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Grotesken

Manfred Kyber: Grotesken - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
titleGrotesken
authorManfred Kyber
firstpub1922
year1922
publisherWalter Seifert Verlag
addressStuttgart / Heilbronn
pages5-7
created20051023
sendergerd.bouillon
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Leichte Störungen

»Sie haben also Störungen, wie Sie meinen?« fragte der Arzt den Patienten.

»Ja, Störungen, leichte Störungen sozusagen,« sagte der Patient.

»Worin bestehen diese?«

»Also, ich schmecke zum Beispiel nicht mehr mit den Ohren, sondern mit den Augen, ich rieche nicht mehr mit der Zunge, sondern mit den Ohren, ich höre nicht mehr mit den Augen, sondern mit der Nase und ich sehe nicht mehr mit der Nase, sondern mit der Zunge. Dabei sehe ich nicht mehr wie früher alles doppelt, sondern vierfach.«

»Ja,« sagte der Arzt, »das scheinen mir denn doch schon mehr als nur leichte Störungen zu sein. Sie sind sozusagen einmal verrückt geworden und auf dieser Grundlage noch einmal umgeschnappt. Das ist ein sehr sonderbares Durcheinander.«

»Das kann ich nicht finden,« sagte der Patient, »es sind doch wohl nur leichte Störungen. Unangenehmer sind einige andere Erscheinungen, die ich bei mir festgestellt habe.«

»Noch unangenehmer?« sagte der Arzt.

»Ja, ich habe in letzter Zeit die Empfindung, daß mir die Handschuhe an meinen acht Füßen zu groß und Stiefel an meinen acht Händen zu klein geworden sind.«

»Hm,« sagte der Arzt, »was haben Sie daraufhin getan?«

»Ich war in 44 Handelsgeschäften und in 88 Stiefelgeschäften.«

»Das heißt also, Sie waren in 11 Handschuhgeschäften und in 22 Stiefelgeschäften,« sagte der Arzt.

»Nein, ich habe schon dividiert, ich bin mir ja ganz klar über meinen Zustand und weiß, daß ich alles vierfach und nicht mehr doppelt sehe. Sonst hätte ich mich anders ausgedrückt und hätte gesagt, daß ich in 88 Handschuhgeschäften und in 176 Stiefelgeschäften war.«

»Hm,« sagte der Arzt, »Sie übersehen eben den ersten Zustand der Verrücktheit oder Sie überhören, überriechen, überfühlen und überschmecken ihn.«

»Nein, diese Annahme muß ich doch ablehnen. Ich sehe sehr scharf mit meiner Zunge, höre vorzüglich mit meiner Nase, rieche aufs feinste mit meinen Ohren und schmecke die geringsten Unterschiede mit meinen Augen heraus. Die Kleinigkeit, alles durch zwei zu dividieren, wird einem ja auch sehr schnell zur Gewohnheit.«

»Sie haben mich eben, glaube ich, nicht ganz verstanden,« sagte der Arzt, »oder entsprechender ausgedrückt, Sie haben nicht vierfach, sondern nur doppelt aufgenommen. Aber welche Resultate erzielten Sie bei Ihren Besuchen in den 44 Handschuhgeschäften und den 88 Stiefelgeschäften? Fanden Sie etwas Passendes?«

»Ich fand nichts Passendes, aber die Leute fanden in mir offenbar etwas Unpassendes, denn sie haben mich in den Handschuhgeschäften 176 mal hinausgeworfen und in den Stiefelgeschäften 352 mal.«

»Haben Sie hier auch schon dividiert?« fragte der Arzt.

»Jawohl, sonst hätte ich 352 und 704 mal sagen müssen. Ich bin mir vollständig klar über meinen Zustand.«

»Ja,« sagte der Arzt, »ich wollte, ich wäre mir auch so klar über Ihren Zustand. Wie steht es dann mit dem Essen. Haben Sie Appetit?«

»Einen ganz außergewöhnlich guten,« sagte der Patient.

»Hier haben Sie also keinerlei leichte Störungen zu verzeichnen?«

»Eigentlich nicht – nur einmal wurde ich sozusagen leicht gestört. Ich hatte Eier gegessen und während meines Nachmittagsschlafes krochen die Hühner in meiner Leber aus.«

»In Ihrem Magen, wollen Sie sagen.«

»Nein, in meiner Leber. Mit dem Magen atme ich.«

»So,« sagte der Arzt. »Und was taten Sie?«

»Ich aß eine Zeitlang Geflügelfutter, aber schließlich wurden mir die Hühner zu groß und ich gab 16 Anzeigen in 32 Zeitungen aus, in denen ich zwei Iltisse suchte.«

»Bekamen Sie den Iltis?«

»Zwei Iltisse waren es, ich habe schon dividiert, sonst hätte ich vier gesagt. Ja, ich bekam sie und verschluckte sie und sie verschluckten die Hühner, aber leider einen Teil meiner Leber mit, so daß ich sie unter leichten Störungen meiner Nieren ausgehustet habe.«

»Wo sind diese Iltisse?« fragte der Arzt.

»Ich steckte sie in eine Voliere, in der sie jetzt noch umherschwimmen, wenn sie nicht fortgeflogen sind.«

»Gestatten Sie, daß ich eine experimentelle Frage an Sie richte. Sehen Sie mich einmal, zweimal oder viermal? Mit andern Worten: wieviele Aerzte sehen Sie vor sich?«

»Zwei,« sagte der Patient.

»Dividiert oder nicht dividiert?«

»Natürlich dividiert. Sonst hätte ich vier gesagt. Ich bin mir ganz klar über meinen Zustand.«

»Hm,« sagte der Arzt, »wie sehen diese zwei Aerzte aus, verschieden oder einer wie der andere?«

»Einer so dumm wie der andere,« sagte der Patient.

»So,« sagte der Arzt, »Ihre Störungen scheinen mir doch nur leichter Art zu sein. Ich werde Ihnen Tropfen verschreiben.«

»Tropfen,« sagte der Patient, »Tropfen zum Verreiben und mit den Zehenspitzen einzunehmen?«

»Also wenn Sie, wie es den Anschein hat, Tropfen nicht einzunehmen verstehen, werde ich Ihnen Pillen verordnen.«

»Ja,« sagte der Patient, »Pillen sind mir auch lieber. Damit weiß ich gut Bescheid, ich habe schon oft Pillen in den Handgelenken gegurgelt.«

»Also ich werde ein Pulver wählen,« sagte der Arzt.

»Pulver trinke ich leidenschaftlich gerne. Ich möchte dann auch noch um vier Flaschen Haarwasser bitten, da Sie gerade von Pulvern gesprochen haben.«

»Dann müssen Sie in eine Drogerie gehen,« sagte der Arzt erschöpft.

»Ich weiß wohl, daß ich dazu eigentlich in vier Kolonialwarenhandlungen gehen muß, aber ich dachte, daß ich, da ich nun einmal bei vier Rechtsanwälten bin, es ebensogut auch jetzt in vier Grünkramhandlungen erhalten könne.«

»Es ist sehr schwer, mit Ihnen zu verhandeln,« sagte der Arzt, »haben Sie diesmal wieder dividiert?«

»Nein, diesmal habe ich es in der Eile vergessen,« sagte der Patient, »ich bin mir ganz klar über meinen Zustand. Aber Sie wissen ja schon, wie ich es meine.«

»Leider weiß ich das nicht so genau,« sagte der Arzt. »Kommen Sie lieber morgen noch einmal wieder. Ich muß mir Ihren Fall, oder um mit Ihnen zu sprechen, Ihre zwei oder vier Fälle erst noch überlegen.«

»Was bin ich schuldig?« fragte der Patient.

»Das hat natürlich bis morgen Zeit – oder nein, ich werde Ihnen gleich eine Rechnung anschreiben.«

Dem Arzt war ein Gedanke gekommen, der erste Gedanke in dieser Konsultation. Er sagte sich: wenn ich ihm eine Rechnung schreibe, sieht er vier und bezahlt zwei. Denn er dividiert ja, weil er sich klar ist über seinen Zustand. Auf die Rechnung schreibe ich 5 Mark. Er sieht 5555 und streicht die Hälfte, wobei er natürlich auch nur die Hälfte bezahlen wird. Aber da er zwei Rechnungen bezahlt, so bezahlt er 2 × 55 = 110 Mark. Damit kann ich mich von dieser leichten Störung erholen und er wird es bei seinen leichten Störungen kaum als eine Störung empfinden.

»Hier ist die Liquidation,« sagte der Arzt, »für die Behandlung an leichten Störungen. Sie sehen vier Rechnungen? Nicht wahr?«

»Nein, ich sehe nur eine,« sagte der Patient.

»Nur eine?« fragte der Arzt enttäuscht, »jetzt scheinen Sie aber schwere Störungen Ihrer leichten Störungen zu haben. Und was sehen Sie auf dieser einen Rechnung? 5555? Nicht wahr?«

»Nein, 5 Mark,« sagte der Patient, bezahlte 5 Mark, war geheilt und ging.

Der Arzt blieb mit leichten Störungen zurück.

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