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Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171117
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II.

Der Dichter hatte keine besondere Eile. Er schlenderte durch das Labyrinth des Schottenhofes, wo sich seine Wohnung befand, die er seit dem Tode der Mutter behalten und noch während ihrer letzten Lebensjahre aus seinen Einkünften als Theaterdichter behaglicher hatte gestalten können. Von den Fenstern seines Wohnzimmers konnte er in den Hof eines sehr alten Hauses blicken, wo sich ein turmartiger Aufbau mit einer sehr steilen Wendeltreppe befand. Für gewöhnliche Augen konnte der Fensterausblick kahl und trübselig erscheinen. Allein der Dichter hatte ihn mit seinen Visionen belebt, und der kahle Turm mit der Wendeltreppe führte in seiner Phantasie längst ein ideales Dasein. Aus dem Gewirr von Häusern und Höfen ging jetzt der junge Mann über den großen, von Bäumen beschatteten und mit Blumen geschmückten Vorderhof, schritt über die Freiung, die mit ihren Palästen einem wahren Fürstensaal glich; bei dem Brunnen sah er sich nach den drei Parzen um, die inmitten der Brunnenschale unter einer kunstreich gemeißelten Baumkrone saßen.

»Was wollen die drei Frauenzimmer von mir?« Er hatte plötzlich die Empfindung gehabt, als ob die drei steinernen Nornen unter dem Baum den Kopf vorgeneigt und ihm nachgeblickt hätten.

»Kinderei!«

Er ärgerte sich schon wieder über die Phantasterei, sah aber dennoch schärfer hin, von einem unbestimmten Gefühl geleitet.

»Sind aber saubere Weibsbilder,« dachte er unwillkürlich. Die Sinnlichkeit erwachte, er stand im Feuer wie der brennende Dornbusch. Jetzt waren die steinernen Leiber nicht mehr Stein, sondern blühendes Fleisch und warmes Leben; jetzt saßen die Schönen nicht mehr starr und streng unter den steifen Blättern, sondern neigten sich ihm holdselig zu, ein liebreicher Schwesternreigen; jetzt war die gemeißelte Laubkrone erfüllt von Gesang und Blätterstimmen, und das Rauschen des Brunnenwassers war das Rauschen des singenden Baumes. Ganz selig von dem Schauen ging Franz weiter, sein Fühlen war bei den drei Märchenfrauen, und die drei Märchenfrauen waren bei ihm, und über ihm war der tönende Baum wie das gelinde Brausen einer Orgel, oder das selige Gemisch süßer Stimmen.

Im dieser Träumerei störte ihn der quälende Gedanke: »Wer wird denn heute dort sein, bei Geymüllers?«

Am Heidenschuß vorbei, wo der Türke zu Pferd drohend seinen krummen Säbel schwingt, stieg er einen steilen Pfad zum Hof hinan. Das ist wieder ein Platz, der sich saalartig auftut. Atlanten stützen die Weltkugel, Leute strömen aus der kerzenflimmernden, weihrauchgeschwängerten Jesuitenkirche.

»Wird Lotte Paumgartten dort sein?« Es ist die Stimme des Herzens, die ihn also fragt. Unruhe kommt über ihn. Er schwenkt ab; anstatt durch die Bognergasse zum Graben zu gehen, wo Geymüllers wohnen, rennt er den Kohlmarkt hinunter in der Richtung, die zur Behausung des jungen Ehepaars Paumgartten führt. Die hohen schmalen Gassen gleichen langen Korridoren.

»Lotte, liebe Lotte, wer hätte das gedacht?« seufzt das Herz und will zerspringen vor Sehnsucht. Die drei Märchenfrauen vom Nornenbrunnen, die in Gedanken mit ihm gegangen sind, sind vergessen, seit das geliebte Bild Charlotte vor seiner glühenden Seele hängt. Auch der Märchenbaum mit seinen holden Stimmen ist versunken. Seine Sinne schwelgen in dem Gedanken an die Geliebte, das Leben ist stärker als der freundliche Spuk. Paumgartten ist sein lieber Freund, und doch hat ihn Franz betrogen. Das Gewissen will gegen ihn aufstehen und zu hadern anfangen. Mit einem Ruck schüttelt der grüblerische Liebhaber die Mahnung ab.

»Ach was!« eifert er jetzt. »Warum mußte er sich zwischen mich und Charlotte Jetzer stellen. Mich hat Lottchen geliebt, ihn hat sie nur geheiratet. Daß ich mich nicht früher um ihre Liebe gekümmert habe, weiß Gott wie's kam.«

In Gedanken treibt er die Selbstbeschönigung weiter. Bei der Michaelerkirche besinnt er sich. »Jetzt zu Paumgarttens gehen, hat doch keinen Sinn. Aber sie ist sicher bei Geymüller.«

Er biegt in das Michaeler-Durchhaus ein. Es ist, als ob man in einer Wohnung durch eine Menge Türen und winkliger Zimmer ginge, die dem Besucher sonst nicht gezeigt werden. Auf dem Josefsplatz atmet er wieder auf. Hier ist alles Harmonie. Eine große maßvolle Schönheit ist um ihn. Antiker Geist, gemischt mit der Gefühlsekstase des Barocks – etwas, das ihm innerlich nahe liegt, er weiß nicht wie. Wie ein kaiserliches Throngemach mutet ihn der Platz an. Mit ehrfürchtiger Liebe schaut er an dem schönen Denkmal von Zauner empor: Kaiser Josef zu Pferd als römischer Imperator. Irgendwie fühlt er sich mit diesen Dingen verwachsen und schöpft aus ihnen eine stolze Freude. Liebes Österreich! Wie sehr er es liebt, hat er erst erfahren, als er fern war auf Reisen. Die Sehnsucht war ihm nachgelaufen, ein treues, folgsames Hündlein, das ihn am Ärmel zupfte und die Namen derer zuflüsterte, die er liebte und nicht missen konnte, und die daheim saßen und wieder seiner gedachten in Sehnsucht und Liebe. Wo er war, war auch die Sehnsucht, sein österreichisches Gefühl.

Und jetzt war aber auch schon wieder der Ärger da, der die Harmonie zerbrach. Ja, dort hinten in der Ecke, das sind die Fenster der Kanzleistiegen, wo er täglich seine Hoffnung aus und ein trug, seit vielen Jahren schon und immer vergebens.

»Konzeptspraktikant mit dreihundert Gulden Jahresgehalt, seit langen Jahren schon, daß Gott erbarm! Da möcht man doch auf und davon gehen! Die paar Stück, was hab'n s' denn ein'bracht? Nicht der Rede wert. Kann da ein Mensch ans Heiraten denken?« Er verband diesen Gedanken mit Charlotte Jetzer, die nun die Frau seines Freundes und Vetters Paumgartten war und unterdrückte das Bewußtsein, daß er ohnehin nie daran gedacht hätte, Charlotte heimzuführen. Aber es tat ihm wohl, sich als Opfer der Verhältnisse zu fühlen. »Aussichten, nichts als Aussichten! Als ob der Mensch von Aussichten leben könnte!«

Mißmutig wandte er der Hof- und Staatsherrlichkeit den Rücken zu, bog in die Dorotheergasse ein, die als langer schmaler Gang zum Graben führte, wo man wieder leicht und frei atmen konnte. Die ganze innere Stadt glich solcherart einer einzigen weitläufigen Wohnung, wo es viele schmale und dunkle Korridore gab, große herrliche Zimmer und Prunkgemächer, aber auch heimliche Winkel und Rumpelkammern, wo das menschliche Schicksal stärker zu spüren ist als in den großen Fest- und Empfangsräumen, wo man sich leicht hinter einer gefälligen Maske verschanzt. Aber es ist schön, eine Stadt zu kennen und sich in ihr heimisch zu fühlen wie im eigenen Haus und an den Freuden und Schmerzen, den geheimen wie den lauten, teil zu haben. Der Graben mit dem benachbarten Stefansplatz war das Herz der alten Stadt. Die Dreifaltigkeitssäule war eine versteinerte Ekstase, die in Erdenlust und -Wehe nach dem Himmel schrie. Es wollte ihn bedünken, als ob seine Seele von einer ähnlichen Verzückung wüßte und hier ihr Gleichnis erblickte. Drüben in dem Hause, wo zwei wuchtige Atlanten den Torbogen stützten, war die Geymüllerische Wohnung. Die Fenster waren hell erleuchtet, zuweilen zeichnete sich ein menschlicher Schattenriß auf den weißen Vorhängen ab.

»Em End' ist gar wieder der Kammersänger Vogl oben, dann geh' ich lieber gar nicht hinauf,« überlegte der Dichter, der sich von dem allzu selbstbewußten Wesen des Opernsängers abgestoßen fühlte. Aber der Gedanke an die Paumgartten siegte über jedes Bedenken.

Im Hausflur an der breiten Treppe brannte ein Öllämpchen. Der Dichter und Konzeptspraktikant blieb stehen, sah sich scheu um und horchte. Alles blieb still. Dann zog er rasch einen Taschenspiegel heraus, musterte sein blasses Gesicht, das ganz deutliche Spuren innerer Kämpfe eingeprägt hatte, und zupfte noch ein wenig an den Kleidern herum. Die sorgfältig gescheitelten Locken, die kunstreich geschlungene Krawatte mit der altväterischen Busennadel, die dünne venezianische Goldkette, die um den Hals gelegt war, alles befand sich in Ordnung. So schritt er denn, eine gewisse Schüchternheit, die ihn vor jeder fremden Tür anwandelte, überwindend, die Treppe hinauf und klopfte, nicht zu laut, aber auch nicht zu leise, gerade wie sich's gehörte. Er war peinlich in solchen Dingen. Ein nettes Hausmädchen mit weißer Schürze öffnete alsogleich.

»Küß die Hand, Herr von Grillparzer.«

Der Dichter dankte mit einem bloßen Kopfnicken. Fröhlicher Lärm kam ihm wie eine tönende Wolke entgegen, als er das Vorzimmer betrat. Ein bescheidenes Lämpchen verbreitete ein notdürftiges Licht in dem dunklen Raum, darin eine stumme Gesellschaft von glockenförmigen Frauen- und Mädchenhüten, im Schmucke von Bändern und Blumen mit seidenen Zylindern kokettierten, die ihrerseits wieder sich der Spazierstöcke als galantes oder gravitätisches Akkompagnement bedienten. Wie ein elegantes Herrenspalier auf der Promenade standen oder lehnten die Stöcke herum und gaben den Hüten, zu denen sie gehörten, das individuelle Gesicht. Das dünne Rohr mit dem zart gearbeiteten damenhaften Griff verriet den tändelnden Stutzer, der kräftigere hellbraune Stock mit dem elfenbeinernen Frauenleib als Endigung ließ den Weltmann und Schönheitsfreund erkennen, der glatte Elfenbeingriff mit dem Goldkettlein affektierte eine Einfachheit, zu der komplizierte Naturen ihre letzte Zuflucht nehmen, der Lederriemen an jenem derberen Holz hing sicher mit einer etwas spießbürgerlichen Behäbigkeit zusammen, die zarte und dennoch feste Krücke dort ließ einen schon leicht gekrümmten Rücken vermuten, der gerne noch vor schönen Damen Reverenzen machte. Ein ganzer Troß von Überkleidern hing an einem Kleiderstock in der Ecke und glich einer Schar von männlichen und weiblichen Dienstboten, die in respektvoller Entfernung von den Hüten und Stöcken einander die Geheimnisse ihrer Herrschaft zuflüsterten. Grillparzer suchte ein Plätzchen für seinen Hut und seinen Stock, aber die Herrschaften hatten alles besetzt und schienen ihn als unwillkommenen Eindringling zu betrachten. Da schob er sie unwirsch auseinander, zerstörte ein zärtliches tête-à-tête zwischen einem grauseidenen Zylinder und einem spitzenbesetzten Charlotte-Corday-Hütchen, schob seinen eigenen Hut der lieblichen Charlotte so ungestüm auf das zarte Haupt, als ob er sie in einer stürmischen Umarmung an sich gepreßt hätte. Seinen Stock aber legte er wie zur Warnung zwischen seinem seidenen Filz und dem fremden Hut. Noch einen Blick in den blau angelaufenen, etwas matronenhaften Spiegel, eine flüchtige Musterung, dann betrat er durch die offene Flügeltür einen halbdunklen Raum, eine Art Empfangszimmer, das sein Licht durch die offenen Flügeltüren aus dem anstoßenden Salon empfing, wo die Gesellschaft versammelt war. Der Lärm, der von dort herauskam, ein Durcheinander von Stimmen, war nicht unhübsch anzuhören. Musik schien es, zwar ohne Melodie, aber dennoch harmonisch, Rohstoff einer Symphonica domestica. Der Dichter glaubte einige Frauen- und Mädchenstimmen an dem Klang zu erkennen, die sich glockenhell von den baßtiefen Männerstimmen abhoben. Wie Lerchensang stieg das Lachen in die tönenden Wolken empor. Franz glaubte den Liederbaum über sich rauschen zu hören, von dem er unterwegs geträumt. Zögernd leise trat er näher zur Salontüre, da brach plötzlich der Lärm ab, auf dem Klavier schlugen einige kräftige und helle Akkorde an, und eine hinreißend schöne weibliche Stimme sang ein italienisches Lied: »O cara memoria ...«

Die unter dem Kerzenlüster am Klavier saß und sang, war Netty Fröhlich, die er schon bei der Karoline Pichler flüchtig kennen gelernt hatte. Das junge Mädchen hinter der Sängerin, die im Notenblatt am Klavier mitlas, mußte er schon irgendwie getroffen haben. Auch bei der Pichlerin? Oder war's nicht kürzlich auf einem Ball? Ja, so war es. Jetzt kannte er sie. War sie doch eine Schwester der Netty Fröhlich. Wie heißt sie nur? Er erinnerte sich an den Namen Pepi. Ganz richtig, Josefine heißt sie. Soll eine außerordentlich schöne Stimme haben, Siboni bildet sie aus.

Aber wer ist die, die Hübsche in dem duftigen weißen Mullkleid, die links von der Sängerin sitzt? Jetzt fällt ihr das seidene Schultertuch herab, aber sie achtet es nicht. Sie hält horchend den Kopf gesenkt, den Körper leicht nach vorne geneigt, als ob sie von den fliehenden Tönen nachgezogen würde ... Jetzt blickt sie auf, gerade auf ihn, ohne ihn jedoch zu sehen. Saperlot, diese Ähnlichkeit! Kein Zweifel, sie muß auch eine Fröhlich sein. Er weiß von einer dritten Schwester, die mit dem Flötenvirtuosen Bogner, der nebenher Beamter ist – nebenher sind alle Beamte – verheiratet ist. Also müssen's vier Schwestern sein. Die hinter ihr mit den brennenden Augen ist die zarte Piquot. Auch die Mama Piquot ist da, die mit dem weißen, schier gepuderten Kopf und dem rosigen Gesicht. Aber seine Aufmerksamkeit kehrt immer wieder zu der Hübschen zurück, die ihm unbekannt ist, und doch so bekannt scheint. Sie ist vielleicht die Lieblichste unter den Lieblichen, aber er möchte doch gerne einen Makel an ihr entdecken. »Eselsschönheit,« denkt er, »nichts Außergewöhnliches.« Dies alles, während er von dem Gesang ganz hingerissen ist und der dunklen Gefühlsmacht unterliegt. Aber etwas Kritisches ist in ihm, das auf eigene Faust weiterarbeitet und bohrt und bohrt.

Das Lied verstummt, der Bann löst sich allmählich, die Menschen atmen wieder nach dem Rhythmus des eigenen Herzens, der Spektakel geht los. Zuerst Beifallslärm und Bewunderung, dann lösen sich die Gruppen. Auch die Hübsche, die noch eine Weile entrückt dagesessen, findet langsam zu sich zurück. Der späte Ankömmling tritt näher, die Bekannten zu begrüßen, aber da ist schon Karoline Pichler, die ihn längst bemerkt hat und mütterlich in die Arme schließt.

»Mein lieber Dichter,« ihre Anrede ist immer ein wenig pathetisch im Stile des Familienblattes für die vornehme Welt, »denken Sie nur, mein lieber Dichter, ein paar Tage hernach, als Sie mir das Gedicht über unseren blühenden Mandelbaum schickten, kam wirklich Reif und Schnee, wie Sie es in den Versen prophezeit hatten. Die alten Römer hatten recht, wenn sie sagen, daß die Dichter Seher sind.«

Der alten Pichlerin war die dick aufgestrichene Lobrede zu verzeihen; Franz begnügte sich, seine Gereiztheit in einen leichten Spott zu kleiden:

»Heut' hab ich die fixe Idee g'habt, daß mir die drei steinernen Frauenzimmer vom Nornenbrunnen nachg'stiegen sind – glauben Sie, daß die Römer da auch noch recht hab'n?«

Die gelehrte Pichlerin lächelte fein wie eine Sibylle und wiederholte bedeutsam: »– ast sacri vates et divum cura vocamur –«

Der Dichter sah sich nach der Hübschen um. Vergessen war Charlotte Paumgartten, vergessen seine Sehnsucht. O cara memoria!

»Sie kennen Kathi Fröhlich nicht?« rief die Pichlerin über des Dichters Frage erstaunt und zugleich dankbar, denn sie liebte es, die Leute zusammenzuführen und Allerweltstante zu spielen.

Also stand der Herr Konzeptspraktikant und Dichter vor der Kathi Fröhlich, aber er war ganz hilflos vor dem heiteren und schalkhaften Mädchen, das ihn ohne Scheu betrachtete und nach der Förmlichkeit des Vorgestelltwerdens auf eine Anrede zu warten schien.

»Unser lieber Dichter Franz Grillparzer,« hatte die Pichlerin mit mütterlicher Zärtlichkeit zur Kathi Fröhlich gesagt und war dann abgerauscht, das Paar dem eigenen Genius überlassend.

Aber der gute Franz war nur in Gedanken kühn und wußte sich mit dem Mädchen rein gar nichts anzufangen. Die verwünschte Schüchternheit! Die stärksten Vorsätze halfen nichts dagegen. Die Frauenwesen mußten ihm schon selbst entgegenkommen und ein bißchen Mut machen, sonst war's immer ein Malheur.

Um die Lippen des Mädchens ging ein leiser spöttischer Zug. »So schau'n Sie aus,« sagte endlich der liebe Racker.

Der Dichter der »Sappho« und »Medea« wurde empfindlich, der spöttische Ton behagte ihm gar nicht.

»Bin ich Ihnen nöt recht?« versetzte er ein wenig gereizt.

»Hab Sie mir eigentlich anders vorg'stellt.« Sie lächelte noch immer spitzbübisch und bückte zur Seite, wie um das Bild wiederzufinden, das sie sich von dem gefeierten Dichter gemacht hatte.

»Sie müssen mich halt nöt anschau'n, wenn ich Ihnen nöt recht bin,« erwiderte er trocken. Seine Eitelkeit war schon ganz verwundet.

»No, no,« begütigte sie wieder; »ich mein ja nur. Man macht sich halt eine andere Vorstellung. Man hat oft so eine fixe Idee von einem Dichter und ist dann leicht enttäuscht, wenn man ihn wirklich sieht. Ist Ihnen das nicht auch schon vorgekommen?«

»Aber Kathi, red' doch nöt so dumm,« legte sich Netty mit sanft mütterlicher Verweisung ins Mittel; »glauben Sie ihr kein Wort, Herr Grillparzer, sie redet immer das Gegenteil von dem, was sie meint.«

Und als Kathi lebhaft protestieren wollte, fügte sie mit neckischer Drohung hinzu: »Geh sei still, Plaudertaschen, sonst muß ich alles verraten. Sie müssen nämlich wissen, Herr Grillparzer, daß wir alle vier zu den größten Verehrerinnen Ihrer Dichtkunst gehören. Aber die Begeistertste von allen ist die Kathi.«

»Jö, wie sie lügen kann,« platzte die lebhafte Kathi heraus, widersprach sich aber gleich wieder, indem sie erklärte: »Wer würde denn nicht zu den Verehrerinnen gehören?« und trieb eine artig unartige Gaukelei zwischen halbem Widerspruch und halbem Zugeständnis, konnte aber nicht verhüten, daß ihr eine verräterische Röte ins Gesicht schoß, über die sie nur noch verwirrter wurde. Aber sie war nicht faul, mit allerhand »Ja, aber ...« sich selbst und die Schwester Lügen zu strafen, um in der Plänkelei mit dem Gegner eine gedeckte Position zu gewinnen.

Der Dichter hätte bemerken müssen, daß die wider Willen Errötende lieblich dastand wie ein plötzlich aufblühendes Rosenbäumchen, und er hätte sich pflichtschuldigst über den Anblick freuen müssen. Aber jeder poetische Gedanke an die Rosen, und jedes derartige Gleichnis im Hinblick auf diese Mädchenblüte lag ihm jetzt gänzlich fern. Denn es verdroß ihn gewaltig, daß ihm die Schwestern wie einem wehleidigen Knäblein, das ein paar sanfte Rutenstreiche empfangen, nun zum Trost das Zuckerbrot einer Belobung hinreichen wollten. Er achtete gar nicht darauf und war noch ganz erbittert über die Rutenstreiche, als er herausfuhr: »Wie hab'n S' denn eigentlich glaubt, daß ich ausschau?«

Da lachte die Kathi wieder, denn jetzt hatte der Schäker die Oberhand. Mit lebhafter Gebärde, und indem die großen Augen munter und mutwillig umhersprangen, so daß es dem geärgerten Dichter schien, als habe sie nur Augen, suchte sie ihm das auseinanderzusetzen und brachte es kurz und bündig auf die Formel: »Mehr heldenhaft. Mehr Jason!«

»Heiliger Bimbam!« dachte tiefgekränkt der Dichter, »also wie Jason müßt ich aussehn, um der Mamsell zu gefallen!« Er war jetzt ganz gottverlassen und mit Blindheit geschlagen, denn sonst hätte er sehen müssen, daß ihn die Schöne liebreich ansah, und daß ihre Rehaugen Abbitte leisteten wegen der mutwilligen Neckerei. Aber der Groll hatte seinen Sinn aufgerührt und verdunkelt; er empfand eine böse Lust, ihr ein hartes, schmerzendes Wort zu sagen.

»Mamsell Katharina Fröhlich ...« begann er steif und förmlich, sozusagen im Amtsstil, als ob er diese Überschrift auf einen Akt setzen wollte.

»Kathi heiß ich,« fiel ihm treuherzig, aber nicht ohne Schelmerei, das Wiener Bürgerkind ins Wort.

»Ach was,« brauste der Konzeptspraktikant kanzleimäßig auf, »gefällt er Ihnen denn so, dieser Dienstbotennam'?«

Sofort sah er seine grobe Ungeschicklichkeit ein und bereute sie. Lieber hätte er sich in die Zunge gebissen, aber jetzt war's zu spät.

»Patzer, Patzer!« ergrimmte er, diesmal über sich selbst, zur Abwechslung. Er war ganz bestürzt, die Veränderung zu sehen, die in ihrem Gesicht plötzlich vorging. Das Lächeln verblich auf den vollen Lippen, ein Schmerz stieg siedend heiß in die großen schönen Augen – er hätte hinsinken mögen, überwältigt von Weichheit und Rührung, sie um Verzeihung bitten, ihre Hände zu küssen, was freilich nur eine flüchtige Regung war. Vielleicht wenn sie allein gewesen wären, hätte er seiner Eingebung gefolgt und sich wenigstens zu verbessern gesucht; aber die Gegenwart vieler Menschen lähmte ihn ohnehin, und jetzt verließ ihn die Fassung ganz, so daß ihm die weiteren Worte in der Kehle stecken blieben.

Sie sah ihn eine Weile an, schmerzlich, aber ohne Zorn, eigentlich mehr erstaunt und suchend, als ob sie nun erst recht das Bild des Dichters finden müßte.

»Kathi!«

Sie wandte sich ab, um der Schwester, die sie gerufen hatte, beim Suchen in den Notenblättern zu helfen.

Da stand nun der Dichter allein und tief betrübt inmitten der heiteren Gesellschaft. Die Fröhlichkeit war bloßer Lärm für ihn geworden. Je lauter und ungezwungener sich die anderen gaben, desto einsamer und verlassener fühlte er sich. Die Götter trieben argen Spott mit ihrem Liebling. Der Dichter, den die Pichlerin als Seher angerufen hatte, war noch immer von tiefer Blindheit befangen. Denn sonst hätte er vielleicht auch bemerken müssen, daß die junge Piquot, die mit der jüngsten Fröhlich, der zukunftsreichen Pepi, im Fenster stand, ihn mit heißen Blicken betrachtete und in schwärmerischer Anbetung der Freundin gestand: »Sieh nur, diese strahlenden blauen Augen, die das ganze Gesicht verklären! Mehr als die Sonne, ist mir ein Blick von ihm. Der größte Weltbesitz wäre mir eine Locke seiner schönen Haare. Seine Hände küssen und sterben vor Seligkeit!«

Da stand der Tor, der ein Dichter war, in seiner Trübsal und erkannte nicht, daß das Auge der Liebe auf ihm ruhte. Er war froh, daß Netty sich wieder ans Klavier setzte, denn während der Musik konnte er ungestört seinem Trübsinn nachhängen.

»O Bächlein meiner Liebe, wie bist du heut' so stumm ...«

So sang die Sängerin.

»Ist das schön, ist das aber schön!« rief Franz mit einer selten an ihm beobachteten Lebhaftigkeit, als die Sängerin ihr Lied beendet hatte. »Wer hat das gemacht?«

»Den kennst du nicht?« triumphierte der Vetter Sonnleithner und warf sich in die Brust. »Den Schubert kennst du nicht? Ich hab' schon eine Menge Sachen von dem kleinen Wunderkerl.«

Grillparzer schüttelte verneinend den Kopf. Woher auch sollte er ihn kennen? Die Anwesenden stritten um die Ehre, das musikalische Genie entdeckt zu haben, jeder nannte sich Freund des Musikus. Franz aber ward wenig in den heiteren Zirkeln der jungen Welt gesehen und war seine eigenen stillen Wege gegangen.

»Sie können ihn in acht Tagen bei uns kennen lernen,« sagte die Netty Fröhlich; »kommen Sie doch!«

Franz warf einen Blick auf die Kathi, aber die Kathi tat nichts dergleichen.

»Ich werde sehen,« sagte der Dichter, als wollte er sich zweimal bitten lassen.

Aber die Kathi sprach noch immer nicht das aufmunternde Wort. Sie tat, als hörte und sähe sie nichts, obgleich ihre Augen überall waren.

»Ich komme,« sagte Grillparzer zur Netty Fröhlich. Dabei dachte er, ich komme jetzt aus Trotz, gerade weil's der Kathi nicht recht ist.

Als man sich zu einer ziemlich späten Stunde zum Weggehen erhob, gab es im Vorzimmer eine neue Verlegenheit und einen neuen Ärger.

»Ja, wer hat denn das getan?« rief die Kathi mit komischer Übellaune, »mein ganzer Hut verdrückt, die schönen Spitzen! Wer hat denn den schweren Filzhut auf meinen Chapeau gelegt?« Die Augen prüften mit drolligem Ernst das Herrenspalier, nur den Franz wollten sie nicht bemerken. Der nahm demütig seinen Hut und stotterte eine Entschuldigung. »Es war der meinige,« meinte er unterwürfig.

»Das hab ich mir gedacht,« unterbrach ihn das resche Mündchen.

Rasch den Hut aufgestülpt, den Stock unter den Arm, und bei der Tür draußen war er und mit einem Satz unten. Nicht einmal zu grüßen war ihm eingefallen, so giftig war er wieder über die Mamsell Kathi geworden.

Mit dem Stock stieß er aufs Pflaster: »Jetzt komm ich grad nöt!«

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