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Grosse Erwartungen. Zweiter Theil

Charles Dickens: Grosse Erwartungen. Zweiter Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleGrosse Erwartungen. Zweiter Theil
publisherVerlagsbuchhandlung von J. J. Weber
editorbrucewelch
year1862
translatorMarie Scott
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20190705
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Achtzehntes Kapitel.
Der Anfang von Pips Erwartungen.

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Es war an einem Sonnabend Abende in meinem vierten Lehrjahre bei Joe. Um das Kaminfeuer in den »drei lustigen Schiffern« war eine Gruppe versammelt, welche Mr. Wopsle als Vorleser der Zeitung zuhörte. Ich war einer von den Zuhörern.

Es war ein Aufsehen erregender Mord begangen worden und Mr. Wopsle war bis zu den Augenbrauen in Blut getaucht. Er schwelgte in jedem furchtbaren Adjectiv der Beschreibung und identificirte sich mit jedem Zeugen bei der Todtenschau. Es stöhnte matt (als das Opfer): »Es ist um mich geschehen«, und brüllte wüthend (als der Mörder): »Ich will Dirs anstreichen.« Er gab das ärztliche Zeugniß mit treffender Nachahmung unseres Ortsarztes; und als der bejahrte Chausseeeinnehmer, welcher die Schläge gehört, keuchte und zitterte er in einer so paralytischen Weise, daß man an der Zurechnungsfähigkeit dieses Zeugen zweifelhaft werden mußte. Der Leichenbeschauer wurde in Mr. Wopsles Händen zu einem Timon von Athen; der Gerichtsdiener zu einem Coriolan. Er amusirte sich königlich; wir amusirten uns Alle und fühlten uns höchst gemüthlich. In diesem traulichen Gemüthszustande kamen wir zu dem Wahrspruche: »Mord mit Vorbedacht«.

In diesem Augenblicke, und nicht früher, wurde ich eines fremden Herrn gewahr, der sich mir gegenüber auf die Rücklehne einer Bank stützte und zuschaute. Es lag in seinem Gesichte ein Ausdruck der Verachtung und er nagte an der Seite eines großen Zeigefingers, während er die Gruppe von Gesichtern beobachtete.

»Nun!« sagte der Fremde zu Mr. Wopsle, als dieser mit dem Vortrage zu Ende war, »Sie haben es Alle, ohne Zweifel, bereits zu Ihrer Zufriedenheit entschieden?«

Alle schraken zusammen und blickten empor, wie wenn es der Mörder gewesen wäre. Er blickte Jeden kalt und spöttisch an.

»Schuldig, natürlich, wie?« sagte er. »Nur heraus damit!«

»Sir,« entgegnete Mr. Wopsle, »ohne die Ehre, Ihrer Bekanntschaft zu genießen, sage ich in der That: Schuldig.«

Hierauf fühlten wir uns Alle ermuthigt, uns zu einem bestätigenden Gemurmel zu vereinen.

»Das weiß ich,« sagte der Fremde; »ich wußte es schon vorher und sagte es Ihnen. Aber jetzt will ich Ihnen eine Frage vorlegen. Wissen Sie, oder wissen Sie es nicht, daß das englische Gesetz Jeden für unschuldig gelten läßt, bis seine Schuld bewiesen – ich sage bewiesen ist?«

»Sir,« begann Mr. Wopsle, »da ich selbst ein Engländer bin, so …«

»Kommen Sie!« sagte der Fremde, seinen Zeigefinger beißend; »weichen Sie der Frage nicht aus. Entweder Sie wissen es, oder Sie wissen es nicht. Welches von beiden ist der Fall?«

Er stand auf eine Seite geneigt und mit dem Kopfe nach einer Seite geneigt in einer einschüchternd fragenden Stellung da und warf den Zeigefinger nach Mr. Wopsle – wie, um ihn besonders zu bezeichnen – ehe er wieder daran weiter nagte.

»Jetzt!« sagte er. »Wissen Sie es, oder wissen Sie es nicht?«

»Allerdings weiß ich es,« erwiederte Mr. Wopsle.

»Allerdings wissen Sie es! Warum haben Sie es da nicht gleich gesagt? Jetzt werde ich Ihnen noch eine Frage vorlegen,« sagte er, indem er von Mr. Wopsle Besitz nahm, als wenn er ein Anrecht an ihn habe. »Wissen Sie auch, daß noch mit keinem einzigen dieser Zeugen ein Kreuzverhör vorgenommen worden?«

Mr. Wopsle fing mit den Worten: »Ich kann nur sagen –« an, als der Fremde ihn unterbrach.

»Wie? Sie wollen die Frage nicht beantworten, ja oder nein? Jetzt noch einmal,« sagte er abermals, seinen Zeigefinger nach ihm werfend. »Merken Sie auf. Wissen Sie, oder wissen Sie es nicht, daß mit keinem von diesen Zeugen ein Kreuzverhör vorgenommen worden? Wie? ich verlange nur ein Wort von Ihnen: ja oder nein?«

Mr. Wopsle zögerte, und wir fingen Alle an, eine geringe Meinung von ihm zu fassen.

»Kommen Sie!« sagte der Fremde; »ich will Ihnen helfen. Sie verdienen es nicht; aber ich will Ihnen helfen. Sehen Sie das Papier an, das Sie da in der Hand halten. Was ist es?«

»Was es ist?« sagte Mr. Wopsle, es mit sehr verblüffter Miene betrachtend.

»Ist es,« fuhr der Fremde auf seine spöttischste und argwöhnischste Weise fort, »ist es die Zeitung, aus der Sie so eben vorgelesen?«

»Ohne allen Zweifel.«

»Ohne allen Zweifel. Jetzt blicken Sie in diese Zeitung hinein und sagen mir, ob darin die bestimmte Angabe steht, der Gefangene habe ausdrücklich gesagt, sein Advocat habe ihm gerathen, sich seine Vertheidigung vorzubehalten?«

»Nun, das habe ich ja soeben gelesen,« sagte Mr. Wopsle.

»Es handelt sich nicht darum, was Sie soeben gelesen haben, Sir; darnach habe ich Sie nicht gefragt. Sie können meinetwegen das Vaterunser rückwärts lesen, wenn Sie wollen – und haben es wahrscheinlich schon gethan. Schauen Sie in die Zeitung: nein, nein, nein, mein Freund; nicht nach dem oberen Ende der Spalte; Sie wissen es besser; nach unten. (Es schien uns Allen, daß Mr. Wopsle voller Ausflüchte war.) Nun? haben Sie es gefunden?«

»Hier ist es,« sagte Mr. Wopsle.

»Jetzt lesen Sie die Stelle und sagen mir, ob sie bestimmt angiebt, daß der Gefangene ausdrücklich gesagt, sein Advocat habe ihm gerathen, sich seine Vertheidigung in ihrer ganzen Ausdehnung vorzubehalten? Wie! Ist das, wie Sie es verstehen?«

Mr. Wopsle entgegnete: »das sind nicht genau die Worte.«

»Nicht genau die Worte!« wiederholte der Herr mit Bitterkeit. »Ist es genau der Sinn?«

»Ja,« sagte Mr. Wopsle.

»Ja!« wiederholte der Fremde, indem er sich rings in der Gesellschaft umblickte und seine rechte Hand nach dem Zeugen, Wopsle, ausstreckte. »Und jetzt frage ich Sie, was Sie zu dem Gewissen des Mannes sagen, der mit jener Stelle vor seinen Augen, sein Haupt auf sein Kissen legen kann, nachdem er einen Mitmenschen ungehört für schuldig erklärt hat?«

Wir fingen Alle zu argwöhnen an, daß Mr. Wopsle nicht der Mann wäre, für den wir ihn gehalten, und daß man am Ende dahinter komme, was er wirklich sei.

»Und dieser selbe Mann, bedenken Sie,« fuhr der Fremde fort, indem er den Zeigefinger gewichtig nach Wopsle zu warf, »dieser selbe Mann könnte vielleicht zu diesem selben Verhöre als Geschworener geladen werden und, nachdem er sich auf diese Weise versündigt, in den Schooß seiner Familie zurückkehren und sein Haupt auf sein Kissen legen, nachdem er ganz kaltblütig geschworen, er wolle wohl und getreulich den Streitpunkt zwischen unserm allerhöchsten Herrn und Gebieter, dem Könige, und dem Gefangenen vor den Schranken erwägen, und ein richtiges Urtheil fällen nach den Zeugenaussagen, so helfe ihm Gott!«

Wir waren Alle im Innersten überzeugt, daß der unglückliche Wopsle zu weit gegangen, und daß er wohl thun würde, in seinem fahrlässigen Laufe innezuhalten, da es noch Zeit sei.

Der fremde Herr verließ jetzt die Rücklehne der Bank mit einer Autorität, die nicht anzufechten war, und mit einer Manier, welche deutlich ausdrückte, daß er von Jedem unter uns Dinge wisse, die, falls es ihm einfiele, sie zu enthüllen, entschieden unser Verderben sein würden, und trat in den Raum zwischen den beiden Bänken, vor das Feuer, wo er mit der linken Hand in der Tasche und an dem Zeigefinger der rechten Hand nagend stehen blieb.

»Nach mir zugekommenen Mittheilungen«, sagte er, indem er ringsum uns anschaute, während wir vor ihm erzitterten, »habe ich Ursache zu glauben, es befinde sich ein Schmied unter Ihnen, mit Namen Joseph – oder Joe – Gargery. Wer von Ihnen ist der Mann?«

»Hier ist der Mann,« sagte Joe.

Der fremde Herr winkte Joe zu sich, und Joe ging.

»Sie haben einen Lehrling,« fuhr der Fremde fort, »allgemein unter dem Namen Pip bekannt? Ist er hier?«

»Hier bin ich!« rief ich aus.

Der Fremde erkannte mich nicht; ich aber erkannte in ihm den Herrn, dem ich bei meinem zweiten Besuch bei Miß Havisham auf der Treppe begegnet war. Sein Aussehen war für mich ein zu bemerkenswerthes gewesen, als daß ich es hätte vergessen können. Ich hatte ihn gleich im ersten Augenblicke erkannt, da ich ihn über die Bank lehnen sah, und jetzt, da ich vor ihm stand und er mir seine Hand auf die Schulter gelegt hatte, nahm ich wieder einzeln von dem großen Kopfe, der dunklen Hautfarbe, den tiefliegenden Augen, den buschigen schwarzen Augenbrauen, der schweren Uhrkette, den schwarzen Tupfen an der Stelle des Kinn- und Backenbartes und selbst von dem Dufte parfumirter Seife an seiner großen Hand Notiz.

»Ich wünsche, mit Ihnen beiden allein zu sprechen,« sagte er, nachdem er mich mit Muße betrachtet. »Es wird wohl eine kleine Weile währen, und vielleicht wäre es deshalb besser, wir gingen nach Ihrer Wohnung. Ich ziehe es vor, meiner Mittheilung hier nicht vorzugreifen. Sie können später so viel, oder so wenig wie Sie wollen, Ihren Freunden davon sagen; damit habe ich nichts zu schaffen.«

In erstauntem Schweigen verließen wir Drei die »Lustigen Schiffer« und gingen dann in erstauntem Schweigen nach Hause. Während wir dahin gingen, blickte der fremde Herr gelegentlich mich an, und nagte dann wieder an seinem Finger. Als wir uns der Schmiede näherten, ging Joe, mit einer unbestimmten Vorstellung von der Bedeutung und Feierlichkeit des Augenblicks, voran, um die Vorderthür zu öffnen. Unsere Conferenz fand in dem kleinen Staatsgemache Statt, welches matt durch ein einziges Licht erleuchtet war.

Dieselbe wurde dadurch eröffnet, daß der fremde Herr sich an den Tisch setzte, das Licht zu sich heranzog, und einige Notizen in seiner Brieftasche durchlief. Dann klappte er die Brieftasche wieder zu und schob das Licht ein wenig auf die Seite, nachdem er um dasselbe herum in die Dunkelheit nach Joe und mir hingeblickt, um sich zu überzeugen, wo wir unsere respectiven Plätze genommen.

»Mein Name«, sagte er, »ist Jaggers, und ich bin Rechtsanwalt in London. Ich bin ziemlich wohl gekannt. Ich habe ein ungewöhnliches Geschäft mit Ihnen zu verhandeln und will damit anfangen, daß ich Ihnen zu verstehen gebe, daß es nicht von mir herrührt. Hätte man mich um Rath gefragt, so wäre ich jetzt nicht hier. Ich thue nur, womit man mich im Vertrauen beauftragt hat. Nicht mehr und nicht weniger.«

Da er fand, daß er uns von seinem Platze aus nicht recht gut sehen konnte, stand er auf, warf ein Bein über die Rücklehne eines Stuhles und stützte sich auf denselben; auf diese Weise hatte er einen Fuß auf dem Sitze des Stuhles und den andern auf dem Fußboden.

»Also, Joseph Gargery, ich bin der Ueberbringer eines Anerbietens, Sie von diesem jungen Menschen, Ihrem Lehrlinge, zu befreien. Hätten Sie etwas dagegen, auf sein Ersuchen und für sein Wohl, seinen Contract zu annulliren? Würden Sie etwas als Entschädigung,dafür verlangen?«

»Gott bewahre mich davor, daß ich etwas dafür verlangte, mich nicht Pip hinderlich in den Weg zu stellen,« sagte Joe mit weit geöffneten Augen.

»Gott bewahre – ist fromm, aber nicht zur Sache gehörig,« entgegnete Mr. Jaggers. »Die Frage ist: Würden Sie etwas dafür verlangen? Verlangen Sie etwas dafür?«

»Die Antwort ist,« sagte Joe fest, »Nein.«

Es schien mir, da Mr. Jaggers Joe anblickte, als ob er ihn ob seiner Uneigennützigkeit für einen Narren halte. Aber meine athemlose Neugierde und Verwunderung verwirrte mich zu sehr, um mir hierüber klar zu sein.

»Sehr gut,« sagte Mr. Jaggers. »Erinnern Sie sich des Zugeständnisses, das Sie gemacht haben, und versuchen Sie später nicht davon abzuweichen.«

»Wer will es versuchen?« gab Joe zurück.

»Ich habe nicht gesagt, daß es Jemand versuchen will. Halten Sie einen Hund?«

»Ja, ich halte einen Hund.«

»Dann erinnern Sie sich gefälligst, daß Beller ein guter Hund, Haltefest aber ein besserer ist. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie so gut sein wollen,« wiederholte Mr. Jaggers, indem er die Augen schloß und Joe zunickte, als vergäbe er ihm etwas. »Um jetzt auf diesen jungen Burschen zurückzukommen. Die Mittheilung, welche ich Ihnen zu machen habe, ist, daß er große Erwartungen hat.«

Joe und ich schnappten nach Luft und schauten einander an. »Ich bin beauftragt, ihm anzukündigen,« sagte Mr. Jaggers, von der Seite seinen Finger nach mir werfend, »daß er ein schönes Vermögen erhalten wird. Ferner, daß der gegenwärtige Besitzer dieses Vermögens wünscht, er möge sofort diesen Ort und seine jetzige Lebenssphäre verlassen, um wie ein Gentleman – mit einem Worte, wie ein junger Mensch mit großen Erwartungen erzogen zu werden.«

Mein Traum war aus; mein ausschweifendes Wünschen war von der nüchternen Wirklichkeit noch übertroffen; Miß Havisham wollte in großartigem Maße mein Glück machen.

»Jetzt, Mr. Pip,« fuhr der Advokat fort, »wende ich mich mit Dem, was mir noch zu sagen übrig bleibt, an Sie. Erstens muß ich Ihnen einprägen, daß es der Wunsch der Person ist, von der ich meine Instructionen erhalten, daß Sie fortfahren, den Namen Pip zu tragen. Ich denke mir, Sie werden nichts Besonderes dagegen einzuwenden haben, Ihre großen Erwartungen mit dieser leichten Bedingung zu belasten. Haben Sie jedoch etwas dagegen, so ist dies der Augenblick, es zu sagen.«

Mir pochte das Herz so gewaltig und die Ohren sausten mir so furchtbar, daß ich kaum hervorstammeln konnte, ich habe nichts dagegen einzuwenden.

»Das wollt ich meinen! Zweitens, Mr. Pip, muß ich Ihnen einprägen, daß der Name der Person, welche Ihr großmüthiger Wohlthäter ist, ein tiefes Geheimniß bleiben muß, bis jene Person selbst es für gut befindet, Ihnen dasselbe zu enthüllen. Ich bin beauftragt, Ihnen zu sagen, daß die Person beabsichtigt, es Ihnen selbst mit eigenem Munde zu sagen. Wann diese Absicht ausgeführt werden wird, kann ich nicht sagen – kann Niemand sagen. Es mag erst nach Jahren, ja nach vielen Jahren, geschehen. Sie müssen stets im Auge behalten, daß es Ihnen in allen Verhandlungen, die Sie mit mir haben werden, entschieden verboten ist, hierüber Nachforschungen anzustellen, oder Anspielungen auf die in Frage stehende Person zu machen, wie entfernt dieselben auch sein mögen. Falls Sie eine stille Vermuthung darüber hegen, so behalten Sie dieselbe für sich. Die Gründe, auf denen dieses Verbot beruht, gehören durchaus nicht hierher; sie mögen die gewichtigsten und ernstesten Gründe, oder auch eine bloße Laune sein. Es steht Ihnen nicht zu, danach zu forschen. Auf dieser Bedingung wird bestanden. Daß Sie dieselbe eingehen und sich verpflichten, sie zu halten, ist die einzige Bedingung, die mich die Person, welche mir meine Instructionen gegeben, und für die ich nicht weiter verantwortlich, zu fordern beauftragt hat. Diese Person ist dieselbe, von der Sie Ihre Erwartungen haben, und das Geheimniß nur ihr und mir allein bekannt. Und dies ist wieder keine schwere Bedingung, mit der eine solche Erhebung zum Glücke belastet ist; aber falls Sie etwas dagegen einzuwenden haben, so ist dies der Augenblick, es zu sagen. Reden Sie.«

Ich stammelte abermals nur mit Mühe, daß ich nichts dagegen einzuwenden habe.

»Das sollt ich meinen! Jetzt, Mr. Pip, bin ich fertig mit den Bedingungen.«

Obgleich er mich Mr. Pip nannte und mir fast zu schmeicheln anfing, konnte er doch nie ein gewisses Wesen ablegen, berechnet den Angeredeten ängstlich und schuldbewußt zu machen; und selbst jetzt noch schloß er, indem er mit mir sprach, zuweilen die Augen und warf den Finger nach mir aus, als ob er hätte sagen wollen, es seien ihm eine Menge Dinge über mich bekannt, die mir zum Nachtheile gereichten, falls es ihm gefiele, es nur zu sagen.

»Was nun kommt, sind blos die Einzelheiten des Arrangements. Sie müssen wissen, daß, obgleich ich mehr als einmal mich des Ausdrucks: Erwartungen bedient, Sie nicht blos auf Erwartungen angewiesen sind. Es ist mir bereits eine Summe Geld ausgezahlt, die bequem für Ihre Erziehung und Ihren Unterhalt ausreicht. Sie werden so gut sein, mich als Ihren Vormund zu betrachten. O!« Denn ich war eben im Begriffe, ihm zu danken. »Ich sage Ihnen gleich, daß ich für meine Dienste bezahlt werde, sonst würde ich sie nicht leisten. Man hält es für angemessen, Ihnen in Uebereinstimmung mit Ihrer veränderten Stellung eine bessere Erziehung zu geben, und hofft, daß Sie die Wichtigkeit und Nothwendigkeit einsehen werden, sich sofort dieses Vortheils zu bedienen.«

Ich sagte, ich hätte mich stets danach gesehnt.

»Ob Sie sich stets danach gesehnt haben, gehört nicht zur Sache, Mr. Pip,« sagte er. »Bleiben Sie bei der Sache. Es genügt, wenn Sie sich jetzt danach sehnen. Habe ich Ihre Antwort, daß Sie bereit sind, sofort Ihre Studien bei einem geeigneten Lehrer zu beginnen? Ist dem so?«

Ich stotterte, ja, dem sei so.

»Gut. Nun soll Ihre eigene Neigung zu Rathe gezogen werden. Merken Sie wohl auf, daß mir dies nicht sehr weise scheint, aber es gehört zu meinem Auftrage. Haben Sie je von irgend einem Lehrer gehört, den Sie einem andern vorziehen würden?«

Ich hatte nie von anderen Lehrern als Biddy und Mr. Wopsles Großtante gehört, und verneinte daher seine Frage.

»Es ist da ein gewisser Lehrer, der nach Einigem, was ich über ihn weiß, wohl unserm Zwecke entsprechen dürfte,« sagte Mr. Jaggers. »Merken Sie wohl auf, daß ich ihn nicht empfehle; denn ich empfehle niemals Jemand. Der Herr, von dem ich spreche, ist ein gewisser Herr Matthew Pocket.«

Ach! der Name war mir sogleich bekannt. Miß Havishams Verwandter. Der Matthew, von dem Mr. Camilla und Frau gesprochen. Der Matthew, welcher, wenn Miß Havisham todt sein und in ihrem Hochzeitskleide auf dem Hochzeitstische liegen würde, an ihrem Haupte stehen solle.

»Sie kennen den Namen,« sagte Mr. Jaggers, indem er mich schlau anblickte und dann, während er meine Antwort erwartete, die Augen schloß.

Ich antwortete, daß ich den Namen gehört habe.

»O!« sagte er. »Sie haben den Namen gehört. Aber die Frage ist: Was sagen Sie dazu?«

Ich sagte, oder versuchte zu sagen, daß ich ihm sehr verbunden sei für seine Empfehlung –

»Nein, mein junger Freund,« unterbrach er mich, langsam den großen Kopf schüttelnd und zugleich lächelnd und die Stirne runzelnd; »nein, nein, nein; es ist sehr gut angefangen, aber es geht nicht; Sie sind zu jung, um mich damit zu fangen. Empfehlung ist nicht das rechte Wort. Suchen Sie ein anderes, Mr. Pip.«

Ich sagte, mich verbessernd, ich sei ihm sehr verbunden für seine Erwähnung Mr. Matthew Pockets –

»So ists besser!« rief Mr. Jaggers aus. – Und ich fügte hinzu, ich würde es mit Vergnügen mit diesem Herrn versuchen.

»Gut. Versuchen Sie es lieber in seinem eigenen Hause mit ihm. Die nöthigen Einleitungen werden getroffen werden, und Sie können lieber erst mit seinem Sohne sprechen, der in London ist. Wann wollen Sie nach London kommen?«

Ich sagte, (indem ich nach Joe hinüber blickte, welcher bewegungslos dastand), ich dächte, sofort kommen zu können.

»Erst aber«, sagte Mr. Jaggers, »müssen Sie einige neue Kleider haben, in denen Sie die Reise machen, und zwar dürfen es keine Handwerkerkleider sein. Wir wollen heute über acht Tage sagen. Sie werden Geld gebrauchen. Soll ich Ihnen zwanzig Guineen da lassen?«

Er zog mit der größten Kaltblütigkeit eine lange Geldbörse hervor, zählte die Goldstücke auf den Tisch und schob sie zu mir herüber. Dies war das erste Mal, wo er sein Bein von dem Stuhle genommen. Er saß rittlings über dem Stuhle, als er mir das Geld hinschob, und schaute, indem er die Geldbörse, in der Hand schwenkte, Joe an.

»Nun, Joseph Gargery? Sie sehen erstaunt aus?«

»Ich bin erstaunt!« sagte Joe auf sehr entschiedene Weise.

»Erinnern Sie sich wohl daran: es war ausgemacht, daß Sie nichts für sich verlangten.«

»Es war ausgemacht,« sagte Joe. »und ich erinnere mich wohl daran. Und dabei wird es also bleiben.«

»Wie aber wärs,« sagte Mr. Jaggers, seine Geldbörse schwenkend, »wie wärs, wenn man mich beauftragt hätte, Ihnen ein kleines Geschenk als Entschädigung zu machen?«

»Als Entschädigung für was?« frug Joe.

»Für den Verlust seiner Dienste.«

Joe legte seine Hand leicht wie eine Frauenhand auf meine Schulter. Er ist mir seitdem oft in der Art, wie bei ihm Stärke und Sanftmuth bei einander wohnten, vorgekommen wie ein Dampfhammer, der zugleich einen Menschen zermalmen und ein Ei aufschlagen kann.

»Pip ist mir so herzlich willkommen, frei aus der Lehre zu treten und der Ehre und dem Wohlstande entgegen zu gehen, wie ichs ihm mit Worten nicht sagen kann. Aber wenn Sie glauben, daß Geld mir eine Entschädigung sein könnte für den Verlust des kleinen Kindes – das in die Schmiede kam – und immer die besten Freunde!«

O, lieber guter Joe, ich sehe Dich noch immer, wie Du dastehst mit wogender Brust, ersterbender Stimme und dem kräftigen Schmiedesarme vor den Augen. O, lieber, guter, herzlicher, treuer Joe, ich fühle das zärtliche Erbeben Deiner Hand auf meinem Arme heute noch so feierlich, als ob es das Rauschen eines Engelsfittigs gewesen!

Aber damals patronisirte ich Joe. Ich hatte mich in dem Labyrinthe meines großen Glückes verirrt und konnte die Nebenwege nicht wiederfinden, auf denen wir zusammen gewandelt waren. Ich bat Joe, sich zu trösten, denn (wie er gesagt) wir waren ja immer die besten Freunde gewesen, und (wie ich sagte) würden es auch ferner bleiben. Joe bohrte sich mit dem freien Handgelenke im Auge, als ob ihm daran liege, es herauszubohren, sagte aber kein Wort weiter.

Mr. Jaggers hatte uns zugesehen, wie Jemand, der in Joe den Blödsinnigen und in mir seinen Wärter erkenne. Als es vorbei war, sagte er, die Geldbörse, welche er zu schwingen aufgehört, in der Hand wägend:

»Nun, Joseph Gargery, ich warne Sie, dies ist Ihre letzte Gelegenheit. Keine halben Maßregeln mit mir. Wenn Sie beabsichtigen, ein Geschenk anzunehmen, das ich Ihnen zu machen beauftragt bin, so sprechen Sie, und Sie sollen es haben. Wenn Sie aber –«

Hier wurde er zu seinem unaussprechlichen Erstaunen dadurch unterbrochen, daß Joe mit allem Anscheine einer blutdürstigen Faustkampfabsicht sich an ihn heranmachte.

»Womit ich nur sagen wollte,« sagte Joe, »daß, wenn Sie hier in meine Wohnung kommen, um Einen zu ärgern und zu narren, da kommen Sie heraus! Womit ich meine, wenn Sie ein Mann sind, so kommen Sie her! Und das heißt soviel, daß, was ich sage, das meine ich, und dabei bleibts, ob ich stehe oder falle!«

Ich zog Joe zurück, und er wurde augenblicklich wieder friedlich; er sagte mir nur auf verbindliche Weise und wie eine höfliche, vorstellende Bemerkung gegen Jeden, den sie angehen könnte, daß er sich nicht in seinem Hause ärgern und narren lassen werde.

Mr. Jaggers war bei Joes Demonstration aufgestanden und hatte sich bis an die Thür zurückgezogen. Ohne irgendwie Neigung zu verrathen, wieder näher zu kommen, gab er uns von dort aus seine Abschiedsbemerkungen. Dieselben waren folgende:

»Nun, Mr. Pip, ich denke – da Sie ein Gentleman werden sollen.– je eher Sie sich von hier fortmachen, desto besser für Sie. Wir wollen es auf heute über acht Tage feststellen, und Sie sollen inzwischen meine gedruckte Adresse bekommen. Sie können am Bureau der Landkutsche in London eine Droschke nehmen, und geradezu zu mir kommen. Verstehen Sie wohl, daß ich über das, was ich übernehme, in keiner Weise eine Ansicht ausspreche. Man bezahlt mich dafür, und ich thue es. Merken Sie sich dies noch zum Schlusse. Merken Sie sich es wohl!«

Er warf nach uns Beiden mit dem Finger, und würde, wie es mir schien, noch zu reden fortgefahren sein, wäre ihm nicht Joe gefährlich und bereit loszubrechen vorgekommen.

Es fiel mir plötzlich etwas ein, das mich ihm nachzulaufen bewog, als er nach den »Drei lustigen Schiffern« zurückkehrte, wo er sein gemiethetes Fuhrwerk gelassen.

»Ich bitte um Verzeihung, Mr. Jaggers.«

»Holla!« sagte er, sich umwendend, »was giebts?«

»Ich möchte gern ganz recht thun, und mich genau nach Ihren Vorschriften richten; deshalb dachte ich, ich wolle Sie lieber fragen. Würde etwas einzuwenden sein, wenn ich von Bekannten von mir in dieser Gegend Abschied nähme, ehe ich von hier fortginge?«

»Nein,« sagte er, doch sah er aus, als habe er mich kaum verstanden.

»Ich meine nicht bloß im Dorfe hier, sondern oben in der Stadt?«

»Nein,« sagte er, »dagegen ist nichts einzuwenden.«

Ich dankte ihm und lief wieder nach Hause. Hier fand ich, daß Joe die Vorderthür bereits wieder verschlossen, das Staatsgemach wieder verlassen und sich in der Küche vors Feuer gesetzt hatte, wo er, auf jedes Knie eine Hand gestützt, aufmerksam in die glühenden Kohlen blickte. Ich setzte mich ebenfalls und schaute ins Feuer hinein, und für eine lange Weile wurde kein Wort gesprochen.

Meine Schwester saß in ihrem gepolsterten Stuhle im Winkel und Biddy mit ihrer Arbeit vor dem Feuer; neben Biddy saß Joe, und neben Joe, in der Ecke meiner Schwester gegenüber, saß ich. Je länger ich in die Kohlenglut starrte, desto unmöglicher schien es mir, das Schweigen zu brechen.

Endlich gelang es mir zu sagen: »Joe, hast Du's Biddy gesagt?«

»Nein, Pip,« erwiederte Joe, indem er fortfuhr ins Feuer zu stieren und seine Kniee so krampfhaft fest zu halten, als habe er heimliche Nachricht erhalten, daß sie ihm durchzugehen beabsichtigten: »ich wollt es Dir überlassen, Pip.«

»Ich möchte lieber, daß Du es sagtest, Joe,«

»Pip ist also ein Gentleman mit Vermögen,« sagte Joe, »und Gott segn' ihn in dessen Besitze!«

Biddy ließ ihre Arbeit sinken und sah mich an. Nach einer Pause wünschten Beide mir von Herzen Glück; aber es war ein gewisser Anflug von Trauer in ihren Glückwünschen, welcher mich etwas verletzte.

Ich übernahm es, Biddy (und durch Biddy Joe) die ernste Verpflichtung einzuprägen, nichts von dem Urheber meines Glückes weder zu wissen, noch zu sagen. Es werde mit der Zeit Alles ans Tageslicht kommen, sagte ich, und inzwischen müsse nichts weiter darüber gesagt werden, als daß mir ein geheimer Gönner große Erwartungen eröffnet habe. Biddy nickte gedankenvoll mit dem Kopfe dem Feuer zu, indem sie langsam ihre Arbeit wieder aufnahm, und sagte, sie wolle sich sehr in Acht nehmen; und Joe sagte, noch immer seine Kniee festhaltend: »Ja, ja, Pip, ich will mich ebenfalls in Acht nehmen«; und dann beglückwünschten sie mich abermals und ergingen sich in solcher Verwunderung über die Idee, daß ich ein Gentleman würde, daß es mir gar nicht recht gefiel.

Dann gab Biddy sich die unbeschreiblichste Mühe, meiner Schwester einen Begriff von dem zu geben, was sich zugetragen. Soviel ich zu urtheilen im Stande bin, schlugen ihre Anstrengungen jedoch vollkommen fehl. Meine Schwester lachte und nickte unendlich viele Male mit dem Kopfe, und wiederholte sogar nach Biddy die Worte »Pip« und »Vermögen«. Aber ich zweifle, ob sie mehr Bedeutung für sie hatten, als ein Wahlgeschrei, und ich kann kein dunkleres Bild als dieses von ihrem Geisteszustande geben.

Ich hätte es nimmer glauben können, falls ich nicht die Erfahrung gemacht, aber in dem Grade wie Joe und Biddy ihre gewohnte heitere Ruhe wieder erlangten, wurde ich förmlich finster. Es war natürlich nicht möglich, daß ich mit meinem Glücke unzufrieden war; wohl möglich aber ist es, daß ich, ohne es zu wissen, mit mir selber nicht zufrieden war.

Jedenfalls saß ich, mit dem Ellnbogen auf die Kniee und dem Gesicht auf der Hand gestützt, und blickte ins Feuer, während jene Beiden von meinem Fortgehen sprachen, und was sie ohne mich anfangen sollten, und dergleichen mehr. Und jedes Mal, wo ich sie dabei ertappte, daß sie mich ansahen, wie freundlich dies auch geschah (und sie sahen mich sehr oft an – besonders Biddy), fühlte ich mich gewissermaßen beleidigt: als ob sie auf irgend eine Weise Mißtrauen gegen mich verrathen hätten. Doch der Himmel weiß, daß sie dies weder durch Worte noch durch Zeichen thaten.

In solchen Augenblicken stand ich dann auf und sah zur Thür hinaus; denn unsere Küchenthür führte gleich in die Nacht hinaus und stand an Sommerabenden offen, um frische Luft hereinzulassen. Ich fürchte, daß selbst die Sterne, zu denen ich meine Blicke erhob, mir nur wie ärmliche, unbedeutende Sterne erschienen, weil sie über den bescheidenen Gegenständen leuchteten, unter denen ich bisher mein Leben zugebracht.

»Sonnabend Abend,« sagte ich, als wir bei unserm Brod, Käse und Bier saßen. »Nur fünf Tage, und dann der Tag vor dem Tage! Sie werden sehr schnell vergehen.«

»Ja, Pip,« sagte Joe, dessen Stimme hohl aus seinem Bierkruge herausklang. »Sie werden sehr schnell vergehen.«

»Sehr, sehr schnell,« sagte Biddy.

»Ich habe gedacht, Joe, daß wenn ich Montag in die Stadt hineingehe, um meine neuen Kleider zu bestellen, ich dem Schneider sagen will, daß ich hinkommen und sie dort anziehen werde, oder, daß er sie mir zu Mr. Pumblechook schickt. Es würde sehr unangenehm sein, von all den Leuten hier angestiert zu werden.«

»Mr. Hubble und seine Frau sähen Dich am Ende auch gern in Deinem neuen Staate, Pip,« sagte Joe, indem er fleißig an seinem Brode schnitt, auf dem der Käse lag und das er in der Fläche seiner linken Hand hielt, wobei er nach meinem unberührten Nachtessen hinschaute, als ob er der Zeit gedenke, wo wir unsere Butterschnitte zu vergleichen pflegten, »Und Wopsle ebenfalls; und die ›Lustigen Schiffer‹ würden es gewiß als ein Compliment aufnehmen.«

»Und das ist gerade, was ich nicht haben mag, Joe. Sie würden solch Aufheben darüber machen – solch ordinäres Aufheben – daß ich es nicht ertragen könnte.«

»Ach, das ist etwas Anderes, Pip!« sagte Joe, »wenn Du es nicht ertragen könntest …«

Hier fragte mich Biddy, während sie vor meiner Schwester saß, deren Teller sie hielt:

»Hast Du schon daran gedacht, wann Du Dich Mr. Gargery und Deiner Schwester und mir zeigen willst? Denn uns wirst Du Dich wohl zeigen, wie, Pip?«

»Biddy,« sagte ich mit einiger Empfindlichkeit, »Du bist so außerordentlich rasch, daß es schwer ist, mit Dir Schritt zuhalten,«

»Ja wohl, sie ist immer sehr rasch gewesen,« bemerkte Joe.

»Wenn Du nur noch eine Minute gewartet hättest, Biddy, so würdest Du mich haben sagen hören, daß ich eines Abends, wahrscheinlich an dem vor meiner Abreise, meine Kleider in einem Bündel nach Hause bringen werde.«

Biddy sagte nichts weiter. Indem ich ihr gnädigst verzieh, sagte ich bald darauf ihr und Joe gute Nacht und ging in meine kleine Kammer hinauf. Hier angelangt, setzte ich mich und betrachtete sie lange, wie ein erbärmliches kleines Zimmer, von dem ich bald geschieden und über das ich bald auf immer erhaben sein würde. Und doch lebten frische, junge Erinnerungen darin, und eben jetzt, in diesem selben Augenblicke verfiel ich in denselben verwirrten Gemüthszustand rücksichtlich seiner und jener schöneren Gemächer, in die ich kommen sollte, in welchem ich so oft in Bezug auf die Schmiede und Miß Havisham, und Biddy und Estella gewesen war.

Die Sonne hatte den ganzen Tag hindurch hell auf das Dach meiner kleinen Kammer geschienen, und es war daher sehr warm im Zimmer. Als ich das Fenster öffnete und hinausschaute, sah ich Joe langsam unten durch die dunkle Thür heraustreten und langsam ein paar Mal in der frischen Luft auf und ab gehen; und dann sah ich wie Biddy herauskam, ihm seine Pfeife brachte und dieselbe für ihn anzündete. Er pflegte nie so spät zu rauchen, und es schien mir dies ein Zeichen zu sein, daß er aus irgend einem Grunde des Trostes bedürftig sei.

Bald kam er und stellte sich in die Thür, welche unmittelbar unter mir war; er fuhr fort, seine Pfeife zu rauchen, und Biddy stand neben ihm, sich ruhig mit ihm unterhaltend; und ich wußte, daß sie von mir sprachen, denn ich hörte sie Beide mehr als ein Mal mit liebevollem Ausdrucke meinen Namen aussprechen. Ich hätte nicht auf mehr lauschen mögen, falls ich es hätte hören können: deshalb zog ich mich vom Fenster zurück und setzte mich auf den einen Stuhl vor meinem Bette, wobei ich ein sehr kummervolles Gefühl hatte, daß dieser erste Abend meiner Glücksaussichten der einsamste sein mußte, den ich je gekannt.

Wie ich wieder aus dem Fenster schaute, sah ich die leichten Ringel des Rauches aus Joes Pfeife dahinschweben und sie erschienen mir, wie ein Segen von Joe – ein Segen, der nicht mir aufgedrungen oder vor mir zur Schau getragen wurde, sondern der die Luft durchzog, die wir Beide athmeten. Ich löschte mein Licht aus und kroch ins Bett; und es war jetzt ein unbequemes Bett geworden, und ich schlief nie mehr den alten festen Schlaf in ihm.

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