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Grundzüge der Völkerkunde

Friedrich Ratzel: Grundzüge der Völkerkunde - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFriedrich Ratzel
titleGrundzüge der Völkerkunde
publisherBibliographisches Institut
printrun2. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170227
projectidf164b71f
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9. Kleidung und Schmuck.

Man spricht davon, daß es Völker gebe, denen die Bekleidung unbekannt sei; allein die wenigen gut beglaubigten Fälle dieser Art sind Ausnahmen, die eben durch ihr Entstehen unter bestimmten Bedingungen die Regel nur bestätigen. Freilich ist eine Verständigung über das, was wir als Kleidung zu bezeichnen haben, das erste Erfordernis, wenn wir die Grundlagen des ganzen Brauches entdecken wollen. Den Schmuck ohne weiteres als Kleidung zu bezeichnen, ist nicht wohl möglich; die Schutzmittel gegen die Kälte fallen bei den Stämmen tropischer Gebiete völlig weg, und es bleibt von der Überfülle unserer nordischen Tracht nichts übrig als eine kärgliche Schamhülle. Der Gedanke, daß die Verhüllung der Geschlechtsteile einfach ihren Schutz bezweckt, ist kaum ernstlich zu diskutieren; zum Schutze würde man noch eher Füße und Unterschenkel verhüllen. Weit entscheidender ist die Beobachtung, daß die Kleidung in unverkennbarer Parallele zum Geschlechtsleben steht, und vor allem, daß nicht der Mann, der als Jäger den Busch durchstreift, am ersten und am vollständigsten verhüllt ist, sondern das verheiratete Weib. Damit ist die tiefste Ursache der Verhüllung gegeben: sie mußte entstehen, als sich aus dem regellosen Verkehr der Horde die Familie entwickelte, als der Mann begann, auf einzelne, bestimmte Weiber Anspruch zu erheben. Als weiterer Schritt in dieser Richtung ist die Verhüllung des Busens zu bezeichnen. Aus dieser Wurzel, aus der geschlechtlichen Sonderung, erwuchs das Schamgefühl; dies wiederum entwickelte sich kräftig und mit ihm die Bekleidung. Es war ein großer Schritt; denn je enger und ärmlicher das Leben eines Stammes ist, desto weniger ist Anlaß zu schroffer geschlechtlicher Sonderung und zur Eifersucht gegeben, desto leichter verzichtet man auf die lästige Hülle, die nur in kümmerlichen Resten zurückbleibt. So sind es immer die kleinsten, verkommensten, weltentlegensten Stämme, bei denen überhaupt von gewohnheitsmäßiger Kleidung nicht mehr die Rede ist; es sind einige Völkchen der Australier, die ausgestorbenen Tasmanier, einige Waldstämme Brasiliens, auch die eine oder die andere Negerhorde. An »Überlebseln« der Kleidung fehlt es auch bei ihnen nicht. Mit der vollständigeren Bekleidung hatte das Weib an Reiz, Wert und sozialer Stellung unendlich gewonnen, und es hat alle Ursache, seinen Kleiderschatz hochzuhalten.

Ganz anders zeigt sich jener Bestandteil der Tracht, der unmittelbar den Körper schützt. Allenthalben sehen wir da eine Schulterbedeckung in Form eines Mäntelchens auftreten, die bei tropischen Stämmen zunächst den Regen abhalten, in kälteren Klimaten wärmen und zugleich als Schlafdecke dienen soll. Diese mantelartigen Kleidungsstücke sind weit weniger verbreitet als die Schamhülle; auch dies beweist, daß letztere das ursprünglichere Kleidungsstück der Menschen ist.

Sicher wirkt bei der Entwickelung des Schamgefühls ein anderer Umstand mit, auf den Karl von den Steinen hinweist. Wie das Raubtier seine Beute in den Busch schleppt, um nicht gestört zu werden, so gilt es bei einigen Stämmen für höchst unschicklich, einem Essenden zuzuschauen; ähnlich mag es sich denn auch mit dem geschlechtlichen Verkehr verhalten. Allein dieser Umstand kann nur unterstützend wirken, die Entstehung einer Hülle dagegen nicht erklären. Endlich ist der Aberglaube nicht zu vergessen, der auch für diese Teile des Körpers von einem bösen Blick fürchten mag, den man aber mit Unrecht als den Kern aller Schamhaftigkeit auffassen wollte. In ihrer weiteren Entwickelung bedingen und ergänzen sich dann diese Dinge wechselseitig, übrigens steht die Vollständigkeit der Kleidung in keinem Verhältnis zur Höhe der Kulturstufe. Die mit peinlicher Sorgfalt in ihr Rindenzeug sich hüllende Waganda- oder Wanyoro-Frau steht im allgemeinen nicht höher als die Njam-Njam-Negerin, die ihre Blöße kümmerlich mit einem Pflanzenblatt bedeckt. Und jene, die die Entblößung in der Öffentlichkeit als todeswürdiges Verbrechen auffassen, stehen keineswegs höher als die Dualla, die bei der Arbeit am Meere alle Hüllen abwerfen. Endlich finden wir nirgends in dieser Beziehung starke nationale Unterschiede. Indem wir dies alles erwägen, dürfen wir sagen: das Schamgefühl ist allgemein in der heutigen Menschheit; wo es aber zu fehlen scheint, ist sein Mangel ein zufälliger oder vorübergehender Zustand.

Aber dieses Gefühl ist nicht das einzige, das der einfache Mensch zu befriedigen strebt, wenn er seinen Körper kleidet. Neben ihm steht die Befriedigung der Gefallsucht. Jenes wird als Gebot der Sitte rasch abgemacht, die andere mit Aufwand zu erreichen gesucht; von vielen Völkern kann man ohne Übertreibung sagen, daß der größte Teil ihrer Gedanken und ihrer Arbeit auf die Verzierung des Körpers ausgeht. Diese Völker sind in ihren Kreisen größere Modenarren als die in der Kultur höchststehenden. Die Kaufleute, die mit diesen einfachen Menschen Handel treiben, wissen, wie rasch die Moden bei ihnen wechseln, sobald eine reichliche Zufuhr verschiedenartiger Stoffe und Schmucksachen stattfindet. Welche Lasten legen sich die Naturmenschen auf, welche Schmerzen ertragen sie, um das Höchste an Schmuck zu leisten!

Offenbar würde es also ungerecht sein, wenn man die Mangelhaftigkeit oder das Fehlen der Kleidung ohne Rücksicht auf die übrigen Attribute beurteilen wollte, die die Naturvölker ihrem Körper beilegen. Faßt man sie alle zusammen, so gewinnt man auch hier den Eindruck der Herrschaft des Spieltriebes. Das Notwendige tritt hinter dem Luxus zurück. Der ärmste Buschmann macht sich ein Armband aus einem Streifen Fell, das er nie vergißt anzuziehen; es kann aber wohl vorkommen, daß er sein Schurzfell in einem schamlos durchlöcherten Zustande anzieht. Im Vergleich zu dem wenigen, was er besitzt, treibt der kulturarme Mensch viel mehr Luxus als der kulturreiche. So sehr tritt der Schmuck in den Vordergrund, daß es einige Völkerforscher als unmöglich bezeichneten, zwischen Bekleidung und Schmuck eine Grenzlinie zu ziehen.

Die Schamhaftigkeit nimmt vor allem beim Weibe etwas von Koketterie in sich auf, wofür wir angesichts der dekolletierten Ballkleider nicht weit nach Beispielen zu suchen brauchen. Unmerklich verliert dadurch selbst die Schamhülle den Charakter des Notwendigen und nähert sich durch Zerfransung, Behängung mit klingenden und klirrenden Schellen, Ketten etc. dem Schmuck.

Die Art und Vollständigkeit der Kleidung hängt natürlich in großem Maße von dem ab, was Natur oder eigene Arbeit an Stoffen dazu bietet. Nicht alle Länder der Erde sind in dieser Hinsicht so wohlthätig ausgestattet wie das tropische Brasilien, wo der »Hemdenbaum«, eine Lecythis-Art, mit seiner schmiegsamen und leicht abzuziehenden Rinde wächst. Die Indianer teilen den Stamm in 4-5 Fuß lange Stücke, ziehen die Rinde ganz ab, weichen sie ein und klopfen sie weich, schneiden zwei Löcher für die Arme ein, und das Hemd ist fertig. Dieselben Wälder bieten in einer Palme eine bequeme Mütze, wozu die Blattscheide einfach, wie sie ist, ohne jede weitere Präparation Verwendung findet. Das paradiesische Feigenblatt findet sich in tausenderlei Variationen wieder und feiert seine Auferstehung in vervielfältigter Erscheinung sogar in dem weitverbreiteten Schilfmantel.

Die Verwendung der Rinde als Kleidungsstoff ist oder war von Polynesien bis zur Westküste Afrikas verbreitet und findet sich selbst in Amerika wieder, also in allen Ländern der Tropenzone; übrigens kommt Lindenbast als Kleiderstoff in älterer Zeit auch bei germanischen Stämmen vor. Manus Gesetz schreibt dem Brahmanen, der das Ende seines Lebens in religiöser Betrachtung inmitten des Urwaldes erwarten will, ein Kleid aus Rinde oder Fell vor. In Polynesien aber wurde die Herstellung eines Stoffes aus der Rinde des Papiermaulbeerbaumes zur höchsten Vollendung gebracht. Völker, die sich dieser Stoffe nicht mehr bedienen, suchen sie bei besonderen Gelegenheiten hervor. So werfen die Kayan von Borneo ihre Baumwollsarongs ab, wenn sie trauern, um sich in das Rindenkleid zu hüllen, und an der westafrikanischen Küste werden bei Festlichkeiten, die mit dem Fetischdienst zusammenhängen, statt der Kleider nur Felle getragen. Es liegt darin das richtige Gefühl, daß diesen selbsterfundenen, unmittelbar der Natur entlehnten Gewändern ein höherer Wert innewohne als dem Abfall europäischen Trödelkrams, durch dessen Eindringen Willkür und Erniedrigung in die Kleidung gekommen ist.

Wie wenig die große Lehrmeisterin Not den Naturvölkern jenen Ernst einprägen kann, der unter dem Gebot härterer Umstände möglichst zweckmäßig handelt, zeigt der Vergleich der in rauhem Klima Lebenden mit den Bewohnern milderer Himmelsstriche. Die Südaustralier und Tasmanier waren kaum mehr bekleidet als die Papua. Die Ärmlichkeit der Kleidung bei dem Tierreichtum des Landes ist nur auf Trägheit zurückzuführen. Die äußerlich bestausgestatteten Feuerländer, die der Ostküste, tragen Guanakomäntel gleich den Patagoniern, und die der Westküste haben wenigstens Robbenfelle; aber bei den Stämmen in der Nachbarschaft der Wollaston-Insel bildet ein oft kaum taschentuchgroßes Stück Otterfell den einzigen Schutz gegen das rauhe Klima: quer über der Brust durch Schnüre festgehalten, wird es, je nachdem der Wind bläst, von einer Seite auf die andere geschoben. Aber viele entbehren selbst dieses minimalen Schutzes. Nur die Hyperboreer sind, findig und sinnreich wie immer, auch hierin den Forderungen ihrer Umgebungen, ihres Klimas besser nachgekommen, und ihre Pelz- und Vogelbalgkleider gehören jedenfalls zu den sinnreichsten und zweckmäßigsten Erfindungen auf diesem Gebiet. Sie sind überhaupt die einzigen Naturvölker der gemäßigten oder kalten Zone mit vollständig zweckmäßiger Kleidung. Ihre Ausläufer im nördlichen Stillen Ozean (Bewohner von König Wilhelms-Sund und andere) erkennt man daher sofort neben den indianischen Nachbarn an ihrer Kleidung. Die Kleidung der Eskimo, die den Körper ganz einhüllt, schränkt selbstverständlich auch den Gebrauch der Ornamente ein, so daß wir Arm- oder Beinringe niemals, Halsketten aus Tierzähnen oder europäischen Perlen selten finden, wogegen manschettenknopfartige Knöpfe aus Stein oder Knochen in den Lippen oder Ohren nicht selten sind. Aber die Tättowierung ihres Körpers deutet sicherlich auf einstiges Verweilen in wärmerem Klima.

Fußbekleidung ist auf Märschen allgemein; sie wird meistens aus Fellen, seltener aus Holz oder Bast hergestellt. Merkwürdigerweise geht eine wesentlich übereinstimmende Befestigungsweise der Sandalen durch die ganze Welt.

Bei den Naturvölkern ist niemand ungeschmückt. Wie viele Menschen wären dagegen unter Armen und Reichen der zivilisierten Völker zu finden, die sowohl am Körper als in ihrer Kleidung jeden Schmuck vermeiden! Aber die Allverbreitung des Schmuckes wird durch seine Nebenzwecke erleichtert. Zuerst nehmen die fast nie fehlenden Amulette die Gestalt von Schmucksachen an. Die Amulette werden als eine Schutzwaffe angesehen, aber sie sind mehr Schmuck als Waffe. Der Fächer dient nicht bloß zum Tändeln und ist auch nicht nur Luftfächler, sondern er ist auch ein unentbehrliches Werkzeug beim Entzünden und Erhalten des Kohlenfeuers. Die massenhaften eisernen Armringe, womit sich die Neger bedecken, sind zum Parieren und Schlagen geeignet. Die Irenga im oberen Nilgebiete tragen Armringe von Messerschärfe, die im Frieden mit Lederscheiden umgeben werden, im Kampf als Schlagringe dienen. Ähnlich sind die mit einem Paar Stacheln versehenen Armringe der Djur in derselben Region. Der verzierte Dolch am Oberarm oder um den Hals ist halb und halb Schmuck. Zu den eigentlichen Zierwaffen aber rechnen wir die schön geschnitzten Keulen der Melanesier und Neger, die Kommandostäbe, die verzierten Ruder. Schmuck gehört zu jedem wilden Krieger so gut wie die Waffe. Hat doch diese Verbindung eine so tiefe psychologische Begründung in der Erregung des Selbstgefühles und Mutes durch äußeren Glanz, daß sie sich bis in die Spitzen unserer militärischen Zivilisation erstreckt.

Auch Schmuck und Auszeichnung gehen Hand in Hand. Nicht immer braucht es hierzu äußeren Glanzes oder großer Kostbarkeit. In Ost- und Innerafrika tragen die Häuptlinge Arm- und Beinringe aus den Schwanzhaaren der Giraffe, in Westafrika Mützen aus dem Fell einer bestimmten Antilope, in Tonga sind die Halsbänder aus Pottwalzähnen zugleich Schmuck, Auszeichnung und Geld, vielleicht sogar Amulett. Daß Schmuck und Geld leicht zusammenfallen, ist auf niederen Stufen der Zivilisation, wo auch große Kapitalisten ihren Besitz noch am Körper tragen können, selbstverständlich. Es gibt keinen sicherern Platz und keinen, wo das Auszeichnende des Besitzes so unmittelbar zur Wirkung kommt, als der eigene Körper des Besitzers. Zum Gelde eignet sich Wertvolles und doch nicht Notwendiges, und dies ist der Schmuck. Daher die weite Verbreitung von Wertzeichen, die gleichzeitig als Schmuck dienen können: Kauri-, Dentalium- und andere Muscheln, Pottwalzähne, Eisen- und Kupferringe, durchbohrte Münzen. Silber- und Goldwährung sind diesem Boden entwachsen, aber den Wert des Goldes haben vor den Kulturvölkern der Alten Welt nur die Altamerikaner geschätzt. Die großen Goldschätze Australiens, Kaliforniens und Afrikas haben erst die Europäer entdeckt. Noch heute spielt in den Gebieten von Famaka und Fadasi, wo fast jeder Chor Gold führt, das gelbe Metall keine Rolle im einheimischen Schmuck oder Handel.

Und endlich erwägen wir, wie beredt für einen Naturmenschen die stumme Sprache der körperlichen Verstümmelungen und Verunstaltungen ist, von denen Th. Gautier sagt: »Weil sie ihre Kleider nicht sticken können, besticken sie ihre Haut.« Tättowierung ist Stammes- und Familienzeichen, bezeichnet oft die siegreichen Feldzüge und spricht den Eintritt in das mannbare Alter aus; ähnlich die verschiedenen Zahnverstümmelungen und künstlichen Narben. Die strahlenförmigen oder parallelen Narbenlinien auf Stirn oder Wangen, die von den Australiern ohne anderen anscheinenden Zweck als den der Verzierung angebracht werden, bezeichnen bei den Schilluk, Tibbu und anderen Afrikanern den Verlust naher Angehörigen. Wenn man auch im Abschneiden eines Fingers, in der Beschneidung oder in der Exzision einer Hode keinen Versuch sehen wird, den Körper zu verschönern, so sind doch in allen diesen Dingen Schmuck, Auszeichnung und Erfüllung religiöser oder sozialer Gebote nicht streng auseinander zu halten. Ohne Frage gehören manche der Verzierungen, die am Körper vorgenommen werden, zu den Äußerungen des primitiven Kunsttriebes, worauf am meisten Sorgfalt verwendet wird, und so sind denn in der That die in jahrelanger Arbeit, unter vielen Mühen und Schmerzen ausgeführten Tätowierungen der Neuseeländer zu den hervorragendsten Leistungen des Kunstsinnes und der Kunstfertigkeit dieses Volkes zu rechnen. Die Indianer zeichnen sich darin weniger aus; und unter den Negern widmen nur einige diesem Kunstzweig so große Aufmerksamkeit wie ihren Frisuren, worin sie freilich nur darum alle Völker übertreffen, weil sie die steife Beschaffenheit ihrer Perücke in diesem Bemühen wesentlich unterstützt.

Wie in aller primitiven Industrie, tritt uns auch hier die endlose Variation eines begrenzten Motivs als die charakteristischste Erscheinung entgegen. So werfen sich gewisse Völker auf Bemalung, andere auf Tättowierung, wieder andere auf Frisur. Sitten, die sich auf dieselbe Körpergegend beziehen, mögen oft in einer verwandtschaftlichen Beziehung stehen. So schlagen sich die Batoka die oberen Vorderzähne aus, wodurch die unteren hervorwachsen und die Unterlippe vordrängen. Ihre östlichen Nachbarn, die Manganja, tragen einen Pflock in der Ober-, oft auch in der Unterlippe und erreichen damit eine ähnliche Entstellung. Diese üppigen Entwickelungen des Schmucktriebes zeigen den angeborenen Kunstsinn der Völker in oft erstaunlicher Entfaltung, und es ist nicht ohne Interesse, ihn von den rohesten Anfängen an zu verfolgen. Die Schmucksachen der meisten »Wilden« sind bestimmt, sich von einer dunkeln Haut abzuheben. Weiße Schalen, Zähne und dergleichen machen auf solchem Grunde einen ganz anderen Effekt als in unseren blassen Händen oder in trüben Sammlungsschränken. Daher finden wir Bemalung mit Weiß und Rot, Bedeckung des dunkeln Haares mit weißen Kalkmassen und dergleichen weit verbreitet. Den höchsten Gipfel der Bemalungskunst haben aber wohl die Mangbattu erreicht, die in ihren vielmusterigen Körperbemalungen die grellen Farben und die primitiven Striche und Flecke vermeiden. Nur Alte hören auf, sich zu schmücken, lassen die Bemalung verwischen. Die Tättowierung wird nun erst recht wertvoll, da sie unzerstörlich ist.

Bei einem und demselben Volke werden gewöhnlich bestimmte Schmuckmotive mit großer Zähigkeit festgehalten und innerhalb enger Grenzen variiert. Man hat sich aber vor der Versuchung zu hüten, zu viel Bewußtes in diese vielartigen Ornamente hineinzulegen. Gegenüber der Tendenz der vorgeschichtlichen Forschung, bestimmte Motive zur Signatur ganzer Völker zu machen, ist der Spielraum der Willkür in diesen Dingen ganz besonders zu betonen.

Die Männer pflegen auch darin bevorzugt zu sein, daß sie alle Arten Schmuck mehr kultivieren, mehr Zeit darauf verwenden. Bei den niedriger stehenden Gruppen der Wilden folgt der Schmuck dem Gesetz, das bei höheren Tieren fast allgemein ist. Es ist der Mann, der reicher geschmückt ist. Die Zivilisation hat bekanntlich dieses Verhältnis nahezu umgekehrt, und der Grad der Fortgeschrittenheit eines Volkes mag zum Teil an der Höhe der Opfer gemessen werden, die die Männer bereit sind, für den Schmuck ihrer Weiber zu bringen. Die Männer kehren übrigens zur Sitte des eigenen Schmuckes in hochzivilisierten Gemeinschaften besonders als Krieger oder Höflinge wieder zurück.

Eine praktische Konsequenz der Luxusneigungen mitten im Elend ist die Beschränkung des Handels mit den Naturvölkern auf eine geringe Summe von Gegenständen, deren Mannigfaltigkeit fast ganz innerhalb der Grenzen des Schmuck- und Spielzweckes und des sinnlichen Genusses liegt. Einen Handel mit den großen Bedürfnissen der Nahrung und Kleidung gibt es fast nicht. Der Handel tauscht nur Wertsachen, Geschmacksachen, ist vorwiegend Luxus. Sehen wir von den einigermaßen zivilisierten Bewohnern der Küsten und der europäischen Kolonien in Afrika ab, so bleiben hier als wichtige Gegenstände des Handels Perlen, Messingdraht, messingene und eiserne Ringe, Branntwein, Tabak; die zwei einzigen nicht in diese Kategorie gehörigen Gegenstände, die eine erhebliche Bedeutung gewonnen haben, sind Baumwollzeuge und Gewehre.

Endlich mögen auch noch in diesem Abschnitt jene Toilettenwerkzeuge eine Stelle finden, womit alle die Kunststücke verübt werden, auf die der primitive Mensch, hierin dem zivilisierten nicht nachstehend, seine Hoffnung, zu gefallen und zu siegen, gründet. Hören wir, wie Schweinfurth den »Bijouteriekram« einer Bongo-Frau schildert: »Zum Ausraufen der Wimpern und Augenbrauen bedienen sie sich kleiner Pinzetten. Ausschließlich bei den Frauen der Bongo finden sich die eigentümlichen elliptischen Messerchen, ›Tibah‹ genannt, die oben und unten in einen Stiel auslaufen, an beiden Rändern geschärfte Schneiden haben und mit vielmusteriger Strichelung verziert sind. Solcher Messer bedienen sich die Bongo-Frauen bei allen wirtschaftlichen Arbeiten, namentlich dienen sie zum Schälen der Knollen, zum Zerschneiden der Kürbisse, Gurken und dergleichen. Ringe, Schellen, Glöckchen, Klammern und Knöpfe, die in die durchlöcherten Lippen und Ohrränder gesteckt werden, ferner lanzettförmige Haarnadeln, die zum Scheiteln und Abteilen der Flechten notwendig erscheinen, vervollständigen den Bijouteriekram der Bongo-Frauen.« Ein Zängelchen für Dornen in eigenem Behälter an der Dolchscheide gehört fast durch ganz Afrika zur Ausrüstung. Eine Stachelschweinborste oder eine Elfenbeinnadel tragen viele zum Schlichten ins Haar gesteckt. Kämme sind Polynesiern, Hyperboreern und Negern wohlbekannt.

Während dem europäischen Kulturmenschen Reinlichkeit als der beste Schmuck gilt, ist schon der Orientale weit entfernt, die Reinlichkeit hoch zu stellen. Er übt sie, wo sie ihm keine große Mühe verursacht. Sie kann aber nach gewissen Richtungen hin so weit Sitte werden, daß z. B. im Reinhalten der Zähne die Neger höher stehen als der Durchschnitt der Europäer. Der Abscheu vor Exkrementen ist oft wahrhaft abergläubisch und trägt dann dazu bei, die Umgebungen der Hütten reinlich zu erhalten. Mit Erstaunen sah Furneaux Aborte bei den Maori. Was aber die Reinlichkeit in besonders hohem Grade fördert, ist der Mangel oder die Geringfügigkeit der Bekleidung. Im allgemeinen wird man den Schmutz hauptsächlich bei solchen Völkern antreffen, wo das veränderliche Klima oder die Sitte eine konstante Bedeckung des Körpers erfordert. Tägliches Wechseln würde eine rasche Abnutzung verursachen, gewöhnlich trägt man deshalb Dschengis-Chans Vorschriften gemäß die Kleider, bis sie in Fetzen vom Leibe fallen. Mit Peinlichkeit wird wie ein eisernes Gesetz die Enthaltung des Mannes in der Reinigungsperiode des Weibes eingehalten. Die Polygamie muß die Befolgung solcher Gesetze erleichtern. Aber auch sonst herrscht bei Naturvölkern im intimsten Familienleben eine Zurückhaltung, die hochzivilisierte beschämt. Bei Negern, Malayen und Indianern ist die Sitte weit verbreitet, daß Eltern und Kinder nicht in demselben Raume schlafen.

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