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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 95
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4. Der trojanische Cyclus.

Die schönste und reifste Frucht der griechischen Heldendichtung. Denn hier ist Alles zusammengetroffen um etwas in seiner Art Einziges zu erzeugen: ein Stoff der die Nation in ihren wichtigsten Interessen berührte und sie viele Generationen hindurch beschäftigte, eine Erregung des poetischen Gefühls welche mit den bewegtesten Zeiten nationaler Wanderungen und Unternehmungen zusammentraf, endlich eine Dichtkunst welche durch lange Uebung in der Heimath vorbereitet in ein schöneres und gebildeteres Land versetzt wurde und dort verschiedene Dichter von so ausgezeichneter Begabung aufzuweisen hatte, wie sie in den Literaturen aller Völker nur ganz ausnahmsweise vorkommen.

Ohne Zweifel waren diese Sagen durch Erzählung und Dichtung lange vorgebildet, ehe die Ilias und Odyssee entstanden, die beiden centralen Gedichte eines ganzen Cyclus von Epopoeen, die sich nach Anleitung der gegebenen Sagen und mit Rücksicht auf diese beiden Gedichte allmälich ausgebreitet haben. Die Ilias ist die poetische Ueberarbeitung des wichtigsten und bedeutungsvollsten Abschnittes aus dem Sagenkreise vom Kriege vor Troja, die Odyssee dasselbe in dem damit eng zusammenhängenden Sagenkreise von den Abenteuern der Heimkehr (Nosten). Beide Abschnitte wurden dann weiter ausgedichtet und abgerundet, jener durch die Kyprien des Stasinos von Kypros, die Aethiopis und die Iliupersis des Arktinos von Milet und durch die kleine Ilias des Lesches von Lesbos, dieser durch die Nosten des Agias von Troezen und durch die Telegonee des Eugammon von KyreneDie Fragmente dieser Dichter und die von Proklos erhaltenen Auszüge aus dem epischen Cyclus s. b. C. W. Müller de cyclo Graecorum epico, Lips. 1829 u. b. Welcker ep. Cycl. Bd. 2..

372 Das so zuerst in einer fortlaufenden Folge von Epopoeen Ueberarbeitete, von anderen Dichtern, Mythographen und Grammatikern Nacherzählte, Commentirte, in die zusammenhängende Erzählung des sogenannten epischen Cyclus Verwandelte wurde bald in solchem Grade Gemeingut der Nation, daß auch die übrige Dichtkunst so wie die bildende Kunst sich am liebsten mit diesen Sagen beschäftigte, wodurch sie nicht allein lebendig erhalten, sondern auch in manchen Punkten erweitert und wesentlich umgebildet wurden. So hat Stesichoros die Abschnitte der Iliupersis, der Nosten und der Oresteia nach seiner Weise neu bearbeitet und Pindars Gedichte sind reich an gelegentlichen Ausführungen der Aeakidensage. Hernach haben Aeschylos in seinen trilogischen Compositionen, Sophokles in seinen zahlreichen dem epischen Cyclus entlehnten Tragödien, Euripides in gleichartigen Stücken eine Menge von poetischen Bildern und Handlungen geschaffen, in denen diese allbeliebten und all vertrauten Gestalten und Begebenheiten nun auch dramatisches Leben gewannen, viele unter ihnen auch erst zu ihrer vollen Bedeutung und zu ihrem seitdem typisch gebliebenen Charakter gelangten, namentlich die Dichtungen von den Pelopiden und Atriden. Dazu kommen endlich die vielen auf diesen Sagenkreis bezüglichen Bildwerke, namentlich die wegen ihrer Beziehungen auf das ältere Epos und die ältere mythologische Poesie und Tradition überhaupt immer wichtiger werdenden Vasengemälde, wie denn von solchen den troischen Sagenkreis erläuternden oder vervollständigenden Bildwerken wegen ihrer besonderen Wichtigkeit für poetische Studien wiederholt eigne Sammlungen gemacht worden sindTischbeins Homer nach Antiken gezeichnet, Inghirami Galleria Omerica, R. Rochette Monumens inédits P. 1833, Jo. Overbeck Gallerie heroischer Bildwerke der alten Kunst 1 S. 167–819, Müller Handbuch § 415. 416..

Diese Sagen hatten sich endlich in alle Erinnerungen und Beschäftigungen der Griechen und überhaupt des klassischen Alterthums so eingewurzelt, daß sie auch am längsten mit demselben ausgehalten haben, daher noch in den letzten Zeiten der klassischen Bildung und Literatur immer neue Sammlungen und gelehrte oder poetische Bearbeitungen derselben entstanden. Unter jenen sind für uns besonders wichtig die 373 Bruchstücke der sogenannten Tabula IliacaWelcker A. Denkm. 2, 185 ff. Die Inschriften b. Franz Corp. Inscr. 3 n. 6126–6131 u. Ad. Michaelis Ann. d. Inst. 30, 100–125.. Unter diesen verdienen die Erzählung von der Zerstörung Trojas bei Virgil, die Achilleis des Statius, der Raub der Helena des Coluthus, die Posthomerika des Quintus Smyrnaeus, die Zerstörung Trojas von Tryphiodor, die Antehomerika des Tzetzes als Reste älterer Tradition und als Beispiele eigenthümlicher Ueberarbeitung bei immer noch nicht erstorbenem Interesse Beachtung.

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