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Grundzüge der Völkerkunde

Friedrich Ratzel: Grundzüge der Völkerkunde - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFriedrich Ratzel
titleGrundzüge der Völkerkunde
publisherBibliographisches Institut
printrun2. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170227
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7. Erfinden und Entdecken.

Der materielle Fortschritt der Menschheit beruht auf einem immer mehr sich vertiefenden und erweiternden Studium der Naturerscheinungen; daraus geht eine entsprechend wachsende Bereicherung der Mittel hervor, die sich der Mensch zu seiner Befreiung und zur Verbesserung und Verschönerung seines Lebens aneignet. Die Erfindung des Feuermachens durch Reibung war eine geistige Thal, die auf ihrer Stufe ebensoviel Denkkraft erforderte wie die Erfindung der Dampfmaschine. Der Erfinder des Bogens oder der Harpune muß ein Genie gewesen sein, wenn ihn auch seine Zeitgenossen nicht dafür hielten. Und damals wie heute mußte das, was durch Naturanregung geistig erworben ward, im einzelnen Geist herangebildet werden, um sich unter günstigen Umständen zu mehreren oder vielen Bahn zu brechen. Nur Anregungen niederen, unentwickelteren Grades, die wir ganz allgemein Stimmungen nennen können, entstehen wie epidemisch gleichzeitig in vielen und vermögen so die geistige Physiognomie eines Volkes mitzubestimmen. Die geistigen Erwerbungen sind Einzelleistungen, und die Geschichte auch der einfachsten Entdeckung ist ein Stück Geistesgeschichte der Menschheit.

Dem Menschen der ersten Urzeit, der nackt in die Welt hineingestellt war, kam auf zwei Wegen die Natur entgegen: sie lieferte ihm die Stoffe zur Nahrung, Bekleidung, zu Waffen etc. und bot ihm die Anregung zur passendsten Verwertung dieser Stoffe. Mit diesen Anregungen haben wir uns hier zu beschäftigen. Im Erfinden spielt, wie in allem Geistigen des Menschen, die in seiner Seele sich spiegelnde Außenwelt eine Rolle. Man kann nicht zweifeln, daß ihr viel abgesehen wird. Die Übereinstimmung zwischen Vorbild und Abbild scheint sehr nahe zu liegen, wenn der Gnu- oder Elenschwanz als Fliegenwedel, wie einst von seinem Träger, so auch vom Buschmann des fliegenreichen Südafrikas verwendet wird, oder wenn, wie Peter Kolb erzählt, die Hottentotten nur nach jenen Wurzeln und Knollen suchen, die von Pavianen und anderen Tieren gefressen werden. Andere Erfindungen gehen auf die frühesten Beobachtungen über die Folge von Ursachen und Wirkungen in der Natur zurück; mit dem Erfinden reichen auch die Anfänge der Wissenschaft bis in die frühesten Zeiten der Menschheit. Dem Geiste des Menschen tritt irgend ein natürliches Geschehen entgegen, er wünscht es. wiederholt zu sehen, nun ist er gezwungen, selbst Hand anzulegen, muß also nach dem Verlauf dieses Geschehens, nach seiner Ursache fragen.

Allein die Gewinne sind immer zunächst von dem Individuum und für das Individuum gemacht. Es gehört mehr dazu, damit sie Erfindungen im kulturgeschichtlichen Sinne, Bereicherungen des Kulturbesitzes werden. Denn zwiefach ist die Art der Ansammlung geistiger Errungenschaften: einmal haben wir die konzentrierte Schöpferkraft genialer Einzelner, die Besitz auf Besitz in die Schatzkammern der Menschheit einträgt, zweitens die Verbreitung durch die Massen hin, die zugleich Vorbedingung der Erhaltung ist. Die Erfindung, die der Einzelmensch für sich behält, stirbt mit ihm, nur in der Tradition ist Fortleben möglich. Das Maß der Lebenskraft der Erfindungen hängt also von der Traditionskraft ab und diese wiederum von dem inneren organischen Zusammenhang der Generationen. Da dieser Zusammenhang am stärksten in den Schichten eines Volkes ist, denen die Muße gegeben oder die Aufgabe gestellt ist, Geistiges, wenn auch in primitivster Gestalt, zu pflegen, so ist die Kraft der Erhaltung geistigen Erwerbes auch von der inneren Gliederung abhängig. Und da endlich eine Ansammlung geistigen Besitzes wieder anregend auf schöpferische Geister wirkt, die sonst verdammt wären, immer wieder von vorn zu beginnen, so wird alles, was die Traditionskraft eines Volkes verstärkt, günstig auf die Fortentwickelung seines Besitzes an Ideen, Entdeckungen, Erfindungen einwirken. Es dürften demnach als mittelbar begünstigende Naturbedingungen der geistigen Entwickelung hauptsächlich solche betrachtet werden, die auf Dichtigkeit der Gesamtbevölkerungen, auf fruchtbringende Thätigkeit der Einzelnen und damit auf Bereicherung der Gesamtheit hinwirken. Aber auch weite Ausbreitung eines Volkes und reichliche Möglichkeiten des Austausches sind in dieser Richtung wirksam. Wenn man beachtet, daß zum Erfinden nicht nur das Finden gehört, sondern auch das Festhalten des Gefundenen durch Ausbreitung in weite Kreise und Einreihung in den bleibenden Kulturbesitz, so begreift sich, daß nicht aus allen Kulturstufen diese für den Fortschritt so wichtige Funktion des Erfindens zu gleich wirksamer Ausprägung gelangen wird. Alles zielt darauf hin, ihre Wirksamkeit auf den niederen Stufen einzuschränken, da mit dem Sinken der Kultur auch der Zusammenhang der Menschen nachläßt; deswegen erwirbt sich auf der anderen Seite der Fortschritt der Kultur ein beschleunigtes Tempo.

Wie viele Erfindungen der Menschen mögen in den langen Jahrtausenden vor der Bildung größerer Gemeinschaften verloren gegangen sein. Sehen wir doch noch heute so manche Erfindung mit ihrem Träger in Vergessenheit geraten oder im günstigsten Falle mühselig wieder ausgegraben und konserviert werden! Und wer ermißt die schwere Masse zähen Widerstandes, die sich der Neuschöpfung von Ideen entgegenstellt? Wir wissen, daß auf der fernen Osterinsel die epochemachende Erfindung der Schrift verbreitet war; sie ist dort ausgestorben, ohne einen Sproß getrieben zu haben.

Welche Perspektive von immer vergeblichen Anläufen eröffnet sich angesichts dieser geistigen Schwerbeweglichkeit und dieses Mangels an befruchtendem Zusammenhang! Man bekommt den Eindruck, daß sich aller Schweiß, den unser Zeitalter der Erfindungen im Ringen nach neuen Verbesserungen vergießt, nur wie ein Tropfen zu dem Meer der Mühen verhält; worin die Erfinder der Urzeit untergingen. – Die Kulturkeime gedeihen nicht in jedem Boden. Es steht die Masse der Kulturmittel, die ein Volk aufnimmt, in geradem Verhältnis zu seinem gesamten Kulturstand. Dieser bestimmt die Grenze seiner Aufnahmefähigkeit. Was darüber hinaus geboten wird, bleibt, weil nur äußerlich ausgenommen, für das Leben dieses Volkes bedeutungslos und gerät mit der Zeit in Vergessenheit oder Erstarrung. Hierauf führt der größte Teil der ethnographischen Armut in den niederen Schichten ethnographisch reicher Völker zurück.

Wenn man aus gewissen Kulturerrungenschaften, die sich in Gestalt von Kulturpflanzen, Haustieren, Geräten und dergleichen bei einem Volke finden, auf dessen Berührung mit einem anderen Schlüsse zieht, vergißt man leicht diesen einfachen, aber einflußreichen Umstand. Manche Einrichtungen unserer Gebirgsbewohner verraten nichts davon, daß diese seit Jahrtausenden in der Nachbarschaft einer hohen Kultur leben, und die Buschmänner haben sich auffallend wenig aus dem reicheren Schatze der Waffen, Geräte und Fertigkeiten der Betschuanen zugeeignet. Wie einerseits die Fortbildung des Kulturbesitzes, so ist anderseits die Rückbildung oder die Stagnation, worein diese von Natur offenbar nicht starke Bewegung leicht gerät, eine lehrreiche Erscheinung; besonders anziehend ist der Vergleich zwischen den verschiedenen Graden solchen Stehenbleibens. Wer von der Ansicht ausgeht, daß die Töpferei eine höchst primitive, dem natürlichen Menschen wie wenig andere nahegelegte Erfindung sei, der wird nicht nur in Australien, sondern auch in Polynesien mit Erstaunen wahrnehmen, wie sich inmitten nicht unbedeutender Ansprüche ein begabtes Volk ohne diese Kunst zu behelfen weiß. Und er wird vielleicht, indem er nur auf Tonga und der kleinen Osterinsel im äußersten Osten Polynesiens ihr wieder begegnet, ahnen, wieviel mehr der Verkehr zwischen Ländern und Inseln als die unabhängige Erfindung zur Bereicherung des Kulturschatzes der Menschheit beigetragen hat. Daß aber gerade der Verkehr auch darin wieder sehr launenhaft sei, das lehrt das Fehlen der Töpferei bei den Assiniboin Nordamerikas hart neben den darin ausgezeichneten Mandanen. Man lernt hier, daß sich die Erfindungen nicht ausbreiten wie das Feuer aus einer Steppe, sondern daß der menschliche Wille mit ins Spiel kommt, der nicht ohne Laune manches träg ablehnt und anderes um so bereitwilliger aufnimmt. Die Neigung zum Stehenbleiben auf einer einmal erreichten Stufe ist um so größer, je niedriger die allgemeine Kulturstufe ist. Man thut das eben Hinlängliche und nichts darüber. Weil die Polynesier Flüssigkeiten erhitzen, indem sie glühende Steine hineinwerfen, wären sie ohne fremdes Zuthun nicht zur Töpferei fortgeschritten. Man muß sich hüten, selbst sehr einfache Erfindungen für notwendig zu halten. Vielmehr scheint es richtig, dem Geiste der Naturvölker eine große Sterilität in allem zuzutrauen, was sich nicht auf die nächsten Zwecke des Lebens bezieht. Auch Wanderungen mochten zu manchen Verlusten Anlaß geben, da das natürliche Material oft nur in beschränktem Maße vorkommt und jede größere Wanderung einen Riß in den Überlieferungen bedingt. Welche Rolle spielt Tapa bei den Polynestern – und die Maori verloren die Kunst ihrer Bereitung.

Viel mehr als auf höheren Kulturstufen hängt auf diesen niederen das ganze soziale Leben von der Schöpfung wie vom Verlust einer einfachen Erfindung ab. Je näher das Leben der Natur steht, je dünner die Kulturschicht, worin es wurzelt, je kürzer die Fasern, die es bis zum Naturboden hinabtreibt, um so eingreifender, um so weiter reichend ist natürlich jede Änderung in diesem Boden. Die Erfindung der Zubereitung von Gewandstoffen, sei es in Form von gewebten Zeugen oder von geschlagenem Bast, ist gewiß einfach, und doch wie folgenreich. Jene ganze Verfeinerung des Daseins polynesischer Naturvölker, die auf der Reinlichkeit und der Schamhaftigkeit beruht und allein schon genügt, ihnen eine hohe Stelle anzuweisen, ist nicht denkbar ohne jene unscheinbaren Bastzeuge, die Tapa, die weißgelben oder braunen zunderartigen Fetzen unserer ethnographischen Sammlungen. Die Rinde wird zum Kleidungsstoff, der nicht nur eine ausgiebige Umhüllung des Körpers, sondern auch einen gewissen Luxus im häufigen Wechsel des Kleides, eine Sorgfalt im Tragen, in der Auswahl der Farben und Muster, endlich eine Kapitalansammlung durch Aufbewahrung jederzeit umsetzbarer Massen dieses Stoffes gestattet. Man denke sich dagegen das Fellkleid eines Eskimo oder den Lederschurz einer Negerin, die Generationen hindurch mit dem Schmutze von Generationen beladen getragen werden. Die Tapa, diese ohne große Mühe in Massen herzustellenden Stoffe, drängte natürlich die Weberei zurück, die nur auf einem langen, mühsamen Wege aus der Flechterei hervorgegangen sein kann. Es gibt Erzeugnisse in den Pfahlbauten, die mit gleichem Recht einer und der anderen Arbeit zugewiesen werden. Wir denken dabei an die Beziehungen zwischen Korbflechterei und Töpferei: große Thongefäße wurden durch Beschlag von Körben mit Lehm geschaffen. Dieses Hervorsprossen ist lehrreich.

Die Thatsache, daß die notwendigsten Kenntnisse und Fertigkeiten über die ganze Menschheit hin verbreitet sind, so daß der Gesamteindruck des Kulturbesitzes der Naturvölker der einer fundamentalen Einförmigkeit ist, läßt den Eindruck entstehen, daß dieser ärmliche Besitz nur der Rest einer größeren Summe von Besitztümern sei, aus der alles nicht absolut Notwendige nach und nach ausgefallen sei. Oder sollte die Kunst des Feuermachens durch Reibung für sich allein ihren Weg durch die Welt gemacht haben? Oder die Kunst der Herstellung des Bogens und der Pfeile? Diese Frage zu erörtern, ist wichtig nicht nur zur Abschätzung des Maßes der Erfindungsgabe der Naturvölker, sondern auch zur Gewinnung der richtigen Perspektive in die Urgeschichte der Menschheit. Denn im Kulturbesitz, wenn irgendwo, muß zu lesen sein, aus welchen Elementen und auf welchen Wegen die heutige Menschheit geworden, was sie ist. Mustert man nun den Besitz der Naturvölker an Kunstgriffen, Geräten, Waffen etc. und nimmt dabei aus, was ihnen jetzt zum Teil schon massenhaft durch den Handel mit modernen Kulturvölkern zugeführt wird und wurde, so glaubt man einen hohen Begriff von ihrer Erfindungsgabe zu erhalten. Aber wo liegt die Gewähr für die selbständige Erfindung aller dieser Dinge? Ohne Zweifel hat es vor den Beziehungen zu den Europäern auch andere Völkerbeziehungen gegeben, die bis zu diesen tieferen Schichten reichten, und so mancher Brosam vom reichbesetzten Tische der alten Kulturen Ägyptens, Mesopotamiens, Indiens, Hinterindiens, Chinas und Japans ist hier herabgefallen und hat sich in verkümmerter, dem ursprünglichen Gebrauch vielleicht sogar entfremdeter Gestalt erhalten. Der Ethnograph kennt genug Fälle solcher Entlehnungen. Jedes einzelne Volk zeigt Beispiele davon. Auch ist die Einsicht in ihr Wesen und ihre Bedeutung nichts Neues. Es möge vor allem an eine originelle Bemerkung Livingstones erinnert werden, die, auf ein anderes Ziel gerichtet, doch so recht hierher gehört: »Das Dasein der mannigfachen Werkzeuge, die unter den Afrikanern und anderen teilweise zivilisierten Völkern üblich sind, weist auf die Mitteilung einer Belehrung hin, die zu irgend einer Zeit von einem über dem Menschen selbst stehenden Wesen ausging.« Mag man von dem Schluß dieser Bemerkung denken, wie man wolle, ihr Kern ist vollberechtigt als Opposition gegen die sonst weitverbreitete Annahme, daß alles, was die Naturvölker Eigenartiges aufzuweisen haben, hier an diesem Orte, wo man es heute sieht, entstanden, von den Naturvölkern selbst erfunden sei. Wenn in Afrika alle Völker, von den Marokkanern bis hinunter zu den Hottentotten, Eisen nach derselben Methode erzeugen und verarbeiten, so ist es doch viel wahrscheinlicher, daß diese Kunst aus irgend einer gemeinsamen Quelle ihnen allen zugeflossen, als daß sie da und dort von ihnen selbständig entdeckt worden sei. Man verwies einst triumphierend auf den Truthahn als ein von Naturvölkern selbständig domestiziertes Tier, bis Spencer Baird den Stammvater dieses mürrischen Herrschers der Hühnerhöfe in Mexiko nachwies. Bei Geräten ist die Kulturentlehnung natürlich schwerer nachzuweisen, denn diese tragen nicht, wie Pflanzen und Tiere, Ursprungszeugnisse, wenn auch verwischte, an sich. Aber der Indianer, der aus Mexiko den Mais erhielt, sollte er nicht vielleicht die Kunst der feinen Steinarbeiten von ebendaher gelernt haben? Uns will solche Herleitung nebst ihrer Folge möglichst weiter Verpflanzung natürlicher scheinen als die selbständige Erfindung eines und desselben Gerätes oder Kunstgriffes an einem Dutzend verschiedener Orte. Es ist in neuester Zeit die Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden, daß die Salomon-Insulaner Bogen und Pfeil haben, die Neu-Mecklenburger und andere in der Nachbarschaft nicht, und da war man nun flugs bei der Hand, jene mit der Erfindung dieser sinnreichen Waffe zu beehren. Wie wir schon hervorheben, ist man hierin von wunderbarer Inkonsequenz: auf der einen Seite drückt man die Naturvölker auf die Stufe des Tierischen hinab, auf der anderen mutet man ihnen Erfindungen zu, die mindestens nicht zu den leichten gehören. Immer wieder denkt man sich das Erfinden zu leicht, weil man nur an die für einen genialen Kopf geringen Schwierigkeiten des Findens denkt. Aber wie anders ist es mit dem Festhalten des Gefundenen! In einigen Fällen gelang es, zu dem höher gelegenen Ursprung von anscheinend ganz eigenartigen Erzeugnissen der Naturvölker vorzudringen. Bastian hat eine Anzahl schematischer Nachahmungen gewisser Bestandteile des Kulturschatzes der Europäer zusammengestellt. Es gehört hierher die für Fidschi bezeichnende Keulenform: eine Nachahmung einer Gewehrform des vorigen Jahrhunderts. Diese Wilden wollten die gefürchtete Waffe wenigstens in Holz besitzen und schufen eine Keule, die als solche sehr wenig zweckmäßig ist. Ein auf den Neuen Hebriden gebräuchlicher Kopfputz zeigt eine kolossale Übertreibung des Stürmerhutes eines Admirals.

Wären die Äußerungen des geistigen Lebens der niederen Völker nicht so schwer faßbar, so würde unter ihnen noch viel reichere Ernte zu halten sein. Die indischen Spuren gehen durch die Religion der Malayen und reichen vielleicht bis zu den Melanesiern und Polynesiern. Es gibt so schlagende Übereinstimmungen, besonders in den kosmogonischen Sagen der Buschmänner und Australier oder der Polynesier und Nordamerikaner, daß nichts anderes als Tradition zur Erklärung übrigbleibt. So kehren auch Anklänge auf politischem Gebiet wieder. Die Einrichtungen, die Lacerda und Livingstone aus Kasembes, Pogge und Buchner aus Muata Jamvos Reiche beschreiben, erinnern teils an Indisches, teils an Altägyptisches. Es sind die Gemeinsamkeiten auf dem Gebiete der sozialen und politischen Vorstellungen und Einrichtungen auffallend groß. Je tiefer man in diese Dinge eindringt, um so mehr überzeugt man sich von der Richtigkeit einer Äußerung, die Bastian zu einer Zeit gethan hat, wo die schärfste Völkersonderung ein Evangelium, die Einheit der Menschheit verpönt war. »Selbst zu den auf des Stillen Ozeans Busen schlummernden Inseln scheinen Meeresströme die Boten abstrakterer Errungenschaften getrieben zu haben, vielleicht bis an die Gestade des amerikanischen Kontinents.« (»Reise nach San Salvador.«) Wir gestatten uns, den Schluß hinzuzufügen, daß niemand die Naturvölker versteht, der nicht ihren manchmal freilich verhüllten Verkehr und Zusammenhang untereinander und mit den Kulturvölkern würdigt. Es gibt und gab unter ihnen mehr Verkehr, als man beim oberflächlichen Hinschauen glaubt. So gelangten, ehe die Nilstraße dem Verkehr geöffnet war, Waren europäischen Ursprungs, besonders Perlen, bereits bis zu den Sandeh aus Dar For über Hofrat el Nahas. Wo starke Ähnlichkeiten auftreten, möchte immer in erster Linie die Frage des Verkehrs, der Mitteilung von außen aufzuwerfen sein, oft vielleicht eines sehr mittelbaren Verkehrs. Wir halten die Frage für berechtigt, ob nicht flüchtige Sklaven so manches Element des afrikanischen Kulturbesitzes durch Südamerika verbreitet haben. Die Japaner verkehren seit Jahrhunderten sehr wenig mit den Völkern des nördlichen Stillen Ozeans, doch möchten die Stäbchenpanzer der Tschuktschen, die den japanischen Panzern so ähnlich sind, auf einen solchen Verkehr zurückzuführen sein, der dann freilich nicht nur bereichert, sondern mit der Zeit immer auch zersetzt. – Aber so hingen auch schon früher die Völker zusammen, und so wenig wie heute gab es im Bereich unseres geschichtlichen Wissens auf der Erde jemals eine Menschengruppe, die man beziehungslos nennen konnte. Überallhin sieht man Übereinstimmungen, Ähnlichkeiten, Verwandtschaften ausstrahlen, die ein dichtes Netz über die Erde ziehen; selbst die entlegensten Inselvölker kann man nur verstehen, wenn man ihre Nachbarn, nahe und ferne, berücksichtigt.

Daß die alten einheimischen Industrien überall zurückgehen, wo die Fabrikate Europas oder Amerikas hindringen, zeigen selbst die entlegensten Inseln. Als Hamilton 1790 Kar Nikobar besuchte, trugen die Weiber eine Art kurzen Unterrockes, aus aneinander gereihten Büscheln Gras und Schilf gebildet, die einfach herabhingen; jetzt verhüllen sie allgemein mit Tüchern aus Zeug den Leib. So besteht also der Fortschritt von hundert Jahren in der Ersetzung des Grasunterrockes durch Gewebe. Die heimische Industrie stirbt damit ab und keine neue Fertigkeit tritt an ihre Stelle. Am unteren Kongo findet man heute nichts mehr von den Rindenzeugen und feinen Geweben, die Lopez und andere Reisende des 16. Jahrhunderts so sehr priesen. Und wo ist die Kunst des Edelstein- und Obsidianschliffes, die im alten Mexiko so Hervorragendes leistete, wo die Goldschmiedekunst und Bildweberei der alten Peruaner?

Nichts ist für die Schätzung der Bedeutung der äußeren Anregungen lehrreicher als die Betrachtung der ethnographisch ärmsten Völker, von denen man sagen kann, daß sie immer auch die verkehrsärmsten waren. Warum denn sind die entlegensten Völker an den Spitzen der Kontinente oder auf den schwerst erreichbaren Inseln die ärmsten? Die ethnographische Armut ist nur zum Teil Folge der Not, der allgemeinen Armut, unter deren Druck ein Volk lebt. Man hat dies für manche Völker bereitwillig zugegeben, so zum Beispiel für die Australier, die in ihrem steppenhaft dürren, an nutzbaren Pflanzen und Tieren armen Kontinent im allgemeinen eins der ärmsten, bedrängtesten Leben führen, das irgend einem Volke der Erde zugewiesen ist. Aber selbst in den begünstigtsten Strichen des tropischen Nordens sind sie der bei ihren papuanischen Nachbarn so üppig aufgeblühten Neigung zum künstlerischen Schmuck des Daseins, der den Luxus der Naturvölker ausmacht, fast gänzlich bar. Man hat gerade in diesem Falle nicht weit nach den Ursachen der ethnographischen Armut zu suchen. Wohl zeigt jeder Blick in die Lebensbedingungen und Lebensweise dieser Völker die Schärfe ihres Kampfes um die Erhaltung des nackten Lebens, aber auch die verarmenden Wirkungen der Abgelegenheit von den großen Strömen des Verkehrs. Die exzentrische Lage Australiens, des südlichsten Südamerika, des Inneren von Südafrika und des östlichsten Polynesien übt auf die dort einheimischen Völker überall den gleichen verarmenden Einfluß. Wenn man darin auch eine Art von Ansteckung der Armut erkennen will, die auf eine geringere Menge geistiger Anregungen namentlich der Phantasie in dieser Natur zurückführt, so muß man sich vor zu raschen Schlüssen ängstlich hüten; die kleine, von Natur arme Osterinsel ist ethnographisch reich, und kaum Ein Naturvolk steht an künstlerischer Entwickelung über den Eskimo.

Wir wissen, wie sich die Geräte und Waffen der zivilisierten Völker zu den Völkern, die vorher keine Ahnung von ihnen besaßen, gleichsam stufenweise verbreitet haben und noch immer weiter verbreiten. Als Stanley auf seiner wunderbaren ersten Kongofahrt den dunkeln Kontinent durchquerte, verließ er die letzten Feuergewehre in den Händen von Eingeborenen im Osten in dem berühmten Marktflecken von Nyangwe und fand sie im Westen bei Rubunga, 6° nördlich von Nyangwe, in Gestalt jener vier alten portugiesischen Musketen wieder, die historisch bleiben werden, weil sie in der kritischsten Zeit dieser großen Reise seiner Mannschaft die ersten guten Zeichen waren, »daß wir die Straße nicht verfehlt hätten, daß der große Strom wirklich die See erreiche«. Nyangwe und Rubunga begrenzen einen Flächenraum von 10,000-12,000 Quadratmeilen, wo Feuergewehre, die schon vor 400 Jahren Afrikas Küsten erdröhnen machten, vor einigen Jahren unbekannt waren. Es ist wahr, daß andere Dinge sich rascher verbreitet haben, wie z. B. die erst seit dem 16. Jahrhundert hierher gebrachten Sprößlinge Amerikas: Tabak, Mais und Maniok. Aber auch sie haben Etappen gemacht: die Damara haben den Tabak erst vor einigen Jahrzehnten kennen gelernt.

Dieser Bedeutung des Verkehrs schreiben wir es zu, wenn die Motive der ethnographischen Erzeugnisse auch in reichen Gebieten so auffallend einförmig sind, wenn selbst Melanesiens und Polynesiens Inselwelt in Bezug auf die Verbreitung der Geräte und Waffen das Bild einer Wiese bieten, wo dieselben Grundelemente der Vegetation überall hervorsprießen, hier dünner, dort dichter, hier höheren, dort niederen Stand zeigend und nur selten mit eigentümlichen Gewächsen untermischt, die das Bild merkwürdig beleben. Und wie wir nun oft auf sterilem Boden mitten in dem einförmigen Graswuchs einer Steppe plötzlich eine Pflanze vor anderen sich üppig entfalten sehen, so ist es auch hier. Der in der Verfolgung des Überkommenen so starre Geist der Völker erhält plötzlich eine Anregung zur freieren Entfaltung nach irgend einer Seite hin; es ist von großem Werte, gerade diese Sonderentwickelungen selbst im Bizarren zu studieren. Die Ausrüstung der Waffen mit Haifischzähnen in solcher Ausdehnung, daß man glauben könnte, es mit einem in beständigen Kriegen lebenden, weder an Zahl noch Macht geringen Volke zu thun zu haben, erreichte auf den Gilbert- oder Kingsmill-Inseln (insgesamt 7,8 Quadratmeilen und nicht über 35,000 Einwohner) ihren Höhepunkt. Diese Waffen übertreffen an Grausamkeit die jedes anderen Volkes in Polynesien, und ihnen entsprechen Rüstungen, wie sie sich so ausgebildet nur in Japan und Neuguinea wiederfinden. So birgt fast jede Inselgruppe unter der Einförmigkeit der Grundmotive ihre mehr oder weniger ausgebildeten Eigentümlichkeiten. Bei den kontinentalen Völkern sind derartige Erscheinungen selbstverständlich von beschränkterem Vorkommen. Aber doch hat auch hier jeder Kulturkreis, so eng er sei, seine kleinen Besonderheiten, die sich mit einer gewissen Konsequenz auf den verschiedensten Gebieten einstellen. Wie man bei den Westafrikanern die Vorliebe für die Darstellung des Häßlichen als ein solches Charakteristikum bezeichnen kann, so bei den Waldnegern die häufige Verwendung der Bananenblätter an Stelle von Leder, Fell oder Zeugen: ein Motiv, worüber die Mangbattu unendliche Variationen machen. Dieses Volk bietet gleichzeitig ein interessantes Beispiel allgemein hoher Entwickelung der Industrie unter günstigen Bedingungen. Wo die Stürme der Zeit eine friedliche Oase schonend umkreisten, wie einst das Mangbattuland, da entfaltete sich auf Grund des materiellen Besitzes und Könnens eine schöne Blüte, die freilich zu kurzem Dasein nur bestimmt war. Weit reichte einst ihr Ruhm in Afrika. Der hohe Stand der Anfertigung höchst mannigfaltiger musikalischer Instrumente bei den Negern Afrikas ist eine ganz einzige Erscheinung. Sie lieferten endlosen Stoff rühmender Schilderungen.

Eine der schwierigsten Aufgaben liegt vor, wo es sich, wie hier, um die Bestimmung einer Gradabstufung in der Höhe der Vollendung irgend eines Zweiges menschlicher Thätigkeit handelt, und gleichzeitig gehören solche Aufgaben zu den verantwortungsvollsten, wenn aus der Abstufung ein genealogischer Schluß gezogen werden soll. Wir bemerken einen Unterschied der Entwickelung des Schiffbaues zwischen den einander so nahe wohnenden Fidschianern und Tonganern; diese, polynesischen Stammes, übertreffen die zu den Melanesiern zu rechnenden Fidschianer darin um ein Merkliches. Der Unterschied ist nicht groß, aber sehr wichtig, weil er dazu beiträgt, unsere Ansicht zu befestigen, daß die länger ansässigen Melanesier die hohe Entwickelung ihres Schiffbaues und ihrer Schiffahrtskunst von den später einwandernden Polynesiern empfingen und nicht umgekehrt. Aber doch ist es selbstverständlich immer schwer, in solchem Falle mit Sicherheit zu urteilen, und dies um so mehr, als ein in der Gesamtkultur höher stehendes Volk gerade in Bezug auf einzelne Kenntnisse und Fertigkeiten hinter solchen zurückstehen kann, die im ganzen einer tieferen Stufe angehören. Auf den ersten Blick erscheint die Überlegenheit der Djur im Eisenschmieden über die Nubier oder der offenbare Vorsprung, den die Musgu als Ackerbauer vor ihren sudanischen Herren besitzen, als eine Anomalie. Die Neger haben durch ihre Geschicklichkeit in diesen beiden Richtungen selbst Europäer in Erstaunen gesetzt. Wenn nicht die Thatsachen so klar vorlägen, würde jeder von vornherein geneigt sein, den im übrigen mit so manchen Kulturüberlegenheiten ausgestatteten Arabern, Bornuanern etc. auch die Erziehung der Neger zur Überlegenheit in diesen Künsten zuzuschreiben. So aber bezeugt eben die Thatsache, daß die Araber von den Negern im Acker- und Hausbau lernen konnten, das Alter einer ansässigen, auf Ackerbau begründeten Halbkultur in Afrika.

Es ist ganz falsch, zu glauben, daß die Arbeitsteilung erst auf einer höheren Stufe der wirtschaftlichen Entwickelung eintrete. Innerafrika hat seine Dörfer von Eisenschmieden, ja von solchen, die nur Wurfmesser fertigen; Neuguinea seine Töpferdörfer, Nordamerika seine Pfeilspitzenverfertiger. Daraus entstehen die merkwürdigen sozialen und politischen Sondergruppen, die aus Zünften Kasten und aus Kasten bevorrechtete Schichten in einem Volke werden. Jägervölker, die zu den Ackerbauern in einem altherkömmlichen Wechselverhältnis des Tausches der Erzeugnisse stehen, sind besonders in Afrika weitverbreitet. Neben diesen gesonderten Tätigkeiten gibt es andere, woran sich die beteiligen, die ihre Künste nur gelegentlich ausüben, je nach dem Bedürfnis. Die Art und Weise ihrer Arbeit erscheint daher oft in der Gestalt eines geschäftigen Müßigganges. Ein Mann, der gerade nichts Besseres zu thun hat, schleift sich einen großen Trochus zum Armbande oder feilt sich sonst eine Muschel zum Fingerringe zu, oder er nimmt die Gravierarbeit an einer Keule vor, der er schon Jahre seine »Muße« widmet. Dieses Arbeiten mit freigebigstem Zeitaufwand und Behagen erklärt viel von der Vollendung der Erzeugnisse. Freilich sind es meist Gegenstände unmittelbaren Gebrauches, nicht des Tausches; und der Handel gewinnt wenig aus dieser geringen, aber andauernden Arbeit, während mit jenen Industrien ein lebhafter Handel zusammengeht.

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