Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph August Lux >

Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171117
projectida17e57cd
Schließen

Navigation:

XVI.

»Spinn, spinn, o Tochter mein,
Morgen kommt der Freier dein.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –«

Immer wenn sie bei der Arbeit saß, summte Kathi das Gesätzlein, das ihr von der Landstraße zugeflogen war, vor sich hin. »Immer fällt mir das dumme Liedel ein! Ich hör' sie noch mit ihren Gitarren und Ziehharmoniken, als ob s' da unten stehen würden.« Sie ärgerte sich schon. Es war gar keine lustige Weise. Die erste und zweite Zeile sang sie ganz unbewußt, bei der dritten und vierten hielt sie inne oder fing wieder von vorne an. »Spinn, spinn ...«

Der Sommer war da, und es gab noch so viel zu sorgen, für die anderen und für sich selbst. Es ging ja alles so langsam von statten.

Der Geburtstag der Gosmar war inzwischen gekommen, Grillparzer hatte ein hübsches Gedicht gemacht: »Leise klopf ich mit gekrümmtem Finger ...«, Schubert sollte es in Musik setzen.

»Na, geben Sie's einmal her!«

Dann nahm er das Blatt, lehnte sich ans Klavier, las es und überlas es noch einmal.

»Ei, ist das schön – ist das aber schön!« rief er unwillkürlich, sah eine Weile sinnend über das Papier hinweg und sagte: »So, es ist schon fertig – ich hab's schon.«

Ich hab's schon! Der Glückliche, der es vom lieben Gott hatte, wie leicht sich der tat! Nahm das Blatt und versprach in einigen Tagen die fertige Musik zu bringen.

Schön, ja wirklich schön war das Gedicht! Kathi war so stolz darauf, ganz glücklich darüber, denn es stand so viel von Liebe und Freundschaft darin, und wie selten und kostbar die Menschen seien, die uns geneigt und hold sind. Was konnte er denn anderes gemeint haben als die Liebe und Freundschaft, die ihn mit ihr verband? Was ging ihn die Gosmar an, die er kaum kannte? Es war nur eine der vielen Gelegenheiten, eine verhüllte Huldigung darzubringen, die vor allem ihr galt, ihr, der Kathi! Aber nur nicht merken lassen, nein, das wäre ganz gefehlt! Sie wußte es jetzt schon, wie er es meinte, und nahm sich selber in acht, daß es nicht laut wurde, wie stolz und glücklich sie über diese Kleinigkeit war, die für sie nichts Kleines bedeutete. Lieber einen schlechten Witz gerissen, als etwas verraten.

»Drum, wenn Freundschaft, Liebe spricht,
Freundin, Liebchen, schlaf' du nicht.«

Eher noch hätte sie ihm erklärt, daß sie solche Verse schon auf Katarrhzelteln gelesen hätte, bevor sie gestanden haben würde, daß sie diese beiden Zeilen Tag für Tag innig wie ein Abend- und Morgengebet sprach. Sie war keine der zehn törichten Jungfrauen, die schliefen, wenn Freundschaft und Liebe sprach, o nein, sie wachte, wachte und spann, und wenn wirklich eine Träne rann, dann war es eine heimliche Träne des Glücks!

Das Meisterlein brachte die Komposition, ein Frauensolo für Pepi und ein Frauenchor dazu für die Schülerinnen Nettis. Nun ging's an das Einstudieren, wieder war viel Zeit damit vertan, und die eigenen Angelegenheiten der Kathi, wenn sie auch nicht unmittelbar mit dem Ständchen zu tun hatte, mußten in den Hintergrund geschoben werden. So gab's halt immer für andere zu tun. Aber endlich war auch das vorüber.

Der Geburtstag war da, also auf nach Döbling! Drei Stellwagen faßten den schneeigen Mädchenfrühling. Alles verlief programmäßig, das Klavier stand unter den Gartenfenstern und im Halbkreis herum auf grünem Rasen der weiße Reigen. Nur Schubert fehlte. Wo er denn steckt? Es ging zwar ohne ihn auch, aber ärgerlich war's doch. Vergessen, wahrscheinlich hat er vergessen darauf. Kathi nahm sich vor, ihn tüchtig auszuzanken.

Er war so unverläßlich geworden in der letzten Zeit, die Freunde hatten schon über ihn geklagt, daß er sich verbummele. Er arbeitete zwar, oh, was das betrifft! so viel, daß einem angst und bange wurde, und daß man meinte, er müsse sich in der Bruthitze des Schaffens verbrennen. Und eins schöner als das andere! Aber alles achtlos wieder liegen gelassen, verworfen, in alle Winkel gestreut, als wär's nicht Gold, das er, der arme, reiche Verschwender um sich warf.

»Wenn er doch nur das Trinken ließe, das muß ja den gesündesten Menschen auf den Hund bringen!« So hörte man über ihn klagen. Oder war es nur Tratsch? So neulich in einer Familie auf der Landstraße, wo 'er immer hinlief. Dort sollen sie ihn eines Abends ins Nebenzimmer getragen und aufs Kanapee gelegt haben, so sehr hatte er sich beim Wein übernommen.

»Pfui, wie abscheulich!« Aber Gott, man soll vielleicht nicht alles glauben, den besten Menschen wird gerne das Schlechteste nachgesagt! Nur daß er an dem wundervollen Abend nicht gekommen ist, das soll ihm nicht geschenkt werden! Er geht doch sonst so gerne nach Döbling! Also! Kathi nahm alles heißblütig.

Die Guten! Bei aller Liebe und Freundschaft konnten sie doch nicht verstehen, was das wortkarge Meisterlein im Innersten bewegte. Noch einmal war er draußen gewesen, seiner großen Sehnsucht zu folgen, noch einmal war er in den stillen Gassen gewandelt, immer auf den Spuren des großen Meisters, hatte in die alten Häuser und Höfe hineingeblickt, war tief bekümmert über den Heiligenstädterplatz gegangen, wo hinten in dem breitgelagerten Haus die Weinbauern lärmten, hatte sich scheu in der Eroicagasse umgesehen – und war geflohen. Fremde, gleichgültige Menschen sahen aus den Fenstern, die Häuser dünkten ihn leer, die Liebe war tot, die draußen am Ende des Weges in Grinzing gewartet hatte, und das große Herz, das in gewaltigen Schmerzen von der Freude sang, schlug nicht mehr.

Ach, diese Wehmut der früher begangenen Wege! Es ist, als ob sie eine Stimme hätten und ein Herzklopfen, und die Stimme mahnt an Glück und Leid, das gewesen ist, und das Herzklopfen kommt von der Furcht, seinem entfremdeten Selbst zu begegnen. Bum! bum! bum! tönt dieses Herzklopfen wie eine marternde Trauermusik, und weckt ein Gefühl, als ginge man hinter dem eigenen Leichenzug einher.

»Bum! bum! bum!« Jenes unbarmherzige Pochen lief ihm nach wie eine Geisterstimme und scheuchte ihn ruhelos hin und her. Er konnte nur in Tönen sagen, wie ihm war, daß sie es doch verstehen mochten! Da hinaus aber ging er nicht wieder, es wurde ihm dort ganz wund und weh. Man ist früher schon voll Schmerz und Sehnsucht diese Wege gelaufen, und wußte nicht, wie glücklich man hier war, trotz Liebesleid und Schaffensnot. Und als man so glücklich war, wußte man's nicht, und ehe man's erfuhr, war das Glück schon wieder dahin. Vorbei, vorbei, so war's dem immer gegangen, den die anderen für ein ausgemachtes Glückskind hielten.

Das Ständchen war so schön, und Netty beschloß, es im Musikvereinssaal in den Tuchlauben zur Aufführung zu bringen.

»Das wird ein Fressen sein für Schubert!« frohlockte Kathi, denn es war bestimmt, daß der Komponist die Aufführung dirigieren sollte. Wieder eine Gelegenheit, den Säumigen und Lässigen mit dem großen Publikum bekannt zu machen und ihn vorwärts zu bringen.

Der Saal war übervoll, der Vortrag sollte beginnen, aber wer wieder nicht kam, das war der Schubert Franzi, diesmal die Hauptperson.

»Das sieht ihm ähnlich!« schimpfte Kathi.

Was war zu tun? Da hatte einer den Einfall auf die Brandstatt zu laufen und dort im Gasthaus »Zur Eiche« nach dem Tondichter zu forschen. Richtig saß er da ganz gemütlich hinter einem Glas Bier. Wütend fiel Kathi über ihn in der Garderobe her, als er angestürzt kam: »Oh, Sie Vergißmeinnicht! Aufs Trinken aber vergessen Sie nicht, was?!«

Er nickte hilflos: »Ja, ich hab wirklich ganz vergessen!«

Und nachher, als alles glänzend abgelaufen war, stammelte er freudigen Gesichts: »Wahrhaftig, ich hab' nicht geglaubt, daß 's doch so schön wäre!«

Nun wurde ihm erst gehörig der Kopf gewaschen. Er lächelte bloß. Was sie nur wollten? Er begriff ihren Eifer nicht. Das bissel Trinken! Er trug einen unbestimmten Schmerz und die unbefriedigte Sehnsucht nach etwas Großem, nach dem unendlichen Glück. Er, den sie den Glücklichen nannten! Vielleicht war es nur der Schmerz und die Sehnsucht seiner Zeit und der Menschen, die in dieser Zeit lebten. Sie alle verlangten ein großes, unnennbares Glück und litten, weil sie es nicht finden konnten. Und er, der scheinbar so Zufriedene, litt mehr als die anderen. Denn er war auserwählt als Leidensträger und Glücksverkünder und wußte um alle Qualen des Herzens und um das Brennen der ewigen Sehnsucht. Dieses Brennen wollte gestillt und vergessen sein. Der Rausch der Arbeit war das eine Mittel der Betäubung, und wenn dieses nicht fruchtete, dann mußte der Wein als Hüter seiner Muse ein neues, wenn auch oft täuschendes Kraftgefühl erzeugen. Nie flossen die Melodien so voll und herrlich als jetzt, da der Glückliche so schwer an diesem Leben trug. Und immer dieses Aufreißen der Brust, dem Pelikan gleich, der sein Blut hinströmen läßt, die Lechzenden zu laben. Denn alle waren Lechzende und suchten wenigstens in der Musik das Labsal, das sonst im Leben so schwer zu finden war. Das glückliche Meisterlein trug auch eine tönende Himmelskrone, nur wußten die anderen nicht, daß es eine Dornenkrone war.

Jener andere Meister Franz, der selbst ein stiller Tragiker war, der Dichter und Hofkonzipist, betrachtete ihn mitleidig: »So sieht ein Glücklicher aus! Wo ist eigentlich das Glück?«

Er selbst hätte es gern erfragt und rief verlangend danach und hoffte es von diesem Sänger zu erfahren, aber auch ihm gab eine Geisterstimme die grausame Antwort auf diese bange Frage: »Wo du nicht bist, da ist das Glück!«

Ach, und wie es diesem armen Grillparzer mitspielte, das war nicht mehr schön. Ein neues Stück von ihm, das zur Aufführung gekommen war, hatte neuen Undank, neues Verkennen, neuen Haß eingebracht. Das war der Lohn, den der »treue Diener seines Herrn« empfing.

»In Österreich scheint kein Platz für mich zu sein,« klagte er in tiefster Entmutigung, »und doch könnte ich lieber alles tun und leiden, als es verlassen.« Der Gedanke ans Fortgehen war eine schöne Rosine; auch damit war es nichts mehr. Seit er im Reich draußen war, wußte er, daß er ohne den Anblick des alten Steffels nicht leben könnte. Und dann – wer fragte draußen nach ihm?

Trübe Aussichten! Alle Hoffnungen auf Besserung hatten sich als eitel und nichtig erwiesen. Je mehr die Welt fortschritt, desto übler wurde sie.

»Spinn, spinn ...« Die Hochzeit naht, die hohe Zeit!

Doch gemach! Nicht so schnell! Wie konnte man denn jetzt heiraten in dieser miserablen Zeit? Lieber noch einen kleinen Aufschub, ein Vierteljährchen, ein kleines Halbjahr, dann wird sich alles zum besten wenden. Bis dahin würde die dichterische Frucht aus dem Garten ihrer Liebe zur Vollendung gereift sein. War ein schöneres Hochzeitsgeschenk zu denken als »Hero und Leander«? Und welcher Reichtum von Hoffnungen hing daran! Vor allem aber handelte es sich um dieses: fertig werden, die Ernte unter Dach und Fach bringen, denn dann kamen andere Zeiten und andere Gefühle, und wer weiß, ob sie dann noch diesen Sinn und diese Kraft haben würden, den schäumenden Liebestrank hervorzubringen, so er in diesem edlen Gefäß der Dichtung perlte und brauste.

Um diesen Preis zu warten, oh wie gerne! Es war kein Opfer für Kathi, die ja immer mehr für die anderen als für sich lebte. Und da behaupten die Leute noch, sie sei eigensinnig! Was ist ein halbes Jährchen gegen die Ewigkeit, für die man ja dann oder eigentlich schon jetzt einander angehörte? Sie war glücklich.

Trotzdem prägten sich in Kathis schönem Gesicht ein paar Linien von den Mundwinkeln her tiefer ein. Sie ging oft tagelang mit einem Gefühl der Gereiztheit umher, das so stark und schmerzhaft wurde, daß es ihr Tränen erpreßte. Ohne äußere Ursache, niemand hatte ihr etwas getan, kein böses Wort war gefallen, mußte sie plötzlich weinen. Dieses krampfhafte An-sich-halten und Beherrschtsein, diese unbestimmte Furcht vor dem Nichts, oder vor dem eigenen Temperament, oder vor dem Schicksal, oder vor nichtigen und zugleich erschreckenden Anzeichen – manchmal wurde es halt zu viel. Dann gab's kritische Zeiten. Lostage, verhängnisvolle Augenblicke für das wetterwendische Gemüt.

»Mädchen spann, die Träne rann ...« Aber da lächelte sie schon wieder unter Tränen, eine glückliche Braut! Nur nicht verzagen, Kopf oben und festhalten das Glück!

Ein schweres Ding.

Die mühsam errungene Haltung konnte freilich auch zur Unzeit in Brüche gehen. So einmal im Burgtheater. Die Fröhlichs saßen oben im zweiten Stock, Grillparzer unten im Parkett. Ein kokett verführerisches Weib nickte und lächelte ihm zu – Daffingers Frau. Sie war versöhnt mit ihrem Schicksal und ihrem Dichter; sie nahm das Leben leicht. Der Gatte saß daneben, finster und mürrisch. Er sah gar nicht mehr aus wie ein lockerer Zeisig, sondern wie einer, dem nicht wohl ist in seiner Haut. Jetzt hatte er sein liebes Kreuz und wachte mit den Argusaugen der Eifersucht auf ihre Blicke und Gebärden. Aber sie tat, was sie wollte. Wildfang! Sie war schöner als je, und ihre Augen gefährlicher als damals hinter den Fenstern in der dunklen Ballgasse.

Der eitle, prahlerische Daffinger hatte darauf bestanden, den Dichter an der Hochzeitstafel zu sehen; der war gekommen, widerwillig zwar und gezwungenermaßen, um ein bösartig aufzüngelndes Gerede da und dort zu widerlegen. Und hatte dann und wann, gleichsam die Unbefangenheit sichtbar zu machen, den Künstler bei der Arbeit aufgesucht, den Händen zugesehen, die so fein, geistreich und genial beim Werk waren, und sich von neuem über den Menschen entsetzt. Wie konnte der grob und gewalttätig gegen Marie sein! Rein aus eifersüchtiger Liebe. Das war dem Dichter innerlich nicht fremd, er mochte dunkel empfinden, hier sein vergröbertes Gegenbild zu finden; er verabscheute es vielleicht gerade deshalb um so mehr. Und konnte es nicht verhüten, daß er nach und nach in die fatale Lage eines Vertrauten der beiden Ehegatten geriet. Der Mann klagte bei ihm heimlich über sie; sie über ihn. Wobei der Dichter in der seltsamen Rolle eines Hausfriedensstifters unwillkürlich zu ihren Gunsten entschied. Zunächst war es ja Mitleid und der fromme Wunsch, eine Gewissensschuld abzutragen. Das aber war wieder nicht ganz ungefährlich; die neuen Geheimnisse konnten eine Schlinge sein, die beiden heimlichen Sünder in die alte Schuld hinabzuziehen, tiefer als je. Die Blicke der unbedenklichen, schönen Frau sagten vielleicht mehr, als er jetzt wissen wollte.

Als Daffinger nun merkte, daß ihr Nicken und Grüßen dem Dichter galt, war er beruhigt. Jetzt lächelte er auch. Von dem war ja nichts zu fürchten. Der war ja mit ihm im Bunde und sozusagen der Schutzpatron seines Hausfriedens.

Dafür aber wachten nicht weniger scharfe Argusaugen der eifersüchtigen Liebe im zweiten Stock, die Meister Franz, den Dichter, beobachteten.

»Gott, was ist das mit den Weibsbildern, die so mit ihm tun?! Schon wieder eine!«

Aus dem Kranz holder Frauen unten ging wieder eine auf ihn zu, die ebenso schöne als gelehrte Charlotte: »Mit Dante möchte ich sagen: nessun maggior dolore che ricordarsi del tempo felice nella miseria!«

»Nella Miseria?« fragte der Dichter, als ob er von nichts wüßte, obschon er ihr längst einen poetischen Abschiedsgruß geschickt hatte:

»Seitdem irr' ich verbannt, alleine,
Betrüge andre so wie mich;
Du aber, armes Weib, beweine,
Den du verloren ewiglich!«

Zwar konnte der Leidenszug ihres Antlitzes, der Krankheit oder Siechtum inmitten noch nicht ganz verblühter Jugendschönheit verkündete, dem Zitat von der miseria eine naheliegende Deutung geben.

Was fragte er also heuchlerisch: »Nella miseria?!«

Sie jedoch, die Feine und Schlaue, tat wieder so vertraut und unbekümmert, wie sie früher getan, gar nicht im Sinne dieser Abschiedsverse; sie hatte gar viel Neues zu sagen, erbat sich seinen Arm und wollte in den Wandelgang hinaus.

Der Theaterdiener riß die Tür auf, unwillkürlich blieben sie stehen und warfen einen Blick hinauf in den zweiten Stock; ein kleiner Schrei war oben ertönt, leicht wie das Zerspringen eines Glases, und doch hörbar genug, daß im Lärm der Pause alles hinaufsah.

Dort oben war lebhafte Bewegung und Aufregung; die Plätze der Fröhlichs waren mit einemmal leer.

»Wer war das, wer war das?« flog unten die neugierige Frage von Mund zu Mund. Und jemand, ein ganz ahnungsloser Jemand, der zufällig in der Nähe Grillparzers stand, ward plötzlich zum Sprachrohr des Schicksals und ließ das orakelhafte Wort fallen: »Ach, die ewige Braut!«

Aber so konnte es passieren, daß jemand ein kostbares Krüglein, darin seine Gelübde, seine Wünsche, seine Hoffnungen, seine Tränen aufgespart liegen, mit krampfhafter Ängstlichkeit über steinige, gefahrvolle Pfade trägt, um, ganz nahe am Ziel, an irgendeine harmlose Ecke anzustoßen und hinzustürzen. Da liegt es, das Krüglein, in tausend Scherben! Die arme Kathi! Sie hatte sich alles so fest vorgenommen: Kopf hoch ... und nicht locker lassen ... das Glück fest halten, denn dies war ein solches Krüglein voll Hoffnungen und Tränen ... Geduld vor allem, Geduld, – beim Teufel war's! Man ist eben nur ein Mensch. Dieses unerträgliche Warten und Warten bei einem durchgängerischen Temperament, dieses gewaltsame An-sich-halten und Zurückdrängen, diese aufreibende Spannung – wer hält denn das auf die Dauer aus? Ein schlimmer Augenblick, eine fixe Idee, ein böser Wahn und das mühsame Werk der Selbstbeherrschung war dahin. Verpfuscht und dahin.

»Kathi, Kathi!«

Netty und Pepi konnten nur Augen machen, den Kopf schütteln und sagen im Ton des tiefsten Vorwurfes:

»Kathi, Kathi!«

Mitleid war freilich auch dabei und menschliches Verstehen. Es war ja allzu begreiflich! Wasser her, die Schläfen und Pulse der halb Ohnmächtigen zu netzen, die wieder ihren Weinkrampf bekam, und fort aus dem Theater, eilends heim!

»Wie die Leute alle schauen!«

»Ist doch ein Skandal! Ein rechter Skandal!«

*

Mehrere Tage vergingen, ehe Grillparzer wieder in den vierten Stock zu den Fröhlichs hinaufkletterte. Er war sehr ärgerlich. Dieses ungezügelte Betragen im Theater, wo ohnehin alle Leute die Augen auf ihr hatten! Das war gar zu arg. Was sie doch nur gehabt hat? Es war ihm nicht ganz geheuer zumute, darum hatte er die der Kathi zugedachte Strafpredigt von Tag zu Tag verschoben. Nun aber durfte nicht länger gewartet werden.

Beim Fröhlichschen Hause begegneten ihm Frau Butterstößel und Minna Süßholz. Das auch noch! Diese Brunnenvergifterinnen! War das ein Umgang für Kathi? Diese bösen Vetteln, die überall Zwietracht säten, wo sie hinkamen! Giftig sah er die Klatschbasen an, die aus dem Fröhlichschen Hause huschten und mit einem scheuen Seitenblick an ihm vorübergingen.

»Daß denen der Stuhl vor die Tür g'setzt wird, dafür soll jetzt gesorgt werden!« Gelobte sich's und stürmte hinauf.

Es kam freilich ein wenig anders, als er erwartet hatte.

Waren das unerhörte Dinge, die Kathi in den letzten Tagen erfahren mußte! Soeben hatte sie ein paar Ohrenbläser zur Tür hinausgejagt, diese nichtswürdige Butterstößel und ihre wahlverwandte Freundin Süßholz. Würde sie den schmutzigen Angebereien geglaubt haben, wenn sie nicht selbst im Theater mit eigenen Augen die Beweise seiner Treulosigkeit gesehen hätte? War es nicht Schuldbewußtsein, das ihn tagelang fern hielt?

»Treulosigkeit? Schuldbewußtsein?«

Er war betroffen. »Was sind das für Worte? Was soll diese üble Laune heißen? Ist das ein Empfang?«

»Laß mich!« Sie setzt sich hin und weint.

Er wird immer ängstlicher. »Schon wieder Tränen ...!«

»Freilich, es bedeutet dir gar nichts, wenn ich weinen muß!«

»Wie kannst du das sagen? Du weißt doch, es ärgert mich!«

»Ärgern tut's dich? Oh, oh, oh! Weh tun sollt es dir!«

»Nein, grundlose Tränen ärgern mich.«

»Du erpreßt sie mir: Deine Grausamkeit, deine ...«

»Was, ich grausam?! Ich bin nicht grausam; lammfromm bin ich, geduldig wie ein Schaf, ich lasse mich um den Finger wickeln, aber ich lasse mich nicht quälen, nicht hofmeistern, nicht peinigen ... Sag doch lieber gleich, was dir über die Leber gelaufen ist, damit man weiß, wie man daran ist.«

»Also meinetwegen – – Du hast gestern wieder mit der Paumgartten gesprochen.«

»Was ist dabei?«

»Man redet mancherlei von ihr; sie hat einen schlechten Ruf.«

»Lächerliche Eifersucht!«

»Du nimmst diese Person noch in Schutz, ist es also wahr, du liebst sie ...«

»Kathi!«

»Oh ich Betrogene, ich Unglückliche!«

Heftige Auftritte waren bei Kathi nichts Seltenes gewesen; diesmal aber wurde es ärger als je.

»Alles weiß ich, du kannst es nicht leugnen, oh mein Gott!« tobte sie.

»Hm!« Er wurde finster, verschlossen, hart. Das brachte sie noch mehr auf.

»Also wahr! Alles wahr! Auch das mit der Smollenitz?«

»Hm.«

»Und das Pfänderspiel?«

»Hm.«

Und dies und das, die Geheimnisse der dunklen Gasse, alte Geschichten, die vergessen und begraben schienen, und die plötzlich mit Schlamm und Unrat ans Tageslicht traten wie Leichname, die von einer Überschwemmung aus den Gräbern gerissen wurden und in trüben Fluten dahergeschwommen kamen um zu klagen, anzuklagen und zu rächen.

»Gott im Himmel, das alles wissen die Leute, und woher, woher?« murmelte er. Hatten die alten Mauern, die Steine im dunklen Gäßchen einen Mund um zu reden? Hatte sich das spähende Ölflämmchen in der windgebeutelten Laterne in eine böse Lästerzunge verwandelt? »Es ist zu viel,« er konnte nichts wie dieses sagen, »es ist zu viel!«

Nun hätte Schröder die Kathi sehen müssen, und er würde dennoch an ihre theatralische Mission geglaubt haben. Wie sie ganz Fels war bei seinem Kommen, wie sie sich plötzlich herausschleuderte aus der Erstarrung, ein zündender Funke, der aus dem Kiesel springt, ein Emporschäumen wie die Woge, die alle Dämme einreißt, und dann wieder ein hilfloses Zusammenbrechen in der Schwachheit eines Kindes.

»Prachtvoll, prachtvoll!« hätte er vielleicht gesagt und mit vollen Händen Beifall geklatscht. Denn für ihn lag das Leben und der Ernst nur im Spiel.

Der aber, für den dieses Spiel bitterer Ernst war, fand es gar nicht prachtvoll. Sie hatte ausgetobt; die Ungebändigte, und wollte nun getröstet, gestreichelt und liebkost sein. Nicht von den Schwestern, die zuvor noch machtlos über sie waren, nein, von ihm, der sie aufs schwerste gekränkt hatte, und der ihre Verzeihung erflehen sollte, die ihm schon in dem Augenblicke ward, als ihr ausbrechender Zorn verebbte. Ihre Liebe hatte gedroht, gestraft, gewettert und war auch schon bereit, lächelnd zu vergeben.

Er aber bat nicht, streichelte nicht, liebkoste nicht. Er grub in sich hinein, um das Übermaß seiner Liebe gegen das Übermaß der ihrigen zu halten, er grub und grub, und wendete jedes Gefühl um und um und fand, daß seine Brust leer war. Die Liebe war verbraucht, langsam aufgezehrt und aufgerieben im ermüdenden Kleinkrieg, gestorben. Wie lange schon? Er wußte es nicht. Daß sie tot war, wußte er jetzt erst.

Die Schwestern redeten und redeten, und er hörte, was sie sagten, Worte, Worte, und er sagte auch wieder Worte, Worte: »Ja, ja, es ist wahr, ihr habt recht.«

»Sie ist von Sinnen gewesen, sie wußte nicht, was sie redete, man darf es bei ihr nicht so genau nehmen, sie leidet an einem krankhaft überreizten Zustand, sie hat sich überarbeitet, mein Gott, und das Warten und Hoffen und Harren ... wer kann ihr's denn verübeln!« So sagte die Netty, so sagte die Pepi.

Und er stimmte zu, aber er tröstete nicht, er streichelte nicht und liebkoste nicht.

»Bist böse?«

»Aber nein. Warum denn? Gar keine Spur!«

Doch als er ging, da wußten alle: aus ist es, wahrscheinlich für immer!

Kathi hob ihr Antlitz aus den Tränen und sah die Schwestern angstvoll fragend an. In ihren schmerzlichen Gesichtern konnte sie den unausgesprochenen Gedanken lesen:

» Die war schon verheuratet

Und als ob sie diese stumme Antwort verstanden hätte, sank sie wieder in sich zusammen und weinte in ihr Tüchlein.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.