Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Scherr >

Größenwahn

Johannes Scherr: Größenwahn - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorJohannes Scherr
titleGrößenwahn
publisherMax Hesses Verlag
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070730
projectid37c9e410
Schließen

Navigation:

Mutter Eva.

1.

Am 27. Mai von 1705 erließ das Peinliche Halsgericht von Laasphe an der Lahn folgende Ladung:

»Des Hochgebohrnen Grafen und Herrn, Herrn Heinrich Albrecht, Grafen zu Sayn, Witgen- und Hohenstein, Herrn zu Valenthar, Neuenmagen, Lehra und Klettenberg u. s. w. Unsers Gnädigen Grafen und Herrn, Wir verordnete Richter und Schöppten des Hochgräflichen Peinlichen Halßgerichts allhier zu Laasphe, thun dir, Justus Gottfried Winter von Eschwege, dir, Johann Georg Appenfeller von Schleusingen aus Francken, dir, Eva Margaretha, Jean de Vesias, Fürstlichen Eisenachischen Pagen-Hoffmeisters Eheweib, gebohrene von Buttlarin, und dir, Anna Sidonia von Kallenberg von Forstwesten aus Hessen bey Cassel hiermit zu wissen, wie daß hiesiger Hochgräfl. Fiscalis, Amts-Ankläger an einem, entgegen und wieder euch allen, als peinlichen Beklagten am andern Theile, wegen beschuldigter Verspottung und Verletzung der Allerheiligsten Majestät und Dreyeinigkeit GOttes (gestalten, du Winter, dich vor GOtt den Vater, du Appenfeller, dich vor GOtt den Sohn, und du Eva Margaretha, dich vor GOtt den heiligen Geist, vor das neue Jerusalem und unser aller Mutter ehren lassen, und ob solche 3. göttliche Personen von euch sichtbahrlich aus- und eingingen, gotteslästerlich vorgegeben, und du, Eva Margaretha, die Thür solches Aus- und Eingangs seyst, und daß eure Naturen dergestalt mit der Gottheit vereiniget, daß sie zusammen einen Gott und Christum macheten, dahero eure Naturen auch als göttlich müsten veneriret werden, und ihr unter diesem Schein und eurer eingebildeten Gottseeligkeit und Frömmigkeit nicht anders als Hurerey, Ehebruch, Blutschande, große Gottes-Lästerungen, darunter auch Mord und andere grosse Uebelthaten, vor GOTT und der Welt ärgerliche, abscheuliche, grausame Laster, die man anhero zu setzen billig einen Scheu tragen muß, mit untergeloffen und gegen dich, Anna Sidonia von Kallenbergen, wegen absonderlich beschuldigten infanticidii, darum du Winter, und du Eva Margaretha von Buttlar, mit begriffen), bei diesem Hoch-Gräfl. peinlichen Halß-Gericht verschiedene artikulirte peinliche Amts-Anklagen übergeben, darauf litera affirmative contestiret, ihr zwar auch eure Responsiones darauf judicialiter abgeleget, und weiln ihr eines und das andere verneinet oder sinistre interpretiren wollen, Fiscalis zu eurer Ueberführung denominationem testium cum directorio übergeben und solche nunmehr eydlich und judicialiter prout moris et styli abzuhören gebeten, auch in hoc puncto sowohl von eurem defensore als Fiscali zu Bescheid gesetzt worden, nichtsdestoweniger aber ihr, aus Trieb und Ueberzeugung eures bösen Gewissens, noch vor Eröfnung dieses interlocuts flüchtig worden seyd, und ob man gleich dich Evam Margaretham von Buttlar annoch auf der Flucht ertappet, und du zu Biedenkopf im Hessen-Darmstädtischen auf Ersuchen von dasigen Beamten arrestiret worden, du dennoch durch Verwechselung der Kleider denen Wächtern entkommen und zum zweytenmahl dich davon und aus dem Staube gemacht, deswegen Fiscalis eine Eductal-Citation gegen euch allen zu erkennen, terminum ad comparendum zu prachgiren und die Citation an gewöhnliche Orte öffentlich anschlagen zu lassen gebeten hat. Nachdem nun sothanen Fiscalischen billig und rechtmäßigen Suchen deferiret und diese offene Ladung erkannt worden; hierum so citiren, heischen und laden im Nahmen Hochgedachter Ihrer Hoch-Gräflichen Gnaden auch von Amts-Gerichts- und Rechtswegen Wir dich Justus Gottfried Winter, dich Johann Georg Appenfeller, dich Eva Margaretha von Buttlar, dich Anna Sidonia von Kallenberg, daß ihr auf den XIX. schierkünftig, welchen wir euch allen vor den ersten, andern und dritten oder letzten Termin und peremptorie angesetzt haben wollen, beim peinlichen Halß-Gericht allhier aufm Rathhaus Morgens um 8. Uhr in Person erscheinet, eure Entschuldigung, daß ihr flüchtig worden seyd, vorbringet, der Sachen bis zu Ende abwartet, und rechtliche Erkänntniß gewärtig seyd, mit der Verwarnung, ihr kommt dem also nach oder nicht, daß nichtsdestoweniger auf Fiscalis förmliches Nachsuchen ergehen und geschehen soll, was recht ist, wornach ihr euch alle zu achten. Urkundlich des hierunter gedruckten Hoch-gräflichen peinlichen Gerichts-Insiegel.«

Geben zu Laasfphe den 27. May 1705.

Richter und Schöppen daselbst.Historische Nachricht von einer recht gottlosen Lehre etlicher Enthusiasten von der Heiligen Dreyfaltigkeit, und besagter Enthusiadsten ihrem dabey geführten mehr als viehischem Leben und Wandel, »Vernünfftige und Christliche aber nicht Schein heilige Thomasische Gedancken und Erinnerungen.« Bd. III, Halle 1725; S. 208 fg.

Aus dem barbarischen Schnörkelwerk der Gerichtssprache und des Kanzleistils von damals herausgeschält, stellt sich als Inhalt dieses Aktenstückes dar die in der Grafschaft Witgenstein vorgenommene Verhaftung einer Anzahl von männlichen und weiblichen Personen, gegen welche das gräfliche Kriminalgericht zu Laasphe eine Prozedur eröffnet hatte, ohne damit zum Ziele gelangt zu sein, weil die Bezichtigten dem Urteilsspruche durch ihre Flucht zuvorgekommen waren.

Die weitschichtige »Ladung« brachte nur die Wirkung hervor, daß, was bislang ein in hessischen und nassauischen Landen ausgehendes Gerücht von der »Buttlarschen Rotte« gewesen, jetzt zum lauten Geschrei wurde, welches bis nach Thüringen und Sachsen drang, sowie rheinaufwärts und rheinabwärts scholl. Zwar hatte der hellsichtige und klardenkende Thomasius, von der Hochwarte der Vernunft über das ruinenhafte Heilige Römische Reich Deutscher Nation ausblickend, schon im Jahre 1702 das widerwärtige Ding von gottseligem Schwindel erspäht. Aber doch nur von ferne und auch nur fernher war ihm zu Ohren gekommen, daß in Hessen »eine Hoffmeisterin aus Eisenach« weile, welche »schon über 70 Seelen an sich gezogen habe«, so untereinander in der »Paradisischen Freyheit« lebten. Allein erst drei Jahre später ist der hochverdiente Mann, der beste Deutsche seiner Zeit, in den Besitz des Aktenmaterials gelangt, woraus er seine Kenntnis des ganzen Handels schöpfte.Thomasische Gedancken, Bd. III, 216-18. Er hat die Akten mitgeteilt und auf Grund derselben sein rechtsgelehrtes Urteil über die beiden – erst zu Laasphe, dann zu Paderborn – gegen die »Rotte« angestrengten Prozeduren abgegeben, welches, wie nicht anders zu erwarten, durchweg der Anschauungs- und Denkweise des Mannes entsprach, der sein Leben lang ein allzeit schlagfertiger Bekämpfer von Unverstand und Unrecht gewesen ist.

Die nachstehende Darstellung der Größenwahnkomödie von der »Mutter Eva« ist durchaus aktentreu, und sind wir demnach dem alten ehrlichen Thomasius für die Lieferung der Materialien zu warmem Danke verpflichtet. Wo immer es angeht, wollen wir die Akten selber sprechen lassen;Bei Einführung solcher Stellen aus den Akten in meinen Text werde ich auf die Seitenzahlen der Th. G. (»Thomasischen Gedancken«) verweisen, woraus sie entnommen sind. aber ich fürchte, es wird nicht allzuhäufig angehen, maßen die Sprache von damals zu derb und zu drastisch ist für die Nerven von heute. Damit soll zugleich angedeutet sein, daß die Rücksicht auf die heilige Konvenienz mir verwehre, das erste Hauptstück von den Abenteuern der »lebendigen Bibel«, wie die Hirtin der frommen Herde von ihren Schäflein genannt wurde, anders als obenhin abzuhandeln. Einläßlicher oder gar vollends aktenmäßig davon reden wollen, hieße so tollkühn sein, die Sprache eines Luther oder Thomasius zu einer Zeit zu sprechen, wo die Heuchelei unter den Kardinaltugenden obenan steht oder wohl gar die einzige Kardinaltugend ist.

2.

Die deutsche Reformation des sechzehnten Jahrhunderts hat, wie jedem bekannt, ihr Ziel kaum halbwegs erreicht. Die gehoffte und gewünschte Wiedergeburt der Nation wurde zur Mißgeburt einer bloßen »Kirchenverbesserung«, welche dem unseligen deutschen Zentrifugalgeist ein neues, ungeheuer kräftiges Element zuführte. Der Ursachen des Mißlingens einer nationalen Wiedererneuerung, wie die Genialität und der Feuereifer eines Hutten sie wollten, forderten und erstrebten, waren viele. Obenan standen die erbärmliche Reichsverfassung, die staatliche Zersplitterung, die gewaltige Verschiedenheit von Süd- und Norddeutschland, das Schlummern des nationalen Instinkts in den Massen, endlich der gänzliche Mangel an politischem Sinn und Verständnis in dem deutschen Reformator. In Wahrheit, daß Luther so ganz und gar kein Staatsbewußtsein besaß und in seine biblische Theologie völlig eingemauert war, das ist ein Nationalunglück von furchtbarer Tragweite gewesen. Statt eines Vaterlandes gab man den Deutschen die Bibel, statt des römischen Afterglaubens den jüdischen. Statt wie bis dahin an den katholischen Heiligen sollten sie sich fürder an den alttestamentlichen »Erzvätern« erbauen, dieser Bande von vorzeitlich-naiven »Gründern«, welche jedem Zuchthause Ehre machen würden, dieser würdigen Ahnen ihrer ebenbürtigen Nachkommen, der modern-abgefeimten Gründer und Millionendiebe. Das unübertreffliche Muster und Vorbild eines Gründer-Erzvaters ist der »ehrwürdige« Patriarch Abraham gewesen, welcher mit seiner schönen Frau Sarah wucherte und krebste und gründete (Genesis 12, 14–16; 20, 1–2), als wie – natürlich auf andere Manier – zu unserer Zeit der ewige Nachlaß-Varnhagen mit seiner nichtschönen Frau Rahel gekrebst und gegründet hat. Auf Kathedern und in Kompendien schleppt sich der Satz fort, die Erfolge der ganzen neuzeitlichen deutschen Kulturarbeit beruhten auf dem Protestantismus. Das ist wahr; nur muß man, wohlgemerkt, unter Protestantismus etwas ganz anderes verstehen als das offizielle Luthertum, welches ja zur Stunde noch von dem Größenwahn und Unfehlbarkeitsdünkel seines Stifters besessen ist und darum mit Händen und Füßen gegen alle Forderungen der Vernunft sich sträubt. Der Protestantismus, welcher seit Jahrhunderten in Deutschland zivilisatorisch gearbeitet hat und zur Stunde noch so arbeitet, ist jener Geist des Zweifels und der Forschung, welcher schon das ganze Mittelalter hindurch in einzelnen auserwählten Menschen geleuchtet und gerungen, der Geist, welcher vom vierzehnten Jahrhunderte an den Humanismus in die Wissenschaft und die Renaissance in die Kunst einzuführen begonnen und seither den Freiheitskrieg gegen das Dogma, d. h. gegen allen kirchlichen und staatlichen Absolutismus, rastlos und unermüdlich geführt hat.

Schon im siebzehnten Jahrhundert war das Luthertum völlig verpfafft. Aus der schrecklichen Probe und Prüfung des Dreißigjährigen Krieges ging es als eine Kirche hervor, welche an hierarchischer Anmaßung und Unduldsamkeit kecklich mit der katholischen wetteifern konnte, an Engherzigkeit und Kleingeisterei diese sogar noch weit übertraf. Wie beschämend fällt der Vergleich aus, wenn man zusammenhält, was zur angegebenen Zeit, im siebzehnten Jahrhundert, der Protestantismus in Deutschland litt und was er in England und drüben in Nordamerika tat. Hüben bei uns ein jammerseliges Weitervegetieren in elenden theologischen Zänkereien und Stänkereien, drüben in England die Durchaderung des gesamten Staatslebens mit protestantischem Geist, welcher dem Despotismus die große Lehre vom 30. Januar 1649 gab und an den Gestaden von Neu-England eine neue Welt gründete, die Welt der modernen Demokratie.

Allerdings glomm auch unter der Verknöcherung des lutherischen Kirchenwesens noch ein Lebensfunke. Aber wie hätte dieser Funke zu einer leuchtenden, reinigenden und schaffenden Flamme werden können inmitten der trostlosen Zustände, welche der Westfälische Friede herbeiführte? Für Deutschland bedeutete die Reformation politische Ohnmacht, Demütigung und Schmach, für England staatlichen Aufschwung und stolze Machtentfaltung. In England zeugte der Protestantismus den Helden Puritanismus, welcher die Siegesschlachten von Marstonmoor, Naseby, Dunbar und Worcester schlug, in Deutschland dagegen zeugte er den Betbruder Pietismus, welcher sich in Konventikeln umtrieb und einen Aberwitz nach dem andern austiftelte.

Trotzdem darf nicht übersehen oder verschwiegen werden, daß der deutsche Pietismus eine kulturgeschichtlich-berechtigte Erscheinung von nicht geringer Bedeutung gewesen ist. In seinen Anfängen und ursprünglichen Wollungen muß der Pietismus geradezu als eine nationale Wohltat anerkannt werden, weil er in den stagnierenden Sumpf des offiziellen Luthertums immerhin ein Bewegungselement brachte. Ja, in seiner Art ist der fromme Philipp Jakob Spener sogar auch ein Stück Held gewesen, weil es eine ganz erkleckliche Dosis Mut erforderte, gegen die lutherischen Pfaffen, welche vor dem Baal Bibelbuchstab räucherten, knieten und tanzten, anzugehen und den Stier Sankt-Orthodox, wenn nicht bei den Hörnern, so doch beim Schwanze zu packen. So tat der Pietismus, indem er die Quelle der Religion aus dem Katechismus in das Gemüt verlegte und der Starrheit und Kälte dogmatischer Satzung die Milde und Wärme menschlichen Erbarmens entgegenstellte. Auch einen kräftigen Keim von Zweifel und Kritik enthielt der echte Pietismus, maßen er ja darauf ausging, zu zeigen, daß in dem verknöcherten Luthertum wenig vom wahren Evangelium zu finden sei. Kein Zweifel demnach, daß der Pietismus kraft seiner unmittelbar oder mittelbar an dem orthodoxen Kirchenwesen von damals geübten Kritik ein Vorläufer und Wegbahner des modernen Rationalismus geworden ist.

Aber »tout dégénère entre les mains de l'homme« ist ein Satz, für welchen sein Aussteller Rousseau den Pietismus als einen kräftigen Beweis hätte anführen können. Alles Menschliche muß bekanntlich seine Kehrseite haben, und gar viel Menschliches hat nur eine solche. Die Kehrseite des Pietismus kam noch bei Lebzeiten seines Stifters Spener schon dunkel genug zum Vorschein, in allerhand widerlichen Erscheinungen. Frühzeitig schon namentlich auch in solchen, welche zeigten, daß in Konventikeln, aus welchen Baal Bibelbuchstab ausgetrieben worden, Astoreth Unzucht eingezogen war. In der Tat, einer der frühesten und leider auch begründetsten Vorwürfe, welche die orthodoxen Zeloten den pietistischen Separatisten machten, ist der gewesen, die ursprünglichen – zuerst durch Spener im Jahre 1670 zu Frankfurt a. M. aufgetanen – »collegia pietatis« hätten sich in lupanaria voluptatis verwandelt. Sodann steht fest, daß die Ausscheidung aus dem Pferche der lutherischen Kirche eine Unmasse von Schafen drehend gemacht hat. Denn das Konventikelwesen verleitete in seinem Vorschreiten eine Menge von bildungslosen Leuten zur Grübelei über Fragen, auf welche selbst der gebildetste Mensch keine Antwort zu geben weiß. Gar nicht verwunderlich also, daß die Beantwortungsversuche, wie sie innerhalb der zahlreichen pietistischen Sekten angestellt wurden, häufig genug die Form der absonderlichsten Narrheiten annahmen. Und mit solcher Phantasterei, welche sich chiliastischen Träumen und apokalyptischen Delirien überließ, verband sich ein sehr ausgeprägter Hochmut. Denn der anfänglich so milde und demütige Pietismus bald zum Vollbewußtsein des Auserwähltseins auf- und ausgewachsen, machte mit seiner »Gotteskindschaft« förmlich Parade, suchte den geistlichen Dünkel des orthodoxen Zelotismus noch zu überbieten und gefiel sich nicht selten in der Pflege und Hätschelung eines Größenwahns, dessen Auslassungen mit zu den ungeheuerlichsten gehören, von welchen die Geschichte der menschlichen Narrheit überhaupt Kenntnis hat.

»Mutter Eva,« tritt hervor aus dem Schattendunkel der Vergangenheit und lege Zeugnis ab für das Gesagte!

3.

In den idyllischen Gegenden, welche die Lahn, die Dill, die Sieg und die Eder durchstießen, erschien im Jahre 1702 eine fremde Dame, welche dreißig Jahre oder auch etliche mehr zählen mochte. Ihr An- und Aufzug war so, wie eine Frau der »guten« Gesellschaft von damals sich trug und gab. Sie schien im Besitze ausreichender Reisemittel zu sein und war es auch wirklich, wie die mitgeführten Koffer, Kasten und Kisten auswiesen. Auch Gefolge hatte sie, männliches und weibliches, und sie wurde von ihrer Umgebung sehr respektvoll behandelt. Man hörte sie von ihren Begleitern und Begleiterinnen »Frau Hofmeisterin« betiteln, nahm aber auch wahr, daß ihre Vertrauten, Männer und Weiber, sie als »Mutter Eva« anredeten.

Sie hatte sich mit ihrer Reisegesellschaft in Thüringen und Hessen umgetrieben. Wanfried, Allendorf, Erfurt und Eschwege werden als ihre Rastorte genannt. Es scheint jedoch, daß man sie und ihr Geleite allenthalben bald weitergehen geheißen hatte, mehr oder weniger höflich. Die Wandererin hatte Gründe, nach einem Aufenthaltsort auszusehen, wo man es mit der katholischen oder lutherischen Orthodoxie nicht sehr genau nahm. Für ein solches Land der Duldsamkeit galt die Grafschaft Witgenstein, deren Souverän, Graf Heinrich Albrecht, weniger aus Toleranz- als vielmehr aus Finanzpolitik den Separatisten ein gnädiger Beschützer war. Er wußte, daß die Sektirer, welche von nah und fern herbeikamen, pünktlich die ihnen auferlegte Kopfsteuer (»Schutzgeld«) zahlten, um in den Waldtälern des Ländchens ungeschoren ihren Tifteleien nachhängen und daneben ihre mancherlei Gewerbetätigkeit treiben zu können. Man kann es nicht recht klarstellen, muß es aber vermuten, daß die Frau Hofmeisterin, im Reiche Witgenstein angelangt, anfänglich in Laasphe und in Schwarzenau ihr Zelt aufgeschlagen habe. Sicher dagegen ist, daß sie entweder am Ende von 1702 oder am Anfang von 1703 auf das im Schwarzenauer Tale gelegene Gehöft Sasmannshausen gezogen ist, welches die gräfliche Rentkammer ihr gegen Vorauserlegung einer Summe, die den Betrag des stipulierten jährlichen Mietzinses erreicht haben mag, eingeräumt hatte.

Das Gehöft lag einsamlich, als wie zu einem Nest der »Gottseligkeit« so recht gemacht. Nur zwei Nachbarn gab es: den Pächter des »unteren« Hofes, Christian Wirth, und den separatistischen Pfarrer Philipp Jakob Dilthey, welcher, um seiner »hitzigen Pietisterei« willen von seiner Pfarre zu Häyger im Nassauischen ausgetrieben, ein ebenfalls zu dem gräflichen Gut Sasmannshausen gehöriges »Häuslein« bewohnte und als der bemittelte Mann, der er war, dem Herrn Grafen von Witgenstein 2000 Taler vorgeschossen hatte, wie es scheint, in der Absicht, einzelne Teile des herrschaftlichen Gutes oder auch wohl das ganze in seinen Besitz zu bringen.

Hier in Sasmannshausen versammelte nun die »Hofmeisterin« viele »liebe Seelen« um sich, Männlein und Weiblein, einen förmlichen Hof sozusagen, der mitunter die Zahl von 60 oder 70 Personen erreichte, und der liebselige Dienst der »Mutter Eva« hatte seinen gedeihlichen Fortgang, bis zu Ende des Jahres 1704 ein arger Ruch – die Kinder der Welt würden nicht anstehen, denselbigen Ruch einen Stank zu nennen – von Sasmannshausen ausging unter die Leute, ein bös' Geschrei über die »Buttlarsche Rotte«.

Wie war es mit dieser, und wer war die »Hofmeisterin«, genannt die »Mutter Eva«?

Bedauerlich zuvörderst, daß uns die Akten keine Mittel gewähren, uns von der physischen Erscheinung der »lebendigen Bibel« eine deutliche oder überhaupt nur eine Vorstellung zu bilden. Häßlich kann sie aber doch wohl nicht gewesen sein: häßliche Even pflegen nicht einen ganzen Troß von Adamen hinter sich her zu ziehen.»Sie soll nach etlicher Bekenntniß einen ganzen Catalogum von mehr als hundert Ehemännern, ohne die Ledigen, gehabt haben, mit welchen allen sie zu thun gehabt.« Th. G. III, 164. Wir werden daher, alles erwogen, kaum fehlgehen, so wir uns die Frau Hofmeisterin als ein Weib, ich will nicht sagen von großer Schönheit, aber doch von üppiger Hübschheit vorstellen. Mir persönlich ist beim Durchlesen der Akten ihrer Geschichte oft vorgekommen, als müßte sie gewesen sein, was die Franzosen »une beauté du diable« nennen: – eine jener Lüsternheit atmenden Gestalten, schlank und schmiegsam, rundschulterig und hochbusig, goldrot von Haaren, schwarzäugig, ein herausforderndes Stumpfnäschen über dem etwas großen Mund mit seinen sinnlich frischen und feuchten Lippen, item Grübchen auf Wangen und Kinn.

Was die moralische oder, genauer gesprochen, die unmoralische Erscheinung der Dame betrifft, so sind die Akten hierüber weniger zurückhaltend. Wir wollen uns aber vorderhand nicht mit ihrer Moral oder Unmoral, sondern nur mit ihren Personalien abgeben.

Am 27. September von 1703 richtete der Herr Jean de Besias, fürstlich sächsischer Pagen-Hofmeister, an »Ihro Durchlauchtigkeit zu Eisenach« ein Ehescheidungsbegehren, welches also anhob: »Es ist leider! ohne weitleuftiges Anführen land-kundig, wasgestalt mein Ehe-Weib Eva Margaretha, gebohrene von Buttlar, nun unterschiedene Jahre ihrer ehelichen Pflicht gegen mich ganz vergessen« – und nach Herzählung der einzelnen Beschwerden des armen Ehemannes mit diesen Worten schloß: »Daher implorire Ew. Hoch-Fürstl. Durchlaucht unterthänigst um die Ehescheidung und daß mir wegen meiner zumahl öfters baufälligen Leibes-Constitution gnädigst erlaubet werden möge, mich anderweit Christlich zu verheyrathen.«Th. G. III, 221. Neben diese Äußerung des baufälligen Pagenhofmeisters, der ein geborener Franzos, vielleicht der Sprößling französischer Réfugiés gewesen sein mag, stellen wir etliche Sätze aus der Verteidigungsschrift, welche später der Wetzlarer Anwalt Dr. Bergenius, ein schwärmerischer Verehrer der »lebendigen Bibel«, für diese beim Reichskammergerichte einreichte. Der genannte Doktor der Rechte, mit welchem die Hofmeisterin bald nach ihrem im März von 1702 bewerkstelligten Entweichen aus Gattenhaus und Heimat bekannt und vertraut geworden sein muß, maßen sie ihn von Wetzlar nach Eisenach schickte, um ihre dortigen Angelegenheiten zu ordnen, ließ sich in dem erwähnten Schriftstück also vernehmen: »Es ist auswärts benannte Frau von Buttlar als das einzige in ihrer Eltern hohem Alter erzielte Kind in aller Frömmigkeit und Adeligem Hochmuth erzogen und nach des Herrn Vaters frühzeitigem Ableben in ihrem 15. Jahr des Alters, mit nicht gar genehmen Willen der annoch lebenden Mutter, an einen Fürstl. Sächsischen Pagen-Hoffmeister verheyrathet worden. Die sonderbahre Gnade des Grund-gütigen Gottes aber hat sie auf allerhand Art von innen und von außen mit vielem Creutz und Trübsal heimgesucht, bis sie dadurch vor Gott die Nichtigkeit ihres eingebildeten Standes und bisherigen Hoff-Lebens annebenst verschiedene Mißbräuche des dasigen Kirchenwesens, sonderlich beym Beicht- und Abendmahl-Gehen, mit sehr empfindlicher Wehmüthigkeit eingesehen, dahero zu gehorsamer Folge ihres Heylandes Christi sie den üppigen Kleider-Pracht ab- und geringere erbare Tracht angeleget, auch vor aller Welt-eitlen Gesellschaft einen Widerwillen bekommen, hingegen ihre Erbauung mit gleichgesinnten Christlichen Seelen gesucht, worüber dann erstlich die Verachtung bei Hofe und nachgehends die spöttliche Nachrede des gemeinen Pöbels erfolget.«

Schade nur, daß sich die Sachen etwas anders verhielten. Daß das junge, kaum fünfzehnjährige, hübsche, von väterlicher Seite her vermögliche, als einziges Kind ihrer Eltern, wie bestimmt zu vermuten ist, gehörig verzogene Ding von Evchen in der Ehe mit dem baufälligen »Pagen-, Hoff- und Tantz-Meister« de Vesias kein Glück und kein Behagen gefunden, ist begreiflich; daß sie aber zunächst nicht nach dem Heiland als nach einem Tröster sich umgesehen, steht fest. Es war da nämlich ein junger Lateinschüler, Johann Georg Appenfeller – (in den Akten auch Appenfelder geschrieben) – welcher, von gleichem Alter mit Eva oder sogar ein Paar Jährchen jünger als sie, zu Eisenach mit ihr im selben Hause wohnte und ihr herzlich befreundet wurde. Der gute Sancho Pansa als der große Liebhaber von Sprichwörtern, der er war, würde sagen: »Jung und jung gesellt sich gern« – und »Gelegenheit macht Diebe«. Ich meinesteils sage nur: Es ist nicht erwiesen, daß die beiden jungen Leute schon dazumalen gegen das sechste Verbot sich vergangen haben; wohl aber, daß Eva später nicht ohne den Appenfeller sein und leben mochte. Was ihn betrifft, so hat er seine Lateinstudien in Gotha fortgesetzt und an diesem Orte ist er zuerst in die Konventikelei verstrickt worden. Dann studierte er zu Jena und Wittenberg Medizin, war ein gefürchteter Renommist, »zerhauen und zerstochen«, tat sich auch als »Poete« auf und führte als solcher den Namen Leander. Er hatte seine Medizin absolviert und hielt sich in der Nähe von Eisenach bei einem Verwandten auf zur Zeit, als der Doktor Bergenius mit seinem Schreiber Ichtershausen in Geschäften Evas in genannter Stadt weilte. Der Doktor lud nun im Auftrag und Namen seiner Klientin den jungen Mann nach Sasmannshausen ein, und zwar in ebenso dringender als geheimnisvoller Weise. Denn »es könnte das Werk Gottes nicht ehe vollzogen und recht offenbahret werden, biß der Student herbey käme; er müßte herbey und sollte er auch in Stücken herbey kommen; er wäre einmal dazu beruffen, das müßte geschehen«.Th. G. III. 439-41. Solcher Beschwörung vermochte sogar ein zerhauener und zerstochener Jenenser Renommist nicht zu widerstehen. Der dienstbeflissene Doktor verschaffte ihm ein Pferd, gab auch das Reisegeld her, und so machte sich denn Jung-Leander dahin auf den Weg, von woher ihm mysterienhafte Ehren winkten.

Wir lassen ihn reiten und bleiben noch eine kleine Weile in Eisenach, um die Bekanntschaft eines sicheren Justus Gottfried Winter zu machen, von welchem wir wissen, daß er so um 1677 herum zu Merseburg geboren und sodann als eifriger Jünger von zwei pietistischen Hauptpropheten, des Ernst Christoph Hochmann von Hochenau und des Doktor Horch, nach glücklich bewerkstelligtem »Durchbruch« zur Gnade »wiedergeboren« worden. Hochmann von Hochenau ist der Verkündiger der von seinem Schüler Winter nachmals praktizierten Lehre vom Urmenschen, der Mann und Weib zugleich gewesen sei, woraus die Schlußfolgerung gezogen wurde, daß dieser Urmenschzustand wiederum herzustellen und zu diesem Ende die natürliche Bestimmung des Weibes zu verunmöglichen sei. Wie der Winter mit der Eva zuerst in Beziehung gekommen, wissen wir nicht. Aber es muß noch zur Eisenacher Zeit der Frau Hofmeisterin geschehen sein, und zwar muß schon damals die Verbindung oder – mormonisch zu sprechen – die »Versiegelung« der beiden fix und fertig geworden sein. Denn für Winter war Eva bereits die »Mutter«, wie ein von ihm an sie nach Eisenach gerichteter Brief bezeugt. Diese Epistel beginnt im Dithyrambenstil des Pietismus: »Meine Seele erhebet den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes meines Heylandes. Der Herr hat große Dinge an mir gethan, Halleluja. Liebe Mutter« usw. nach bekannter Melodie.Th. G. III, 249. Um über die Natur und Art dieser »Mutterschaft« keinen Zweifel aufkommen zu lassen, will ich gleich einen kleinen Ausschnitt aus dem witgensteinschen Gerichtsprotokoll vom 3. Dezember 1704 anfügen. Eva erklärte auf Befragen, sie »wäre mit dem Winter verbunden in Gott, nach Leib, Seel' und Geist«. Auf die Frage, »ob solches denn kein Ehebruch sei?« erwiderte sie: »Nein. Ihr Mann (de Vesias) wäre ihr civiliter abgestorben; es wäre keine Ehe gewesen, es wäre eine Ehe vom Teufel gewesen, die mit Winter aber von Gott.«Th. G. III, 262.

4.

Nach Leanders Ankunft auf dem Hofe Sasmannshausen war da auch der rechtsgelehrte Doktor Vergenius ab und zu in diesem Tabernakel der Gottseligkeit erschien, die »Buttlarsche Rotte« jetzo daselbst vereinigt im Herrn. Eine ziemlich gemischte Gesellschaft, profan zu reden. Denn neben den Vertretern der theologischen, medizinischen und juristischen Fakultät, Winter, Appenfeller und Vergenius, gab es da verbummelte Schreiber wie Ichtershausen, wegen Betrugs weggejagte Schulmeister wie Reuter, gewerbsmäßige Vagabunden wie Pintner aus Bern und arbeitsscheue Handwerker wie Spillner, der Schreiner. Die adelige Damenschaft wurde repräsentiert durch die Mutter Eva selbst, sowie durch die beiden Schwestern Sidonia und Charlotte von Kalenberg, der bürgerlich- und bäuerlich-weibliche Stand durch die Bäckersfrau Dorothea Kronemus und die beiden Mägde Anna Mannus und Martha Hartmann.

Bei so vielseitigen Kräften konnte nun ernstlich daran gedacht werden, das »Werk Gottes« zu tun. Was war das für ein Werk? Torheit und Affenschande. Größenwahnsinnige Phantasterein und wüste Sinnlichkeit brodelten da mitsammen in dem Hexenkessel der Sektiererei. Der daraus aufsteigende Qualm ballte sich zu Gestalten und Gruppen, deren Umrisse traumhaft wechselten. Da erschien das Gebilde einer absonderlichen Dreieinigkeit, in welcher Winter den »Vater«, Eva die »Mutter«, Appenfeller-Leander den »Bruder« vorstellte. Dann wieder handelte es sich um die Herstellung des sündenlosen mannweiblichen »Urmenschen«. Der neue Adam war Winter. »Sollte aber der neue Adam solches Werk (Schaffung des Urmenschen) verrichten, so mußte er auch eine neue Evam haben, und eine solche neue Eva und Mutter aller Lebendigen war sie, die Hofmeisterin. Durch den neuen Adam und die neue Eva sollte alles, was durch den alten Adam und die alte Eva verloren worden, wiederum restituiret werden.«Th. G. III, 310–12 Soweit konnte der Unsinn noch für harmlos gelten. Weiterhin aber verfiel er ins Babylonische und Frevelhafte. Die neue Eva spielte, um die Männer zur Rückkehr in den Urstand zu befähigen, sozusagen die Göttin Baaltis oder Mylitta. Sie war die Buhlerin von allen, um »als himmlisch berufenes Werkzeug die böse Lust in ihnen zu tödten«. Das wäre – so steht in den Akten – »der Weg der Reinigung« und sie, die Mutter Eva, »wäre der Teich Bethesda, worinnen sich alle baden müßten, welche da wollten seelig werden«. Der neue Adam seinerseits hatte die Mission und kam derselben eifrig nach, mittels grausamer Verstümmelung die Weiber unfruchtbar zu machen.Th. G. III, 218, 219, 262, 263, 264, 269, 270, 272, 273, 275. Von der Verstümmelung oder »Verschneidung« behauptete die Mutter Eva in ihrem Verhör vom 12. Dezember 1704 ausdrücklich, daß dies ein »Werk Gottes und ein Geheimniß Gottes« sei, durchaus »gut und göttlich«. S. 320 Und abermals wechselte die tolle Phantasmagorie, und es erschien eine Variation der neuen Dreieinigkeit, dergestalt, daß »sonderlich sichtbahr das dreyeinige Haupt, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! der Vater sichtbahr in Wintern, der Sohn in Appenfellern, der Geist in der Eva, welche drey Personen auch sichtbahr von einander ausgingen, auch wiederum ein. Sie aber, die Hofmeisterin, ist die Thür solches Aus- und Eingangs.« Neben der Dogmatik wurde auch der Kultus berücksichtigt. »Beten, singen und der gantze privat- und öffentliche Gottesdienst muß aufhören. Tauffe, Abendmahl, Bibel-Lesen besteht alles in einem lebendigen Wesen und, mit einem Worte, in der geistfleischlichen Verbindung. Denn die lebendige Bibel ist die Hoffmeisterin.«Th. G. III, 314-16.

Das »gottselige« Tun und Lassen der »lieben Seelen« in der Einsamkeit von Sasmannshausen ist aber nicht lange unbehelligt geblieben. Die Welt ist so böse und deutet die »Werke« und die »Geheimnisse« Gottes so böswillig! Auch hatten die neue »Dreyeinigkeit« und ihre Anbeter, zwei schlimme Feinde von Anfang an, und hätte die »Buttlarsche Rotte« ihr Wesen hundert Jahre später getrieben, so konnte sie mit Schillers Tell sagen:

»Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,
So es dem bösen Nachbar nicht gefällt.«

Statt eines bösen Nachbars hatten aber die Frommen und Frömmsten von Sasmannshausen deren zwei: den Pächter Wirth und Se. Ehrwürden Dilthey, welche beide auf die Erwerbung des Gehöftes spekulierten und »spannten«. Item beide besorgten auch, die »Hoffmeisterin« mit ihren reichlichen Geldmitteln würde ihnen den Hof »vor der Nase wegkaufen«. Beide umlauerten und bespionierten nun die »Rotte« bei Tag und bei Nacht. Wirth will dabei noch in besonderem Auftrage Sr. Gnaden des Herrn Grafen von Witgenstein gehandelt haben. Jedenfalls griff er zu allerhand nicht sehr ehrlichen Praktiken, zum Löcherbohren und dergleichen mehr, um die Vorgänge im Inneren des Tabernakels auszukundschaften. Seine Aussagen über das von ihm Erlauerte und Erlauschte waren von bäuerischer Drastik und Plastik, wohl auch übertrieben und jedenfalls gehässig gefärbt. Indessen ist sein Zeugnis unbedingt glaubhafter als das des Muckers Dilthey, der offenbar aus purem Eigennutz gegen die »Rotte« vorging. »Klug wie die Schlangen,« kleidete er sein Verlangen, daß die Mutter Eva und ihr Anhang das Feld, d.h. den Hof Sasmannshausen räumen möchten, in die liebsüßchristliche Besorgnis um das Seelenheil der Rotte. Ja, er unternahm einen förmlichen Feldzug gegen den bösen Feind, um demselben die lebendige Bibel und Kompanie aus dem brüllenden Rachen zu reißen. Als Hilfevölker zu diesem Unternehmen verschrieb er sich aus Schwarzenau – einer unfern gelegenen Sektiererkolonie – eine gehörige Anzahl von »lieben Seelen«, als da waren der Rechtskonsulent Hoffmann, der Prophet Hochmann von Hochenau, der Pastor Weigel, die Pastorin Wetzel und die verwitibte Gräfin von Leiningen-Westerburg samt ihrer ledigen Schwester Anna. An der Spitze dieser Streitmacht versuchte Ehren Dilthey »nach demüthigem Gebet« die Mutter Eva und Konsorten »in Gottesnamen« dem Teufel abzuringen und auf den richtigen Weg zurückzubringen. Aber der Kreuzzug vergeckte kläglich: die Rotte hielt stand und schlug unter Anstimmung des Schlachtgesanges: »Zerfließ, mein Geist, in Jesu Blut und Wunden!« den Angriff tapfer ab. Das Gefecht wütete in Form einer heftigen Disputation, in welcher die Rotte Dilthey gegenüber der Rotte Buttlar entschieden den kürzeren zog. Leider hat der streitbare Prädikant nicht für gut gefunden, die Einzelnheiten seiner Niederlage aufzuzeichnen. Nur die eine Gefechtsszene, allwo sich der Kampf um das häkelige Objekt der Be- oder Verschneidung drehte, fand er scharf zu betonen für gut und zwar so: »Die Hoffmeisterin Eva schlug die Bibel und zwar das 5. Kapitel des Hohen Liedes auf, reichte dasselbige Herrn Hoffmann dar und mit ihrem Finger zeigete sie ihm den 4. Vers, sagende: Hier habt Ihr den Grund unserer Beschneidung!« ... Nach bewerkstelligtem Rückzug scheint Ehren Dilthey über seinen Fehlschlug erst recht erbost worden zu sein. Es war ihm jetzt ganz klar, daß »die Mutter Eva eigentlich die apokalyptische Jesabel sei, welche gutwillige Seelen zu gräulichen Sünden verführe«. Nachträgerisch, wie nur ein Pfaff es sein kann, hat er dann die im November von 1704 eingetretene Katastrophe der Rotte benutzt, um an die »Gräflichen Kommissarien« eine Angebereischrift zu richten, worin er die Mitglieder der Rotte aller möglichen Greuel bezichtigte und schließlich erklärte: »Ich vor meine Person zweifle nicht, daß die Eva und die andern, so bei ihr sind, mit dem Teuffel in einem Bund sehn, ihn anbeten und diesem bösen Geist einen Sabbath nach dem andern feyren.«Th. G, III, 282-92.

5.

Wie vorhin angedeutet worden, hat im November von 1704 der gottselige Wandel der lieben Seelen von Sasmannshausen eine gewaltsame Unterbrechung erfahren.

Der Herr Graf von Witgenstein war einer jener mehreren Hunderte von reichsunmittelbaren Miniatursouveränen und Duodeztyrannen, welche die hohe und niedere Gerichtsbarkeit besaßen und dieselbe häufig genug im ritterlichen, d.h. im raubritterlichen Sinne ausübten. Das Elend der Justizpflege oder, richtiger gesprochen, der Injustizpflege im damaligen Deutschen Reiche kann man sich gar nicht groß genug vorstellen. Nur das auserwählte Volk der Geduld und Fürstenfürchtigkeit konnte sich dazu hergeben, dieses und anderes Elend mehr zu ertragen. Der einzige tatsächliche Rechtsschutz, d. h. die einzige Möglichkeit, den Griffen der »Kabinettsjustiz« zu entgehen, bestand in der häufig ins Grotesk-Komische gehenden Unmacht der zahllosen kleinen Tyrannen, die Sprüche ihrer »Halsgerichte« und »Malefizgerichte« in Vollzug zu setzen.

Der Beherrscher des Reiches Witgenstein hatte schon lange lüstern die Ohren gespitzt, in welche der Pächter Wirth allerhand Verführerisches zu raunen wußte von dem großen Geld und Gut, so die Buttlarsche Rotte zu Sasmannshausen besäße. Gut, dachte Serenissimus, da ließe sich ja ein prächtiger Fang machen und noch dazu aus gebieterischer Pflicht. Bin ich nicht summus episcopus meines Landes? Freilich bin ich das. Und liegt mir als solchem nicht ob, über die Reinheit der orthodoxen Lehre zu wachen und Häresie und Blasphemie gebührend zu strafen? Allerdings. Was folgt daraus? Daß über die Sasmannshäuser komme, was Rechtens.

Fast scheint von solchem Selbstgespräch und Entschluß Sr. Gräflichen Gnaden etwas nach Sasmannshausen hinüber ruchbar geworden zu sein. Denn mit einmal kam es der Mutter Eva in dem Neste der Gottseligkeit nicht mehr ganz geheuer vor, und sie war gerade im Begriffe, mit Appenfeller-Leander nach Wetzlar abzureisen, um »etliche von den besten Sachen in Verwahrung zu bringen«, als das Verhängnis auf die Rotte fiel und zwar in Gestalt des »Land-Schultzen Bilgen, welcher uns den Arrest im Namen des Grafen von Witgenstein ankündigte, allwo ich« – setzt der Erzähler dieses Auftrittes, der zerhauene und zerstochene Leander hinzu – »sechszehn Wochen lang mit arretiret war, nicht wissend warum«.Th. G III, 442.

Die ganze Sippschaft wurde in Laasphe eingetürmt, und nun hob eine Prozedur an, welche in ihrer Art nicht weniger skandalhaft war als die Sasmannshauser Gottseligkeit in der ihrigen. Das erste und eiligste, was die Witgensteinsche Justitia tat, war, daß sie auf die Habe der Verhafteten zu Sasmannshausen eine räuberische Hand legte. Die Beute war recht ansehnlich: bares Geld, Silbergeschirr, feines Mobiliar, ein hübscher Vorrat an Weißzeug und Kleidern erfreuten das Herz des raubritterlichen Gerichtsherrn. Um aber ein »rechtskräftiges« Urteil vorzubereiten, welches den Raub in Konfiskation verwandelte, ernannte der Herr Graf den ganz bildungslosen Landschulzen Bilgen, einen zweiten beliebigen Kaffer und einen blutjungen Kanzlisten zu Untersuchungskommissarien, welche in formlosester, ja geradezu brutal-gemeiner Weise die Verhöre der Verhafteten führten. Vergebens bot der evagläubige Dr. Vergenius von Wetzlar her alle Ränke und Schwänke seiner weitschichtigen Rechtsgelehrsamkeit zugunsten der »Mutter« und ihrer Kinder auf, vergebens berief er sich feierlich auf die »Reichskonstitutionen« und auf »Kaiser Karoli peinliche Halsgerichtsordnung«, das tumultuarisch zusammengebrachte Aktenmaterial bot dem gräflichen Fiskal genug und übergenug Stoff zur Formulierung einer peinlichen Anklage, auf Grund welcher auf dem Rathause von Laasphe das peinliche Halsgericht ganz formlos gehegt wurde. Der redliche Thomasius hat über das ganze Verfahren einen scharfen Tadel ausgesprochen.Th. G. III, 525 f.

Zur Urteilsfällung ist es jedoch nicht gekommen, weil die Angeklagten für gut fanden, der gräflich witgensteinschen Justiz mittels der Flucht sich zu entziehen und lieber ihr Hab und Gut als ihr Leben in den Händen derselben zu lassen. Es war ihnen gelungen, miteinander in Verbindung und Verabredung zu treten, und in der Nacht vom 15. auf den 16. März 1705 bewerkstelligten sie, »ermutigt durch einen leuchtenden Blitz«, ihre Entweichung aus dem Gefängnis zu Laasphe und aus dem Reiche Wittgenstein.

Der Selbstherrscher aller Witgensteiner konnte sich zu diesem Ausgang des Handels nur beglückwünschen. Die Beute hatte und behielt er ja. Die gräfliche Regierung aber gab das Geschehene kund in Form eines Schreibens, welches sie am 31. März 1705 an die fürstlich-sächsische zu Eisenach richtete, und zwar als Antwort auf eine Zuschrift, welche ihr in Sachen der de Vesiasschen Scheidungsklage von dort zugegangen war. Nachdem in diesem witgensteinschen Aktenstücke nach allen Regeln des Kurialstils des Breitesten dargelegt war, warum und wasmaßen gegen die »Hoffmeisterin« eine Kriminalprozedur angestrengt worden, hieß es zum Schlusse: »Da aber beklagtinne diese böse Eva vermercket, daß der Process ein böses Ende mit ihr nehmen würde, hat sie sich durch Helffers-Helffer den 16. hujus zu Nachts, nachdem sie der Wacht einen Schlaftrunck beygebracht, mit der Flucht salviret, und ob man schon dieselbe bis ins Hessen-Darmstädtische nach Biedenkopf verfolget, daselbsten noch attrapiret und wieder in Verhaft bringen lassen, hat dieselbe nach ein paar Tagen, so sie daselbst gesessen, sich ebenfalls loß practisiret und also echappiretTh. G. III, 261

Die Entwichenen hatten übrigens bei einem Notar zu Biedenkopf einen vom 21. März datierten Protest hinterlegt, in welchem Schriftstück sie über das Vorgehen des gräflich witgensteinschen Halsgerichtes sich beschwerten und an ein höheres kompetentes Gericht appellierten. Das peinliche Halsgericht von Laasphe verweigerte aber die Annahme dieses Protestes und ließ am 27. Mai hinter den Flüchtlingen her jene Zitation ergehen, welche am Eingange dieser wunderlichen Historie zu lesen war. Die Ladung blieb erfolglos. Denn die Entwichenen hatten sich voneinander getrennt, um der Verfolgung leichter zu entgehen. Nur Eva und Leander blieben auf der Flucht beisammen, doch ist zu vermuten, daß bei der Trennung die nötigen Abreden mit Winter und den übrigen Rottierern getroffen worden seien, um zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem passenden Orte wieder zusammenzutreffen. Die Geldmittel waren der »Mutter« auch jetzt nicht ausgegangen, oder vielmehr sie befand sich nach der raubritterlichen Großtat des Witgensteiners bald wieder im Besitze dessen, was nicht allein in Kriegs- und Staats-, sondern auch in Glaubenssachen der »nervus rerum« allzeit war, ist und sein wird. Wahrscheinlich ist die »liebe Seele« von Doktor Bergenius zu Wetzlar Evas Vermögensverwalter und Schatzmeister gewesen.

Dahin, nach Wetzlar, zu dem allzeit hilfebereiten Beiständer hatte sich Mutter Eva mit dem getreuen Leander auf Fluchtwegen gerettet. Der Versuch, daselbst ein neues »Nest der Gottseligkeit« zu bauen, muß jedoch auf Hindernisse gestoßen sein; denn wir finden die lebendige Bibel samt dem Zerhauenen und Zerstochenen bald darauf in Mainz und Köln, ohne daß uns die Akten über die näheren Umstände dieser Wanderfahrt Aufschluß geben. Es kommt daher, sozusagen, wie ein plötzlicher Schuß aus einem Pistol, wenn wir erfahren, daß Eva und Leander zu Köln feierlich in den alleinseligmachenden Schoß der heiligen römisch-katholischen Kirche sich aufnehmen ließen. Zur Motivierung dieser Überraschung wird uns nur der flüchtige Wink, daß allbereits während der Eintürmung im Reiche Witgenstein die Sehnsucht nach besagtem alleinseligmachenden Schoß in dem frommen Paare sich geregt hätte. Möglich, sehr möglich, daß zu dieser geschwinden Bekehrung die Erwägung etzliches beigetragen hat, in der »großen Pfaffengasse« der Rheinlande lebte und wanderte es sich sicherer, so man statt zum Papst von Wittenberg zum Papst von Rom hielte. Zu Köln treffen wir plötzlich auch die uralte Mutter Evas, Ursula Maria von Buttlar, welche von ihrer Tochter aus Thüringen herbeizitiert und vermocht wurde, ihren 88 Jahre alten lutherischen Glauben auch noch mit dem römischen zu vertauschen. Wahrscheinlich war bei der kindischen Greisin noch etwas zu holen – ich meine etwas von dem vorhin erwähnten »nervus«.

Im Sommer von 1705 trank Leander den Pyrmonter Brunnen und verspürte Neigung, Mönch zu werden. Das paßte aber der »Mutter« nicht. Auch »Vater« Winter winkte heftig ab, und nun folgte ein neuer Aufzug in diesem seltsamen Mysterienspiel. Denn am 1. September schrieb Leander von Rechtenbach im Nassauischen aus an Winter, um diesem seinem »herzwerthgeschätzten »Papagen«, seinem »Hertzen- Abba« anzuzeigen, daß er im Begriffe sei, nach erlangter Einwilligung der »Großmutter« in aller Form mit der »Mutter« Hochzeit zu machen. Der alte Jenenser Renommist regte sich in dem glücklichen Bräutigam, als er seinen Brief mit den Worten schloß: »Wir wollen auf der Hochzeit eure Gesundheit aus dem großen Glas wacker herumtrinken; ihr werdet es schon fühlen ... Mon père, vôtre serviteur très obéissant et très humble. J. A. Leander. Lass' deine Liebe von deinem kleinen Würmgen nicht weichen!«

In der Tat, »Papagen« Winter ließ seine Liebe nicht von seinem »kleinem Würmgen« weichen. Wenige Tage nach der Hochzeit Leanders und Evas, welche zu Hallenberg in Westfalen vor sich gegangen, traf die vom 9. September datierte Antwort des »Vaters« an den »Sohn« ein, also anhebend: »Jesu, mein ein und alles, o Jesu! Mein Hertzens-Schatz, was hat dich doch bewogen, mir armem Sündenwurm ein so hohes und teures Kleinod, eure allerliebste Hertzen in eins zu schencken, das Leben meiner Seele und Ruhe meines Hertzens in dir allein, o Jesu! meines Hertzens-Schatz und Bräutigam finde ich Ruhe und Frieden in mir.« So geht es lange, lange weiter. Dann kommt eine Stelle, welche eine neue Entwickelungsphase dieser absonderlichen Historie einleitete. »Vater« Winter schrieb nämlich: »Mein Hertzgen, siehe, deine Mutter (Eva) und ich, wir übergeben dir alles, was wir haben; du solst Haupt und Herr sein über die Gemeinde, ein Erlöser und Heyland derselben.«Th. G. III, 389-44.

Ja, das war der Trompetenstoß, welcher ankündigte, daß der Hauptakt unserer Komödie des Größenwahns in Szene gehen werde, ein Akt, in dessen Verlauf der delirierende Aberwitz in faselnden Blödsinn überging.

6.

Zu Ende Novembers von 1705 war die »Gemeinde« der Mutter Eva wiederum beisammen, und zwar zu Lügde, unweit Pyrmont, im Gebiete des Bischofs von Paderborn – zusammen zwanzig Männlein und Weiblein. Auch Doktor Vergenius war da, maßen er seine Praxis von Wetzlar nach Lügde verlegt hatte.

Wie es scheint, hausete die gesamte Evaitenschaft unter einem und demselben Dache. Jedenfalls lebten die »lieben Seelen« in vollständiger Gütergemeinschaft.Dafür liegt ein bestimmtes Zeugnis vor in der Angabe Ichtershausens vom 6, April 1706: »Quoad Bonorum communionem weiß ich, daß ein jedes hat beygetragen, was es gehabt, darum weil keines das andere hat verlassen wollen.« Th. G, III, 435.

»Vater« Winter hatte als »Priester der Gemeinschaft« ein neues »Bundeszeichen« mitgebracht, mittels dessen Annahme durch die Mitglieder der Gemeinde das »Neue himmlische Reich« begründet wurde, und bestund selbiges Bundeszeichen darin, daß man den Männlein den Bart und den Weiblein das Haupthaar verschnitt.

Bis ihnen höhere Ehren und Titel zuteil wurden, hieß Mutter Eva schlechtweg »Unsere liebe Frau« und Sohn Leander schlichtweg »Unser Herr«.

Am 13. Dezember ließen »unsere liebe Frau« und »unser Herr«, mitsammen verschiedene Edikte ausgehen, welche anhoben mit der Formel: »Wir von Gottes Gnaden entbieten unsere Liebe und Gnade zuvor« – und die Aufrichtung einer neuen Haus-, Kirchen-, Staats- und Rechtsordnung bezweckten. Im ernsthaftesten, regelrichtigsten Kanzleistil von damals wurden sodann verschiedenen Mitgliedern der Gemeinde allerhand Ämter und Würden verliehen. Also ist Doktor Vergenius zum Reichsgerichtsdirektor, Ichtershausen zum Reichsfiskal, der Exgerber Scheibenhenne zum Senior der Hauskirche, das Fräulein Charlotte von Kalenberg zur Hofmeisterin und zum »Vorbild der Gottesfurcht« ernannt worden. Auch eine Art Strafgesetzbuch wurde verfaßt und verkündigt und nach den Vorschriften desselben insbesondere die Magd Christina Koch für allerlei burleske, aber nicht beschreibliche Verfehlungen in Pön und Buße genommen.Th. G. III, 352-63.

Das alles war jedoch Kinderspiel, verglichen mit den Haupt- und Staatsaktionen von Narrheit, welche mit dem Jahre 1706 begannen. Der Größenwahn fing an, sich um sich selbst zu drehen wie ein Kreisel und die tollsten Purzelbäume zu schlagen.

Am 2. Januar wurde in festlicher Versammlung der ganzen Rotte unter dem Vorsitze von Doktor Vergenius »unser Herr« Leander als »neu erwählter König« vorgestellt und geweiht. Vater Winter hielt die Weiherede, bei deren Schluß die untertänige Huldigung stattfand. Nach diesem »Actus Institutionis Novi Regni« folgte eine »feierliche Mahlzeit, Gesundheitstrinken und ein Freudentänzchen«.Th. G. III, 379–84.

Der »Reichsfiskal« Ichtershausen, welcher sich rühmte, die ganze Bibel – die papierene nämlich, nicht die »lebendige« – aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt zu haben, konnte sich des Bedenkens nicht entschlagen, ob die Einsetzung des »Königs« ohne ausdrückliche Zustimmung und Mitwirkung der »Mutter«, der »höchsten Weisheit«, rechtskräftig habe vor sich gehen können. In einem Schreiben, das er am 7. Januar an Se. Königliche Majestät Leander den Ersten richtete und welches anhob:

»Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster und Unüberwindlichster König und Herr!« artikulierte er in 26 Fragen seine Zweifel, deren gewichtigster dieser, ob es nicht Gottes unwürdig, einen König zu kreiren, ohne demselben zugleich auch ein Reich zu geben. »Hertzen-Abba« Winter scheint die Fragwürdigkeit dieser Frage anerkannt zu haben, denn er gab den Orakelspruch von sich: »Das zeitliche Reich anlangend, so werden sich in kurtzem grosse Fürsten und Herren zu uns schlagen und alsdann wird das weltliche Reich offenbahret werden.«Th. G. III, 398 f., 449.

Winter, der sich jetzt zum vollen Gottvatersbewußtsein hinaufgeschwindelt hatte, mag aber doch die Zweifelsucht und den Fragedrang Ichtershausens etwas unbequem gefunden haben. In seiner Allweisheit beschloß er, es mit dem Fragesteller zu machen, wie es die moderne Staatskunst mit unbequemen Publizisten und Kammerrednern macht, indem sie dieselben mit Titeln und Orden kauft oder, falls sie um das nicht feil sind, mit Eisenbahn- und Bankkonzessionen geschweigt oder wohl gar auch am Regimente beteiligt. Der Herr »Reichsfiskal« machte eine noch ganz andere Karriere, wie wir sofort sehen werden.

Denn schon etliche Wochen später, am 8. Februar von 1706 barst der Größenwahn zu Lügde in seinen Paroxysmus aus: die förmliche Vergottung Evas, Winters und Ichtershausens ging vor sich.Th. G. III, 405–15.

Andächtig-feierliche Versammlung der Gemeinde. Ein Altar ist aufgebaut, auf welchem Lichter von himmelblauer Farbe brennen. Zwischen denselben liegt eine bischöfliche Insul aus blauem Seidenpapier. Sonne, Mond und Sterne, aus Goldpapier geschnitten, sind darauf befestigt. Doktor Vergenius, dem seiner eigenen Aussage zufolge »alle diese Dinge gar nicht seltsam vorkamen«,Th. G. III. 442. hat die bezüglichen Urkunden aufgesetzt und hält dieselben zum Vorlesen bereit.

Den Anfang macht die Inthronisierung Winters als Gottvater, Mutter Eva tritt vor und nimmt die Insul vom Altar. Winter kniet vor dem Gottsohn und König Leander, der ihm die eingeseifte Glatze rasiert und ihn dadurch »zum Priester weiht«. Eva überreicht ihrem königlichen Gemahl die Bischofsmütze, womit Leander den Gottvater »krönt«. Hierauf huldigender Kniefall der ganzen Gemeinde vor der obersten göttlichen Majestät. »Reichsgerichtsdirektor« Vergenius verliest die schriftliche Beurkundung.

Folgt nun die »Offenbarung und Verklärung« Ichtershausens als Gott-Heiliger-Geist. Doktor Vergenius verliest die betreffende Urkunde.

Dann kommt die tollste Szene des ganzen unerhörten Aktus, die »Consecratio« der Mutter Eva als »Sophia«. Der »Gottvater« stellt sich vor den Altar. Eva, »roth gekleidet und in ihren Haaren mit bloßem Haupt«, tritt vor ihn hin, zu ihrer Rechten den »Gottsohn«, zu ihrer Linken den »Heiligen Geist«. Rauchwerk wird vor »Unserer lieben Frau« angezündet. Alsdann legen der Vater, der Sohn und der Geist allzumalen ihre Hände auf Evas Haupt und »konsekrirt« sie der Vater mit diesen Worten: »Amen, Amen. Du bist meine liebe Tochter, die Ewige Weisheit, das Himmlische Jerusalem, das vom Himmel zu uns herabgekommen. Du bist die Mutter der Drey-Einheit. Du bist das Leben und das Band der Drey-Einheit. Du bist das Centrum und die wahre Glückseligkeit der Drey-Einheit. Du bist das Eins des Vaters und des Sohnes. Du bist meine Tochter und Vertraute und eine Mutter aller Gläubigen. Du bist eine Mutter und Gespons des Sohns und eine Frau des Hauses Gottes. Du bist eine Schwester und Verlobte des Heiligen Geistes und eine Fürsprecherin der Gemeinde. Du bist der Anfang und die Wiederbringung aller Kreaturen. Du bist eine Beschließerin und Auswirkerin des Willens Gottes. Ich sehe dich ein zur Mithelferin der Heiligen Drey-Einigkeit. Ich setze dich ein zur Aufseherin des Priestertums, zur Führerin des großen Gerichts, zur Regiererin der Gemeinde und zur Heerführerin des Volkes Gottes. Ich setze dich ein zur Herrscherin der Erden und zur Mutter aller Kreaturen.«Th. G. III, 411.

Jetzo verliest Doktor Vergenius kniend die Eidesformel, kraft welcher die »Ewige Weisheit« schwur, »das Eins in dem Drei zu bewahren und der Gemeinde Bestes zu fördern.« Endlich Waschung und Salbung der neuen Göttin, welcher eine aus Lorbeer und Rosmarin geflochtene, mit Silberzindelsternen geschmückte Krone aufgesetzt wird, worauf ihr sämtliche Versammelte mit Kniebeugung und Handkuß huldigen....

Ein Bankett beschloß den Tag des Heils und an einem »Freudentänzchen« wird es wohl auch diesmal nicht gefehlt haben.

7.

Aber alles muß sein Ende haben, auch die Narrheit, und wenn der Phantasterei nicht von selber der Atem ausgeht, so muß man ihr denselben ausblasen. Nicht alle Narren kann man frei herumlaufen lassen, und im Jahre 1706, also vor 170 Jahren, mußte es als eine verbrecherische Narrheit, ja als der Gipfel der Ruchlosigkeit erscheinen, die göttliche Dreieinigkeit mitsamt der himmlischen Sophia vorstellen zu wollen.

Wenn man erwägt, daß dieser Größenwahn auf einem bischöflichen Gebiete sich breit machte, in einer Gegend, welche noch heute zu den verpfafftesten in Europa gehört, und ferner, wie dazumal noch und bis über die Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts hinaus die Ketzer- und Hexengerichte in katholischen und lutherischen Reichslanden wirtschafteten und wüteten, so muß man sich höchlich verwundern über die verhältnismäßige, ja fast beispiellose Milde, womit die »Buttlarsche Rotte« nach ihrer Einziehung durch das bischöflich-paderbornsche Halsgericht behandelt wurde. Es bleibt keine andere Annahme als die, daß der Bischof von Paderborn, Franz Arnold Joseph Wolf, einer jener im achtzehnten Jahrhundert da und dort in Deutschland vorgekommenen katholischen Prälaten gewesen sei, welche von dem durch die Zeit gehenden Hauch der Aufklärung und Humanität mehr oder weniger kräftig angeweht waren.

Unsere am Abend vom 8. Februar 1706 zu Lügde bankettierende gottselige Sippschaft hatte sicherlich keine Ahnung, daß sie aus der wolkenkuckucksheimer Höhe ihres Größenwahns so bald in die gemeine Wirklichkeit eines Gefängnisses herabfallen würde. Die Menschen, solange es ihnen wohlgeht, hüten sich ja überall und allzeit, zu bedenken, daß im Liederbuch des Weisen von Schiras geschrieben steht:

»Beim Bankett des Lebens leere
Einen Becher oder zwei;
Aber nimmermehr begehre,
Daß dein Glück beständig sei!«

Ja, ja, es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und daß der menschliche Größenwahn immer wieder die gebührende Ohrfeige bekomme. Die Ohrfeigung erfolgt in allerlei Formen und nimmt mitunter absonderliche Gestalten an. So erschien sie z.B. beim personifizierten Kathederdünkelwahn, beim Hegel, der in seinem schrecklichen Jargon gekauderwelscht hatte, daß Gott im Menschen im allgemeinen und in ihm, Hegel, im besonderen seiner selbst bewußt geworden, in Gestalt einer unverdaulichen Wurst, an welcher der Mensch-Gott kläglich verstorben ist. Auf die »Ewige Weisheit« und die »Göttliche Dreieinigkeit« vom 8. Februar 1706 dagegen fiel die Ohrfeige in Gestalt des bischöflich paderbornschen Büttelmeisters, welcher mit seiner Mannschaft am 22. Februar in Lügde erschien, die ganze Evaitenschaft, mit Ausnahme des Doktor Vergenius, verhaftete und die zwanzig festgemachten Männer und Weiber in die Gefängnisse des Schlosses Dringenberg abführte, allwo ihnen »wegen Blasphemie« der Prozeß gemacht wurde.

Man muß dem bischöflichen Halsgerichte nachrühmen, daß es viel ordentlicher verfuhr, als das gräflich-witgensteinsche Verfahren war. Die Rechtsformen, wie sie die »Karolina« vorschrieb, wurden eingehalten, kamen jedoch in betreff der Urteilsschöpfung keineswegs in ihrer ganzen Strenge in Anwendung. Sonst wäre ja der Mutter Eva, dem Winter, dem Leander und dem Ichtershausen der Feuertod sicher gewesen. Der Bischof und seine Richter scheinen durchgefühlt zu haben, daß sie es doch eigentlich mehr mit Narren als mit Verbrechern zu tun hätten. Die Nebenpersonen der Größenwahnkomödie benahmen sich in der Untersuchung so kindisch, daß ihre blödsinnige Harmlosigkeit am Tage lag. Von den Hauptpersonen suchten etliche zu leugnen, bis die aufgefundenen Urkunden des »Actus blaphemiae« ihnen vorgelegt wurden oder, wie am 26. März gegen Winter und Ichtershausen, etliche »gradus torturae« (Hand- und Beinschrauben, Aufziehung und Geißelung) in Anwendung kamen. Bald ließen sich alle zu offenen Geständnissen herbei. Leander und die »Leanderinne«, wie Eva in den paderbornschen Akten mitunter heißt, wurden gar nicht »torquiret«. Leander gestand alles. Auch Eva legte hinsichtlich der blasphemischen Machenschaften vom 2. Januar und vom 8. Februar ein offenes Bekenntnis ab. Nur behauptete sie, daß sie sich ihrer Erhöhung und Krönung zur »Ewigen Weisheit«, zur Herrscherin des Himmels und der Erde vierzehn Tage lang widersetzt hätte. Ihr unsittliches Verhältnis zu Winter gab sie ausdrücklich zu. Hinsichtlich der ihrer Sekte schuld gegebenen Unzuchtsgreuel erklärte sie, daß »gestalten die Pietisten geistliche Vereinigungen haben wollten, und daß diejenigen, deren Sinn am meisten übereinkäme, vereinigt werden müßten und weil solches gemeiniglich unter zweyerley Geschlechts-Personen geschähe, wäre es mehrentheils – zur Fleischlichkeit ausgeschlagen«.Th. G. III. 430, 456, 457. Ichtershausen seinerseits bekannte, daß »darin vor 3 – 4 Jahren allerdings viel passiret«, daß jedoch, »als wir Vater und Mutter annahmen, dieser Punkt cessirte«.Th. G. III, 435.

Die ganze Bande stellte sich übrigens sehr reumütig an, und die Hauptpersonen wußten mittels gutgespielter Zerknirschung die einflußreiche Fürbitte des Jesuitenpaters Herde bei Sr. Bischöflichen Gnaden zu gewinnen. Freilich hinderte diese Zerknirschung namentlich die schlaue und kühne Mutter Eva nicht, allerlei Anschläge zur Ausfindigmachung von Fluchtwegen auszuhecken, worauf sie um so weniger verzichtete, als ihr auch in der Gefangenschaft die Geldmittel nicht fehlten und sie demnach dem Wächterpersonal reichliche Branntweinspenden zufließen lassen konnte.

Am 15. und am 21. Mai wurden die Urteile gefällt. Von dem Doktor Vergenius verlautete dabei gar nichts. Die Nebenpersonen des großen Narrenspiels kamen alle mit Verweisung aus dem Hochstifte weg, Winter war zum Tode durch das Schwert verurteilt, allein die Todessentenz wurde in die Strafe der Stäupung verwandelt. Über Eva, Leander und Ichtershausen war Staupenschlag und Landesverweisung verhängt »wegen verübter gotteslästerlicher Thaten und geführten bösen Wandels«.

Nun ist es aber sehr fraglich, ob Eva, Winter, Leander und Ichtershausen den Staupenschlag wirklich erhalten haben. Aktenmäßig wird darüber nichts gemeldet, wohl aber, daß die Fluchtgedanken der Mutter Eva zur Tat geworden oder, wie es in einem vom 9. November datierten Schreiben der bischöflichen Regierung an die Juristenfakultät zu Halle heißt, daß »die de Vesias ante executionem cum effractione carceris echappiret«.Th. G. III, 477.

Und zwar die »Mutter«, die »Ewige Weisheit« nicht allein. Denn schon im September desselben Jahres 1706 finden wir alle Hauptpersonen unserer gottseligen Komödie wiederum beim Freunde Vergenius in Wetzlar versammelt. Recht charakteristisch für die Rechtszustände im Deutschen Reiche von damals, daß eine ganze, mehrfach verurteilte Rotte von Sündern sich gerade am Sitze des höchsten Reichsgerichtes ungestraft und unbehelligt herumtreiben konnte.

Das ist jedoch die letzte bestimmte Nachricht, die wir von der Mutter Eva und den Evaiten haben. Hier in Wetzlar fiel der Vorhang des Stückes. Wir wissen nicht, wohin die gekrönte Sophia und die neue Dreieinigkeit gekommen und was aus ihnen allen geworden. Nicht einmal, ob die Rotte beisammen geblieben sei und irgendwo abermalen ein Nest der Gottseligkeit gebaut oder ob sie sich getrennt habe. Gehört hat man nichts mehr von ihr, und bald war sie gänzlich verschollen. Wahrscheinlich hatte der Größenwahn seine Kraft vertobt und verlief in stille Gehirnerweichung.

So fehlt denn unserem Narrenstück von der Mutter Eva die Schlußeffektgruppe. Die Moral mag sich jeder Leser nach Gefallen daraus holen. Wenn aber einer nach Lesung dieser Historie verwundert fragen sollte: Ist denn so was möglich? so mag er freundlich bedenken, daß in neunundneunzig Fällen von hundert Immermann recht hat, wenn er seinen Zaren Peter zu dem treuen Gordon sagen läßt:

»Glaub dreist das Dümmste, Tollste, Widerwärtigste! Denn das geschieht.«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.