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Grosse Erwartungen. Zweiter Theil

Charles Dickens: Grosse Erwartungen. Zweiter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleGrosse Erwartungen. Zweiter Theil
publisherVerlagsbuchhandlung von J. J. Weber
editorbrucewelch
year1862
translatorMarie Scott
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20190705
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Neunzehntes Kapitel.
Der Abschied von Hause.

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Der helle Morgen bewirkte eine bedeutende Veränderung in meinen Lebensansichten und ließ sie so viel glänzender erscheinen, daß ich sie kaum als dieselben erkannte. Was mir am schwersten auf dem Gemüth lastete, war der Gedanke, daß noch sechs Tage bis zu meiner Abreise entweichen mußten, denn ich konnte mich der schlimmen Ahnung nicht entschlagen, daß sich inzwischen etwas mit London ereignen müsse: daß es, wenn ich dort anlangte, entweder sich sehr zu seinem Nachtheile verändert haben, oder gar ganz verschwunden sein würde.

Joe und Biddy waren sehr theilnehmend und liebevoll, als ich von der uns bevorstehenden Trennung sprach: aber sie erwähnten derselben nur dann, wenn ich es that. Nach dem Frühstück brachte Joe meinen Lehrcontract aus dem Schranke in der Staatsstube herbei, und wir steckten ihn ins Feuer; und jetzt fühlte ich, daß ich frei sei. Dann ging ich, mit dem neuen Gefühle meiner Emancipation im Herzen, mit Joe nach der Kirche, und dachte nach der Predigt, falls der Geistliche Alles gewußt, da hätte er wahrscheinlich nicht Das von dem reichen Manne und dem Himmelreiche vorgelesen.

Nach unserm frühen Mittagsmahle schlenderte ich allein hinaus in die Marschen, um meine Angelegenheiten mit ihnen gleich zu Ende zu bringen. Als ich an der Kirche vorbeikam, fühlte ich (was ich schon Morgens während des Gottesdienstes gefühlt) ein erhabenes Mitleid für die armen Wesen, die dazu bestimmt waren, ihr ganzes Leben hindurch einen Sonntag nach dem andern dort hin zu gehen und endlich in Obscurität unter einem dieser niedrigen kleinen grünen Hügel zu liegen. Ich versprach mir, eines Tages etwas für sie zu thun, und bildete mir im Umrisse einen Plan, nach welchem ich ein Festmahl für die Einwohner des Dorfes zu stiften beschloß, bestehend aus Roastbeef, Plumpudding, einem Kruge Bier und vier Quart Herablassung für Jeden.

Wenn ich schon früher mit einem Gefühle der Scham meiner Kameradschaft mit dem Flüchtlinge gedacht, den ich einst zwischen diesen Gräbern hatte umher humpeln sehen, was waren wohl da meine Gefühle an diesem Sonntage, als der Ort wieder die Erinnerung an den zerlumpten zitternden Wicht mit seinem Verbrechereisen und Schrunden erweckte! Mein einziger Trost war, daß es sich vor langer Zeit ereignet hatte, daß er ohne Zweifel weit weg deportirt worden, daß er für mich todt, oder vielleicht gar in Wirklichkeit bereits gestorben sei.

Für mich sollte es jetzt keine flachen, feuchten Marschen, keine Dämme und Schleusen, kein weidendes Vieh mehr geben – obgleich das letztere selbst auf seine dumme, unempfindliche Weise jetzt einen achtungsvollern Gesichtsausdruck zu haben und sich nach mir umzuwenden schien, als ob ihm daran gelegen sei, so lange wie möglich dem Besitzer solcher großen Erwartungen nachzustieren. – Lebt wohl, ihr einförmigen Bekanntschaften meiner Kindheit! Von jetzt an bin ich für London und für etwas Großes bestimmt und habe nichts mehr mit Schmiedearbeit und mit Euch zu thun! Ich ging frohlockend nach der alten Batterie, und schlief hier unter Grübeleien: ob wohl Miß Havisham mich für Estella bestimmt habe, ein.

Als ich erwachte, war ich sehr erstaunt, Joe seine Pfeife rauchend neben mir sitzen zu sehen. Er begrüßte mich, als ich die Augen öffnete, mit einem heitern Lächeln und sagte:

»Weil es das letzte Mal ist, Pip, dacht ich, ich wollt Dir nachgehen.«

»Und es freut mich sehr, daß Du es thatst, Joe.«

»Danke, Pip,« sagte Joe.

»Du kannst Dich darauf verlassen, lieber Joe,« sagte ich, nachdem wir einander die Hände gedrückt, »daß ich Dich niemals vergessen werde.«

»Ja, ja, Pip!« sagte Joe in ganz beruhigtem Tone, »das weiß ich ganz gewiß. Ja wohl, alter Junge! Es war bloß nöthig, daß man sich erst an den Gedanken gewöhnte, ehe man es glauben konnte. Aber es währte eine kleine Weile, ehe man sich dran gewöhnen konnte – es kam so furchtbar angeplumpt, wie?«

Es war mir gewissermaßen nicht so ganz recht, daß Joe meiner so außerordentlich sicher war. Ich hätte es lieber gesehen, wenn er etwas Gemüthsbewegung gezeigt, oder: das macht Dir Ehre, Pip, oder irgend etwas der Art gesagt hätte. Deshalb antwortete ich nichts auf Joes erste Bemerkung, und sagte in Bezug auf die zweite bloß: die Nachricht sei in der That sehr plötzlich gekommen, doch habe ich immer gewünscht, ein Gentleman zu werden, und oft mich in Grübeleien ergangen, was ich thun würde, falls ich einer wäre.

»Nein, wirklich?« sagte Joe. »Das ist erstaunlich!«

»Es ist eigentlich schade, Joe,« sagte ich, »daß Du, als wir unsere Stunden hier zusammen zu haben pflegten, nicht etwas bessere Fortschritte machtest; nicht wahr?«

»Je nun, das weiß ich nicht,« entgegnete Joe. »Ich lerne so furchtbar schwer. Ich bin bloß in meinem Handwerke recht zu Hause. Es war immer schade, daß ich so schrecklich schwer lernte; aber es ist jetzt nicht mehr schade als – wir wollen mal sagen, als es vor einem Jahre war – siehst Du?«

Ich hatte damit sagen wollen, daß, sobald ich mein Vermögen erhalten und im Stande sein würde, etwas für Joe zu thun, es viel angenehmer gewesen, falls er sich etwas besser für eine Standeserhöhung qualificirt hätte. Er war jedoch so weit entfernt zu errathen, was ich meinte, daß ich dachte, ich wolle es lieber Biddy auseinander setzen.

Demzufolge führte ich Biddy, als wir zu Hause angelangt waren, und Thee getrunken hatten, in unsern kleinen Garten, der an der Nebenstraße lag, und sagte ihr, nachdem ich ihr zur Aufrichtung ihres Gemüthes im Allgemeinen angedeutet hatte, daß ich sie nie vergessen werde, ich habe sie um eine Gefälligkeit zu bitten.

»Und dieselbe besteht darin, Biddy,« sagte ich, »daß Du keine Gelegenheit vorüber gehen lässest, Joe ein wenig vorwärts zu helfen.«

»Wie so, ihm vorwärts helfen?« fragte Biddy, mit einem etwas festen Blicke.

»Nun! Joe ist ein lieber, guter Kerl – ja, er ist der beste Kerl von der Welt – aber er ist in einigen Dingen etwas zurück. Zum Beispiel, Biddy, in dem was er gelernt hat, und in seinen Manieren.«

Obgleich ich, während ich sprach, Biddy anschaute, und obgleich sie, nachdem ich gesprochen, sehr große Augen machte, so sah sie mich doch nicht an.

»O, seine Manieren! Sind denn seine Manieren nicht gut genug?« frug Biddy, ein Johannisbeerenblatt pflückend.

»Meine liebe Biddy, sie sind für hier gut genug«

»O, sie sind für hier gut genug?« sagte Biddy, aufmerksam das Blatt in ihrer Hand betrachtend.

»Höre mich zu Ende – falls ich aber Joe in eine höhere Sphäre versetze, was ich zu thun hoffe, sobald ich in den freien Gebrauch meines Vermögens komme, so würden sie ihm kaum Gerechtigkeit angedeihen lassen.«

»Und glaubst Du nicht, daß er das weiß?« fragte Biddy.

Es war dies eine so ärgerliche Frage (denn sie war mir nie im entferntesten in den Sinn gekommen), daß ich auffuhr und sagte: »Biddy, was willst Du damit sagen?«

Biddy, welche das Blatt zwischen den Händen zerrieben hatte, – und der Duft eines Johannisbeerenbusches hat mich seitdem stets an jenen Abend in dem kleinen Garten an der Dorfstraße erinnert – sagte: »ist es Dir nie eingefallen, daß er vielleicht stolz sein mag?«

»Stolz?« wiederholte ich mit verachtendem Nachdrucke.

»O, es giebt viele verschiedenen Arten von Stolz,« sagte Biddy, mir gerade ins Gesicht blickend und den Kopf schüttelnd; »der Stolz ist nicht bloß von einer Sorte – –«

»Nun? weshalb fährst Du nicht fort?« sagte ich.

»Nicht bloß von einer Sorte,« fuhr Biddy fort. »Er mag vielleicht zu stolz sein, um sich von irgend Jemand aus einer Stellung herausnehmen zu lassen, für die er paßt und in der er Achtung genießt. Um Dir die Wahrheit zu gestehen, so glaube ich, daß er es ist; obgleich es sehr dreist von mir klingt, dies zu sagen, denn Du mußt es ja so viel besser wissen, als ich.«

»Biddy,« sagte ich, »es thut mir wirklich sehr leid, dies Gefühl bei Dir wahrzunehmen. Ich habe es nicht von Dir erwartet. Du bist neidisch, Biddy und gönnst mirs nicht. Du bist unzufrieden darüber, daß ich ein Vermögen erlangen soll, und kannst Dich nicht enthalten, es zu zeigen.«

»Wenn Du das Herz hast, das zu glauben,« sagte Biddy, »so sage es. Sage es aber und abermals, wenn Du das Herz hast, es zu glauben,«

»Wenn Du das Herz hast, so zu sein, Biddy, meinst Du wohl,« sagte ich in tugendhaftem, überlegenem Tone. »Wälze es nicht auf mich. Es betrübt mich sehr, dies zu sehen, und es ist – es ist eine böse Seite in der menschlichen Natur. Ich beabsichtigte Dich zu bitten, jede kleine Gelegenheit, die sich Dir bieten würde, zu benutzen, um dem lieben Joe vorwärts zu helfen. Jetzt aber bitte ich Dich um gar nichts. Es betrübt mich sehr, dieses Gefühl in Dir wahrzunehmen, Biddy,« wiederholte ich, »es ist eine böse Seite in der menschlichen Natur.«

»Du magst mich schelten oder loben,« entgegnete die arme Biddy, »jedenfalls kannst Du Dich mit Bestimmtheit darauf verlassen, daß ich hier jederzeit Alles thun werde, was in meiner Macht liegt. Und welche Meinung Du auch von mir mit Dir fortnehmen magst, sie wird in meinem Gedenken Deiner keinen Unterschied machen. Und dennoch sollte ein Gentleman auch nicht ungerecht sein,« sagte Biddy, den Kopf abwendend.

Ich wiederholte es nochmals mit Wärme, »daß es eine böse Seite in der menschlichen Natur sei« (und ich habe später Gelegenheit gehabt, zu finden, daß ich hierin Recht hatte, wie unanwendbar es auch auf Biddy sein mochte), und lenkte dann, während Biddy ins Haus hineinging, in den kleinen Pfad ein und zum Gartenpförtchen hinaus, um niedergeschlagen bis zur Nachtessenszeit umher zu wandern; wobei es mir abermals sehr traurig und seltsam schien, daß dieser zweite Abend meiner glänzenden Aussichten ebenso einsam und unbefriedigend war, wie der erste.

Aber der Morgen erhellte sie wiederum, und ich war gnädig gegen Biddy, und wir ließen den Gegenstand fallen. Nachdem ich meinen besten Anzug angethan, ging ich so früh, wie ich die Kaufläden offen zu finden hoffen durfte, in die Stadt, und begab mich zu Mr. Trabb, dem Schneider, welcher in dem kleinen Wohnstübchen hinter seinem Laden beim Frühstück war und es nicht der Mühe werth hielt, zu mir heraus zu kommen, sondern mich zu sich hereinrief.

»Nun!« sagte Mr. Trabb in kameradschaftlichem Tone; »wie gehts Ihnen, und was kann ich für Sie thun?«

Mr. Trabb hatte sich seine warme Semmel zu drei Federkissen zurecht geschnitten und war im Begriff, jedes derselben einzeln mit Butter zu bestreichen und sie dann zusammenzupacken. Er war ein wohlbehäbiger alter Junggeselle und sah durch sein offenes Fenster in einen wohl gehaltenen kleinen Blumen- und Obstgarten hinaus, und an der Seite seines Kamins war eine wohlhabend aussehende eiserne Geldcasse in die Wand eingelassen, und ich bezweifelte nicht, daß sich sein Wohlstand in vielen Beuteln darin angehäuft befinde.

»Mr. Trabb.« sagte ich, »es ist sehr unangenehm, es erwähnen zu müssen, weil es wie Prahlerei aussieht; aber ich habe ein hübsches Vermögen angetreten.«

Diese Worte brachten augenblicklich eine Veränderung in Mr. Trabb hervor. Er vergaß die Butter auf dem einen Federkissen, erhob sich und wischte seine Finger an dem Taschentuche ab, indem er ausrief:

»Herr, Du meine Güte!«

»Ich werde nächster Tage zu meinem Vormunde nach London reisen,« sagte ich, »indem ich wie spielend ein paar Guineen aus der Tasche nahm und sie ansah, »und brauche einen feinen Anzug zu der Reise. Ich beabsichtige,« fügte ich hinzu, da ich befürchtete, daß er sonst nur thun möge, als wolle er ihn machen, »ich beabsichtige, baar dafür zu bezahlen.«

»Mein lieber Herr,« sagte Mr. Trabb indem er achtungsvoll den Körper beugte, die Arme öffnete, und sich die Freiheit nahm, mich an der Außenseite der beiden Ellnbogen zu berühren; »verletzen Sie mich nicht, indem Sie etwas davon erwähnen. Darf ich wagen, Ihnen Glück zu wünschen? Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, in den Laden zu treten?«

Mr. Trabbs Lehrling aber war der nichtsnutzigste Junge in der ganzen Umgegend. Bei meinem Eintritt war er im Begriff gewesen, den Laden zu kehren, und er hatte sich seine Arbeit dadurch zu versüßen gesucht, daß er über mich hinwegkehrte. Er war noch bei derselben Beschäftigung, als Mr. Trabb und ich in den Laden hinauskamen, und stieß mit seinem Besen gegen alle möglichen Ecken und Gegenstände, um (wie es mir schien) dadurch auszudrücken, daß er sich jedem Schmiede, ob derselbe todt oder lebendig, vollkommen gleichstelle.

»Laß das Gepolter,« sagte Mr. Trabb mit großer Strenge, »oder ich gebe Dir Eines an den Kopf, daß er wackelt! Bitte nehmen Sie Platz, Sir. Hier, zum Beispiel,« sagte Mr. Trabb, ein Stück Tuch herunternehmend und dasselbe über den Ladentisch auseinanderrollend, als Vorbereitung, ehe er seine Hand darunter thun würde, um den Glanz zu zeigen, »ist ein ganz superber Stoff. Ich kann Ihnen denselben ganz besonders empfehlen, weil er wirklich so ganz außergewöhnlich gut ist. Aber Sie sollen noch andere sehen. Gieb mir Numero Vier herunter, Du da!« sagte er zu dem Lehrlinge, und zwar mit furchtbarer Strenge, denn er ahnte die Gefahr, daß dieser Nichtswürdige mich damit anstoßen oder irgend eine sonstige Familiarität begehen würde.

Mr. Trabb verwandte sein strenges Auge keine Secunde von dem Burschen, bis derselbe Numero Vier auf den Ladentisch gelegt und sich wieder in sichere Entfernung zurückgezogen hatte. Dann befahl er ihm, Numero Fünf und Numero Acht zu bringen.

»Und daß Du mir keine von Deinen dummen Streichen machst, oder Du sollst es bereuen, so lange Du lebst.«

Dann beugte sich Mr. Trabb über Numero Vier, und empfahl mir den Stoff mit einer Art ehrerbietiger Vertraulichkeit, als eine höchst angenehme leichte Sommertracht, als einen Stoff, der sehr unter dem Adel und den vornehmen Ständen en vogue sei, und den einem ausgezeichneten Mitbürger empfohlen zu haben (falls ich ihm erlaube, mich einen Mitbürger zu nennen), er sich stets zur besondern Ehre anrechnen werde. »Wirst Du endlich Numero Fünf und Numero Acht bringen, Du Vagabund, Du?« sagte Mr. Trabb darauf zu dem Burschen, »oder soll ich Dich zum Laden hinauswerfen und sie selber holen?«

Ich wählte mir mit dem Beistande von Mr. Trabbs Urtheile einen Stoff zu einem vollständigen Anzuge, und kehrte dann mit ihm in sein Wohnstübchen zurück, damit er mein Maß nehme. Denn obgleich Mr. Trabb dasselbe bereits besaß und bisher ganz zufrieden damit gewesen war, so sagte er doch in entschuldigendem Tone:

»Es würde nicht mehr gehen unter den jetzigen Verhältnissen, Sir, würde durchaus nicht mehr gehen.«

Demzufolge stellte Mr. Trabb in dem Wohnstübchen Messungen und Berechnungen über meine Person an, wie wenn ich ein Landgut und er der gewissenhafteste Feldmesser von der Welt gewesen wäre, und gab sich eine solche unmenschliche Mühe, daß ich fühlte, daß kein Anzug in der Welt ihn je hinlänglich dafür belohnen könne. Als er endlich fertig war und versprochen hatte, die Sachen am Donnerstag Abend zu Mr. Pumblechook zu schicken, sagte er, mit der Hand auf der Thürklinke:

»Ich weiß sehr wohl, Sir, daß es von Herren in London im Allgemeinen nicht zu verlangen ist, daß sie bei Handwerkern in der Provinz arbeiten lassen. Wenn Sie mir aber hin und wieder einmal, als einem ehemaligen Mitbürger, Beschäftigung geben wollten, so würde ich mirs zur großen Ehre anrechnen. Guten Morgen, Sir; sehr verbunden. – Die Thür!«

Dieses letzte Wort wurde dem Burschen zugeschleudert, der nicht die Ahnung hatte, was es zu bedeuten haben könne. Aber ich sah ihn in sich zusammensinken, als sein Herr mich händereibend hinaus geleitete, und meine erste entschiedene Erfahrung von der ungeheuren Macht des Geldes war die, daß sie Trabbs Burschen, moralisch gesprochen, auf den Rücken gelegt hatte.

Nach diesem denkwürdigen Ereignisse ging ich zunächst zum Hutmacher, zum Schuhmacher und zum Strumpfwirker, und kam mir ungefähr wie Mutter Hubbards Hund vor, dessen Ausstattung die Dienste so vieler verschiedener Handwerke erforderte. Auch nach dem Postkutschenbureau ging ich und ließ mich für die Kutsche einschreiben, welche nächsten Sonnabend Morgen um sieben Uhr abfuhr.

Es war nicht nothwendig, daß ich überall erklärte, ich sei in den Besitz eines großen Vermögens gekommen, aber jedes Mal, wenn ich etwas darüber fallen ließ, war die Folge, daß der betreffende Handwerker aufhörte, seine Aufmerksamkeit durch zerstreutes Hinausschauen durchs Fenster auf die Hauptstraße abzulenken, und statt dessen dieselbe sofort auf mich concentrirte. Als ich Alles bestellt hatte, dessen ich bedurfte, wandte ich meine Schritte Pumblechooks Hause zu, und indem ich mich dem Geschäftslocale dieses Herrn näherte, sah ich ihn vor der Hausthür stehen.

Er erwartete mich mit großer Ungeduld. Er war früh Morgens schon mit seinem zweiräderigen Wagen ausgefahren und hatte bei der Schmiede vorgesprochen, wo man ihm die Neuigkeit erzählte. Er hatte in dem Zimmer, wo wir die Tragödie von George Barnwell gehört, einen Imbiß für mich hergerichtet, und auch er befahl seinem Ladengehülfen »aus dem Wege zu gehen«, als meine heilige Person hereinkam.

»Mein werthester Freund,« sagte Mr. Pumblechook, indem er meine beiden Hände faßte, als er und ich und die Erfrischungen allein waren. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu Ihrem Vermögen. Es ist wohl verdient! Wohl verdient!«

Dies hieß zur Sache kommen, und es schien mir, daß er sich sehr verständig ausdrückte.

»Wenn ich bedenke,« sagte Mr. Pumblechook, nachdem er mich ein paar Minuten lang bewunderungsvoll angeschaut hatte, »daß ich das bescheidene Werkzeug war, das dies herbeigeführt, so fühle ich mich hoch belohnt.«

Ich bat Mr. Pumblechook, nicht zu vergessen, daß über diesen Punkt nie etwas gesagt, oder angedeutet werden dürfe.

»Mein werther junger Freund,« sagte Mr. Pumblechook, »wenn Sie mirs erlauben wollen, Sie so zu nennen …«

Ich murmelte: »O gewiß!« und Mr. Pumblechook ergriff abermals meine beiden Hände und verlieh seiner Weste eine Bewegung, welche das Aussehen einer Gemüthsbewegung hatte, nur war sie ein wenig zu tief nach unten.

»Mein werther junger Freund, verlassen Sie sich darauf, daß ich in Ihrer Abwesenheit Alles thun werde, was in meinen geringen Kräften liegt, um Joseph dies nicht aus dem Auge verlieren zu lassen, Joseph!« sagte Mr. Pumblechook in mitleidig beschwörendem Tone. »Joseph! Joseph!« Darauf schüttelte er den Kopf und klopfte daran, um anzudeuten, daß er wohl wisse, wie sich hier bei Joseph ein großer Mangel fühlbar mache.

»Aber mein werther junger Freund,« sagte Mr. Pumblechook, »Sie müssen hungrig, Sie müssen müde sein. Nehmen Sie doch Platz. Hier ist ein junges Huhn, das ich aus dem ›Blauen Eber‹ habe holen lassen, und hier ist eine Zunge aus dem ›Blauen Eber‹ und hier ein paar Kleinigkeiten, die Sie, wie ich hoffe, nicht verschmähen werden. Aber,« sagte Mr. Pumblechook, indem er einen Augenblick, nachdem er sich gesetzt hatte, wieder aufstand, »sehe ich wirklich Den vor mir, mit dem ich in den glücklichen Tagen der Kindheit spielte? Und darf ich – darf ich …?

Dieses »darf ich« sollte heißen, ob er mir die Hände drücken dürfe? Ich willigte ein, und er drückte sie mit Inbrunst und setzte sich dann nieder.

»Hier ist Wein,« sagte Mr. Pumblechook. »Lassen Sie uns zum Danke auf das Wohl der Fortuna trinken, und möge sie sich ihre Lieblinge stets mit gleichem guten Urtheile erlesen! Und doch kann ich nicht,« sagte Mr. Pumblechook sich abermals erhebend, »Denjenigen vor mir sehen – und zugleich auf sein Wohl trinken – ohne nochmals meine – Darf ich – darf ich …?

Ich sagte, er dürfe, worauf er mir nochmals die Hände drückte, sein Glas leerte und dann dasselbe oberst zu unterst kehrte. Ich that desgleichen: und falls ich vor dem Trinken mich selbst oberst zu unterst gekehrt hätte, so würde der Wein mir dadurch kaum wirksamer zu Kopfe haben steigen können, als es jetzt der Fall war.

Mr. Pumblechook legte mir das Bruststück mit der Leber vor, sowie das beste Stück von der Zunge, und ließ sich selbst vergleichsweise unversehen. »Ach! mein Hühnchen! mein Hühnchen! Du hast Dir gewiß nicht träumen lassen,« sagte Mr. Pumblechook, das Huhn auf der Schüssel anredend, »als Du ein kleines Küchlein warst, was Dir bevorstand. Du hast Dir gewiß nicht träumen lassen, daß Du einst unter diesem bescheidenen Dache Demjenigen zur Erfrischung dienen solltest,« sagte Mr. Pumblechook, sich abermals erbebend, – »aber darf ich? Darf ich?«

Es fing an, unnöthig zu werden, die Form zu beobachten, indem ich ihm sagte: Er dürfe, deshalb that er es sofort. Wie es ihm aber möglich war, es so oft zu wiederholen, ohne sich dabei tödtlich mit meinem Messer zu verwunden, ist mir unbegreiflich.

»Und Ihre Schwester,« begann er wieder, nachdem er eine kleine Weile ungestört gespeist, »welche die Ehre hatte, Sie durch die Hand aufzuziehen! Es ist ein trauriges Bild, wenn man bedenkt, daß sie nicht länger im Stande ist, die volle Bedeutung dieser Ehre zu verstehen. Darf …«

Ich sah, daß er im Begriff sei, wieder auf mich loszukommen, und unterbrach ihn deshalb.

»Wir wollen auf ihre Genesung trinken,« sagte ich.

»Ach!« sagte Mr. Pumblechook, indem er sich in seinem Stuhle zurücklehnte, und vor Bewunderung förmlich zusammensank, »das ists, woran man die Leute erkennt, Sir! (Ich weiß nicht, wer Sir war; jedenfalls aber war ich es nicht, und außer mir war Niemand weiter im Zimmer); das ists woran man die Edelgesinnten erkennt, Sir! Stets vergebend und leutselig. Einem gewöhnlichen Menschen,« sagte der kriecherische Pumblechook, indem er sein unberührtes Glas wieder niedersetzte und sich nochmals erhob, »dürfte es vielleicht als eine Wiederholung erscheinen – aber darf ich –?«

Als er damit fertig, setzte er sich wieder und trank auf das Wohl meiner Schwester. »Und mögen wir niemals blind sein,« sagte Mr. Pumblechook, »gegen die Fehler ihres Temperaments, und hoffen, daß sie es gut gemeint hat.«

Hier ungefähr war es, wo ich bemerkte, daß er roth im Gesichte zu werden anfing; was mich betraf, so war mirs zu Muthe, als sei ich nichts weiter als ein in Wein gesättigtes, brennendes Gesicht.

Ich sagte zu Pumblechook, ich wünschte, meine Kleider nach seinem Hause schicken zu lassen, und er war in Ekstase über die Auszeichnung, die dies für ihn sein würde. Ich gab ihm als Grund dafür meinen Wunsch an, nicht die Aufmerksamkeit des Dorfes auf mich zu ziehen, und er erhob mich in den Himmel. Er gab mir zu verstehen, daß außer ihm Niemand meines Vertrauens würdig, und – kurz, dürfe er? Dann fragte er mich voll Zärtlichkeit, ob ich mich wohl unserer kindlichen Spiele in der Rechenkunst entsinne, und des Tages, wo wir zusammen nach dem Rathhause gingen, um meinen Lehrlingscontract zu schließen, kurz, wie er von jeher mein Liebling und mein Busenfreund gewesen? Doch wenn ich auch noch zehn Mal so viele Gläser Wein getrunken gehabt, als es der Fall war, würde ich stets noch gewußt haben, daß er nie in solcher Verbindung mit mir gestanden, und würde den Gedanken im Innersten meines Herzens zurückgewiesen haben. Alles dessen ungeachtet aber, entsinne ich mich überzeugt gewesen zu sein, daß ich ihn früher ganz falsch beurtheilt hätte, und daß er ein vernünftiger, praktischer, gutmüthiger, prächtiger Kerl sei.

Nach und nach begann er so großes Zutrauen in mich zu setzen, daß er mich über seine eigenen Geschäftsangelegenheiten zu Rathe zog. Er erwähnte, daß sich eine Gelegenheit zu einem Monopol und einer großen Verzweigung des Korn- und Samenhandels in seinem Etablissement darböte, falls dasselbe vergrößert würde, und zwar, wie sie sich noch nie vorher, weder in dieser noch irgend einer andern Gegend geboten. Er sei der Ansicht, daß ihm zum Erwerben eines glänzenden Vermögens nichts weiter fehle, als etwas mehr Capital. Das waren die beiden kleinen Worte, mehr Capital. Nun sei er (Pumblechook) der Ansicht, daß, falls ein Associé, Sir, der mit dem Geschäft weiter nichts zu thun haben würde, als wenn es ihm gefiel einmal zu kommen, entweder selbst oder durch einen Stellvertreter, um die Bücher zu controliren, und zwei Mal des Jahres zu kommen, um sich seinen fünfzigprocentigen Profit abzuholen, – falls ein Solcher Capital in dem Geschäft anlege, so sei er der Ansicht, daß dies eine Gelegenheit sei für einen jungen Herrn von Unternehmungsgeist und Vermögen, die wohl seiner Beachtung werth sei. Aber wie denke ich darüber? Er habe großes Zutrauen zu meinem Urtheile, und wie denke ich darüber? Ich gab ihm meine Ansicht indem ich sagte: »Abwarten!« Die Großartigkeit und Klarheit dieser Ansicht frappirte ihn in dem Grade, daß er nicht mehr fragte, ob er mir die Hände drücken dürfe, sondern sagte, er müsse es thun, und es dann that.

Wir tranken all den vorhandenen Wein, und Mr. Pumblechook verpflichtete sich wiederholt, daß er Joseph in Ordnung halten (ich weiß nicht, auf welche Weise) und mir fortwährende und wirksame Dienste (ich weiß nicht, welche Art von Diensten) leisten werde. Auch erfuhr ich zum ersten Male in meinem Leben, und nachdem er wirklich sein Geheimniß wunderbar gut bewahrt hatte, daß er stets von mir gesagt: »Dieser Knabe ist kein gewöhnlicher Knabe, und, denkt an meine Worte, sein Lebensglück wird kein gewöhnliches sein.« Er sagte mit einem thränengetrübten Lächeln, es sei seltsam, wenn man jetzt daran denke, und ich sagte dasselbe. Endlich ging ich in die Luft hinaus, und hatte ein undeutliches Gefühl, als ob in dem Benehmen des Sonnenscheines etwas Ungewohntes sei, und fand, daß ich auf schläfrige Weise bis ans Chausseehaus gekommen war, ohne den Weg bemerkt zu haben, den ich zurückgelegt hatte.

Hier kam ich zu mir, indem ich Mr. Pumblechook hinter mir herrufen hörte. Er war weit hinter mir auf der sonnenhellen Straße, und machte mir ausdrucksvolle Zeichen, auf ihn zu warten. Ich wartete, und er kam endlich athemlos zu mir heran.

»Nein, mein lieber Freund,« sagte er, als er hinlänglich z»Athem gekommen war, um zu sprechen; »nicht wenn ichs verhindern kann. Diese Gelegenheit soll nicht ohne ein solches Zeichen der Herablassung von Ihrer Seite vorüber gehen. – Darf ich, als alter Freund und Gönner? Darf ich?«

Wir drückten, einander wenigstens zum hundertsten Male die Hände, und er befahl einem jungen Fuhrmanne mit der tiefsten Entrüstung, mir aus dem Wege zu fahren. Dann segnete er mich und grüßte mit der Hand, bis ich um eine Biegung im Wege kam; und hier ging ich in ein Feld hinein und hielt unter einer Hecke einen langen Schlaf, ehe ich meinen Weg heimwärts fortsetzte.

Ich hatte nur spärliches Gepäck mit mir nach London zu nehmen, denn von dem Wenigen, was ich besaß, war nur wenig für meine neue Stellung geeignet. Aber ich fing schon an diesem selben Nachmittage an zu packen, und packte wahnsinniger Weise Dinge ein, von denen ich wußte, daß ich sie am folgenden Morgen gebrauchen werde, in der fixen Idee, daß ich keine Minute zu verlieren habe.

So vergingen Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, und am Freitag Morgen ging ich zu Mr. Pumblechook, um meine neuen Kleider anzulegen, und Miß Havisham meinen Besuch zu machen. Man führte mich in Mr. Pumblechooks eigenes Zimmer, um mich anzukleiden, und dasselbe war ausdrücklich für dieses Ereigniß mit reinen Handtüchern decorirt. Ich war in meinen Kleidern natürlich etwas enttäuscht. Ich glaube, daß kein einziges neues, sehnlichst erwartetes Kleidungsstück, das je angezogen wurde, seitdem es überhaupt Mode ist, Kleider zu tragen, vollkommen den Erwartungen seines Empfängers entsprach. Nachdem ich meinen neuen Anzug jedoch ungefähr eine halbe Stunde angehabt und vor Mr. Pumblechooks außerordentlich beschränktem Spiegel eine Unmasse von Stellungen versucht hatte, in dem vergeblichen Wunsche, meine Beine zu sehen, schien er mir etwas besser zu passen. Da es heute in einer etwa zehn Meilen entlegenen Nachbarstadt Markttag war, befand sich Mr. Pumblechook nicht zu Hause. Ich hatte ihm nicht genau gesagt, wann ich abzureisen gedenke, und es war daher nicht wahrscheinlich, daß er mir vorher noch einmal die Hand drücken werde. Dies war Alles, wie ich es mir nur wünschen konnte, und ich ging in meinem neuen Schmucke aus, wobei ich mich furchtbar schämte, bei dem Schneider vorbeizugehen, und trotz Allem einen Argwohn hegte, daß ich mich zu meinem Nachtheile ausnehme, etwa wie Joe in seinen Sonntagskleidern.

Ich machte mir einen großen Umweg, indem ich durch alle Nebenstraßen nach Miß Havishams Hause ging, und hier schellte ich, wegen der langen steifen Finger meiner Handschuhe, auf sehr gezwungene Weise. Sarah Pocket kam ans Thor und taumelte förmlich zurück, als sie mich so verändert sah; und ihr Wallnußschalen-Antlitz ging vom Braun ins Grüne und Gelbe über.

»Du?!« sagte sie. »Du meine Güte! Was willst Du?«

»Ich reise nach London, Miß Pocket,« sagte ich, »und wünsche Miß Havisham Lebewohl zu sagen.«

Man hatte mich nicht erwartet, denn sie ließ mich im Hofe eingeschlossen stehen, während sie ging, um zu fragen, ob sie mich einlassen solle. Nach sehr kurzem Verzuge kam sie zurück und führte mich hinauf, wobei sie mich fortwährend anstierte.

Miß Havisham ging in dem Zimmer, wo der lange gedeckte Tisch stand, auf ihre Krücke gestützt, spazieren. Das Zimmer war erleuchtet, wie es früher zu sein pflegte, und bei dem Geräusche unseres Eintretens stand sie still und wandte sich um. Sie stand gerade vor dem verrotteten Hochzeitskuchen.

»Geh nicht fort, Sarah,« sagte sie. »Nun, Pip?«

»Ich reise morgen ab nach London, Miß Havisham« – ich nahm mich sehr mit meinen Worten in Acht – »und ich dachte, Sie würden vielleicht so gut sein, es mir nicht übel zu nehmen, wenn ich käme, um Ihnen Lebewohl zu sagen.«

»Und wie schön geputzt, Pip!« sagte sie, ihren Krückenstock um mich herumschwingend, als ob sie, die Feenpathin, die mich so verändert, mich jetzt mit dem letzten Geschenke begabe.

»Es ist mir solches Glück widerfahren, seit ich Sie zuletzt gesehen habe, Miß Havisham,« murmelte ich. »Und ich bin so dankbar dafür, Miß Havisham!«

»Ja wohl, ja wohl!« sagte sie, die verdutzte, neidische Sarah mit offenbarem Frohlocken anblickend. »Ich habe Mr. Jaggers gesehen. Ich habe davon gehört, Pip. Also morgen reisest Du?«

»Ja, Miß Havisham.«

»Und Du bist von einer reichen Person adoptirt worden?«

»Ja, Miß Havisham.«

»Die sich nicht genannt hat?«

»Nein, Miß Havisham.«

»Und Mr. Jaggers ist Dein Vormund?«

»Ja, Miß Havisham,«

Sie schwelgte förmlich in diesen Fragen und Antworten, so tief war ihre Freude an Sarah Pockets verblüfftem Neide.

»Nun,« fuhr sie fort, »Du hast eine vielversprechende Laufbahn vor Dir. Sei gut – verdiene sie – und befolge Mr. Jaggers Weisungen.« Sie sah mich an und dann Sarah Pocket, und Sarahs Mienenspiel zwang ihrem lauernden Gesicht ein grausames Lächeln ab. »Lebewohl, Pip! – Du wirst stets den Namen Pip beibehalten!«

»Ja, Miß Havisham.«

»Lebe wohl, Pip!«

Sie streckte ihre Hand aus und ich kniete vor ihr nieder, um dieselbe an meine Lippen zu drücken. Ich hatte mir nicht vorher überlegt, auf welche Weise ich Abschied von ihr nehmen solle; und es war mir in dem Augenblicke am natürlichsten, es auf diese Weise zu thun. Sie blickte Sarah Pocket mit ihren gespenstischen Augen triumphirend an, und so verließ ich meine Feenpathin, indem sie mit beiden Händen auf ihre Krücke gestützt, mitten in dem matterleuchteten Zimmer neben dem verrotteten Hochzeitskuchen stand, welcher unter den Spinneweben verborgen war.

Sarah Pocket führte mich hinunter, wie wenn ich ein Gespenst gewesen wäre, das man hinausbegleiten müsse. Sie konnte sich durchaus nicht über mein Aussehen erholen, und war ganz und gar vernichtet. Ich sagte: »Leben Sie wohl, Miß Pocket«; aber sie konnte nichts thun, als mich anstieren, und schien noch nicht gefaßt genug, um zu wissen, daß ich gesprochen hatte. Sobald ich das Haus verlassen, eilte ich schnell nach Mr. Pumblechooks Hause zurück, legte meine neuen Kleider ab, packte sie in ein Bündel zusammen, und ging in meinen älteren Kleidern nach Hause – welche ich, die Wahrheit zu gestehen, mit viel größerer Bequemlichkeit trug, ungeachtet des Bündels, das ich noch außerdem zu tragen hatte.

Und jetzt waren diese sechs Tage, die mir, wie ich erwartet hatte, so langsam vergehen sollten, sehr schnell vergangen und zu Ende; und der morgende Tag sah mir fester ins Gesicht, als ich ihm entgegenzusehen vermochte. Da die sechs Abende zu fünfen, vieren, dreien, zu zweien zusammenschmolzen, hatte ich Joes und Biddys Gesellschaft immer mehr und mehr schätzen gelernt. An diesem letzten Abende schmückte ich mich, ihnen zu Gefallen, mit meinen neuen Kleidern, und blieb in meinem Glanze sitzen, bis es Schlafenszeit war. Wir feierten die Gelegenheit durch ein warmes Nachtessen, geziert durch den unvermeidlichen Kapaunenbraten, und schlossen dann mit Eierpunsch. Wir waren Alle sehr traurig und um nichts vergnügter, weil wir thaten, als ob wir vergnügt seien.

Ich sollte um fünf Uhr Morgens unser kleines Dorf verlassen, indem ich meinen kleinen Handnachtsack selber trüge, und ich hatte Joe gesagt, ich wünsche ganz allein fortzugehen. Ich fürchte – ich fürchte sehr – dieser Wunsch war aus dem Bewußtsein entstanden, daß, falls wir zusammen nach der Postkutsche gingen, der Contrast zwischen Joe und mir zu auffallend sein würde. Ich hatte mir selbst vorgeheuchelt, daß nichts der Art dieses Arrangement beflecke; doch als ich an diesem letzten Abende in meine kleine Kammer hinaufging, fühlte ich mich zu dem Geständniß genöthigt, daß dem doch wohl so sein möge, und hatte einen eigenthümlichen Drang, wieder hinunter zu gehen und Joe zu bitten, mich nächsten Morgen dennoch zu begleiten. Aber ich that es nicht.

Die ganze Nacht hindurch sah ich Postkutschen in meinem unruhigen Schlafe, welche anstatt nach London nach ganz verkehrten Orten fuhren, und bald von Hunden, bald von Katzen, bald von Schweinen, bald von Menschen – niemals aber von Pferden gezogen wurden. Solche phantastische, mißglückte Reisen beschäftigten mich, bis der Tag graute und die Vögel zu singen anfingen. Dann stand ich auf und kleidete mich theilweise an, und setzte mich ans Fenster, um noch einen letzten Blick hinauszuwerfen, und während ich dasaß, schlief ich wieder ein.

Biddy war so früh auf, um mein Frühstück zuzubereiten, daß ich, obgleich ich keine Stunde geschlafen, bei dem Geruche des Rauches von dem Küchenfeuer, mit dem fürchterlichen Gedanken in die Höhe fuhr, es müsse spät am Nachmittage sein. Aber lange nachher, und lange nachdem ich unten das Klappern mit den Theetassen gehört und völlig angekleidet war, konnte ich mich nicht entschließen, hinunter zu gehen. Ich blieb endlich so lange oben, indem ich mich wiederholt dadurch zu betrügen versuchte, daß ich meinen kleinen Nachtsack aufschloß und aufschnallte, und dann wieder zuschloß und zuschnallte, bis Biddy mir zurief, daß es bereits spät sei.

Es war ein eiliges Frühstück, das nach nichts schmeckte. Ich stand von dem Mahle auf, indem ich mit einer Art von Munterkeit sagte, als ob mir dies so eben erst eingefallen: »Nun! ich muß mich wohl auf den Weg machen!« Darauf küßte ich meine Schwester, die in ihrem Armstuhle lachte und nickte und zitterte, und dann Biddy, und schlang dann meine Arme um Joes Nacken. Dann nahm ich meinen kleinen Nachtsack auf und ging hinaus. Das Letzte, was ich von ihnen sah, war, als ich mich auf ein Geräusch hinter mir umdrehte, daß Joe und Biddy mir Beide einen alten Schuh nachwarfen. Ich stand still, um meinen Hut zu schwenken, und der liebe alte Joe schwenkte seinen starken rechten Arm über seinem Kopfe und rief mit heiserer Stimme: »Hurrah!« und Biddy bedeckte ihr Gesicht mit ihrer Schürze.

Ich ging mit raschen Schritten davon, indem ich dachte, es sei doch leichter, als ich vermuthet hatte, und wie es nimmer angegangen sein würde, falls man mir bei der Postkutsche, Angesichts der ganzen Hauptstraße, einen alten Schuh nachgeworfen hätte. Ich pfiff und machte mir nichts aus dem Gehen. Aber das Dorf lag so sehr friedlich und stille da, und die leichten Nebel erhoben sich so feierlich, wie um mir die Welt zu zeigen, und ich war hier so unschuldig und so klein gewesen, und draußen war Alles so unbekannt und groß, daß ganz plötzlich die Brust mir wogte und ich in Thränen ausbrach. Ich war eben beim Wegweiser am Ende des Dorfes, und legte meine Hand darauf und sagte: »Lebewohl, mein lieber, lieber Freund!«

Gott weiß, wir sollten uns niemals schämen, Thränen zu vergießen, denn sie sind die Regentropfen, welche auf den blindmachenden Staub der Erde fallen, der auf unseren harten Herzen lagert. Ich fühlte mich besser, nachdem ich geweint hatte, betrübter, mir mehr meiner Undankbarkeit bewußt, überhaupt sanfter. Hätte ich schon früher geweint, so wäre jetzt Joe bei mir gewesen.

Ich war durch diese Thränen und dadurch, daß sie im Verlaufe meines ruhigen Dahinwanderns zu wiederholten Malen wieder strömten, so viel weicher geworden, daß ich, als ich auf der Kutsche saß und dieselbe die Stadt verlassen, mit wehem Herzen überlegte, ob ich nicht, wenn wir die Pferde wechseln würden, absteigen, zurückgehen und noch einen Abend zu Hause zubringen und ein besseres Scheiden haben solle. Wir wechselten die Pferde, und ich war noch zu keinem Entschlusse gekommen; doch sagte ich mir zu meiner Beruhigung, daß ich auch noch beim nächsten Pferdewechseln absteigen und zurückgehen könne. Und während ich mit diesen Grübeleien beschäftigt war, bildete ich mir ein, daß ich in einem Manne, der des Weges dahergegangen kam, eine genaue Aehnlichkeit mit Joe wahrnähme, und dies machte mir das Herz klopfen. Als ob es möglich gewesen wäre, daß er hätte dort sein können!

Wir wechselten wieder die Pferde, und immer wieder, und es war jetzt zu spät und zu weit, um zurückzugehen, und so sich, ich denn weiter. Und die Nebel hatten sich jetzt alle feierlich erhoben und die Welt lag vor mir.

Dies ist das Ende des ersten Stadiums in Pips Erwartungen.

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