Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Preller >

Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 99
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

d. Diomedes und Odysseus.

In der troischen Sage treten sie oft zusammen auf, ein Doppelbild von Muth und List, obwohl diese Paarung erst durch diese Sage hervorgerufen zu sein scheint, denn ursprünglich 407 gehörte jeder zu einem eigenthümlichen Zusammenhange älterer nationaler Ueberlieferungen.

Diomedes, der Sohn des ungestümen Tydeus, ein Held der aetolischen und argivisch-thebanischen Sage, ist in der Ilias der Führer der Völker, welche zur Herrschaft der Amythaoniden gehörtenIl. 2, 559 vgl. oben S. 353.. Ungestüm wie sein Vater und ein Liebling der Athena wie er, aber glücklicher, denn er erlangte wirklich durch sie die UnsterblichkeitPind. N. 10, 7, Horat. Od. 1, 6, 15 vgl. oben S. 361., schont er im Kampfe wenn sie an seiner Seite steht selbst der Götter nicht. Dazu ist er der eigentliche Entführer und Träger des troischen Palladion, des alten Bildes mit der geschwungenen Lanze, welches Diomedes nach Argos gebracht, wo seine Nachkömmlinge mit der Pflege desselben beschäftigt blieben, als ein Verehrer der Athena und ein Verbreiter ihres Cultus auch in vielen andern Gegenden bekannt. In Argos wurde sein Schild als Reliquie am Feste der Athena durch die Stadt getragenKallimach. lav. Pall. 35 ff. vgl. Schol v. 1 u. 37, Plut. Qu. Gr. 48, O. Müller kl. Schr. 2, 169. Auch das H. der Athena οξυδερκὴς auf der Burg von Argos war eine Stiftung des Diomedes, ότι οι μαχομένω ποτε εν ’Ιλίω τὴν αχλὺν αφει̃λεν η θεὸς απὸ τω̃ν οφθαλμω̃ν, Paus. 2, 24, 2. A. ανεμω̃τις ib. 4, 35, 5., in Methone (Modon) galt ein Tempel der Athena Anemotis d. h. der den Stürmen Gebietenden für seine Gründung, in Italien rühmte man sich in verschiedenen Gegenden das Palladion durch ihn erhalten oder Rossezucht und griechische Sitten von ihm gelernt zu haben, zu Salamis auf Cypern wurde er neben der Athena und der Kekropide Agraulos mit Menschenopfern verehrtPorphyr d. abstin. 2, 54.. Kurz dieser Held gehört wesentlich zum Athenadienste in seiner hellenischen Bedeutung, sofern sie die stürmische Wetter- und Kriegsgöttin ist, die Göttin der Wogen und der Rosse und des wildbewegten Kampfes in der Schlacht.

Endlich Odysseus, auch er ein besondrer Liebling der Athena und zugleich einer der größten Lieblinge der griechischen Heldensage überhaupt, ja wohl der populärste von allen, wie sich denn auch der griechische Nationalcharakter in keinem so treu widerspiegelt wie in ihm. Zu dem weit idealeren Achill verhält er sich etwa wie Hermes zum Apoll, eine seltene Mischung von Muth und rüstiger Kraft mit Schlauheit und unverwüstlicher Geistesgegenwart, deren Züge weit mehr als es sonst im Epos der Fall zu sein pflegt gewissen realen Lebensbedingungen entlehnt 408 zu sein scheinen. Die Vorbilder dazu mochten sich vorzüglich dort finden wo Odysseus eigentlich zu Hause ist und von wo auch die Sage von ihm eigentlich abstammt und sich aus localen Anfängen allmälich zu dem reichen und lebensvollen Charakterbilde entwickelt hatJ. F. Lauer Geschichte der Homer. Poesie 247 – 202.: auf den griechischen Inseln und in dem griechischen Seeleben, also unter jenen betriebsamen, durch weiten und breiten Verkehr mit Osten und Westen und durch alle möglichen Abenteuer geschulten Völkern und Stämmen des griechischen Mittelmeers, deren Einfluß auf die griechische Sage und Mythologie und überhaupt auf griechische Bildung und Cultur nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Immer ist das Seeleben die Schule des Abenteuers, der Geistesgegenwart, der unverdrossenen Ausdauer, der List gewesen, da den Griechen ohnehin die Natur des Meeres und aller Meeresdämonen eine listige und unverwüstlich wandelbare zu sein schien. Bedenken wir vollends das Seeleben damaliger Zeit, die Gefahren der Schifffahrt, das bunte Gemisch der Völker, den Handel und Wandel, den Seeraub, den Sklavenhandel, der allen Besitz, alles Leben auf den Küsten und Inseln unsicher machte, so werden wir es um so eher begreiflich finden wie sich aus solchen Anfängen gerade ein solches Heldenbild entwickeln mußte.

»Odysseus bin ich, der Sohn des Laertes, dessen List im Munde aller Menschen und dessen Ruhm bis zum Himmel gedrungen ist«Od. 9, 19 είμ' ’Οδυσεὺς Λαερτιάδης, ὸς πα̃σι δόλοισιν ανθρώποισι μέλω καὶ μευ κλέος ουρανὸν ίκει. Auch der Name scheint wesentlich mit den vielen Erfahrungen und Heimsuchungen zusammenzuhängen die er ausgehalten, der πολύτλας δι̃ος ’Οδυσσεύς, der ταλασίφρων. Es ist der Vielaushaltende, von dem Zorne der Götter, namentlich des Poseidon Vielgeplagte, ’Οδυσσεύς von οδυς – οδώδυσται, ωδυσάμην, vgl. Od. 1, 62; 5, 340. 423; 19, 275. 407. Auf Vasen findet sich die Form ’Ολυτεύς oder ’Ολυττεύς, auch ’Ολυσεύς, in Sicilien sagte man Ουλίξης, in Italien Ulysses oder Ulixes, in Etrurien Uthuxe, s. Röm. Myth. 664, 2., mit diesen Worten führt er sich selbst bei den Phaeaken ein, und sein vielgewandtes und verschlagenes Wesen, wie er sich durch alle Welt herumgetrieben und aller Menschen Sitz und Sinn erkannt habe, wird gleich zu Anfang des ihm gewidmeten Gedichtes hervorgehoben. Dazu kommt daß schon die Odyssee 19, 394 seine Abstammung vom Autolykos, dem Sohne des diebischen Hermes, dem berühmtesten aller Spitzbuben kennt, wozu die spätere Zeit die vom Sisyphos hinzugefügt hatUeber Autolykos s. 1, 3051, 305. Die Abstammung vom Sisyphos b. Aeschyl. fr. 169 u. Soph. Philokt. 417. 1311, Ai. 189, wo die Scholien aus einem andern Stücke des Sophokles die an den Odysseus gerichteten Worte erhalten haben: ω̃ πάντα πράσσων, ως ο Σίσυφος πολὺς ένδηλος εν σοὶ πάντα χω μητρὸς πατήρ d. h. Autolykos. Vgl. von beiden Tzetz. Lyk. 344.. Auch ist sein wahres Element immer das Abenteuer und 409 die List, selbst im trojanischen Kriege, wo deshalb nach dem Tode des Achill und Aias Odysseus am meisten hervortrat, wie dieses schon im alten Heldengesange ausgeführt wurde (Od. 8, 75–82 Schol.), so daß er zuletzt durch seine List erreichte was Achill durch seine Tapferkeit nicht vermocht hatte. Vollends im Gesange von den Abenteuern der Heimkehr verschlang das Interesse für diesen Helden so früh und in solchem Grade alles andere, daß die übrigen Keime der Sage sich neben ihm nur auf unvollkommene Weise entwickeln konnten.

Freilich ist darunter nicht die gemeine List eines schlechten Charakters und einseitiger Verstandesbildung zu verstehen, wofür die spätere Tragödie und Sophistik sie oft genommen, sondern die natürliche und nothwendige eines in der Schule unzähliger Gefahren reif gewordenen Mannes, wie ja bei allen Völkern und zu allen Zeiten, die sich mit den Gefahren der Natur und des Lebens in ununterbrochenem Kampfe befanden, die Verschlagenheit und Geistesgegenwart nicht weniger hoch als Muth und Kraft und der Mann am höchsten geschätzt worden ist, bei welchem sich beide Eigenschaften vereinigt fanden. So bildet sich besonnener Muth und unverrückte Ausdauer fest ins Herz geschlossener Lebensziele, was diesen Helden der Athena so theuer machte (1, 177, [483]) und was ihn trotz aller Gefahren der Meereswogen und der Meeresdämonen, trotz Poseidon und Helios zuletzt doch noch in die Heimath und zu Weib und Kind führte, in die arme und doch so liebe Heimath, nach welcher sein Herz sich zwanzig Jahre lang gesehnt hatte. Auch das ist ein dem Seeleben und seinen Abenteuerlichkeiten entlehnter Zug, da überall gerade unter solchen Gefahren der Sinn für ein stillbefriedigtes, engbegrenztes Leben in der Heimath am meisten ausgebildet wird, wie die alte Odyssee dieses auch durch ihren letzten Ausgang auf überaus sinnige Weise ausgedrückt hatte. Dazu ist Odysseus aber auch ein heroischer Held so gut wie alle übrigen, eben so muthig und unverdrossen in der Schlacht als er es im Gedränge von Sturm und Wogen ist, ausgezeichnet in allen kriegerischen und ritterlichen Uebungen, sein Rath nicht allein der beste, sondern auch geschmückt mit einer Redefülle, die wie Schneegestöber 410 aus seinen Lippen drängt, seine persönliche Anmuth, vollends wenn Athena nachhilft, auch für zarte Mädchen unwiderstehlich»Auf Bildwerken erscheint er als eine kurze, gedrungene Schiffergestalt, in allen Bewegungen des Körpers nicht weniger gewandt als stämmig und festen Tritts, die ihre königliche Abkunft lieber verbirgt als zur Unzeit mit ihr hervortritt. Sogar die angeborne Schlauheit weiß sein Antlitz unter beredter, Zutrauen erweckender Freundlichkeit zu verstecken. Bart und Haare zeigen eine gewisse Nachlässigkeit der Anmuth, aber während er sich mit dem Ausdrucke der Jugendlichkeit begnügt, zeigt die prall gewölbte Stirn den erfahrenen, weisen Mann, dessen durchdringender Blick selbst Ungeheuer bändigen würde.« Braun in Gerhards hyperb. röm. Stud. 2, 49..

Und so ist es auch ein sehr schöner und sinniger Zug der Sage daß sie gerade diesem vielgeprüften und weitverschlagenen Manne die beste von allen Frauen, die Krone aller griechischen Heldenfrauen gegeben hat, die schöne, die sinnige und vor allen Dingen die treue und sittsame Ikariostochter Penelope, eine nahe Verwandte der Helena und Klytaemnestra und doch wie so ganz von beiden verschieden. In der Gegend von Pellana, wo einst Tyndareos und Ikarios mit ihren Kindern gewohnt hatten, sah man ein Bild der edlen Schaam (Αιδου̃ς), welches der Sage nach Ikarios nach dem Abschiede von seiner Tochter geweiht hatte. Umsonst versuchte er den Odysseus zum Umzug von Ithaka in die schönen Thäler von Lakedaemon zu bestimmen, umsonst wenigstens Penelope zurückzuhalten. Schweigend verhüllte die Tochter ihr Antlitz mit dem bräutlichen Schleier und folgte dem erwählten MannePaus. 3, 20, 10. Ihrem Namen nach ist Πηνελόπη die Spinnerin, Gewebearbeiterin, s. Bd. 1, 586, [1874], G. Curtius Grundz. 1, 240, mit dem bedeutungsvollen Zuge des Gewebes welches sie immer von neuem auflöst um immer von neuem daran zu weben, Od. 2, 94; 19, 149 ff. Spätere Fabeleien b. M. Schmidt Didymi fr. p. 363., um ihm durch das ganze Leben eben so treu zu bleiben, wie sie es in diesem schweren Augenblicke gewesen war. Telemachos war kaum geboren als Odysseus sein junges Weib verlassen mußte. Zehn Jahre dauerte der Krieg, zehn Jahre die Heimkehr. Einsam und traurig harrte sie des Gemahls, bis sich die Hallen mit zudringlichen Freiern füllten, der heranwachsende Sohn, die Eltern zur neuen Vermählung trieben. Wie oft war sie durch falsche Botschaft getäuscht worden, wie war ihre Seele zuletzt so ganz verzagt und verkümmert, ihr schöner Leib wäre von den vielen Thränen, den durchwachten Nächten ganz zerstört worden, wenn die Götter nicht seine Frische durch erquickenden Schlummer immer wieder hergestellt 411 hätten. Aber wie dringend und verführerisch die Umstände, wie wahrscheinlich das Ausbleiben des Gemahles sein mochte, sie wußte und wollte nur von ihm wissen. Und sie war viel zu sehr die würdige Gemahlin des Odysseus um sich nicht unter den schwierigsten Umständen doch behaupten zu können, im Nothfalle auch wohl durch kluge List und durch feine Berechnung.

 << Kapitel 98  Kapitel 100 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.