Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Ratzel >

Grundzüge der Völkerkunde

Friedrich Ratzel: Grundzüge der Völkerkunde - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFriedrich Ratzel
titleGrundzüge der Völkerkunde
publisherBibliographisches Institut
printrun2. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170227
projectidf164b71f
Schließen

Navigation:

2. Die Stellung der Naturvölker in der Menschheit.

Zuerst ein Wort von dem Namen, den wir auf diesen Seiten so häufig auszusprechen haben werden: Naturvölker. Das sind Völker, die mehr unter dem Zwange der Natur oder in der Abhängigkeit von der Natur stehen als die Kulturvölker. Es ist ein Unterschied der Lebensweise, der geistigen Anlage, der geschichtlichen Stellung, der sich in diesem Namen ausspricht; insofern dieser Name also nichts in diesen Richtungen vorbezeichnet und vorurteilt, finden wir ihn gerade für uns doppelt passend. Wir sagen Naturvölker, nicht weil sie in den denkbar innigsten Beziehungen zur Natur, wohl aber weil sie unter dem Naturzwange leben. Der Unterschied zwischen Natur- und Kulturvolk ist nicht in dem Grade, sondern in der Art des Zusammenhanges mit der Natur zu suchen. Die Kultur ist Naturfreiheit nicht im Sinne der völligen Loslösung, sondern in dem der vielfältigeren, breiteren und weiteren Verbindung. Der Bauer, der sein Korn in die Scheune sammelt, ist vom Boden seines Ackers endgültig ebenso abhängig wie der Indianer, der im Sumpfe seinen Wasserreis erntet, den er nicht gesäet hat; aber jenem wird diese Abhängigkeit minder schwer, weil sie durch den Vorrat, den er weise genug war zu sammeln, eine lange Fessel ist, die nicht so leicht drückend wird, während diesen jeder Sturmwind, der die Ähren ins Wasser schüttelt, an den Lebensnerv rührt. Wir werden nicht von der Natur im ganzen freier, indem wir sie eingehender ausbeuten und studieren, wir machen uns nur von einzelnen Zufällen ihres Wesens oder ihres Ganges unabhängiger, indem wir die Verbindungen vervielfältigen. Gerade wegen unserer Kultur hängen wir heutigestages am innigsten von allen Geschlechtern, die je gewesen, mit ihr zusammen.

Wenn die Gegenüberstellung von Naturvölkern und Kulturvölkern eine weite Kluft zwischen beiden zu öffnen scheint, so werden wir uns hierbei nicht beruhigen, sondern vor allem anderen die Frage aufwerfen: Welches ist die Stellung, die den Naturvölkern in der ganzen Menschheit zukommt?

Lassen die angeborenen körperlichen Unterschiede einen untrüglichen Schluß auf Art und Größe der innerhalb der Menschheit zu beobachtenden allgemeinen Verschiedenheiten zu? Von unserem ethnographischen Standpunkt aus, der uns die großen, folgenreichen Kulturunterschiede der Menschheit am deutlichsten erkennen läßt, kommen wir hier zuerst zu dem Wunsche, daß man den Begriff Kulturrasse mit Rücksicht auf die Menschheit eingehender prüfe, als es bis jetzt geschehen ist. Man würde, das läßt sich voraussagen, finden, daß zunächst im Körperbau der Kulturvölker Eigenschaften auftreten, die durch die Kultur hervorgerufen sind, ebenso wie anderseits der Körper der Naturvölker in gewissen Zügen deutlichst die Wirkungen einer Lebensweise aufweist, die durch den Mangel an fast allem bezeichnet wird, was wir gewohnt sind, Kultur zu nennen. Gustav Fritsch, ein Anatom, der die Naturvölker mitten in ihrer Natur studiert hat, stellt den Satz auf, daß die harmonische Entwickelung des menschlichen Körpers nur unter dem Einfluß der Kultur möglich sei; und man gewinnt aus seinen Schilderungen der Hottentotten, Buschmänner und selbst der Kaffern die Überzeugung, daß gut entwickelte, plastisch schöne Körper bei ihnen seltener sind als bei uns angeblich abgelebten Kulturmenschen. Er spricht es an einer Stelle deutlich aus, »daß der gesunde, normal entwickelte Germane, sowohl was die Proportionen als die Kraft und Fülle der Formen anlangt, in der That den durchschnittlichen Bau des zu den A-Bantu gehörigen Mannes übertrifft«. Diese Bantu aber, darf man hinzusetzen, sind in dem Zweige der Kaffern, von dem hier speziell die Rede ist, einer der kräftigsten und gestähltesten Völkerstämme von Afrika. Wir haben in neuerer Zeit ähnliche Urteile öfters vernommen, und heute dürfte jener Ausspruch eines amerikanischen Ethnographen: das beste Modell des Apollo von Belvedere sei der Indianer, selbst nicht als Redeblume ohne Widerspruch passieren. Man ist tiefer eingedrungen und hat auch in dem Knochenbau Unterschiede nachgewiesen, die hier auf Einflüsse der Kultur, dort auf Einflüsse des unzivilisierten Lebens zurückführen. Virchow hat Lappländer und Buschmänner geradezu als pathologische, d. h. verelendete, durch Hunger und Not heruntergekommene Rassen bezeichnet. Aber das für die Bestimmung des Wertes der Rassenunterschiede wichtigste Experiment, wofür die Wissenschaft viel zu klein und nur die Weltgeschichte selber mächtig genug ist, das ist erst im Werden. Die Einführung der sogenannten niederen Rassen in die Kulturkreise der höheren und die Niederwerfung der Schranken, die einst dieser Einführung entgegengetürmt wurden, ist nicht bloß eine glänzende That der Menschlichkeit, sondern gleichzeitig auch ein Geschehnis vom tiefsten wissenschaftlichen Interesse. Zum erstenmal werden Millionen der für am niedrigsten gehaltenen Rasse, der schwarzen, alle Vorteile, alle Rechte und alle Pflichten der höchsten Kultur zugänglich gemacht; nichts hindert sie, alle Mittel der Bildung zu gebrauchen, die (hier liegt das anthropologisch Interessante dieses Vorganges) notwendig eine Umbildung sein wird. Wenn wir heute auch nur mit annähernder Sicherheit sagen könnten, was in einer Reihe von Menschenaltern aus diesen 12 Millionen Negersklaven geworden sein wird, die in den letzten 20 Jahren in Amerika befreit worden sind und sich im Genuß der Freiheit und der modernsten Kulturerrungenschaften zu 100 Millionen vervielfältigt haben werden, so würde diese schwierige Frage nach den Kulturwirkungen in den Rassenunterschieden sicher zu beantworten sein. So aber müssen wir uns mit Andeutungen und Vermutungen begnügen.

Man darf die Meinung aussprechen, daß die rassenvergleichenden Studien der letzten Jahre das Gewicht der herkömmlich angenommenen anthropologischen Rassenunterschiede vermindern, und daß sie jedenfalls der Auffassung keine Nahrung geben, die in den sogenannten niederen Rassen der Menschheit einen Übergang vom Tier zum Menschen erblickt. Die allgemeine Tierähnlichkeit des Menschen in körperlicher Beziehung soll damit nicht bestritten werden, wohl aber die Annahme, daß einzelne Teile der Menschheit so viel tierähnlicher seien als andere. Auf Züge, die tierisch zu nennen sind, stößt man beim Studium der Völker aller Rassen: dies läßt sich nicht anders erwarten. Da der Mensch in seinem Körperbau eine so entschiedene Affenähnlichkeit bewahrt hat, daß auch neuere Systematiker bloß hierauf Gewicht legten und auf die alte Linnésche Zusammenstellung der Gattung Homo mit den Affen in einer Ordnung der Primates zurückkommen konnten, ohne unlogisch gescholten zu werden, genügt eine Reduktion des Geistigen in der Menschennatur, um in manchen Richtungen die Tierischkeit der stofflichen Grundlage geradezu grell hervortreten zu lassen. Wir alle sind leider mit der Auffassung vertraut, daß im Menschen eine Bestie verborgen sei, und das »tierische« Behagen, die Vertierung und andere nur zu geläufige Sprachformen beweisen, wie häufig sich unsere Phantasie zu entsprechenden Vergleichen aufgefordert findet. Wenn eine hungrige Familie australischer Eingeborener den Geiern ein Aas abjagt, das nach allem Rechte der Natur diesen längst zugehörte, um sich wie eine Herde neidischer, gieriger Schakale auf die Beute zu werfen und nicht eher vom Fressen abzulassen, bis sie der übervolle Magen zum Schlafe zwingt, so zeugt dies für eine Vertierung der Lebensweise, die alle Seelenregungen unterdrückt. Es wundert uns auch nicht, wenn Afrikareisende einen aufgestörten Buschmannschwarm, der in jedem Fremden, sei er weiß oder schwarz, einen Feind sieht, mit nichts anderem als einer Herde von fliehenden Schimpansen oder Orangs vergleichen. Man sollte aber nicht immer auf diese armen Naturvölker losschlagen, denen im ganzen von Natur keine größere Neigung zur Tierähnlichkeit innewohnt als uns. Es gibt moralisch gesunkene Europäer, die unter den Australiern stehen. Diese traurige Fähigkeit, tierähnlich sein oder werden zu können, ist leider allen Menschen vorbehalten, den einen etwas mehr, den anderen etwas weniger. Es hängt hauptsächlich vom anerzogenen, oft der Kultur entsprechenden Grade der Verstellungsfähigkeit ab, ob sie sich mehr oder minder häufig und deutlich äußert. Die Kultur aber ist es allein, die eine Grenze zwischen uns und den Naturvölkern zu ziehen im stande ist. Man muß es mit der größten Entschiedenheit betonen, daß der Begriff Naturvölker nichts Anthropologisches, nichts Anatomisch-Physiologisches in sich hat, sondern ein rein ethnographischer, ein Kulturbegriff ist. Naturvölker sind kulturarme Völker. Es können Völker von jeder Rasse, von jedem Grade natürlicher Ausstattung entweder noch nicht zur Kultur fortgeschritten oder in der Kultur zurückgegangen sein. Die alten Deutschen und Gallier traten der römischen Kultur verhältnismäßig nicht minder kulturarm gegenüber als uns die Kaffern oder Polynesier, und manches, was sich heute zum Kulturvolk der Russen zählt, war zur Zeit Peters des Großen noch reines Naturvolk.

In der That ist die Kluft des Kulturunterschiedes zweier Gruppen der Menschheit nach Breite und Tiefe vollständig unabhängig von der Größe des Unterschiedes ihrer Begabung. Man erwäge, daß in dem, was die Höhe der Kulturstufe ausmacht, in dem gesamten Kulturbesitz eines Volkes, eine Fülle von Zufälligkeiten wirksam ist, die uns höchst behutsam machen sollten, daraus sogleich Schlüsse auf die körperliche, geistige und seelische Ausstattung des Volkes zu ziehen. Hochbegabte Völker können kulturlich arm ausgestattet sein und dadurch den Eindruck einer allgemein niederen Stellung innerhalb der Menschheit machen. Chinesen und Mongolen gehören derselben Rasse an, und doch, welcher Unterschied der Kultur! Noch größer ist dieser, wenn wir an die Stelle der Mongolen irgend einen der barbarischen Stämme setzen, die sich in den Grenzprovinzen Chinas wie Inseln aus der höher zivilisierten Menschenflut abheben, die sie ringsum umgibt und bald überflutet haben wird. Nach neueren Forschungen möchte es scheinen, daß manche von den Aino, den Urbewohnern der nördlichen japanischen Inseln, der kaukasischen Rasse näher stünden als der mongolischen. Und doch sind sie ein Naturvolk, sogar in den Augen der mongolisch-malayischen Japaner. Die Rasse hat mit dem Kulturbesitz an sich nichts zu thun. Es wäre zwar thöricht, zu leugnen, daß in unserer Zeit die höchste Kultur von der sogen. kaukasischen oder weißen Rasse getragen wird; aber anderseits ist es eine ebenso wichtige Thatsache, daß seit Jahrtausenden in aller Kulturbewegung die Tendenz vorherrscht, alle Rassen heranzuziehen zu ihren Lasten und Pflichten und dadurch Ernst zu machen mit dem großen Begriff »Menschheit«, dessen Besitz zwar als eine auszeichnende Eigenschaft der modernen Welt von allen gerühmt, an dessen Verwirklichbarkeit aber von vielen noch nicht geglaubt wird. Blicken wir aber nur über den Rahmen der kurzen und engen Begebenheiten hinaus, die man anmaßend die Weltgeschichte nennt, so werden als Träger der jenseits liegenden Ur- und Vorgeschichte Glieder aller Rassen anzuerkennen sein.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.