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Grosse Erwartungen. Zweiter Theil

Charles Dickens: Grosse Erwartungen. Zweiter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleGrosse Erwartungen. Zweiter Theil
publisherVerlagsbuchhandlung von J. J. Weber
editorbrucewelch
year1862
translatorMarie Scott
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20190705
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Vierzehntes Kapitel.
Pips Lehrjahre.

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Es ist ein höchst drückendes Gefühl, wenn man sich seiner Familienverhältnisse schämt. Es mag schwarzer Undank darin liegen, und die Strafe deshalb eine wohlverdiente sein; jedenfalls kann ich aber bezeugen, daß es ein sehr drückendes Gefühl ist.

Wegen meiner Schwester Gemüthsart war mir unser Haus nie ein sehr angenehmer Aufenthalt gewesen. Durch Joe aber war es mir geheiligt. Unser Staatsstübchen war mir als ein höchst eleganter Salon erschienen; unsere Vorderthür als die Pforten des Staatstempels, deren feierliches Oeffnen von einem Brandopfer – aus Kapaunbraten bestehend – begleitet war. Die Küche war mir als ein patriarchalisches, wenn gleich nicht elegantes, Gemach heilig gewesen, und in der Schmiede hatte ich den leuchtenden Pfad zur Männlichkeit und zur Unabhängigkeit gesehen. Und innerhalb eines einzigen Jahres hatte sich alles Dies verändert. Jetzt erschien mir Alles grob und ordinär, und um nichts in der Welt hätte ich es Miß Havisham und Estella sehen lassen mögen.

Wieviel von diesem unliebenswürdigen Gemüthszustande meine eigene Schuld, wieviel davon Miß Havishams und wieviel meiner Schwester Schuld war, ist jetzt weder für mich noch für Andere erheblich. Die Veränderung fand Statt in mir – es war geschehen.

Einst hatte ich mir vorgemalt, wie ausgezeichnet glücklich ich mich fühlen würde, wenn ich meine Hemdärmel würde zurückkrampen und die Schmiede als Joes Lehrling betreten können. Jetzt, da die Wirklichkeit in meinem Besitze, fühlte ich nur, daß ich schwarz von Kohlenstaub war, fühlte zugleich die Last meiner täglichen Erinnerungen, mit der verglichen der Ambos eine Feder war. Es hat in meinem spätern Leben Zeiten für mich gegeben (wie fast alle Leute sie ein Mal haben, wie ich glaube), wo mich ein Gefühl beherrschte, als ob sich vor alle seine Interessen und all seine Poesie ein dichter Vorhang gezogen, der mich auf immer von Allem, außer stumpfem Ertragen, ausschlösse. Aber niemals noch erschien mir dieser Vorhang so schwarz und schwer, als da ich meinen Lebenspfad sich gerade vor mir durch den angebahnten Weg meiner Lehrjahre bei Joe hinstrecken sah.

Ich erinnere mich, daß ich in der spätern Zeit meiner Lehrjahre an Sonntagabenden, wenn die Nacht hereinbrach, auf dem Kirchhofe umherzustehen und meine eigenen Aussichten mit der windigen Marschaussicht zu vergleichen pflegte, wobei ich Aehnlichkeiten zwischen Beiden heraussuchte – das flache öde Einerlei, der durch Beide führende unbekannte Weg, worauf dann dunkler Nebel folgte und zuletzt das weite Meer. Ich war an dem ersten Tage meiner Lehrzeit vollkommen so niedergedrückt, als in jener spätern Zeit; aber ich bin froh in dem Bewußtsein, daß Joe mich nie hat murren hören, so lange mein Contract mich an ihn band. Es ist dies so ziemlich das einzige frohe Bewußtsein, das mir aus jener Zeit geblieben.

Denn obgleich es das in sich schließt, was ich noch hinzuzufügen habe, so gebührt doch das Verdienst von Dem, was ich noch hinzuzufügen habe, Joe allein. Daß ich niemals fortlief, um Soldat oder Seemann zu werden, war nicht, weil ich getreu, sondern weil Joe getreu war. Und wenn ich gegen meine Neigung doch mit erträglichem Eifer und Fleiß arbeitete, so war dies nicht, weil ich strenge Grundsätze der Tugend und des Fleißes hatte, sondern weil Joe sie besaß. Es ist unmöglich zu bestimmen, wie weit der Einfluß eines redlich gesinnten, pflichtgetreuen Mannes in die Welt hinausdringt; aber wir können sehr wohl wahrnehmen, wie er uns selbst im Vorbeistreifen berührt, und ich weiß, daß, falls sich Gutes in meine Lehrjahre mischte, dies von dem einfachen, zufriedenen Joe kam und nicht von mir, dem unruhig strebenden Unzufriedenen.

Wer weiß, was ich wollte? Wie kann ich es sagen, da ich es selbst nie wußte? Was ich befürchtete, war, daß ich zu irgend einer Unglücksstunde, wo ich am rußigsten und gewöhnlichsten aussehen würde, ein Mal aufblicken und sehen möchte, wie Estella durch den hölzernen Laden der Schmiede schaute. Mich verfolgte die Angst, daß sie mich früher oder später ein Mal mit geschwärztem Gesichte und schmutzigen Händen bei dem gröbsten Theile meiner Arbeit antreffen, und über mich frohlocken und mich verachten würde. Oft, wenn ich nach Dunkelwerden für Joe die Bälge trat und wir »Alter Clem« dazu sangen und der Gedanke, wie wir dies bei Miß Havisham zu singen pflegten, mich Estellas Gesicht im Feuer erblicken ließ, wie sie mit ihrem schönen, im Winde flatternden Haare dastand und hochmüthig auf mich herab sah – blickte ich schnell nach den schwarzen Vierecken in der Wand, welche damals unsere Fenster bildeten, indem ich mir einbildete, sie sei endlich wirklich gekommen und ich sähe eben jetzt ihr Gesicht dort verschwinden.

Wenn wir darauf zum Nachtessen hineingingen, erschien mir die Küche und das Mahl noch bescheidener denn je, und in meinem unliebenswürdigen Gemüthe schämte ich mich mehr denn je meiner Familienverhältnisse.

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