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Grosse Erwartungen. Zweiter Theil

Charles Dickens: Grosse Erwartungen. Zweiter Theil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleGrosse Erwartungen. Zweiter Theil
publisherVerlagsbuchhandlung von J. J. Weber
editorbrucewelch
year1862
translatorMarie Scott
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20190705
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Zwölftes Kapitel.
Pips Besorgnisse und Hoffnungen.

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Ich beunruhigte mich im Geiste sehr wegen des blassen jungen Herrn. Je mehr ich des Kampfes gedachte und mich des blassen jungen Herrn erinnerte, wie er mit geschwollenem und blutbeflecktem Antlitze auf dem Rücken lag, um so fester wurde die Ueberzeugung in mir, daß mir irgend Etwas widerfahren müsse.

Ich fühlte, daß das Blut des blassen jungen Herrn über mein Haupt kommen, und daß das Gesetz ihn rächen werde. Ohne von den Strafen, denen ich mich ausgesetzt, irgend eine bestimmte Idee zu haben, war es mir doch klar, daß es keinem Dorfjungen gestattet sein könne, im Lande umherzustreifen, um die Wohnungen vornehmer Leute zu verwüsten und auf die studirende Jugend Englands loszuschlagen, ohne sich den strengsten Strafen auszusetzen.

Ich hielt mich sogar während einiger Tage ganz zu Hause, und lugte, wenn man mich auf irgend eine Besorgung ausschickte, in der größten Furcht und Vorsicht zur Küchenthür hinaus, ob auch nicht die Häscher des Grafschaftsgefängnisses mir auflauerten, um mich zu fangen. Die blutende Nase des blassen jungen Herrn hatte meine Beinkleider befleckt, und ich versuchte diesen Beweis meiner Schuld in der tiefsten Stille der Nacht zu vertilgen. Ich hatte mir an den Zähnen des blassen jungen Herrn die Knöchel zerschlagen, und ich verwirrte meine Einbildungskraft zu tausend Knoten, indem ich für den Moment, wo ich vor dem Richter stehen würde, nach unglaublichen Ursachen für diesen verdammenden Umstand suchte.

Als der Tag herankam, an welchem ich an die Stelle meiner Gewaltthat zurückkehren sollte, erreichte meine Angst ihren Gipfel. Würden wohl die Häscher des Gerichts, die ausdrücklich deshalb von London hergesandt waren, hinter dem Thore auf der Lauer liegen? Oder würde Miß Havisham, indem sie vorzog, persönlich die Schmach zu rächen, die ihrem Hause zugefügt war, sich in jenen Leichengewändern, welche sie trug, erheben, eine Pistole hervorziehen und mich todtschießen? Oder würden gedungene Straßenjungen – eine zahlreiche Bande von Söldnern – in der Brauerei auf mich warten, um über mich herzustürzen und auf mich loszuschlagen, bis ich stürbe?

Es war ein hoher Beweis meines Vertrauens auf die Ehrenhaftigkeit des blassen jungen Herrn, daß ich mir ihn nie mit diesen Wiedervergeltungsacten in Verbindung dachte; dieselben erschienen mir immer als die Handlungen seiner unverständigen Angehörigen, welche durch den Zustand seines Antlitzes und durch eine entrüstete Sympathie für die Familiengesichtszüge angestachelt wurden.

Indessen mußte ich jedenfalls zu Miß Havisham zurückkehren, und so ging ich denn. Und siehe da! Es kam gar nichts nach dem stattgehabten Kampfe! Es wurde desselben auf keine Weise erwähnt und in dem ganzen Gebäude war nirgend ein blasser junger Herr zu sehen. Ich fand das Pförtchen offen und durchstreifte den Garten und schaute sogar durch die Fenster des allein stehenden Hauses; aber es begegnete hier meinen Blicken nichts, als die von innen geschlossenen Fensterläden, und rings umher war Alles leblos und verlassen.

Nur in dem Winkel, wo der Zweikampf Statt gefunden, konnte ich noch ein Zeichen von dem Dasein des blassen jungen Herrn entdecken; denn hier fand ich Spuren seines von mir vergossenen Blutes, und ich verbarg dieselben vor den Augen der Menschen durch Gartenerde.

Auf dem breiten Gange zwischen Miß Havishams Zimmer und jenem, in welchem der lange gedeckte Tisch stand, sah ich einen Gartenstuhl stellen – ein leichter Stuhl auf Rädern, den man von hinten schob. Derselbe war seit meinem letzten Besuche dort hingestellt worden, und ich begann an diesem Tage meine regelmäßige Beschäftigung, Miß Havisham (wenn sie es müde war, mit der Hand auf meine Schulter gestützt spazieren zu gehen) in diesem Stuhle um ihr eigenes Zimmer, über den Gang und in dem andern Zimmer herumzuschieben.

Wir wiederholten diese Reisen zu unzähligen Malen, und zuweilen dauerten sie nicht weniger als drei Stunden. Ich erwähne unwillkürlich dieser Reisen als zahlreich, da es sofort ausgemacht wurde, daß ich jeden zweiten Tag um Mittag zu diesem Zwecke zurückkehren sollte, und weil ich jetzt im Begriff bin, einen Zeitraum von etwa acht bis zehn Monaten zusammenzufassen.

Als wir uns allmälig mehr an einander gewöhnt hatten, fing Miß Havisham an, sich mehr mit mir zu unterhalten und mir mancherlei Fragen vorzulegen, wie z. B.: was ich gelernt habe, und was ich zu werden beabsichtige? Ich sagte ihr, ich glaube, daß ich zu Joe in die Lehre solle und daß ich gar nichts gelernt habe und Alles zu lernen wünsche, in der Hoffnung, daß sie sich erbieten würde, mir in der Erreichung dieses wünschenswerthen Zieles behülflich zu sein. Aber nein; sie schien es im Gegentheil gern zu sehen, daß ich unwissend war. Auch gab sie mir niemals Geld, oder sonst irgend Etwas außer meinem täglichen Mittagessen, und versprach nie, mich für meine Dienste zu bezahlen.

Estella war stets da und ließ mich ein und aus, doch sagte sie mir nie wieder, daß ich sie küssen möge. Zuweilen behandelte sie mich mit kalter Duldung, zuweilen mit Herablassung, zuweilen mit vollkommener Vertraulichkeit, und dann wieder sagte sie mir, sie könne mich nicht ausstehen.

Miß Havisham pflegte oft, wenn wir allein waren, mich flüsternd zu fragen:

»Wird sie alle Tage hübscher, Pip?«

Und wenn ich dann: Ja, antwortete (denn es war in der That der Fall), schien sie im Geheimen eine gierige Art von Freude darüber zu haben. Auch wenn wir Karten spielten, schaute Miß Havisham uns zu mit einer geizhalsartigen Freude an Estellas Launen, welcher Art dieselben auch sein mochten. Und manchmal, wenn ihre Launen so vielfältig und widersprechend waren, daß ich nicht wußte, was ich sagen oder thun solle, umarmte Miß Havisham sie mit großer Zärtlichkeit und murmelte ihr Etwas in die Ohren, das mir wie: Brich ihnen die Herzen, Du mein Stolz und meine Hoffnung, brich ihnen die Herzen, und zeig ihnen kein Erbarmen! klang.

Joe pflegte bei seiner Schmiedearbeit die Fragmente eines Liedes zu singen, dessen fortwährender Refrain: »Alter Clem« war. Dies war allerdings keine sehr ceremoniöse Art und Weise, einem Schutzpatron zu huldigen, und dennoch glaube ich, daß der alte Clem in dieser verwandtschaftlichen Beziehung zu den Schmieden stand.

Es war ein Lied, welches den Schlag des Hammers auf das Eisen nachahmte, und als bloße lyrische Entschuldigung diente, um des »Alten Clems« Namen zu feiern.

Wir hämmern so frisch und frank – Alter Clem!
Mit Kling und mit Klang – Alter Clem
Schlagt drauf und schlagt dran – Alter Clem!
Pinkpank ist der Mann – Alter Clem!
Das Feuer blas' an – Alter Clem!
Funken und Flammen sprühen dann – Alter Clem!

Eines Tages nun, bald nach dem ersten Erscheinen des Rollstuhles, sagte Miß Havisham plötzlich mit ihrer ungeduldigen Fingerbewegung zu mir:

»Da! Da! singe! singe!«

In meiner Ueberraschung fing ich an, dieses Lied zu brummen, während ich sie in ihrem Stuhle vor mir herschob. Zufälliger Weise gefiel es ihr so, daß sie es mit leiser, summender Stimme, wie wenn sie im Schlafe gesungen hätte, mitzusingen anfing. Darauf wurde es uns zur Gewohnheit, es beim Umherfahren zu singen, und Estella stimmte oft mit ein; doch war der ganze Gesang, obgleich wir unserer Drei waren, ein so unterdrückter, daß er in dem geräumigen alten Hause weniger Geräusch machte, als der leiseste Luftzug.

Was konnte unter solchen Umgebungen wohl aus mir werden? War es wohl möglich, daß mein Charakter von ihnen unberührt blieb? Und ist es wohl zum Verwundern, daß meine Gedanken, wie meine Augen, wenn ich aus den dunstigen gelben Stuben in das natürliche Tageslicht kam, trübe waren?

Vielleicht hätte ich Joe von dem blassen jungen Herrn erzählt, falls ich mich nicht vorher zu den furchtbaren Erfindungen hätte verleiten lassen, welche ich gebeichtet habe. So aber fühlte ich, daß Joe kaum umhin könne, in dem blassen jungen Herrn einen passenden Passagier für die schwarze Sammetkutsche zu erkennen: deshalb sagte ich nichts von ihm.

Außerdem nahm mein ursprünglicher Widerwille, Miß Havisham und Estella den neugierigen Muthmaßungen Anderer preiszugeben, immer mehr zu. Ich setzte in Niemand, außer Biddy, vollkommenes Vertrauen, Biddy aber erzählte ich Alles. Warum es mir ganz natürlich schien, Biddy Alles zu sagen, und warum sie den tiefsten Antheil an Allem nahm, was ich ihr erzählte, wußte ich damals nicht, aber ich glaube, daß ich es jetzt weiß, O Schatten der armen Biddy, vergieb mir!

Inzwischen wurden zu Hause in der Küche Rathssitzungen gehalten, welche meinem gemarterten Gemüthe wahrhaft unerträglichen Aerger bereiteten. Jener Esel, der alte Pumblechook, pflegte Abends hinauszukommen, nur um sich mit meiner Schwester über meine Aussichten zu unterhalten; und ich glaube wirklich (und zwar bis auf den heutigen Tag noch ohne die Reue, welche ich darüber empfinden sollte), daß, falls meine Hände im Stande gewesen, einen Achsnagel aus seinem Wagen zu ziehen, sie es gethan haben würden.

Der Elende war ein Mensch von so beschränkten Geistesfähigkeiten, daß er nicht von meinen Aussichten reden konnte, ohne mich vor sich stehen zu sehen – gewissermaßen, wie wenn er eine Operation an mir zu vollziehen habe – und er pflegte mich (gewöhnlich bei meinem Rockkragen) von meinem Schemel, den ich ruhig im Winkel einnahm, heraufzuzerren, mich vors Feuer zu stellen, als ob ich gebraten werden sollte, und dann damit anzufangen, daß er sagte:

»Nun, Madam, hier steht dieser Junge! Hier steht dieser Junge, den Sie durch die Hand groß gezogen haben. Halte den Kopf gerade, Junge, und sei stets Denen dankbar, die so an Dir gehandelt haben. Jetzt, Madam, was diesen Jungen betrifft!«

Und dann strich er mir die Haare nach der verkehrten Seite hin – was zu thun, ich, wie ich bereits erwähnt habe, seit meiner frühesten Kindheit keinem Menschen das Recht zugestand – und hielt mich am Aermel fest: ein Schauspiel des Blödsinns, das nur in ihm selbst seines Gleichen fand.

Und dann begannen er und meine Schwester sich in solchen unsinnigen Speculationen über Miß Havisham und über Das, was sie mit mir anfangen oder für mich thun würde, zu ergehen, daß ich – auf förmlich schmerzhafte Weise – das Bedürfniß fühlte, in Thränen der Wuth auszubrechen, auf Pumblechook loszustürzen und ihn am ganzen Leibe zu knuffen.

Bei diesen Unterredungen sprach meine Schwester stets von mir, als ob sie mir, moralisch, bei jeder Erwähnung meiner, einen Zahn ausrisse; während Pumblechook, der sich selber zu meinem Gönner ernannt, dasaß und mich mit einem herabwürdigenden Auge überschaute, wie wenn er der Architekt meines Glücks gewesen, und gefühlt hätte, daß er sich da in ein sehr uneinträgliches Geschäft eingelassen.

Joe nahm an diesen Unterredungen keinen Antheil. Doch wurde er im Verlaufe derselben oft arg mitgenommen, und zwar weil Frau Joe bemerkt hatte, daß er es nicht gern sah, wenn ich aus der Schmiede fortgenommen wurde. Ich war jetzt vollkommen alt genug, um bei Joe in die Lehre gethan zu werden; und wenn Joe zuweilen ruhig mit dem Schüreisen dasaß und gedankenvoll die Asche zwischen den beiden untersten Eisenstäben des Kamins wegräumte, so pflegte meine Schwester dieses unschuldige Verfahren so entschieden als Widersetzlichkeit von seiner Seite auszulegen, daß sie auf ihn losfuhr, ihn schüttelte, ihm das Schüreisen aus der Hand riß und es fortwarf.

Jede dieser Debatten nahm ein für mich widerwärtiges Ende. Meine Schwester stürzte gewöhnlich ganz plötzlich, ohne daß dies durch irgend Etwas herbeigeführt worden, und indem sie einen Gähnanfall unterdrückte, auf mich zu und sagte:

»Komm! Wir haben genug von Dir! Jetzt machst Du, daß Du ins Bette kommst; Du hast uns für einen Abend Beschwerde genug gemacht, hoffe ich.«

Als ob ich es mir von ihnen als eine Gunst erfleht hätte, daß sie mich zu Tode ärgerten!

Nun! Es ging auf diese Weise eine lange Weile fort, und es schien, als ob es noch eine längere Weile so fortgehen würde, als Miß Havisham eines Tages beim Spazierengehen, wobei sie sich mit der Hand auf meine Schulter stützte, still stand und mit einigem Mißfallen zu mir sagte:

»Du fängst an groß zu werden, Pip!«

Ich hielt es fürs Beste, durch einen nachdenklichen Blick anzudeuten, daß dies durch Umstände herbeigeführt werde, über die ich keine Macht habe.

Sie sagte das Mal weiter nichts; doch stand sie bald darauf abermals still und schaute mich an; und dann noch einmal, und dann wurde sie finster und nachdenklich. Am nächsten Tage, wo ich bei ihr und unser üblicher Spaziergang vorüber war, und ich sie an ihren Toilettetisch zurückgebracht hatte, hielt sie mich mit der ungeduldigen Bewegung ihrer Finger zurück und sagte:

»Sage mir noch ein Mal den Namen von Deinem Schmiede.«

»Joe Gargery, Madame.«

»Welcher der Meister ist, zu dem Du in die Lehre sollst?«

»Ja, Miß Havisham.«

»Es wird besser sein, Du gehst gleich in die Lehre. Glaubst Du, daß Gargery mit Dir herkommen und Deinen Contract mitbringen würde?«

Ich gab ihr zu verstehen, daß ich durchaus nicht bezweifle, Joe werde sichs zur besondern Ehre anrechnen, dazu aufgefordert zu werden.

»Dann laß ihn kommen.«

»Zu irgend einer bestimmten Zeit, Miß Havisham?«

»Da! Da! ich weiß nichts von Zeit. Laß ihn bald kommen, und zwar allein mit Dir.«

Als ich Abends heimkam und Joe diese Bestellung machte, wurde meine Schwester auf eine beunruhigendere Weise, als noch je zuvor, »klabasterig« (wie Joe sich ausdrückte). Sie fragte Joe und mich, ob wir glaubten, sie sei die Thürschwelle unter unseren Füßen, und wie wir uns unterstehen könnten, sie so zu behandeln und für welche Gesellschaft sie wohl noch gut genug sei?

Als sie die Flut solcher und ähnlicher Fragen erschöpft hatte, brach sie in lautes Schluchzen aus, warf Joe einen Leuchter an den Kopf, holte die Kehrichtschaufel hervor – was immer ein sehr schlimmes Zeichen war –, band ihre grobe Schürze vor und begann ein fürchterliches Reinmachen. Mit einem trocknen Reinmachen jedoch nicht zufrieden, ergriff sie einen Eimer und eine Scheuerbürste und scheuerte uns zum Hause hinaus, so daß wir frierend im Hinterhofe standen.

Es war zehn Uhr Abends, ehe wir wieder hineinzuschleichen wagten, und dann fragte sie Joe, warum er nicht lieber gleich eine Negersklavin geheirathet habe? Joe, der arme Kerl, gab hierauf keine Antwort, sondern stand da und spielte mit seinem Barte und schaute mich niedergeschlagen an, als ob er denke, dies wäre wirklich vielleicht eine bessere Speculation gewesen.

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