Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph August Lux >

Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171117
projectida17e57cd
Schließen

Navigation:

VI.

»Das Leben war halt wunderschön, wenn man nöt ins Bureau müßt.« Mit diesem Stoßseufzer betrat der Herr Konzeptspraktikant die kahlen Amtsräume. Mit einem kritischen Blick sah er sich in seiner Schreibstube um. Kalkgetünchte Mauern, die ehedem weiß waren, ein dürftig aussehender Diurnistenschreibtisch, von Schrammen bedeckt und mit Tinte besudelt, in der Ecke ein verbeultes Waschbecken aus Blech, von Rost angefressen, ein schief hängender Wasserbehälter darüber, daneben ein unreines Handtuch, das der Amtsdiener aus Sparsamkeitsrücksichten höchstens alle vierzehn Tage auswechseln durfte, das Fenster vergittert mit einem trostlosen Ausblick auf nackte Mauern und Treppenhäuser, und gegenüber der Fensterreihe hohe Regale mit Akten, Akten und wieder Akten, durch eine lange Flucht halbdunkler, korridorartiger Zimmer, die kein direktes Licht empfingen. Die Luft legte sich schwer auf die Brust, sie war trocken und roch nach Staub. Nach einigem Zögern tat der Dichter Hut und Stock in ein braun gestrichenes Kästchen, das in der Nähe der Waschgelegenheit stand. Am liebsten hätte er sich auf dem Absatz herumgedreht und wäre wieder fortgegangen, irgendwo ins Grüne hinaus, nach Döbling, den Heiligenstädterbach entlang, wohin ihn eine innere Stimme rief.

»Hab doch was Wichtigeres im Leben zu tun, als in diesem verfluchten Mauerloch zu sitzen und Akten zu wälzen,« schimpfte er; »gibts doch andere dafür, die sich alle zehn Finger abschlecken würden, wenn sie dös Glück haben könnten! Warum muß denn ich der Auserwählte sein, grad ich, ich, ich?!« Er gedachte mit einiger Bitterkeit seiner hochgestellten Gönner im Amte, die sich zwar die redlichste Mühe gaben, ihn zu befördern. Allein der Teufel hatte sein Spiel dabei, alle guten Absichten waren immer wieder vereitelt worden, und so blieb der Dichter Konzeptspraktikant, den seine jüngeren Kollegen im Amte bereits längst überholt hatten. Franz mußte früh die Erfahrung machen, daß in seiner Lage nichts gefährlicher war, als beizeiten berühmt zu werden. Konnte er damit nicht warten, bis er gestorben ist? Dann wäre er bei Lebzeiten ein wohlgelittener Kollege gewesen. Neid und Mißtrauen begannen gegen ihn zu erwachen, die Kleinen wollten keine Größe neben sich dulden und waren als Masse die Stärkeren. Dazu kam, daß die Ämter gegeneinander arbeiteten und ihre Ressorts mit einer chinesischen Mauer umgaben. Unter solchen Umständen konnte die Empfehlung eines Ministers eher schaden als nützen. So kam es auch, daß der junge Dichter, der von einem Amt ins andre weitergegeben wurde, durch nie zu durchschauende subalterne Ränke bei jeder Beförderung übersehen ward. Trotz dankbarer Empfindungen für die wohlgesinnten Exzellenzen, wie Graf Herberstein und Graf Stadion, konnte Franz seinen Gönnern zuweilen recht gram werden.

»Was haben s' mir denn gnützt? Daß ich als Praktikant picken blieben bin, das is alles, was ich von der ganzen Gönnerei hab. Wenn s' einem nur in Ruh ließen, die hohen Herrn!«

Die Lust am Staatsdienst war ihm gründlich vergangen. An diesem Morgen ging ihm das Forellenquintett stark im Kopf herum, und er meinte gradwegs in eine blaue Seligkeit fortschwimmen zu müssen. Aber er konnte zu keinem rechten Entschluß kommen und schnappte hilflos wie ein Fisch im Trockenen.

»Bin halt und bleib der Pegasus im Joch!«

Zum Fortlaufen wäre es jetzt auch schon zu spät gewesen, die Türe wurde aufgerissen und eine Stimme schrie: »Nummer 748322, Wasserbaugegenstand, Referent Holzwurm! Suchens mir das heraus, Herr Praktikant, aber bitte gleich!«

»Jawohl, Herr Kanzlei-Direktions-Sekretär!«

Der Dichter hatte soeben auf seinem Diurnistenschreibtisch ein Blatt graues Kanzleipapier ausgebreitet und zu schreiben begonnen. Aber es war kein amtlicher Registraturbogen, den er anlegte, sondern ein paar Verszeilen, die ihm in den Sinn gekommen waren, und die er schnell festhalten wollte. Das Papier verschwand augenblicklich in der Tischlade, der Herr Praktikant sprang auf und kletterte an einer Leiter empor, die vor den Aktenregalen stand.

Der Kanzlei-Direktions-Sekretär lief wieder zurück, ohne den Akt abzuwarten, und die Tür flog krachend hinter ihm zu.

Der Praktikant kletterte wieder die Leiter herunter. »Wird nicht so eilig sein. Wenn ich nur mit meinem Gedicht fertig werd.« Er schichtete ein paar Aktenbündel um sich herum, die er von unten irgendwo hervorzog, nahm das Blatt wieder aus der Tischlade und ließ, gegen Überrumpelung wohl verschanzt, seinen poetischen Empfindungen freien Lauf.

Im Nu war dem grauen Kanzleibogen eine glühende Seele eingehaucht.

»Still saß sie da, die Lieblichste von allen,
Aufhorchend ohne Tadel, ohne Lob;
Das dunkle Tuch war von der Brust gefallen,
Die nur vom Kleid bedeckt, ...«

Der Kanzlei-Direktions-Sekretär hatte wieder den Kopf hereingesteckt und schrie: »De dato 2. April 1642!«

Krach! flog die Tür wieder zu.

»Himmel! Ist denn gar keine Ruh? Wenn ich nur das Gedicht schon fertig hätt!«

Der graue Löscher, der eilends in der Versenkung verschwunden war, feierte beim Donnerkrach der Tür sofort seine Auferstehung, und das liebeatmende Geständnis durfte wieder frei ausströmen.

»Die nur vom Kleid bedeckt, sich atmend hob;
Das Haupt gesenkt, ...«

Da schob der unausstehliche Kanzlei-Direktions-Sekretär wieder seinen Kopf herein: »Haben Sie's?«

»Eigentlich noch nicht! Der letzte Vers – will sagen, die letzte Nummer fehlt noch.«

»Registraturnummer 432, Kameral, Faszikel H.«

Jetzt stand der Herr Konzeptspraktikant auf der Leiter oben. »Ha, Ha.«

»Was gibt's zu lachen, Herr Praktikant?«

»Ich lache ja nicht, ich suche nur Litera H, H.«

Krach!

»Nicht zu finden! Möcht auch wissen, zu was die ein Referat aus dem Jahr 1642 brauchen. Hab was Gscheiteres zu tun. Das Protokoll ist nicht so wichtig, als der Vers, den ich such.«

Der Konzeptspraktikant kletterte wieder herunter und suchte den letzten Vers.

»Das Haupt gesenkt, den Leib nach vorn gebogen,
Wie von den fliehenden Tönen nachgezogen.«

Befriedigt überlas Franz sein Gedicht und sagte halblaut: »So, jetzt hab ichs.«

Der verwünschte Kanzlei-Direktions-Sekretär stand schon wieder unter der Tür und krähte: »Legen Sie's wieder zurück. Präsidial-Approbation de dato 1642 nicht mehr nötig.«

»Jawohl, Herr Kanzlei-Direktions-Sekretär!«

So arbeitete die Staatsmaschine den lieben langen Vormittag. Akten auf, Akten zu, eine Geschäftigkeit ohne Sinn und Wert. Zwischendurch, ganz verstohlen, ein abgerissenes Gedankenstück von ewig strahlender Schönheit.

Der Dichter stöhnte: »Das halt ich nicht mehr aus!«

Sprachs, steckte den kostbaren Konzeptbogen in die Brusttasche, nahm Hut und Stock aus dem Schrank und lief davon, schnurstracks zu Sr. Exzellenz dem Finanzminister Graf Stadion.

»Exzellenz, ich bitt um Verzeihung, ich halts nicht mehr aus!«

Der Minister zeigte sich sehr verwundert darüber, daß sein Schützling des Staatsdienstes überdrüssig sei. »Warum, warum? Es muß doch einen nachweisbaren Grund haben.«

»Grund? Ich halts halt nimmer aus, das ist doch Grund genug. Es geht nimmer, beim besten Willen nicht.«

Der Gönner wurde ärgerlich.

»Wolln S' verhungern? Als Dichter von Ihrer idealen Richtung können S' in Österreich nicht leben. Sind Sie einmal vom Staatsdienst weg, haben Sie auch keine Hoffnung mehr, wieder herein zu kommen. Darauf möcht ich Sie aufmerksam machen.«

Verhungern? Nein, das wollte der Dichter nicht, trotz seiner idealen Richtung. Schon begann er seinen Schritt als übereilt zu bereuen.

Er fing an zu raunzen.

Als Autor von drei großen machtvollen Stücken wäre er in England oder Frankreich ein gemachter Mann. Als Österreicher kann er verhungern. Da redens und schreibens von der Förderung der Kunst, nur gegen den Künstler bleibt man hart, er mag verhungern oder im Aktenstaub ersticken. Was nur die andere Form des Untergangs ist. So werden die Tassos und Correggios weniger, indes die Antonio und Battista bleiben.

Tiefer und langverhaltener Unmut hatte ihm den schönen Freimut der Rede gegeben.

Aber er war schon wieder kleinlaut geworden.

»Verzeihens, Exzellenz werden schon recht haben.«

Zum Glück war der Graf wieder gnädig und versprach seine Lage zu verbessern. Vor allem wolle er ihm einen neuen Wirkungskreis erschließen und ihn zur Dienstleistung dem Theater-Hofrat Fuljod zuteilen. Das würde seinen Neigungen entsprechen. Für die nächste Zeit sei er beurlaubt und habe abzuwarten, wann er in seinen neuen Wirkungskreis berufen werde.

Welch ein Glück! Vor allem der Urlaub! Wieder ein Schluck der heiß ersehnten Freiheit. Dann meinetwegen ins Joch!

Unterwegs stieß er mit seinem Vetter Spaun zusammen.

»Was,« rief dieser mit Abscheu aus, »zu Fuljod? Zu diesem miserablen Kerl? Bei dem hab ich praktiziert nach Absolvierung meiner Studien. Der Anfang meiner Praxis war, daß ich ihm vormittags aus dem nächsten Trafik den Schnupftabak besorgen mußte. Als ich später den Diener schickte, hat er sich beschwert, daß sich die jungen Leute heutzutag gar nichts mehr gfallen lassen. Also sieh dich vor!«

Was kümmerte es den Dichter? Der war glücklich über seinen Urlaub, der ihn für die nächste Zeit wenigstens wieder sich selbst zurückgeben sollte. Er war damit eine ganze Himmelstreppe hinaufgefallen.

Soweit das äußere Leben.

*

Heimgekommen, riß der Herr Konzeptspraktikant und Dichter die gute Resi fast um in tanzender Freude.

»Herr Franz, Herr Franz, um Gottes willen, mir wird ja ganz schwindlig! Ja mein! Hat einmal keine ärgere Tanzgredl geben, wie ich war, aber die Zeit ist vorüber. D' Füß zittern mir, und im Kopf dreht sich alles.«

»Resi, Resi! Was glauben S', das mir passiert ist?«

Die Alte schlug die Hände zusammen: »Was wird denn passiert sein?« rief sie mißtrauisch aus.

»Raten S'!«

»Jessas, Herr Franz,« schreckte sich die Alte, »am End nöt gar verliebt?«

Resis Mutterwitz verstand sich darauf, sie hatte schon die sonderbarsten Veränderungen an Menschen bemerkt, wenn sie verliebt wurden. Die zornmütigsten, übellaunigsten Seelen wurden fromm und gut wie die Lämmlein, die Schweigsamen wurden gesprächig, die Ausgelassenen sittsam, und die Sittsamen ausgelassen; aber alle waren in ihrem gehobenen oder von sanfter Trauer verklärten Zustand zur Güte und weitherzigsten Menschenfreundlichkeit gestimmt. »Seid umschlungen Millionen«, und »Diesen Kuß der ganzen Welt!« Aber auch ohne die pathetischen Worte des Dichters wußte Resi in ihrem gesunden Hausverstand, daß in der Liebeszeit die Menschen als Engel auf der Erde umhergingen. Da aber zu einem vollkommenen Engeldasein dem irdisch gefesselten Menschen die Gnade der göttlichen Weisheit zu fehlen pflegte, so kommt es vor, daß in dieser süßen Betörung und in der Schwelgerei von Rosenrot und Himmelblau gerade die größten Dummheiten geschehen können. Denn die Wirklichkeit besteht keineswegs immer aus Limonade und Himbeersaft. So dachte die Resi in der nüchternen Klugheit ihres Alters und besorgte, daß dem hochstudierten und vergötterten Herrn Franz etwas Menschliches dieser Art zugestoßen sein könnte. »Sind doch so schlecht, die Frauenzimmer, heutzutag!«

»Weit g'fehlt,« beeilte sich Franz zu entgegnen, obschon er eine gewisse Verlegenheit nicht bemeisterte und vergebens gegen eine plötzlich aufsteigende, verdächtige Röte kämpfte. Ärgerlich über sich und über die Alte, schnitt er kurz ab und rief, schon halb in der Zimmertür, die hinter ihm zufiel, noch schnell zurück:

»Ein' Urlaub hab ich, wenn Sie's wissen wollen!«

Aber die Alte schüttelte nachdenklich den Kopf und hatte ihre eigenen Gedanken dabei.

Nun er das ersehnte Stück Freiheit vor sich hatte, dachte er nicht mehr, sich im Grünen zu erlustieren, und am Heiligenstädterbach dem Gesang der Forellen zu lauschen. In der Kanzlei sah die Welt grau wie Löschpapier aus, jetzt in seinem engen Studierzimmer schien sie wirklich rosenrot und himmelblau. Saß er an seinem Schreibtisch, dann wanderte sein Geist auf himmlischen Auen, die ihm noch schöner dünkten, als die gottgesegneten Fluren um Döbling und Heiligenstadt. Jetzt wäre er nicht fortzubringen gewesen. Der Tempel der Aphrodite zu Sestos stand lebhaft vor seiner Seele, die Bildsäule Amors und des Gottes Hymenäus, und sie nahmen überlebensgroße Formen an. Sie waren aber nur der Schauplatz seiner Phantasie und Sehnsucht, die aus zarten Wünschen die Gestalt der Priesterin erschufen, wie er sie gestern im Hause Fröhlich an den kleinen Bronzebeschlägen ersehen hatte. Es war die Form, in der er recht innig an Kathi denken konnte, und die er immer sah, wenn er an die Priesterin dachte. Er malte das Bild weiter aus, die Vorbereitungen des Festes, an dem die blumenstreuende Priesterin angesichts der andächtigen Volksmenge die höchsten Weihen empfangen sollte, durch die sie den irdischen Wünschen auf immer entsagte und sich dem Himmel im Dienste der Göttin angelobte. Er stellte sich nun vor, daß in der Menge ein junger Grieche eine plötzliche tiefe Neigung zur Priesterin faßte, ungeachtet der drohenden Todesstrafe in das Heiligtum des Tempels eindrang und der Priesterin seine Liebe gestand. Vielleicht merkte er gar nicht, daß er dem jungen Griechen seine eigene Gestalt, jedenfalls aber sein Wesen und seine Empfindungen verlieh. In dieser geistigen Verwandlung fand er glühende Worte, die an die Priesterin gerichtet waren und der Kathi galten. Und er hörte in seinem Inneren die Zwiesprache der beiden, die durch unübersteigliche Hindernisse voneinander getrennt waren. Die Himmelsbraut tröstet den verzweifelten Jüngling, der es nicht fassen will, daß er die Geliebte erst wieder beim nächsten Tempelfest in einem Jahr und auch dann nur ganz von ferne wiedersehen soll. Auf sein inständiges Flehen, nach Wochen oder wenigstens nach Monaten wiederkommen zu dürfen, antwortet sie mit einem lächelnden Nein und neigt sich mit unbeschreiblicher Anmut zu dem Verzagenden nieder, indem sie die himmlischen Worte spricht: »Komm morgen!«

»Kommen S' morgen!« Die Glückseligkeit des Wortes hat kein Ende, die Priesterin selbst kann kein größeres Seelenlabsal gewähren, es verdient als verheißendes Himmelslicht der Liebe unter die ewigen Sterne gerückt zu werden.

Draußen vor den Fenstern ragt das turmartige Treppengebäude. Der Dichter hatte es schon verzaubert, es ist der Turm geworden, der die streng bewachte Wohnung der in Liebe sich vergessenden Priesterin enthält. Nie wird der Verwegene seinen Fuß über die Schwelle setzen können. Die äußere Kluft dehnt sich zur Unendlichkeit, unüberbrückbar wie das Meer. Ein neues Symbol findet sich der Dichter hinzu; der Liebende müßte die Kraft haben, dieses Meer zu durchschwimmen, das den Turm von drei Seiten umgibt, wenn er an das Ziel seiner Wünsche gelangen will. Was wird geschehen? Ein paar Namen stellen sich ein; den Jüngling, der des Dichters eigen Selbst spiegelt, nennt er Leander; die Priesterin, in der sich Kathi verkörpert, wird Hero geheißen – so sind die Gestalten aus der bürgerlichen Sphäre ihres Urbildes in die ewige Region der griechischen Legendenwelt erhoben. Aber das klopfende Herz und das Wangenrot des wirklichen Lebens ist in der Marmorstrenge der klassischen Idealform eingeschlossen. Ein neues, dramatisches Gedicht ist dem Poeten aus der Erfahrung seines Lebens erblüht und zeigt sich in den ersten dämmernden Umrissen. Schon steht der Titel fest: Hero und Leander, oder des Meeres und der Liebe Wellen. In seinem Inneren wogt es, es ist das eigene Herz, das kämpft und zuckt. Er erlebt ihn ja schon voraus, den Kampf mit des Meeres und der Liebe Wellen. Wird die Liebe den Sieg über dieses Meer von Ungemach und Widrigkeit davontragen? Wird sie unterliegen? So wird alles Dichten ein überhöhtes Gleichnis seines persönlichen Lebens.

An der Tür wird leise geklopft, die rundliche Resi schiebt sich herein.

»Was gibt's denn, zum Teufel!« schreit Franz, er möchte seine Ruhe haben.

Resi bringt einen Brief und ist schon wieder draußen.

»Ja so, das ist was anderes.«

Er kennt die Schrift, und wird bald blaß, bald rot. Charlotte Paumgartten schreibt ihm und bittet ihren Dichter mit den zärtlichsten Worten, sie am selben Tage noch zu besuchen. Ob er sie vergessen habe? Ob er nicht von ihr geträumt, so fest und innig habe sie an ihn gedacht, Tag und Nacht. Sehnsüchtiger habe selbst Bertha nicht ihren Jaromir erwartet, als sie seiner harre.

Der Brief hatte wieder alle seine schön geleiteten Gefühle um und um gestürzt. Er zerriß das Papier in kleine Stücke, als glaubte er damit einen Schuldschein vernichtet zu haben, hatte aber doch das Gefühl, als ob ein Ankläger hinter ihm stände. Wie war es möglich, daß seine heftige Liebe zu Charlotte sich ganz plötzlich und schier ohne Grund in eine fast ebenso heftige Abneigung verwandelte? Eine neue Liebe war im Begriffe zu erblühen, und die frühere Liebe mußte daran sterben. Er beobachtete sich selbst, horchte in sich hinein und war schier erstaunt, fast erschreckt über den Grad von Gleichgültigkeit, die er gegen Charlotte nun empfand. Er schämte sich fast ein wenig dieser Herzlosigkeit und machte sich Vorwürfe darüber. Trotzdem war er entschlossen nicht hinzugehen, aber er erkannte alsbald, daß dadurch seine Schuld nicht geringer würde. Selbst der Betrüger mußte in der Sünde zumindest die Tugend der Treue üben können. Während er aber seinem Gewissen folgen und die in Liebesangst seiner Harrende aufsuchen und trösten wollte, klagte ihn wieder die Priesterin, der er eben in Gedanken gehuldigt hatte, des Verrats an. Er stand am Scheidewege, aber wohin er sich wendete, war Betrug und Gewissensnot. Die Sehnsucht trieb ihn zu Kathi, das Gewissen rief ihn zu Charlotte zurück. Aber auch das war keine Erlösung. Etwas Dunkles, Drohendes wollte Gewalt über ihn erlangen und ihn seiner Freiheit berauben. Das Unerlaubte und Heimliche seiner Liebe zu Charlotte, das ihn anfänglich gereizt hatte, begann er nun zu fürchten; er mußte sich aus der Umschlingung der bösen Lust und der Sünde befreien. Er mußte wieder frei atmen, und der eigene Herr seines Schicksals werden können. So kam der rettende Gedanke: er zog das Gedicht, das er am Vormittage in der Kanzlei geschrieben hatte, aus der Brusttasche, versiegelte es in einem Briefumschlag und schrieb die Adresse der Kathi Fröhlich darauf. Der unwiderstehlichen Aufforderung: »Kommen S' morgen!« nicht gehorchen zu wollen, wäre die größte Verfehlung des Herzens gewesen; so will er ihr seinen Geist schicken, sich selbst aber zu Charlotte begeben, um sich für immer von ihr loszusagen. Dieses Opfer will er im stillen der Göttin des Tempels zu Sestos darbringen in der Hoffnung, daß es Amor und Gott Hymenäus gefällig sei, vor allem aber der ahnungslosen Priesterin am Altar der Aphrodite. Er ist froh über diesen männlich starken Entschluß und macht sich sofort auf den Weg zu Charlotte.

Sein Vetter Paumgartten ist auswärts auf einer dienstlichen Inspektionsreise. Die Geliebte empfängt ihn mit einer Huld, die seine Vorsätze bedenklich ins Wanken bringt. Er hatte sich mit einem Harnisch eherner Entschlüsse gewappnet, als er zum Weibe ging, nicht eingedenk, daß die zarten Finger die Riemen lösen und ihn wehrlos machen werden. Gegen die kokette Anmut dieser Frau, die mit dem Fächer und ihren Augen ein graziös verwegenes Spiel treibt, ist kein Harnisch fest genug.

Sie hat sich ein wenig nach Madame Récamier stilisiert und liegt halb ausgestreckt auf einer Ottomane, die im Geschmack des vergangenen Jahrzehnts mit Löwenköpfen geziert und mit vergoldeten Pranken statt Füßen versehen ist. Die weichen, schwellenden Linien des ruhenden Körpers scheinen noch weicher und runder unter den fließenden Falten schmiegsamer Stoffe, die ein türkisches Muster zeigen und dicht unter dem Busen von einem schmalen Gürtel mit großer Schließe, orientalische Arbeit, zusammengehalten sind. Ein Stirnband umfaßt die kunstvoll geordneten Locken und schmückt das Antlitz wie ein Diadem. An den Möbeln, Porzellanen und Bildern liegt ein Abglanz der lustigen und üppigen Kongreßzeit, den vornehme Bürgerhäuser in die stilleren zwanziger Jahre herübergerettet haben. Vor allem aber atmet dieses jugendliche schöne Frauenwesen diesen Geist, der die schöne Sünde mit soviel Anmut und Liebreiz umgibt, daß sie schon fast zu einer neuen Tugend gestempelt wird. Der Dichter hat ganz vergessen, um wieviel stärker die holde Verführung wirkt als der hausbackene Moralverstand.

Kein Ton des Vorwurfs oder der leisen Klage, daß seine Liebe in dieser letzten Zeit so saumselig geworden sei. Hätte sie doch ein wenig geschmollt und ihn zur Rede gestellt, ihn der Untreue und Charakterlosigkeit bezichtigt, oder sonst Zeichen der Unzufriedenheit gegeben! Wie würde das seinen Widerstand gehärtet und seine Absage herausgefordert haben! Nun aber fielen alle Vorsätze zu Boden, eine süße Unruhe überkommt ihn, er ist aufs neue bestrickt.

Das Gespräch dreht sich zuerst um gleichgültige äußere Dinge, vorsichtig steuert Charlotte, nachdem sie genug laviert, auf jenen Punkt hin, wo sie es haben wollte. Man spricht vom Heiraten. O, diese Schlaue! Franz merkt gar nicht, wie sie alles nach ihrem Sinn dreht. Sie fragt ihn ganz verhüllt, gleichsam jeden Satz in ein Zuckerpapierl gewickelt mit einem Scherzwort darauf, ob er nicht selbst an die Gründung eines eigenen Herdes gedacht habe. Wenn auch der Ehstand gar häufig ein Wehstand sei, so sei er den Menschen nun schon einmal bestimmt und müsse mit guter Miene getragen werden. Dem berühmten Dichter aber müßten in einer Stadt wie Wien die schönsten Hoffnungen blühen.

Der Dichter verneint es heftig.

»In Romanen und Theaterstücken wird in der Regel gezeigt, wie der Hans die Grete kriegt. Der letzte Akt; oder die letzte Seite schließt damit, daß das glücklich vereinte Paar zum Traualtar schreitet, als ob es in die Pforten des Paradieses einginge. Nichts ist falscher als das. Der eigentliche Roman und die Tragödie beginnt in der Regel erst da, wo alle Welt meint, daß sie nun aufhöre. Für mich wäre ein solches Fest geradezu mein eigenes Begräbnis.«

Charlotte setzt das Scheingefecht fort und nimmt die Ehe in Schutz.

»Ich will ja nicht von mir aus reden, denn ich zähle nicht zu den Glücklichen,« manöveriert sie, »aber es ist anzunehmen, daß die Vollkommenheit des Daseins erst durch die Ehe erreicht wird. Zwei Wesen vereinigen sich, einander harmonisch zu ergänzen. Ist es nicht so, mein Lieber, in der Idee wenigstens?«

»Zwei Wesen vereinigen sich, um einander aufzureiben, zu stören, zu vernichten.«

»Aber sie können sich doch auch fördern, helfen, stützen?«

Charlotte liebte die Disputation; sie war als Mädchen bei Madame de Staël, als diese in Wien war, eingeführt worden, hatte eine für ihre Zeit sorgfältige Bildung genossen und huldigte dem Beispiel der schöngeistigen Frauen Frankreichs, einer Mode, die etwas spät nach Wien kam und hier spärliche Blüten trieb. Diesmal ist es aber nicht allein die Freude am jeu d'esprit, sie verfolgt dabei eine besondere Absicht.

Der Dichter geht ahnungslos auf jede ihrer Finten ein.

»Wie sollten sie sich fördern, wenn sie sich ihrer Freiheit berauben und einander Enttäuschungen bereiten!« ereiferte er. »Die Harmonie ist nur scheinbar. Ein auf Dissonanzen komponiertes Thema von unaufhörlicher Gegenbewegung, gegenseitiger Auflehnung, Einschränkung, Verneinung. Wie zwei Linien, die aufeinander zustreben, sich im Kreuzungspunkte finden und nach dieser Vereinigung unaufhaltsam auseinandereilen.«

»Man würde sich nicht so heftig gegen das Ehewesen zur Wehr setzen, wenn man nicht schon über Hals und Kopf verstrickt wäre. So viele junge Männer bekunden eine ebensolche anscheinend heftige Abwehr und sind zugleich im Begriffe, die besten Ehemänner von der Welt zu werden.«

»Oh, oh, oh! Dann bin ich eine Ausnahme. Von dem Moment an, wo die Geliebte nicht mehr haarscharf in die Umrisse paßt, die ich bei der ersten Annäherung gezogen habe, erscheint sie mir als etwas Fremdartiges; ja geradezu Feindseliges, das meinen Voraussetzungen widerspricht. Ich beklage es, aber es wäre mir ganz unmöglich, nur einen I-Punkt meiner inneren Freiheit zu opfern. Glauben Sie meinen Versicherungen, Lotte, daß die Ehe für mich gleichbedeutend mit einem Selbstmord wäre.«

Er war der schönen Vogelstellerin so sicher auf den Leim gegangen, wie nicht leicht ein Gimpel. Nun hatte sie ihn dort, wo sie ihn haben wollte. Was sie befürchtet hatte, er sei einer Schönen ins Netz gegangen und vielleicht für immer gebunden, war nicht geschehen. Ihr sollte er gehören und keiner anderen. Aber sie war zu klug, ihre Eifersucht zu zeigen, oder zu verraten, wie unglücklich sie wäre, wenn er sich nach irgendeiner Seite hin mit ernsten Absichten trüge. Nur keine Verlobung, keine Heiratsabsicht! Sonst wäre er für sie verloren. Ihn davor zu warnen, zu ermahnen, daß er keinen unüberlegten Schritt tun soll, hätte die verkehrteste Wirkung gehabt. Er, der gegen jeden Zwang und gegen jede unerbetene Einmischung in sein Inneres überempfindlich war, hätte sich wahrscheinlich ebenso heftig gegen ihre zärtliche Tyrannei gewehrt, wie er es gegen den Gedanken der Ehe tat. Er mußte sich in dem Glauben wiegen können, daß er ihr den Tribut der Liebe freiwillig zolle. So war sie seiner ganz sicher. Nie hätte er sich ausgesprochen, wenn sie ihn um diese heiklen Dinge unmittelbar gefragt hätte. Nur durch eine wohlüberlegte, diplomatische Scheinstellung hatte sie herausbekommen, was sie gerne hören wollte. Nun war sie auch über sein Fernbleiben beruhigt. An eine Nebenbuhlerin glaubte sie nicht leicht, denn sie war selbstbewußt, gar stolz auf ihre Schönheit, und sicher in der Kunst, den Mann zu fesseln, den sie haben wollte. »Nichts leichter als das!« triumphierte sie heimlich im Evagelüst nach der verbotenen Frucht. »Und gar einen Dichter! Was sind Dichter so einfältig und leicht zu durchschauen!«

So wurde alles, was Herzensnot, Schicksalsfrage, Seelenkampf war, zu einem lockeren verdeckten Spiel mit lächelnden Masken, Fächerwinken, Augenverdrehen, ein Haschen und Verstecken, ein Angreifen und ein Sichzurückziehen, ein Verwegentun und zugleich ein unschuldige-Miene-zeigen – – ein holder verwirrender Trug, der das Gewissen einschläfert.

Die Unterhaltung sprang gaukelnd um auf dies und das, auf Vergangenes und Gegenwärtiges, immer aber mit leichter Anzüglichkeit. Ihre eigene Ehe mit Paumgartten und die Verworrenheit während ihres Brautstandes war das Thema.

»Ist er wirklich glücklich?« fragte der zweiflerische Franz.

»Wie könnt es anders sein?« Charlotte tat in ihrer Eitelkeit gekränkt; »er ist glücklich, weil er ahnungslos ist!«

Franz erinnerte sie, daß sie in der Verlobungszeit herzlos gegen Paumgartten gewesen, der sehr darunter gelitten, und daß er darum selbst einen heftigen Unwillen über sie empfunden habe.

»War es nicht deshalb, weil damals schon mein Herz dir gehörte, obzwar du es verschmähtest?« beteuerte sie. »Durftest du über Herzlosigkeit klagen? Ich hatte nur eines zu verschenken.«

Es schmeichelt ihm, er ist wieder vollständig besiegt und ganz in ihrem Bann. War er vorhin, als er kam, Eis gewesen, so ist er jetzt Feuer und Flamme. Er stammelt unsinniges Zeug, gibt sein eigenes Herz hin und die Worte dazu, die, ebenso wie das Herz, einer anderen bestimmt waren. Es ist so, als wäre Charlotte die Priesterin, zu der er in Gedanken die Hände flehend emporgehoben hatte. Er neigt sich tief und tiefer zu ihr herab und ist schon ganz der Zauberin verfallen.

Einfältiger Dichter, von kindlicher Eigensucht beherrscht, und wie schnell getäuscht und verführt! Der Unberechenbare so leicht durchschaut! Wie recht hatte darin Charlotte, sie, die Überlegene, Kundige, in allen Listen Geübte, das reife Weib, das mit ihm spielte wie mit einem geliebten Knaben! Sie war es, die er meinte, wenn er von dem verächtlichen Geschlecht sprach, das weinen konnte, ohne traurig zu sein, lachen ohne froh zu sein, anders scheinen möchte, als es wirklich ist, sich stets bereit findet, der Gefallsucht jedes, auch das größte Gewissensopfer zu bringen, und dessen ganzes Tun und Denken sich um die eine Achse drehte, die Koketterie heißt. Aber auch dieselbe war es, der er, obschon mit Widerstreben, aufs neue erlag, und die die Schätze seines Herzens, die er auf den Altar der keuschen Priesterin legen wollte, plündern durfte.

Nacht war es, als er das Haus verließ. Den Radmantel fest um Schultern und Kinn geschlagen, den Hut tief in die Stirn gedrückt, schlich er, den Menschen ausweichend, in dunklen Gassen wie ein scheuer Geselle, die Faust krampfhaft auf die Brust gepreßt, von Ingrimm und Abscheu erfüllt: »Ich habe es nicht so gewollt! Ich habe es nicht so gewollt!«

Und der Haß wallte empor gegen dieses leichtsinnige, verführerische Weib, das seine Seele verdarb, und das ihn zum Verräter an dem Freunde und an dem keuschen Bilde gemacht hatte, dem er reinen Sinnes nahen wollte. Die Stirn zum Idealen erhoben, von der Ahnung einer priesterlichen Schönheit umwittert, und bald darauf durch eigene Schuld mit Schmach bedeckt und von allen Zweifeln gerüttelt, so ist der Mensch.

Knirschend, daß dieses heillose Weib etwas aus ihm gemacht, das er nicht wollte, irrte er in den engen Gassen umher. Die Finsternis war ein bergender Mantel. Aber die Dunkelheit seiner Seele war so groß, daß er das strahlende Bild, dem er in seinem eigenen Herzen einen Altar gebaut hatte, nicht mehr finden konnte, und daß er selbst die Worte vergessen, mit denen er es bekränzt hatte. Dies war das allerschlimmste, das ihn der Verzweiflung näher brachte, als alles andere, daß er die inneren Quellen versiegt und verschüttet fand. Jetzt kam er über den heiter-ernsten Josefsplatz, dessen stille Größe im Scheine der dürftigen Lampen wuchs und wuchs. Aber das Seelenlicht war verlöscht, und der Verdüsterte fand sich zu dieser feierlichen Macht nicht durch. In wilder Melancholie rief er den Namen derer, die er in seiner Einbildungskraft suchte, um durch sie wieder sich zu finden. Rief ihn innerlich mit starker Sehnsucht und konnte doch nicht die Gnade der Erleuchtung erlangen. Befand sich plötzlich in einem Schwarm von Menschen, die aus dem Schwibbogen hervorströmten, dahinter das Burgtheater stand, die Stätte seiner ersten Triumphe. Ein Blick auf den weißen Zettel an der Mauer belehrte ihn, daß sein erstes Stück, die »Ahnfrau«, heute wieder gegeben ward. Da drinnen im festlichen Hause war einer gefeiert worden, der ihm aufs Haar ähnlich doch ganz anders war als jener, der ausgelöscht hier stand, ein finsterer Schatten, der mit seinem besseren Selbst zerfallen war. Mit der todesbangen Empfindung, sein eigener Doppelgänger zu sein, hüllte er sich fester in den Mantel und drückte den Hut tiefer herab, um nicht erkannt zu werden; er verwünschte seine Unachtsamkeit, die ihn geradewegs in die Menge geführt hatte.

In einem heftigen Erschrecken zuckte er zusammen. Die er in Sehnsuchtsqualen angerufen hatte, stand plötzlich lachend vor ihm. Glockenhell tönte ihm Kathis Stimme entgegen. Seine erste Eingebung war zu entfliehen, als ob ihm ein Phantom erschienen wäre. Da war er schon umringt von den drei Schwestern und Papa Fröhlich, die noch ganz warm und aufgeregt von den Eindrücken im Theater waren.

»Heute zum fünften Male in der ›Ahnfrau‹ gewesen,« sagte sie leise und dankte ihm mit einem innigen Blick.

Sie gingen in zwei Gruppen, der Vater mit Netty und Pepi voran, Kathi und Franz hinter ihnen mit langsamem Schritt, so daß sich der Abstand von den Vorangehenden allgemach vergrößerte.

»Es ist so schön von Ihnen, daß Sie uns heute noch hier erwartet haben,« flüsterte sie, und das Herz klopfte in ihrer Stimme; »ich hätt mir's nicht zu hoffen getraut.«

Auch ihm klopfte das Herz in gewaltigen Schlägen, aber er kam sich vor wie ein Verruchter von der Art des Räubers Jaromir aus seiner »Ahnfrau« und war entsetzt, daß er mit dieser von ihm erschaffenen Phantasiegestalt eine nicht geahnte Schicksalsähnlichkeit besaß. Etwas in ihm schrie auf: »Geh fort von mir, rette dich, ich bin nicht der, für den du mich hältst!« Und obzwar diese Stimme in seinem Inneren rief, blieb er dennoch stumm und sah zur Seite.

Sie aber ahnte nichts, es war, als ob sie selbst Berthas Schicksal trüge, über das sie in der »Ahnfrau« Tränen der Rührung vergossen, und begann nach einer Weile, während sie stumm nebeneinander hergingen, mit weicher, zitternder Stimme zu sagen: »Ich muß Ihnen auch noch wegen einer anderen Sache danken; das Gedicht nämlich habe ich bekommen ... Ich kann gar nicht sagen, wie schön es ist, aber ...«

Hier stockte schon die Stimme, Tränen stürzten aus ihren Augen, sie stammelte mühsam, indem sie weinte, obschon sie beglückt lächelte: »Verzeihen S' halt, aber ich bin ja so dumm!«

Er selbst war so heftig ergriffen, daß er ihre Hand faßte und sie mit dem halbunterdrückten Ausruf an sich riß:

»Kathi!«

Die anderen waren längst um eine Straßenecke gebogen, hier standen sie allein, von Dunkelheit und Einsamkeit beschirmt, und lagen einander in den Armen.

»Kathi, meine Kathi!«

»O, Franz, du Lieber!«

Dann gingen sie schnell, um die anderen einzuholen, ohne ihnen aber allzu nahe zu kommen, und hatten Hand in Hand vergraben und das Herz übervoll; er schien betäubt wie von einem wunderlichen Traum, sie rosig überhaucht von einer glückseligen bräutlichen Verschämtheit, das Lächeln auf dem blühenden Mund, obgleich auf den Wangen noch die Tränen glänzten.

»Jetzt schau nur, Franz,« brach sie das beredte Schweigen, »ist es nicht sonderbar? Hat mir doch neulich von dem Glück geträumt, über das ich so viel geweint hab. Das also hat's zu bedeuten gehabt!«

Und sie wurde ganz nachdenklich und konnte ihre Gedanken nicht losreißen von dem Traum und seiner seltsamen unerwarteten Erfüllung.

Der Abschied vor dem Hause Fröhlich war eilig; alles Zärtliche, das Franz und Kathi einander zu sagen hatten, lag in dem innigen, wenn auch flüchtigen Händedruck. Sie trachteten rasch auseinander zu kommen, um sich vor den anderen nicht sogleich zu verraten.

Wie ein Wahnsinniger lief er zurück durch die hallenden und höhnenden Gassen. Er wußte nicht, sollte er aufjauchzen, oder sollte er mit den Fäusten seine Brust zerschlagen. Daheim zog er einen Handspiegel hervor, betrachtete lange, lange sein Gesicht darin und sagte dann mit eisig kaltem Ton: »So sieht ein Betrüger aus!«

Er suchte nach einer Beschönigung und fügte in Gedanken hinzu: »Hab mich nie einem Weib genähert, das sich nicht vorher mir genähert hat. Würde ihnen mein Alles geben, wenn es möglich wär, ihnen zu sein, was sie wünschen. Hab nie eine Neigung betrogen, die ich hervorgerufen hätt'. Bin im Betrug doch selbst der Betrogene und kann mich damit trösten: daß ich durch fremden Schmerz nichts anderes erkauf, als eigenen nur veränderten Schmerz.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.