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Grundzüge der Völkerkunde

Friedrich Ratzel: Grundzüge der Völkerkunde - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFriedrich Ratzel
titleGrundzüge der Völkerkunde
publisherBibliographisches Institut
printrun2. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170227
projectidf164b71f
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6. Wissenschaft und Kunst.

Indem Hand in Hand mit der grundlegenden Arbeit des Ackerbaues alle anderen wirtschaftlichen Thätigkeiten rascher und sich vervollkommnend ihren Weg gingen, erreichten sie in allem, was fleißige, geübte Hände, Geduld, Hingebung und endlich ein feiner Geschmack zu leisten vermögen, hohe Ziele, wohin in manchen Fällen die mit größeren Mitteln an Werkzeug und Einsichten arbeitenden späteren Geschlechter nicht mehr vordrangen. Aber sie blieben bei der Hand- und Einzelarbeit stehen und erstarrten, in Kasten gezwängt, in den hergebrachten Prozessen. Die Erfindungen, die Maschinen, die Großerzeugung wurden erst viel später erreicht, als ein schöpferischer Zug in alle diese Thätigkeiten das mächtig Fördernde hineinbrachte, was wir heute Wissenschaft nennen. Schafft die Arbeit der Hände die Grundlage der Kultur, so gibt die Schulung des Geistes in Erhaltung und Neuschaffung geistiger Besitztümer die Kraft des Lebens und des Wachstums. In der Erschließung dieser zweiten Quelle liegt der große Fortschritt von dem, was man ohne bestimmte Definition Halbkultur nennt, zu dem, was uns Europäern des 19. Jahrhunderts Kultur heißt und ist. Im Jahre 1847 wurde in einigen Sitzungen der Pariser Ethnologischen Gesellschaft die Frage behandelt: Worin liegt eigentlich der tiefere Unterschied zwischen Weißen und Negern? Gustav von Eichthal antwortete damals: »Im Besitz der Wissenschaft, die sich bei den Weißen von der Schrift, den Elementen des Rechnens etc. an immer mehr vertieft und sich selbst Dauer verleiht, während ihr vollständiger Mangel den Neger charakterisiert und sein Stehenbleiben erklärt.« Arithmetik, Geometrie, Astronomie, festes Maß der Zeit und des Raumes fehlen vollkommen, und damit fehlt das, was bei jener Gelegenheit » initiative civilisatrice« genannt wurde. Indessen muß man hoch hinaufsteigen, um das zu finden, was im höchsten Sinne Wissenschaft ist. Wir leben im Zeitalter der Wissenschaft, und wenn es vielleicht auch dereinst wissenschaftlichere Zeitalter geben wird, so erfreuen wir uns doch mehr als alle früheren einer selbständigen Wissenschaft mit großen Leistungen. Vor ein paar Jahrhunderten noch finden wir die Wissenschaft in einer unselbständigen Stellung, als Dienerin der Kirche; wir können ihre unter großen Kämpfen vollzogene Befreiung aus diesen Banden verfolgen. Das ist aber nur der Abschluß eines langen, in der Menschheit ausgefochtenen Kampfes. Die Naturvölker zeigen uns die tiefste Stufe der Wissenschaft. Sie sind nicht wissenschaftslos, aber ihre Wissenschaft ist symbolisch, poetisch, steckt noch ganz in der Knospe der Religion: Zwei Blüten, die beide erst recht aufgehen werden, wenn sie sich nicht mehr zu nahe sind, sondern eine der anderen Raum zur freien Entfaltung gewährt.

Auf niederer Stufe schließt die Religion alle Wissenschaft ein; die Poesie der Mythenbildung ist ihr starkes Werkzeug. Es kommt nicht auf die Wahrheit, sondern auf die Gewinnung eines Bildes an. Der Wahrheitssinn ist bei Naturvölkern ungemein wenig entwickelt, er hat langsam entfaltet werden müssen, die höchstentwickelten Völker sind die wahrheitsdurstigsten; und selbst unter den heutigen Kulturträgern könnten wir eine Abstufung nach der Wahrheitsliebe vornehmen. Mit jeder höheren Stufe der Menschheit ist der Sinn für Wahrheit, und in jedem höheren Volke ist die Zahl der wahrhaftigen Menschen gewachsen.

Es gibt eine Zeit, wo die Allbeseelung der Natur einen Grundsatz von allgemeiner Gültigkeit bildet. Furcht oder Neigung, Schaden oder Nutzen teilen die ganze Natur. Das ist die im höchsten Grade subjektive Auffassung. Ihr folgt die mythologische Erklärung, die richtige Deutungen in eine bewußt entstellende Bildersprache kleidet. Über die öde Furcht hinaus, die den Negern am Nyassa verbietet, von Erdbeben zu reden – wie lange mag die mythen- und endgültig wissenschaftzeugende Wirkung einer solchen Erscheinung unter der Hülle der abergläubisches Schweigen gebietenden Scheu ruhen! – ragt die poetisch liebevolle Beschäftigung mit der Natur. Man kann von einer Aufeinanderfolge der Zeitalter des Gespensterglaubens und der Mythologie sprechen. In diesem werden die Grundlagen des Wissens von der Natur in einer Naturverwandtschaft und -Bekanntschaft entwickelt, die eine große geistige Eigentümlichkeit der Naturvölker ist. Die Vermischung des Menschen und anderer Geschöpfe in der Mythologie und Kunst ist nicht bloß äußerlich. Die Empfindung eines absoluten psychischen Unterschiedes zwischen Mensch und Tier, die in der zivilisierten Welt so verbreitet ist, fehlt den niederen Rassen fast gänzlich. Menschen, denen die Rufe der Vierfüßer und Vögel wie menschliche Sprache, ihre Handlungen wie von menschlichen Gedanken geleitet erscheinen, schreiben ganz logisch den Tieren so gut wie den Menschen eine Seele zu. Besonders in der Schöpfungsgeschichte und von dieser abgeleitet in der Tiersage tritt dieses Verwandtschaftsgefühl hervor. Eine Aufzählung der Tiere, an die sich Glaube und Aberglaube geheftet haben, würde dennoch ein bei allem Reichtum lückenhaftes Bild geben. In einigen Teilen von Afrika würde das Chamäleon hervortreten, in anderen der Schakal, im nordwestlichen Amerika die Otter, im östlichen der Biber. Der Nahualismus ( nahual heißt im Quiché Tier), der Glaube an einen Spiritus familiaris in Tiergestalt, der dem Menschen befreundet ist, mit ihm leidet und stirbt, ist ein Weg, der Totemismus, der den Stamm von einem Tiere abstammen läßt, ein anderer, um sich mit der Tierwelt in Verbindung zu setzen. Die Konzentration der mythenbildenden Schöpfungskraft des Geistes auf bestimmte ausgewählte Punkte ist Regel; darüber werden viele andere dem mythenbildenden Geiste anscheinend nicht minder sich empfehlende Punkte vernachlässigt. Die Überlegenheit der Tradition über die Neuschöpfung zeigt sich nirgends so klar wie in dieser Beschränkung, der sogar etwas Launenhaftes anhängt.

Die Fesselung der geistigen Mächte durch Abschließung im Priesterstand und die besondere Richtung, die ihnen darin durch das Übergewicht der mystischen Neigungen im Dienste des Aberglaubens erteilt wurde, erklären viel von der Rückständigkeit vieler Völker und wirken nicht bloß bei den sogenannten Naturvölkern, sondern auch bei den Trägern der Halbkultur hemmend, ja geradezu versteinernd. Man muß die Stellung der Priester, Schamanen, Medizinmänner, oder wie man sie nun nennen mag, ins Auge fassen, um diese Wirkung zu verstehen. In Altmexiko empfingen sie eine bestimmte Schulung und erlangten Wissen und Können in Gesängen und Gebeten, den nationalen Überlieferungen, den religiösen Lehren, Medizin, Beschwörungen, Musik und Tanz, Mischung der Farben, Malen, Zeichnen der ideographischen Zeichen und phonetischen Hieroglyphen. In der praktischen Anwendung mochte dieses ihr Wissen und Können geteilt sein, in seiner Gesamtheit blieb es Privileg ihrer Kaste. Die abergläubische Scheu vor ihrer Zauberkraft, ihrer Verbindung mit dem Überirdischen, die angeborene oder anerzogene Fähigkeit zu ekstatischen Zuständen, gesteigert durch Fasten, Kasteiungen, Keuschheitsgelübde, rückten sie in den Augen des übrigen Volkes in unerreichbare Höhen. Die künstlich unverständliche Priestersprache trug noch mehr zur Sonderung bei. Indem aber das Ziel all dieser Vorrichtungen und Arbeiten der Gottes- oder vielmehr Geisterdienst im weitesten Sinne war, blieben die fortbildungsfähigen wissenschaftlichen Elemente im Keime unverändert liegen. Diese religiöse Erstarrung bedeutet Fesselung der Geister bei allen Völkern, deren geistiges Leben noch nicht von einer entwickelteren Arbeitsteilung der Klassen und Berufe getragen wird, wo Religion das ganze geistige Leben ist. Die Wissenschaft, für sich allein naturgemäß fortschrittsfähig, wird in dieser Verbindung lahmgelegt. Die Luschai nennen ihre Zauberärzte »die großen Wisser«; sie als Könner zu bezeichnen, wäre besser, denn aus ihrem Wissen geht nur Kunst, nicht Wissenschaft hervor.

In gewissen Richtungen kann der menschliche Geist in geraden Linien fortschreiten, die für uns praktisch unbegrenzt sind; in anderen muß er sich notwendig um gewisse Punkte herum bewegen, ohne sich viel von ihnen zu entfernen. Zu jenen gehören die wissenschaftlichen, zu diesen die religiösen Angelegenheiten. Die Schaffung der Wissenschaft macht daher eine der größten Epochen im Leben der Menschheit, und die Kulturvölker sind am tiefsten geschieden durch ihren Mangel oder ihren Besitz. Die Orientalen in ihrer Gesamtheit verstehen es nicht, die Wissenschaften um ihrer selbst willen zu schätzen; das reine Interesse an der Wahrheit prägt sich bei ihnen nur unvollkommen aus. Sie achten das Wissen, aber aus Gründen, die der Wissenschaft fremd sind. Wenn in der chinesischen Tradition ein und derselbe Fürst den Kalender, die Musik und das Maß- und Gewichtssystem erfindet oder regelt, während seine Gemahlin als die Erfinderin der Seidenzucht und Verarbeitung der Seide gilt, wenn jener seinem Minister Befehl gibt, Schriftzeichen zu erfinden, und dieser dem Befehl sogleich mit großem Erfolg nachkommt, wenn in demselben Zeitalter die astronomischen Beobachtungen mit solchem Gewicht vom Staate gewogen werden, daß zwei Staatsmänner bestraft werden, weil sie versäumten, eine Sonnenfinsternis gehörig vorauszuberechnen, so liegt gerade in diesem engen Anschluß der Wissenschaft an die Macht des Staates ein Beweis für die rein praktische Schätzung der Wissenschaft, vielmehr des Wissens und Könnens. Die modernsten wissenschaftlichen Werke der Chinesen sind für uns Mittelalter. Wir sehen die größten Geister dieses Volkes auf einem alten Wege fortgehen, wovon sich ein heilsamer neuer Weg schon vor Jahrhunderten abgezweigt hat. Ein Volk braucht Jahrhunderte, um sich aus solchen Irrungen herauszuwinden. Den Chinesen haben Jahrtausende nicht gefehlt, aber sie erstickten in ihrem hierarchischen Prüfungssystem die Originalität der Geister. Gut beobachten und falsch schließen sind keine unvereinbaren Dinge. Die Chinesen, die, wie schon ihre Kunst bezeugt, gute Augen für das Charakteristische in der Natur haben, sind vor allem keine schlechten Beschreiber. Ihre Arzneibücher, in denen 2000-3000 Heilmittel beschrieben werden, sind reich an mit Sachkenntnis abgefaßten, treffenden, oft weitschweifigen Definitionen und mehr noch an trefflichen bildlichen Veranschaulichungen. Auch ihre Klassifikationen dürfen manchmal den Anspruch erheben, richtige Grundgedanken sorgfältigst durchzuführen. Aber die reine Wahrheit ist es nicht, die am Ziele aller dieser Bestrebungen steht, vielmehr führt eine Philosophie voll vorgefaßter Meinungen auf Abwege. Daß diese » physique mensongère«, wie Rémusat sie nennt, alle überirdischen Eingriffe ausschließt, alle Erscheinungen aufs einfachste zu deuten wähnt, verleiht den Irrtümern ein doppelt zähes Leben. Alles aus Ausdehnung und Zusammenziehung erklärend, ist die chinesische Physik leicht im stande, jeder Erscheinung gerecht zu werden; sie thront siegreich auf hohlen Worten.

Alle Kulturvölker sind auch Schriftvölker. Ohne Schrift keine gesicherte Tradition; es fehlt die Festigkeit des geschichtlichen Bodens, von dem aus Fortschritte zu versuchen wären. Keine Chronik, kein Denkmal des Ruhmes oder gewaltiger Ereignisse, bestimmt, die Geschichte der Vergangenheit zu verewigen, reizt zum Wetteifer und zu kühnen Thaten an. Was außerhalb der heiligen Tradition liegt, fällt in Vergessenheit. Bei der Begrenztheit des menschlichen Gedächtnisses ist es nicht anders möglich, als daß bei der Erlernung der Gedichte zur Verherrlichung eines eben verstorbenen Inka die zum Lobe eines früheren eingeprägten vergessen wurden. Wir lernen in den Schulen der indischen Brahmanen die Bedeutung kennen, die man dem Auswendiglernen beilegte, und die Mühe, die es machte. Dort wurden die Veda trotz Handschrift und Drucken bis heute mündlich fortgepflanzt, nach althergebrachter Methode jedem Schüler die 900,000 Silben eingelernt. Die Schrift war indessen dadurch nie zu ersetzen.

Eine allgemeine Übersicht über alle Keime der Wissenschaft der Naturvölker kann man nicht geben. Viel ist unkenntlich geworden, anderes verschollen und in Trümmer gegangen, der Besitz ist sehr ungleich. Bisher hat die Unterschätzung überwogen. Die Zeitrechnung und die Himmelskunde, beide dem Bedürfnis nahegerückt, besonders bei Schiffervölkern, sind wohl am weitesten gediehen, sowie sie ja auch tief am Stammbaum unserer Wissenschaft stehen. Eine primitive Astrologie geht durch den Glauben der Naturvölker. Die Versuche, Finsternisse und Kometen durch Lärm aller Art zu vertreiben, deuten auf das Gefühl von Unbehagen über die Störung der Ordnung am Firmament; Sternschnuppen künden den Tod eines großen Mannes, nahe beisammenstehende Sterne Krieg. Jahreszeiten unterscheiden alle Naturvölker nicht bloß nach irdischen Vorgängen, wie Blühen, Reifen und dergleichen, sondern auch nach dem Stande der Gestirne. Aber das Jahr ist eine vielen fremde Abstraktion, und wo Monde unterschieden werden, deckt sich ihre Reihe nicht mit dem Jahr. Der Schritt zur Wissenschaft wird gemacht, wenn an das Erscheinen bestimmter Sternbilder Abschnitte des Jahres, der Ackerarbeit und ähnliches geknüpft werden; denn dies setzt Beobachtungen voraus. Natürlich werden diese am ausgedehntesten und schärfsten bei den Schiffervölkern angestellt; bei den Salomon-Insulanern finden wir schon einen besonderen Namen für die Planeten wegen ihrer Rundheit.

Die höchsten Leistungen ihrer größten Geister sehen die Kulturvölker in ihrer poetischen Litteratur. Und gerade hier reichen die Naturvölker am höchsten herauf. Hamann hat die Lyrik die Muttersprache der Menschheit genannt; von den Naturvölkern kennen wir fast nur lyrische Gedichte, die Liebe, Trauer, Bewunderung und religiöse Gefühle ausdrücken. Soweit die Poesie der Naturvölker in Worte gefaßt ist, wird sie auch gesungen. Die Poesie ist also mit der Musik eng verbunden. Wie in den Gedichten unserer Dichter, findet man auch hier Wörter und Sätze, die sich nur in der Poesie erhalten haben, und im Interesse des Versmaßes ungewöhnliche Dehnungen und Kürzungen. Alte und von Nachbarinseln entliehene Wörter in den Tanzliedern der Banks-Insulaner bilden eine eigene »Dichtersprache«. Kühnheit der Bilder fehlt nicht, und eine ganze Anzahl von Kunstgriffen in Wiederholung, Steigerung, Abkürzung und künstlicher Dunkelheit kommt zur Verwendung. Die Verbindung mit der Religion wird stets bewahrt. Es gibt heilige Trommeln und Posaunen, die nur Eingeweihten ertönen. Mit langen Flöten wird bei den Tucano der Geist Jurupari herbeigerufen; Frauen dürfen ihn nicht erblicken und verstecken sich bei dem Tone dieser sonst im Wasser verborgenen Instrumente.

In der Poesie liegt aber noch mehr. Sie umschließt Sagen, die nicht bloß Dichtung sind, sondern das ganze geistige Besitztum des Volkes in sich fassen, also Geschichte, Sitten, Gesetz und Religion, und dadurch ein wichtiges Hilfsmittel werden, durch Geschlechter hindurch Wissen zu bewahren. Viele Sagen sind mythologische Fragmente, vom Mythus äußerlich unterschieden durch fragmentarischen Charakter und Mangel an Pointe. Viele Mythen sind nichts anderes als in Bilder gefaßte Beschreibungen von Naturereignissen und Versinnlichungen von Naturkräften. Diese schlagen die Brücke zur Wissenschaft; denn in ihnen wird die Mythologie Weg und Methode zur Erkenntnis der Ursachen der Erscheinungen wie die Wissenschaft. Der Zweck tritt zurück, die Bilder werden zu selbständigen Figuren, deren Zwiste und Listen interessieren: damit haben wir das Märchen, besonders das so weit verbreitete Tiermärchen. Den unmittelbaren Wirkungen der Natur ist hier ein weiter Spielraum verstattet. So wie die heiligen Berge und Wälder, das heilige Meer und seine Klippen gegen die Leugnung des Naturgefühls bei den litteraturlosen Völkern eindringlich protestieren, zeigen ihre Mythen und Gesänge tiefe Eindrücke der Natur. Der Anschluß manches Gedichtchens an den Sang der Vögel ist nachzuweisen. Licht und Finsternis, Tag und Nacht erwecken Lust und Unlust; Weiß, Rot und Grün verkörpern wohlthätige, Schwarz gefürchtete Naturkräfte und Dämonen. Sonnenauf- und -untergang, Gewitter, Regenbogen, Abendröte sind am meisten geeignet, lyrischen Widerhall zu finden, da Sonne und Feuer Gegenstand religiöser Anbetung sind. Was für das Auge Licht und Finsternis, ist für das Ohr Klang und Stille: das Grollen des Donners, das dumpfe Gebrüll der Raubtiere gegenüber dem hellen Rieseln der Quelle, dem Plätschern der Wellen und dem Sange der Vögel. In einer reichen, wenn auch durch die Gebundenheit des gewohnheitsmäßigen Ausdrucks beschränkten Reihe von Bildern bringt dies alles die Poesie und bildende Kunst der Naturvölker zum Ausdruck. Auf der einen Seite des mit religiöser Andacht betrachteten geheimnisvollen papuanischen Schwirrholzes der ruhende, auf der anderen der schwirrende Nachtfalter: welch einfache und eindringliche Bildersprache!

Die bildende Kunst hat auch da, wo sie noch ganz im Gewerbe aufzugehen scheint, ihren Zusammenhang mit der Religion. Die Herstellung von Schnitzereien gehörte zu den Aufgaben heiliger Männer, die in alle Einzelheiten mythologische Ideen legten. Wer das Werkzeug eines Priesters am Amur oder Oregon betrachtet, sieht den Zusammenhang zwischen Kunst und Religion so klar, wie wenn er in eine Dorfkapelle oder einen buddhistischen Tempel tritt. Polynesien überrascht durch reiche Schnitzwerke, die uns leider mit ihrer rätselhaften Phantasie Bücher mit sieben Siegeln sind. Wir wissen aber, daß einst die Äxte von Mangaia (Hervey-Inseln) nur mit Haifischzähnen geschnitzt werden durften, daß die Höhlungen Aallöcher, die Vorsprünge Klippen hießen, daß diese ganze Ornamentik ein einziges Bündel von Symbolen ist. An den Thonschalen der Pueblo haben die treppenförmigen Ränder den Sinn von Stufen, über die der Geist in die Schale steigt. Die ewigen Wiederholungen derselben Miniaturfiguren sind gerade wie die 555 Buddhabilder des Tempels von Burubudor auf Java der Ausdruck eines religiösen Stammelns und künstlerischer Gebundenheit. Die Kunst der Naturvölker bevorzugt lange die räumlich kleinen Elemente und stellt daraus die größten Werke zusammen. Die Übereinandersetzung gedrückter oder verschlungener Menschen- und Tiergestalten in den Thorpfeilern der Neuseeländer oder Neukaledonier, den Stammessäulen der Nordwest-Indianer läßt kein Einzelnes zu seinem Rechte kommen. Die Freiheit zeigt sich erst in ihrer ornamentalen Vereinigung. Deshalb konnte sich in Altamerika die Bildnerei aus den vielen Tausenden großartiger Werke nie frei erheben. Das Traditionelle zieht nieder; hier ebenso wie in den viel roheren Werken jener westafrikanischen Fetischbildner, die in der Nähe von Beh, dem heiligen Dorf Togos, ein eigenes Industriedorf bewohnen. Wenn selbst in den Tapa-Mustern der Ozeanier Symbole verborgen sind, dann erscheint die ganze Ornamentik, wie Bastian es einmal ausdrückt, als eine symbolische Vorstufe der Schrift: sie will etwas Bestimmtes sagen. Langsam entwickelt sich die Kunst im Ringen nach Ausdruck; frei tritt sie erst in dem Augenblick hervor, wo sie über sich selbst diese Absicht vergessen hat. Aus den Symbolen werden einfache Körper und Linien, die so gebildet, gefärbt oder aneinander gereiht werden, wie es dem Schönheitssinn entspricht. Aber auch dann ist das Ornament noch die Sublimation einer Kopie nach der Natur, meist nach einem menschlichen Gesicht oder Körper. Fast aus jedem persischen Teppich schaut uns mindestens das Auge an, weit aufgethan, dem bösen Blick zu wehren. Das Gesichtsornament ist in solcher Fülle und Mannigfaltigkeit vorhanden, daß es eigentlich in allen über das Einfachste sich erhebenden Verzierungen wiederkehrt und besonders durch das Hervorkehren des Augenfleckes seine Existenz auch da bezeugt, wo man es nicht vermuten würde. In den Funden von Ancon gruppieren sich um den Mittelpunkt großer Gesichter oder mit scharf hervortretendem Gesicht versehener Figuren die großartigsten Ornamente; auf dem Monoliththor von Tiahuanoco sind menschliche Figuren, willkürlichst stilisiert, selbst wieder aus kleinen stilisierten Menschenfiguren zusammengesetzt. Eine aufmerksame Vergleichung glaubt sich zuletzt im Rechte, fast in jedem Ornament und jeder – Verzerrung Altamerikas die menschliche Gestalt wiederzufinden. Auffallend ist aber, wie verschieden die Gegenstände der primitiven bildenden Kunst sind. Die Australier schaffen fast gar keine Nachbildungen der menschlichen Gestalt, in Ost- und Südafrika sind sie sehr selten; Livingstone stellt darüber seine Betrachtungen an, daß erst nördlich von den Makololo die Götzenbilder häufiger werden; am oberen Nil, am Kongo in Westafrika, in Neuguinea treten sie massenhaft auf. Diese Bilder wurden auch verweltlicht. Was wir als Gebilde scherzhafter Laune auffassen, jene knorrigen Birkenwurzeln von oft sehr sonderbaren Formen, die von den Chinesen durch ein paar Schnitte und Stiche zu menschlichen Figuren umgewandelt werden, führen auf die weitverbreitete Neigung zurück, in solchen »Spielen der Natur« mehr als Zufälligkeit, etwas für Zauberei oder Heilung geheimnisvoll Nützliches zu sehen.

Den allbeseelenden Zug der Religion finden wir in der Kunst wieder. Ein Grundelement aller primitiven Kunst liegt in der innigen Verbindung von Mensch und Tier im Ornament; das entspricht der religiösen Auffassung, die in jedem Tier eine Menschenseele fürchtet oder verehrt. Demgemäß sind in dem reichsten Formenschatz konventioneller Bildnerei, dem der Altamerikaner, am stärksten Gesichter und Gestalten von Menschen, am häufigsten aber Augen, dann Tiergestalten, Federn und Bänder vertreten; Pflanzenteile kommen selten vor. Der Sonnenvogel mit ausgebreiteten Schwingen ist von Ägypten bis Japan und Peru ein beliebtes Symbol und Ornamentmotiv: in typischer Entfaltung zeigt ihn das Portal von Ocosingo. Die Menschen- und Tierfratzen, die, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und verwickelt, selbst die Mayaschrift aufweist, sind oft mit großem Geschick und karikierender Kühnheit gezeichnet. Die vielbesprochenen Elefantenrüssel auf Denkmälern von Urmal und an Goldfiguren menschlicher Gestalt lassen sich entweder mit Tapir- oder mit karikierender Verlängerung menschlicher Nasen erklären. Totenköpfe gehören zu den verbreiteten Motiven: in Stein gehauen bilden sie lange Friese und schmücken Tempelaufgänge in Copan und anderwärts. Dem entspricht es, wenn der Tempel mit einem Schlangenrachenthor dem Beschauer entgegengähnt, wenn die ganze Vorderseite eines Hauses in Palenque ein schreckliches Ungeheuer darstellt, wobei das weite Thor das Maul und die Stäbchen des ausgehauenen Thürsturzes die Zähne sind.

Wenn aus dieser Fülle von Bildern so wenig Bedeutendes hervorragt, daß in Ländern, deren Klima viel mehr als das griechische die Entbehrung der Kleidung erleichterte, die Bildung des nackten menschlichen Körpers fast nie versucht ward, so erklärt sich dies nur aus der religiösen Gebundenheit der Kunst. Fast alles ist bekleidet, das Gesicht ist tättowiert oder mit der gottesdienstlichen Maske bedeckt. In diese für uns unwesentlichen Äußerlichkeiten legte der mexikanische oder peruanische Künstler sein ganzes Können: prachtvoll bildete er die Federkleider, den Bänderschmuck, naturgetreu den Totenkopf oder den Frosch, kindisch roh dagegen und verhältnislos fast jede Menschengestalt. Selten sind die Ausnahmen davon. Wann begegnet man auch nur einer lebendigen Nase, einem sprechenden Mund? Der tiefe Unterschied zwischen dem höchsten Gipfel der Kunst der Naturvölker und der ägyptischen Kunst, aus der die griechische und alle naturgetreue Nachbildung hervorgegangen ist, liegt darin, daß jene nicht die menschliche Gestalt als solche zu bilden strebte, sondern in Hüllen und Symbolen erstickte. Bei der Betrachtung ihrer steifen, schematischen Gestalten hat man den Eindruck, daß die Ägypter auf dem Wege seien, große Bildhauer zu werden, in einigen Werken sind sie es fast schon; die Mexikaner, Peruaner, Inder waren auf einem ganz anderen Wege, der von diesem Ideal weit abführte. Nur in der Technik verschnörkelter Darstellungen konnten sie Bedeutendes erreichen; aber das führte nur in eine Sackgasse, eine handwerkliche, unkünstlerische.

In dem, was man heute Kunsthandwerk nennt, war die Gebundenheit bei weitem geringer: hier finden wir tadellose Leistungen. Eine rote Thonvase der Peruaner, ein schön geglätteter, vollendet ebenmäßiger Bogen aus Guayana, ein mit Kupfer oder Messing eingelegtes Stahlbeil aus dem Kassailand, ein geschnitzter Löffel in Gestalt einer Giraffe von den Kaffern, eine Keule oder ein Federhelm der Ozeanier sind in sich vollendete Schöpfungen. Es gibt Dinge, die die höchste Kunst des Abendlandes nicht besser machen könnte. Im Flechten leistet sowohl technisch als künstlerisch die Industrie der Naturvölker besseres als die der Kulturvölker. Unterstützt von der nahe verwandten Stickerei, beherrscht das Aufnähen in den Arbeiten in Leder und Baumwollenstoffen die Ornamentierung in Nord- und Westafrika, teilweise auch in Nordamerika, wobei die Farbenskala häufig nicht groß, aber der Farbensinn wohl ausgebildet ist. Westafrikaner, besonders Haussa, zeigen in der Wahl der Farben ihrer Kleidung mehr Geschmack als viele Europäer; buntbedruckte Kattune, die Erzeugnisse einer kunstverlassenen Maschinenindustrie, lehnen sie überlegen ab. Gerade in der Farbe liegt nicht selten das Merkmal einer geographischen Provinz. Das harte Rot, Weiß und Schwarz ist für Neupommern und Umgebung bezeichnend. Eins der farbenreichsten Gebiete ist der Nordwesten Nordamerikas: um so auffallender der Kontrast beim Übergang aus dem Gebiete Alaskas zu den Magemut und Kuskwogmut, deren flache, runde Masken mit Federkranz alle weiß, grau und trübbraun von Farbe sind.

Stilrichtungen gibt es mancherlei, und noch verschiedener sind die Höhenstufen der Entwickelung. An Eigentümlichkeit, Feinheit und Reichtum erreicht nichts die Werke einiger Völker des Stillen Ozeans, besonders der Nordwestamerikaner und ihrer hyperboreischen Nachbarn, und einiger Gruppen der Ozeanier, besonders der Maori, zu schweigen von den höherstehenden Peruanern. Man erstaunt über den Reichtum der Polynesier trotz des beschränkten Materials der Muscheln, Kokosschalen, der wenigen Hölzer und Steine; in diesen mühsamen Zusammenstellungen kleiner Dinge steckt viel mehr Arbeit als in den meisten afrikanischen Sachen, die mehr Talent als Fleiß verraten. Die von Asien her mit Eisen und anderen Dingen ausgestatteten Afrikaner und Malayen leisten im Verhältnis weniger als die isolierten Eskimo. Mit seinem Reichtum gelungenster Naturnachbildungen steht Japan nicht so isoliert da, wenn wir die Menge und Sorgfalt der Menschen- und Tierbilder bei den Stämmen des Stillen Ozeans betrachten. Während durch ganz Afrika der maurisch-arabische Stil, durch Malayenland der indische anklingt, verbindet alle Anwohner des nördlichen Stillen Ozeans bis zu den Eskimo dieselbe Stilrichtung mit Japan. Australien und Südamerika (ohne Peru) sind ärmere, aber eigentümliche Gebiete für sich. Auch die Materialien sind ungleich verteilt und benutzt. Der Afrikaner arbeitet in Eisen, Elfenbein und Leder oder Haut, der Australier in Holz und Stein, der Hyperboreer in Walroßzahn, der Ozeanier leistet das Höchste in der Bearbeitung des Steines und der Muscheln, einige amerikanische Stämme übertreffen alle anderen in der Formung des Thones. In seiner Rückwirkung aber auf die Kunst wird das Material oft überschätzt: es ist für die Höhe der Entwickelung der Künste und Handwerke bei den Naturvölkern von nur geringer Bedeutung. Im sprödesten Stein, wie Obsidian, hat die geduldige Hand des Altmexikaners die kunstreichsten Werke geschaffen. Australien mit seinem Holzreichtum leistet in Arbeiten darin weniger als eine kleine Insel, die außer Kokos kein Holz besitzt. Das Material gibt der Technik oft die Richtung an, bestimmt sie aber nicht. Es erteilt gleichsam mehr die Färbung in leichten Nüancen; im Kern sitzt doch immer Geist und Wille des Menschen. Die Afrikaner leisten in Eisen, zum Teil in Verbindung mit Kupfer und Messing, Hervorragendes; mit naivem Scharfsinn und Schönheitsgefühl nutzen sie die Eigentümlichkeiten des Materials aus. Aber keine ihrer Leistungen erhebt sich an Vollendung über einen schön geglätteten, durchbohrten Steinhammer. Allem, was sie erzeugen, fehlt die feine Schönheit der letzten Vollendung, besonders aber das Maß.

Die Spiele der Völker sind ein wertvolles Zeugnis für ihre Lebensweise und Lebensauffassung; manche gewinnen noch dadurch besonderes Interesse, daß sie sich unter kaum merklichen Abänderungen über sehr weite Gebiete hin ausgebreitet haben. Wer die Mannigfaltigkeit der Spiele kennt, woran sich bei einfachen Völkern Kinder wie Erwachsene mit immer neuer Lust beteiligen, und die Einfachheit vieler davon in Betracht zieht, wird die Bemerkung machen, daß im Leben dieser Völker etwas vorhanden sei, was an den Kindheitszustand erinnert: Sorglosigkeit, Vertändeln der Zeit, Geringfügigkeit des Anspruchs an das Leben. Auf dem kleinen Gebiete der Salomonen und nördlichen Neuen Hebriden (Banks-Inseln mit eingeschlossen) findet man Verstecken, Haschen, Fußball, Stockball, Zählspiele ähnlich der Morra, Reifenspiele, Übungen im Speerwerfen und Pfeilschießen. Drachen läßt man dort steigen, wenn die Felder abgeerntet sind, und an die Yamsernte schließt sich das von Dorf gegen Dorf mit Leidenschaft gespielte Tika. In Mondnächten lassen sich durch einen Schild gedeckte Glieder des Dorfes im Kreise der Plaudernden erraten.

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