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Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich

Joseph August Lux: Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJoseph August Lux
titleGrillparzers Liebesroman. Die Schwestern Fröhlich
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
firstpub1912
printrunVierundfünfzigstes bis sechsundfünfzigstes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171117
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IX.

In den liederreichen zwanziger Jahren lebte die Stadt wie eine einzige, weitverzweigte Familie, die nicht nur durch Liebe und Freundschaft, sondern auch nicht minder fest durch Zank und Tratsch, diesem festen Familienkitt, verbunden war. Der gesellige Hausgeist sorgte dafür, daß die Fäden nirgends ganz unterbrochen waren, und dank gewisser, unterirdischer Leitungen, die durch die Hausmeisterlogen führten, konnte man jederzeit an dem einen Ende der Stadt erfahren, was sich im engsten Familienkreis auf dem anderen Ende begab. Dazu kam, daß die Fröhlichs ein sehr offenes Haus führten und als alleinstehende Mädchen für ihre Zeit ein sehr ungebundenes Berufsleben führten, was zu mancherlei Gerede Anlaß gab. Fast jeden Abend war bei innen eine musikalisch-gesellige Zusammenkunft, und wer kam, war willkommen. Zuweilen war der Andrang ziemlich groß; die Schönheit der Mädchen und ihr Liebreiz war Stadtgespräch, und wer nicht deswegen kam, hoffte Schubert zu sehen oder Grillparzer, der sich spröd und zurückhaltend gab; zumindest aber kam man, um gute Musik zu hören. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Schwestern von alt und jung angehimmelt wurden, und daß abwechselnd einmal die Netty, und dann wieder die Pepi in eine kleine Herzensbedrängnis gerieten, die aber immer wieder ohne tiefere Wirkung vorüberging. Sie begnügten sich mit den Brosamen, die vom Tische der Liebe fielen, an dem Kathi mit dem Dichter saß; und waren glücklich, in Sorge lieben zu können ohne zu begehren. Zuzeiten aber mochte sich doch der Wunsch nach einem handfesteren Glück regen, und vorübergehend stellte sich ein erklärter oder unerklärter Bräutigam ein. Aber die Schwestern hatten schon ein zu hohes Ideal im Herzen, gegen das jeder Bewerber abfiel, und sie lachten befreit und ohne Reue über sich selbst, wenn ein kurzer Wahn wieder zerronnen war. Gesund und tüchtig, waren sie immer Herr über sich selbst, aber nicht immer Herr über das Gezischel und Getuschel.

Am meisten freilich war Kathi dazu angetan, die Begehrlichkeit der Männer zu entzünden. Einmal wurde durch Spaun ein junger Beamter namens Spinnradl, der sich als großer Musikfreund ausgab, bei ihnen eingeführt. Er kam öfter und öfter und machte in einer zwar unauffälligen, aber nicht zu verkennenden Weise Kathi den Hof, die sich über seinen komischen Namen belustigte und es oft ziemlich arg trieb. Eines Abends, da gerade Grillparzer nicht anwesend war, und alle in Musikbegeisterung schier ihrer Sinne nicht mehr mächtig waren, vergaß sich Spinnradl, der sich wahrscheinlich trügerische Hoffnungen machte, oder nicht ahnte, daß sie Grillparzers Braut sei, und legte vertraulich den Arm um Kathis Taille. Mitten in einem Adagio von Mozart klatschte eine fürchterliche Ohrfeige. Spinnradl hatte zu fühlen bekommen, daß Kathi eine sehr kräftige und zielsichere Hand besaß.

»Er hat's Spinnradl z'weit laufen lassen,« sagte trocken die Kathi, indem sie mit dem Finger auf den Kopf deutete, als ob es bei ihm da oben nicht richtig gewesen wäre. Der junge Mann, der sich nicht mehr blicken ließ, war rettungslos dem Fluch der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber die Ohrfeige war zugleich eine Warnung für viele und hatte gleichsam mit einem Schlag bewirkt, daß niemand mehr den schuldigen Respekt vergaß. Mehr als alle anderen Beweise, hatte Kathis Schlagfertigkeit die Reputation des Hauses Fröhlich erhärtet.

Trotzdem arbeitete der Klatsch mit fieberhafter Phantasie, der sich des Falles bemächtigte und ihn mit allerhand Ausschmückungen verbreitete, so daß er schon am nächsten Tag Grillparzer durch Resi hinterbracht wurde, als er mittags aus der Kanzlei heimkam.

Wer ihr diese Schandmär erzählt habe? Die Hausmeisterin natürlich.

Das ist nicht verwunderlich. Denn eine Wiener Hausmeisterin ist wie Petrus an der Himmelstür eine Person, mit der man rechnen muß. Auch sie betrachtet ihr Amt von Gott verliehen, und mit der Schlüsselgewalt des Hauses scheint sie den Schlüssel zu den Geheimnissen der Familien zu besitzen. Sie hat Herz und Nieren ihrer Parteien geprüft und ist buchstäblich allwissend. Ihr Auge durchdringt die dicksten Mauern und sieht alles, was innerhalb der vier Wände in jeder Wohnung vorgeht; trotz Schloß und Riegel ist sie unsichtbar immer anwesend, zählt die Groschen im Sack, die Wäsche im Schrank, die Bissen am Tisch. Sie hat immer ein Bündel voll Neuigkeiten bei der Hand, aber sie ist diskret und gibt ihre Geheimnisse nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit weiter, was zur Folge hat, daß es binnen vierundzwanzig Stunden die Spatzen auf dem Dach pfeifen. Wer heiratet, sich um ein Amt bewirbt, oder einen Kredit sucht und eine gute Nachfrage braucht, vergesse nicht, daß die Norne in der Hausmeisterloge im Rat der Götter mitzusprechen hat, und daß Merkur, Gott Hymenäus oder der heilige Bureaukratius seinen Schützling oft nicht zu retten vermag, wenn sie den Zipfel des bürgerlichen Tugendkleides lüftet und eine Blöße zeigt.

So mußte der kosmopolitische Franz von Schober an die verborgene Macht dieser Zipfelträgerin glauben, der, ohne daß er es ahnte, in den Ruf eines vornehmen Taugenichts und galanten Wüstlings gekommen war, und vergebens auf seine Marianne hoffte. Die besorgten Eltern! Was die für Sachen über den eleganten Leichtfuß hören mußten, als sie mit Hilfe eines guten Trinkgeldes der verschwiegenen Hausmeisterin in der Tuchlauben, wo Schober wohnte, die Zunge lösten. Schrecklich! Daß auch der liederliche kleine Musikant bei ihm wohnte, der die halben Nächte in Gast- und Kaffeehäusern verzechte, verjubelte und vermusizierte, erhöhte nicht gerade sein Ansehen. Auf diesen grauperten Fixköter namens Schubert war die Haustyrannin besonders schlecht zu sprechen. Daß der gute Sohn Josef Spaun sich in so zweifelhafter Gesellschaft bewege, war den Eltern schmerzlich genug, aber sie mußten sich der Tatsache fügen, daß die Jugend die Ideale der Freundschaft hoch über die Elternwünsche stellte. Daß sie jedoch das Glück der zarten, wachsengelhaften Tochter Marianne, die zeitlebens unter der mütterlichen Obhut wie unter einem Glassturz gestanden, aufs Spiel setzen sollten, das war eine zu große Zumutung. Nie, nie durfte der abenteuerhafte junge Lebemann, der den kultivierten Müßiggang zu seinem Lebensberuf erkoren, diese Hoffnung hegen.

Auf diese Weise hatte sich aufs neue bestätigt, daß die Froschperspektive der Hausmeisterloge das Kleine groß und das Nichtige wichtig macht, so wichtig, daß die Glücksfragen des Lebens oft durch dieses Kleine entschieden werden.

Wie aber stand es in der Singerstraße? Hatte die Hausmeisterin Spinnradl weglaufen gesehen mit einer schönen roten Zeichnung von allerliebsten fünf Fingern auf der Wange? Wie erfuhr sie die Zusammenhänge? Und wie kam die schnelle Fernwirkung zustande, daß Resi am nächsten Tag dies und noch mehr wußte? Das wird immer ein Geheimnis jener Unterwelt bleiben. Vielleicht aber war die als Klatschbase ebenso berüchtigte als verhätschelte Frau Butterstößel, die sich überall Liebkind zu machen verstand, nicht ganz unschuldig an diesem Tratsch. Obschon nur einige Jahre älter als die Mädchen war sie bereits Witwe und verkehrte als Hausfreundin bei den Schwestern Fröhlich, mit denen sie noch in den besseren Döblinger Zeiten bekannt und benachbart war.

»Zu beneiden seid ihr um euere Freiheit, Mädeln,« pflegte sie zu sagen; »wenn ich dieses Glück in meiner Jugend gehabt hätte, wie hätt ich es ausgekostet! Ihr wißt ja gar nichts anzufangen damit. Gar so solid! Alles was zu viel ist, ist ungesund!«

»Aber wieso?« Die Fröhlichs begriffen nichts in ihrer Harmlosigkeit.

»An jedem Finger hätt ich zehn Verehrer,« erklärte die lebenslustige, nicht unhübsche Witwe, die gewöhnlich in Begleitung ihrer verwandt empfindenden und ebenso eroberungssüchtigen Freundin Minna Süßholz zu Besuch kam. Sie unterhielten sich gerne über verfängliche Dinge, trugen jeden Tag an einem anderen Liebesschmerz und hätten so gerne die Mädchen in ihre Intrigen verstrickt. Sie kamen oft und oft und saßen mit ihren Strickbeuteln immer schon da, wenn Gesellschaft im Hause erwartet wurde. Daß nicht nur Frauen und Mädchen, sondern auch viele junge Männer sich einfanden, gab den Fröhlichschen Abenden erst die rechte Anziehungskraft, der liebebedürftige Herzen wie diese beiden unmöglich widerstehen konnten. Das ewige Schmachten und Angeln, das Blickewerfen und Gezierttun der beiden Angejahrten war nicht ohne Komik; die rundliche, fettgepolsterte Butterstößel und die verblühte Minna Süßholz mit ihren Salzfäßchen, Stirnfransen, aufgelegtem Rouge und koketten Schönheitspflästerchen, taten in Kleidung und Betragen gar mädchenhaft und wurden dadurch erst recht zur Zielscheibe des Spottes. Die Schwestern Fröhlich machten sich in gelinder Art lustig über die beiden, deren Anhänglichkeit kein rechtes Vertrauen erweckte. Am ärgsten trieb es freilich wieder der Schalk, die Kathi.

»Der Mayrhofer ist schrecklich in dich verliebt,« raunte sie der Butterstößel zu, »aber er ist so scheu, du mußt ihm entgegenkommen.«

Die Butterstößel hatte zwar ein Auge auf den eleganten Herrn von Schober geworfen; sogleich aber wandte sie ihren ganzen Vorrat unerwiderter Liebe dem borstigen Mayrhofer zu.

Für die anderen war es nun ein diebisches Vergnügen, den weiberfeindlichen Mayrhofer von der girrenden Witwe belagert und in die Enge getrieben zu sehen. Er rückte von einem Stuhl auf den anderen, die Beharrliche rückte ihm nach. Ganz ängstlich und heiß war ihm zumute, die Schweißtropfen perlten an seiner Stirn, er flüchtete bis in den Winkel des Zimmers. Jetzt war die Witwe ihrer Beute sicher, die den Flüchtling mit ihrem wiederholt unterbrochenen Gespräch fest zu umgarnen versuchte.

»Ein Mann in den schönsten Jahren wie Sie, Herr von Mayrhofer,« setzte sie ihre Angriffe fort.

»Ich bitt Ihnen, lassen S' mich aus damit!«

Aber sie ließ nicht locker. Man muß ihm nur Mut machen, dachte sie. Sie lächelte und drohte schelmisch mit dem Finger: »O, die Männer können sich verstellen! Aber sie können ja doch nicht auskommen ohne Frau. Was täten sie denn, wenn wir nicht wären? Sollten Sie wirklich noch nicht Ihr Herz gefragt haben und an die Gründung eines eigenen Herdes ...«

Das wurde ihm aber zu viel. »Was wolln S' denn eigentlich? Ich bin doch eh verheiratet!«

»Verheiratet?!« entsetzte sich die Witwe.

»Ja!« schnauzte er sie an, »mit einer eifersüchtigen Alten, die ein bissel jünger is wie Sie, mit meiner Pfeifen nämlich, lassen S' Ihnen das gesagt sein!« Sagte es und kehrte der Verdutzten den Rücken.

Unterdessen hatte Minna Süßholz ihr mitleidvolles Herz dem meistens versunken und verlassen über den Tasten sitzenden kleinen Musikanten zugewendet. Warum sollte er der Enterbte der Liebe sein? Er war ja gerade nicht hübsch, das ist wahr, aber er konnte so schön Klavier spielen, wenn er wollte. Zwar nicht diese ernsten und faden Sachen, die die anderen so bewunderten, sondern etwas Lustiges, Lockeres, wie es auf Tanzböden, beim Heurigen und Volksfesten zu hören war, leichtgeschürzte, schmachtende und frivole Melodien, die zugleich hilflos und verwegen machten.

»Wissen S', Herr Schubert, so was fürs Herz, Sie verstehn mich schon,« munterte sie ihn auf, indem sie sich leicht an seine Schulter lehnte und ihm zuckersüß ins Gesicht lächelte.

Der aber äugte sie hinter seinen Brillengläsern scharf an und mochte denken: Bin ich wirklich ein solcher Ausbund von Häßlichkeit, daß mir kein anderes Liebesglück auf Erden blüht? Und er sagte nach einigem Zögern: »War denn das nichts fürs Herz, was ich gespielt hab? Ich denk, das Herz müßt man drin spüren, und wer's nöt spürt, dem ist nicht zu helfen.«

»Ja, schon,« entgegnete die Kokette, »Sie könnens aber noch besser, wenn Sie wollen. Wissen Sie, etwas, das mehr ins Gemüt geht und wurlert macht, so einen recht feschen Walzer.«

Seufzend intonierte Schubert eine der damals beliebten seichten Walzermelodien. Das prickelte und fuhr zuckend in die Füße, daß sie nicht still stehen konnten, sondern wie von Zaubermacht gehoben, zu schleifen und zu lupfen begannen und den ganzen Körper zwangen, das Wiegen und Wirbeln mitzumachen. Tanzen, tanzen! Vor Vergnügen klatschte die Süßholz in die Hände und drehte sich wie ein Püppchen um die eigene Achse. Aber da hatte der eigensinnige Musiker sich mit ein paar Takten schon wieder in die einsamen Weiten seiner Sehnsucht geflüchtet, und der Walzer klang nur mehr stückweise wie Koboldgekicher in den Variationen des Themas nach. Dahin zu folgen, war Süßholz, die den festen Walzerboden unter sich fühlen mußte, nicht fähig, und sie stand in dem musikalischen Scherzo alsbald ein bißchen lächerlich da und wohl auch ein wenig beschämt, daß sie sich vor den anderen so unbekümmert hatte gehen lassen.

Die liebestolle Witwe Butterstößel war durch die empfangene eiskalte Dusche abgeschreckt, aber keineswegs abgekühlt. Nach diesem Intermezzo würdigte sie den widerhaarigen Mayrhofer keiner Ansprache mehr und nährte wieder die stille Flamme für den kavaliermäßigen Herrn von Schober.

Der befolgte wieder eine Methode, die jener des Mayrhofer entgegengesetzt war; er stellte sich sehr verliebt, scharwenzelte mit galanten Redensarten um die leckere Witwe herum, daß sie ganz betört ward und alle Schranken vergaß. Zu spät merkte sie, daß alles nur Scherz und Schimpf war, und daß sie zum Gespötte der übermütigen Bande gedient hatte. Seither hatte sie einen Zahn auf Schober und ließ es ihn auf eine Weise entgelten, wie er es am wenigsten ahnte. Als Brunnenvergifterin in der öffentlichen Meinung verstand sie sich wohl darauf, den verderblichen Tropfen zu bereiten und an der geeigneten Stelle anzubringen.

»Ist doch kein ehrsames Frauenzimmer vor den Nachstellungen dieses Wüstlings sicher,« tuschelte sie, »o, wenn ich reden wollte!«

»Wie waren wir doch wohlberaten,« sagten sich die sorglichen Eltern Mariannens, »man denke eine schutzlose Witwe, mit nichts bewehrt als mit dem allerdings undurchdringlichen Panzer ihrer Tugend!«

Eine Zeitlang schmollten die Gefallsüchtigen und blieben aus. Die Fröhlichs frohlockten zu früh, die beiden Überlästigen los zu sein. Denn eines Tages waren sie wieder da und saugten sich fester denn je. Sie konnten der süßen Frönung nicht entsagen, sie schmachteten und angelten aufs neue, obschon mit wenig Aussicht auf Erfolg. Aber es gab immer Kurzweil, interessante Menschen und einen Strickbeutel voll Neuigkeiten, mit denen sie sich den Zutritt in andere Familien erkauften. Die Ohrfeigengeschichte war allerdings ein selten kostbarer Fall, der sich äußerst dankbar erwies.

»Der arme liebe Mensch!« Am liebsten wären sie ihm nachgeeilt, seine geschlagene Wange zu tätscheln und Werke der Barmherzigkeit zu üben, für die sich keine Nachfrage fand. »Daß er sich gerade dieses dumme aufgeblasene Ding einbilden mußte! Er könnte alles nach Herzensbegehr haben, wenn er nur hätte verstehen wollen, die Sympathien dort zu suchen, wo sie ihm entgegenlachten. Aber die es so gut und aufrichtig meinen, werden am schlechtesten bedankt.«

Sie knirschten, aber sie mußten schweigen; um so gütlicher taten sie sich hinterrücks. Sie hatten es noch eilig an diesem Abend und am nächsten Tag, denn es gab viele zu bedenken, die für den Ohrenschmaus dankbar waren. Überall packten sie ihren Strickbeutel aus, und überall waren es an nähernd dieselben heuchlerischen Worte: »Wir waren doch auch einmal jung, aber das hätt es bei uns nicht gegeben, an jedem Finger zehn Verehrer! Die heutige Jugend hat eben vergessen, was solid sein heißt. Mir tut leid um die Mädeln, denn ich hab sie recht gern; aber wenn alle Ermahnungen nichts helfen, dann ist es halt ein rechtes Kreuz. Die Eltern sind zu schwach und nachsichtig und lassen den Töchtern zuviel Freiheit. Was soll denn da draus einmal werden? Wir hätten schon lange den Verkehr eingestellt, und sind schon oft ausgeblieben, aber die Sorge, die Sorge, daß sie den Rat einer älteren mütterlichen Freundin brauchen können, treibt einen immer wieder hin. Man hat doch auch ein Herz und möchte helfen, warnen, schützen. Freilich mit der Kathi ist nichts auszurichten, die treibt's am ärgsten. Jetzt noch die Geschichte mit dem früheren Verehrer, der ältere Rechte geltend macht, und den sie mir nichts dir nichts mit einer Ohrfeige abfertigt.«

Und wenn ein erstauntes Gesicht die zweiflerische Frage stellte: »Ja, sagen Sie, ist denn das möglich mit dem früheren Verehrer?«

Dann war die unschuldsvolle Antwort: »Aber ich bitt Sie, möglich ist doch alles auf der Welt, warum soll denn gerade das nicht möglich sein?«

War Bosheit oder Haß in diesem Geträtsch? Gott bewahre! Man dachte gar nichts Übles dabei. Man tat es aus purem Vergnügen. Die Phantasie war es, die den einfachen Gemütern einen Streich spielte. Man hörte und erzählte so gern Skandalgeschichtchen, besonders von Personen, die bekannt waren und irgendwie hervorragten. Man liebte sie eigentlich erst, wenn man sie recht verlästern konnte. Das lag so im Blut. Man war lüstern auf Skandälchen, denn sie waren der Sauerteig des Lebens.

So bekam alles ein doppeltes, zweideutiges Gesicht.

Franz erfuhr noch am selben Tag aus dem Munde der Schwestern, wie sich alles zugetragen hatte. Er war keinen Augenblick über die Harmlosigkeit der aufgebauschten Sache im Zweifel gewesen. Trotzdem blieb ein Stachel zurück. Sein zweiflerisches Gemüt vermochte nicht Herr über kleinliche Bedenken zu werden. Der Dämon Eifersucht stand auf und raunte ihm zu: »Wie wird das später werden? Denk an Paumgartten! Wer bürgt dir dafür, ob dir nicht dasselbe Schicksal blüht? Wird sie treu und stark sein? So scheint es, allein ungeprüft ist Tugend noch nicht Tugend.«

Er dachte nicht gut vom Weibe und hielt das Schlimmste für möglich, und hatte doch das hehrste Frauenideal im Sinne, an das zu glauben eine Notwendigkeit seiner Seele war. Was er in Charlotte und anderen vergebens suchte, hatte er in Kathi gefunden; sie war es, die in seiner Brust jenes Bild hervorrief, das ihn seit frühesten Tagen umschwebte, und sein geheimstes Wesen rief: sie ist es! Er konnte sie nicht herrlicher und reiner fassen als in der dichterischen Gestalt jener Priesterin des Aphroditen-Tempels, die sein Ideal verkörperte. Jetzt aber wollte sich das reine Bild wieder trüben; Kathis Züge schienen nicht mehr jene der Priesterin zu sein, sondern empfingen eine unselige Ähnlichkeit mit jenen der Charlotte.

Er hatte Charlotte nicht mehr gesehen seit jenem Tag, da er sich mit Kathi gefunden hatte. Ganz plötzlich war seine flammende Liebe in Eis verwandelt, er ließ Charlottens flehentliche Briefe unbeantwortet und bedankte die empfangene Liebe durch Härte und Nichtachtung. So ward die Treulose, die ihren Gatten betrog, selbst betrogen, und die Treue gegen den Geliebten durch Treulosigkeit belohnt. Aber die Untreue schlug den eigenen Herrn. Das war der schale bittere Rest der ehebrecherischen Liebe; er hatte aus der Neige des verbotenen Liebestrankes Ekel, Verdruß und Zweifel an allem, was er als Dichter glauben mußte, getrunken. Der Schatten Medeens fiel auf Charlotte; obschon sie abwesend war, war sie gegenwärtig und forderte Genugtuung. Franz hatte ihr Glück vergiftet, und nun vergiftete sie seine Seele. Wo er den Glauben an das Leben, an seine Liebe und an Kathi am dringendsten gebraucht hätte, trat die Erinnerung an Charlotte dazwischen und verwandelte Glauben in Unglauben, Vertrauen in Argwohn und Eintracht in Zwietracht.

So litt Franz unter dem unseligen Zwiespalt seiner Seele mehr durch eigene als fremde Schuld.

Immer wieder kehrte der eigensinnig bohrende Verdacht zu der mißtrauischen Frage zurück: »Vielleicht hat's die Kathi in der Vertraulichkeit doch zu weit kommen lassen. War's dann nicht ihre Schuld?«

Vergebens versuchten die Schwestern ihm die Zweifelsucht auszureden. Kathi unterließ überhaupt jeden Versuch der Rechtfertigung.

Der Liebende trotzte; sie aber war durch sein argwöhnisches Wesen gekränkt, gereizt und erbittert.

Das Mißverständnis richtete eine dünne Scheidewand zwischen ihnen auf; mit einem raschen Griff hätten sie zerstören können, was sie trennte, aber keines wollte zuerst die Hand bieten. Sie liebten sich, aber sie begriffen nicht, daß ein Inneres schmelzen muß, um mit dem anderen Inneren eins zu werden. Sie glühten füreinander, aber jedes von ihnen blieb ein ungeschmolzenes und unteilbares Ganzes. Überkam die Weichheit eines der beiden, so stieß es sich wund an der zufälligen Härte des anderen. So suchten sie sich, die ohneeinander nicht leben konnten, suchten sich mit verzweifelter Sehnsucht und konnten sich nicht finden.

Ewig erneuter Schmerz war die Frucht dieser Liebe.

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