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Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 16
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171117
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XIV.

»Es gibt doch nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Wien!« hatte Kathi mit einem Seufzer der Erleichterung ausgerufen, als sie und Pepi nach endloser Fahrt mit dem Eilpostwagen über dem gelben Flachland wieder die blaue Silhouette des Kahlengebirges auftauchen und alsbald auch die Silberspange der Donau blitzen sahen. Die dürren Klepper rochen den Hafer und beschleunigten den müden Gang, die Koffer und Schachteln hopsten auf dem Wagenoberteil, die Schleier der Gu-Gu-Hüte flatterten, zwei weiße Tüchlein wurden von Grußhänden geschwenkt. Es war ein lustiger Anblick. Jeder, der des Weges kam, verdrehte die Augen nach den zwei hübschen Frauenzimmern, die in hellen, gebauschten Kleidern auf den Vordersitzen hinter dem Schwager saßen, blieb stehen, warf eine Kußhand oder ein verliebtes Wort hinauf und mußte dann fluchend Staub fressen, der wie eine geblähte Wolke hinter den großen Rädern einherfegte. Eine große Ausflüglergesellschaft mit Gitarren und Ziehharmonika kam daher, spielte und sang zum Spaß den sauberen Weibsbildern oben rasch ein Ständchen:

»Spinn, spinn, o Tochter mein,
Morgen kommt der Freier dein.
Mägdlein spann, die Träne rann.
Nie doch kam der Freiersmann.«

Man spürte, daß man wieder in der wein- und liedergesegneten Wiener Gegend war.

Die sauberen Weibsbilder am offenen Vordersitz waren Kathi und Pepi, die sich beim letzten Pferdewechsel die Plätze oben gesichert hatten. Denn der Abend war schön, man wollte den Blick auf das in allen Fernen doppelt zärtlich geliebte Wien frei genießen, und dann war es auch bei dem dicken alten Herrn mit dem rotbackigen, weinfröhlichen Gesicht im Wagen drinnen nicht mehr auszuhalten. Seine Galanterien wurden immer zudringlicher, und diese Zötchen! Sein Gespräch, so weit man's verstand, bestand nur aus Anzüglichkeiten, und so weit man's nicht verstand, erst recht. Er hatte die Schwestern anfangs interessiert, weil er in den Wiener Theatersachen erfahren schien. Die Sache wurde erst bedenklich, als sie in schlüpfrigen Kulissentratsch ausartete. Darin war er sehr bewandert. »Alleweil fidel, fidö–öl, Kinder!« und dabei ließ er sich auf der letzten Poststation die Weinflasche neu füllen. Aber die Mädchen waren schon entschlüpft, oben bei dem Kutscher war die Luft reiner. »Wer ist dieser Schweinigl da drin?« fragte die resche Kathi den Schwager Postillon. »Pst, pst,« machte der, »halten S' zu Gnaden, ist doch der Herr Hofrat Fuljod vom Hoftheater!« Das Herz tat ihr weh, wenn sie an ihren Franz dachte, der es mit diesem Ungeheuer zu tun hatte.

»Wie mag's ihm jetzt gehen?« Ihre Gedanken waren fest bei Franz verankert. »Wann kommt er zurück? Was er schreibt von draußen, klingt nicht heiter. Er tut mir so leid. Mein Leben würde ich hingeben, wenn ich ihm das bissel Frohsinn erkaufen könnt'!«

»Er macht sich's schwerer, als es ist,« sagte Pepi.

Im Wagen grölte der Hofrat einigen beschwipsten Fußgängern entgegen: »Kinder, immer fidö–öl!«

Kathi schüttelte es, wenn sie seine Stimme hörte. »Ich dank unserm Herrgott, daß ich keine vom Theater bin, wenn ich an den da drinnen denk!«

Aber die trüben und unangenehmen Gedanken verflogen vor dem beglückenden Landschaftsbild, dem sie mit ihren Taschentüchlein entgegenwinkten. Sie waren wie die Bienen, die aus allen Blumen Honig sogen, auch aus bitteren Kelchen.

»Grüß Gott, alter Steffel!« Schlank wie eine Nadel brach der Stefansturm aus dem Dächergewirr hervor.

Jetzt fuhren sie beim Tabor ein, an den geschnittenen Laubwänden des Augartens entlang. Feine Kutschen, elegante Reiter, stutzerhafte Spaziergänger; Heimatluft. Alles, was man anschaut, hat einen feschen Schmiß. Kathi ist wieder ganz hingerissen.

»Es gibt halt nur a Wien ...!«

Und als sie sich zu Hause über die Blumensträuße beugt, mit denen Netty zum festlichen Empfang die Zimmer geschmückt, sagt sie aufatmend: »Überall ist's gut, daheim ist's am besten!«

Sie war jünger und frischer geworden; der verärgerte und schmerzliche Zug, der in letzter Zeit ihr Antlitz vertieft hatte, war verschwunden oder zu sanfter Melancholie gemildert, die jetzt als leichter Schatten hinter ihrer Lustigkeit stand.

Pepi, die dänische Kammersängerin, war noch um eine Schwingung getragener, seit sie in Dresden bei Hof gesungen hatte. Netty, die quecksilberhaft Muntere, war noch ganz eingewickelt vom vielen Alleinsein. Mit den alten Leuten war's ja auch nicht immer ein Vergnügen. »Daß ihr nur wieder da seids!«

Eine neue Zeit begann zu knospen, ein neuer Brautfrühling. Die Stürme lagen weit zurück, man lächelte im Rückblick über die ausgestandenen Schrecken. Man fragte sich vergebens, worüber gestritten und geweint wurde. Nichts, nichts war es, bloß die Liebe hatte geweint. Welches Glück, daß man sich wiederholen durfte, die Sachen von vorne anfangen und, was die Hauptsache ist, besser machen. Jetzt war es leicht, da man aus dem Schaden so klug geworden war. Kathi gelobte sich: »Keinen Eigensinn mehr! Und wenn er ihn hat, dann doppelt nachsichtig sein! Durch Nachgeben recht behalten! Dann kann nichts Übles mehr passieren.«

Man hatte schon Anlaß zum Gerede genug gegeben und mußte jetzt doppelt vorsichtig sein. Alles Trachten und Denken war auf den Zeitpunkt der Vermählung eingestellt, es galt nun alle Kräfte für die nötigen Vorbereitungen aufzuwenden. Bisher hatte sie den Schwestern gedient, jetzt dienten die Schwestern ihr. Da war noch die unleidige Möbelfrage, die gleich ins reine gebracht werden sollte, sobald Franz von der Reise heimkam. Die meiste Zeit nahm freilich die Geselligkeit weg. Kaum waren die Schwestern zurückgekommen, da ging der Rummel von neuem los. Die Leute ließen einfach nicht locker und taten so, als ob sie ohne die Fröhlichs nicht leben könnten. Klementine Ruß brachte immer und immer wieder Einladungen zur Frau von Chezy. Solange es anging, nahmen die Schwestern ihre Zuflucht zu Ausreden, schließlich aber mußten sie in den saueren Apfel beißen. So ganz verderben konnten sie es sich mit der Gesellschaft nicht. Denn man war ja auch auf sie angewiesen.

»Beim Haustheater mitspielen? Was fällt Ihnen denn ein? Gar keine Spur!«

Nein, die Kathi war von diesem Gedanken wirklich weit entfernt. Aber die Klementine Ruß war ein gar lieber Kerl und konnte so schön zureden. Die Kathi war dem schlanken braunen Mädchen, das längst über die Blüte hinaus war, besonders gut. Vielleicht war es der ur-urösterreichische Humor Klementinens, der sie verwandtschaftlich anzog. Vielleicht war es auch was anderes. Die Ruß hatte schwere Herzensprüfungen durchgemacht und ihre Seele nach dem Verlust des Bräutigams der Kunst verschrieben. Jetzt genoß sie als Dichterin und Malerin einen ganz artigen Ruf. Wie fest hatte sie die Zähne aufeinanderbeißen müssen, um manchmal nicht aufzuschreien vor Weh und Sehnsucht! Eine schwere Krankheit beschleunigte die Krisis. Als das überstanden war, stand sie auf, ein neuer heiterer Mensch, dem nichts mehr geschehen konnte. »Wir gründen einen Bund der weiblichen Junggesellen,« sagte sie scherzweise zu den Fröhlichs, denn sie war entschlossen, ledig zu bleiben und schien es auch bei Netty und Pepi vorauszusetzen. Sie hatte sich tapfer durchgerungen. Aber das Herz, das Herz war manchmal widerspenstig, und dann stand das Leid wieder auf. Mahadöh war ihr jüngstes Ereignis gewesen. Doch war sie standhaft genug, immer den Kopf oben zu behalten und rechtzeitig über sich zu lachen, wenn dieses Herz mit dem Verstand durchgehen wollte. An dem gewandten Schober imponierte ihr die listreiche Erfahrung, mit der er in Liebessachen umging. Er wußte so viel, und sie wußte so wenig von den sündhaft heiligen und verbotenen Dingen. Trotzdem aber duldete sie nicht, daß er sie auf »feurigen Armen in den Himmel erhübe«, und wäre es auch der Ehehimmel, den sie sich selbst verschlossen hatte. »Für solche Dummheiten bin ich doch schon zu alt«, pflegte sie zu sagen, obzwar sie hinterher oft bittere Reue empfand, wenn es aus war. Ein tief innerlicher Mensch, war sie später von den glänzenden Äußerlichkeiten Schobers wieder mehr abgestoßen als angezogen, besonders als er von seiner Theaterreise aus Deutschland zurückkehrte, von siegesgewissem Selbstbewußtsein mehr geschwellt denn je. »Mahadöh ist mir gar zu gottähnlich geworden,« spottete Klementine. So triumphierte sie immer wieder über die boshaften Listen und Anfechtungen des kleinen blinden Gottes, der sie ebensowenig verschonte wie die anderen. Aber es konnte ihr wirklich nichts geschehen. Ein gewisses Etwas an ihr, vielleicht jene wunderliche und anziehende Mischung von kurzangebundenem, burschikosem und jungfräulich empfindsamem Wesen, sagte Kathi außerordentlich zu; denn diese Mischung war das Seelenverwandte.

»Sie mit Ihrem herrlichen Bühnentalent dürfen sich nicht so oft bitten lassen; das tun nur stümperhafte Dilettanten. Sie aber werden eines Tages groß oben stehen, das verpflichtet Sie heute schon.« Klementine verstand sich aufs Zureden.

Kathi beharrte bei der Weigerung. Sie werde nie hoch oben stehen, verlange sich's nicht und habe der Laufbahn entsagt, ehe sie sie noch betreten hatte.

»Bauernfeld hat ein Stück geschrieben, das seine Probeaufführung bei Chezys erleben soll. Er meint, Sie wären darin ganz unentbehrlich. Wir meinen es auch. Dieser Bauernfeld kommt jetzt überdies riesig in die Höhe; Schreyvogel hält große Stücke auf ihn, er wird sich die Probeaufführung bei Chezys ansehen. Sie können die Leute wirklich nicht aufsitzen lassen.«

Auch Netty und Pepi waren derselben Meinung wie Klementine. »Also, wenn sich alle schon so darauf freuen, und wenn's nur mehr auf dich ankommt, das Kraut fett zu machen, dann tu ihnen halt noch einmal den Gefallen.«

Kathi konnte ein inneres Widerstreben nicht überwinden. Ein sicheres Gefühl sagte ihr, daß es eine seelische Verfehlung wäre, wenn sie ihrem Gelübde zu Trotz noch einmal, wenn auch wieder nur im privaten Kreise, einen Versuch dieser Art wagen würde; dessenungeachtet sagte sie zu. Die anderen, weniger fein empfindend, hatten ihre Bedenken widerlegt. »Einmal noch! Mit diesem einen Mal lehnst du alles Künftige ab; wenn Franz zurückkommt, ist ohnehin nie wieder davon die Rede, denn dann gibt's ernstere Sachen zu bedenken und Schluß damit.«

»Also nur dieses eine Mal noch!« Was tat man nicht alles, um den Leuten gefällig zu sein. »Dann aber ist es endgültig aus damit. Unwiderruflich aus!« Das muß gleich gesagt sein, daß sie nicht wieder mit diesem Anliegen kommen! Noch einmal, und zwar zum letztenmal wird sie alle Register aufziehen und die »Facetten ihres reich zusammengesetzten Wesens« spielen lassen.

Was wurde bei den Fröhlichs über dieses Wort und über Bauernfeld gewitzelt, als Kathi die neue Rolle lernte. »Wechselbalg!« Man unterhielt sich vortrefflich dabei und freute sich im voraus des kommenden, gelungenen Abends. »Wär doch schad gewesen um das Vergnügen! Warum hätt man denn auch nicht sollen? Alles Einbildung gewesen, was man dagegen hatte!«

Die Rolle war wirklich nicht übel. Dieser Bauernfeld versteht's! Der räumt's dem Kotzebue herunter! Dieser soll sich begraben lassen. Ein Stärkerer ist auferstanden!

Also noch einmal Feuer und Leidenschaft spielen, was mehr galt als in Feuer und Leidenschaft sein! Denn dieses war ein Leidenszustand und jenes ein Tatvollbringen! Dieses war naturrohe Wirklichkeit, jenes stilvollendete Kunst! Noch einmal im Verlauf einer Stunde zu zeigen, wie scheue, zagende Mädchenhaftigkeit plötzlich zum entfesselten Weibe erwacht. Herzinniger Frohsinn sich in seelenaufwühlende Verzweiflung verwandelt. Lachen und Weinen, Freude und Schmerz, Zorn und Milde, alles durcheinander geschüttelt und bunt hingewirbelt. Zum-Fels-erstarren und blitzartiges Herausschnellen aus dem Fels! Noch einmal dieses wechselvolle Spiel der Kontraste, die erst den ganzen Menschen ausmachen.

Kathi spielte sich nur mit der schweren Aufgabe, spielte sich wahrhaftig, so leicht und sicher tat sie sich damit. Bei ihr war das eigentlich selbstverständlich. Zwar gab sie bei der einzigen Probe, die stattfand, ihr Feuer nicht aus, sondern behielt sich's auf den Hauptabend vor; vorläufig markierte sie nur den Ton ganz leicht obenhin; es war die bloße Unterhaltung des Charakters, der erst im Rampenlicht in voller Schärfe und Kraft hervortreten konnte. Das waren Dinge, auf die sie niemand aufmerksam machen mußte; der Funke Genie brachte das von selbst mit sich. Und als der große Abend kam, war auch nicht die mindeste Spur von Lampenfieber vorhanden. Wer seine Sache so beherrscht, darf frei sein von diesem lästigen Gefühl.

Der Jubel wollte nicht enden, als der Vorhang zum letztenmal niederging. Die Gesellschaft war noch größer und glänzender als am ersten Theaterabend. Man war weniger gekommen, um das Stück des jungen Dichters kennen zu lernen, als vielmehr eine neue Bühnenkünstlerin zu sehen, von der Leute wie Schröder Wunderdinge erzählten, eine, die im Sturm über die Bretter ging, köstlich gassenjungenhaft und mit ein paar Sätzen schon oben auf der Höhe, wo die Tragödin steht.

Aber war das wirklich die Kathi Fröhlich? Das war ja eine blutige Dilettantin, die nicht einen Schatten von dem aufwies, was ihr die Leute, Schröder vor allen, der gewiegte Entdecker, nachgeredet hatten. Die Rolle nur hergesagt, mit einem kaum merklichen Ansatz zur Charakteristik, und dabei diese peinliche Befangenheit! Wie konnte der Irrtum entstehen? Denn die da oben war ja eine ganz hübsche Person, aber unbegabt, gänzlich unbegabt! Die Freunde applaudierten aus Leibeskräften, doch galt es dem Stück und dem guten Willen. Insoferne war der Abend freilich ein Fiasko, als er die großen Hoffnungen, die man auf ihn gesetzt, nicht erfüllt hatte.

»Mein Gott, was ist Ihnen heute? Sie haben mir so leid getan!« wandten sich die Bekannten vertraulich an Kathi, die einen mit ehrlicher, die anderen mit geheuchelter Teilnahme.

»Die muß sich ja schämen, das war ein glänzender Durchfall,« triumphierten die Scheelsüchtigen.

»Machen Sie sich keinen Kummer darüber, der schwache Erfolg oder gar Mißerfolg ist immer ein Sporn zum großen Gelingen. Das nächste Mal wird's um so besser,« tröstete Klementine. »So schlecht war's übrigens gar nicht!«

»Hab den Trost gar nicht nötig,« lachte Kathi. Sie schämte sich nicht ihres Mißerfolges und war auch nicht im mindesten unglücklich darüber. Im Gegenteil, sie schien eher zufrieden und vergnügt.

Sie war eben keine Komödiantin, auch keine Tragödin – sondern nur ein Weib, und das war mehr. Die Leute wußten das nicht, sondern zerbrachen sich die Köpfe, wie ihr damals ein so großer Erfolg gelingen konnte. Auch das wußten die Leute nicht, daß sie damals ebensowenig spielte als heute; sie konnte zornig, verzweifelt und dann wieder voll Galgenhumor sein, nicht weil sie zornig, verzweifelt und launig scheinen wollte, sondern weil sie an jenem Abend wirklich so war, zornig, verzweifelt und launenvoll.

Das Leidwesen aber blieb nicht aus; Kathi erwachte am nächsten Morgen mit dem niederdrückenden Gefühl, einen Lebenswert verloren zu haben. Der Vorwurf erhob sich: sie hätte sich auf die Sache zum zweitenmal nicht einlassen sollen. Und was wird Er dazu sagen? Er wird es nicht glauben, daß sie das Opfer der Entsagung freiwillig gebracht hatte, sondern er wird behaupten, daß sie aus der schließlichen Erkenntnis ihrer Unfähigkeit von dem Plan abgekommen sei. Also hatte sie auch diese Karte verspielt.

»Mag er's glauben, wenn's ihn freut, hat er wenigstens die Beruhigung, daß ihm vom Theater her nichts mehr droht.« Also tröstete sie sich. Und schließlich fand sie, daß sie selbst eine größere Ruhe und Zufriedenheit erlangte, seit sie nicht mehr an einem unbefriedigten falschen Ehrgeiz zu kranken brauchte. Und so war ihr ganz unversehens ein neuer Lebenswert als Ersatz für den verlorenen erwachsen. Sie brauchte die Bühne nicht mehr, das Talent dafür war überflüssig, der Himmel hatte die Gabe zurückgenommen. Sie war glücklich, wie von einer Bürde befreit.

Auch der Dichter war von seinem Ausflug ins klassische Land zurückgekehrt.

»Was haben's denn mit unserem Grillparzer draußen gemacht – nicht zum Kennen ist er mehr,« klagte die Netty.

Und Pepi ergänzte: »Ein Gesicht macht er, als ob ihm d' Hendeln 's Brot weggefressen hätten.«

»Man bringt nix raus aus ihm,« seufzte Kathi.

Sie kannten sich jetzt gar nicht mehr aus mit ihm. War ihm auf der Reise Böses widerfahren? Oder hatte ihn die Rückkehr in die Heimat so tief verstimmt? Er rückte nicht heraus mit der Sprache und wurde ärgerlich, wenn sie ihm mit Fragen zusetzten.

»Wir haben schon lange nicht vierhändig gespielt,« lenkte er ab, »setz dich her da, Nettl!«

Ein paar Takte gingen, dann sprang er wieder auf und rannte hin und her.

»Es g'freut mich nöt.«

Kathi hatte für ihn ein Geschenk von der Reise mitgebracht. Sie hatte es in Prag gekauft, ein sogenanntes Überfangglas, einen stattlichen Becher von farbigen Glasflüssen überlaufen und mit Handschliffen versehen, so daß die unteren Farben in regelmäßiger Zeichnung zum Vorschein kamen. Diese Kunst wurde in Böhmen gepflegt, und Prunkgläser dieser Art waren damals in den Vitrinen der kunstsinnigen Leute zu finden, die auf das Neumodische ausgingen. Ein solches Glas, wenn auch ungleich bescheidener in Form und Aussehen, hatte einmal Papa Fröhlich aus Franzensbad mitgebracht, es stand im Glasschrank und hatte Grillparzers Gefallen gefunden. Etwas Passenderes fiel Kathi nicht ein, ein solcher Kunstgegenstand würde ihm gewiß viel Freude machen.

»Ein Glas, ein Glas,« stöhnte er, »wie kann man denn ein Glas schenken!«

»Ja, also – warum denn nicht?«

»Ich bin nicht abergläubisch, aber ein Glas – ein Glas!« Er wollte es gar nicht anrühren und zeigte sich über das Geschenk sehr ungehalten.

Das war kränkend. Kathi stampfte mit dem Fuß, war aber den Tränen näher und schalt: »Wenn ich das gewußt hätte –! Das schöne Geld dafür hätt ich mir ersparen können. Möcht' wissen, was an dem Glas ist? Andere sind froh, wenn sie ein so feines Geschenk kriegen.«

»An dem Glas ist ja nichts, freilich ist es schön, andere wären froh, ich bin aber nicht froh. Ein Glas schenkt man halt nicht, hat die selige Resi immer g'sagt, das dumme abergläubische Weib. Aber jetzt hat s' mir schon einmal den Floh ins Ohr g'setzt ... Es wär' g'scheiter, wenn einem d' Leut solche Sachen nicht erzählen täten!«

Da dämmerte es der Kathi auf: »Brautleute sollen einander nicht mit Gläsern beschenken, sonst geht die Verlobung zurück,« hat ihr einmal eine alte Vettel gesagt. Sie ärgerte sich über den Aberglauben, auch er ärgerte sich darüber, aber ... Es gab halt ein Aber dabei.

Jetzt brachen Kathis Tränen aus. Der Zorn über sich, daß sie die Sache nicht besser überlegt hatte, der Ärger über ihn, der es an Zartgefühl und Freisinn im rechten Augenblick fehlen ließ, und es ihr so schwer machte, die abergläubische Furcht, es mit dem freundlichen Geschick wieder verdorben zu haben; dies zusammen brachte das Häferl wieder zum Überlaufen.

»Na also, da haben wir's ja wieder,« rief Pepi unwillig aus.

Und Netty verweisend zu Kathi: »Immer gar so gach, ein rechter Schnellsieder!«

»Weil's wahr ist,« weinte Kathi, »ich gift mich über mich selber, weil ich so dumm bin ... Da denkt man immer an die anderen – und das ist der Dank dafür!«

Sie fuchtelte mit den Armen herum, stieß unversehens an das Glas und klirrrr! flog es zu Boden. In tausend Scherben war es. Jetzt war allen leichter.

Kathi setzte sich hin, lächelte unter Tränen und sagte befreit: »Scherben bedeuten Glück!«

Nun fing er aber erst recht zu lamentieren an: »Das schöne Glas! Ist doch ewig schad. Aber könnt's ihr denn nicht begreifen, daß das alles nur ein kindischer Aberglauben ist? Narren und alte Weiber glauben an solchen Unsinn. Ihr sollts doch g'scheiter sein. Ist's jetzt besser, daß das schöne Glas hin ist?«

Kathis Zorn war gänzlich verraucht. »Freilich ist's besser!« Sie konnte kein Bedauern über das schöne zerbrochene Glas finden. Sie war so ängstlich und unsicher geworden und zitterte bei jedem Zeichen, ob es Gutes oder Schlechtes zu bedeuten habe. Die frühere Sorglosigkeit war dahin; jetzt fing sie ängstlich zu raten an und tat dann gewöhnlich erst recht das Verkehrte. Ach, das Schicksal war boshaft! Sie hätte keine ruhige Stunde mehr gehabt wegen des Glases, wenn es nicht zu guter Letzt zerbrochen wäre. Damit war die schlechte Bedeutung durch eine gute ausgeglichen. Arme Kathi! Noch schwammen die Augen in Tränen, aber schon lächelte sie voll Glück. Ein Glück in Tränen, wie sie es einmal geträumt hatte, schien doch ihr Los zu sein.

In den Hochzeitsvorbereitungen war ein entscheidender Schritt getan: die Fröhlichs übersiedelten von der Singerstraße in die Spiegelgasse. Dort waren im Gludererschen Haus große, schöne, lichte Räume und eine zweite Wohnung nebenan, die gegen die Zeit der Vermählung frei werden sollte und für das junge Paar vorgesehen war. Man stellte es sich hübsch und angenehm vor, so nahe beisammen zu hausen und gemeinsame Wirtschaft zu führen, auch weil es bequemer und billiger war. Wieder war es der vierte Stock, in der nächsten Nähe der behelmten Garde von Schornsteinen, der freiziehenden Winde, der Wolken und des lieben Gottes. So hoch, so hoch und nahe bei ihm – und bei den Sternen! In der Singerstraße war es zu eng geworden, hier lebte man weiter und freier und konnte über das Dächergewirr hinweg, über die Kuppeln der benachbarten kaiserlichen Gebäude am Josefsplatz die blauen Höhen des Kahlengebirges erspähen, die hellschimmernden Gemäuer des Schloßkirchleins am Leopoldsberg, eine weiße Grußhand des traumhäuptigen Wienerwaldes. So rückten die Fernen zusammen, und man hatte das sichere und frohe Gefühl, mit allem, was man liebte, vereinigt zu sein.

Nun war auch die Zeit gekommen, eine endgültige Entscheidung über die Wahl der Möbel zu treffen. Im Geiste hatte Kathi alles bereits geordnet und jedem Ding seinen passenden Platz angewiesen.

»Die gelben Schränkchen werden entzückend zu den hellen Wänden und den weißen Vorhängen stehen, und das herzige Sofa mit den geblümten Überzügen!« malte Kathi aus, schwärmerisch entzückt.

»Gelbe Schränke? Sofa mit geblümtem Überzug?« stutzte Grillparzer.

»Na ja natürlich, gelb, was denn sonst? Du weißt doch, Kirschholz! Und die schmalen Bücherschränke mit dem grünen Seidenvorhang hinter den Glasscheiben. Pikfein!«

»Aber es sind doch keine Kirschholzmöbel,« fuhr Franz auf, »Mahagonimöbel sind's, Mahagoni

»Aber ich mein doch nicht Mahagoni, ich mein schon die Kirschholzmöbel.«

Und er wieder: »Ja, warum denn jetzt wieder die Kirschholzmöbel und nicht die Mahagonimöbel?«

Sie dagegen: »Aber geh, Tschaperl, sind doch die Kirschholzsachen viel schöner. Passen auch besser zu uns. Sind viel einfacher, bürgerlicher, solider.«

Jetzt fuhr er in die Höhe wie Brausepulver: »Ja, aber du hast doch gesagt ...«

Und sie: »Ja, aber du hast doch selber gesagt ...«

»Scht, scht! Kathi!« kam es scharf aus dem Nebenzimmer. »Sie hat g'sagt ... Er hat g'sagt ... Geht's schon wieder los?«

»Nicht ausstehn kann ich diese ewigen Widersprüch',« begann er von neuem: »Du hast doch die Mahagonimöbel wollen, die mit den goldenen Klauen und den goldenen Flügeln!«

Sie tat es ihm gleich: »Hast du nicht selber auf den Kirschholzmöbeln bestanden?!«

Er beharrte: »Jetzt möcht ich wissen, warum dir die Mahagonimöbel nimmer g'fallen.«

»Warum sie mir nicht mehr gefallen?« Sie sann eine Weile nach und sagte dann, im Tonfall ein wenig seine Stimme nachahmend: »Es ist mir zu viel Theater dran. Diese Tatzen und Flügel! Ich kann's nicht anders sagen: Theater!«

»So schön! Auf einmal zu viel Theater! Woher beziehen Sie diese Weisheit, wenn ich bitten darf?«

»O, ein gar g'scheiter Herr hat mir das einmal g'sagt!«

»Unsinn!« brummte er. »Ich find halt diese kistenförmigen Kirschholzmöbel schauderhaft ordinär! Hausmeisterhaft! Grobe Klötze!«

Und sie auf die vorige Weise: »Ich kann mir nicht helfen, aber mir g'fallen s'!«

Nun ahmte er ein wenig ihre Stimme nach: »Die Mahagonieinrichtung kommt obendrein viel billiger als diese häßlichen Klötze, das entscheidet!«

Da fuhren Netty und Pepi von beiden Seiten los: »Lebts doch nicht immer wie Hund und Katz! Ich bitt euch, vertragts euch endlich einmal!«

»Ich tu doch nichts,« beteuerte er, »ihr wißt doch selber, daß sie sich die Mahagonimöbel um jeden Preis eingebildet hat. Und nun hab ich nachgegeben und erklärt, daß sie mir auch besser gefallen wie die häßlichen Kirschholzklötze, und jetzt ist's ihr wieder nicht recht.«

»Das ist wahr,« bestätigten schiedsrichterlich die Schwestern und fielen über Kathi her: »Du warst doch fest und steif auf Mahagoni versessen und hast von Kirschholz absolut nichts wissen wollen. Was soll denn das jetzt heißen?«

Ach, daß sie alle doch so wenig verstehen konnten, was es heißen sollte! Kathi wollte schon gereizt und bitter auffahren, gab sich aber einen Ruck und sagte im schmerzlichen Verkanntsein: »Ja, ja, ja, habts eh alle recht! Ich hab mich steif und fest auf Mahagoni versessen – soll's jetzt auch dabei bleiben! Gut also, wir nehmen das Zimmer mit den goldenen Klauen, Flügeln und Löwenköpfen. Ist besser so!«

»Aber nein, aber nein,« widersprach nun er, »es fällt mir doch gar nicht ein, mich auf Mahagoni zu kaprizieren; wenn dir jetzt Kirschholz besser gefällt, also gut, Kirschholz!«

Strafenden Blicks sahen die Schwestern auf Kathi: »Jetzt hat er zum zweitenmal nachgegeben! Siehst du's jetzt, du Dickschädel du!«

Sie aber hatte nur ein etwas verzogenes mattes Lächeln dafür. Jetzt waren sie doch bei Kirschholz, wo sie vor einem Jahr schon hätten sein können. So ging's mit allen Sachen.

Ja, ja, schwer war es, so schwer! Und was man einander an Liebe erwies, geschah nicht, ohne daß man sich gegenseitig wehe tat.

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