Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Grosse Erwartungen. Zweiter Theil

Charles Dickens: Grosse Erwartungen. Zweiter Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleGrosse Erwartungen. Zweiter Theil
publisherVerlagsbuchhandlung von J. J. Weber
editorbrucewelch
year1862
translatorMarie Scott
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20190705
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.
Pip kommt in die Lehre.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Es war eine große Prüfung für meine Gefühle, als ich am zweiten Tage darauf Joe sich für den Besuch bei Miß Havisham mit seinen Sonntagskleidern schmücken sah. Da er jedoch seinen Galaanzug für diese Gelegenheit nothwendig hielt, so kam es mir nicht zu, ihm zu sagen, er sehe in seinen Arbeitskleidern weit besser aus; um so mehr, da ich wußte, daß er sich ganz allein um meinetwillen solcher furchtbaren Unbequemlichkeit unterwarf, und nur mir zu Liebe seinen Hemdskragen hinten so hoch hinaufzog, daß das Haar seines Hinterhauptes dadurch wie ein Federbusch in die Höhe stand.

Beim Frühstück erklärte meine Schwester ihre Absicht, mit uns in die Stadt zu kommen und bei Onkel Pumblechook zu bleiben, bis wir sie wieder abholen würden, »sobald wir mit unseren vornehmen Damen fertig wären« – eine Anschauung der Sache, von der Joe das Schlimmste zu ahnen schien.

Die Schmiede wurde für den Tag geschlossen, und Joe schrieb (wie dies bei den seltenen Gelegenheiten, wo er nicht arbeitete, seine Gewohnheit war) mit Kreide das einsylbige Wort »Aus« auf die Thür, begleitet von der Skizze eines Pfeiles, der muthmaßlicher Weise in die Richtung flog, in welcher er fortgegangen war.

Wir gingen zu Fuße nach der Stadt, meine Schwester in einem großen Filzhute voran. Sie trug einen Korb von geflochtenem Stroh, so groß, wie das große Siegel von England, ein Paar Holzschuhe und einen Regenschirm, obschon es ein schöner, klarer Tag war. Ich bin mir nicht ganz klar darüber, ob sie diese Gegenstände als Büßerin oder aus Ostentation trug; aber ich glaube fast, sie wurden nur zur Schau getragen, ziemlich wie Kleopatra oder irgend eine andere »klabasterige« hohe Dame bei einem Aufzuge oder einer Procession ihren Reichthum zur Schau getragen haben würde.

Als wir bei Pumblechooks Hause anlangten, stürzte meine Schwester hinein und ließ uns draußen stehen. Da es beinahe um Mittag war, setzten Joe und ich sogleich unsern Weg zu Miß Havisham fort. Estella öffnete das Thor, wie gewöhnlich, und sowie Joe sie erblickte, nahm er seinen Hut ab, hielt ihn mit beiden Händen am Rande fest und wog ihn, als ob es ihm im innersten Gemüth genau auf eine halbe Viertelunze ankomme.

Estella nahm weder von dem Einen noch dem Andern von uns Notiz, sondern führte uns den Weg, mit dem ich so vertraut war. Ich kam zunächst nach ihr und Joe zuletzt. Als ich mich in dem langen Gange nach Joe umschaute, wog er noch immer mit der größten Sorgfalt seinen Hut und kam uns mit langen Schritten und auf den äußersten Fußspitzen nachgegangen.

Estella sagte uns, daß wir sofort hineingehen sollten; darum faßte ich Joe beim Rockärmel und führte ihn in Miß Havishams Nähe. Sie saß an ihrem Toilettetische und wandte sich augenblicklich nach uns um.

»O!« sagte sie zu Joe, »Sie sind der Mann der Schwester dieses Knaben?«

Ich hätte mir kaum denken können, daß der liebe alte Joe sich selbst so unähnlich und irgend einer merkwürdigen Art von Vogel so ähnlich hätte sehen können, wie er sprachlos, mit gesträubtem Federbusche und offenem Munde, als ob er auf einen Wurm lauere, dastand.

»Sie sind also«, wiederholte Miß Havisham, »der Mann der Schwester dieses Knaben?«

Es war sehr ärgerlich, aber während der ganzen Unterredung bestand Joe darauf, mich anstatt Miß Havisham anzureden.

»Was ich sagen will, Pip,« bemerkte Joe auf eine Weise, die in gleichem Grade nachdrückliche Beweisführung, strenges Geheimniß und große Höflichkeit ausdrückte, »daß ich hinging und Deine Schwester heirathete, und daß ich damals ein Junggesell (wenn Du es so nennen willst) war.«

»Gut!« sagte Miß Havisham. »Und Sie haben den Knaben in der Absicht, ihn in die Lehre zu nehmen, aufgezogen? nicht wahr, Mr. Gargery?«

»Du weißt, Pip,« entgegnete Joe, »daß Du und ich Freunde waren, und daß wir Beide es hofften, in dem Glauben, daß es zu allerlei Jux führen würde. Ich sage nicht, Pip, falls Du was gegen die Profession einzuwenden hättest – wie zum Exempel, daß es viel Ruß und Schmutz, und dergleichen darin giebt – ich sage nicht, daß ich da nicht darauf gehört hätte; verstehst Du, Pip?«

»Hat der Knabe jemals etwas dagegen einzuwenden gehabt?« fragte Miß Havisham. »Oder gefällt ihm das Handwerk?«

»Denn Du weißt es ja selbst, Pip,« sagte Joe, seine vorherige Mischung von Beweisführung. Vertraulichkeit und Höflichkeit bekräftigend, »daß es der Wunsch Deines Herzens war.«

Ich sah, wie ihm plötzlich der Gedanke kam, das Epitaph der gegenwärtigen Situation anzupassen, ehe er noch fortfuhr:

»Du weißt, Pip, daß das Handwerk war der Wunsch Deines Herzens ganz und gar!«

Es war ganz vergebens, daß ich ihm begreiflich zu machen versuchte, er müsse mit Miß Havisham reden. Je mehr ich ihm mit dem Gesicht und den Händen Zeichen gab, desto vertraulicher, erklärender und höflicher wurde er gegen mich.

»Haben Sie seinen Contract mitgebracht?« frug Miß Havisham.

»Nun, Pip, Du weißt ja,« entgegnete Joe, als ob diese Frage ein wenig unverständig sei, »daß Du mich ihn selbst in den Hut hast legen sehen, und weißt daher, daß er hier ist.«

Mit diesen Worten nahm er ihn heraus und gab ihn, nicht Miß Havisham, sondern mir. Ich fürchte, ich schämte mich des guten, lieben Burschen – ja, ich weiß, daß ich mich seiner schämte – als ich Estella hinter Miß Havishams Stuhle stehen und in ihren Augen ein muthwilliges Lachen sah. Ich empfing den Contract aus seiner Hand und überreichte ihn Miß Havisham.

»Sie erwarteten kein Lehrgeld für den Knaben?« sagte Miß Havisham, den Contract mit den Augen durchlaufend.

»Joe!« sagte ich vorwurfsvoll; denn er antwortete gar nichts. »Warum kannst Du nicht –«

»Pip,« entgegnete Joe, mich unterbrechend, als ob er sich gekränkt fühlte, »ich will damit gesagt haben, daß das eine Frage ist, die zwischen Dir und mir gar keiner Antwort bedarf, und worauf die einzige Antwort, wie Du sehr wohl weißt: Nein ist, und wozu sollt ich es da noch erst sagen?«

Miß Havisham gab ihm einen Blick, wie wenn sie – besser, als ich es nach seinem Benehmen hier für möglich gehalten – wohl verstände, was er in Wirklichkeit sei; und dann nahm sie von dem Tische an ihrer Seite einen kleinen Beutel.

»Pip hat sich hier ein Lehrgeld verdient,« sagte sie, »und hier ist es. Es sind in diesem Beutel fünfundzwanzig Guineen. Gieb ihn Deinem Meister, Pip.«

Als ob er durch seine Verwunderung über ihre seltsame Gestalt und über das seltsame Zimmer vollkommen den Verstand verloren habe, bestand Joe darauf, selbst hier wieder nur zu mir zu reden.

»Dies ist sehr großmüthig von Dir, Pip,« sagte Joe, »und soll mir dankbar willkommen sein, obgleich ich es niemals und nirgend und zu keiner Zeit nicht erwartet habe. Und nun, alter Kerl,« sagte Joe, wodurch er mir ein Gefühl, erst des Siedens und dann des Erfrierens verursachte, denn es war mir, als ob er diesen familiären Ausdruck gegen Miß Havisham gebraucht hätte, – »und jetzt, alter Kerl, auf daß wir unsere Pflicht thun! Auf daß wir, Du und ich, unsere Pflicht thun, Beide, Jeder Einer gegen den Andern und gegen Diejenigen, welche Dein großmüthiges Geschenk – übermacht haben – um – zur Freude Derjenigen – von Denen – welche niemals« – hier zeigte Joe, daß er fühlte, wie er in furchtbare Schwierigkeiten gerieth, bis er sich schnell triumphirend mit den Worten: »Denn das sei ferne von mir!« rettete. Diese Worte hatten für ihn einen so vollen, überzeugenden Klang, daß er sie zwei Mal sagte.

»Lebewohl, Pip!« sagte Miß Havisham. »Laß sie hinaus, Estella.«

»Soll ich wiederkommen, Miß Havisham?« fragte ich.

»Nein. Gargery ist jetzt Dein Herr. Gargery! Ein Wort mit Ihnen!«

Als sie Joe auf diese Weise zurückgerufen, hörte ich sie, indem ich zur Thür hinausging, mit deutlicher, nachdrücklicher Stimme zu ihm sagen:

»Der Knabe hat sich hier gut betragen, und das da ist seine Belohnung. Natürlich werden Sie, als ein redlicher Mann, nichts weiter und nicht mehr verlangen.«

Wie Joe aus dem Zimmer kam, bin ich nie zu erfahren im Stande gewesen; so viel aber weiß ich, daß er, als er endlich herauskam, wahnsinniger Weise eine Treppe höher stieg, anstatt hinunter zu kommen, und taub gegen alle Vorstellungen war, bis ich ihm nachging und ihn festhielt. Eine Minute später befanden wir uns außerhalb des Thores, dasselbe wurde hinter uns geschlossen und Estella war verschwunden.

Als wir wieder allein im Tageslichte standen, lehnte Joe sich mit dem Rücken gegen die Mauer und sagte: »Erstaunlich!« Und so stand er so lange, indem er von Zeit zu Zeit das Wort: Erstaunlich! wiederholte, daß ich zu fürchten anfing, er habe auf immer den Verstand verloren. Endlich verlängerte er seine Bemerkung, indem er sagte:

»Pip, ich versichere Dich, daß dies er– staun–lich ist!« und so war er dann allmälig wieder im Stande zu sprechen und weiter zu gehen.

Ich habe Grund, zu glauben, daß Joes Verstand durch das soeben beschriebene Zusammentreffen geschärft worden, und daß er auf unserm Wege nach Pumblechooks Hause einen feinen, schlauen Plan ersann. Man wird meinen Grund hierfür in Dem finden, was sich gleich darauf in Mr. Pumblechooks Wohnzimmer ereignete, wo meine Schwester mit dem hassenswerthen Samenhändler in Unterhaltung saß.

»Nun?« rief meine Schwester, indem sie uns Beide zugleich anredete. »Und was ist Euch passirt? Es wundert mich wirklich, daß Ihr Euch noch zu so niedriger Gesellschaft wie die unserige herablaßt, das gestehe ich!«

»Miß Havisham,« sagte Joe mit einem festen Blicke auf mich, wie wenn er sich an Etwas genau zu erinnern bemüht sei, »wünschte ganz besonders, daß wir ihre – sagte sie Empfehlung oder Grüße, Pip?«

»Empfehlung,« bemerkte ich.

»Ja, ich glaube, Du hast Recht,« sagte Joe, »ihre Empfehlung an Frau J. Gargery machten.«

»Wird mir was rechtes nützen!« bemerkte meine Schwester, wobei sie aber doch ziemlich geschmeichelt aussah.

»Und sie wünschte,« fuhr Joe fort, indem er mich abermals fest und wie mit Erinnerungsanstrengung anblickte, »daß ihr Gesundheitszustand der Art wäre, – daß er ihr gestattete – wars nicht so, Pip?«

»Das Vergnügen zu haben,« fügte ich hinzu.

»Damen bei sich sehen zu können,« sagte Joe, und holte tief Athem.

»Nun!« rief meine Schwester mit einem besänftigten Blicke auf Mr. Pumblechook aus. »Sie hätte so höflich sein können, mir das gleich zuerst sagen zu lassen. Aber lieber spät als gar nicht. Und was hat Sie unserm jungen Rangen da gegeben?«

»Sie gab ihm«, sagte Joe, »nichts.«

Frau Joe war im Begriff loszubrechen, aber Joe fuhr fort:

»Was sie gab,« sagte Joe, »das gab sie seinen Freunden. Und mit seinen Freunden, erklärte sie, will ich die Hände seiner Schwester, der Frau ›J.‹ Gargery, gemeint haben. Das waren ihre eigenen Worte. Sie mag nicht gewußt haben,« sagte Joe mit nachdenkender Miene, »ob das ›J‹ Joe oder Jorge heißt.«

Meine Schwester blickte Pumblechook an, welcher die Armlehnen seines hölzernen Lehnstuhls strich und ihr und dem Feuer zunickte, wie wenn er damit andeuten wollte, daß er alles Dies schon vorher gewußt habe.

»Und wie viel gab sie Dir?« fragte meine Schwester lachend, wirklich lachend!

»Was würde die anwesende Gesellschaft zu zehn Pfund sagen?« frug Joe.

»Nun,« sagte meine Schwester ziemlich kurz, »sie würde sagen: es geht. Nicht zu viel, aber es geht.«

»Aber es ist mehr, als das,« sagte Joe.

Jener fürchterliche alte Betrüger, Pumblechook, nickte augenblicklich mit dem Kopfe, rieb die Lehnen seines Armstuhls und sagte:

»Es ist mehr als das, Madam.«

»Was! Sie wollen doch nicht sagen –« fing meine Schwester an.

»Ja, das will ich, Madam,« sagte Pumblechook; »aber warten Sie eine Minute. Fahr fort, Joseph. Sehr gut! Fahr fort!«

»Was würde die anwesende Gesellschaft«, fuhr Joe fort, »zu zwanzig Pfund sagen?«

»Nobel, würde sie sagen!« entgegnete meine Schwester.

»Nun,« sagte Joe. »'s ist mehr als zwanzig Pfund.«

Pumblechook, der verworfene alte Heuchler, nickte abermals und sagte mit protegirendem Lachen:

»Es ist mehr als das, Madam. Sehr gut! Mach weiter, Joseph.«

»Um also der Sache ein Ende zu machen,« sagte Joe, indem er voll Freude meiner Schwester den kleinen Geldsack übergab, »so sinds fünfundzwanzig Pfund.«

»Es sind fünfundzwanzig Pfund,« wiederholte jener niedrigste aller Schwindler, Pumblechook, indem er aufstand, um ihr die Hand zu schütteln; »und es ist nichts mehr, als was Sie verdient haben (wie ich sagte, als man mich um meine Meinung fragte), und ich wünsche Ihnen Glück zu dem Gelde!«

Hätte der Schurke es dabei gelassen, so wäre die Sache schon fürchterlich genug gewesen, aber er vergrößerte seine Schuld noch dadurch, daß er mich mit einer Protectormiene an sich zog, die alle seine früheren Schandthaten weit hinter sich zurückließ.

»Jetzt seht her, Joseph und Frau,« sagte Pumblechook, indem er mich über dem Ellnbogen am Arme faßte, »ich bin Einer von Denen, die mit dem, was sie angefangen haben, gerade durchgehen. Dieser Junge muß auf der Stelle contractlich verpflichtet werden. Das ist meine Art und Weise. Die Sache muß auf der Stelle contractlich abgemacht werden.«

»Gott weiß, Onkel Pumblechook,« sagte meine Schwester, das Geld an sich reißend, »daß wir Ihnen tief verpflichtet sind.«

»Sprechen Sie nicht von mir, Madam,« erwiederte der teuflische Kornhändler. »Ein Vergnügen ist in der ganzen Welt ein Vergnügen. Aber dieser Junge hier – wir müssen ihn contractlich binden. Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, so habe ich versprochen, dafür zu sorgen.«

Es war eben in dem naheliegenden Rathhause Sitzung, und wir gingen sofort hin, um mich in der Gegenwart des Magistrats contractlich als Joes Lehrling einschreiben zu lassen. Ich sage: wir gingen, aber ich wurde von Pumblechook hingestoßen, als ob ich soeben Jemandes Taschen bestohlen oder eine Kornfeime in Brand gesteckt hätte; ja, man hatte im Gerichtssaale allgemein den Eindruck, als sei ich auf der That ertappt worden, denn als Pumblechook mich vor sich hin durch das Gedränge schob, hörte ich Jemand sagen: »Was hat er gethan?« und einen andern antworten: »Solch ein blutjunges Bürschchen, – aber er sieht schlimm genug aus, wie?« Ein Herr von mildem, wohlwollendem Aussehen gab mir sogar ein Tractätchen mit einem Holzschnitte, welcher einen sündhaften jungen Menschen in einem wahren Wurstladen von Fesseln darstellte, ein Werk, das den Titel: » In meiner Zelle zu lesen« trug.

Der Gerichtssaal war, wie es mir schien, ein sonderbarer Ort, mit Kirchenstühlen – die jedoch hier höher waren, als in der Kirche – aus denen sich Leute herüber lehnten und zuschauten; mit mächtigen Richtern (worunter einer mit einem gepuderten Kopfe), die sich mit verschlungenen Armen in ihren Stühlen zurücklehnten, oder Prisen nahmen, oder einschliefen, oder schrieben, oder die Zeitung lasen; und mit glänzenden schwarzen Gemälden an der Wand, welche meinen in der Kunst unerfahrenen Augen als eine Composition von Traganth und Heftpflaster erschienen. Hier wurde in einem Winkel mein Contract unterzeichnet und attestirt, und ich als Lehrling eingetragen; wobei Mr. Pumblechook mich fortwährend festhielt, als ob wir nur auf unserm Wege nach dem Schafot vorgekommen seien, um diese kleinen Präliminarien abzumachen.

Als wir wieder heraus gekommen und die Straßenbuben los geworden waren, welche sich, in der Erwartung, mich öffentlich martern zu sehen, großer Freude hingegeben hatten, als sie mich aber von Freunden umringt sahen, sich bitter getäuscht fühlten, kehrten wir nach Pumblechooks Hause zurück. Hier wurde meine Schwester dermaßen aufgeregt über das uns so unerwarteter Weise zugefallene Glück, daß sie nicht eher ruhen konnte, als bis man übereinkam, einen Theil davon für ein Mahl im »Blauen Eber« zu opfern, zu welchem Pumblechook die Hubbles und Mr. Wopsle in seinem Wagen hereinholte.

Es wurde einstimmig beschlossen, und ich verbrachte einen traurigen Tag! Denn unerforschlicher Weise schien es den Gemüthern der ganzen Gesellschaft einzuleuchten, daß ich eine Schande für das Fest sei. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, fragten sie mich Alle von Zeit zu Zeit – kurz, immer wenn sie nichts Anderes zu thun hatten – warum ich mich nicht amusire? Und was blieb mir wohl zu antworten übrig, als daß ich mich sehr gut amusire, was doch nicht der Fall war?

Aber sie waren erwachsen und hatten ihren Willen, und benutzten ihn. Pumblechook, der alte Schwindler, der sich das Ansehen des Anstifters der ganzen Festlichkeit gab, nahm wahrhaftig den Ehrenplatz am Tische ein! Und als er ihnen in Bezug auf den von mir eingegangenen Contract eine Rede hielt, und sie auf teuflische Weise beglückwünschte, weil ich jetzt, falls ich Karten spielte, oder geistige Getränke genösse, oder spät ausbliebe, oder schlechten Umgang habe, oder mich irgend welcher anderen Streiche schuldig machte, welche der Form meines Contracts nach für fast unvermeidlich gehalten zu werden schienen, einer Gefängnißstrafe unterworfen sein würde – stellte er mich neben sich auf einen Stuhl, um seine Bemerkungen zu illustriren.

Meine einzigen anderen Erinnerungen von dieser Festlichkeit sind die: daß sie mich nicht einschlafen lassen wollten, und mich jedes Mal, wenn sie mich nicken sahen, aufweckten und mir befahlen, mich zu amusiren. Daß später Abends Mr. Wopsle uns Collins Ode vordeclamirte und sein blutiges Schwert mit solchem donnernden Effect niederschleuderte, daß der Kellner hereinkam und sagte:

»Eine Empfehlung von dem Herrn Handlungsreisenden unten, und es wäre dies nicht das Akrobatenhotel.«

Daß sie auf dem Heimwege Alle in ausgezeichneter Laune waren und »O, schöne Dame« »O Lady Fair«, Ballade von Thomas Moore (1779-1852), dem volkstümlichen irischen Dichter. - Anm.d.Hrsg. sangen, wobei Mr. Wopsle die Baßpartie übernahm und (indem er dem neugierigen langweiligen Wicht antwortet, welcher die Composition auf höchst impertinente Weise dadurch leitet, daß er Alles über aller Leute Privatangelegenheiten zu wissen verlangt) mit einer furchtbar starken Stimme versicherte, er sei der Mann, »dessen weiße Locken wallen, und eigentlich der schwächste Pilger von allen.«

Zum Schlusse erinnere ich mich noch, daß ich, als ich in meine kleine Schlafkammer kam, mich wahrhaft elend fühlte, und fest überzeugt war, daß ich niemals an Joes Handwerk Gefallen finden würde. Früher hatte es mir allerdings gefallen, aber früher war nicht jetzt.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.