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Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XI.

»Man muß wirklich nur wollen, dann geht alles!« hatte er gesagt und kletterte abends zur Dämmerzeit die vier Stockwerke in der Singerstraße hinauf, pochte an die Tür, ein Hälslein streckte sich vor, runde Wangen, ein purpurner Mund, nachtschwarzes Haar und taghelle Stirn, und darunter dieses dunkel-helle blitzschnelle Augenpaar, das immer vor ihm stand, ob er nah war oder fern.

Man muß nur wollen, dann zwingt man auch den trotzigen Eigensinn, der schon manchen großen Herrn verspeist hat. Er erschrak über Kathis Blässe und den Schattenkranz ihrer Augen, darin Feuers- und Wassersmacht lächelnd vereinigt waren. Auch sie hatte gelitten, und er wußte nicht wie! Aber jetzt war alles gut.

Nun kam wieder eine kurze Zeit des ungetrübten Glücks.

Indessen stiegen am Horizont neue Wolken auf.

Resi war wieder zu einer »Leich« gegangen, sie hatte also ihren Festtag. Da konnte sie wie sonst die trostreiche Sprache der Orgel vernehmen, die wenigen, aber zu Herzen gehenden Worte des Pfarrers, und vor allem war wieder ein Anlaß, über das vergängliche Dasein und über das bessere ewige Leben im Jenseits zu philosophieren. Aber von dieser Leichenfeierlichkeit kehrte sie nicht mehr heim, um ihrer Gewohnheit nach zu sagen, daß es dem, der in der »Truchen« lag, besser gehe als ihr, denn sie war es selbst, die in der Truhe lag und also zum letztenmal eine »schöne Leich« mitmachte.

Sie war eigentlich kaum krank gewesen, nur wenige Tage bettlägerig und dachte nicht ans Sterben, es gefiel ihr noch recht gut in dieser Welt.

»Ein Jahr! wenigstens oder zwei möcht ich's noch mitmachen, bis unsern Herrn Franz seine Hochzeit vorüber ist, damit ich die Gewißheit mit hinübernehm', daß das junge Paar seine Ordnung hat. Wär eh schon Zeit, daß s' ans Heiraten denken; ein Brautstand, der zu lang dauert, taugt nix. Auf was er denn alleweil noch wart?! Z' gschwind gheirat, eh man sich recht kennt, heißt auch nix; das ist ja wahr; aber jetzt geht's eh schon ein paar schöne Jahrln her, da muß er s' doch schon in- und auswendig kennen. Sie ist ja wie ein Engerl, so lieb und so schön, die Fräuln Kathi – wenn ich ein Mannsbild war, nöt einen Augenblick tät ich mirs überlegen. Weiß man denn, was bei dem Warten alles daherkommt? D' Freud wird nöt größer, wenn man sich schon gar zu gut kennt, und zum Schluß verliert man noch das bissel Courage, das dazu gehört. Übers Jahr soll's ernst werden, Gott geb, daß's schon vorüber wär. Ein Jahr ist eine lange Zeit, himmelangst wird mir oft, wenn ich das bedenk, und manchmal glaub ich schier, ich derlebs nimmer.«

Sie erlebte es auch nicht. Unerwartet schnell war ihr Licht verlöscht; morgens lag sie tot im Bett wie eine friedlich Schlafende.

Rührend war es, wie Kathi sich um die Alte sorgte und mühte.

Während sie in diesen Tagen von früh bis nachts Laufereien hatte, sich um Arzt, um Apotheke, um die Pflege der Kranken kümmerte, alles selbst besorgte und dann noch mit den Scherereien der Leichenbestattung zu tun hatte, saß der Dichter bei der Netty und Pepi, jammerte über den traurigen Fall, der ihn aus dem gewohnten Lebensgeleise warf und die Arbeitsstimmung störte, und ließ sich von den Freundinnen Trost zusprechen. Er war immer auf der Flucht vor dem Alltag und fühlte dennoch dessen ganze lähmende Schwere. Zwischendurch sang er das Loblied auf Kathi: »Was sie sich versagen und für andere tun kann, grenzt an den Heiligenschein!« Auch die Schwestern flochten ihren Tugenden einen Kranz und so lobten sie zu dreien Kathis Gefühl, das sich in Herzwärme sonnte, ihren Verstand, der sich in praktischen Lebensdingen bewies und nur überragt war von ihrer Güte, die sich nicht leicht genug tat.

»Und verdienen möcht s' auch noch, die Urschel,« beschwerte sich die Netty mit scheltender Liebe; »da raunzt sie noch, daß sie keinen Beruf hat und keinen Verdienst ins Haus bringt. Ist euch schon so was Dummes vorgekommen?«

»Das ist ja zu blöd! Als ob das nichts wäre, was sie tut!« stimmte Grillparzer ein, indem er aufgeregt hin und her lief. »Habts ihr den Blödsinn nicht ordentlich ausgeredet? Da könnt einem ja die Gall überlaufen.«

Er war in heller Empörung. Und nun begann ein richtiges Schimpfkonzert, darin sich die drei gegenseitig in der Verurteilung Kathis überboten. Es war nur die andere Form, in der sich ihre grenzenlose Liebe zu Kathi aussprach.

Ganz erschöpft kam sie heim und hatte noch das eine oder andere polternde Wort aufgeschnappt.

»Habt Ihr schon wieder was gegen mich?« fuhr sie unwirsch heraus. Sie war auf Vorwürfe gefaßt, weil in dieser Zeit die Arbeiten im eigenen Haus zurückgeblieben waren. Sie hatte sich für einen möglichen Aufruhr schon gewappnet, und das flinke Zünglein hielt bereits ein scharfes Wort wurfbereit.

Als ob sie sich ihrer Liebe und Zärtlichkeit zueinander schämten, verrieten sie jetzt erst recht nicht, wie es ihnen eigentlich ums Herz war, und Netty versteifte sich in einem gutmütig grollenden Trotz, der nur Maske war: »Na ja, weils auch wahr ist!«

Auf dem blauen Himmel des häuslichen Friedens erhoben sich Wölkchen, weiß und wollig wie Schäfchen, die zusammengeballt drohend aussahen und dennoch voll Sonne waren. Schon wollte sichs wieder zum Gewitter zusammenziehen mit schmerzlichem Blitzezucken im zornbleichen Antlitz, mit Donnerwucht aus bebendem Munde und mit niederströmenden Schauern aus siedenden Augen, die die Tränenfluten nicht zurückzustauen vermochten – und nur eines einzigen sanften Wörtleins, sanft wie ein streichelnder Windhauch, hätte es bedurft, das dräuende Mißverständnis aufzuhellen. Nein, nein, du brunnentiefes Herz voll Sonnenwärme und überströmender Gefühle; du Verstandesreiche mit den alles erspähenden und jeden Wunsch von der Stirne ablesenden Augen; du reine Güte, die dem unausgesprochenen Wunsch schon mit der Erfüllung voraneilt; du Heilige, die selbstlos für die anderen lebt!

Nein also, lieber in die Zunge gebissen, als ein solches sanftes, aufklärendes, verzeihendes oder versöhnendes Wörtlein gesprochen! Nichts von dieser Liebe, die hinter dem Schelten stand, verraten! Justament nicht! Und selbst der liebende Dichter blieb in der Schamhaftigkeit seiner Seele spröde und zurückhaltend; sein Glutempfinden vermochte nur auf dem Papier auszuströmen, wenn er die Einzige in den schattenhaften Gebilden seiner Phantasien erkannte; vor dem Leben aber versiegte der heiße Quell, und so versäumte er das beste.

Auch in ihr war diese Glut, aber sie hatte dieselbe Härte und Spröde, die in den Flammen unzerstörbar war; umsonst war alles Ringen, Stürmen, Weinen und alles Mühen, das andere ganz in sich aufzunehmen; sie blieb sie, und er blieb immer er. Woran lag es denn? Bis zum Grimm steigerte sich das Mühen, und schließlich suchten sie im Einzelnen die Ursache, die im Ganzen lag. Nun brachte jeder Tag neues Quälen und bald war kein kleiner Fehler und kein Wort mehr verziehen.

Die gute Resi hatte mit ihrer Alltagsphilosophie nicht unrecht: »Ein zu langer Brautstand taugt nichts. Er zermürbt und macht alt.«

»Ja, wann wird denn eigentlich geheiratet?« begannen die Leute in der Stadt zu fragen und schüttelten bedenklich die Köpfe; »mir scheint, sechs Jahr ziehen s' schon umeinand'!«

Die Bekannten konnten sich nicht mehr enthalten direkt zu fragen; dann gabs gewöhnlich böses Blut. Der Burgtheaterdirektor Schreyvogel, des Dichters väterlicher Freund, setzte ihm zu; im engen Kreis bei Beethoven, für den der Dichter einen Opernstoff bearbeiten sollte, war die Frage anscheinend harmlos aufgeworfen, kurz man konnte ihr nirgends entgehen.

Der Dichter wich mit einem Scherz aus:

»I trau mi nöt.«

Es gehörte wirklich Mut dazu in den schwankenden Zeiten, selbst wenn der Bräutigam weniger Saumseligkeit besessen hätte. Die fremden Leute hatten es anscheinend eiliger um die Sache als die Liebenden selbst, die von Jahr zu Jahr auf den günstigen Zeitpunkt hofften und immer hoffnungsärmer wurden.

Einen entscheidenden Anstoß jedoch hatte Pepi gegeben, die vor einiger Zeit mit ihrem Meister Siboni eine Konzertreise gemacht, am dänischen Hof gesungen und sich den Titel einer dänischen Kammersängerin geholt hatte. Aus Kopenhagen hatte sie wiederholt drängend geschrieben:

»Siboni fragt mich immer, sobald ich von Euch einen Brief bekomme, ob Katti schon verheuratet ist; da schäme ich mich immer ...«

Ein anderer Brief hatte eine noch deutlichere Sprache geführt:

»Kömmt erst einer zu mir, der mir gefällt, so werde ich sprechen: ich liebe Sie, doch Liebschaften hasse ich, weil sie zu nichts führen und immer das Mädchen um ihren guten Ruf und Ruhe bringen; haben Sie ernstliche Absichten, so sprechen Sie mit meinen Eltern, und wenn diese nichts dagegen haben, bin ich entschlossen, Ihnen meine Hand zu reichen ...«

So entwickelte die jüngste Schwester als weltumreisende Theaterdame und dänische Kammersängerin gar hausmütterlich kluge Lebensansichten und war gar nicht von Kathis Antworten erbaut, die das Ideal ihrer Liebe hervorhoben, den Bräutigam gegen jeden leisen Verdacht in Schutz nahmen und wohl ein wenig verstiegen waren. »Es liegt mir fern ihn zu drängen ...« erklärte Kathi, »es ist an und für sich ein Glück, einen solchen Mann wie Grillparzer zu kennen und zu lieben; was Gutes an mir ist, verdanke ich nur ihm ... du kannst es Siboni sagen ...«

»Ich kann von dem allen, was Kathi glaubt, daß ich an Siboni sagen soll, nichts sagen,« erwiderte die Kammersängerin, »er ist hier ganz etwas anderes gewöhnt; hier hat kein Mädchen eine Liebschaft, außer eine – – – die keinen guten Ruf hat. Die Liebhaber gehen zu den Eltern und halten um das Mädchen an; er sagt, wann seine Umstände es erlauben, das Mädchen zu heuraten; ist er den Eltern anständig, so heißt es: das Mädchen ist nun versprochen. Geht oft eine solche Heurat zurück, so sagt man immer: die wird wohl schwerlich einen Mann bekommen, sie war schon verheuratet! Siboni ist diese Lebensart so gewöhnt, er würde es daher nicht gut aufnehmen und ich finde es besser, alles zu ignorieren, vielleicht ändert es sich noch ...«

An Netty aber waren die vorsorglichen Zeilen gerichtet, die geschickt mit wohlgemeintem Rat an die Hand gehen sollten, wenn es gar fehl gehen würde: »Ich hoffe, Kathi wird klüger sein und sich daher recht auf Sprachen verlegen und Studieren; das ist das größte Vermögen eines Mädchens: Wissenschaften. Um Geld kann man kommen, aber um Wissenschaften nicht, das ist ein sicheres Kapital ...«

Die Pepi meint es gut mit ihrem Herzensgepapel, aber sie schließt auch Grillparzer mit ein, trotzdem ihr Tadel auf ihn gemünzt war, und bittet in jedem Brief, den Dichter von ihr zu grüßen und zu küssen, obzwar sie versichert, daß sie froh ist, keinen »Schlantander« zurückgelassen zu haben, »den sie wie natürlich mit einigen Süßigkeiten erfreuen müßte ...«

So denkt eine Schwester mit den Gedanken der anderen, und der magische Kreis der Liebe zieht sich ungeachtet aller Klagen und Vorwürfe enger und enger um den Dichter.

Die Hoffnung, mit der die Kopenhagener Briefe schlossen, daß es sich vielleicht noch ändern würde, schien sich endlich erfüllen zu wollen.

»Ottokars Glück und Ende« war nach zweijährigem Kampf mit der Zensur, diesem kinderfressenden Kronos, zur Aufführung erlaubt, und die Welt bekam plötzlich ein freundlicheres Gesicht. Die Melancholie, die man an dem Dichter bemerkt und einzig und allein seinem unglücklichen Lieben zugeschrieben hatte, wich aus seinem Antlitz, er konnte wieder froh blicken.

Der Kaiser hatte über die Zensurgewalt des Polizeichefs Grafen Sedlnitzky die Aufführung des Stückes angeordnet.

Seit die kaiserliche Gnade so sichtbar auf den Scheitel des Dichters fiel, schienen die geheimen und offenen Verfolgungen auszusetzen, die kleinlichen Anfeindungen in den Amts- und Hofkreisen, die boshaften Angriffe in Kritiken und Zeitungsnotizen – alles nahm lauernd eine abwartende Haltung ein.

»Neid, Neid, Neid,« pflegte Grillparzer verächtlich zu sagen, wenn sie kläffend hinter ihm her waren; als kaiserlichem Beamten waren ihm die Hände gebunden, als Dichter war er wehrlos den Schmähungen jedes kritisierenden Stiefelputzers preisgegeben.

»Was wäre aus Schiller und Goethe geworden, wenn sie Österreicher gewesen wären,« ließ sich Bauernfeld über die Mißhandlungen des Dichters vernehmen.

In diesem bitteren Wort lag alles, was sich über Österreich sagen ließ.

Um so größer war jetzt der Jubel der Gutgesinnten; gerüchtweise verlauteten Äußerungen über die Schönheit des Werkes, die Schauspieler waren begeistert und Heinrich Anschütz, der Träger der Hauptrolle und Spielleiter, faßte alle Kräfte auf diese markvolle dichterische Leistung zusammen, die niemand in dieser Zeit des Überganges erwartet hätte.

Nun mußte die Erbärmlichkeit der Kotzebueschen Bearbeitung desselben Stoffes klar werden. »Es beginnt zu tagen,« riefen die Hoffenden. Und der Dichter Zedlitz erklärte ohne weiteres, seit Schillers »Tell« sei ein so bedeutendes dramatisches Werk nicht erschienen.

Der immer zielsichere Schreyvogel prägte sein Lob für den Dichter in dem knappen treffenden Wort:

»Der Knabe ist ein Mann geworden.«

Aber bei den Proben ging es schon kritisch und widerwillig her: 42 Rollen! Bis auf den letzten Mann mußte das Personal aufgeboten werden; ein einziger Versager, und es war um die Aufführung geschehen. Dem Tragödien- und Komödienhofrat, Grafen Dietrichstein, riß die Geduld, er dachte nicht allzu hoch von den Dichtern, und schickte dem Poeten, der erschöpft von den Proben sich zum Mittagstisch in das Gasthaus »Zum grünen Jäger« begab, einen Theaterdiener nach, der laut in das vollbesetzte Speisezimmer hineinrief: »Se. Exzellenz, der Herr Intendant, lassen Ihnen sagen, wann S' wieder a Stuck schreiben, solln S' nöt wieder soviel Personen 'neinbringen, es is ja gar kein Auskommen.«

Wie der Herr, so der Knecht.

Am Tag der Aufführung rauften sich die Menschen um die Plätze, es war so voll, daß sich keine Hand zum Applaus rühren konnte, ohne daß der Nachbararm mitgehoben wurde. Aber die Wiener drängten zur Erst-Aufführung bloß deshalb so massenhaft ins Theater, weil sie auf einen Riesenskandal rechneten, und waren enttäuscht, als er ausblieb ...

Die nächsten Aufführungen waren schwach und schwächer besucht; Kotzebue stand ihnen näher.

Von neuem schwoll das blinde, grundlose Hassen, die verborgene und offene Wühlarbeit gegen den Dichter, der vermessen genug war, der Shakespeare der österreichischen Geschichte werden zu wollen. Die Kammerdienerseelen in Amt und Würden wußten es zu verhindern.

Auf einer Heimfahrt von Hietzing traf Grillparzer im Stellwagen später einmal mit dem Hofrat Moser der Zensurhofstelle zusammen.

»Warum schreiben Sie so wenig?« begann Moser das Gespräch mit der in Wien damals stereotypen Frage.

»Den Grund werden die Herren von der Zensur am besten kennen,« erwiderte der Dichter kurz angebunden.

»Ja,« versetzte der Hofrat, »so seid Ihr Herren Dichter! Ihr denkt Euch immer die Zensur als gegen Euch verschworen. Als Ihr ›Ottokar‹ zwei Jahre liegen blieb, glaubten Sie wahrscheinlich, ein erbitterter Feind verhindere die Aufführung. Wissen Sie, wer es zurückgehalten hat? Ich, der ich, Gott weiß, Ihr Feind nicht bin!«

»Aber Herr Hofrat, was haben Sie denn an dem Stück Gefährliches gefunden?«

»Gar nichts,« versicherte der gemütliche Ränkeschmied, »aber ich hab mir gedacht: man kann doch nicht wissen ...«

So waren die Umstände beschaffen, als das Liebespaar ernstlich anfing, die Hochzeitsvorbereitungen zu bedenken. Familienrat ward abgehalten, wie man sich einrichten wollte, und eine Liste der notwendigen Möbel angefertigt. Die Danhausersche Möbelfabrik, aus deren Tischlereien die schön gearbeiteten Kirschholz- und Mahagonimöbel hervorgingen, der Stolz aller Hausfrauen, war nach künstlerischen Prinzipien geleitet. Der Sohn, der die Malerakademie besuchte und ein großer Künstler zu werden versprach, fertigte für den väterlichen Betrieb Entwürfe und Zeichnungen von Zimmereinrichtungen an, hauptsächlich aber wurde nach englischen Vorbildern gearbeitet. In den schöngeistigen Almanachen konnte man neben der modernen Dichtkunst, vertreten durch Grillparzer, Bauernfeld, Raimund, Collin, Castelli u. a. und neben der älteren Literatur, die sich in den seicht moralisierenden Geschichtchen von Kotzebue oder der Karoline Pichler darbot, außer den Modekupfern auch ein oder zwei Blätter, von Zimmereinrichtungen in Kupfer gestochen finden.

Bei einem Besuch in den berühmten Werkstätten hatte Kathi Fröhlich jene schweren, reichlich mit Bronzen versehenen Empiremöbel gesehen, die den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten angehörten und einfacheren glatten Formen Platz gemacht hatten. Allein der Geschmack der Vornehmen hielt an diesen schweren älteren griechisch ägyptisierenden Möbeln fest und nannte den neu aufkommenden, nüchternen, schwunglosen Hausrat verächtlicherweise »Biedermeier«. Kathi geriet in helles Entzücken beim Anblick des Empire-Zimmers, das obendrein im Preise sehr herabgesetzt und billiger zu stehen kam als diese schmucklosen Kistenformen, die ihr als ein geistloses Schema von Quadrat und Dreieck erschienen. Wie geistreich fand sie dagegen Empire! Der Waschtisch war kein gewöhnlicher Waschtisch, sondern ein Altar für den priesterlichen Dienst der Schönheit, das Nachtkästchen ein Opferstock, die Betten ein theatralisches Lager für Gott Morpheus, das Sofa eine olympische Schaukel von fein geschwungenen Linien, mit Löwenköpfen verziert und von Löwenfüßen getragen. Goldene Klauen und Vogel Greif-Füße sahen unter Bett und Tisch hervor, alle Dinge hatten ein zweites Gesicht; halb Tempelweihe, aber auch nur halb Häuslichkeit.

»Ach, wie reizend! Solche Möbel hatten wir in Döbling, als der Vater noch das Haus hatte. Gott, war das schön!« seufzte Kathi, »diese Einrichtung müssen wir haben, Franz. Obendrein kommt sie viel billiger als diese häßlichen Klötze dort. Nein, wie komisch diese ›Biedermeier‹! Hausmeisterhaft ordinär!«

Aber der Bräutigam war entgegengesetzter Meinung.

»Ordinär? Klötze? Ich weiß nicht, aber mir gefallen s'.« Dagegen erweckten ihm jene pompösen Stücke ein starkes Unbehagen.

»Ich könnt nicht leben unter diesen vierschrötigen Trümmern, sie schauen mich so bös an,« erklärte sie.

Und er: »Ich könnt nicht leben in diesem fortwährenden Theater,« und deutete dabei auf die Prunkstücke.

»Theater?!«

»Ich kann's nöt anders sagen: Theater.«

Er erinnerte sich, ein solches Sofa bei Charlotte gesehen zu haben. Das dünkte ihm als ein böses Vorzeichen und war allein schon hinreichend, und er widersetzte sich, als ob die Seligkeit von der Wahl des Möbels abhinge. Dann aber hatte er eine Äußerung Goethes gelesen, der von sich behauptete, daß anspruchsvolle Räume sein Denken ablenkten, und daß er nur in schlichten Zimmern seinen Geist sammeln und sich zur Arbeit wohlgestimmt fühlen könne. Grillparzer hatte diese Äußerung lebhaft ergriffen, denn er hatte die Erfahrung an sich selbst gemacht und liebte das Anspruchslose in seiner Umgebung. Wie aber sollte er ihr das klar machen? Es war noch ein dritter Grund vorhanden, der seine Abneigung verschärfte, und das war Bauernfelds zynisches Gleichnis mit dem Katarrhzeltelvers, das ihn zwar wurmte, aber doch zugleich ablehnend gegen das Altmodische stimmte. Die Sprache der Zukunft wird eine andere sein, klarer, nüchterner, wirklichkeitsgemäßer; keine Tiraden mehr. Er versuchte ihr das mit dem Gleichnis des Katarrhzeltelverses klar zu machen.

Die Wirkung war verblüffend, wenngleich seine Ernsthaftigkeit nicht auf diesen Lachsturm gefaßt war, den er unfreiwillig hervorgerufen hatte. Aber jetzt war er schon ärgerlich.

»Logik! Könnt ihr Frauenzimmer denn gar nicht logisch denken?«

Sie lachte noch immer und rief: »Aber du Lieber, das ist doch alles heller Unsinn. Wie kann bei so viel Gscheitheit so was Dummes herauskommen? Daran ist euere Logik schuld. Trotz dieser Katarrhzeltelverse und dieser Möbel, die damals Mode waren, hat Schiller wunderbare Sachen gedichtet, so schön, wie's keiner mehr fertig bringt.«

»Das ist es ja eben,« klagte der Dichter, »er ist so groß,, daß wir immer klein neben ihm bleiben werden. Wir müssen es anders machen, in allen Sachen.«

»Aber die Leute vergleichen dich doch mit Schiller, und ich finde, daß sie recht haben. Du dichtest auch so schön und für meinen Geschmack schöner noch.«

Er schnitt ein essigsaures Gesicht, hob die Hand abwehrend vor sich, wie um ein unerwünschtes Lob fern zu halten und erklärte pedantisch: »Falsch! Ganz falsch! Die Leut wollen mich besser verstehn als ich selber. Eine Mischung aus Goethe und Kotzebue stelle ich dar, wenn Euer Liebden das verstehen kann.«

»Nein, das verstehe ich nicht. Die ganze Rederei hat keinen Zweck. Schiller hin, Schiller her, Goethe und Kotzebue; du bist du, und das genügt. Basta! Das hat mit den Möbeln nicht im geringsten zu tun. Die Hauseinrichtung ist eine; Frage, die wir Frauen zu entscheiden haben.«

Der Dichter bestand hartnäckig auf seinem Willen und sprach von Gehorsam und Unterwerfung als die notwendigen Eigenschaften des Weibes.

Das war aber auch wieder nicht das Rechte.

Denn sie war schon die rechte, unvergleichliche und unschätzbare Mischung von Stark und Schwach, von Stolz und Demut, von Herrschaft und Gehorsam.

Doch ein scharfer Tropfen in die reine Milch löste die Teile: Stark und Schwach, Süß und Bitter traten auseinander und jetzt wurde geschätzt und verglichen, was vorher unschätzbar und unvergleichlich war.

Das Wort vom Gehorsam war ein solcher scharfer Tropfen, und nun entbrannte der Streit um dieses Wort.

Die Schwestern griffen noch zur rechten Zeit ein, ehe es lichterloh brannte.

Pepi packte die Kathi am Arm und riß sie in das eine Zimmer; Netty mit Grillparzer an der Hand verschwand im anderen Zimmer.

»Mußt du immer das letzte Wort haben?« schalt Pepi. »Was bist du für eine lächerliche Gans, die sich um Kopf und Kragen redet!«

Und Netty redete auf ihn ein: »Mußt nicht immer von Gehorsam reden, dann wird sie dir um so williger gehorchen. Das heißt, wenn du im Recht bist. Wenn du aber unrecht hast, dann ist nicht einzusehen, warum das Frauenwesen gehorchen soll. Gehorcht dann selbst nicht einmal der Knecht. Warum also soll die Erwählte des Mannes, die ebenbürtig ist, geringer sein?«

Aber es war, wie so oft, auch diesmal nicht zu erkennen, welches der Zankenden recht, und welches unrecht hatte.

So blieb die Frage der Heiratsausstattung vorläufig unentschieden.

Die Schwestern wußten schon, daß zum Schluß die beiden nachgaben, und daß die doppelte Nachgiebigkeit einen neuen Konflikt erzeugen würde, der ihnen zu schlichten verblieb.

Kathi tröstete sich, daß er im ewigen Widerspruch mit sich morgen schon das Gegenteil von dem verfechten würde, was er heute behauptet hatte.

Und er schöpfte Beruhigung aus der Gewißheit, daß ihre Seele oft schon nach kurzer Zeit das Echo seiner eigenen Wünsche und Gedanken zurückwerfe.

Man könne warten. Es sei Zeit genug.

Soviel Zeit bis dahin!

Im äußeren Leben traten weitere Veränderungen ein, die belanglos schienen und den Keim zu neuen Verhängnissen bargen.

Wie sehr die Großen von den Kleinen abhängen, und wie wichtig die niederen unscheinbaren Dienste sind, mußte nun Franz erfahren, seit er die alte Dienerin verloren hatte. Es litt ihn nicht mehr in der Wohnung. Er mietete ein neues Junggesellenquartier in der Ballgasse Nr. 931, trotzdem die Hochzeit schon in absehbare Nähe gerückt war. Er behalf sich für diese Zeit mit einer Aufwartefrau, die bloß in den Morgenstunden kam und die notwendigste Ordnung in den Zimmern machte. Ein wahres Glück, daß Kathi, die gute, wenigstens von fern, auf sein Häusliches bedacht war und seine Wäsche besorgte, sonst hätte er über jeden abgerissenen und fehlenden Hemdknopf vollends die Lebenslust und den Schaffensmut verloren. So beruhte der ganze Lebensbau mit allem Wohl und Wehe mit auf einem scheinbar so unbedeutenden Träger wie Resi, was erst fühlbar wurde, als der Stein aus dem Bau gelöst war und eine Lücke verblieb.

In dem neuen Heim wollte lange keine rechte Arbeitsstimmung aufkommen. Die Ballgasse war eng und düster; sie hatte keinen Himmel und wenig schräge Sonne, nur Fenster und Fenster, die einander in die Wohnungen sahen und sich Reflexe zuwarfen. Aber diese Gasse hatte ein Mirakel, vor dem alles Düstere wich. Gegenüber des Dichters Wohnung tauchte ein sehr schönes Mädchen auf, madonnenhaft lieblich, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Dieses Fensterbild war es, das der engen schattigen Gasse Himmel und Sonne gab. Durch seinen Vetter Rizy erfuhr Franz, daß sie Marie von Smollenitz hieß, und die einzige, etwas exzentrisch veranlagte Tochter des angesehenen Hauses war. Was kümmerte es ihn? Er hatte kein persönliches Interesse an ihr, sie war ihm bloß schön. Ein Bild der Gnade. Es hätte oberhalb des barockverzierten Fensterrahmens mit steinernen Spruchbändern geschmückt sein können wie ein Andachtsbild mit der Inschrift: »Du bist die Ruh' – der Friede mild.« Er hatte die Ruhe und den Frieden so nötig. Gerade jetzt in dieser stürmisch bewegten Zeit.

Kurz nach Resis Tod kam Schlag auf Schlag, einer traf härter als der andere. Sein Gönner, Graf Stadion; war plötzlich gestorben. Das war gleichbedeutend mit einer empfindlichen Verschlechterung seiner Amtsaussichten, trotzdem ihn der Graf kurz vor seinem Tod zum Hofkonzipisten befördert hatte. Auch mit seinen Familienangehörigen hatte er ein rechtes Kreuz. Ein Bruder hatte Selbstmord verübt, indem er sich ertränkte. Die unglückliche Veranlagung, unter der der Dichter selbst litt, hatte sich bei dem Bruder bis zum Wahnsinn gesteigert. Auch bei dem jüngsten Bruder schlug die Sache unselig aus. Der hatte eine leichtsinnige Heirat getan und eines Tages Weib und Kind im Stich gelassen. Jetzt war er plötzlich auf der Polizei erschienen und hatte sich eines Mordes bezichtigt. Es hatte sich aber herausgestellt, daß es krankhafte Einbildung war; er hatte nur eine Amtskasse geleert. Es wurde zwar alles vertuscht und als Tat eines halb Irrsinnigen nicht weiter verfolgt, aber dem Dichter bereitete das Unglück der eigenen Familie schweren Kummer. Er hatte selbst aus lauter Bedenklichkeit noch nicht zu heiraten gewagt und sich das Spottwort eines Trauminöt aufgehalst; mit fortlaufenden Geldunterstützungen war er seinen Angehörigen beigesprungen und hatte doch nicht das Unheil abwenden können. Das machte ihn nun vollends verzagt und dem Leben gegenüber ohnmächtig. Ein jährliches Gehalt, das er seit mehreren Jahren vom Burgtheater bezog, war auf Betreiben des Hofrats Moser und des Oberstkämmerers Graf Dietrichstein gestrichen worden. Der beschämend geringe Erfolg seines letzten Stückes hatte seine schönsten Hoffnungen zunichte gemacht. Und jetzt die Heiratssorgen, die Möbel, die Geldfrage, die aufreibenden Zwiste mit Kathi: es griff ihm an die Kehle, er hatte das Gefühl, im Alltag ersticken zu müssen. Flucht war seine Rettung, Flucht in seine Träume und Dichtungen, aber eigentlich war es die Flucht vor dem Leben. Die Träume des Dichters waren eine schöne lichte Welt, doch auch dort wollte der schnöde, knöcherne, würgende Griff des Alltags einbrechen. Unter der ewigen Sonne jener Welt ging die blumenstreuende Priesterin über die Stufen des Liebestempels. Gott Hymenäus und Amor lächelten. Sie empfing seine, Leanders, Geständnisse mit gnadenreicher Huld, ganz nach dem Ebenbild Kathis in deren schönsten Augenblicken. Aber war sie noch Kathi? Die Wirklichkeit hatte schärfere Züge angenommen und wollte dem Ideal immer weniger ähnlich werden. Die Priesterin entfernte sich, ihr Bild schien in seiner Seele zu verblassen.

Nur in schwachen Umrissen sah er die unvollendete Dichtung, die einst so lebhaft vor seiner Seele stand. War der Frühherbst mit Kälte und Reif in seinen Weingarten eingefallen, ehe noch die Traube der Liebe zur vollen Süße reifen konnte?

Nun stand das Fensterbild drüben mondmild über seinen Träumen; Marie von Smollenitz erschien seiner Phantasie in der Marmorgestalt der Priesterin mit Blumenkörbchen und Sprengkrug und sah ihn mit ihren wundersamen Zügen fragend an. Jetzt wurde das Fenster drüben zur Tempelpforte, und die Holde neigte sich ihm seltsam lächelnd zu. Gott Hymenäus blieb verdunkelt; Amor trat ins volle Licht. Die Tage waren voll Sturm und Klage, und die Liebe weinte; der Abend am Fenster aber rollte die Spruchbänder auf, mit denen seine Phantasie, das fromme Bild drüben schmückte:

»Du bist die Ruh' – der Friede mild,
Die Sehnsucht du – und was sie stillt.«

Die Worte Rückerts hatten Schwingen bekommen, die ihnen Schubert lieh; nun schwebten sie besänftigend wie die weiße Taube mit dem Ölzweig über diese Seele, die der Sturm gepeitscht hatte.

Die Madonnenhafte drüben nickte wieder freundlich und lächelte – vor diesem Gnadenlächeln mußte jeder Schmerz entweichen, auch der Schmerz, den Kathis Liebe so vortrefflich zu bereiten wußte. Kathi war Wirklichkeit, jene drüben war bloßes Bild. Und er liebte immer das Bild mehr als die Wirklichkeit. Denn jenes setzte seiner Phantasie keine Schranken und brachte keine Enttäuschung, solange Bild wirklich nur Bild blieb. Daß die Versuchung sich lockender Gestalt bedient, daran wollte er nicht denken; er dankte der gütigen Vorsehung, die seinen schönheitsdurstigen Sinn mit solchem Trost erquickte. Daß ihn die Fromme drüben mit dem magischen Netz ihrer Blicke umsponnen hatte, wollte er nicht bemerken. Er tat wenigstens so vor sich, und das war gut. Denn im Grunde fühlte er sich nicht sehr widerstandsfähig ... Und Kathi verstand es nicht immer, den Haltlosen so zu fesseln, daß er sich zuweilen nicht gerne wegträumte. Die Gütige, Verständige und Liebreiche ließ ihn oft zu sehr ihre Härten fühlen, und machte es damit nicht besser.

»Komm doch mit hinüber,« forderte ihn eines Tages sein Vetter Rizy auf, der im Hause von Smollenitz verkehrte.

»Tu's nicht,« warnte ihn ein gewisses Etwas; allein die Lockung war groß, und der Dichter war zu schwach zum Entsagen und zu unbegrenzt in seinen Wünschen.

»Der Daffinger ist da und würde sich freuen, dich zu sehen.«

Der Daffinger! Das ist freilich ein guter Vorwand. Warum sollte er dem berühmten Miniaturenmaler, dessen graziöse Kunst er bewunderte, nicht begegnen wollen? Und so ließ er sich von Rizy bei den Smollenitz einführen, um den Daffinger wieder zu sehen.

War das eine Enttäuschung! Aber man war ja schon so gewöhnt daran, daß man sich schließlich zu dem pessimistischen Glaubenssatz verstieg: jede neue Lebenserfahrung ist notwendigerweise eine neue Enttäuschung! Grillparzer hatte ihn früher schon gekannt. Aber war der Dichter empfindlicher geworden, oder hatte sich der Maler unter der Sohne seines Ruhms so ungünstig verändert, kurz, Grillparzer meinte jetzt in dem Künstler einen neuen, fremden und eigentlich unerträglichen Menschen zu entdecken.

Diese zarten Elfenbeinbildnisse, darin die zahllosen anmutigen Frauen und Mädchen aussehen wie in den Augen eines bewundernden Liebhabers! Dieses zart schimmernde rosige Fleisch, diese Sanftheit oder Schwermut der Augen, die Schlichtheit und Innigkeit des Ausdrucks und vor allem diese Seele! Und dazu dieser gewöhnliche Mensch von einem Maler, der von der Gunst der Frauen verwöhnt, sich mit der Launenhaftigkeit eines ungezogenen Lieblings gehen ließ. Der Dichter konnte die beiden nicht zusammenfinden, das Werk und den Künstler. Nur die schmalen, feinen, gepflegten und ein wenig bewußten Hände ... Sie schienen einem anderen zu gehören. In diesen Händen war Geist, war Genie; und im übrigen Menschen keine Spur davon. Er war sehr eitel, erzählte gern anzügliche Weibergeschichten, neigte sich flüsternd bald zu dem und bald zu jenem, wenn die Anekdote allzu saftig wurde und lachte dann immer selbst den besten Teil weg. Und dann heuchelte er den Wohlanständigen und beklagte sich großsprecherisch, daß ihm die Frauen so zusetzten, daß er gar keine Ruhe hätte, und meinte in seiner unanständig zweideutigen Art:

»Sie, Herr Grüllparzer, wenn ich Ihnen die Sachen erzählen tat, da könnten S' Stücke schreiben! Ich möchte Ihnen einen Stoff geben, der sich g'waschen hat! Selbsterlebtes, daß S' spitzen! So etwas hat noch kein Dichter erfunden! Ja, das Leben! Die Natur und das Leben, ohne die zwei gibt's keinen Künstler.«

»Das glaub ich Ihnen gern,« versetzte Grillparzer unwirsch und wendete sich zur schönen Tochter des Hauses, die über die schwachen Eltern, über die Freunde und Gäste in sprunghafter, knabenhaft mutwilliger Laune regierte. Daffinger machte ihr sehr auffallend den Hof, ward aber zum Dank am schlechtesten behandelt.

Nun spielte er den Gekränkten, halb im Ernst, halb im Scherz: »Ich bin harb. So, jetzt schaut s' mich gar nimmer an! Ah, da legst dich nieder und stehst nimmer auf!« Aber seine alberne Vorstadtkomik erzielte keinen Erfolg bei Marie, die Aug' und Ohr für den neuen Gast war, der nicht heiter schien.

»Er ist so traurig,« dachte sie und wurde erfinderisch, um ihn aufzuheitern.

Der Abend verging mit Kurzweil und guter Laune. Ein Pfänderspiel wurde arrangiert; es war der Umweg zum Küssen, aber es mußte in Ehren geschehen, darum war das Pfänderspiel so beliebt in der etwas eingeengten und ach! so kußfreudigen Zeit. »Es ist doch so harmlos,« sagten die Alten, weil alles so ehrbarlich unter ihren Augen geschah, und gedachten wehmütig der eigenen Jugend, die beim Pfänderspiel ihr Herz verpfändete und erst am Hochzeitstag wieder auslöste. »Man war doch auch einmal jung!«

Der lüsterne Daffinger, der eifersüchtig auf Grillparzer geworden war, begann wieder zu hoffen.

»Ja küssen, küssen, küssen, noch einmal so küssen wie einst!«

Marie von Smollenitz hatte ein etwas kompliziertes Pfänderspiel mit lebenden Bildern gewählt, die das erste Menschenpaar und die Schlange im Paradies darstellten. Die Rollen waren verteilt, die Hetz begann. Der lange Rizy ward zum Baum, indem er die Hände hoch hob und grünes Zeug hielt. Daffinger maulte, weil ihm die Rolle der Schlange zugefallen war. Er mußte hinter Rizy einen Sessel besteigen, sich über dessen Schulter vorlegen wie eine Schlange, die in den Zweigen hängt und den verbotenen Apfel hält, was er mit seiner weißen schönen Hand auf eine gar ausgesucht delikate Art tat. Dabei hatte er die Aufgabe, dem unter dem Baum stehenden ersten Menschenpaar, es war Marie und Grillparzer, in artigen Versen, die er mit unartigen ex tempore vermischte, zu dem verbotenen Apfelbiß zuzureden. Die Erbsünde wurde im Spiel durch einen Kuß dargestellt, den die Eva dem Adam gab, worauf im Hintergrund die Stimme des Herrn erdröhnte und die Austreibung aus dem Paradies erfolgte. Die Person, die als Erzengel auftrat, fiel mit einem Lappen oder Handtuch als Flammenschwert über das Menschenpaar her, jagte es im Zimmer umher und zur Tür hinaus. Das geschah unter launigen Sprüchen und verwickelten Versen und wer sich dabei versprach oder einen Teil vergaß, hatte wieder ein Pfand verwirkt. Als es aber zum Kuß kam, den Grillparzer als der Adam im Spiel von seiner Eva zum Zeichen des biblischen Sündenfalls empfangen sollte, wendete Marie das Gesicht in heftiger und entschiedener Abwehr zur Seite und weigerte sich auf diese Weise, ihrem Adam den pflichtschuldigen Tribut in klingender Münze zu zollen.

»Bravo, bravo!« rief die schadenfrohe Schlange auf dem Baum der Erkenntnis, die dem armen Adam diese Abfuhr von Herzen gönnte, der nun jetzt erst recht im Paradies verbleiben und sich viel Unheil hätte sparen können. Der eifersüchtige Daffinger triumphierte und biß selbst in den Apfel zum Zeichen, daß er einen weitaus klügeren und siegesgewisseren Adam abgeben hätte können.

Grillparzer kam sich in dem ganzen Spiel ein wenig unbehaglich und lächerlich vor; er hatte ein erregtes und zugleich peinigendes Gefühl, wie Kinder, die mit dem Feuer spielen, und war doch froh über diese Wendung; aber da regte sich schon wieder die liebe Eitelkeit und der verletzte Stolz, und er begann sich über Marie zu ärgern.

Die Stimme des Herrn als der Sturmwind des Schicksals erhob sich indessen im Hintergrund, unbekümmert, ob geküßt wurde oder nicht; der Erzengel schwang mit großem Geschrei sein Flammenschwert und trieb das schuldig unschuldige Paar zu den Pforten des Paradieses auf den langen dunklen Korridor hinaus.

Draußen warfen sich zwei weiche Arme um den Hals des Dichters, und ein schöner voller Mund bedeckte sein Antlitz mit glühenden Küssen.

Die Unschuld des Fensterbildes war dahin und mit ihr die Ruhe und der Frieden. Die Ballgasse hatte ein neues Geheimnis. Was Gnade der Vorsehung schien, war Trug und Versuchung. Die Lebenskreise verwirrten sich aufs neue. Das Spiel ward ernst; dann stand wieder das Gewissen gegen ihn auf wie die Stimme des Herrn, die den Adam nach dem Sündenfall durchschauerte.

»Mir ist bestimmt, zu irren bis ans Ende meiner Tage!« knirschte der Dichter aus tiefster Seelenqual.

Weit entrückt war das Paradies der Träume: dort schritt die reine Gestalt der keuschen Priesterin über marmorne Stufen und blickte mit hoheitsvoller Stirn auf den Sünder herab. Ihr Antlitz hatte keine Ähnlichkeit mehr mit der dämonischen Schönen drüben, die ihn abstieß und wieder lockte; sie trug wieder die klaren Züge Kathis. Nun war wieder sie die Heilige, zu der die Sehnsucht wie ein im Dämmergrau flatterndes Band den ewig Schwankenden zurückrief:

»Du bist die Ruh' ...«

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