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Grosse Erwartungen. Zweiter Theil

Charles Dickens: Grosse Erwartungen. Zweiter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleGrosse Erwartungen. Zweiter Theil
publisherVerlagsbuchhandlung von J. J. Weber
editorbrucewelch
year1862
translatorMarie Scott
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20190705
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Fünfzehntes Kapitel.
Gegenseitiger Unterricht.

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Als ich für die Schule von Mr. Wopsles Großtante zu groß wurde, nahm meine Erziehung unter dieser abgeschmackten Dame ein Ende. Jedoch nicht früher, als bis Biddy Zeit gehabt, mir Alles beizubringen, was sie wußte; von dem Preiscourant an bis zu einem komischen Liede, das sie einst für einen halben Penny gekauft. Obgleich der einzige zusammenhängende Theil dieses letztern literarischen Werkes in den ersten Zeilen lag, nämlich:

Als ich nach London ging, Ihr Herrn –
Tra-lirum-la
Tra-lirum-la,
Ward ich hübsch angeführt, Ihr Herrn –
Tra-lirum-la
Tra-lirum-la.

– so lernte ich doch, in meinem eifrigen Wunsche, mir Bildung zu erwerben, dieses Gedicht mit dem größten Ernste auswendig; auch erinnere ich mich nicht, jemals das Verdienst desselben in Frage gezogen zu haben, außer, daß ich die Menge von Tra-lirum-la im Verhältnisse zu dem Gedicht etwas übertrieben fand (und noch jetzt finde). In meinem Hunger nach Belehrung machte ich Mr. Wopsle Vorschläge, mir einige Brosamen seines Wissens zukommen zu lassen, und er willigte freundlichst ein. Als es sich jedoch erwies, daß er mich blos zu einer Art von dramatischen Strohpuppe brauchen wollte, welcher er widersprechen, an deren Brust er weinen, gegen die er toben, die er umarmen, packen, erdolchen und auf jede erdenkliche Art und Weise mißhandeln konnte, so gab ich diesen Unterrichtscursus bald wieder auf, obgleich erst nachdem ich durch Mr. Wopsles poetische Wuth körperlich ziemlich arg mitgenommen war.

Uebrigens versuchte ich, Alles, was ich lernte, auch Joe zu lehren. Diese Angabe klingt so gut, daß ich sie vor meinem eigenen Gewissen nicht ohne Erklärung lassen kann. Ich wollte nur Joe weniger unwissend und gewöhnlich machen, damit er meiner Gesellschaft würdiger und Estellas Tadel weniger ausgesetzt sein möchte.

Die alte Batterie, draußen auf den Marschen, war der Ort unserer Studien, und eine zerbrochene Schiefertafel und ein Stück Schieferstift waren unsere Bildungsmittel, zu denen Joe stets eine Tabakspfeife hinzufügte. Ich entsinne mich nicht, daß Joe jemals von einem Sonntage bis zum andern Etwas behalten oder durch meinen Unterricht überhaupt irgend Etwas gelernt hätte. Doch aber pflegte er seine Pfeife da draußen auf der Batterie mit einer viel verständigern Miene – ich möchte fast sagen: mit einer gelehrten Miene – zu rauchen, als sonst irgendwo, als ob er der Ansicht sei, daß er ungeheure Fortschritte mache. Der liebe Kerl! Ich hoffe, es war der Fall.

Es war hier draußen so still und angenehm, wenn wir dasaßen und hinter den Dämmen die Segel der Schiffe auf dem Flusse dahingleiten sahen, welche zuweilen, wenn es Ebbe war, das Aussehen hatten, als ob sie gesunkenen Schiffen zugehörten, die unten in der Tiefe noch immer weiter segelten. Wenn ich den Schiffen nachschaute, wie sie mit ihren weißen, schwellenden Segeln nach der See hinausfuhren, da dachte ich unwillkürlich an Miß Havisham und Estella; und wenn ich in weiter Ferne ein schönes Licht auf einer Wolke oder einem Segel oder einem grünen Hügelabhange oder dem glänzenden Wasser erblickte, so kam mir derselbe Gedanke. Miß Havisham und Estella, sowie das seltsame Haus und das seltsame Leben in demselben, schienen stets mit Allem, was mir malerisch erschien, verbunden zu sein.

Eines Sonntags, als Joe im höchsten Genusse seiner Pfeife sich gerühmt hatte, daß er heute »furchtbar schwer lerne«, hatte ich den Unterricht für dies Mal aufgegeben und lag, mit dem Kinne auf die Hand gestützt, auf dem Damme, indem ich überall Spuren von Miß Havisham und Estella entdeckte – auf der Erde, in den Wolken und im Wasser. Endlich beschloß ich, in Bezug auf sie einem Gedanken Worte zu geben, welcher mir lange im Kopfe herumgegangen war.

»Joe,« sagte ich, »denkst Du nicht, daß ich Miß Havisham einen Besuch machen sollte?«

»Nun, Pip,« sagte Joe, langsam überlegend, »wozu?«

»Wozu, Joe? Wozu werden überhaupt Besuche gemacht?«

»Es giebt Besuche, Pip,« sagte Joe, »von denen sich allenfalls sprechen läßt. Aber was den Besuch bei Miß Havisham betrifft! sie könnte glauben, daß Du Etwas von ihr haben wolltest – daß Du Etwas von ihr erwartetest.«

»Glaubst Du nicht, daß ich ihr sagen könnte, das sei nicht der Fall, Joe?«

»Das könntest Du, alter Kerl,« sagte Joe. »Und sie könnte es glauben. Wohl möglich, daß sie es glauben würde.«

Joe fühlte – wie auch ich – daß er hier eine Wahrheit gesagt habe, und um dieselbe nicht etwa durch eine Wiederholung zu schwächen, rauchte er mit verdoppeltem Eifer.

»Siehst Du, Pip,« fuhr Joe fort, sowie er sich außer dem Bereiche dieser Gefahr fühlte, »Miß Havisham hat Dich nobel beschenkt. Und als Miß Havisham Dich nobel beschenkt hatte, rief sie mich zurück, um mir zu sagen, daß dies Alles wäre.«

»Ja wohl. Joe. Ich hörte sie's sagen.«

» Alles« wiederholte Joe mit Nachdruck.

»Ich habe schon gesagt, Joe, daß ich es hörte.«

»Womit ich nur sagen will, Pip, daß sie vielleicht meinte – Und damit abgemacht! Etwa soviel wie: ich nach Norden, Du nach Süden! Drei Schritte vom Leibe!«

Es war mir ebenfalls so vorgekommen, und es war nichts weniger als tröstend für mich, daß es auf Joe denselben Eindruck gemacht hatte: es wurde dadurch um so wahrscheinlicher.

»Aber, Joe.«

»Ja wohl, alter Kerl.«

»Ich bin jetzt schon beinah am Ende meines ersten Lehrjahres, und seit dem Tage, wo ich den Contract mit Dir machte, habe ich mich nicht ein einziges Mal bei Miß Havisham bedankt, oder mich nach ihrem Befinden erkundigt, oder auf sonst irgend eine Art gezeigt, daß ich sie in gutem Andenken behalten.«

»Das ist wahr, Pip; und außer wenn Du ihr vielleicht einen vollständigen Beschlag von vier Hufeisen machtest – und selbst das möchte vielleicht kein annehmbares Geschenk sein, da sie gar keine Hufe hat –«

»Die Art von Andenken meine ich nicht.«

Aber Joe hatte einmal den Gedanken an ein Geschenk im Kopfe, und konnte sich nicht so leicht entschließen, ihn fahren zu lassen.

»Oder selbst, wenn man Dir helfen thäte, ihr eine neue Kette für ihre Vorderthür zu machen – oder wir wollen 'mal sagen, ein Paar Groß Schraubennägel zum allgemeinen Gebrauch – oder auch irgend einen kleinen Modeartikel, wie z. B. eine Röstgabel, um ihre Semmel zu rösten, oder einen hübschen Rost für ihre Backfische, oder so etwas –«

»Ich spreche von gar keinem Geschenke, Joe,« sagte ich.

»Aber,« sagte Joe, den Gegenstand fortsetzend, als ob ich ganz besonders darauf bestanden hätte; »wenn ich an Deiner Stelle wäre, Pip, ich thäts nicht. Nein, ich thäts nicht. Denn wozu eine Kette für ihre Vorderthür, wenn sie schon eine davor hat. Und Schraubennägel könnten mißverstanden werden. Und wenns eine Röstgabel wäre, so würdest Du Dich mit Messing befassen und keine Ehre einlegen. Und der allerungewöhnlichste Handwerker kann nichts Ungewöhnliches aus einem Roste machen – denn ein Rost ist und bleibt ein Rost,« sagte Joe nachdrucksvoll zu mir, wie wenn er bemüht sei, mir eine Widersinnigkeit auszureden, die ich mir fest in den Kopf gesetzt, »und Du magst versuchen, was Du willst, es wird immer ein Rost werden, ob Du es nun willst oder nicht willst. Du kannst gar nichts dagegen machen.«

»Mein lieber Joe,« sagte ich, ihn verzweiflungsvoll am Rocke fassend. »sprich doch nicht solches Zeug. Ich denke gar nicht daran, Miß Havisham ein Geschenk machen zu wollen.«

»Nein, Pip,« sagte Joe beistimmend, als ob er von Anfang an nur in dieser Richtung argumentirt gehabt, »und ich sage Dir, Du hast Recht, Pip.«

»Ja, Joe; aber was ich sagen wollte, war, daß Du, da wir jetzt eben nicht sehr viel zu thun haben, mir vielleicht einen halben Feiertag geben könntest, damit ich in die Stadt ginge und Miß Est–Havisham einen Besuch machte.«

»Aber ich glaube,« sagte Joe ernsthaft, »sie heißt nicht Estavisham, ausgenommen, sie hätte sich denn wiedertaufen lassen, Pip.«

»Ja, ja, ich weiß wohl, Joe; ich versprach mich nur. Aber was meinst Du dazu, Joe?«

Joe meinte, falls es mir gut dünke, so dünke es ihm ebenfalls gut. Aber er bestand ausdrücklich auf der Bedingung: daß, falls man mich nicht mit Herzlichkeit aufnähme, oder mich nicht aufforderte, meinen Besuch als einen solchen zu wiederholen, der keinen andern Zweck habe, als den, meine Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten auszudrücken, der Versuch nicht wiederholt würde. Und auf diese Bedingung ging ich ein.

Joe nun hielt sich einen Gesellen auf Wochenlohn, dessen Name Orlick war. Derselbe behauptete, sein Taufname sei Dolge – was offenbar eine Unmöglichkeit war –; aber er war ein so eigensinniger Mensch, daß er nach meinem Dafürhalten nicht etwa selbst hierüber im Irrthume war, sondern dem Dorfe absichtlich diesen Namen vorlog, als eine Beleidigung für seinen (des Dorfes) Verstand.

Er war ein breitschulteriger, schlotteriger, schwarz aussehender Mensch, mit großer Kraft begabt, der niemals eilte, sondern stets nur schlenderte. Er hatte nie das Ansehen, als ob er absichtlich zu seiner Arbeit komme, sondern schlenderte nur, wie zufällig, dazu herein; und wenn er zu Mittag oder Abends in den »Lustigen Schiffern« gewesen, so pflegte er davon zu schleichen, wie Kain oder der ewige Jude, als ob er selbst nicht wisse, wohin er jetzt gehe, und nicht beabsichtige, jemals wiederzukommen.

Er wohnte bei einem Schleusenwärter in den Marschen und pflegte an den Arbeitstagen – die Hände in den Taschen und sein Mittagsbrod in einem Tuche um den Hals geschlungen, so daß es ihm auf den Rücken herabbaumelte – von seiner Eremitage herübergeschlendert zu kommen. An Sonntagen stand er meistens den ganzen Tag an den Schleusen, Kornfeimen und Scheunen umher.

Er schlich stets mit gesenkten Blicken einher, und wenn er angeredet oder auf irgend eine andere Art und Weise genöthigt wurde, sie zu erheben, pflegte er mit halb verdrießlicher, halb verblüffter Miene aufzuschauen, als ob er es eigentlich etwas merkwürdig und beleidigend finde, daß man ihm niemals in Ruhe nachzudenken gestatten wolle.

Dieser verdrießliche Geselle hegte keine Vorliebe für mich. Als ich noch sehr klein und furchtsam war, gab er mir zu verstehen, daß der Teufel sich in einem Winkel der Schmiede aufhalte, und daß er, Orlick, sehr wohl mit dem Erbfeinde bekannt sei: außerdem, daß es nothwendig wäre, das Feuer alle sieben Jahre einmal mit einem lebendigen Knaben in Brand zu bringen, und daß ich mich daher nur als Brennmaterial ansehen möge. Als ich Joes Lehrling wurde, bestätigte dies vielleicht einen Argwohn in ihm, daß ich ihn später einmal aus seiner Stelle verdrängen werde, jedenfalls wurde er mir noch weniger zugethan. Nicht, daß er jemals öffentlich irgend Etwas gesagt oder gethan hätte, das seine Feindschaft verrieth; ich bemerkte nur, daß er stets seine Funken in meine Richtung schlug, und daß er, wenn ich »Alter Clem« sang, nicht im Tacte einsetzte.

Dolge Orlick war am nächsten Tage bei der Arbeit und zugegen, als ich Joe an meinen halben Feiertag erinnerte. Er sagte in dem Augenblicke nichts, denn er und Joe bearbeiteten gerade ein heißes Stück Eisen und ich war am Blasebalge beschäftigt; bald darauf aber sagte er, auf seinen Hammer gestützt:

»Nun, Meister! Sie werden doch nicht bloß Einen von uns freigeben? Falls der junge Pip einen halben Feiertag hat, so geben Sie dem alten Orlick auch so viel.«

Ich glaube, er war ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt, aber er sprach immer von sich selbst wie von einem hochbejahrten Manne.

»Wie? Was willst Du mit einem halben Feiertage anfangen, falls Du ihn kriegst?« sagte Joe.

»Was ich damit anfangen will? Was will er damit anfangen? Ich will ebensoviel damit anfangen, wie er,« sagte Orlick.

»Was Pip betrifft, so geht er nach der Stadt,« sagte Joe.

»Na, und was den alten Orlick betrifft, so geht er auch nach der Stadt,« entgegnete dieser Würdige. »Zwei können nach der Stadt gehen, damit nicht bloß Einer hingeht.«

»Ereifere Dich nicht,« sagte Joe.

»Ich will mich ereifern, wenn mirs gefällt,« brummte Orlick. »Wie sich welche Leute haben mit ihrem ›Nachderstadtgehen‹! Nun, Meister! Kommen Sie! Kein Vorziehen in der Werkstatt hier. Sein Sie ein Mann!«

Da der Meister sich weigerte, noch ferner von der Sache zu sprechen, bis der Geselle sich in besserer Laune zeige, stürzte sich Orlick auf die Esse, riß eine gluthrothe Eisenstange heraus, kam mit derselben auf mich zugerannt, als ob er sie mir durch den Leib jagen wolle, schwang sie um meinen Kopf herum, legte sie auf den Ambos, hämmerte darauf los – wie wenn ich es sei und die Funken mein spritzendes Blut gewesen wären, so schien es mir wenigstens – und sagte endlich, als er das Eisen kalt und sich selbst heiß gehämmert hatte, indem er sich wieder auf seinen Hammer stützte:

»Jetzt, Meister!«

»Bist Du jetzt vernünftig?« sagte Joe.

»Ja wohl! Ich bin vernünftig!« antwortete der verdrießliche, alte Orlick.

»Dann mag es, da Du im Allgemeinen so fleißig bist, wie andere Leute, für Alle ein halber Feiertag sein,« sagte Joe.

Meine Schwester hatte schweigend im Hofe gestanden – jedoch innerhalb Hörweite, denn sie spionirte und horchte auf die gewissenloseste Weise – und schaute jetzt schnell durch eines der Fenster herein.

»Sieht Dir ähnlich, Du Narr!« sagte sie zu Joe, »solchen großen, faulen Schlingeln Feiertage zu geben. Du mußt wahrhaftig ein reicher Mann sein, um so den Arbeitslohn fortzuwerfen. Ich wollt, ich wär sein Meister!«

»Sie möchten aller Leute Meister sein, wenn Sie es wagten,« entgegnete Orlick mit einem finstern Grinsen.

(»Laß sie zufrieden!« sagte Joe.)

»Ich würde allen Einfaltspinseln und allen Schurken gewachsen sein,« gab meine Schwester zurück, indem sie sich in Wuth zu arbeiten begann. »Und ich könnte den Einfaltspinseln nicht gewachsen sein, wenn ichs Deinem Meister nicht wäre, der der schafsköpfige König aller Einfaltspinsel ist. Und den Schurken könnt ich nicht gewachsen sein, wenn ichs Dir nicht wäre, der Du der schlimmste Schurke zwischen hier und Frankreich bist. Da!«

»Sie sind 'ne böse Sieben, Mutter Gargery,« brummte der Geselle, »und wenn man dadurch Schurken beurtheilen lernte, so sollten Sie's allerdings wohl verstehen.«

(»Willst Du sie wohl zufrieden lassen?« sagte Joe.)

»Was sagst Du?« fing meine Schwester jetzt förmlich zu schreien an. »Was sagst Du? Was hat der Kerl, der Orlick, zu mir gesagt, Pip? Wie hat er mich genannt, wo mein Mann dabei stand? O! O! O!«

Jeder dieser Ausrufe war ein Schrei, und ich muß hier von meiner Schwester die Bemerkung machen, welche mit gleicher Wahrheit auf alle heftigen Frauen anzuwenden ist, die ich gesehen: daß nämlich der Zorn keine Entschuldigung für sie war, denn anstatt unwillkürlich in Zorn zu gerathen, arbeitete sie sich vielmehr absichtlich und mit großer Anstrengung in den Zorn hinein, bis sie nach förmlich regelmäßigen Stadien in eine wahrhaft blinde Wuth gerieth.

»Wie hat er mich genannt, vor dem erbärmlichen Menschen, der geschworen hat, mich zu vertheidigen? O! halte mich! O!«

»Ah–h–h!« brummte der Geselle zwischen den Zähnen hindurch. »Ich wollte Dich halten, wenn Du meine Frau wärest. Unter die Pumpe wollte ich Dich halten und Dirs schon austreiben.«

(»Ich sage Dir, laß sie zufrieden,« sagte Joe.)

»O! Man höre ihn nur!« rief meine Schwester, indem sie kreischend die Hände zusammenschlug, – was ihr nächstes Stadium war. »Man höre nur, was er mir für Schimpfnamen giebt! Dieser Orlick! Und noch dazu in meinem eigenen Hause! Mir, einer verheiratheten Frau! Wo mein Mann dabei steht! O! O!«

Hier schlug sich meine Schwester nach einigem Kreischen mit den Händen vor die Brust und auf die Knie und warf ihre Haube ab und riß ihre Haare herunter – welches ihre letzten Stadien auf dem Wege zur Raserei waren. Da sie jetzt mit vollständigem Effect als eine wahre Furie erschien, stürzte sie sich auf die Thür, die ich glücklicher Weise verschlossen hatte.

Was blieb dem unglückseligen Joe, nachdem seine parenthetischen Gegenvorstellungen unbeachtet geblieben, wohl weiter übrig, als auf seinen Gesellen zuzugehen und ihn zu fragen: was er damit sagen wolle, daß er seine Frau mit in den Streit mische, und ferner, ob er Mannes genug sei, sich mit ihm zu schlagen?

Der alte Orlick fühlte, daß ihm unter den Umständen nichts weiter übrig bliebe, als sich zu schlagen, und stellte sich sofort zu seiner Vertheidigung zurecht – und ohne sich erst Zeit zu nehmen, ihre versengten und verbrannten Schurzfelle abzulegen, gingen die Beiden wie ein Paar Riesen auf einander los. Wenn es aber in der Umgegend einen Mann gab, der sich lange gegen Joe hätte halten können, so habe ich ihn wenigstens nie gesehen. Orlick lag bald, wie wenn er von nicht viel mehr Bedeutung gewesen, als der blasse junge Herr, in dem Kohlenstaube, und hatte gar keine Eile, aus demselben wieder herauszukommen.

Dann öffnete Joe die Thür und hob meine Schwester auf, welche bewußtlos vor dem Fenster niedergefallen war (sich aber, wie ich mir denke, erst den Kampf mit angesehen hatte), und trug sie ins Haus und legte sie aufs Sopha und empfahl ihr, wieder zu sich zu kommen; doch wollte sie nichts weiter thun, als zappeln und Joes Haar mit ihren Händen zausen. Dann kam jene sonderbare Stille und Ruhe, welche jedem Aufruhre folgt; und dann ging ich mit dem seltsamen Gefühle, welches ich stets mit jener Stille in Verbindung gebracht habe – nämlich, als ob es Sonntag und Jemand todt sei – obenhinauf, um mich anzukleiden.

Als ich wieder herunterkam, fand ich Joe und Orlick beschäftigt, die Schmiede auszukehren, und von der soeben stattgehabten Verwirrung keine andere Spur, als eine Schlitze in einer von Orlicks Nüstern, welche seinem Gesichte weder Ausdruck noch Schönheit verlieh. Es war ein Maß Bier aus den »lustigen Schiffern« angelangt, welches sie auf friedliche Weise in abwechselnden Zügen leerten. Die Stille hatte einen beruhigenden, philosophischen Einfluß auf Joe, welcher mir auf die Straße hinaus folgte, um mir, als Abschiedsbemerkung, die mir von Nutzen sein könne, die Worte zu sagen:

»Ein Mal klabasterts, Pip, und ein Mal nicht, Pip – so gehts im Leben!«

In welch alberner Gemüthsbewegung (denn Gefühle, welche uns bei einem Manne ganz ernst erscheinen, kommen uns bei einem Knaben lächerlich vor) ich den Weg nach Miß Havishams Hause zurücklegte, braucht hier nicht weiter berührt zu werden. Ebenso wenig, wie oft ich vor dem Thore hin und her ging, ehe ich mich zu schellen entschließen konnte; oder wie ich lange mit mir zu Rathe ging, ob ich wieder fortgehen solle, ohne zu schellen – oder, wie ich dies ohne allen Zweifel gethan haben würde, falls ich über meine Zeit hätte verfügen können, um wieder zu kommen.

Miß Sarah Pocket kam ans Thor. Keine Estella.

»Was ist dies? Du wieder da?« sagte Miß Pocket. »Was willst Du?«

Als ich sagte, ich sei nur gekommen, um mich nach Miß Havishams Befinden zu erkundigen, überlegte Sarah augenscheinlich, ob sie mich hinschicken solle, wo ich herkam. Doch schien sie es für gerathen zu halten, sich nicht dieser Verantwortlichkeit zu unterziehen, sondern ließ mich ein und brachte mir bald darauf die bissige Botschaft, ich »könne hinaufkommen.«

Es war alles unverändert und Miß Havisham allein.

»Nun?« sagte sie, ihre Blicke auf mich heftend. »Ich hoffe, Du verlangst nichts? Du wirst nichts bekommen.«

»Nein, gewiß nicht, Miß Havisham. Ich wollte Ihnen bloß mittheilen, daß es mir ganz gut bei meinem Handwerke geht, und daß ich Ihnen immer sehr dankbar bin.«

»Schon gut! schon gut!« sagte sie mit der alten unruhigen Fingerbewegung. »Komm hin und wieder her; komm an Deinem Geburtstage. Wie!« rief sie plötzlich, indem sie sich und ihren Stuhl ganz zu mir herum wandte, »Du siehst Dich nach Estella um? Was?«

Ich hatte mich in der That nach Estella umgesehen, und stotterte jetzt, ich hoffe, sie befinde sich wohl.

»Im Auslande,« sagte Miß Havisham. »Wird zu einer vornehmen Dame herangebildet; weit außer Deinem Bereiche; wird immer hübscher; von Allen bewundert, die sie sehen. Fühlst Du, daß Du sie verloren hast?«

Es lag solche boshafte Freude in der Art und Weise, in der sie diese letzten Worte aussprach, und sie brach in ein so widerliches Lachen aus, daß ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Sie ersparte mir die Mühe, dies noch ferner zu überlegen, indem sie mich fortschickte. Als Sarah mit dem Wallnußschalenantlitze das Thor hinter mir geschlossen, fühlte ich mich unzufriedener denn je mit meinen Familienverhältnissen, meinem Handwerk und allem Uebrigen; und das war Alles, was ich bei diesem Besuche gewann.

Als ich müssig die Hauptstraße entlang schlenderte, wobei ich trostlos durch die Fenster der Kaufläden schaute und dachte, was ich wohl kaufen würde, wenn ich ein Gentleman wäre, trat plötzlich Niemand Geringeres, als Mr. Wopsle, aus einem Bücherladen heraus.

Mr. Wopsle hatte jene rührende Tragödie »George Barnwell« The London Merchant, or the History of George Barnwell (1731), Drama von George Lillo (1693-1739). Das Theaterstück hat neben Richardsons Romanen wesentlich zur Ausprägung der Kultur der ›Empfindsamkeit‹ beigetragen. - Anm.d.Hrsg. in der Hand, in der er so eben sechs Pence angelegt, und zwar in der Absicht, jedes Wort davon Pumblechook, zu dem er gerade zum Theetrinken ging, aufs Haupt zu laden. Sowie er meiner ansichtig wurde, schien er es als eine besondere Fügung der Vorsehung anzusehen, daß sie ihm einen Jünger in den Weg schickte, auf den er dreinlesen könnte; deshalb ergriff er mich und bestand darauf, daß ich ihn nach Pumblechooks Wohnzimmer begleitete.

Da ich wußte, daß es zu Hause unausstehlich sein werde, da außerdem die Abende dunkel und der Weg einsam und fast jede Gesellschaft auf dem Wege besser war, als gar keine, so leistete ich keinen großen Widerstand; demzufolge traten wir gerade bei Pumblechook ein, als man die Straßen und Kaufläden zu erleuchten anfing.

Da ich niemals einer andern Vorstellung von George Barnwell beigewohnt habe, so weiß ich nicht, wie lange dieselbe gewöhnlich währen mag. Wohl aber weiß ich, daß sie an diesem Abende bis nach neun Uhr währte, und daß, als Mr. Wopsle nach Newgate Newgate ist der Name des bedeutendsten Criminalgefängnisses in London. [Anm.d.Übers.] kam, es mir schien, als werde er nie bis zum Schafot kommen, so viel langsamer und langweiliger, als je zuvor, wurde er hier in seiner schändlichen Laufbahn. Es schien mir ein wenig stark, daß er sich beklagte, in seiner Blüthe abgeschnitten zu werden, als ob er nicht, seitdem er eingefangen, Blatt für Blatt in Samen geschossen. Dies war jedoch eine bloße Frage der Länge und Langweiligkeit.

Was mich aber verdroß, war, daß man die ganze Geschichte mit meiner harmlosen Persönlichkeit identificirte. Als Barnwell schlecht zu werden anfing, war mirs förmlich, als ob ich mich entschuldigen müsse, so anklagend und entrüstet stierte Pumblechook mich an. Und Wopsle ebenfalls gab sich alle Mühe, mich in dem schlimmsten Lichte darzustellen.

Als ein Geschöpf, das ebenso blutgierig als sentimental war, ließ man mich meinen Onkel ermorden, ohne irgend einen mildernden Umstand beizubringen; Millwood machte mich bei jeder Gelegenheit im Argumentiren zu Schanden; es wurde eine wahre Monomanie in der Tochter meines Herrn, sich einen Pfifferling um mich zu bekümmern; und Alles, was ich zur Rechtfertigung für meine athemlose, zermalmte Angst an dem Todesmorgen beizubringen vermag, ist, daß dieselbe der allgemeinen Schwäche meines Charakters würdig war.

Selbst nachdem ich glücklich gehenkt worden und Wopsle das Buch zugemacht hatte, saß Pumblechook kopfschüttelnd und mich anstierend da, und sagte:

»Laß Dirs zur Warnung dienen, Junge, laß Dirs zur Warnung dienen!«

Als ob es allgemein bekannt sei, daß ich einen nahen Anverwandten zu ermorden beabsichtigte, vorausgesetzt, daß ich einen solchen bewegen konnte, schwach genug zu sein, mein Wohlthäter zu werden.

Als die ganze Unterhaltung zu Ende war, und Mr. Wopsle und ich uns auf den Heimweg machten, fanden wir, daß es eine sehr finstere Nacht war. Als wir die Stadt hinter uns gelassen, herrschte ein schwerer Nebel, welcher dicht und naß herunterfiel. Die Lampe am Chausseehause war ein bloßer Klecks und anscheinend gar nicht an ihrem gewöhnlichen Platze, und ihre Strahlen sahen in dem Nebel wie eine feste Substanz aus. Wir bemerkten dies und sagten, wie der Nebel mit dem veränderten Winde aus einer gewissen Richtung von den Marschen herkomme, als wir plötzlich auf einen Mann stießen, der an der Windseite des Chausseehauses hinschlich.

»Holla!« sagten wir, indem wir still standen. »Ist das Orlick?«

»Ah!« sagte er, näher schlendernd. »Ich stand und wartete hier einen Augenblick, ob ich nicht Gesellschaft treffen würde.«

»Du kommst spät,« bemerkte ich.

Orlick antwortete, wie es nicht ganz unnatürlich war:

»Na? Und Du kommst spät.«

»Wir haben,« sagte Mr. Wopsle, noch durch seine soeben geleistete Darstellung begeistert, »wir haben den Abend in geistigen Genüssen zugebracht, Mr. Orlick.«

Der alte Orlick brummte, wie wenn ihn das nichts anginge, und dann setzten wir unsern Weg Alle miteinander fort. Nach einer kleinen Weile fragte ich ihn, ob er seinen halben Feiertag damit zugebracht, daß er in der Stadt umhergegangen sei?

»Ja,« sagte er. »Die ganze Zeit. Ich kam nach Dir herein. Ich sah Dich nicht, aber ich muß ziemlich dicht hinter Dir gewesen sein. Beiläufig – die Kanonen sind wieder im Gange.«

»Auf den Hulks?« sagte ich.

»Ja! Es sind wieder ein paar von den Vögeln ausgeflogen. Es wird schon ungefähr seit Dunkelwerden wieder geschossen. Du wirsts gleich hören.«

In der That waren wir erst wenige Schritte weiter gegangen, als das wohlbekannte dumpfe Donnern, welches durch den Nebel noch mehr gedämpft wurde, zu uns herüberdrang und dann schwer auf der niedrigen Ebene den Fluß entlang rollte, als ob es den Flüchtlingen nachsetze und drohe.

»Eine gute Nacht zum Auskratzen,« sagte Orlick, »Es würde uns schwer werden, heute Abend Galgenvögel einzufangen.«

Der Gegenstand war ein bedeutungsvoller für mich und ich verfolgte ihn schweigend in meinen Gedanken. Mr. Wopsle begann, als der Onkel, dem in der Tragödie, welche er uns vorgelesen, mit solchem Undanke begegnet worden, sich in seinem Garten zu Camberwell lauten Reflexionen hinzugeben.

Orlick schlürfte, mit den Händen in den Taschen, schwerfällig an meiner Seite dahin. Es war sehr finster, sehr naß und sehr schmutzig, und wir trabten ungemüthlich dahin. Hin und wieder drang der Schall eines Signalschusses zu uns herüber, und rollte dann mißmuthig am Flusse fort. Ich verhielt mich ruhig und hing meinen Gedanken nach.

Mr. Wopsle starb auf liebenswürdige Weise in Camberwell; dann auf sehr tapfere auf dem Schlachtfelde von Bosworth und unter den gräßlichsten Qualen zu Glastonbury.

Orlick brummte von Zeit zu Zeit:

Schlagt drauf und schlagt dran, Alter Clem!
Pinkpank ist der Mann! Alter Clem!

Ich glaubte anfangs, er habe getrunken, aber er war nicht betrunken.

So kamen wir ins Dorf. Der Weg, auf dem wir uns demselben nahten, führte uns an den »Lustigen Schiffern« vorbei, und wir waren erstaunt – da es bereits elf Uhr geworden – das Haus in einem Zustande der Aufregung, die Thür offen und ungewohnte Lichter hier und dort umherstehen zu sehen.

Mr Wopsle ging eben hinein, um zu sehen, was es gäbe (in der Vermuthung, daß man einen Sträfling eingefangen habe), kam jedoch gleich darauf eiligst wieder herausgelaufen.

»Es ist was nicht richtig oben bei Euch, Pip,« sagte er, ohne still zu stehen. »Lauft!«

»Was giebts?« fragte ich, neben ihm hertrabend, während Orlick an meiner Seite lief.

»Ich kanns noch nicht recht verstehen. Es scheint, daß man ins Haus eingebrochen ist, als Joe nicht da war. Vermuthlich Sträflinge. Es ist Jemand angefallen und verletzt worden.«

Wir liefen zu schnell, als daß noch mehr gesprochen werden konnte, und machten nicht eher Halt, als bis wir in unserer Küche anlangten.

Dieselbe war voll von Menschen; das ganze Dorf war dort und in dem Hofe versammelt; und da stand der Wundarzt und dort war Joe, und da mitten in der Küche am Boden kniete eine Gruppe von Frauen.

Die unbeschäftigten Umstehenden machten Platz, als sie mich sahen, und so erblickte ich meine Schwester – welche bewußtlos und regungslos auf den nackten Bretern lag, auf die sie ein furchtbarer Schlag an den Hinterkopf, von einer unbekannten Hand geführt, als ihr Gesicht dem Feuer zugewendet war, hingestreckt hatte – und es gab kein Klabastern mehr für sie, als Joes Weib.

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