden?«

 


 

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