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Grosse Erwartungen. Zweiter Theil

Charles Dickens: Grosse Erwartungen. Zweiter Theil - Kapitel 8
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleGrosse Erwartungen. Zweiter Theil
publisherVerlagsbuchhandlung von J. J. Weber
editorbrucewelch
year1862
translatorMarie Scott
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20190705
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Siebzehntes Kapitel.
Ein Sonntagsspaziergang.

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Ich gewöhnte mich jetzt an den regelmäßigen Gang meines Lehrlingslebens, welches, über die Grenzen des Dorfes und der Marschen hinaus, keine bemerkenswerthere Abwechselung bot, als meinen Geburtstag und meinen sich daran knüpfenden Besuch bei Miß Havisham. Ich fand Miß Sarah Pocket noch immer als Thorschließerin vor und Miß Havisham ganz wie ich sie verlassen; auch sprach sie in derselben Weise wo nicht in denselben Ausdrücken, wie das vorige Mal, von Estella. Ich blieb nur wenige Minuten und als ich ging, gab sie mir eine Guinee und befahl mir, an meinem nächsten Geburtstage wiederzukommen. Ich kann hier gleich bemerken, daß dies zur alljährlichen Gewohnheit wurde. Ich versuchte das erste Mal, die Guinee abzulehnen, was jedoch nur die Wirkung hatte, daß sie mich sehr aufgebracht fragte, ob ich mehr verlange? Darauf und in der Folge nahm ich sie an.

So unverändert war das stille alte Haus, das gelbe Licht in dem Zimmer, aus dem das Tageslicht ausgeschlossen, das bleiche Gespenst in dem Lehnstuhle vor dem Toilettetische, daß mirs war, als ob das Stillstehen der Uhren die Zeit an diesem geheimnißvollen Orte habe stillstehen machen, während ich und Alles mit mir draußen älter wurde. Und in meinen Gedanken und Erinnerungen an das Haus drang ebenso wenig jemals das Tageslicht in dasselbe hinein, wie dies in Wirklichkeit der Fall war. Das Haus verwirrte meine Sinne und unter diesem Einflusse fuhr ich im Herzen fort, mein Handwerk zu hassen und mich meiner Familienverhältnisse zu schämen.

Indessen gewahrte ich eine fast unmerkliche Veränderung an Biddy. Ihre Schuhe waren an den Fersen heraufgezogen, ihr Haar sah ordentlich und glänzend aus und ihre Hände waren stets rein. Sie war nicht schön– sie war gewöhnlich und konnte mit Estella nicht verglichen werden – aber sie war angenehm und dienstfertig und freundlich. Sie war noch nicht viel über ein Jahr bei uns gewesen (ich besinne mich, daß sie zur Zeit, wo mir dies auffiel, gerade erst die Trauer abgelegt hatte), als ich eines Abends für mich die Bemerkung machte, daß sie sehr gedankenvolle, aufmerksame Augen habe; Augen, die sehr hübsch und sehr gutmüthig aussahen.

Es geschah als ich selbst von einer Arbeit aufblickte, über die ich gebeugt saß – ich schrieb, um mich wie durch eine Art Kriegslist auf zweierlei Weise zugleich zu bilden, aus einem Buche ab – und Biddy mich beobachten sah. Ich legte meine Feder nieder und Biddy hielt mit ihrer Handarbeit inne, ohne sie fortzulegen.

»Biddy,« sagte ich, »wie machst Du es nur? Entweder bin ich sehr dumm, oder Du sehr gescheidt.«

»Worin? Ich weiß ja nicht wovon Du sprichst,« entgegnete Biddy lächelnd.

Sie stand unserer ganzen Häuslichkeit vor und zwar auf eine wunderbar verständige Weise; dies war aber nicht, was ich meinte, obgleich es das, was ich meinte, noch um so erstaunlicher machte.

»Wie machst Du es, Biddy,« sagte ich. »daß Du Alles lernst, was ich lerne, und immer mit mir Schritt hältst?« Ich fing an, ziemlich stolz auf meine Kenntnisse zu werden, denn ich legte meine Geburtstagsguinee darin an und gab noch den größten Theil meines Taschengeldes für denselben Zweck her; obgleich ich jetzt nicht bezweifle, daß das Wenige, was ich wußte, sehr theuer erkauft war für den Preis.

»Ich könnte Dich eben so gut fragen, wie Du es anfängst,« sagte Biddy.

»Nein, denn wenn ich Abends aus der Schmiede hereinkomme, so kann Jeder sehen, wie ich mich an das Lernen mache. Du machst Dich aber niemals daran, Biddy.«

»Vielleicht ist es ansteckend – wie ein Keuchhusten,« sagte Biddy ruhig und fuhr im Nähen fort.

Indem ich, in meinem hölzernen Stuhle zurückgelehnt, meinen Gedanken verfolgte und Biddy ansah, wie sie mit dem Kopfe auf eine Seite geneigt, fleißig weiter nähte, erschien sie mir eigentlich als ein recht merkwürdiges Mädchen. Denn ich erinnerte mich, daß sie mit den Ausdrücken unseres Handwerks und den Namen der verschiedenen Arten unserer Beschäftigung, sowie der Werkzeuge, gleichmäßig vertraut war. Kurz, was ich wußte, das wußte Biddy ebenfalls. Theoretisch genommen war sie bereits ein ebenso guter, wo nicht besserer, Schmied als ich.

»Du bist Eine von Denen, Biddy,« sagte ich; »die aus jeder Gelegenheit den besten Nutzen zu ziehen verstehen. Ehe Du herkamst, hattest Du keine Gelegenheiten und sieh nur, was Du jetzt schon für Fortschritte gemacht hast!«

Biddy schaute mich einen Augenblick an und fuhr dann mit ihrem Nähen fort. »Aber ich war Deine erste Lehrerin, nicht wahr?« sagte sie weiter nähend.

»Biddy!« rief ich im höchsten Erstaunen aus, »Du weinst ja!«

»Nein, ich weine nicht,« sagte Biddy, indem sie aufblickte und lachte; »wie kommst Du nur auf eine solche Idee?«

Wodurch hätte ich zu dieser Idee kommen können, als durch das Glänzen einer Thräne, die auf ihre Arbeit gefallen war. Ich saß stillschweigend da und dachte daran, wie sie sich geplagt hatte, bis Mr. Wopsles Großtante ihre schlechte Gewohnheit – des Lebens – ablegte, was bei manchen Leuten so außerordentlich zu wünschen ist. Ich gedachte der hoffnungslosen Verhältnisse, von denen sie in dem elenden kleinen Kaufladen, und der elenden, lärmenden kleinen Abendschule umgeben war, und jenes traurigen alten Inbegriffs von Unzurechnungsfähigkeit, mit welchem sie sich fortwährend hatte abquälen müssen. Ich dachte, daß schon in jenen ungünstigen Zeiten Das in Biddy geschlummert haben mußte, was sich jetzt entwickelte, denn in meiner ersten Unruhe und Unzufriedenheit hatte ich mich, wie wenn sich dies von selbst verstanden, zu ihr um Hülfe gewendet. Biddy nähte ruhig weiter; sie vergoß keine Thränen mehr, und während ich sie anschaute und an Alles dachte, fiel es mir ein, daß ich vielleicht nicht dankbar genug gegen Biddy gewesen war. Ich hätte weniger zurückhaltend sein und mich herablassen sollen, (obgleich ich mich in meinen Meditationen nicht gerade dieses Ausdruckes bediente) ihr mehr mein Vertrauen zu schenken.

»Jawohl, Biddy,« bemerkte ich, als ich mit meinen Grübeleien zu Ende, »Du warst meine erste Lehrerin, und zwar zu einer Zeit, wo wir Beide uns nicht träumen ließen, daß wir jemals in dieser Küche hier zusammen leben würden.«

»Ach, die Aermste!« sagte Biddy, und es lag ganz in ihrer Selbstvergessenheit, die Bemerkung von sich selbst auf meine Schwester zu übertragen, und aufzustehen und sich damit zu beschäftigen, daß sie es ihr bequemer machte; »das ist leider wahr!«

»Nun!« sagte ich, »wir müssen uns wieder mehr mit einander unterhalten, wie wir sonst zu thun pflegten. Und ich muß Dich wieder etwas mehr zu Rathe ziehen, wie ehedem. Wir wollen nächsten Sonntag einen ungestörten Spaziergang auf den Marschen machen und uns ein Langes und Breites unterhalten.«

Meine Schwester blieb jetzt nie allein; Joe übernahm an diesem Sonntag Nachmittage mit der größten Bereitwilligkeit ihre Pflege, und Biddy und ich gingen zusammen aus. Es war im Sommer und wunderliebliches Wetter. Als wir das Dorf und die Kirche und den Kirchhof hinter uns gelassen und draußen in den Marschen waren und die Segel der Schiffe dahinstreifen sahen, fing ich an, wie gewöhnlich, Miß Havisham und Estella mit der Aussicht in Verbindung zu bringen. Als wir an den Fluß kamen und uns am Ufer niedersetzten, wo das Wasser dann zu unseren Füßen murmelte, wodurch die Stille um uns her viel tiefer wurde, als sie ohne diesen Klang gewesen wäre, kam ich zu dem Schlusse, daß Ort und Stunde gelegen seien, um Biddy in mein tiefstes Vertrauen aufzunehmen.

»Biddy,« sagte ich, indem ich ihr ein Versprechen der Geheimhaltung abgenommen, »mich verlangts, ein Gentleman zu werden.«

»O, das wollt ich nicht, wenn ich an Deiner Stelle wäre!« entgegnete sie. »Ich glaube nicht, daß es nützen würde.«

»Biddy,« sagte ich mit einiger Strenge, »ich habe besondere Gründe, es zu wünschen.«

»Du mußt es am besten wissen, Pip; aber denkst Du nicht, daß Du in Deiner jetzigen Lage glücklicher bist?«

»Biddy,« rief ich ungeduldig aus, »ich bin so durchaus nicht glücklich. Mein Handwerk und meine Lebensweise ekeln mich an. Weder Eines noch das Andere war nach meinem Sinne, seit ich den Contract einging. Sei nicht albern.«

»War ich albern?« sagte Biddy, ruhig ihre Augenbrauen emporziehend; »das thut mir leid; ich beabsichtigte es nicht. Ich wünsche nur, daß Du glücklich wirst und daß Dirs gut gehen möge.«

»Gut, dann laß Dir ein für alle Mal gesagt sein, daß ich niemals glücklich – oder überhaupt etwas anderes als elend – sein kann und werde (und jetzt ists heraus, Biddy!), bis ich nicht ein Leben führen kann, das von meinem jetzigen durchaus verschieden ist.«

»Das ist schlimm!« sagte Biddy, mit kummervoller Miene den Kopf schüttelnd.

Nun aber war mir dies ebenfalls so oft als sehr schlimm erschienen, daß ich in dem sonderbaren Streite, den ich stets in meinem Innern führte, halb geneigt war, Thränen des Verdrusses und Kummers zu vergießen, als Biddy mit jenen Worten ihre Gefühle sowohl als meine eigenen aussprach. Ich sagte ihr, sie habe Recht und es sei sehr zu beklagen, aber nicht zu ändern.

»Ich weiß,« sagte ich zu Biddy, indem ich das kurze Gras ausriß, ungefähr wie ich mir früher die Gefühle aus dem Haar gerissen und mit den Füßen in die Mauer gestoßen hatte: »ich weiß, daß es viel besser für mich gewesen wäre, falls ich mich hätte zufrieden geben und die Schmiede nur halb so lieb haben können, wie ich sie als kleiner Junge hatte. Dann hätte Dir und Joe und mir nichts weiter gefehlt; Joe und ich hätten die Schmiede vielleicht zusammen übernommen, sobald meine Lehrzeit abgelaufen, und wenn ich erwachsen, hätte ich mich vielleicht mit Dir verlobt, und wir hätten dann an schönen Sonntagen als ganz andere Leute hier an diesem Ufer gesessen. Für Dich wäre ich doch gut genug gewesen, wie, Biddy?«

Biddy seufzte, indem sie den davonsegelnden Schiffen nachblickte, und antwortete dann: »Ja; ich bin nicht übertrieben eigen.« Es klang eigentlich nicht schmeichelhaft, aber ich wußte, sie meinte es gut.

»Statt dessen«, sagte ich, ein paar Grashalme ausreißend und sie dann zerbeißend, »sieh nur, wie mirs geht. Ich bin unzufrieden und unglücklich und – was würde es mir sonst wohl ausmachen, grob und gemein zu sein, wenn mirs Niemand gesagt hätte!«

Biddy wandte plötzlich ihr Gesicht mir zu und sah mich weit aufmerksamer an, als vorher die segelnden Schiffe.

»Es war weder sehr wahr, noch sehr höflich, so etwas zu sagen,« bemerkte sie, indem ihre Blicke sich wieder den Schiffen zuwandten. »Wer hat es gesagt?«

Ich war verblüfft, denn meine Gedanken waren mit mir durchgegangen, ohne daß ich wußte, wohin sie mich führen würden. Doch konnte ich jetzt nicht mehr ausweichen, und antwortete daher: »Die schöne junge Dame bei Miß Havisham, die schöner ist, als irgend eine, die ich je gesehen; ich bewundere sie ganz erschrecklich und möchte ihretwegen ein Gentleman sein.« Und nachdem ich diese wahnwitzige Beichte abgelegt, fing ich an, das Gras, welches ich ausgerissen, in den Fluß zu werfen, als ob ich stark daran denke, ihm nachzuspringen.

»Ists um sie zu ärgern, oder um sie zu gewinnen, daß Dichs verlangt, ein Gentleman zu werden?« fragte mich Biddy nach einer Pause sehr ruhig.

»Ich weiß nicht,« antwortete ich verdrießlich.

»Wäre es um sie zu ärgern,« fuhr Biddy fort, »da sollt ich denken – aber Du mußt es am besten wissen – daß Du dies auf eine bessere und unabhängigere Weise thun könntest, indem Du Dich nicht um ihre Worte kümmertest. Und wenn es ist, um sie zu gewinnen, so sollt ich denken – aber das mußt Du auch am besten wissen – daß sie des Gewinnens nicht werth wäre.«

Genau dasselbe, was ich mir schon zu wiederholten Malen gesagt. Genau dasselbe, was mir in diesem Augenblicke sonnenklar war. Wie aber konnte wohl ich, ein armer, einfältiger Dorfjunge, jene wunderbare Inkonsequenz vermeiden, in welche täglich die besten und weisesten Männer verfallen?

»Das mag Alles sehr wahr sein,« sagte ich zu Biddy, »aber ich bewundere sie ganz furchtbar.«

Kurz, ich legte mich, hier angelangt, aufs Gesicht, erfaßte zu beiden Seiten meines Kopfes eine gute Handvoll Haare und riß recht tüchtig daran. Wobei ich mir vollkommen der Tollheit meines Herzens bewußt war und wie verkehrt sie angebracht sei, so daß ich fühlte, es würde meinem Gesichte ganz recht geschehen sein, wenn ich es beim Haare in die Höhe gezogen und, zur Strafe dafür, daß es einem solchen Esel angehörte, recht hart auf die Kieselsteine geschlagen hätte.

Biddy war das gescheidteste Mädchen von der Welt und versuchte nicht, mir noch ferner Vorstellungen zu machen. Sie legte ihre Hände, die angenehme Hände waren, obgleich durch Arbeit rauh geworden, eine nach der andern auf meine Hände und nahm sie aus meinem Haare hinweg. Dann klopfte sie mir auf beruhigende Weise sanft auf die Schulter, während ich, das Gesicht auf meinen Aermel gedrückt, ein wenig weinte – gerade wie ich es im Brauereihofe gemacht – und eine unbestimmte Ueberzeugung fühlte, daß mich Jemand oder die ganze Welt, ich weiß nicht genau welches von Beiden, sehr schlecht behandelte.

»Eines freut mich nur,« sagte Biddy, »und das ist, daß Du Dich bewogen gefühlt hast, mir Dein Vertrauen zu schenken, Pip. Und dann freut mich noch Eines und das ist, daß Du natürlich weißt, daß Du Dich stets auf mich verlassen kannst. Wäre Deine erste Lehrerin (du meine Güte! eine so bescheidene und die selbst so sehr der Lehren bedarf) auch jetzt noch Deine Lehrerin gewesen, so wüßte sie wohl, welche Aufgabe sie Dir jetzt geben würde. Aber dieselbe würde schwer zu lernen sein, und Du bist jetzt außer ihrem Bereiche, und es nützt jetzt nichts mehr.« Und mit einem leichten Seufzer für mich, erhob sich Biddy vom Ufer und sagte mit einem frischen, angenehm veränderten Klange ihrer Stimme: »Gehen wir noch ein wenig weiter, oder kehren wir nach Hause zurück?«

»Biddy,« rief ich aus, indem ich aufsprang, meinen Arm um ihren Nacken schlang und ihr einen Kuß gab. »ich werde Dir immer Alles sagen.«

»Bis Du ein Gentleman geworden bist,« sagte Biddy.

»Du weißt, daß ich nie einer werden kann, also wird es immer sein. Nicht, daß ich je Gelegenheit haben werde. Dir etwas zu sagen, denn – wie ich Dir neulich zu Hause schon sagte – Du weißt Alles, was ich weiß.«

»Ach!« sagte Biddy fast flüsternd, indem sie den Schiffen nachschaute. Und dann wiederholte sie mit der angenehm veränderten Stimme von vorher: »Gehen wir noch ein wenig weiter, oder kehren wir nach Hause zurück?«

Ich sagte, wir wollten noch ein wenig weiter gehen, und wir thaten dies; und der Sommernachmittag wurde zum Sommerabend, und es war sehr schön. Ich fing an zu überlegen, ob ich nicht in diesen Verhältnissen ein weit natürlicheres und gesunderes Leben führte, als, indem ich in einem Zimmer ohne Tageslicht und wo alle Uhren still standen, von Estella verachtet, »Ums Leben« spielte. Ich dachte, es würde sehr gut für mich sein, falls ich mir Estella und alles Uebrige von jenen Ideen und Erinnerungen aus dem Sinne schlagen und mich an meine Arbeit machen könnte, entschlossen, Gefallen daran zu finden und fest daran zu halten. Ich fragte mich, ob ich nicht ganz gut wisse, daß, falls jetzt Estella anstatt Biddys an meiner Seite wäre, sie mich elend machen würde? Ich war genöthigt, zuzugeben, daß ich dies ganz gewiß wisse, und ich sagte zu mir selbst: »Pip, welch ein Thor bist Du!«

Wir unterhielten uns fortwährend auf unserm Spaziergange, und Alles, was Biddy sagte, schien recht zu sein. Biddy war niemals launenhaft oder beleidigend, oder heute Biddy und morgen Jemand Anderes; es würde ihr nur weh gethan haben, anstatt ihr Vergnügen zu machen, falls sie mich gekränkt hätte; sie würde viel lieber ihrem eigenen Herzen wehe thun, als dem meinigen. Wie war es daher nur möglich, daß sie mir nicht von Beiden bei weitem die Liebste war?

»Biddy,« sagte ich, als wir unsern Heimweg angetreten, »ich wollte, Du könntest mich auf den rechten Weg bringen.«

»Das wollt ich auch,« sagte Biddy.

»Wenn ich mich nur dahin bringen könnte, daß ich mich in Dich verliebte – Du nimmst es doch nicht übel, wenn ich mit einer so alten Freundin offen rede?«

»O, mein Himmel, nein!« sagte Biddy. »Genire Dich meinetwegen nicht.«

»Wenn ich es nur dahin bringen könnte – das wäre das Beste für mich.«

»Aber dahin wirst Du es niemals bringen, wie Du wohl einsiehst,« sagte Biddy.

Es schien mir jetzt am Abende nicht ganz so unwahrscheinlich, wie es mir erschienen sein würde, falls wir ein paar Stunden früher davon geredet hätten. Ich bemerkte deshalb, daß ich dessen doch nicht so ganz gewiß sei. Biddy aber sagte, sie sei fest davon überzeugt, und zwar sagte sie es mit Entschiedenheit, und in meinem innersten Herzen glaubte ich, sie habe Recht; und doch nahm ich es auch ein wenig übel, daß sie in der Sache so sicher war.

Als wir uns dem Kirchhofe näherten, mußten wir über einen Damm gehen und dann neben einer Schleuse über einen Zauntritt steigen. Da sprang hinter dem Thore, oder aus dem Gesträuche, oder dem Schlamme (der ganz seinem faulen Charakter entsprach) der alte Orlick hervor.

»Holla!« brummte er; »wohin Ihr Beide?«

»Wohin wohl anders, als nach Hause?«

»So? Na, dann will ich verfetzt sein, wenn ich nicht mitgehe!«

Diese Strafe, verfetzt zu sein, war ein Lieblingsausdruck von ihm. Er legte dem Worte, so viel ich weiß, keine besondere Bedeutung bei, sondern gebrauchte es, wie seinen angeblichen eigenen Taufnamen, um die Leute zu ärgern, und den Eindruck zu machen, als beabsichtige er damit irgend eine schreckliche Verletzung. Als ich noch jünger war, hatte ich ein allgemeines Gefühl, als ob er, falls er mich persönlich verfetzt hätte, dies mit einem scharfen gedrehten Haken gethan haben würde.

Biddy war sehr dagegen, daß er mit uns ginge, und flüsterte mir zu: »Laß ihn nicht mitkommen; ich mag ihn nicht.« Da ich ihn ebenfalls nicht mochte, nahm ich mir die Freiheit ihm zu sagen, wir dankten ihm, aber wir könnten uns schon allein nach Hause finden. Er nahm diese Rede mit einem schallenden Gelächter auf; doch blieb er zurück, folgte uns aber bald in einiger Entfernung.

Da ich neugierig war, zu erfahren, ob Biddy ihn beargwöhne, mit jenem mörderischen Anfall auf meine Schwester zu thun gehabt zu haben, über welchen Letztern sie sich niemals hatte aussprechen können, fragte ich sie, weshalb sie ihn nicht gern habe?

»O!« sagte sie, indem sie über ihre Schulter nach ihm zurückblickte, »weil ich – weil ich fürchte, daß er mich gern hat.«

»Hat er Dir jemals gesagt, daß er Dich gern hat?« frug ich voll Entrüstung.

»Nein,« sagte Biddy, abermals über ihre Schulter zurückschauend, »er hat mirs niemals gesagt; aber er tanzt auf mich los, sowie ich ihn nur zufällig ansehe.«

Wie neu und eigenthümlich diese Art und Weise seine Zuneigung auszudrücken auch sein mochte, so zweifelte ich doch nicht daran, daß Biddy sich dieselbe richtig gedeutet. Ich war außerordentlich entrüstet darüber, daß der alte Orlick es wagte, sie zu bewundern; ganz so entrüstet, als ob es eine persönliche Beleidigung für mich gewesen wäre.

»Aber es kann Dir ja einerlei sein,« sagte Biddy ruhig.

»Ja wohl, Biddy, es kann mir einerlei sein; aber es gefällt mir nicht; ich billige es nicht.«

»Ich auch nicht,« sagte Biddy, »obgleich Dir auch das einerlei sein kann.«

»Ganz richtig,« sagte ich; »aber ich muß Dir sagen, daß ich keine sehr gute Meinung von Dir haben würde, Biddy, falls er mit Deiner Bewilligung auf Dich lostanzte.«

Nach diesem Abende beobachtete ich Orlick, und wenn sich die Umstände günstig gestalteten, daß er auf Biddy lostanzte, legte ich mich stets dazwischen, um diese Demonstration zu verhindern. Er hatte, in Folge der plötzlichen Vorliebe meiner Schwester für ihn, in Joes Hause Wurzel gefaßt, sonst würde ich Joe zu bewegen gesucht haben, ihn fortzuschicken. Er verstand meine guten Absichten vollkommen, und gab mir dieselben in vollem Maße zurück, wie ich in der Folge zu erfahren Gelegenheit hatte.

Und jetzt, als ob mein Gemüth noch nicht verwirrt genug gewesen, vervollständigte ich seine Verwirrung noch um das Hundertfache, indem ich Zeiten und Zustände hatte, in denen es mir ganz klar wurde, daß Biddy unermeßlich viel besser sei als Estella, und daß in dem einfachen Handwerkerleben, zu dem ich geboren, nichts liege, dessen ich mich zu schämen brauchte, sondern daß dasselbe mir hinlängliche Mittel zur Selbstachtung und zum Glücke bot. Zu solchen Zeiten kam ich dann zu dem Schlusse, daß meine Abneigung gegen den lieben alten Joe und die Schmiede verschwunden, und daß ich auf gutem Wege sei, Joes Compagnon zu werden und mich mit Biddy zu verloben; aber plötzlich traf mich dann irgend eine störende Erinnerung an die Tage bei Miß Havisham wie ein zerschmetterndes Geschoß, und brachte mich wieder außer aller Fassung. Dann währte es lange, ehe ich die mühsam behauptete Fassung wiedererlangen konnte, was oft noch wieder durch den Gedanken unterbrochen und verzögert wurde, daß Miß Havisham vielleicht dennoch, sobald ich ausgelernt hätte, mein Glück zu machen gedenke.

Hätte ich ausgelernt, so würde sie mich wahrscheinlich doch noch aus dem Gipfel meiner Verlegenheiten gefunden haben. Indessen lernte ich nicht aus, sondern meine Lehrzeit wurde plötzlich zu Ende gebracht, wie ich erzählen werde.

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