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Großmutter Schlangenbraut

M. Solitaire: Großmutter Schlangenbraut - Kapitel 3
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typenoveltete
authorM. Solitaire
titleGroßmutter Schlangenbraut
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Großmutter Schlangenbraut

Muhamed pflegte zu sagen: Wüßtet Ihr, was ich weiß, hättet Ihr gesehen, was ich gesehen habe, Ihr würdet nicht mehr lachen, Ihr würdet wenig mehr tun, als weinen.

Arabisches Sprichwort.

 

Den ganzen Rest des Weges, von Airolo den Sankt Gotthard hinauf, mußte ich aus vollster Seele lachen über den närrischen Peter von Gastwirt zu Giorniko. Als ich nämlich da eingekehrt war am vorgestrigen Abend in dem grauen, verwitterten Steinhaufen, der den stolzen Namen »Die goldene Krone« führte, und mich in einem staubigen, düsteren, mit einem zerfallenen Balkon versehenen und statt der Fenster nur morsche Jalousien aufweisenden Gemache eingerichtet hatte, ging plötzlich die Flügeltür auf und herein trat mit stolzem Schritte ein langer, hagerer Mann. Auf dem spitzen, gelben Kopfe trug er einen nach spanischem Schnitte gearbeiteten schwarzen Filz von nicht unbedeutender Höhe, um die Schultern hing ihm eine Art Almaviva von braunem Stoffe, in der rechten Hand trug er einen mächtigen Prügel von Kreuzdorn und seinem linken Fuß war ein Stelzbein angeschnallt, das bei jedem Schritt, den der hagere Gesell vorwärts tat, pferdemäßig stampfte und in dem öden Gemäuer, dessen Gast, und zwar sein einziger ich geworden, einen widerwärtigen Lärm erregte. Er stampfte auf mich zu mit einer Grandezza, die dem Don Pedro, dem Schloßvogt in der Preciosa, abgelernt schien, lüftete leicht den schwarzen Zuckerhut auf seinem Haupte, zupfte an dem grauen Bärtchen, das sein spitzes Kinn verzierte, auf höchst kokette Weise, drapierte sich, majestätisch den Kreuzdorn unter den Arm nehmend, in das braune, seine eckigen Schultern umflatternde Gewand, und sagte dann: »Ist Ihre Exzellenz der Signor Forestiere, der heute abend erst in dieser ›goldenen Krone‹, die, wohl zu merken, meine, versteht wohl, Exzellenz, meine goldene Krone ist, einpassierte?«

»Vermutlich, Signor!« erwiderte ich, die wunderbare Erscheinung staunend betrachtend, »bin ich genau derselbe, da ich zurzeit der einzige bin, der die Ehre hat, sich des gastlichen Schutzes Eurer, versteht wohl, Signor, ich sage Eurer ›goldenen Krone‹ zu erfreuen!«

» Dunque sta benissimo!« erwiderte er und nahm eine Prise Spaniol aus einem getrockneten Kürbiskopfe, der ihm zur Dose diente und den er nicht ohne Mühe aus der Tasche seines Almaviva ans Tageslicht schaffte. Dann sprach er weiter: »Eure Exzellenz sehen in mir den Don Alfonso di Castello, herstammend aus spanischem Blute und gegenwärtigen Eigentümer und Gastwirt zu Giorniko im Tessin, item den Agenten einer sich erst für den Betrieb einer hier am Ort zu errichtenden Schwefel- und Sodafabrik konstituierenden Gesellschaft. Signor, ich muß Euch einen guten Rat geben, Ihr seid jung und Eure Augen brennen Euch lebhaft und beweglich im Kopfe. Sicherlich habt Ihr, als Ihr unten im Gastzimmer wäret, eine Donna bemerkt, die am Herde stand und mit Salvenie zu sagen, eine Polenta fabrizierte; seht Herr! diese Donna, die Ihr dort die Ehre gehabt, zu erblicken, ist keine andere, als meine leibliche Nichte, die Donna Annunziata Chrysostoma Stramonia, zurzeit meine hoffnungsvolle Braut, bald, ich bitte Euch, Signore! wohl zu bemerken, daß ich sage, bald meine tugendhafte Gattin. Nun merkt Euch, mein Guter, was ich ferner bemerke: laßt Euch, ich sage es Euch, nicht etwa beikommen, irgendeinen Gedanken, der darauf Hinzielen könnte, meine Ehre zu beflecken, mein häusliches Glück zu zerstören, die Rosenträume meiner Zukunft zu vernichten, in Euch aufkommen zu lassen! Ich bin, wie gesagt, ein Spanier von Geblüt und die Ehre ist mein Brot. Sähe ich, oder merkte ich, oder würde mir hinterbracht, daß Ihr auch nur ein Auge würfet auf die Donna Stramonia, daß Ihr Euch unterfinget, ihr gar ein Kußhändchen zuzuschleudern, oder sonst derlei Sächelchen ins Werk zu richten, wie unsere jungen Herren, der Jungfrau Maria, der Unbefleckten, sei es geklagt! zu tun pflegen; Signore! mit diesem mit Blei ausgegossenen Stabe, ich bitte Euch wohl zu bemerken, daß ich sage, mit diesem Stabe schlüge ich Euch den Schädel ein und unmittelbar darauf durchbohrte ich Euch mit diesem stets an meinem Herzen befindlichen, vergifteten Dolche!«

Hier arbeitete Don Alfonso abermals den spaniolhaltigen Kürbiskopf mühsam aus seiner Hülle, dann sagte er: »Seht, ich bin zeit meines Lebens so ein braver, tugendhafter Kerl gewesen! Kein Weib kann sich rühmen, daß ich jemals nach ihr getrachtet; denn Annunziata ist die erste, die meine Lippen auf den ihrigen gefühlt! Darum mio giovine!« und eine Träne floß über des verliebten Redners häutige Wange – »aufgepaßt! Euch bekämpft und bezwungen! daß Ihr Euch nicht ritzt an diesem ›Stechapfel‹ Stramonia heißt Stechapfel., der die Ehre hat, mein zu sein!« Und ohne eine Erwiderung abzuwarten oder meinerseits ein Versprechen hinzunehmen, wischte der liebeglühende Mann die Träne aus seinem Auge, schwang den Dornenstab um sein Haupt und wandelte zur Türe hinaus. In der Aufregung aber verwechselte er die offenstehende Tür des Balkons mit der Flügeltüre, durch welche er ins Zimmer getreten; doch zu stolz, um gleich seinem Vorbilde und mutmaßlichen Ahnherrn, den Schloßvogt Don Pedro, irgend etwas mit einer Retirade zu tun zu haben, schwang er sich mit dem stapfenden Stelzfuße über das wackelnde Geländer des Balkons und kroch mit der Gelenkigkeit einer wilden Katze an dem Rebenspalier, das die grauen Wände des baufälligen Gemäuers umkleidete, vollends hinab. Ich aber rief ihm nach: »Don Alfonso, seid doch so gut und bittet die Mamsell Stechapfel, mir so bald als möglich zwei Flaschen Schaumwein von Asti zu senden: ich bitte Euch wohl, zu bemerken, daß ich sagte zwei Flaschen!«

Der Schaumwein wurde mir durch einen kleinen schwarzäugigen Burschen in der Tat von der Mamsell Stramonia schnell genug gesendet und war über alle Erwartung gut, wie denn dieses Produkt der Vaterstadt des Dichters Alfieri, das die teuern französischen Champagner vollkommen ersetzt, wenn nicht durch Milde und Lieblichkeit übertrifft, eine weit größere Verbreitung zu finden verdiente, als es bisher gefunden. Ich war übrigens so müde und abgespannt, daß ich nicht einmal durch den Genuß des schönen Weines erregt werben konnte, den Versuch zu machen, die Krone der Krone, die schöne Mamsell Stechapfel von Angesicht kennenzulernen: da sie doch jedenfalls eine andere Persönlichkeit repräsentieren mußte, als die gelbe Gestalt mit dem Eulengesicht und den langen braunen Affenarmen, die ich vorher unten in der Gaststube am Feuerherd die Polenta hatte reiben und ins kochende Wasser tun gesehen. Ich hörte nur, wie der schmachtende Mann den ganzen Abend bis tief in die Nacht mit seiner heiseren Stimme die leidenschaftlichsten Lieder mit Begleitung seiner nicht ungeschickt gespielten Mandoline vortrug, unter denen das schwermutsvolle › Casta diva‹ aus der Norma am häufigsten repetiert wurde. Was aber hatte ich Unglückseliger! von dem seltsamen Besuche, mit dem der Schwefel- und Sodafabriken-Agent mich beehrt? Die ganze Nacht stand der stolze Spanier so fest in meinem Traume, als wie ein Schiff steht, das unter dem fünfundsiebzigsten Grade nördlicher Breite im Eise festgefroren ist; und er sah ganz aus als wie er aussah, da er mir seinen Besuch machte, nur mit dem Unterschiede, daß jetzt der vertrocknete Kürbis auf seinen Schultern unter dem Hute saß, während der biedere Don Alfonso seine Spaniolprisen aus seinem eigenen Kopf nahm, der sich jetzt in seine Tabaksdose verwandelt hatte, und die stier blickenden Augen vor Verwunderung über die Metamorphose nicht weit genug öffnen zu können schien. Ja, noch jetzt, wie ich da den Weg den Sankt Gotthard empor träumerisch hindämmere, war doch mein Herz so voll von Leid und hatten die südlichen Lüfte, die so lange mich umkost, so gar wenig vermocht, zur Heilung meines tiefen Grames und zur Schließung der großen, offenen Wunde in meiner zerrütteten Seele – ja, noch jetzt, wie ich da wandele zu meiner Linken den schäumend herabbrausenden Ticino, da springt mir der vermaledeite Mann hinter jedem Felsblock empor, hinter jedem Wachholderstrauche. Bald kommt er allein, pferdemäßig, angestampft mit dem diabolischen Stelzfuß, und offeriert meiner Exzellenza eine Prise Spaniol aus seinem eigenen Schädel und ich muß, wie gesagt, lachen über den närrischen Peter; bald aber kommt er zu zweien und zeigt mir jetzt eine köstliche schlanke Jungfrau, die den silbernen Pfeil im schwarzen Lockenbau trägt und den Pfeil der Sehnsucht noch tiefer in meine Brust drückt; dann aber eine alte, verliebte, schelmische Köchin, die mit vollen Händen mir von der frisch bereiteten Polenta spendet und mir schäumigen Asti-Wein zu trinken gibt, indem sie für diese Gaben den Kuß von mir heischet, den ich lieber dem Mägdelein, das den silbernen Pfeil in den Locken trägt, gegeben hätte.

Aber der Santo Godardo ist nichtsdestoweniger ein mächtiger, ein hoher Berg; da bin ich gewandelt, mit rüstigen Schritten hinan, von Airolo aus schier einen ganzen Tag, und erst am Abend, als die Sonne verglühet, da kam ich auf seine Höhe. Wie ich aber endlich droben war, da schweigt nun eigentlich die Geschichte; denn ein Wolkenheer sank nieder auf mein Haupt und mit triefendem Barte wandelte ich im unerquicklichsten Nebel, und neben mir ward es stumm; die murmelnden Gewässer, die bis jetzt in schwatzhafter Laune und wie müde der tonlosen Einsamkeit mich begleitet, wurden stille wie verzweifelnde Herzen es werden; aus stillstehenden, schwarzen Gewässern neben der Straße, die mich ansahen durch den wallenden Nebel mit ihren Kohlenaugen, an ihrem bemoosten braunen Steingipfel merkte ich, daß ich endlich oben sei; rechts winkte mir durch die grauen Wolken die furchtbare Riesengestalt des eigentlichen Gotthard, der ein kniebeugender, stiller, in stummer Ergebung verharrender römisch-katholischer Heiliger sein möchte, und doch ein trotziger, himmelstürmender, mit weißen Schneearmen in den Himmel langender und mit trotzig-finsteren Augen in das Paradies blickender, alter, wilder Heide ist. Ich, wie ich in diesen Wolken wandele, komme mir vor, wie zum Dämon verzaubert, und als ich mein Bild erblicke in dem einen der fünf schwarzen Seen des Sankt Gotthard, die in ihrem Schoße nichts Lebendiges hegen, wundere ich mich, daß ich noch die Gestalt eines Menschen habe, denn der Atem dieser Wolken, in denen ich wandele, drückt mich so ertötend, so zaubermächtig. Alle Male, wenn ich dergleichen Gebirgskämme überschreite, und wenn ich das Grausen sehe, das so herrscht in den oberen Regionen, und wenn ich bedenke, daß es nach den Gesetzen der physikalischen Progression je höher desto schlimmer werden muß, dann kommen mir gar schmerzliche Gedanken und ich zweifele selbst an der Unsterblichkeit der menschlichen Seelen! Wie sollen sie durchdringen durch die unendlichen Regionen des ewigen Eises, ohne daß die Muskeln ihrer Fittiche zu Eis und zu Stein erstarren! Schwer ist es, sich in den Himmel zu denken; aber hineinfliegen müssen durch grenzenlose Öden, in denen der Sonnenstrahl aus Mangel an reflektierenden Gegenständen gleich Null, das ist der Fluch der Bewohner von Sternen, die dem Himmel oder wenigstens dem Sonnenzentrum so namenlos fernestehen.

Droben nun stehen nur zwei Gebäude; auf der linken Seite der von Italien über den Berg führenden Straße ein düsteres, altes, verräuchertes Gemäuer, mit einer Art Arkade umgeben, in welchem sich eine Gastwirtschaft und auch die Dogana befindet. Rechts ein freundlich aussehendes, zweistöckiges, im gewöhnlichsten bürgerlichen Stil aufgeführtes Haus, in welchem sich gegenwärtig das auf Kosten der Kantone Tessin und Uri unterhaltene Hospiz befindet. Jeder über den Sankt Gotthard passierende Reisende hat das Recht, in diesem Hause zweitägige unentgeltliche Aufnahme, Beherbergung und Beköstigung zu verlangen; will er und hat er die nötigen Mittel, so erlegt er bei seiner Abreise eine geringe Bezahlung, die er in eine ihm vorgehaltene, verschlossene Büchse tun kann; will er nicht, so kann er unangefochten seiner Wege ziehen und die ihm gewordene, gewiß in den meisten Fällen gar nicht hoch genug anzuschlagende Wohltat ist morgen vergessen und, wie man zu sagen pflegt, kein Hahn kräht danach. Mich will bedünken, daß der katholische Ritus, indem er auf diese Weise bestrebt ist, sich für das praktische Leben nutzbar und unentbehrlich zu machen, immer den Vorrang behaupten wird, und daß die feine Grazie, mit der die Vorsteher von derlei Anstalten ihre Pfleglinge zu behandeln wissen, sicherlich dem Sinne entspricht, den der Stifter der Religion im Auge gehabt, wenigstens in angenehmster Art mit der schnöden Prosa kontrastiert, die der engherzige Protestantismus, versucht er es in einzelnen Fällen dergleichen Einrichtungen nachzuahmen, an den Tag zu legen pflegt.

Die grauen Nebel, als nun die Sonne immer tiefer sank, begannen sich zu regen und zu schwanken, aber nicht etwa um sich niederzulassen in die Täler und dem blauen Äther das Vorrecht einzuräumen hier oben auf dem himmelsnahen Bergesgipfel. Es geschah eben nichts als eine sinnbetörende Durcheinanderschiebung der finsteren Massen; ich mußte nicht der einzige Dämon sein, der hier wandelte, die Legionen der düstern Geister, die in diesen Nebelschleiern wallen mochten, hatten vielleicht Grund und Ursache heut abend gerade den Blick des klaren Himmels und den Strahl der sterbenden Sonne zu fürchten und so blieb alles beim Alten, wenn auch ein eisiger Föhn seine Schwingen zu schütteln begann. Herzlich froh war daher der verdüsterte Wanderer, wie die gastliche Pforte des Hospizes sich ihm auftat, und eine das vollste Vertrauen erweckende Mannsgestalt in halb geistlicher Tracht den Durchfröstelten mit attischer Urbanität empfing, mit den süßen Lauten des reinsten Toskanisch bewillkommnete, und die steinerne Treppe hinauf in ein hohes Gemach führte, dem der tüchtig durchheizte Ofen trotz des Augustes, den der Kalender als Datum nannte, außerordentlich liebenswürdig zu Gesicht stand. Ein schlankes, braunäugiges Mädchen, deren ebenholzene Haarfülle in einzelne mit Silberfäden durchflochtene Zöpfe geordnet war, die frei über den Nacken tief hinabfielen, lud mich zum Setzen ein und brachte mir Brot samt einem Becher roten Italieners; zugleich fragte sie mich, ob ich begehrte in die mir offenstehende Schlafzelle mich zu begeben, die sofort geheizt werden sollte, oder ob ich es vorzöge, den Rest des Abends in dem Gastzimmer zu verleben; im letzteren Falle müßte ich es aber nicht übelnehmen, wenn noch einer oder der andere Gast sich in meiner Gesellschaft befände, da heute noch verschiedene Ankömmlinge, sowohl von der italienischen als von der deutschen Seite erwartet würden, überdem aber auch der alte Aufseher von der Dogane drüben seine Abende am warmen Ofen des Hospizes zu verleben pflege. Die Holdseligkeit des lieben Kindes und die wahrhafte göttliche Freundlichkeit, mit der ihr süßer Madonnenmund, verklärt von dem Schimmer des reinsten Wohlwollens und apostolischer Gastlichkeit mich anlächelte, begeisterte mich zu einem Schwalle von Redensarten, die mir um so ungestümer entstürzten, als ich wirklich den ganzen Tag hindurch auf der einsamen Bergfahrt ein in der Tat ascetisches Schweigen geübt und kaum ein oder das andere Wort zu mir selbst, wenn nicht zu den Gestalten geredet hatte, die aus meiner Phantasie geboren neben mir hergetrollt waren, auf dem melancholischen Felsenpasse. Kurz ich erklärte der divina Signora, daß ich, nachdem ich so lange in den Wolken gewandelt wäre, und mit keinen andern Geistern verkehrt hätte, als mit denen, die ich hinter den Nebeln geahnet, ich es bei weitem vorzöge in dem trauten, so wonniglich durchwärmten, von Menschen erfüllten Gemache zu sein, als in der einsamen Zelle. Das Mädchen lächelte mir liebe Gewährung und überließ es mir, mich auf der Ofenbank von braunem Eichenholze hinter der nußbraunen, künstlich verzierten Zechtafel so behaglich als möglich einzurichten. Und so saß ich mit dem durchfröstelten Leibe an dem köstlichen Ofen unter dem Schutze des Kreuzes, dessen siegreiche Macht diese gastliche Halle in der Bergesöde geschaffen. Die Wärme des Ofens durchrieselte meine Glieder wie Strahlen vom Nimbus eines Heiligen; der Wein, roter italienischer, kräftig durchwürzter Saft, floß lieblich über meine Lippe, und wie der Föhn draußen an die Scheiben des eine Mauer von wenigstens vier Fuß durchbohrenden Fensters raste, wie die Wanduhr, die hier oben gewiß keine Nebenbuhlerin in bezug auf ihre chronometrischen Leistungen hatte, ticktackte in der echoreichen Halle, wie Signora Fiammetta, so hieß die Bergschöne, mit trippelndem Fuße auf dem knirschenden Sande tänzelte, mit dem der Estrich bestreut war, und wie die noch lautlosere Finsternis einsank in die Einsamkeit des wohnlichen Gemaches, da kam der Schlaf über mich und der Traum senkte sich nieder auf die Wimper meines blinzelnden Augenlides. Wie hier oben der reichlicher zuströmende Sauerstoff eine lebhaftere und raschere Atmung zu bewirken pflegt, so mußte es auch wohl mit den Träumen sein, denn auf einem schnelleren Rosse ist wohl noch nimmer der Gott der Träume durch sein Gebiet geritten, und hat die Kränze, die unter dem Hufschlage seines Renners aufblühen, nie reichlicher in eine bebende Menschenseele gestreut. Da küßten sich Gluten und Gletscher; die Sahara hing wie ein glühender Reif um die schneebedeckte Felsennadel der Alpen; die Woge des Mittelmeeres träufelte ihre salzigen Schäume in die Kristalle des rauschenden Bergquells und die bereifte Tanne schlang inbrünstig ihren Arm um die dürstende Palme. Die Gazelle schweifte am äußersten Wüstenrande, und, o Wunder! am Rande des murmelnden Schweizer Bornes blühte eine fremdartig duftende Blume, in derem Kelche Tau schwamm und in dem Tau spiegelte sich mein von der Sonne Afrikas verbranntes Antlitz, und mein Auge, das so fernmüde glänzte und so durchbebt schien von der gewaltigsten Sehnsucht, die da leben kann im Menschenherzen, von der Sehnsucht nach der Heimat und nach der Geliebten. Die Blume am Rande des Schweizer Borns aber hieß auf Arabisch Ghasele und aus Dankbarkeit gegen den milden Geist der Gastlichkeit, der in dem trauten Raum waltete, will ich die Blume, die mir hier ihren Kelch entfaltet, abkonterfeien; mag immerhin das arme Kind, für die eigentlich die Blüte duften sollte, längst bei denen angekommen sein, von denen geschrieben steht, daß sie wohl Kunde erlangt haben von hohen Dingen, doch zu keiner Zeit und nimmermehr das eine erlernen mochten, das Wiederkommen.

Die gepflückte Blume aber lautete wie folgt:

Wenn in solcher bangen Ferne
Deine Stimm' im Traum mir klang,
Und ein Strahl aus deinem Auge
In des Busens Tiefen drang;
Stimme war es der Sirene,
Die mit ihrem Zauberlied
Mich verlockt ins Bodenlose,
Die der Sehnsucht heißen Hang
In mir peitscht zur wilden Flamme,
Die den träumerischen Geist
Zu des Abgrunds tiefsten Tiefen,
In das Unermessene zwang;
Und der Strahl aus deinem Auge,
O, welch heißer Glutenbrand!
Den zu löschen, den zu kühlen,
Armer ich! vergeblich rang;
O, du Waller! selbst im Traume
Peinigt dich der Heimat Bild,
Und der Sehnsucht flammend Neigen
Zieht den Pfad mit dir entlang!
Selig sind der Alpen weiße
Firnen, die so engelgleich,
Küssen mit der Stirn den Himmel,
Der sich ihnen niederschwang!
Flüsternd ihm ins Ohr die Bitte,
Die in ihrer Brust sich regt,
Balsam träuft gleich, Heilung sprießet,
Fühlen sie sich einmal krank.
Doch mich dauern kann der Gießbach,
Der in toller Ungeduld
Von dem Felsen in die Tiefe
Und von Stein zu Steine sprang;
Niemals sieht sein Haus er wieder,
Was er eifrig murmelnd schwatzt,
Dünkt mich, ist ein Lied der Klage
Über seines Schicksals Gang!

Drauf aber, wie ich des weiteren in dieser Weise hindämmerte, wie gelähmt von dem Einfluß des roten Italienischen, von der Nachwirkung der Prisen Spaniol aus Alfonsos seltsamer Tabaksdose und der Wirkung der köstlichen, heimlichen Wärme, die mich so ganz durch und durch durchdringen konnte, sah ich mit dem blinzelnden Auge, daß Kerzen in das Zimmer gebracht wurden. Ich roch Zigarrenduft, ich hörte mit dem träumenden Ohre die Stimmen verschiedener Menschen, die inzwischen eingetreten waren und ich bemerkte, daß sie wahrscheinlich aus gastlicher Schonung meines Schlafes, meines wonniglichen Hindämmerns, nicht unmittelbar an dem Tische, an dem ich saß, sondern an einem weiter nach dem Fenster zustehenden Getäfel Platz genommen hatten. Wie ich das Auge öffnete, da sah ich, mit dem Rücken gegen das Fenster, am summenden Spinnrad die schöne Fiammetta im schwarzen Lehnstuhl sitzen; ihr zur Linken saß ein junger Mann mit einem sehr gutmütigen, glatten und wohlgenährten Antlitze, dessen Augen von brennendem, tiefschwarzem Kolorit zu dem Blondhaar, das unter einem schwarzen Käppchen auf der Scheitelhöhe hervorsah, wunderbar kontrastierte; ihr zur Rechten aber lehnte sich mit vieler Behaglichkeit in einem tiefen Polsterstuhle die aufgetrocknete und wie geröstet aussehende Gestalt eines steinalten Mannes, der die brennende Tonpfeife in dem zahnlosen Munde führte und den mit roten Edelsteinen garnierten Papageienschnabel, von dem er vermutlich glauben mochte, daß selbiger seine Nase repräsentierte, ebenso oft mit Pariser Rapé fütterte, wie Don Alfonso mit dem Spaniol tat. Der Alte sah aus wie ein pensionierter Berggeist; es war aber in der Tat kein anderer, als der Aufseher aus der Dogana drüben, während der junge Mann mit dem glatten, wohlgenährten Angesicht den mit den geistlichen Pflichten des Hospizes betrauten Priester repräsentierte. Im Hintergrunde, mehr nach dem Fenster zu, tummelten sich noch verschiedene andere Gestalten, persone in giubba oder in ghiacca, wie die Italiener sagen, die aber dergestalt in Rauchwolken eingehüllt waren, daß ich von ihnen weiter nichts wahrnehmen konnte, als etwa den schwarzen Spitzhut auf ihren Häuptern, den Brand auf ihren Pfeifen und die pechschwarzen Augen, in denen die roten Brände ab und zu sich spiegelten. Der alte Aufseher mußte eben mit einer von ihm erzählten und von mir verschlafenen Geschichte fertig geworden sein; Fiammetta wischte sich eine Träne aus dem Auge und das im Schatten befindliche Auditorium tat teilweise einen Seufzer, teilweise begann es mit erneuter Energie in die Pfeifen zu blasen; der Geistliche benutzte die Pause, um einen Gegenstand, der einem Bonbon auf ein Haar glich, aus der Tasche seiner langen, schwarzseidenen Weste zu nehmen und in den appetitlichen Mund zu stecken, da er das Rauchen als eines Geistlichen wahrscheinlich nicht würdig oder aus dem Grunde verschmähte, daß sein Atem immer rein, wie seine geweihte Brust ihn gebar, die Hostie beim Kusse berührte.

»Aber nun die Geschichte,« sagte Fiammetta, den Faden mit den schönen Lippen beneidenswert netzend, »die Geschichte noch einmal, in der der Dottore Signore Lambertuzzi vorkommt, der immer die ellenlange Spindelmütze mit dem roten Bande auf dem Kopfe trägt! Nicht wahr! Lieber, bester Signor Kavallo! Ihr tut mir den Gefallen!«

»Sie ist etwas unchristlich, schöne Fiammetta,« warf der Weltpriester dazwischen; »der verliebte, als Forellenfänger erscheinende Berggeist ist doch weiter nichts als ein elender Heide, dem ich erst seinen christlichen Standpunkt klarmachen müßte, ehe ich ihn abermals zu Euch treten ließe, meine werten Freunde und Brüder in Christo Jesu!«

Aber da tönte es vielstimmig aus dem Chor da hinten, aus dem Munde der Personen in giubba; »Ach, das tut nichts, Signor, laßt ihn nur kommen, den Dottore mit der weißen Zipfelmütze und den heidnischen Forellenfischer könnt Ihr ja taufen, nachdem er sich uns vorgestellt!«

Signor »Pferd« ließ sich nunmehr nicht lange mehr bitten, seine Geschichte zu beginnen. Der Ungestüm, mit welchem diese von den Anwesenden verlangt wurde, schien ihm in der innersten Seele wohlzutun; der mit Edelsteinen garnierte Papageienschnabel, den er sicherlich doch wohl mit Unrecht für seine Nase halten mochte, spitzte sich wie das Mundstück einer Klarinette und so begann er denn, nachdem er sich die Pfeife frisch gestopft, ein Lied zu pfeifen, das ich halb wachend, halb träumend, von der Ofenwärme wonniglich erwärmt, von der Glut des Weines köstlich bestrickt, mit anhörte und hier so getreulich wiedergebe, als ich nur immer vermag. Mag aber der goldene Märchenkäfer, wie ich ihn betaste und fange, mit den Fühlhörnern meines schon mehr als billig abgestumpften und verbrauchten Auffassungsvermögens etwas verloren und abgestreift haben von dem goldenen Schmelze und dem schillernden Kolorite, das er trug, als er hervorflatterte unter dem Papageienschnabel, so mag man dem müden Wanderer, wie er sich behaglich fühlt nach der einsamen Pilgerfahrt in der trauten Stube unter guten und einfachen Menschen, seine Nachlässigkeit vergeben. Man mag den heißen Wein anklagen und Fiammettas verlockende, weltengroße Augensterne und das Gefühl, das den Waller anheimelte, wenn er dachte, daß der, der noch vor so kurzer Zeit gestanden am Rande der afrikanischen Syrte, jetzt schon die Zinne erklommen, von der er hinabblicken konnte in grüne, deutsche Lande, wo er träumen konnte von verweinten, deutschen Mädchenaugen und von Mädchengestalten, die hager geworden von dem Schmerze der Trennung, von den Qualen des Fernseins. Die Geschichte aber, die Signor »Pferd« vortrug, hieß:

Großmutter Schlangenbraut.
Eine Märchen-Novelle.

 

Und Signor »Pferd« ließ sich also vernehmen:

»Jeder, der ein oder das andere Mal von Airolo im Kanton Tessin herangestiegen zum Santo Godardo, hat sicherlich ungefähr in der Gegend der dritten oder vierten Windung des den Berg hinaufführenden Weges, dort wo der Ticino noch heute wie vor tausend und tausend Jahren über einen rabenschwarzen Basaltfelsen mit dem Ungestüm eines betrunkenen Narren rast, einen Haufen wild durcheinandergeworfenen Steingerölls gesehen, das deutlich bekundet, daß hier ein Haus gestanden, das sich einer beneidenswerten, wenn auch unsicheren Lage erfreute. Denn die Lawinen, die der im Winterzorn trotzende Berg von seiner wutbleichen Stirne zu schütteln pflegt, konnten nur allzugut das Gemäuer vernichten, auf dem die Firste des Hauses errichtet war. Aber drin zu wohnen zur guten Stunde muß, wie man zu sagen pflegt, recht pläsierlich gewesen sein; denn der Ticino, der von dem deutschen Berge kam, um in dem italienischen See ein Bad zu nehmen, mochte so allerlei zu erzählen wissen von den närrischen Schneemännern, die da droben wie angekettet stehen, und die nicht hinabtanzen können gleich dem wilden Buben mit den schimmernden Kristallaugen ins lustige Tal, um Italienisch zu lernen und die erlernten Sprachkünste bei den gazellenäugigen, schwarzen, welschen Dirnen, respektive ihren Schürzenbändern, angemessen zu erproben; was so recht schmerzhaft für die armen Schneemänner gewesen sein mag und worüber sie in allerlei lyrischen Formen dem Brausewind Ticino ihre Empfindung mitgeteilt haben mögen. Außerdem aber war das Haus von sechzehn Kastanienbäumen umstanden, die im Winter ihre Arme, im Sommer aber ihre weithin sich breitenden Schatten so ineinanderschlangen, daß die rotgepickelten Forellen, die im Ticino umherschwammen, sich glücklich fühlten wie Selige in ihrem kühlen Paradiese. Wie aber der Bergwind, der nach Afrika fuhr, um den Sirokko der Sahara zu besuchen, mit den Zweigen der schattigen Edelkastanien geplaudert haben mag, darüber will ich lieber schweigen; machte der Sirokko seinen Gegenbesuch, so mußten die Nachrichten, die er aus dem wunderreichen Weltteil brachte, nie zu den erfreulichen gehören, denn die sechzehn Edelkastanien saßen allemal, nachdem sie diesen Besuch empfangen, recht niedergeschlagen und traurig aus und ließen ihre Blätter so maulfaul zur Erde hangen, wie eine Jungfrau, die beim Doktor gewesen, um ihn zu befragen, ob sie guter Hoffnung ist, und die das verhängnisvolle Jawort empfangen. Der lustige Ticino aber sah stets nach einem derartigen Besuch aus, wie eine abgestandene Forelle oder gar wie ein ausgenommener Hering.

Es mochte nun vielleicht gerade heute vor zweihundert Jahren sein, aber im Sommer war es, darüber haben sich die Gelehrten geeinigt, denn es war sehr heiß gewesen den ganzen Tag und ein Gewitter stand drohend im Westen, dräute Unheil von den weißen Gebirgshäuptern herunter, auf denen es auflag mit dem langgereckten, schwarzen, zuckenden Leibe. So unruhig aber wie die Natur ringsum, gebärdete sich drinnen in dem von den Kastanien umschatteten Hause eine alte Frau, die in einer Ecke der Stube unter einem schneeweißen Betthimmel lag und aus demselben herauslugte mit dem schwarzbraunen, vertrockneten Gesicht, wie ein großer Käfer, der sich in einem Spinnengewebe gefangen hat. Die Augen in dem kleinen Antlitz der Alten waren übernatürlich groß, und wie sie ihr so tief im Kopfe lagen und so furchtbar brannten von der inneren Glut, die im Hirn tosen mußte, mochte sich einer, der die kranke Monna Tebalda, so hieß die braune Greisin, plötzlich zu Gesicht bekam, schier bis in den Tod erschrecken. Zu jener Zeit wohnte unten in Airolo der Dottore Signore Lambertuzzi, ein Mann, wie die Chronik von Airolo bemeldet, von außerordentlicher Gelehrsamkeit, aber von so kleinem Körperbau, daß er aussah wie eine Ameise. Damals galt noch jeder seinen Wert in seiner eigenen Haut, und wenn jemand seine Sache gelernt hatte und es verstand, Menschen beizustehen in allerlei Nöten und Gebrechen, so war wenig daran gelegen, ob er den roten Doktorhut trug zu jeglicher Stunde, oder ob er statt desselben das schwarze Studentenbarett mit der weißen Straußfeder, wenn nicht gar die nationale, italienische Zipfelmütze auf sein Hauptsetzte.

Dottore Lambertuzzi, Kreisarzt von Airolo, Mitglied mehrerer gelehrter Gesellschaften und Vortragender Rat im medizinischen Kollegium des Kantons Tessin, Apothekenrevisor und schon seit Jahren mit der nächsten Anwartschaft zum geheimen Medizinalrate bedacht, der Mann, dessen aus dem geheimsten Urquell der Natur geschöpftes Wissen die Tauben gehen und die Lahmen sehen machte, – Dottore Lambertuzzi hatte besagte nationale Zipfelmütze zur Leibtracht seines kleinen, aber mit großartiger Gelehrsamkeit bis zum Überlaufen angefüllten Gehirns erkiest. Und wenn er so umherritt in den Bergen auf dem für seine Person viel zu ungeheuerlichen, weißen Rosse, und wenn die Zipfelmütze des geheimen Medizinalrates in spe im Zuge des Windes flatterte, so glich sie der Taube, die das Ölblatt des Friedens und der Versöhnung im Schnabel tragen mochte; der Kleine selbst aber samt dem Rosse irgendeiner seltsamen Laune, irgendeines sich langweilenden Berges, die sich verkörpert hatte, und die der kreiselnde Bergwind vor sich herjagte wie ein dürres, auf einem Schneeball angefrorenes Blatt. Dottore Lambertuzzi hatte die seit ungefähr vier Monaten schwer erkrankte Monna Tebalda, die Eigentümerin der Kastanienbleiche, so nämlich hieß der Tebalda Eigentum, weil ihre Enkeltochter mit Weben und Bleichen sich viel zu beschäftigen gewohnt war, in seiner ärztlichen Behandlung gehabt; aber ohne allen und jeden Erfolg. Suchte der Signor den bösen Feind im Blute, kurierte er auf Kongestionen nach Herz und Haupt, machte er Venäsektionen mit freigebigster Hand, begoß er seine Kranke förmlich alle Tage mit dem Aufgusse des Fingerhutes, der, wie bekannt, mächtig ist, dem stürmenden Blutgeiste Zaum und Zügel anzulegen, da mit einem Male hatte sich die Krankheit zwar nicht gebessert, doch kolossal verändert; da saß sie im Magen, in der Leber, im Schleime, in der Galle. Bedenklich wiegte der Dottore sein kluges Haupt, nahm die Feder zur Hand und schrieb ein anderes Rezept. Am Tage, von dem ich spreche, hatte er, nachdem er den Puls der wahnsinnig fiebernden und im Fiebertraum irre redenden Tebalda mit ganz besonderen Zeichen der Bedenklichkeit betastet und gezählt, sich so kurz und hastig vom Krankenbett entfernt und war so schleunig auf sein Schimmelroß gestiegen, um hinauszustürmen in den gewitterschwangeren Abend, daß die Kranke, die trotz ihres Fiebers alles verstand, was um sie her vorging, bei solchem hoffnungslosen Gebaren des für untrüglich anerkannten Doktors, laut zu jammern und ächzen angefangen.

Es ward recht dunkel im Zimmer; die Kastanienwipfel streckten die Schatten zum einen Fenster herein, zum anderen wieder hinaus. Hinter dem Webestuhl saß der Tebalda Enkeltochter, ihr schlummerndes Haupt in beide Hände gelegt. Das arme Kind, mit Namen Amara geheißen, hatte ja den ganzen glühendheißen Tag hindurch so viel gewirkt und geschafft; zuerst am Morgen, da hatte sie die drei braunen Schafe und die weiße Ziege, die der Großmutter Viehstand bildeten, mit dem duftigen Grase gefüttert, das sie rechts und links vom Basaltfelsen, über den die Kaskade plätscherte, mit so vieler Mühe gepflückt. Dann hatte sie auf die Felsennadel steigen müssen, die über eine halbe Meile weit von der Kastanienbleiche am Bergeshange hoch über alle Umgebung ragt, um nach ihrem Bräutigam auszublicken, dem schwarzen Lorenzo, wie ihn die Leute nannten, und ihm das Zeichen zu machen, das sie selbander zum Morgengruß verabredet, nämlich ihr schwanenweißes Busentuch wehen zu lassen von den höchsten Zacken der braunen, in den Himmel ragenden Felsennadel; dann mußte das Rezept, das der Dottore am Morgen verschrieben, nach Airolo in die Apotheke getragen und die Medizin geholt werden. Dann mußte die Großmutter ihr Mittagsbrot bekommen, denn trotz der Leiden, die den Lambertuzzi so erschreckten, aß die Kranke meist recht gut und trank so gern ihre Foglietta, roten Italienischen, wie nur immer wir sie trinken, Signori. Dann mußte das Linnen auf der Bleiche begossen und dann sollte wieder gewebt werden, bis die Sonne sank. Als Tebalda sah, daß ihre Enkelin fest entschlafen war, da richtete sie den braunen, hageren Leib wild empor aus dem schneeig schimmernden Bette. ›Lambertuzzi‹, murmelte sie, ›ist ein alter, unwissender Narr! Er meint ganz gewiß, ich werde sterben; aber ich will noch nicht sterben, ich werde nicht sterben, trotz der Last von siebenundsiebzig Jahren, die auf meinen Schultern liegt. Ich bin steinalt, es ist wahr, und eigentlich wohl wäre es Zeit, daß ich mich trollte von hinnen, aber was da wach geworden ist in meinem Herzen, seitdem ich ihn gesehen habe, ihn, der Amara Bräutigam, den Teppichweber, den schwarzen Lorenzo, was da wach geworden ist, das, von dem ich fühle, daß es zu gleicher Zeit Verdammnis und Seligkeit ist, läßt mich nicht mehr sterben, macht es mich gleich kränker als zum Sterben. Ich glaube, stürzte ich vom Basaltfelsen in die schäumenden Gründe der Kaskade, das Leben in meinem Herzen wöbe Fittiche an meine Schultern, und ich schwebte über den Wässern, anstatt zerschmetternd in ihnen unterzugehen. Amara schläft, so will ich die Zeit nützen, um zu weinen; denn Tränen sind die Medizin für die meisten Krankheiten des Weibes‹. Immer tiefer war indessen die finstere Nacht in das Zimmer gesunken; der Donner murrte, die Wipfel der Kastanienbäume rauschten, als schüttelten sie lauter Flüche aus ihren Zweigen auf die Erde. Weiße Blitze umzuckten das lilienbleiche Angesicht der träumenden Amara hinter dem riesigen Webestuhle. Noch greller aber als die Blitze leuchteten ihre Widerscheine, die von den Gipfeln aller der Schneeberge ringsumher zurückprallten in das düstere Zimmer; und nun quoll der Platzregen aus den finsteren Wolken, und der über den Basaltfelsen hinabplätschernde Tessin hatte sich bald in ein brüllendes Ungeheuer verwandelt, das da redete in der Sprache des Donners zu dem Donner, der hoch in den Wolken grollte. Die graue Alte hörte mit stumpfer Gleichgültigkeit, wie die Elemente rasten, ja selbst die zu denkende Möglichkeit, daß eine Lawine stürzen könnte, erschütterte sie weniger, als wenn sie daran dachte, daß Signore Lambertuzzi auf dem Heimwege von dem Unwetter überrascht, schmachvoll durchnäßt werden würde. Die Tebalda war nun einmal ein Weib von harter und kecker Gemütsart, und desto verwunderlicher mochten die weichen Gefühle, die seit einiger Zeit in ihrem Busen lebendig geworden, sie bedrücken. Doch was sträubte da plötzlich ihr Haar, das so schwer vom Silber des Alters ihre eingefallenen Schläfen umfloß! Sie lauschte! Was geschah! Sie blickte nach dem Fenster, das schwarz und dunkel von den Schatten der Nacht und der wehenden Kastanienwipfel umschlossen wurde. Sah sie nicht etwas Weißes, etwas Blinkendes an der Scheibe? Und hörte sie nicht ein Klopfen mit wie spitzem Finger? Ja! per Dio! da glänzte, da klopfte es. Die Alte, die von dem Klopfen an dem Fenster mehr ergriffen worden, als von dem Dröhnen in den Wolken, sagte: ›Um die Wunden meines blutenden Heilands! Wer ist da? Was will man von mir in der späten Stunde des Gewitterabends? Santo Antonio! Was will man von mir?‹

›Stille, stille!‹ flüsterte es draußen, ›redet nicht so laut, Madre Tebalda, oder Ihr weckt Euer so süß schlummerndes Enkeltöchterchen aus ihrem wonniglichen Schlafe! Bei allen Heiligen, wie ihr närrischen Leute zu sagen pflegt, Ihr weckt sie auf! Ich, der ich hier an Euer Fenster klopfe, kennt Ihr mich denn gar nicht mehr, Madre Monna Tebalda, bin ja der Forellenfischer Capraletta; die Deutschen nennen mich Bockmilch! Alle Welt aber heißt mich den Melancholischen! Weil ich stets so für mich hindämmere mit gesenktem Haupte, und weil das Murmeln des Felsenbaches mir holder zu Ohren klingt, als die Rede der Menschen, und weil ich lieber den Sternen am Himmel der Nacht in die Augen schaue, als den Mägdelein, den Sternen der Erde, in ihre Augensterne, und weil ich von dem tiefen Weh, das in meinem Busen lebt, nicht gern reden mag, haben sie mir den finsteren Namen gegeben.‹

›Das ist alles recht gut und schön, mein lieber Herr Bockmilch,‹ sagte die Alte, nachdem sie das inzwischen zu einer kleinen Spalte geöffnete Fenster, sich krokodillenartig aus dem Himmelbette hinüberneigend in die Fensterbrüstung, geöffnet und mit einem Bindfaden an dem Riegel zum Schutze gegen den rasenden Zug des Gewittersturmes befestigt hatte. ›Das ist alles recht gut und schön, Signore! Aber wie ich auch mein unseliges Hirn anstrengen mag zum eifrigsten Denken, kann ich doch nimmermehr begreifen, was Euch her zu mir führt in so später stürmischer Abendstunde!‹

›Das will ich Euch sagen, noch immer schöne Madonna, das will ich Euch sagen!‹ entgegnete Bockmilch. ›Ich hatte Euch, ehe das Unwetter aufgekommen, gefischt im Tessin; ich hatte Euch ein halb Dutzend Forellen gefangen, die es wert gewesen vom lieben Herrgott selbst zum Frühstück in Wasser und Salz gekocht, mit Weinessig und Provenceröl gespeist zu werden. Da, wie ich nach Hause gehen will mit meinem zappelnden Fange, wer kommt angesprengt auf dem wie rasend galoppierenden Schimmel: Dottore Lambertuzzi. Haha! sagte er zu mir, Bockmilch! Und da bist du ja, Lieber! Und wo kommst du denn her, angenehmer Bockmilch! Denn wissen müßt Ihr Signora! Lambertuzzi ist mein guter Duzbruder. Oben in der Sennhütte zum heiligen Dionysius, da haben wir einst Brüderschaft getrunken, ich und der hochgelahrte Dottore in brausendem Weine von Asti, der Dottore hatte ihn auf seinem Schimmel mit heraufgeschleppt in der Satteltasche. Der Dottore wußte wohl, warum er Bockmilchs Brüderschaft trank! Er war in einer sehr, sehr großen Verlegenheit und die Leber einer unter gewissen, nur von mir gekannten Bedingungen gefangenen und geschlachteten Forelle ist ein wundermächtiges Heil- und – Mittel will ich sagen; doch ich will Eure keuschen alten Ohren nicht länger belästigen, Madonna! Um die Sache kurz zu machen, so erzähle ich nur noch, daß der Dottore zu mir sagte: Bockmilch, wenn du da Forellen in deinem Netze hast, frisch gefangene Forellen, so tue mir die einzige Liebe und bringe sie der Monna Tebalda! Er kraute dem Schimmel in der Mähne, setzte seine weidlich durchnäßte und vom Sturmwind tückisch durchgehechelte weiße Zipfelmütze fest und sprach dann weiter: Heute habe ich es endlich erkannt nach langen und tiefen Anstrengungen, daß die verzweifelte Krankheit dieser gar nicht genug zu schätzenden Dame, die mich übrigens auch schon vielfach verpflichtet, weniger im Magen, in Schleim und Galle, als im Blute liegt. Und nun halte ich im Einverständnis mit den berühmtesten Autoritäten des grauen Altertums, des braunen Mittelalters und der weißen Gegenwart, gewöhnliches, verstehst du wohl, Bockmilch, gewöhnliches Forellenfleisch für ein beruhigendes, den Gefäßsturm dämpfendes, für ein im allgemeinen niederschlagendes Mittel. Trage die, zur jetzigen Jahreszeit so seltenen Forellen zur Monna Tebalda! Grüße sie von mir und sie soll die delikaten Dinger aufkochen mit Wasser, Salz und Zwiebel, und dann soll sie dieselben verspeisen zur angemessenen Stunde mit Weinessig, Provenceröl und etwas Pfeffer, dagegen soll sie die Medizin Nummer drei einstweilen und bis zu meinem nächsten Besuche aussetzen. Nun, ich tue, was mir der Doktor aufgetragen hat! Hier sind die Fische und erlaubt mir, daß ich, zum Fenster einsteigend, sie Euch in die Stube bringe, denn Ihr carissima madre! seid doch wohl zu schwach, um aufzustehen, und die wilden, mit den Schwänzen ganz kurios um sich schlagenden Dingerchen in einen Zuber mit frischen Quellwasser zu tun. Auch fröstelt's mich so eigentümlich; der verdammte Platzregen ist auch eiskalt, und es durchschauert mich bis ins innerste Mark, wenn ich gleich solcher Dinge als Fischer im eisigen Bergquell so nahe an den Gletschern und so dicht bei den Schneemännern, die einem hier überall sozusagen über die Schultern sehen, der kalten Flut hinlänglich gewohnt bin! Erlaubt also, Monna Tebalda!‹ Und ehe die graue Alte noch ein Wort erwidern konnte, drückte Signor Bockmilch dergestalt an den halbgeöffneten Fensterflügel, daß derselbe aufflog, und ehe sich die Tebalda besinnen konnte, stand der Fischersmann, das Netz mit den wild zappelnden Quellenfischen auf der linken Schulter, triefend vor Nässe, umleuchtet von den zuckenden Blitzen, am Bette der Alten.

Die Tebalda schaute den Eindringling gar überrascht an: ›Aber ich kenne Euch ja gar nicht, liebster, bester Bockmilch!‹ sagte sie zu dem Fischer; ›Euer Antlitz ist mir so fremd, wie Euer Name. Ich kann mich gar nicht besinnen, jemals von Euch gehört oder gar Euch gesehen zu haben! Wer seid Ihr denn, wo kommt Ihr her?‹

›Sprecht nur nicht so laut, Madre,‹ versetzte der Fischer, ›sonst erweckt Ihr mir das dort so süß schlummernde Jüngferlein, und wir bedürfen zu dem, was wir miteinander zu verhandeln haben, wahrhaftig keines Zeugen! Ihr kennt mich nicht! Einbildung! Erinnert Euch nur! Alte Leute haben gar so schwache Gedanken! Habt Ihr mich wahrhaftig noch nicht gesehen? Noch niemals?‹

Die Monna flüsterte: ›Nein!‹, sah dabei den fremden Mann scharf ins Angesicht und musterte ihn von oben bis unten; die fortwährend zuckenden und die Stube wie aus einem brennenden Spiritusbecken mit Flammen übergießenden Blitze gewährten mehr als das nötige Licht. Nun, Bockmilch war noch lange nicht der häßlichste Kerl, der seine Polenta mit rotem Italienischen begossen; er hatte den schwarzen Hut mit blau- und grünkariertem Bande recht verwegen auf das eine Ohr gesetzt, sein Antlitz war zwar noch bleichgrünlicher als echter Parmesankäse, aber desto loher flackerte sein wildes Auge, das unter buschigen, über der Adlernase miteinander verwachsenen Brauen triumphierend leuchtete und liebeverlangend zu gleicher Zeit zu schmachten schien. Das Spitzbärtchen, das an dem Kinn des dunkeln Knaben hing, bestand nur aus wenigen, übermäßig langen, starren Haaren; aber desto reicher floß die schwere Flut des Haupthaares dem Manne über die Schultern und hingen ihm fast über den Schoß der schwarzen Sammetjacke mit silbernen Knöpfen hinab, die seinen Oberkörper hinten bekleidete, während die nur schmächtige Brust von einer himmelblauen, bis an die Hüften reichenden, überaus reichlich zupassenden Weste verhüllt wurde. An den Füßen trug er schwere, über das Knie reichende Stiefel von ungegerbtem Leder, die seiner Person einen etwas befremdlichen Anstrich gaben, denn die schwarzen und weißen Haare des Ziegenfelles, aus denen die Stiefel gearbeitet waren, hatten einen so gar besonderen Glanz und das Muster, nach dem das Schwarze mit dem Weißen vermischt war, schien auch ein so ganz und gar seltenes und ungewöhnliches.

Die Monna Tebalda, nachdem sie den Kerl gründlich beschaut, rief abermals: ›Nein, Bockmilch! Und wenn ich nun und nimmermehr eingehen sollte zu meines Herrn Freude, beim heiligen Antonio! ich kenne Euch nicht!‹

Der Signor, der inzwischen das Netz mit den Forellen in einen unter dem auf gedrechselten Beinen stehenden Ofen befindlichen Zuber getan, den Hut abgenommen und es sich ganz bequem gemacht hatte, sagte, eigentümlich lächelnd: ›Nun, Madonna! Wenn Ihr denn durchaus die früher mit mir gemachte Bekanntschaft ableugnen wollt, so muß ich wohl Euerm Gedächtnis ein wenig zu Hilfe kommen! So hört denn: Ihr waret nicht immer so alt, wie Ihr heute seid, Tebalda! Ihr waret auch nicht immer, nehmt es mir aber nicht übel, so häßlich wie heute! Es war einmal eine Zeit, es ist freilich schon ein wenig lange her, da waret Ihr ein munteres, bewegliches Weib und Euer Antlitz war lieblich zu schauen! Das Rot Eurer Lippen paßte wunderschön zu den kleinen, niedlichen Elfenbeinzähnen, mit denen die Natur Eure Kiefer garniert; aber eine Zunge hattet Ihr, eine Zunge wie ein giftiger Drache, eine nichtswürdige, niederträchtige Zunge, die da stach wie eine Otter und deren Schaum brannte wie Schwefel und Salzsäure. Ihr habt Euerm biedern und braven Ehegespons manche trübe Stunde gemacht, bis er es nicht mehr aushalten konnte und es vorzog, auszuwandern mit allen seinen Kindern, bis auf Amaras damals schon verheiratete Mutter, auszuwandern nach dem Lande Hungarien. Zuletzt aber wollte er noch einen letzten Versuch machen, Euch zu bessern, und er wollte sehen, ob Ihr denn gar nicht imstande wäret, den Dolch Eurer Zunge in der Scheide zu halten! Und wie nun ohne Euer Wissen alles gepackt und zur Abreise bereit war, da suchte er Händel mit Euch. Wer gerne tanzt, dem ist leicht gepfiffen. Händel mit Euch anzufangen, Tebalda, und Euch im Laufe von zwanzig Sekunden so rot werden zu sehen vor Bosheit wie einen gekochten Krebs, war so leicht, als wenn man eine reife Kastanie von einem niedrighängenden Aste schlägt. Doch dieses Mal, es war das letzte Mal, fandet Ihr in Euerm Pietro, der sonst Euch nur für einen ganz außerordentlichen Schafskopf gegolten, Euern Mann! Er schlug Euch in Eure flammensprühenden Augen und fragte: Willst du das Maul halten? diavolina maledetta? Punto! Er faßte Euch in den Nacken mit scharfer Tatze und fragte: Hast du nun genug? Du boshafter Schockschwerenöter? Niente! Er stellte Euch ein Bein, daß Ihr hinsankt auf die Erde und Euer Brustkasten Euch so weh tat, als hättet Ihr wenigstens zwölf von Euern vierundzwanzig Rippen gebrochen; noch einmal rief er schäumend vor Zorn: Satan der Hölle! bist du noch nicht satt? No! No! No! und hundert Mal No rieft Ihr, und fuhrt fort zu schmähen, zu schimpfen und toben auf die allerentwürdigendste Weise! Und was tat da der Pietro? Um euern Hals knüpfte er ein Seil und an dem Seil ließ er Euch, Euch forttragend mit seiner wutempörten Faust gleich einem ohnmächtigen Feinde, hinab in den Brunnen auf Euerm Hofe! Als Ihr in dem eiskalten Wasser staket bis an den Hals, da schimpftet Ihr noch; da ließ er Euch noch tiefer hinab, daß das Wasser über Euern Kopf schlug und die eiskalte Flut Eure Rede erstickte. Noch einmal rief Pietro: Hast du genug, Tochter des Teufels? Was geschah aber da, so wahr wie ich heute zu meinem Frühstück eine halbe Maß Maraschino di Zara getrunken habe, so wahr hobt Ihr Eure beiden Arme in die Höhe und Eure beiden Däume schlugen, wie die obere Hälfte eines Vogelschnabels der untern tut, an Eure beiden Zeigefinger, als wolltet Ihr durch derlei Operation dem Pietro bedeuten, daß Ihr wohl antworten würdet, wenn Ihr nur könntet, und daß Ihr jetzt sprächet, wenn das Wasser Euch nicht die Kehle ersäufte. Da faßte den Mann ein panischer Schreck. Das Haar sträubte sich auf seinem Scheitel. Fa gli forbici! (Sie macht eine Schere!) Fa gli forbici! rief er trostlos und deutete voller Verzweiflung auf die auf- und zuschnappenden Finger. Los ließ er Euch, daß Ihr sanket bis auf des Brunnens untersten Grund, und wenige Augenblicke nachher war er mit Hab und Kind von dem Hofe verschwunden und begriffen auf der Reise nach dem Lande Hungarien, wo vielleicht die widerspenstigen Weiber noch keine »Scheren« machten, wenn sie bis über den Kopf im Wasser saßen. Ihr aber wäret sicherlich ertrunken, wenn Euch nicht Hilfe gekommen; da aber vernahm ein einfacher Fischersmann, der gerade im Brunnen war und sich und da mit Krebsen beschäftigte, von dem Unheil, das über Euerm Haupte schwebte und das Euch sicherlich den Tod gebracht hätte. Er faßte Euch mit starkem Arm und hob Euch ins Trockene! Seht, Tebalda! Der einfache Fischersmann, dem Ihr Euer Leben verdankt, war kein anderer, als ich, Bockmilch, der Euch jetzt die Forellen zum Präsent bringt!‹

›Es trifft alles zu,‹ rief das graue Weib, sich mit der vertrockneten Hand die braune Stirne streichend, ›doch ist es nicht möglich, Signor Bockmilch? Es ist nicht möglich! Ihr seht ja noch gar so jung aus, und es ist doch schon so lange her, seitdem Pietro fortgezogen in das Land Hungarien, um nimmermehr wiederzukehren. Es ist gar so lange her, und wohl bin ich steinalt geworden indessen; so alt, daß Amara ebensowohl meine Urenkelin sein könnte, wie sie meine Enkelin ist. Es ist darum nicht möglich, Signor Bockmilch! Es ist nicht möglich!‹

›Und doch ist es wahr!‹ versetzte der Fischer. ›Und ich könnte Euch den breiten, goldenen, mit Korallen ausgelegten Reif zeigen, den ich Euch, während Ihr ohnmächtig auf dem Rasen lagt, von den Fingern zog. Die Korallen bildeten die Form eines damals im Rufe großer Wunderkraft stehenden Amuletts. Von alten Zeiten her stammt der Glaube, doch, um Eure sittsamen Ohren nicht zu beleidigen, will ich die in Rede stehende Figur nicht weiter in Euer Gedächtnis zurückrufen. Bin ich Bockmilch, Euer Lebensretter?‹

›Ihr seid's,‹ versetzte die Tebalda, ›ich muß es ja glauben, wenn ich gleich es nicht zu fassen imstande bin!‹

›Und jetzt seid Ihr so krank, mein gutes Mutterchen,‹ fuhr der Fischer fort, der Alten die braune Stirne streichelnd. ›Und jetzt seid Ihr so krank und kein Doktor, nicht einmal der hochberühmte Lambertuzzi, vermag Euch zu helfen! Ich aber mag's kaum glauben, daß Ihr wirklich so schwer erkrankt seid! Eure Lippen sind rot! Eure lieben Öhrlein sind so wonniglich warm wie eben gelegte Eier! Tebalda! Lambertuzzi ist ein Esel, ist dümmer als der Schimmel, den er reitet! Ihr seid nicht krank, wenn nicht – am Herzen!‹

Die Tebalda schlug die Augen nieder, seufzte tief, zog die Bettdecke über das Haupt und schwieg.

›Ihr habt das Untertauchen nicht verlernt, wie ich sehe,‹ sagte der Fischer, ›jetzt taucht Ihr in die Federn statt in das Wasser. Antwortet mir lieber! Hab' ich nicht recht? Steckt es Euch nicht im Herzen? Regen sich nicht Gefühle in Eurer Brust, die Ihr, weil ihre Glut so schlecht zu Euern grauen Haaren paßt, bemüht seid, wenn auch vergeblich, zu bekämpfen! Antwortet Tebalda!‹

›Ihr habt recht, Signor!‹ schluchzte das Weib, die Tränen mit der Bettdecke aus den Augen wischend. ›Nur allzusehr habt Ihr recht, daß Lambertuzzi dümmer ist als das Pferd, das er reitet, denn er hat keine Idee, von dem was mir eigentlich fehlt! O, das Unheil, das über mein graues Haupt gekommen ist! O, das Unheil!‹ So wimmerte die Alte.

›Und was fehlt Euch?‹ fragte Signor Bockmilch, ›was, ich sage, was fehlt Euch? Offenbart Euch mir, vielleicht kann ich Euch helfen! Denn Forellen sind nicht die einzigen Fische, die in meine Netze laufen! Nennt mir das Unheil, das über Euer Haupt gekommen! Nennt mir den, dessen Bild sich in Euer Herz so liebeentzündend geschlichen! Wie heißt der, nach dem Ihr Sehnsucht empfindet?‹

›O, ich sterbe, daß ich es sagen muß,‹ schluchzte das graue Weibsbild. ›Es ist Lorenzo, der schwarze Lorenzo, der Teppichweber, Amaras Bräutigam, der, mit dem sie in wenigen Tagen den Ehepakt schließen will. Es ist über mich gekommen, wie Mondenschimmer kommt über die Flur: ich weiß nicht wie, ich weiß nicht woher, ich weiß nicht warum, und ich kann nicht dafür. Hab' ich's gemacht? Hab' ich darnach verlangt? Hab' ich darum gewußt, daß es so kommen würde? Hätte ich's gewußt, ich wäre lieber gestorben, denn die Schande, die ich zu fürchten habe, ist allzu groß; die Schande, wenn es unter die Leute kommt, was da mit mir vorgegangen ist; wenn ich's nicht mehr werde verbergen können, was da lebendig geworden in meinem elenden Herzen. Lieber Bockmilch! Ihr habt gewiß manche miserable Kreatur gesehen in Euerem langen, langen Leben, aber so ist noch niemand geschlagen gewesen, als ich, die unselige Alte! Ihr könntet mir sagen: Stirb doch, Tebalda! Stirb doch, wenn du es nicht länger zu ertragen vermagst, aber ich kann nicht sterben, denn es reißt mich ja hin zum glühenden Leben, wie es den Stein, der vom Berge stürzt, in den schäumenden Abgrund des strudelnden Stromes reißt! Könnte ich so jung werden an meinem Leibe, wie meine Seele ja noch so mädchenhaft jung ist! Lieber Signor! Schafft mir nur Jugend, die Liebe nachher will ich schon selber mir schaffen, denn das versteht »die alte Schere«, wie Ihr mich wohl nennen möchtet, Bockmilch! aus dem Grunde!‹

Inzwischen war es draußen totenstill geworden; der Gewittersturm aus Nord hatte ausgerast, und die finsteren Geister des Dunstkreises schienen unentschlossen, von woher sie nun weiterblasen sollten auf der Pfeife des tellurischen Unmutes, der heute ihre Seelen krampfhaft durchwühlte. Die rabenschwarzen Wolken taten ihre Fittiche auseinander, und durch die Schatten der vom Regen schweren Zweige, der jetzt, nach dem schrecklichen Kampfe, den sie gekämpft, sanft lispelnden Kastanienbäume, stahlen sich die grellen Lichter einer, über einem nadelspitzen Schneegipfel im Aufgange hangenden, totenblassen Mondes und erleuchteten das Gemach, in dem der Forellenfischer mit der Tebalda verhandelte, in märchenhafter Weise. Die bleiche Amara schlummerte noch immer, aber je milder das Wetter geworden, desto wilder wohl mußten die Träume werden, die in ihrer Seele miteinander zu ringen schienen, und manchmal, wenn sie jach aufschrie, als durchbohrte die Traumschlange ihr Herz, wandte sich Signor Bockmilch wie erschreckt und betreten nach ihr um und ließ die kargen Strähnen des Bartes an seinem Kinne durch seine sehr langen, zitternden Finger laufen. ›Also steht es so mit Euch, Madonna?‹ sagte er, die Alte fast höhnisch anblickend, aber seine Rede bebte, wie er sprach. ›Da tut Ihr denn doch dem Signor Lambertuzzi großes Unrecht, wenn Ihr ihn darum verachtet, weil er die eigentliche Wurzel Eures Leidens so wenig erkannt hat; denn wie konnte dieser Schimmelreiter wohl jemals unter seiner flatternden Zipfelmütze den Gedanken finden, daß in Eurem steinalten Herzen der Liebe wunderliche Geister wieder zu zucken begonnen? Um solche Sachen zu glauben, muß man sie eben sehen, und man muß wissen, wie ich es weiß, der da tief unten – wollte ich doch sagen, der da zwischen den Felsen am Gießbache wohnt, daß oft Frösche und Kröten, die da viele hundert Jahre im Gesteine gleichsam nur geschlummert haben, wieder lebendig werden und so tun, als wären sie erst in dem Jahre jung geworden, berührt die ans Licht geschafften mit einem Male des Frühlings wonniglicher Atem. Aber das hättet Ihr mir ja gleich sagen können! Warum denn da erst das Winseln und Stöhnen und die vielen Umschweife, Tebalda? Gebratenen Speck riechen die Mäuse sogar, aber Liebe kann man doch nicht riechen! Seht nur, Tebalda, so ein Fischersmann, der forscht in Tiefen, der kennt die Kräuter, die da wachsen auf dem von den Wässern überrieselten Felsgesteine, der weiß, was da nistet in den ausgespülten Ritzen und unter den klaren Kieseln des Bergstroms, geschweige denn da, wo das Wasser seitwärts austritt in Buchten und Baien, wo es stagniert und wo aus dem sumpfigen Gelände am Rande und im Wasser die verworrene Schar der Sumpfpflanzen emporsproßt ans Tageslicht, oder vielmehr an den Mondenschimmer der Mitternacht.‹ Signor Bockmilch machte an dieser Stelle eine Pause, um den Eindruck, den seine wunderbarliche Rede auf die Alte gemacht haben konnte, zu beobachten. Und er sah, daß ihre Augen brannten in düsterer Begierde, und er sah, daß die Haare auf ihrem Scheitel sich sträuben von innerer, erwartungsvoller Erregung; scharf blickte er sie an, lüftete seinen Hut und strich seine eigentümlich schweren, schwarzen Haare aus der sterbensbleichen, grünlichen Stirn. Dann sprach er weiter: »Seht, da gibt es eine Schlangenart, die im Wasser lebt, ich weiß nicht wie die Naturforscher es nennen, und ich glaube sogar nicht, daß Signor Lambertuzzi den Namen weiß, aber die Schlangen sehen grün aus, sind marmoriert mit gelben Punkten; ihre Augen schimmern ins Azurbläuliche, und ihre Kiefern haben ein rosenfarbiges Kolorit, ihr Biß soll giftig sein, aber sie beißen nicht, außer im Zorne. Nun gut, lassen wir das alles, denn uns gemeine Seelen kümmert ja nicht die Wissenschaft und ihre Nomenklatur, uns interessiert die Natur ja bloß insofern, als ihre Erzeugnisse und die daraus gewonnenen Präparate uns nützen oder schaden können. Und das eine will ich Euch sagen, daß, glückt es Euch, eine derartige Schlange zu erlangen, und gelingt es Euch, zum Schlusse des ersten Mondenviertels, wie es zum Beispiel heute eintritt, die Leber aus ihrem Leibe zu schneiden, und diese Leber an einem Kohlenfeuer aus Wachholder zu rösten und sie dann mit Appetit zu verspeisen, es Euch sofort wie Schuppen von den Augen, wie Schale und Hülsen von dem Antlitz fällt. Wie die Schlange alljährlich ihre Haut über ihr Haupt streift und wie sie daherwandelt, verjüngt und neugeboren, also geschieht es Euch, eßt Ihr die geröstete Leber des zaubermächtigen Tieres, Tebalda! Ihr verjüngt Euch um wenigstens fünfundfünfzig Jahre; fünfundfünfzig Jahre aber sind, wie man zu sagen pflegt, ein Bild, und dann könnt Ihr mit der Jugend blühender Gestalt, mit dem schlauen Wissen des erprobten Alters, denn die Erinnerung bleibt Euch trotz der Wiedergeburt, das erreichen, wonach Ihr trachtet, den umarmen, den Ihr liebt, den küssen, für den Ihr brennt. Und nun weiter: das erste Mondesviertel neigt sich seinem Ende, dort unter dem Kamine liegt neben den Tannenreisern ein Bündel Wachholderholz, Euer Appetit ist nicht schlecht, und es fehlt bloß noch die Schlange. Aber Euch lieben die Götter ganz besonders, auch die Schlange fehlt nicht, denn – hier ist sie,‹ sagte der langhaarige Fischer, griff in seinen Busen und langte so ein schlangenhaftes Wesen heraus, das wie kundig des Schicksals, von dem es bedroht war, ein grünschillernder, toter Ring an dem gelben Arme des Mannes hing. Mächtig erschrak die Tebalda; trotz ihres langen Lebens und der vielen überraschenden Erfahrungen, die sie gemacht und der Ruhe ihrer Lebensanschauungen, die sie im allgemeinen gewonnen, rief sie einmal über das andere: ›Signor, wollt Ihr mich töten! Soll die Freude mich töten? Es ist ja nicht möglich, nicht möglich! O, Herr der himmlischen Gnade! Ich muß glauben, daß ich träume! – Lorenzo mein! mein! Ich muß aber eilen mit dem Jungwerden, sonst tötet der freudige Schrecken die Alte. Also her mit der Schlange! Und langt mir das Messer, und setzt mir den Tiegel auf die Kohlen, schürt die Flamme und nähret sie mit dem Wachholderholze, das Ihr dort seht. Schneidet Speck in Würfel und laßt mir ihn kreischen über den Flammen.‹

›Geduld,‹ sagte der Signor, ›Geduld Madonna! Seht, ich bin so ein armer Fischersmann, der täglich in seinem ganzen armen Leben alle Tage, die die Sonne scheinen läßt, umherhantieren muß in dem kalten Gebirgswasser, wie es von den weißen Gletschern hinunterströmt ins dunkle Tal. Ihr wißt, daß ich trotz meines jugendlichen Aussehens auch schon bei Jahren bin; da pflegt denn so die vertrackte Gicht und das vermaledeite Gliederreißen nicht mehr lange auf sich warten zu lasten. Darum, Signora, muß man, wenn man so in meine Jahre kommt, sehen, wo man bleibt, und vor allen Dingen darauf denken, wie man's anfängt, um den Rest des Daseins in Ruhe zu genießen; mit einem Worte, wie man sich aus einem geplagten, ehelosen Fischersmann in einen ruhigen, wohlbeweibten Ackerbauer verwandeln kann, der auf seinem Lande so still und beglückt sitzt, wie der Schornstein auf dem Dache. Ich kann Euch darum die Schlange nicht so ohne weiteres überlassen; ich muß auch dafür, wenn auch nicht bares Geld, so doch einen Preis haben. Ohne diesen Preis kehrt hier der Ring an meinem Arm so sicher in die Sumpfflut zurück, wie noch heute Abend eine Flasche aus Gletschereis stehenden italienischen Champagners in meine Kehle einziehen wird.‹

›Gebt mir die Schlange,‹ rief die Tebalda, ›nennt mir den Preis!‹

›Der Preis,‹ sagte der Fischer, indem er sichtlich Mühe sich gab, Herr zu werden seiner furchtbaren inneren Erregung. ›Der Preis heißt – Amara!‹

›Aber Santo Antonio!‹ versetzte die Madonna, ›die Amara, die Ihr dorten sitzen seht und träumen im träumenden Mondenschein, sie ist doch kein Fisch, daß Ihr sagen könntet, Ihr hättet sie geangelt oder mit dem Netze gefischt, daß Ihr nachher sie schlachten, braten und verzehren könntet!'‹

›Nein,‹ entgegnete der Signor, ›ein Fisch zum Schlachten ist sie nicht, aber sie ist ein Mädchen zum Lieben, und wie Ihr altes, elendes Weib den schwarzen Lorenzo liebt, so liebe ich, der ich im Vergleich zu Euch bis jetzt der äußern Erscheinung nach doch eher ein Jüngling bin, Lorenzos Braut, die träumende im Mondenschein, die Amara, und ich muß sie besitzen, heute noch, Tebalda! heute noch, sonst wird nichts aus unserem Handel, nichts. Überdem behalte ich mir vor, dem Dottore Lambertuzzi Mitteilung von dem zu machen, was ich erfahren. Und nach den Grundsätzen der allopathischen Heilkunde wird er Euern überschwemmten Magen kurieren mit Brechwein und Euch, zur Heilung Eures überspannten Gehirnes ein Haarseil in den Nacken legen, wie es noch kein betrunkener Veterinärarzt einem von Rheumatismus gelähmten Ochsen gezogen hat. Soll ich die Amara haben? oder soll ich zum Lambertuzzi gehen und ihn bitten, daß er das baumwollene Haarseil auch wohl mit der spanischen Fliegensalbe bestreiche?'

›Aber,‹ rief die Tebalda, ›die Amara ist ja Braut und morgen abend schon sollte ja der Polterabend sein! Was wird der Lorenzo sagen, nehmt Ihr ihm die Braut?‹

›Das ist es ja eben,‹ versetzte der schwarzhaarige Fischer; ›das ist es ja eben, du graue Gans, was dich an das Ziel deiner Wünsche führen soll! Nenne, wenn du die Schlangenleber bratest, dreimal der Amara Namen und dreimal verfluche in deinem Herzen das Kreuz und den, der an dem Kreuze verblutet, dann wird, fällt deine alte Gestalt von deinem Leibe, dein neues Antlitz das Amaras sein, und Lorenzo, der keine Ahnung von dem haben kann, was vorgegangen, wird dich, die jetzt erbärmliche graue Gans, an sein wildflammendes Herz drücken, als wärest du die echte, die Liebreiz strahlende Amara! Und noch mehr will ich für dich tun! Ich will dir morgen abend den Brautkranz bringen, geflochten von meiner Hand; den Brautkranz, wie ihn noch keine Prinzessin auf ihrem Haupte getragen hat. Da soll die Lilie des Baches, umflochten von dem Moose der Tiefe und von der Schlingpflanze, die aus dem Grunde der Gewässer emporstrebt an das Licht, prangen neben der Lilie mit dem Kelche aus Silber und den gelben Staubfäden aus purem Golde, wie nur immer der kundige Goldschmied aus Florenz imstande gewesen sein mag, nachzuformen die köstliche Blume mit seiner künstlerischen Hand. Morgen abend um dieselbe Stunde liegt die Blume, liegt der Brautkranz hier auf dem Fenstersimse!‹

›Und was wird aus der alten Tebalda in der Meinung der Leute?‹ fragte zitternd die Alte.

›Die Tebalda ertrinkt beim Wasserholen im Ticino; tief unten in der kristallenen Flut wird ihr brauner Leib zu sehen sein,‹ versetzte der wunderbare Versucher mit der Ruhe eines Mannes, der seinen Plan so wohl durchdacht hat, daß keine Frage ihn überraschen oder verwirren kann.

Auf der Stirn der Alten perlte der Schweiß in großen Tropfen; wohl kämpfte sie einen schweren Kampf, aber der Schlangenring sah sie an mit den kleinen, klugen Äuglein so leuchtend, so verführerisch. Und es war ihr, als wenn Lorenzos liebeheißer Atem die Stirne ihr küßte. Sie war unterlegen in dem schwachen Kampfe, den sie gekämpft. Wild fuhr sie auf, riß die Schlange an sich und sprach: ›Nimm dir das Mädchen, nimm dir meine Enkelin Amara! Aber wie willst du sie fortführen? Sie wird schreien, sieht sie sich in deinen Armen, sie wird schreien, daß hinter jedem Felsen ein Mensch hervortreten wird, der ihr hilft und dich zu Boden schmettert, Bockmilch! Und wenn nun gar erst der Lorenzo kommt, der, wenn er über die Berge steigt, stets den Stutzen auf den Rücken führt, der die Gemse trifft im Sprunge über den Abgrund, dann hüte dich, Mensch! er bläst dir das Lebenslicht aus mit seiner Kugel, ehe du dreimal drei zählen kannst!‹

›Amara wird nicht schreien! darauf verlaßt Euch, Tebalda,‹ versetzte bebend vor heißer Ungeduld der Fischer. ›Ich hauche sie an mit meinem Atem, und sie folgt mir, ohne aufzuwachen aus ihren Träumen, so willig, wie ein Lamm dem Schlächter folgt, der es zur Schlachtbank führt. Und nun denn, um den Handel abzumachen, da habt Ihr die Schlange, gebt mir das Mädchen!‹

Und wie der Hai der Tiefe losfährt auf den wehrlosen Fisch, so sprang der schwarze Fischer nach der schlummernden Maid, und wie er sie angehaucht mit dem Hauche seines Mundes, da reichte das arme Kind dem diabolischen Gesellen willig den schneeweißen Arm; aber die Träne träufte aus dem Auge, das wie im fortwährenden Traume fest geschlossen blieb. Er führte sie, nachdem er den spitzen, schwarzen Hut tief in die Stirn gezogen, der Tür zu, doch dort schien er sich zu besinnen, und vielleicht weil der unheimliche Bursche fürchten mochte, vor der Tür oder auf dem Wege nach der Tür dem Lorenzo zu begegnen, wandte er sich wieder weg von dieser und nahm, das Mägdelein am Arme, den Weg nach dem Fenster, zu dem er auch vorher ins Zimmer gestiegen war. Er hob das Kind mit starken Armen hinaus, und dann folgte er ihr, faßte sie wieder an und bald seinen Arm um die schlanke Hüfte schlingend, führte er sie links seitwärts in der Richtung, in der man den Ticino, der sein kristallenes Herz an dem Taue des Himmels heute so recht innig gelabt, vom Berge niederbrausen hörte. Inzwischen hatte sich ein Sirokko erhoben, der mit glühendem Atem, das Brandmal der Sahara, in der er geboren war, auf seiner Stirne tragend, die Gegend durchwandelte; ihn mochte gelüsten, den hirnverbrannten Gesellen aus Afrika, seine lechzende und ihm aus dem Halse hangende dürre Zunge zu erquicken an den Gletschern, die er dort oben so weiß und herrliche Kühlung versprechend, schimmern sah. Die Dünste, die er vor sich herfegte, hingen sich um den silbernen Mond und übergossen sein Antlitz mit dunklem Purpur. Ein roter Schein legte sich über Berg und Tal; die Kastanienbäume schlugen wild um sich mit den vom Glutenwinde gepeitschten Ästen, gleichwie mit Armen und Beinen, und glichen dunklen Weibspersonen, die in Liebeswahnsinn sich die Haare zerraufen und in zärtlichen Krämpfen sich unsinnig gebärden. Und da wandelte der dunkle Mann mit dem totenbleichen, träumenden Kinde; da wandelte er und des Mondes rote Glut beleuchtete das seltsame Paar, das wie in bengalisches Feuer gebadet den Berg hinanschwankte. Die Großmutter, die den Schlangenring in der krampfig geballten Faust hielt, blickte ihnen nach, das spitze Kinn in die aufgestemmte Linke gestützt, so sah sie durch die Scheiben, und sie sah, wie die beiden endlich verschwanden in der dämmernden Nacht. Aber keine Träne rollte über die braune Wange; kein Seufzer hob den vertrockneten Busen. Im Gegenteil: wilder Triumph jauchzte durch die graue Seele, wie Amara anfing an ihrem Gesichtskreis unterzugehen, als wenn es ihr so vorkam, daß Signor Bockmilch, ihr nunmehriger Enkelsohn, den Hut lüftete zum Gruß und die Kußhand ihr zuwarf durch die Nacht, da erwiderte sie den Gruß, indem sie nickte mit dem trockenen Haupte, und ihre spitzen Finger drückten sich auf die schmalen, verblichenen Lippen. Sofort aber begann sie nun das Zauberwerk, das sich in dieser Nacht vollenden sollte. Mit einer Hurtigkeit, die man nimmer der zitternden Greisin hätte Zutrauen mögen, sprang sie geschäftig, wie das heusammelnde Murmeltier der Hochalp, im Zimmer umher, und zündete das Feuer und siedete das Wasser und schlachtete die Schlange, und weidete sie aus, und dann bereitete sie das zaubermächtige Eingeweide, wie der schwarze Fischer es ihr geheißen. Verglich ich, meine freundlichen Zuhörer, den Fischer mit dem Haie, der auf den wehrlosen Fisch zuschießt, so vergleiche ich nun die in Liebesflammen brennende Alte, wie sie die Leber verspeist mit dem eingefallenen, zahnlosen Munde, so vergleiche ich sie mit dem Habicht, der die Taube verzehrt. Und war Signor Bockmilch ein Schwindler, ein Betrüger? Nein! antwortete ich auf die Frage, die ich mir selber aufwerfe, er war kein Schwindler, er war kein Betrüger; er war so ein ehrlicher Kerl, als nur immer einer seine Netze hinabgelassen in die blauen Fluten des Ticino. Denn beim Santo Godardo!, sowie die gierige Alte die Zauberleber hinabgeschlungen, so begann das Werk, so wahr ich lebe, so begann das Werk, und wünschen möchte ich nur, daß es mir vergönnt wäre, ich könnte Euch denselben Spiegel vorhalten, den sich die Monna Tebalda nun vorhielt. Ha! da sitzt sie auf dem Fußschemel unter dem Fensterbrett und fängt die letzten Strahlen des in den Zenit steigenden Mondes auf mit ihrem Glase: wie sie lächelt vor innerem Behagen, denn sie sieht, wie die eckigen Konturen des dürren Angesichtes aufschwellen, sie sieht wie die Linien sich runden, wie die Gruben und Runzeln sich füllen, wie die Narben vergehen, vor allen Dingen wie der böse, gleich einem Hahnenkamme von ihrer Nase herabhängende blaue Zipfel weggeht und verschwindet, als wäre er fortgeblasen. Und nun, heiliger Gott! da schaut ein ganz anderes Gesicht aus dem Spiegel. Das ist ja Amara, die glückliche Amara, die sie anblickt. Tief versunken sitzt sie und beschaut ihr neugeborenes Bild in dem gesegneten Glase, und das Gefühl des höchsten Glückes, die Seligkeit des gekrönten Wunsches wird wach in ihrem Herzen.

Endlich, da der Strahl der aufflammenden Morgenröte an den Schneegipfeln zitterte und wie ein blutiger Stern dahing in der Gebirgsnacht, die noch tief ringsumher waltete, und wie das Morgenrot immer tiefer den Berg hinabklomm, da erwachte sie aus ihrer seligen Betäubung; und nun sprang sie nach dem Schlüsselbunde, das an der Stubentür hing, und dann schwebte ihr jugendlicher Fuß zu der großen Lade mit blau und rot bemaltem Deckel, die neben dem Webestuhle stand, und sie nahm von den Kleidern, die Amara gehörten, ein blauseidnes Röckchen mit weißen, der Länge nach verlaufenden Streifen und ein rotsammetnes Mieder, das über die wogende Brust mit silbernen Schnüren zusammengefügt wurde, und sie nahm Ärmel von weißem Battist, die von der Achsel an die Arme bis zum Handgelenke verhüllten, und sie nahm ein Fläschlein mit köstlichem Rosenöl, das sie auf ihr Haupt schüttete. Voll goß die Morgensonne ihre flammenden Gluten in das einsame Zimmer, und da stand sie, die strahlende Königin der Schönheit und der Jugend, selbstherrlich wie die flammende Morgensonne. Der süße Duft des Rosenöles mußte ihr zu Haupte gestiegen sein; sie wurde müde und an derselben Stelle, an der wir vorher Amara im Mondenschein gesehen, saß jetzt in der roten Morgensonnenflamme ihr eben geborenes Ebenbild. Da berührten Klänge das träumende Ohr: es war der Schlummernden wechselweis zumut, als könnte ihr Ohr die Ausströmungen der süßen Narden, die sie vergossen, mit dem Ohre vernehmen, wie die Klänge, die sie hörte, sich in Düfte zu verwandeln schienen, die sie einatmen konnte. Doch da erwachte sie zu vollem Bewußtsein, und sie hörte die Klänge der Mandoline tönen durch das Ächzen und Wimmern des noch immer brausenden Sirokkos. Das war Lorenzo, der schwarze Lorenzo, der seinem minniglichen Bräutlein die Morgenserenade brachte, denn singen hatte der schwarze Bursche gelernt, war er doch weit hinaus gewesen in der Welt, und hatte er es doch so weit gebracht, sowohl die spanische Romanze, als wie die italienische Kanzone und das deutsche Liedlein zur Mandoline zu singen und in seinem Akkompagnement Tonfiguren anzubringen, die jedem Musiker das Herz erquicken mußten. Ja! er soll, wie man mir gesagt und an Eidesstatt versichert hat, der Applizierung von Triolen außerordentlich mächtig gewesen sein, und mit dieser schwierigen Klangfigur um sich geworfen haben, wie ein Jongleur mit der blitzenden Kugel. Die Tebalda konnte sich vor Wonne kaum fassen, als sie die Klänge vernahm, die der kunstfertige Jüngling jetzt doch lediglich, wie nicht mehr zu bestreiten war, ihretwegen seinem köstlichen Saitenspiele entlockte; und als nun die Tür aufging, als der feurige Knabe hereinstürzte und die bebende Maid an sein Herz schloß mit liebeverlangendem Ungestüm, da meinte sie, ihre Seele müßte ausgehen wie ein Licht, das der Zugwind trifft, aber sie war von guter Art, und ihre Seele ging nicht aus, im Gegenteil, sie entfaltete sich erst recht, wie die Knospen tun, wenn der Tau der Nacht in ihre Kelche dringen will; und so blieb sie stark genug von der Seligkeit, mit der Lorenzos Küsse sie übergossen, nicht zugrunde zu gehen. Aber Lorenzo, so muß ich hier auch zu der Tebalda Entschuldigung anführen, war auch so ein Kerlchen, das wie gemacht schien, den Weibsleuten den Kopf zu verdrehen. Schlank war sein Leib, wie das Rohr im Schilfe; und kraftvoll und langatmig seine mächtige Brust, rundlich waren die Schenkel und klein der behende Fuß. Das Bärtchen an seiner Oberlippe, das infolge einer eigentümlichen Laune der Natur des Intervalls in der Mitte entbehrte, rundete sich in herausforderndem Bogen gleich dem des Liebesgottes, auf dem statt des Pfeiles stets das lustige Wort und der muntere Einfall saß, denn Lorenzo war ein so rechter Hauptspitzbub, dem die Lazzis und komischen Schwänke nimmermehr ausgingen und alle wurden. Des Auges will ich geschweigen, da mir darüber keine weitere Kunde geworden, aber was das Kostüm betrifft, in welchem mein Bürschlein sich Euch präsentiert, so kann ich euch melden, daß der grüne Sammet, aus dem der erste Modeschneider in Airolo seine langschößige Jacke fabriziert, lionesischer Herkunft war, daß die Knöpfe der grünen Sammetjacke silbern waren, und daß die weite, rote Pumphose, die über die Knie etwas hinabreichte, unten mit Spitzen besetzt war, die würdige Schwestern der Brabantiner genannt zu werden verdienten. Der Hut auf dem schwarzen, klugen Haupte war mit einer echt goldenen Schnur umwickelt, und zeigte vorn eine Agraffe, die die Spielhahnfeder mit dem Gemsbarte vereinigte. So trat er ins Zimmer; die Mandoline hing an seinem Halse. › O per Bacco!‹ sagte er, ›meine teure Amara, verzeihe mir!, wenn ich so früh komme, aber ich konnte nicht schlafen vor lauter Freude, nicht schlafen. Denke dir, gestern, gleich nach dem Ave Maria kam die Freude über mich, wie der Sonnenstrahl über den Gletscher kommt; ich vermochte es nicht, mich zu halten, mir war zumute, ich müßte statt auf dem Stuhl am Webebaum auf die Gewitterwolke steigen, um in den Himmel zu reiten und dort zu verkünden, wie glücklich ich bin! Und du, schon so früh auf, Amara! und so herrlich geschmückt!«

›Auch ich konnte nicht schlafen,‹ erwiderte keck die Tebalda; ›der Gedanke an den glücklichen Abend heute, an die frohe Aussicht unseres Lebens ließ mir keine Rast. Und da der Sirokko überdem so heftig wehte und alles anfüllte mit seiner verzehrenden Glut, auch die Großmutter keine Ruhe hatte im heißen Bette und früh hinausging, – es war, glaube ich, noch nicht dreiundzwanzig Uhr –, um frisches Wasser zu holen vom Ticino, denn sie hatte gestern abend stark gepfefferte Forellen gegessen und ihr Durst war groß, – so bin auch ich aufgestanden, und weil ich weiter nichts zu tun gehabt, habe ich mich gleich in meinen Putz geworfen, wie ich ihn mir zu unserem Polterabend bestellt hatte! Gefall' ich dir denn auch, caro mio Lorenzo!‹

Ma per Dio!‹ erwiderte mit seligem Lächeln der glückliche Teppichweber. ›Du bist schön, Amara! wie der Stern, der um Mitternacht über dem Gotthard zu stehen pflegt, ich glaube, es ist der Schmuck in der Tiara des Heiligen. Doch eins muß ich dir sagen, möchte es nur deine Freude nicht trüben und deinen Wonnebecher nicht vergällen! Ich glaube, Amara, die Tebalda ist nicht mehr! Großmutter ist tot, Amara! Ich muß es dir doch sagen, aber erschrick nur nicht und ängstige dich nicht und stirb mir nicht, mein süßes Bräutchen. Sieh! nicht bloß die gepfefferte Forelle macht durstig, auch die Freude macht durstig, die man mit heißem, roten italienischen Weine begießt. Und da ich mich gestern, wie ich dir erzählt, so sehr gefreut habe, und während des Gewitters mit dem Giacomuzzo, der sich so sehr vor dem Blitzen fürchtet, an die vierzehn Foglietten dunkelroten, schweren Friaulers getrunken, so hatte ich heute morgen mitsamt dem Giacomuzzo, der über Nacht bei mir geblieben war und auf dem Webestuhle geschlafen hatte, einen wirklich frevelhaften Durst. Da überdem der Giacomuzzo an kalte Bäder gewöhnt ist, so gingen wir heute ganz früh zum Ticino; er, um zu trinken und zu baden, ich bloß um zu trinken von dem eiskalten Strome, der mit dem Haupte auf dem Gletscher ruht, während sein Fuß in den Wogen des Lago maggiore sich badet. Kennst du den granitnen Felskoloß, der an der ersten Biegung, die der Strom in seinem noch so jungen Leben macht, aus dem Winkel herausspringt und mit seiner drohenden steinernen Faust dem lustigen Brausequell, der so munter ins Leben stürmt, den ersten Strich durch die Rechnung zu machen scheint? Von dem Felskoloß, auf dessen Kuppe eine Pinie steht und ein Kreuz, das die fromme Hand hier irgendeinem verunglückten Wanderer gesetzt, gehen Stufen, die man in den Stein gehauen, hinab zu dem Spiegel des hier in prächtiger Kaskade über das unter dem Wasser befindliche Gestein stürzenden und mächtige Wogen schlagenden, die erquicklichsten Bäder spendenden Stromes. Giacomuzzo, der nach dem Wasser lechzte, wie der Hirsch, der von der Brunft kommt, hatte im Augenblick seine Kleider abgetan, und da stand der schwarzbraune, affenähnliche Kerl mit den über die Knie hinabhängenden Paviansarmen mutternackt und wollte hinabspringen in die zerschellenden Kristalle. Da, mit einem Male, blickt er in die Tiefe; er schreit auf, und wie ein Rasender brüllend: ecco! ecco! ecco! ist er hinab von der Staffel des Steins und fort läuft das nackte, schwarzbraune Ungetüm, als ritte der Satan hinter ihm. Ich, Amara, blicke nun in die Tiefe und was sehe ich da? Da sehe ich deine Großmutter; die so natürlich dasitzt auf dem grünbemoosten Steine, als säße sie hier im Stübchen auf einem Sessel; ihr graues Haar war aufgelöst und floß dahin in seinen silbernen Strähnen mit der Woge des Bergquells. Zuweilen kam es mir vor, als lebte sie, denn es war, als wiegte sich ihr Haupt, aber es wird wohl die Woge gewesen sein, die es bewegt hat. Und wieder schaute ich hin, da war das Wasser trüb geworden; der von dem Berge niederströmende Guß hatte eine große Scholle braunen Sandes irgendwo mit abgerissen und mit dem Strome hinabgeschwemmt. Mich aber faßte Grauen und Sehnsucht zu gleicher Zeit, Sehnsucht nach dir. Ich nahm des Giacomuzzo Kleider und trug sie in mein Haus. Dort mag der braune Badegast, wenn er von seinem panischen Schrecken sich erholt haben wird, dieselben wieder ablangen und seine schnöde Blöße verdecken. Dann eilte ich zu dir. Wir sind so glücklich, so überschwenglich glücklich, Amaretta! Aber der so plötzliche Tod der alten Frau hat mich doch einigermaßen verstimmt.‹

›Laß sie ruhen,‹ sagte die Tebalda, ›laß sie ruhen! Es kann niemand seinem Geschicke entgehen; und hat es nicht Tage gegeben, an denen du sie oft bis in die Hölle verflucht. Es war doch ein recht böses, altes Weib!‹

›Eine recht nichtsnutzige Kanaille,‹ entgegnete der Lorenzo. ›Aber ist denn alles bereitet zu dem Feste, das an den Türen unseres Paradieses gefeiert werden soll?‹

›Alles,‹ versetzte die Tebalda, die denn doch über die Ehrentitelchen, die ihr nach ihrem vermuteten Hingange beigelegt wurden, etwas betreten war. ›Alles,‹ fügte sie sich fassend hinzu, ›alles, mein carissimo Lorenzo. Die Gäste sind sämtlich geladen und sie haben auch alle zugesagt; nur der Dottore Lambertuzzi hat absagen lassen, so ein Doktor ist nun einmal eine so abscheulich geplagte Kreatur, die keinen Moment Ruhe und Freiheit mehr auf der lieben Erde hat; aber lassen wir ihn, der maskierte Ball, den sie uns geben werden, wird doch brillant genug werden, und es wird weder an einem Bagliazzo, in weißer Hose und weißer Jacke mit roten Knöpfen, noch an dem Signor Pantaleone fehlen, der den runden Hut auf dem Haupte und das kleine Höckerchen auf dem Rücken hat. Auch der rote Truffaldino mit seinem schwarzen Mäntelchen auf der Schulter wird kommen. Und Wein ist im Keller, Wein, Lorenzo! Könnten wir der Großmutter auf ihrem Steine im Ticino nur ein einziges Glas von dem Cyprier kredenzen, den wir aus Genua bekommen haben, per Bacco! ich wette, sie würde gesund und lebendig wie eine Forelle und dächte gar nicht mehr daran, daß sie eigentlich tot ist; und die Torte solltest du sehen mit der Zuckerpyramide, die uns der Onkel aus Cremona geschickt hat; ein silberner kleiner Kerl mit einer Posaune im Munde steht obenauf und scheint in alle Welt hinauszublasen, daß hier eine Hochzeit gefeiert wird, wie das Ticiner Tal sie bis zu dieser Stunde noch nicht erlebt hat!‹

›Und der Brautkranz?‹ fragte Lorenzo.

Tebalda zuckte unwillkürlich, als sie die Frage vernahm, dann sagte sie: ›Sei ruhig, Lorenzo! Auch der Brautkranz wird kommen! Und welch ein Brautkranz! Er kommt zur bestimmten Stunde!‹

›Nun dann,‹ jubelte der fröhliche Bräutigam, ›dann ist alles in Ordnung, und wir können fröhlich und selig sein! Amara! ich bin gar so unendlich glücklich, daß ich für heute und morgen mein ganzes Leben hingeben könnte, dich besitzen und dann sterben!‹

›O, sprich mir nicht von Sterben,« entgegnete die Tebalda. ›Nicht mehr von Sterben, hörst du, Lorenzo! Sterben ist langweilig; und wir wollen diesen verwünschten Gedanken gar nicht denken; leben wollen wir, genießen und glücklich sein! Spiel' mir die Tarantella! Ich will die Tarantella tanzen! Und dann trinke Wein, mein Süßer, bis dir die Sinne vergehen, und dann küsse mich, bis mir die Sinne vergehen!‹ –

Lorenzo spielte; der Sirokko war stumm geworden und mischte nicht die dröhnenden Klänge seines wilden Liedes in die Töne der Mandoline; es war so still draußen, daß man die Bienen hören konnte, die die weißen, prachtvoll schimmernden Blütenkerzen der Kastanienbäume summend umschwärmten; es war so still draußen, daß man glaubte, es vernehmen zu können, löste der schmelzende Strahl der Sonne kleine Bälle von den Schneegipfeln ringsumher, und stießen die schwarzen erdschweren Wolken mit ihren Stirnen an die Felsenzacken und Eisnadeln, die hier überall in den Himmel ragen. Aber der Tag verfloß, die Sonne versank hinter den Wolkenvorhängen und da wurde es lebendig in dem Häuschen, in dem bis jetzt das liebende Paar einsam gewaltet. In Scharen kamen zu Pferde und zu Wagen die Gäste und bald raste der Tanz in dem Raume, aus dem für heute der Webstuhl entfernt worden war. Ja, da war er, der ungelenke, täppische, plumpe Bagliazzo in seinem schneeweißen Kostüme, der langschößigen Jacke und den ungeheuern Flatterhosen, beide mit purpurfarbigen, kolossalen Knöpfen besetzt, die gleichfarbige Schürze flatterte um die dicke Hüfte, und so flog der plumpe, dämische und doch schlaue Gesell am Arme seiner ganz roten Donna, die mit überzogener Kapuze, weißen Knöpfen und weißer Schürze ausstaffiert war, über den reingefegten Estrich. Und da war ja unser Freund der Arlequino, in der Jacke aus bunten Lappen, die mit dem Beinkleid ohne weitern Unterschied zusammenfließt; auf seinem Haupte die spitzige, lustige Kappe von weißem Filze, an seiner Seite den Narrenschlägel, in seinem Arme die ebenso buntscheckig kostümierte Madonna, deren Beine mit karrierten Gamaschen bekleidet waren. Und da fehlt wahrlich ebensowenig der Pantaleone, als wie der Truffaldino; jener, der plumpe Pfiffkopf, dessen Anzug halb grün und halb weiß ist; dieser, der ehrliche Haushahn, in roten, enganliegenden Kleidern mit schwarzem Mantel; seine Donna in buntem Kleide, das der Breite nach gestreift ist. – Und da begann nun das lustige Spiel, in dem jeder Takt der Musik, nach dem die Tänzer hüpfen, sich in einen ebenso närrischen, wunderlichen Kerl zu verwandeln schien, als wie die Tänzer selbst waren. Da übertölpelte der plump-pfiffige Pantaleone den noch roheren Bagliazzo, bis er selbst, nachdem er des kurzen Triumphes sich erfreut, von dem bunten Arlequino in einer Weise abgetrumpft wurde, die zuletzt mit einer schmählichen Niederlage endete. Und da neckte sich das Maskenheer in wildem Durcheinander, bis sie endlich gegen den ehrlichen Truffaldino Partei nahmen und den guten Mann, der gar so schwärmerisch seine Donna liebte, von dieser wegdrängten und ihn durch diese Behandlung in eine tiefe, tiefe Schwermut versetzten. Die Tebalda hatte, nachdem der letzte Sonnenstrahl versunken, bunte Lampen im Zimmer ausgehängt, die aus rotem, grünen und gelben Papier verfertigt waren und zu dem Maskenscherze ein so zauberisches Dämmerlicht spendeten, als nur immer erwünscht werden konnte. Doch war sie gar nicht so recht vergnügt, obgleich sie sich alle Mühe gab, so zu scheinen, und auf ihren Anteil mehr Cyprier und Astiwein genossen hatte, als sämtliche Gäste zusammengenommen; denn viele Male schon war sie ans Fenster getreten, aber den Kranz, den ihr der Signor mit Hand und Mund versprochen hatte, den konnte sie nicht finden.

Schon wurde die zweite Kollation umhergereicht; die Gäste waren so lustig und guter Dinge, daß sie kaum mehr vor Fröhlichkeit sich zu fassen vermochten; Lorenzo sprang mit den Schaumweinpfropfen in Kompagnie bis an die Decke, da trat sie abermals an das Fenster. Und siehe! oder vielmehr, seht meine Herren, da wurde im selbigen Augenblick der so lang vermißte Brautkranz zum halbgeöffneten Fenster hereingelangt; ja, wahr und wahrhaftig, und will ich, der Euch wohlbekannte Signor »Pferd« eine Kanaille sein, der jeder Priester die Absolution verweigert, wenn nicht alles, was ich hier vortrage, buchstäblich wahr ist; wahr und wahrhaftig! da lag der Kranz, wie ihn bis zur Zeit, als in welcher diese meine Geschichte spielt, noch keine Königsbraut getragen hat. Da lag die Lilie des Baches, umflochten von dem Moose der Tiefe und von der Schlingpflanze, die aus dem Grunde der Gewässer emporstrebt an das Licht; da prangte die Lilie des Baches neben der Lilie mit dem Kelche von Silber und den gelben Staubfäden aus purem Golde. Wahnsinniges Entzücken erfaßte das Weib, als sie das köstliche Kleinod vor sich liegen sah; und sie setzte es auf ihr Haupt und sie winkte den Musikanten, und begeistert von den Gluten des Weines und von den Vorgefühlen der himmlischen Seligkeit, die sie zu hoffen wagte, begann sie zu tanzen an Lorenzos Arm in wilden Kreisen. Ha! wie jauchzten die Ringsumstehenden Beifall dem schönen Paar, wie es hinwirbelte wie der Blitz über den dröhnenden Estrich.

Doch, meine Freunde und Zuhörer! was nun geschah, werdet Ihr mir nimmermehr glauben, wenn ich euch nicht abermals bei der einstigen Seligkeit meiner armen Seele schwören könnte, daß ich euch nur lautere Wahrheit verkünde. Und so hört denn! und hört! Staunet zwar, doch glaubt mir auch! Wie die zwei strahlend vor Freude und glühend vor Liebe, leicht wie Vöglein mit ausgespannten Schwingen hinflattern über den glatten Boden, oder frisch wie silbernschimmernde Fische sich baden in den wallenden Wogen der süßen Melodien, die ihm aufgespielt werden zum jubelnden Reigen, da ertönt ein gellender Schrei aus dem Munde der Tänzerin, aus Tebaldas Munde, und mit Entsetzten schauen die ringsumstehenden und dem federleichten Tanze zuschauenden Masken, daß die Schlingpflanzen in dem köstlichen Brautkranze, den die Tebalda auf ihrem Haupte trägt, sich in ebenso viele ganz abscheuliche grüne, schwarze und rote Schlangen verwandelt haben, die nach dem Gesetze der Zentrifugalkraft zwar weit abstehen vom Haupte und horizontal in der Luft zappeln, aber mit schrecklicher Energie bemüht sind, die spitze Zunge, die lechzende, die aus den schmalen Kinnen heraushängt, de Halse und dem Munde der Tänzerin zu nähern und den immer länger wachsenden Leib erstickend um den Körper zu schlingen, die eine dämonische Macht zur Vernichtung ihnen preisgegeben. Schrecklich schreien sie auf vor furchtbarer Verwunderung, alle die bunten Masken, die vor wenigen Minuten noch so heiter und guter Dinge waren. Ihre Hände suchen erst nach dem Kreuze und dem Rosenkranze, den Gegenständen, die ein Katholik selbst auf den Maskenball mitzunehmen nimmermehr vergißt; dann aber eilen sie, um zu entfliehen, nach der Türe, doch ehe sie die Klinke ergreifen und die Türe aufmachen können, vernehmen sie, daß im selbigen Augenblicke ein furchtbares Unwetter, wie es nur in unseren Bergen so rasch geboren werden kann, sich wieder aufgemacht, daß der Föhn rast und daß der Platzregen mit schwerer Gewalt schrecklich niederprasselt. Seine pfundschweren Tropfen aber sind mit entsetzlichen Schloßen, ja mit wirklichen Feldsteinen, mit viele Pfund schweren, von Gletschern losgerissenen Eissplittern vermischt, die binnen der Zeit, in der ein Mensch fünf Atemzüge tun kann, die Scheiben der Fenster zertrümmert und den Estrich, der noch heiß war vom wirbelnden Tanze, mit eiskalter Flut übergossen haben. Und um die furchtbaren Schrecken, die so plötzlich eingezogen in die stille Hütte, noch zu steigern, ruft durch den Raum eine zeternde Stimme: Ahi lassi salvatevi! Rettet Euch! denn die Lawine kommt! Rettet Euch vor der Lawine! – Und der das gesagt, macht die Tür auf und schaut in den Raum, in dem nur noch eine einzige flackernde Lampe die dämonische Finsternis und die wüste Verworrenheit bescheint, und der zur Rettung auffordert, glich keinem Engel, er glich eher einem Kobold und einem Teufel, denn es war der braune Giacomuzzo. Nun versuchten sie zu fliehen, aber die bebenden Füße mochten die Flüchtigen nicht zu tragen, und wenn auch die Türe offenstand, so konnten sie dieselbe doch nicht finden, und sie gingen eher an den Wänden in die Höhe, denn die fürchterlichen Schreie, die die von Schlangen nun ganz umwundene Tebalda ausstieß, kristallisierten das Blut in den Adern und machten den Gedanken im Hirne erfrieren. Der Anblick der Schlangenbraut war um so grausenerregender, als allmählich der Zauber seine Kraft verlor, und die häßlichen Schatten des Alters sich wieder niedersenkten auf das von der schrecklichsten Angst gefolterte Angesicht. So kam dieses Mal die Lawine des Gotthard wie eine Erlöserin; schrecklich zwar prasselte sie nieder von seinen Gipfeln auf die unter ihrer fürchterlichen Wucht einstürzende Hütte, aber sie war drum eine Erlöserin, denn sie befreite alle, die darin waren, von der entsetzlichen Angst, die über ihr Dasein gekommen, und begrub sie alle, deren Haupt infolge der ernsten Erlebnisse des Abends doch dem Wahnsinn zum Opfer gefallen wären, unter ihrem weißen friedlichen Leichentuche, und Truffaldino so gut wie Bagliazzo, Pantalione und Arlequino hatten ihren letzten Maskenball mitgemacht. Nur einer soll entkommen sein, der Giacomuzzo, doch hat man nie wieder etwas von ihm vernommen; vermutlich hat er sich ein Leides getan oder die Geister der Bergwässer, die wilden und grausamen Gesellen, unzufrieden, daß auch nur einer dem Verhängnisse entronnen, in dessen Macht alle die Unglücklichen infolge von Tebaldas schändlichem Handel und ihrer Wiedergeburt sie gegeben, haben ihm das Garaus gemacht. In derselben Nacht trat sehr kaltes Wetter ein; Ihr wißt, meine Freunde, darin können unsere Berge etwas leisten, mehrere Wochen hingen die schweren, frostigen Wolken bis tief in die Täler und fingen jeden Sonnenstrahl auf, woher es kam, daß es sehr lange dauerte, bis die Lawine geschmolzen war, und bis jemand den Platz, auf dem ein so grauses Verhängnis gewaltet, besuchen konnte. Da war es denn seltsam anzusehen, wie der seitdem in tiefe Schwermut versunkene Dottore Lambertuzzi dastand, sein schneeweiß Rößlein am Zügel haltend, angelehnt an den einzigen Pfeiler, der von dem Unglückshause stehengeblieben, und wie er forschte nach den Überresten seiner Freunde, aber vergeblich, denn die wilde Lawine hatte sie alle zu Pulver zermalmt, und es war weder von den Schlangen noch von der Menschengestalt, um die die Ungetüme sich geringelt, auch nur ein Atom übrig; nur die Knöchlein von zwei Fingern fanden sich noch vor. Unser Anatom erkannte sie sofort für die Reste von Daumen und Zeigefinger, und es werden wohl Tebaldas Gebeine und die gewesen sein, mit denen sie damals aus der Tiefe des Gewässers die Scherenpantomime gemacht hatte. Und so, meine werten Freunde! endet von der »Großmutter Schlangenbraut« die nur allzu wahre Historie; ich aber will nur wünschen, daß meine Erzählung euch um vieles besser bekommen möge, als der Tebalda die Schlangenleber, als dem Lorenzo das Heiraten oder wenigstens ebensogut, als wie ich hoffe, daß mir dies Glas Welscher bekommen möge, das ich der Gastfreundschaft des Santo Godardo verdanke! Und so rufe ich:

Evviva Santo Godardo!

 

Hier schwieg das wackere »Pferd« und versenkte den, vielleicht doch fälschlicherweise für seine Nase gehaltenen roten Papageienschnabel mit einem Behagen in die vor ihm stehende, gleich einem purpurnen Sterne funkelnde Foglietta, um das ihn auch jemand, der ein geringerer Gutschmecker als ich selbst gewesen, wohl hätte beneiden können. Der alte Berg aber schien den ihm ausgebrachten Toast zu erwidern; denn so sauste der Regensturm, daß es war, als schüttelte er zum Danke seinen Gipfel. Der Signore »Prete« bekreuzte sich viele Male, als wollte er sich schützen vor den vielen sinnlich grinsenden Geistern, die aus der angehörten, unchristlichen Geschichte höhnend ihn ansahen. Doch die Mägdelein und der Zuhörerchor in dem Raume da an der Fensternische, zollten dem Erzähler den lautesten und herzlichsten Beifall. » Maledetto!« rief der eine. » Ma belissimo questo!« der andere. » Santo Antonio! Santo Urbino!« ein dritter, und ein vierter gar konnte sich nicht enthalten in jene Interjektion auszubrechen, die man in Italien auf Schritt und Tritt hört, die aber hier nicht wohl wiederzugeben ist. »Aber,« rief ein pisperndes Stimmchen, das einem ganz kleinen, dünnen Kerlchen angehörte, der auf dem Fensterbänkchen saß und die ganze Zeit so stumm wie ein Murmeltier sich verhalten hatte, »aber,« rief das Bengelchen, »wer ist denn nun eigentlich der Signor Bockmilch gewesen, so möchte ich Euch fragen, Signor Cavallo!«

»Möchtest du fragen, Diavolino,« versetzte das »Pferd«, sich den Mund abwischend, nicht ohne einen gewissen Ingrimm bei seiner Rede an den Tag zu legen. »Möchtest du fragen, wer er gewesen ist? Frage lieber, wer er ist? Denn, hüte dich, Bube! daß du nicht eines schönen Morgens ihm selbst oder einem seiner Herren Söhne in die Hände fallen mögest, gehst du Forellen stehlen, wenn nicht gar baden in den Ticino oder in die Reuß. Ich selbst, wie oft bin ich nicht auf meinen einsamen Bergwanderungen, hatte ich nun Dienst und zog gegen die Pascher aus, oder ging ich bloß promenieren, dem tückischen Necken und seinen Söhnen begegnet. Ob diese Söhne übrigens zum Teil von der Amara abstammen, weiß ich nicht, aber ich möchte es fast glauben, denn sehr wohl bin ich von dem Umstande unterrichtet, daß der Signore noch kein Weib so geliebt hat, als die Amara, und anzunehmen, daß die Leiche, die Lorenzo und Giacomuzzo im Ticino gesehen und die sie für die der Großmutter gehalten, der Kadaver der Amara gewesen, deren der Neck so bald überdrüssig geworden, ist ein Unsinn; ich halte vielmehr das, was die beiden erblickt, für ein Blendwerk, für ein Gaukelspiel, das die Geister vielleicht nicht ohne Absicht angestellt. Also, Diavolino! du kleines Murmeltier, hüte dich! denn Signor Bockmilch kann die dummen Jungen ebensowenig leiden als die alten Weiber, und wenn er ihnen auch keine Schlangenlebern zu essen gibt, so liebt er es doch, ihnen gelegentlich ein Bein zu stellen, daß ihnen die Rippen im Leibe knacken! Und nun » Felicissima notte! Signori!«

»Ja, laßt uns schlafen gehn,« sagte der Priester, »und gelobe mir ein jeder von euch, daß er, um sein von dem Geisterspuk aufgeregtes Gemüt zu beruhigen, mindestens zehn Paternoster und zwanzig Kredos abbete am Rosenkranz! Gute Nacht!«

Sie gingen alle: ich aber blieb ruhig sitzen am wärmenden Ofen und bald wieder war der Traum über mich gekommen und hetzte seine verworrenen Gaukelbilder durch meine bis in den Tod ermüdete Seele. Die Hartnäckigkeit aber, mit der das langhaarige Fischgesicht des Signor Bockmilch sich in das sturmgehetzte Treiben meiner Visionen drängte, ward mir so lästig und regte mich so furchtbar auf, daß ich froh war, als Fiammetta mich durch leichtes Zupfen am Ärmel erweckte und mich mit den Worten bedeutete: Signore è servito! Da stand nun vor mir das köstlichste Souper, das wohl je einem Pilger über die Berge angeboten worden. Fleisch von der Gemse, die vielleicht gestern um diese Stunde noch an der Wand des Gletschers geklebt und flüchtigen Fußes über den Abgrund gesprungen, geröstete Kastanien und köstlicher Honig, das waren nebst schneeweißem Ziegenkäse und einer mit Schilfgeflecht bewickelten, langhalsigen Flasche tiefdunklen Weins die Gerichte, die mir das liebe Kind auf das Einladendste präsentierte. Doch ich merkte, daß das Mägdelein trotz der Freundlichkeit, mit der sie mich bediente, eigentlich sehr traurig war, und ich sah, daß aus dem schönen Auge eine Träne niederperlte in den zinnernen Becher, aus dem ich meinen Wein trank.

»Warum so traurig, Carina?« fragte ich teilnehmend das Kind, deren in herrlichem Bogen geschwungene Augenbrauen mich wiederholt an die Schönheiten des Orients erinnerten. »Du warst ja vorher so munter, liebes Mädchen, hat dich etwa der Untergang der unglücklichen Tebalda, die Entführung der beklagenswerten Amara so verstimmt oder fürchtest du dich gar vor dem häßlichen Bockmilch und schwebst du in Angst, auch du könntest zum Ofer ihm fallen?«

» Oh no, Signore!« lispelte Fiammetta, »ich fürchte mich nicht vor dem Bockmilch, ich habe ja Cavallos Geschichte schon so oft gehört, daß ich mich vollkommen an den schauerlichen Berg- und Wassergeist gewöhnt habe, und daß ich ihm dreist begegnen könnte, ohne auch nur im mindesten zu erschrecken. Nein, Signore! mich drückt ein anderer Kummer. Eben ist ein Bote gekommen aus Bellinzona und hat unserm Vater schreckliche Nachrichten gebracht: mein Bruder, der dort als Sergeant beim Militär steht, hat den Versuch gemacht, sich zu erschießen aus Gram über seine ungetreue Geliebte und nun liegt er, schrecklich verstümmelt, im Lazarett und wünscht über alles, den Vater noch einmal zu sehen. Der Vater bereitet sich zur Abreise vor und überträgt eben dem Geistlichen die Verwaltung des Hospizes. Er ist so ergriffen und elend; wir werden ihn wohl auch nicht wiedersehen. Gute Nacht, Signore! Nehmt es nicht übel, aber ich muß zum Vater, den Weg in Euere Bettzelle müßt Ihr schon selber finden, da der Vater gleich abreist; doch es ist nicht schwer: ich werde die Lampe auf den Treppenpfosten stellen. Gute Nacht und betet ein Paternoster für die unglückliche Seele meines verlorenen Bruders!« Sie schwebte hinaus, ich aber zürnte mir, daß ich mir die Unglückshistorie erfragt und konnte vor Mitleid mit dem so guten und doch so überaus schrecklich gebeugten Menschen keinen Bissen herunterbringen und der Wein im Becher dünkte mich des armen, von der Liebe verratenen Soldaten in Bellinzona geronnenes Blut.

Noch hörte ich, wie der Alte abreiste, hinaus in Nacht und Sturm: ich hörte, wie der Priester die schluchzenden Mädchen tröstete und suchte tiefgebeugt im eigenen Herzen, denn warum hatte die Kugel, die den armen Krieger getroffen, mich selbst so lange verschont? suchte tiefgebeugt im eigenen Herzen mein einsames, klösterliches Lager auf und hörte lange, mir die dunkeln Gedanken zu vertreiben, auf den Sturm, der den alten Berg umsauste und an seinen Gipfeln ungestüm rüttelte.

Am anderen Morgen aber zog ich still und ohne jemand in dem Unglückshause zu wecken, hinaus in die feuchte, kalte Bergnatur, vorbei an den finsteren Seen des Gotthards und den trotzigen Granitkolossen, um meines Weges weiter zu wandeln und den Berg hinabzugehen längs der tobenden Reuß, hinab ins traute, teure Germanien.

Angekommen aber in Altorf forderte ich Feder und Papier und schrieb mir die wunderliche Märchen-Erzählung auf, wie der Cavallo mit dem Papageienschnabel sie vorgetragen, die Erzählung von der »Großmutter Schlangenbraut«.

*

Anmerkung: Für diejenigen der geehrten Leser, die sich vielleicht für die Person des auf die fleckenloseste Ehre seiner Herzallerliebsten haltenden Wirtes zu Giornico interessieren, die Nachricht, daß der Wackere mit seinen anderen uns schätzbaren Eigenschaften auch die des Poeten und zwar im vorliegenden Falle die des Epigrammatisten verknüpft. Über seiner keuschen Osteria zu Giornico liest man die Verse:

Buon osteria mal pensada,
Con buone vin a chi aggrada
Colloquio e stallazzo
Si vive come in un palazzo.

Was doch gewiß sehr sinnig gedacht und sehr schön gesagt scheint.

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