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Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XIII.

Kaum war der Dichter über die schwarzgelben Grenzpfähle hinausgekommen, als auch schon seine zornige Liebe zur Heimat sich in zärtliche Wehmut verwandelte. Er hatte nie gewußt, wie glücklich er trotz allem Leid daheim gewesen; jetzt da er fern war, wußte er es plötzlich; und schon stand die Sehnsucht auf.

Prag, die erste größere Reisestation, war ja noch Heimat, er war hier längst zu Hause, ehe er den Fuß hierher gesetzt; seine Seele war früher zu Gast geweilt in diesen Mauern und wußte sich verbunden, seit er den »Ottokar« geschrieben hatte; Libussa ging ihm jetzt nach, die legendenhafte Gründerin dieser hunderttürmigen, altertümlich schönen Stadt, die als große steinerne Blume aus dem Boden deutscher Kultur gewachsen war; der Dichter hatte die in den steinernen Blättern gewiegte köstliche Essenz des vergangenen Lebens und der Schicksale gesogen wie die Biene und zu dem Honigseim der Poesie verarbeitet; der Gedanke an Libussa, die in einem großen dramatischen Gedicht Fleisch und Blut werden sollte, weil er es so wollte, tauchte jetzt zum erstenmal flüchtig auf; darin war Ahnung und Bestimmung.

So war Prag, obwohl er es früher nie gesehen, eine seinem Fühlen wohlvertraute Stätte; aber schon in Dresden fühlte er sich als Fremdling in dieser Welt. Nicht geradewegs fuhr er nach Weimar, wo er die Luft seines Geistes zu atmen hoffte; auf einem großen Umweg über Dresden, Berlin und Leipzig gedachte er es zu erreichen; ihm erschienen diese deutschen Städte als die Anti-Chambres zu dem Saal der Unsterblichen in Weimar. Zwar traf er überall in diesen Städten freundliche Menschen, geistig hochstehend und heiter gesellig, die den »Dichter aus Wien« mit Ehren empfingen; aber seine Enttäuschung war dennoch unerwartet groß. Wie klein und eng war das Leben hier in spießbürgerlichen Verhältnissen und in äußerlicher Dürftigkeit, wie sorglos und heiter lebte sich's dagegen in Wien! Er sah jetzt seine Vaterstadt in einem ganz anderen Licht. Entbehrte man auch selbst, so war man dort von der glänzenden Woge des Luxus umrauscht und hatte an einer gefälligen Schönheit teil, die das Leben leicht und froh machte, was sogar der Hypochonder jetzt an dem Kontrast empfand. Am tiefsten aber schmerzte es ihn, daß die Menschen in diesen deutschen Städten nichts von Wien wußten, außer, daß es da hübsch zu leben sei, nichts von dem geistigen Ringen und von dem genialen Funken, der auch dort einige Gehirne mit seiner Raserei angesteckt hatte. Nur ein paar zweifelhafte Namen waren bekannt und genossen ein gewisses Ansehen, der Spaßmacher Castelli und der berüchtigte, ewig witzelnde, gewissenlose Saphir, der von Wien ausgewiesen war, und es passierte dem Dichter, daß er mit diesem verwechselt wurde. Die bitterschmerzliche Wahrheit, daß die mittelmäßigen Geister mit ihrer Betriebsamkeit, ihrem kleinlichen Ehrgeiz und ihrer Gewissenlosigkeit zur Lebenszeit über die Großen triumphieren, wurde dem Dichter aufs neue offenbar. Er hatte geglaubt, daß es nur in Wien so sei und fand zu seinem Kummer, daß es für ihn wenigstens draußen im Deutschen Reich, die Zuflucht seiner Hoffnungen, damit nicht anders zuging. Er hatte sich noch nicht genug bescheiden gelernt, um zu wissen und sich damit zu begnügen, daß die ganz Großen von ihrer Zeit meistens nie recht erkannt werden, weil der Maßstab des Alltags nicht für sie ausreicht.

Das waren Erfahrungen, die ihn wieder tief herabstimmten. Er hatte begonnen, ein Reisetagebuch zu führen, hatte es aber wieder aufgegeben. Daran war freilich ein äußerlicher Umstand schuld, der aber als willkommener Vorwand erschien. Er hatte sich mit dem Rasiermesser in den Finger geschnitten, die Wunde wurde schlimm, er mußte sich Schonung auferlegen. Nun hatte er eine triftige Entschuldigung für seine Schreibfaulheit. Kathi bekam nur spärliche Nachrichten von ihm und obendrein in einem recht mürrischen, fast grob abweisenden Ton. Es war die Art, wie er seine Sentimentalität zu verkleiden pflegte. Er mochte ihr nicht gestehen, daß seine Seele bei ihr war und ihn zurückrief, denn er war zugleich über seine Weichheit und Hingebung geärgert, weil er Kathis Einfluß auf ihn als einen Eingriff in seine Persönlichkeit empfand. Sie litt auf eine ganz ähnliche Weise, auch sie konnte ihr Persönliches nicht opfern, obwohl sie ihre Seele bereits auf immerdar an ihn verloren hatte. Doch stimmte die Entfernung sie weich und zärtlich, und bei ihrer Offenheit machte sie kein Hehl daraus. Wie anders hatte sie auf der Reise seiner gedacht, als er ihrer! Besonders in Prag, wo sie in allen Denkmälern, in den Fürstengräbern, im St. Veits-Dom auf der Burg Hradschin seine Züge zu erblicken vermeinte, indem sie an »Ottokar« dachte, als ob erst die Dichtung sie in das Herz der Dinge geführt hätte, und als ob sie in diesen Dingen immer wieder nur das Herz des Dichters fände. Tränen stürzten aus ihren Augen, als sie bei diesen Wanderungen seiner gedachte. »Was ist er doch für ein Mann!« schluchzte sie auf dem Gipfel ihres Glücks und ihres Leids, »hab ich doch alles Gute, was an mir ist, von ihm empfangen!« Das war insofern richtig, als sie schön und groß von ihm dachte und alles Edle ihrer Liebe in dieses Seelenbild, das sie von ihm hatte, hineinlegte. So war es gewissermaßen sein Teil, denn durch ihn war es in ihr erweckt worden. »Könnte er jetzt hier sein und die Dinge mit uns ansehen, ihre Wirklichkeit betrachten, von der er so schön geträumt hatte! Wie schade, oh, wie schade, daß er jetzt nicht an unserer Seite ist!« Aber die gute Kathi irrte sich, indem sie also klagte, denn er ging an ihrer Seite, obschon sie es nicht sehen konnte; seine Seele war da, sie war immer dort, wo sie war, und sie redete mit ihr, wenn sie in Sehnsucht seiner gedachte.

Und ihre Seele war bei ihm und beschäftigte einen Teil seines Denkens; darum war er zuweilen so böse, weil er fühlte, daß er nicht mehr sich gehörte; dann entlud er sich in solchen unwirschen, schier widerwilligen Briefen, die sein Bild zerstören sollten, obschon es hoffnungslos war, weil sie es zu fest und unverletzt bewahrte. Er konnte seine Seele nicht zurückerhalten, und sie die ihrige nicht, denn auch er hielt sie fest, wie sie auch gegeneinander streiten mochten!

Wie ein Verurteilter, der auf den Richtplatz geführt wird, so kommt er nach Weimar; er hat das Gefühl, als ob die Geister aller dort Verstorbenen und noch Lebenden sich dagegen auflehnten, daß er sich unter sie stellen wollte. Nie war er so kleinmütig, er hält sich für unzulänglich und meint, daß es aus sei mit ihm und seiner Kunst. Im Gasthof zum Elefanten ist er abgestiegen und fühlt sich dort gleichsam im Vorzimmer zu Weimars lebender Walhalla. Gewaltig schlägt ihm das Herz, als er dem Lohndiener des Gasthofes seine Karte gibt, der sie zu Goethe hinüberbringen soll. Es will ihm jetzt als Anmaßung erscheinen, vor dem Olympier hinzutreten; mehr als vor einer Abweisung fürchtet er sich jetzt vor jeder Ehre und Auszeichnung, die nur noch sein Gefühl der Unwürdigkeit verschärft.

Der Lohndiener kommt zurück mit dem Bescheid: »Seine Exzellenz der Herr Geheimrat von Goethe hat Gäste zu Tisch und könne jetzt nicht empfangen; er erwartet den Besuch abends zum Tee.«

Seine Exzellenz der Herr Geheimrat von Goethe! Das stürzt den »Dichter aus Wien« vollends aus seinen Träumen. Er war gewohnt Goethe zu sagen wie man Gott sagt oder Genius, oder Göttlicher, kurz etwas, das zu mächtig ist, um einen Titel zu haben. Nur bei diesem ganz Übermächtigen, das kaum in ein Wort gefaßt werden kann, ist Gnade, ist Zuflucht, ist Erbauung, ist das, was dieser weltfremde Dichter sucht, etwas, das Exzellenzen und Geheimräte nie zu vergeben haben. Und es wird ihm jetzt erst recht bange.

Seine Anwesenheit redete sich rasch herum, es fanden sich sofort einige Bekanntschaften, und vor allem begrüßte ihn der Hof- und Theaterkapellmeister Hummel als seinen lieben Landsmann und lud ihn ein, bei ihm zu Mittag zu speisen. Hummel war vor einigen Jahren aus Wien nach Weimar gekommen und war überglücklich, in seinem geliebten Wienerisch über seine Vaterstadt reden zu können, und das leidvolle Glück der diesen Wienern eingeborenen Sehnsucht zu genießen. Auch die Gattin des Kapellmeisters, die ehemalige hübsche Sängerin Mamsell Röckel, die Grillparzer von der Bühne her noch in lebhafter Erinnerung hatte, tat ihr Bestes, um den Gast zu erfreuen und heimatliche Stimmung um ihn herum zu machen. Sie bereitete einen Mittagstisch auf wienerische Art und brachte als Mehlspeise Zwetschkenknödel, eine sinnige Huldigung und eine vernünftige Taktik, das Herz durch den Magen zu gewinnen; Grillparzer würde sein Österreichertum verleugnet haben, wenn Zwetschkenknödel nicht auch zu seinen Lieblingsspeisen gehörten. Während er nun dasaß und in die Zwetschkenknödel auf seinem Teller vertieft war, dachte er immer an die hübschen Beine der Mamsell Röckel in Pagenkleidern und prallen seidenen Trikots und konnte diese Erinnerung nicht ganz mit der tüchtigen und ehrsamen Hausfrau zusammenfinden, die sich nun so bürgerlich gab. Aber so ging's ihm ja immer im Leben und in der Liebe, daß er seine Gedankenform mit der Wirklichkeit nicht recht zusammenreimen konnte. Wieviel Unglück und Mißverständnisse, wieviel Klagen und Tränen waren aus diesem unseligen Zwiespalt schon geflossen! Wenn er nur an Kathi dachte, das allein war schon eine Tragödie!

»Nicht jedem, der da kommt, geschieht die Ehre, daß er von Seiner Exzellenz dem Herrn Geheimrat von Goethe empfangen wird,« führte Kapellmeister Hummel mit gewissem aufschneiderischem Heimatstolz aus; »da muß man schon was B'sonderes sein! Da ist z. B. der Dichter Raupach vor einiger Zeit gekommen, hat seine Karte abgegeben, hat ihm aber nichts genützt. Sie kennen doch Raupach, dessen Volksstücke auf allen Theatern bis zur letzten Schmiere herunter g'spielt werden? Aber Seine Exzellenz hat ihn nicht empfangen. Übrigens ist der Raupach kein dummer Kerl, er hat's mit einer gewissen Fassung hingenommen. ›Beim Elefanten‹ ist er g'sessen, wie ihm der Lohndiener die Absage gebracht hat; ich war gerade dabei. Was wollen Sie, sagt er zu mir, Goethe ist ein geistreicher Mann, und ich bin ein geistreicher Mann; also ist alles in bester Ordnung! Darum freut's mich doppelt und dreifach, daß grad einem Österreicher und noch dazu einem Wiener diese Auszeichnung zuteil wird. Denn Sie müssen wissen, Herr von Grillparzer, man hört in Weimar nur geringschätzig über die geistige Begabung in Wien reden, was natürlich ein Unrecht ist und widerlegt werden muß. Ihr Erscheinen ist ja schon eine glänzende Widerlegung! Die Leute hier tun so, als ob in Wien keine Talente wären! Contraire, au contraire! Ganz im Gegenteil! Aus dem Ärmel beuteln können wir's in Wien, wenn wir wollen. Wo in der Welt finden s' denn mehr auf ein' Haufen beieinander, als grad bei uns? Der Haydn, ist das nix? Und der Mozart, ist das nix? Und der Beethoven, den wir auch zu uns rechnen dürfen, is das a nix? Und der Schubert? Na, und der Herr von Grillparzer? Ist das alles nix? Und wenn s' wollen, der Raimund – und – – und – – – –«

Hier stockte der begeisterte Mann. Es fielen ihm außer den Größen der Musik, die er genauer kannte, keine anderen Namen ein, und er fügte, seine Unkenntnis entschuldigend mit etwas drolligem Kleinmut hinzu: »Wissen Sie, ich bin schon lang nicht mehr in Wien g'wesen und schon ein reiner Provinzler geworden in Weimar!«

Um Gottes willen, welche Lästerung gegen Weimar, diesen Parnaß! Wo so Große wie Goethe wohnen und so Gute wie Eckermann, da konnte der Wiener nur lieben und bewundern. Und so tat der Dichter und fühlte sich klein und demütig, wie sehr ihn auch die gutmütige Prahlerei Hummels ergötzt hatte.

Der gefürchtete Abend kam endlich; Grillparzer ging pochenden Herzens hinüber ins Haus Seiner Exzellenz des Herrn Staatsministers, um dort seinen Gott zu schauen. In dem Hausflur sahen ihn Gipsabgüsse nach der Antike mit leeren Augen an, eine kalte, steife Feierlichkeit schien von ihnen auszugehen und über die weißgehaltenen Räume, Treppe und Korridor sich auszubreiten. Im Salon befanden sich eine Menge Leute, denen er durch den Kanzler Müller, der gewissermaßen den Zeremonienmeister spielte, vorgestellt wurde. Goethe war noch nicht erschienen. Trotz aller Benommenheit befand sich der scheue Dichter mit einemmal im Gespräch mit einem jungen, schönen und sehr gebildeten Mädchen. Er war als Dichter Seelenfischer genug, um in der kalkweißen Umgebung, die ans Gipsmuseum erinnerte, sofort das Lebendige zu spüren, das ihn anzog. In einem Augenblick war alles Steife, Unnatürliche, Beklemmende überwunden, die Bangigkeit des Herzens war weg, und vergessen war, daß er in Goethes Haus stand und das Antlitz des Erleuchteten sehen wollte. Da ging eine Seitentür auf, ein alter Herr im schwarzen Rock, den Ordensstern an der Brust, trat ein, nicht gerade groß anzusehen, eher etwas untersetzt in der Beleibtheit seiner Jahre – und dann war ein Verneigen der Anwesenden, eine augenblickliche Stille, eine Förmlichkeit, die an die Audienz eines kleinen Monarchen erinnerte.

Was, dieser steife Minister sollte das Ideal meiner Jugend sein, der Dichter des Faust, des Clavigo, des Egmont?! Franz vermochte nichts anderes zu denken. Die Enttäuschung war zu groß und zu plötzlich. Er hatte alle schicklichen Worte vergessen, die er sich für die Ansprache und als Antwort zurecht gelegt hatte; er fühlte, daß er einer Katastrophe nahe war, und daß er vor Seiner Exzellenz dem Herrn Geheimrat und Staatsminister gänzlich versagen würde. Er kam, den großen Dichter und Abgott seiner Träume zu sehen und fand einen Vorgesetzten, vor dem er zum Subalternen herabsank.

Die Begrüßungen und Ansprachen gingen der Reihe nach, und es brauchte eine Weile, bis Goethe zu Grillparzer kam, der in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers stand als ziemlich einer der letzten in der Schar.

Das Gespräch war frostig und nichtssagend, wenn nicht gar für den überempfindlichen Grillparzer geradezu erkältend. Goethe erkundigte sich ohne weiteres, ob in Österreich italienische Literatur getrieben würde.

Italienische Literatur! Warum italienisch? Wahrscheinlich betrachtete Goethe die österreichischen Lande schon als den Süden und warf sie mit Italien zusammen. So war ihm Österreich nur so eine Art Übergang oder Mittelstufe ohne ausgeprägte geistige Physiognomie. So deutete sich Grillparzer die Verlegenheitsfrage Goethes seiner Gewohnheit nach, in jeder Suppe ein Haar zu finden. Es verdroß ihn gewaltig und er begann in seinem subalternen Gefühl plötzlich recht subordinationswidrig ausfällig zu werden.

Leider kümmere sich niemand um die italienische Literatur, bedauerte er, obzwar es nicht schaden könne und auf alle Fälle besser wäre als die Engländerei, die jetzt bei den Deutschen in Mode sei.

Diese Bemerkung verdroß wieder Goethe, der augenblicklich mit Lord Byron einen Briefwechsel unterhielt. Er ließ den jungen Dichter stehen, sprach mit anderen, kam aber bald wieder zurück, richtete ein paar gleichgültig-freundliche Worte an ihn und forderte dann die Gesellschaft auf, den Tee zu nehmen.

Franz empfand einen Riß, wie wenn die Erde gespalten würde, einen Riß, der durch sein eigenes Herz ging und zum persönlichen Leid wurde. Hier schieden sich in der Tat zwei Welten, der Norden und der Süden. Und er war von der einen und Goethe von der anderen, so sehr im Grunde genommen beide sich nach dem sehnten, was nicht ihr Teil war. Grillparzers Sehnsucht nach Weimar und Goethes Sehnsucht nach dem Süden, in den Liedern des Harfners verkörpert, drückten ein verwandtes Schicksal aus. Die Seelen kreuzten auf der Suche nach ihrer fernen Heimat aneinander vorbei, ohne sich zu erkennen.

Es war nun für den jungen Idealisten ein eigenartiges fast schmerzlich-komisches Schauspiel zu sehen, wie der größte deutsche Dichter, den sie den Olympier nannten, seinen Gästen spießbürgerlich den Tee gesegnete und wie statt Gedanken, die den hohen Flug des Genius nehmen, bloß eine ziemlich nüchterne Konversation gepflegt wurde, die unseren Dichter eigentlich nichts anging.

Er fand sich mit seinen Idealen in dieser etwas dürftigen Wirklichkeit nicht zurecht; aber das war sein Fehler, denn sonst hätte er erkennen müssen, daß auch Goethe in seinem Kreis als Fremder dastand, und daß die Leute um ihn her bis auf ganz wenige nicht eigentlich wußten, mit wem sie es zu tun hatten. Sie verneigten sich devotest nur vor Seiner Exzellenz und wußten allenfalls auch, daß er Theaterliebhaber war und Gelegenheitsgedichte reimte, Schönbartspiele und was sonst zum höfischen Gebrauch gehörte; das übrige war ihnen eine ziemlich dunkle Geschichte.

Das alles ahnte Franz Grillparzer nicht, und so ging er nach dem Tee aus dem Hause Goethes fort mit dem Gefühl, daß die größte und schönste Hoffnung seines Lebens in einer ungeheueren Enttäuschung geendet hatte. Fast wäre es ihm lieber gewesen, Goethe hätte ihn grob angefahren und hinausgeworfen, lieber als alle tote Förmlichkeit, deren Zeuge er war.

Der nächste Tag verging mit Spaziergängen und Theaterbesuch. Kapellmeister Hummel und Kanzler Müller waren seine Gesellschafter und Führer, durch die er sozusagen Intimus des Weimaraner Musenhofes wurde, einen Diebsblick in alle Fenster tun konnte und das Leben, Wohnen und Dichten der Unsterblichen in einer bunten Bilderreihe trefflich vorgeführt fand. Müller schien Grillparzers Herabstimmung bemerkt zu haben und betonte, daß an der Steifheit Goethes nur dessen Verlegenheit schuld gewesen wäre; übrigens beobachte er diese Zurückhaltung jedem ersten Besuch gegenüber; Grillparzer werde ihn beim nächsten Mal ganz anders finden. Da kam auch schon eine Einladung von Goethe zum Mittagsmahl für den nächsten Tag.

Als Grillparzer am anderen Tag zur bestimmten Stunde erschien, ging ihm Goethe durch die Zimmer entgegen, begrüßte ihn aufs herzlichste, nahm ihn unter dem Arm und redete freundlich auf ihn ein, wie ein väterlicher Freund und Lehrer es seinem Lieblingsjünger gegenüber tut. Mit ein paar Worten streifte er Grillparzers »Sappho«, hob sie als großen Fortschritt gegen die »Ahnfrau« hervor und ging mit ihm in den Salon, wo sich die Mittagsgäste bereits eingefunden hatten.

Da war es dem Dichter der »Sappho«, als ob sich die Starrheit des Herzens lösen würde, und als ob er plötzlich in das Land seiner Seele heimgefunden hätte. Er fühlte mit einemmal den Knaben in ihm lebendig werden, und ging neben Goethe wie an der Seite des großen Vaters, den er im Geiste verehrte. In dieser unbeherrschten Bewegtheit seines Innern stürzten heftige Tränen über sein Angesicht, er wußte sich gar nicht zu fassen. Goethe selbst war ergriffen und ein wenig ratlos, wie er die Erschütterung seines Gastes vor den anderen Gästen bemänteln sollte, deren Unterhaltung im Saal nebenan vernehmbar wurde, und die auch schon das Erscheinen des verehrten Hausherrn bemerkt hatten.

Immerhin ging alles besser vonstatten als nach dieser Szene zu befürchten war. Grillparzer blieb während des Essens einsilbig, drehte in seiner Zerstreutheit mit nervösen Fingern Brotkügelchen, die Goethe nachdenklich zu kleinen Häufchen ordnete.

Wieder wurde im Gespräch die »Ahnfrau« gestreift. Goethe begann auseinander zu setzen, worin die Grundfehler aller Schicksalstragödien eines Zacharias Werner und eines Houwald bestehen. Seinem klar anschauenden Geiste war alles Verworrene, Zügellose, Undisziplinierte durchaus zuwider. Es war leicht durchzumerken, daß er in der Kritik dieser Schicksalstragödien es auch auf die »Ahnfrau« abgesehen hatte.

»O weh,« dachte Grillparzer, »er wirft mich doch mit dem anderen Gesindel zusammen!«

Und von da ab brachte er kein gescheites Wort mehr heraus.

Beim Abschied forderte ihn Goethe auf, am nächsten Vormittag zu kommen und sich durch seinen Hauszeichner für Goethes Sammlung porträtieren zu lassen, wie es mit allen Besuchen, die ihn interessierten, zu geschehen pflegte. Grillparzer ging am nächsten Morgen hin, der Zeichner war noch nicht da, Goethe ging in seinem Hausgärtchen auf und nieder, mit langem Hausrock bekleidet, ein kleines Schirmkäppchen auf den weißen Haaren, rührend und zugleich ehrfurchtgebietend anzusehen, halb wie ein König, halb wie ein Vater. So im Auf- und Abgehen sprach er sich mit dem jungen Dichter genauer über das aus, was gestern flüchtig berührt wurde. Er kam wieder auf die »Sappho« zu sprechen und indem er sie lobte, lobte er vorzüglich sich selbst, weil er gefunden haben mochte, daß der Dichter aus Wien so ziemlich mit seinem Kalb gepflügt hatte. Wieder begann er seine Abneigung gegen alles Heftige und Gewaltsame auszudrücken, das ihm unkünstlerisch erschien. Der junge Grillparzer war gegen solche Einwendungen wohl gewappnet, indem er dachte, daß jeder seine Stärke dort suchen müsse, wo sie bei ihm vorhanden wäre, und daß nur jenen die Ruhe und Gemessenheit anstehe, die gleichzeitig imstande wären, einen so ungeheuren Gehalt hineinzulegen, wie Goethe es mit Iphigenie und Tasso getan hätte. Seine, Grillparzers Stärke, jedoch seien warme Empfindungen und Phantasie, die er als wesentliche Eigenschaften ins Spiel legen könne und müsse. Dennoch wagte er es nicht, diese Abweichung von Goethes Lehren auszusprechen und also sein Selbst zu behaupten; dagegen begann er über seine vereinzelte Stellung in Wien zu klagen, worauf Goethe bedeutsam erwiderte, daß der Mensch nur in Gesellschaft Gleicher oder Ähnlicher wirken könne.

Der Zeichner kam, die Porträtskizze wurde angefertigt und belobt, Grillparzer ging, in Gedanken schwerer als je zuvor.

Wie mochte Goethe es mit seiner Anweisung gemeint haben, daß der Mensch nur in Gesellschaft Gleicher wirken könne? Wollte Goethe sagen, daß auch er, der Dichter der »Sappho«, zu dem Kreis der Unsterblichen in Weimar gehöre, und daß er hier die fördernde und sich ergänzende Wechselwirkung suchen müsse, der Goethe und Schiller das verdankten, was sie geworden und als was die Welt sie anerkennt? War es ein Wink, eine Anerkennung, eine Aufforderung? Oder – war es eine Ablehnung? Wollte er ihm bedeuten, daß der Dichter in seiner Heimat an der Donau bleiben solle, wo sein Volk und seinesgleichen seien, die Wurzeln seines Wesens und somit auch das Fundament, von dem aus der Dichter Wirkungskraft und Anerkennung finden kann? Wollte er ihm sagen, daß er nicht hierher gehöre, und daß es ihm bestimmt sei, daheim im beschränkteren Kreise zu leben und zu schaffen?

Das zweiflerische Gemüt des Dichters entschied für die letztere Auffassung. Er kam sich vor wie ein Gerichteter. In der Verfinsterung seines Herzens verstand er auch die Botschaft nicht, die ihm jetzt der Kanzler Müller brachte. Seine Exzellenz der Herr Geheimrat von Goethe wäre abends allein zu Hause, und es würde ihn nicht stören, wenn Herr Grillparzer sodann hinüberkäme. Er könne sich bei einer solchen Gelegenheit über alles aussprechen, was ihn bedränge.

Zu spät fiel es dem unglücklichen Franz ein, daß Kanzler Müller nicht ohne Ermächtigung Goethes so gesprochen habe. Er hatte eine Scheu hinüberzugehen, überlegte bis zum Abend unschlüssig, was er tun solle; und als der Abend da war, ging er nicht zu Goethe, sondern zu Hummel. Und so erfüllte der reine Tor sein Parzeval-Schicksal, indem er es unterließ, zur rechten Zeit das rechte Wort zu sprechen. Jetzt hätte er es sagen müssen, was sein Ziel war und wo er seinesgleichen sähe, und wo er sich hingehörig fühle nach dem Gesetz der inneren Verwandtschaft und der Flugrichtung seiner Sehnsucht.

Schon am anderen Tag, als er sich zum kurzen Abschiedsbesuch bei Goethe einfand, war ihm das alles klar, aber die Einsicht kam zu spät. Goethe war nicht unfreundlich, aber dennoch auffallend kalt und fast gemessen.

Mit herben Gefühlen verließ der Dichter die Musenstadt; das Leben schien ihm keinen Deut mehr wert zu sein. Alles, was er geschaffen hatte oder noch schaffen zu können glaubte, schien ihm nichtig und sinnlos; es kamen die leidvertieften Stunden der Verzagtheit über ihn; er war wie Christus am Ölberg und trank den bitteren Kelch, den diese Stunden darreichten. Er fühlte etwas am Sterben: es war die Hoffnung und die Freudigkeit, die sterben wollten, weil es an Aufmunterung und Zuspruch fehlte, was darum so tragisch ist, weil der Künstler ohne diese Hoffnung und ohne diese Freudigkeit nicht leben kann und zugrunde gehen muß. Der Handwerker, der Kaufmann, der Erwerbsmann jedes Schlags, sie können leben und verdienen ohne diesen Genius, nur der Künstler kann es nicht. Wollte die Welt auf den Künstler verzichten, daß sie ihn nach dem Seelenbrot darben ließ? Fast schien es so; sie war blind und gottverlassen genug. Dieser Dichter starb kleinweise an dem Alltag, der nichts von seiner Mission wissen wollte.

Fluchtartig ging es aus Weimar fort, wo ihm das Schlimmste widerfahren war, indem er wähnte, Goethe habe ihn verworfen. Und doch war alles nur Irrtum und Mißverständnis wie übrigens alles in seinem Leben. Und war darum nicht weniger Schicksal, das ihn dorthin zurückzwang, wo er trotz allem Ungemach wurzelhaft war, in die Heimat und zu seinem Volk, das sich so wenig und meistens viel zu spät um seine Großen kümmert. Erst später erfuhr er, wie gut Goethe seiner gedachte, indem er Dritten gegenüber die großen Gaben des Dichters anerkannte und ihn einen angenehmen und wohlgefälligen Mann nannte mit dem wohlwollenden Zusatz: »Daß er in unserem freien Leben etwas gedrückt erschien, ist natürlich.«

Das praktische Resultat der Dichterreise war eine immerhin nicht ganz wertlose Erkenntnis: daß nur in der Heimat der rechte Platz für ihn wäre; dort wo er gekämpft, gelebt, geliebt und gelitten, war sein Glück. Ein anderes gab es nicht.

Und wenn sich dieses Leidensglück verkörperte, so wurde Kathi daraus. Sie war die eigentliche Heimat. Und darum kehrten jetzt seine Gedanken treuer als je zu ihr zurück. Wo sie jetzt war? Was sie tat? Sie mußte doch schon auf der Heimreise sein? Vielleicht schon ganz nahe bei Wien?! Bei diesem Wien, das er haßte, verlästerte, verabscheute, vor allem aber liebte. Der Liebende ist immer hellseherisch, und so hatte er auch recht, wenn er sich vorstellte, wie die heimkehrende Kathi sich der Vaterstadt näherte, während er langsam die Pferde trappeln ließ und es noch gar nicht eilig zu haben schien.

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