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Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171117
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I.

Als der Herr Konzeptspraktikant und Dichter Franz Grillparzer bei Geymüller anklopfte, ahnte er nicht, daß das Schicksal in der holdesten weiblichen Verkörperung und folgenschwersten Bedeutung an diesem Abend in dem befreundeten Hause seiner harre.

Er hatte es sich lange überlegt, ehe er sich wirklich entschloß hinzugehen. Die Aussicht, gute Musik zu hören, lockte ihn. Der Gedanke an eine Menge Menschen, der er dort begegnen werde, war ihm zuwider und hielt ihn wieder ab. Er fühlte sich einsam und unglücklich und sehnte sich nach heiterer Geselligkeit; aber neben dieser Sehnsucht erwachte zugleich eine innere Stimme, die wissen wollte, daß er um so melancholischer und grilliger werden würde, je heiterer und ausgelassener um ihn die Gesellschaft wäre. Er wußte schon, daß die Stimme, die ihn abhielt, recht haben könnte; aber auch der Sehnsucht, die ihn hintrieb, mußte er ebenfalls recht geben. So verging die Zeit in selbstquälerischer Unschlüssigkeit, bis der Abend da war, und bis es hieß: entweder – oder!

»Tramhapperter Patzer!« erboste sich der Dichter über die eigene Wankelmütigkeit. »Hast schon dein' Nam' verdient,« schimpfte er in sich hinein; »Grill, Grill, das kommt von den Grillen, die ich g'fangen hab'; und parzer soll besser heißen Patzer! Verpatzer! Lebensverpatzer – einer, der sich das Leben verpatzt und den anderen! Zu dumm so was!«

Kastentüren und Kommodeladen flogen auf, jetzt war er im Schuß. Den neuen blauen Frack heraus, das schönste feingefältelte Hemd, die bauschige Binde aus schwerer Seide, und die große, mit Steinen besetzte Busennadel, ein Erbstück vom Großvater –

»Die Nadel, die Nadel, ja wo is' denn? Ich kann die Nadel nöt finden! Kruzitürken, wo hab ich denn nur die Nadel hin'geben?«

Alle Laden durchgekramt, das oberste zu unterst, er kann die Nadel nicht finden.

»Resi, Resi!« Seine Stimme, die immer bedeckt und verschleiert klingt, gibt sich jetzt hell und frei, ein Wohllaut ist darin, trotzdem er jetzt ärgerlich ist und schreit, was er unter Leuten nie tut. Aber bei der Resi kann er sich gehen lassen, und tärrisch ist sie auch.

Die alte Resi humpelt herein, sieht den Wirrwarr, schlägt die Hände zusammen und jammert: »O mein, o mein, wenn das die selige Frau Mutter wieder seh'n tät!«

»Wenn das die selige Frau Mutter wieder seh'n tät,« äffte sie der Herr Konzeptspraktikant nach, schon ganz weinerlich vor Ärger und Ungeduld und fährt sie dann an: »D' Nadel such ich, alts Hausmöbel. Wo hab'n Sie's denn verräumt, die Nadel?«

»Aber Herr Franz, aber Herr Franz, da is sie ja eh, die Nadel.«

»Ein' Schmarrn ist das die Nadel. Das ist zwar eine Nadel, aber nicht die Nadel, die ich such. Es ist die Nadel, die ich alle Tag trag, ich such aber die alte schöne Nadel, die mit den vielen Steinen, verstehn S' denn nöt?«

»Wir werden s' schon finden,« beschwichtigte die Alte. »So nehmen S' halt heut auch die Alle-Tag-Nadel; die andere wird morgen schon zum Vorschein kommen, wenn ich beim Staubabwischen Zeit hab alle Laden durchz'schaun und in Ordnung zu bringen. Oh mein, der Durcheinand!«

»Verstehst denn nöt, Resi, daß ich die Alle-Tag-Nadel heut nöt nehmen kann? Lieber bleib ich z'haus. Lieber verzicht ich auf alles. Jetzt ist's mir schon zu dumm!« Riß die kunstvoll geschlungene seidene Binde wieder herab, schmiß sie hin und sagte noch zur Bekräftigung seiner Übellaune: »Ich pfeif drauf. Ich mag eh nit hingehn. Sind mir eh zwider die Leut.«

Unterdessen hatte sich die Alte an den vielen Schubfächern des Schreibkastens zu tun gemacht und hob aus der kleinsten Lade triumphierend den gesuchten Gegenstand heraus: »Da is sie ja, die Nadel!«

An Stelle des Ärgers, der das Gesicht alt und mürrisch machte, stand ein Lächeln auf dem plötzlich wieder knabenhaft verjüngten Antlitz des Dichters Franz, und er wiederholte mit denselben Worten: »Da is sie ja, die Nadel!«

So standen beide da, der Herr Franz und die treue Resi, lächelten verklärt und sagten noch einmal, fast zugleich: »Da is sie ja, die Nadel!«

Fast weich und kindlich, ganz im Gegensatz zu seinem vorigen unwirschen Wesen, fügte Franz hinzu: »Die Nadel hätten wir g'funden, Resi, was wir aber nicht mehr finden, das ist mein gut's Mutterl. Die geht uns allen zwein ab, gelt, Resi? Die hätt' die Nadel auf den ersten Griff g'habt. Ich kenn mich halt nimmer aus in meine Sachen, seit sie nöt mehr ist.«

Der Herr Konzeptspraktikant geriet leicht außer Rand und Band, wenn nicht alles nach Wunsch ging. Er hatte als mütterliches Erbteil ein reizbares Nervensystem und die Anlage zur Melancholie und Hypochondrie mit auf den Lebensweg bekommen. Das war verhängnisvoll für den Menschen, vielleicht aber nicht für den Dichter. Er war glücklicher daran als es die Mutter war, und als es seine Brüder waren, die ebenfalls die krankhafte Anlage ererbt hatten, denn Gott hatte es dem Franz gegeben nicht nur zu leiden sondern auch zu sagen, was er litt und also in der Poesie als dem großen Heilmittel der Menschheit Erlösung zu finden. Die unglückliche Mutter hatte in ihrer letzten Lebenszeit an vorübergehenden Geistesstörungen gelitten und in einem Anfall religiösen Wahnsinns Hand an sich gelegt. Sie war keines natürlichen Todes gestorben. Und was den Vater betrifft, der der Mutter im Tod früh vorausgegangen, – o, das war ein gar finsterer, verschlossener Mann! Da war Franzens Jugend so wenig sonnig wie das düstere Elternhaus am Bauernmarkt, das die durch Geistergeschichten und kunterbunt betriebene Lektüre erregte Phantasie des Knaben mit Gespenstern und Märchen bevölkerte. Vielleicht ward damals schon der geistige Grund zur »Ahnfrau« gelegt. Weil der Vater Advokat war und auch die Mutter aus Advokaten- und Juristenkreisen stammte, so war es natürlich, daß die Kinder für die juridische Laufbahn vorbereitet wurden, und daß Franz zunächst in den Staatsdienst kam. Es gab damals nicht viel anderes für die Söhne aus besseren Häusern. Franzens Brüder, erblich noch schwerer belastet als er, waren geschlagene Menschen und konnten in ihr äußeres Leben keine Ordnung bringen, während Franz im Gegensatz zu ihnen manchmal allzu pedantisch und ängstlich war. Tiefe Schatten fielen in das ohnehin leicht zu Trübsinn geneigte Gemüt des Dichters. Er war ein vom Schicksal Gezeichneter. Seine große Reizsamkeit war Segen und Fluch, indem sie dem Dichter frommte und zugleich eine Menge schmerzlicher Konflikte mit dem Leben beschwor, das den empfindsamen, schonungsbedürftigen aber auch ein wenig launischen und grillenhaften Franz nicht so mütterlich behandelte, wie die gute alte Resi es tat.

Als er nun plötzlich zu lamentieren anfing, brauchte es nichts mehr, um das rührsame Herz der alten Dienerin zu ergreifen und die Tränenschleusen zu öffnen. Rasch führten die zitternden Hände das blaue Fürtuch an die schwimmenden Augen, und die Stimme schluchzte halb erstickt: »z' früh verlassen hat sie uns! Die paar Jahrln hätt's doch noch machen können. Das hätt sie noch erleben sollen, die Frau Mutter, den Herrn Sohn zu sehen in dieser Ehr', als großen Dichter ...«

»Hörn S' auf, Resi,« rief Franz mit wackliger Stimme, indem er sich heftig schneuzte, um seinerseits Rührung und Schmerz zu verbergen, den der fremde Schmerz um die Unvergessene wachrief. »Hörn S' doch schon einmal auf, wenn ich sag!«

Von neuem die stattliche Halsbinde gebunden und von der ansehnlichen Busennadel festgehalten, die dunkelblonden Locken schön gescheitelt, den blauen Frack angezogen, die Handschuhe angelegt und den hohen Stock mit Elfenbeingriff hervorgesucht, stand endlich der Herr Konzeptspraktikant und Dichter zusammengewichst da, wie aus dem Schachterl. Die alte Resi hatte die Tränen getrocknet, es war nur ein Übergangl, und betrachtete leuchtenden Blicks den Jüngling, für den sie als Statthalterin der Abgeschiedenen mütterlichen Stolz empfand.

»Herr Franz,« versuchte die Alte zu trösten, indem sie auf ihre Weise einen guten Rat gab, »Herr Franz müssen halt schauen, daß Sie eine recht schöne und brave Braut kriegen, die so gut zu Ihnen ist, wie die selige Frau Mutter war.« Ganz jugendlich wurde das runzlige Gesicht in der schamhaften Röte, die ihr plötzlich aufstieg. Sie bückte sich rasch, um aus einer Lade ein gesticktes Schnupftuch zu nehmen, das sie dem Jüngling hinlegte, der an seinem Zylinder putzte. »Ja, mein, das Bücken fallt einem halt schon schwer, das ganze Blut steigt einem zu Kopf. Werd's halt auch nöt mehr lang machen, und möcht doch die Gewißheit mitnehmen, daß Herr Franz in guten Händen ist.«

»Plapper nicht, Resi,« murrte der Dichter mit komischem Unwillen. »Weiß's eh, daß es keine mehr auf Erden gibt, die so gut ist wie's Mutterl. So wie sie war, find ich keine, und bevor ich eine andere nimm, werd ich lieber ein alter Jungg'sell. Eine richtige Ehe, Resi, das ist eine sehr schwere Sach. Zu zweien eins sein zu können, und nie daran zu erinnern, daß man doch zweierlei ist, das versteht kein Weibsbild heutzutag'. Das versteht nur das Mutterherz. Das gibt's ein zweites Mal nicht mehr. Hab mich viel umgeschaut und keine g'funden, die so viel Achtung und Liebe verdienen würde. Sind alle auf einen Schlag. Weinen ohne traurig zu sein, lachen ohne froh zu sein, scheinen immer anders, als sie wirklich sind und bringen ihrer Gefallsucht jedes, auch das größte Opfer. Koketterie, das ist die Achse, um die sich ihr Denken und Tun dreht. Liebe und Freundschaft werfen s' leichtfertig hin, wenn sie sich damit nur einen Augenblick das Beifallslächeln der Bewunderung erkaufen können. Nein, Resi, bin nix für die Ehe, scheint mir.«

»Jessas, Jessas, grad dasjenige, was Sie sagen, Herr Franz, hab ich mir eh immer selber schon denkt,« erhitzte sich die Alte. »Recht haben S', Herr Franz, nix wert sind s' heut mehr, diese Frauenzimmer. Nöt einmal das Anschauen sind s' wert, ja, das sag ich. Im Grab tät sie sich umdrehn, die selig' Frau Mutter, wenn so eine Schwiegertochter ins Haus käm. Sind alle ein Bund Hadern. Und wenn S' mich fragen, Herr Franz, ich wüßt's rein selber nöt, welche daß gut genug ist für'n Herrn Franz.«

So war es dem Herrn Franz aber auch wieder nicht recht, und er machte eine unwillige Bewegung.

»Na, na, ich wüßt schon eine,« machte sich die Alte wichtig und trippelte näher voll Geheimnistuerei: »Wenigstens weiß ich, wie sie ausschauen müßt', die für Herrn Franz passen tät.«

»Wie denn?«

»Sie wissen's ja eh, Herr Franz, besser als ich,« bedeutete die Alte mit täppischer Vertraulichkeit. »Wenn ich auch eine dumme ungebüldete Person bin, so weiß ich doch, wieviel's g'schlagen hat, da drin im Herzen nämlich. Und wenn ich die Ehr hätt', die Mutter des Herrn Franz selber zu sein, könnt' ich's auch nöt besser wissen. Im Theater hab' ich das neulich derkennt, in Ihnerem Stück, Herr Franz, in der ›Medea‹. Ich hab nöt aufhören können zu weinen, Herr Franz,« und jetzt fuhren die Zipfel des blauen Fürtuches wieder an die Augen, um ein neues Übergangl zu trocknen, »ich hab nöt aufhören können zu weinen, und die Leut um mich herum in der vierten Galerie haben mitg'weint. Mein Lebtag vergiß ich das nöt mehr, so schön war es. Alle haben mich beneidet, als ich in den Pausen erzählt hab, daß ich den Herrn Dichter kenn, und daß ich schon vor dreißig Jahren eine treue Dienerin des Hauses war und seit dem Tode der seligen Frau Mutter wieder die Wirtschaft führ'. Eine Mutter kann nöt stolzer auf ihren geehrten Sohn sein, als ich war, wie mich die Leut ang'schaut und ausg'fragt haben. Diese Begeisterung, Herr Franz, Sie machen sich keinen Begriff. Ja, g'freut Ihnen denn das gar nöt, Herr Franz?! Diese Ideen! Und diese Phantasie! Ich kann mich halt nöt genug wundern, Herr Franz, wo Sie nur den Kopf hernehmen. Nein, diesen Kopf! Wenn das die Frau Mutter, Gott hab s' selig! hätt erleben können! Daß aber die Gute wenigstens beim Herrn Franz sein ersten Stück dabei sein hat können, bei der ›Ahnfrau‹, das ist freilich auch wieder ein Trost. Den Anfang hat s' doch g'sehen, die selige Frau Mutter! Hab immer dran denken müssen.«

Diese Äußerung lenkte die Gedanken des Dichters zurück auf die Erstaufführung der »Ahnfrau«, mit der sein Stern aufging, und die mit ihren halb schmerzlichen, halb komischen Einzelheiten noch recht lebhaft in seiner Erinnerung stand. Da war der Herr Konzeptspraktikant und dramatische Dichter im fadenscheinigen Überrock und mit schülerhafter Schüchternheit zu den Proben in das Theater an der Wien gekommen, wo das Stück zuerst aufgeführt worden war, und er wurde auf der Bühne von den Schauspielern empfangen wie ein junger Gott. Es wurde ihm, er wußte nicht wie. Alle waren entzückt von ihren Rollen und versprachen sich einen ungeheuren Erfolg, nur der Dichter hatte nicht den Mut zu hoffen und sah mit Angst dem Abend entgegen. Die Hofburgschauspielerin Madame Schröder, die zur Aushilfe an diesem Theater mitwirkte, gab in ihrer Freude und Rührung vor allen Kollegen dem Dichter einen Kuß. Der Hofschauspieler Lange und einige andere Mimen machten spöttische Bemerkungen darüber.

»Was wollt ihr,« rief die entflammte Madame Schröder, »soll ich den Mund des Dichters nicht küssen, der soviel schöne Worte gesprochen hat?«

Seine Schamhaftigkeit war damals so übertrieben, daß er sich kaum auf die Gasse wagte, als der Theaterzettel groß an den Straßenecken prangte: »Die Ahnfrau, Trauerspiel in fünf Aufzügen,« ohne Angabe des Autors, denn er hatte sich mit aller Entschiedenheit dagegen gewehrt, daß sein Name beigedruckt würde. Trotzdem empfand er damals diese Kundmachung wie eine persönliche Entblößung. Zur Erstaufführung seines Stückes hatte er gratis drei Sperrsitze in der ersten Galerie bekommen; dort saß er nun mit der Mutter und dem jüngsten Bruder. Sie faßten sich krampfhaft an den Händen, daß die Finger knacksten, aber sie spürten es nicht, so groß war die Aufregung der drei. Der Dichter selbst rezitierte die Verse leise mit ohne es zu wissen. Der jüngere Bruder betete unaufhörlich, daß alles gut ausfallen möge, und die Mutter raunte in einemfort: »Um Gottes willen, Franz, reg dich nöt so auf, du wirst mir noch krank!«

Die Qualen zu verschärfen, begann ein alter Herr vor ihm, der keine Ahnung von des Dichters Nähe hatte, bei einigen starken Szenen halblaut zu kritisieren. Besonders in dem Auftritt, wo dem liebenden Jaromir in der nächtlichen Kapelle statt Bertha die geisterhafte Ahnfrau entgegentritt, wollte dem alten Herrn vollends der Geduldfaden reißen, obgleich die Mehrzahl der Theaterbesucher an den Gruselszenen den meisten Gefallen fand.

»Grell, viel zu grell!« brummte der unzufriedene Herr.

Das Schlimmste war, daß der Dichter selbst vom stärksten Widerwillen gegen sein Stück erfüllt war, als er es aus der visionären Wirklichkeit seiner Gedanken herausgezerrt und in die unechte Wirklichkeit des Rampenlichtes, der Schminke, der Perücken und vor allem auch der geschminkten Rede gestellt sah. Wie zart und schön hatte alles ausgesehen, als er es träumte und dichtete, zart und schön wie die imaginären Figuren verblaßter Gobelins in alten Schlössern; wie roh und gemein sah es jetzt in der falschen Beleuchtung und dem falschen Pathos der gespreizten Schauspieler aus, in einer Darstellung, die wie alles Bühnenmäßige die groben Effekte unterstreicht und die feinen dichterischen Nuancen fallen läßt. Der alte Herr hatte gar nicht unrecht, es war wirklich grell, allzu grell!

Der Dichter konnte schon damals seinen Traum mit dem Leben nicht in Einklang bringen, nicht einmal mit der Bühne, die doch auch nur ein Traumdasein hatte; es war der tragische Konflikt seines Daseins, der sich in allen Formen wiederholte. Damals hatte er beschlossen, seine Stücke nie wieder auf dem Theater ansehen zu wollen, und er hatte es gehalten, was er gelobte.

Die alte Resi faselte unterdessen von der »Medea« weiter.

»Wir haben alle einen fürchterlichen Zorn auf dieses grausliche Frauenzimmer g'habt, auf diese Medea; hinunterschreien hätten wir mögen von der Galerie, und dann hat s' uns doch wieder derbarmt. Wir haben nur die furchtbare Angst ausg'standen, daß sie am End nöt doch der Kreusa was antut. Das ist ja der reinste Engel, ein himmlisches Geschöpf, wie man sich's auf Erden gar nöt denken kann. Und gespielt haben s' wieder, gespielt! Nein, hab ich mir denkt, die Braut, die für'n Herrn Franz paßt, die muß so ausschauen wie die Kreusa. Ich hab' gleich verstanden, wie's der Herr Franz gemeint hab'n, das Mutterherz könnt's auch nöt besser verstehn.«

»Aber du weißt doch, Resi, daß eine Kreusa bei uns nöt zu finden ist.«

»Das ist's ja eben, Herr Franz, das ist's ja eben!«

»Da wird mir halt nichts anderes übrig bleiben, als ich heirat dich, Resi,« lachte der Dichter und ging mit leichtem Kopfnicken zur Tür hinaus.

»Mich alts Weib ausspötteln, das ist nöt recht, Herr Franz,« rief ihm gekränkten Tons die treue Resi nach. Aber sie war nicht gekränkt. Mit einem seligen Lächeln machte sie sich daran, die umhergestreuten Dinge in Ordnung zu bringen, mit liebender Sorgfalt alles an seinen rechten Platz zu legen und die Kasten und Laden zu schließen.

»Jung sein möcht man halt wieder, das wär eine Freud',« seufzte sie. Noch nie hatte sie das Altsein so nachdenklich gestimmt als eben jetzt.

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