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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 92
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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b. Die Sieben gegen Theben.

Die Thebais galt für eins der vorzüglichsten Gedichte des höheren Alterthums und ward in weniger um die Kritik besorgten Zeiten für ein Werk des Homer gehaltenDer alte Dichter Kallinos und viele andere und achtbare Leute halten die Thebais für ein Gedicht des Homer, sagt Pausanias 9, 9, 3, indem er seinerseits hinzusetzt, es sei das beste nächst der Ilias und Odyssee. Andre schrieben es dem Arktinos von Milet zu, noch Andre ließen den Verfasser dahin gestellt sein. Thebaidis Cyclicae rel. ed. E. L. de Leutsch Gött. 1830.. Obgleich 351 nur wenig davon erhalten ist, so läßt sich doch nach innerer Wahrscheinlichkeit und mit Hülfe mancher Anspielungen der Ilias, der älteren Bildwerke, der Sieben gegen Theben des Aeschylos, der Phoenissen des Euripides, der Reste einer Thebais des Antimachos, endlich des freilich in vielen Punkten sehr frei verfahrenden Gedichtes des StatiusDie Reste des Gedichts des Antimachos bearbeitet von Dübner in Hesiodi al. carmina ed. F. S. Lehrs, P. 1840. Ueber die späteren Thebaiden Welcker kl. Schr. 1, 395 ff. der ganze Verlauf des Krieges und der epischen Handlung, so wie in besseren Zeiten davon erzählt wurde, ziemlich sicher feststellen.

In Argos treffen wir bei diesem Kriege das Geschlecht der Amythaoniden vom aeolischen Stamme des Kretheus (S. 315) als das herrschende. Anfangs mit den Neliden in Pylos ansässig waren sie durch Melampus zu großen Ehren gekommen, erst zur nächsten Verwandtschaft mit Neleus, nehmlich durch die Hand seiner Tochter Pero, die Melampus seinem Bruder Bias durch seine Kunst verborgner Wissenschaft verdiente, dann zu dem größten Theile der Herrschaft von Argos, nachdem Melampus die Töchter des Proetos von ihrer entsetzlichen Krankheit befreit hatte, wofür der König von Tiryns ihm und seinem Bruder Bias zwei Theile seines Reiches abtrat (S. 56). Der Sohn des Bias war Talaos, unter dessen Kindern Adrastos und Eriphyle die berühmtesten sind. Vom Geschlecht des Melampus erzählt die Odyssee 15, 225 ff. Seine Söhne waren Antiphates und Mantios, der des Antiphates Oïkles, der in den Erzählungen vom trojanischen Kriege des Herakles genannt wurde (S. 236), der des Oïkles der berühmte Amphiaraos, berühmt wegen seiner Tapferkeit, seiner Frömmigkeit und seiner prophetischen Gaben. Zeus und Apoll, sagt die Odyssee, liebten ihn mit aller Liebe, doch kam er nicht zu hohen Jahren, sondern er blieb vor Theben, weil sein Weib Eriphyle sich durch schnödes Gold hatte bestechen lassenOd. 11, 326 στυγερήν τ' ’Εριφύλην, ὴ χρυσὸν φίλου ανδρὸς εδέξατο τιμήεντα., wodurch eine der merkwürdigsten Verwicklungen dieses Krieges angedeutet wird. Die Söhne des Amphiaraos sind Alkmaeon und Amphilochos, von denen gleichfalls viele Sagen erzählten, namentlich vom Alkmaeon, dem hervorragendsten 352 Helden im Zuge der Epigonen. Neben diesen Amythaoniden von Argos wurden in den älteren Ueberlieferungen von dem Kriege der Sieben auch Proetiden genannt, die noch in Tiryns herrschend zu denken sindNamentlich sind bei Paus. 10, 10, 2 Kapaneus und Eteoklos ο ’Ίφιος Abkömmlinge des Proetos, vgl. Schol. Pind. N. 9, 30 und oben S. 56.. Von den Pelopiden in Myken heißt es ausdrücklich und schon in der Ilias daß sie sich an diesem Kriege nicht betheiligt hätten.

Zwischen Amphiaraos und Adrast hatte es Streitigkeiten gegeben, in Folge deren Adrast nach Sikyon ausgewandert war, wo er durch Vermählung mit der Tochter des reichen Polybos (S. 348) zur Herrschaft von Sikyon gelangte, die ihm den Weg zu der von Argos bahnte, Il. 2, 572, Pindar N. 9, 13 ff. Schol. Die Versöhnung mit Amphiaraos wurde durch dessen Vermählung mit der Schwester des Adrast, der begehrlichen Eriphyle erreicht, welche auch für die Zukunft ein für allemal Schiedsrichterin zwischen ihrem Bruder und ihrem Gemahle sein sollte. Dadurch hatte sie eine Macht über Amphiaraos erlangt, deren sie sich hernach zu Gunsten des Adrast und des Polyneikes und zur Befriedigung ihres eignen Gelüstes, aber zum Verderben ihres Gemahls, ja aller argivischen Helden die gegen Theben zogen, und zuletzt auch zu ihrem eignen Verderben bediente. Ihr Bruder Adrast erscheint in dem Zuge der Sieben als König und Führer über AlleStat. Theb. 4, 68 annis sceptrisque venerabilis aeque., wie Agamemnon in der Ilias, wie denn auch sein Wunsch seinem Schwiegersohne Polyneikes zu helfen die bestimmende Ursache des Krieges war. In Sikyon wurde er nach Herodot 5, 67 als König und als Held mit heroischen Ehren gefeiert, deren Feste und Heiligthümer vor dem Tyrannen Kleisthenes zu den angesehensten der Stadt gehörtenVgl. Schol. Pind. N. l. c. Er galt in Sikyon für den Stifter eines Heiligthums ‛Ήρας αλεξάνδρου..

Zum Adrast kamen in einer und derselben Nacht Polyneikes von Theben und Tydeus von Aetolien. Polyneikes hatte Theben verlassen, nach der gewöhnlichen Sage vor dem Tode des Oedipus, aber schon mit seinem Fluche belastet und aus Angst vor demselben und dem Brudermorde, daher er mit seinem Bruder Eteokles die Abrede getroffen daß sie abwechselnd ein Jahr lang die Stadt regieren und die Stadt meiden 353 wollten, an welchen Vertrag sich Eteokles später nicht gebunden glaubteEurip. Phoen. 69 ff., doch wird die Sache verschieden erzählt und nach der Andeutung bei Hesiod O. D. 162 scheint die älteste Dichtung die Flucht des Polyneikes einfach durch den Streit bei der Theilung motivirt zu haben.. Tydeus, seinem Namen nach der ZuschlägerWie Τυνδάρεως und Karl Martell vgl. G. Curtius Grundz. d. Gr. Etym. 1, 193 u. oben S. 90., ist der Sohn des aetolischen Oeneus und der Periboen aus Olenos, der seine Vettern erschlagen hatte weil sie seinem Vater Nachstellungen bereiteten, und mit ihnen den Bruder seines Vaters; daher er aus der Heimath flüchtig geworden sich gleichfalls nach Argos an Adrast wendete. In derselben Nacht suchen beide Flüchtlinge bei dem Könige Schutz und Aufnahme, Tydeus mit dem Fell eines wilden Ebers, Polyneikes mit dem eines Löwen bekleidet. Bei Sturm und Regen kommen sie ins Gehöft und gerathen unter einander in heftigen und lauten Streit, worüber Adrast hinzutritt und mit Erstaunen in diesen Männern die Erfüllung eines Orakels wahrnimmt, das ihm geboten hatte seine Töchter einem Löwen und einem Eber zu vermählenEurip. Phoen. 411 ff., Suppl. 131 ff., Apollod. 1, 8, 4; 6, 1, Schol. Il. 4, 376, Statius Theb. 1, 350 ff., Hygin f. 69. Das Orakel des Adrast ist durch Mnaseas erhalten. Daß die Dichtung alt ist sieht man aus dem alterthümlichen Vasenbild Ann. d. Inst. 11 t. P., Overbeck t. 3, 4, S. 88. Eber und Löwe sind Bilder der höchsten Streitbarkeit s. S. 316.. Also giebt er dem Tydeus die Deipyle, dem Polyneikes die Argeia, so daß sie bei ihm blieben und es gut hatten, wie Diomedes der Sohn des Tydeus und Enkel des Adrast Il. 14, 115 ff. von seinem Vater erzählt, er habe in einem reichen Hause gewohnt, schöne Waizenfelder und Baumgärten und viele Heerden besessen, unter allen Achaeern berühmt durch seine Lanze. Polyneikes und Tydeus sind die beiden Heißsporne des Gedichts, daher die Art wie sie sich hier beim Adrast und in Argos einführen, wo sie die Ursache so großen Unheils werden sollten, gewiß auf alter Erzählung beruht. Auch daß sie bald die vertrautesten Freunde geworden scheint ein ächter Zug der Sage zu seinStat. Theb. 4, 94 fulmineus Tydeus. Derselbe vergleicht 1, 474 die Freundschaft der beiden mit der des Theseus und Peirithoos, Orest und Pylades, vgl. Lactant. zu dieser St.: quatuor namque amicitiarum exempla fuisse certissimum est, Thesei et Peirithoi, Orestis et Pyladae, Achillis et Patrocli, Tydei et Polinicis u. Anthol. lat. 1, 664 vs. 8 Thebanum nullo linquit discrimine Tydeus, Tydea nullo umquam Polynices Marte relinquit..

Beide junge Männer dringen nun in ihren Schwiegervater 354 sie mit gewaffneter Hand in ihre Heimath zurückzuführen und Adrast verspricht es ihnenEurip. Suppl. 160 νέων γὰρ ανδρω̃ν θόρυβος εξέπλησσέ με. So war Proetos durch seinen Schwiegervater in Lykien zurückgeführt worden. Auf den Zug gegen Theben sollte ein gleicher gegen Kalydon folgen, Diod. 4, 65. und sammelt alle Helden von Argos zuerst zu dem Zuge gegen Theben. Dabei galt es vor allen den tapfern Amphiaraos d. h. den Hohenpriester zu gewinnen, dessen Lanze eben so gewaltig war als sein Rath und seine Kunst den Flug der Vögel zu deuten unentbehrlich’Αμφιάραος von αράομαι, vgl. ’Αμφιτρύων oben S. 177, also i. q. αρητήρ. Namentlich Aeschylos schildert ihn als das Ideal eines edlen und tapfern Streiters, Sept. 549 ff., die berühmten Worte welche man bei der Vorstellung auf Aristides bezog, und 590 ff., vgl. Soph. O. C. 1313.. Die Vettern und Sippen wurden also zur Versammlung und zum Mahle beim Adrast gerufenVon diesem Mahle wissen wir namentlich aus Antimachos, s. Athen. 11, 33. 50. 65.. Amphiaraos aber wußte durch seine Kunst der Weissagung daß dieser Zug gegen den Willen der Götter sei, daher er abrieth, darüber vermuthlich aber gleich bei dieser Gelegenheit in heftigen Streit mit dem hitzköpfigen Tydeus gerieth, wenigstens war eine dauernde Spannung zwischen beiden durch die Sage angedeutetApollod. 3, 6, 2. Daß Tydeus vornehmlich zum Kriege getrieben und in dieser Hinsicht den Gegensatz zum beständig an die Götter und ihre Zeichen mahnenden Amphiaraos bildete sagt Aesch. Sept. 380. 573.. Auch wußte Polyneikes den frommen Seher durch arge List und mit Hülfe jenes früheren Vertrags zwischen Adrast und Amphiaraos zuletzt doch zum Zuge zu nöthigen. Das prächtige Halsband, welches einst Kadmos der Harmonia geschenkt hatte, war jetzt in seinem Besitze. Er schenkte es der EriphyleBei Apollodor räth ihm dazu ’Ίφις ο ’Αλέκτορος, auch gewiß ein alter Zug, da nicht blos sein Sohn Eteoklos, sondern auch seine Tochter Euadne durch diese Unternehmung umkommen. Ueber das Halsband s. Bd. 1, 145. Statius Theb. 2, 269 ff. führt es weitläuftig aus, wie Hephaestos mit den Kyklopen und Telchinen allerlei bösen Zauber in diesen verhängnißvollen Schmuck hineinzauberte, vgl. Lactant. zu dieser St. u. zu 3, 274 und das Zauber-Schwerdt b. Sil. Ital. 1, 430. Auch b. Hygin f. 148 heißt es von der Harmonia: cui Minerva et Vulcanus vestem sceleribus tinctam muneri dederunt, ob quam rem progenies eorum scelerata extitit. Nach einer späteren Dichtung verbarg sich Amphiaraos in einem Versteck, um den nur Eriphyle wußte, Hygin f. 73, Serv. V. A. 6, 445, daher pudore victus ut in fabulis Amphiaraus Cic. ad fam. 6, 6, 6., welcher Amphiaraos wohl verboten hatte Geschenke vom Polyneikes zu nehmen, aber sie nahm es doch und entschied nun für die Theilnahme ihres Gemahls am 355 Kriege, dessen blutiges Verhängniß ihm vor Allen bekannt warIhm nachgebildet ist der argivische Seher Idmon als Theilnehmer des Argonautenzugs, Hygin f. 14 Hic augurio prudens, quamvis praedicentibus avibus mortem sibi denuntiari intellexit, fatali tamen militiae non defuit.. So nisteten auch die anderen Vettern und Helden von Argos und Tiryns, die Brüder des Adrast und die Proetiden Kapaneus und Eteoklos, nach der ursprünglichen Sage vermuthlich sieben, ohne die beiden Fremden, Polyneikes und TydeusApollodor: τινὲς δὲ Τυδέα μὲν καὶ Πολυνείκην ου καταριθμου̃σι, συγκαταλέγουσι δὲ τοι̃ς επτὰ ’Ετεόκλον ’Ίφιος καὶ Μηκιστέα, vgl. Paus. 10, 10, 2. Mekisteus ist auch der Ilias 2, 566; 23, 678 bekannt, wo er ein Sohn des Talaos, also Bruder des Adrast heißt.. Diese begaben sich zwar auch nach Myken um zum Zuge zu mahnen und baten und trieben sehr, doch mahnte Zeus durch seine Zeichen ab und so konnte man ihnen nicht zu Willen sein (Il. 4, 376 ff.). Spätere dichteten auch von einer Theilnahme arkadischer und messenischer Helden (Paus. 9, 9, 1), doch scheint das alte Epos davon nichts gewußt zu haben, da selbst Parthenopaeos bei älteren Schriftstellern für einen Sohn des Talaos, also für einen Bruder des Adrast galtHekataeos von Milet u. A. b. Schol. Soph. O. C. 1320.. Die ihn für einen Sohn Arkadiens hielten nannten seine Mutter Atalante. Diese kriegerische Jungfrau habe mit denen die um sie zu freien wagten einen Wettlauf angestellt, wobei jeder von ihr Besiegte sich den Tod gefallen lassen mußte. Schon waren Viele umgekommen, da stellte sich der rasche Melanion ein (Hesiod und Andre nannten statt seiner den Hippomenes aus Onchestos, einen Abkömmling Poseidons), dem Aphrodite goldene Liebesäpfel geschenkt hatte die er beim Wettlaufe fallen ließ, so daß Atalante zögerte und darüber besiegt wurdeSchon Hesiod kannte diese Fabel vgl. Schol. Il. 2, 674 und Theognis 1287 ff. deutet auf sie. Die Späteren erzählen sie mit dem Zusatze daß das Paar, als der Freier seiner Lust in einem Heiligthume des Zeus oder der Rhea gefröhnt habe, in einen Löwen und eine Löwin verwandelt wurden, quibus dii concubitum Veneris denegant, Hygin f. 185, Apollod. 3, 9, 2, Ovid Met. 10, 560 ff., Prob. Virg. Ecl. 6, 61. Die drei goldenen Aepfel waren nach Virgil u. A. im Garten der Hesperiden, nach Ovid in einem Garten der Aphrodite auf Cypern gepflückt. Nach Philetas b. Schol. Theokr. 2, 118 τά οι ποτὲ Κύπρις ελοι̃σα μη̃λα Διωνύσου δω̃κεν απὸ κροτάφων waren sie von dem Kranze des Dionysos genommen. Andre nannten den Parthenopaeos einen Sohn der Atalante vom Ares, Apollod. l. c., noch Andre vom Meleager und sie habe das Kind, wie Auge den Telephos, auf dem Gebirge Parthenion ausgesetzt, in welchem Sinne vermuthlich auch Pacuvius gedichtet hatte, Hygin f. 99, Ribbeck trag. lat. p. 295.. Für 356 den Sohn dieses Paares galt also bei Manchen Parthenopaeos, der zarte, der schöne, der liebliche, denn die Dichter wetteifern seine hinreißende Schönheit und zarte Jugend zu schildern, die auch vor Theben ihr blutiges Ende finden sollte.

Also kam es zum Auszuge trotz aller ungünstigen Zeichen, denn es war der Grundgedanke des alten Gedichtes daß dieser Zug gegen den Willen des Zeus, den er mit vielen Zeichen deutlich offenbart hatte, unternommen wurde und deshalb nothwendig mißlingen mußte, trotz der gewaltigsten Anstrengungen der besten Helden ihrer ZeitPindar N. 9, 18 καὶ ποτ' ες επταπύλους Θήβας άγαγον στρατὸν ανδρω̃ν αισια̃ν ου κατ' ορνίχων οδόν, ουδὲ Κρονίων αστεροπὰν ελελίξαις οίκοθεν μαργουμένους στείχειν επώτρυν', αλλὰ φείσασθαι κελεύθου. So ziehen Hagen und die Burgunden an Etzels Hof, obgleich sie ihres Todes gewiß sind.. Beim Auszuge wurde wieder Amphiaraos in der Erzählung am meisten hervorgehoben. So sah man unter den Bildern des für alte Kunst und alte Mythologie gleich wichtigen Kypseloskastens eine Gruppe, wo Amphiaraos von seinem Weibe und von seinen Kindern Abschied nahm, begleitet von seinem treuen Freunde und Wagenlenker Baton. Eriphyle hatte das verhängnißvolle Halsband in der Hand, Alkmaeon stand als Knabe neben seinen Schwestern, Amphilochos war noch auf dem Arme einer alten Magd. Schon im Begriff den Wagen zu besteigen wandte sich Amphiaraos noch einmal zur Eriphyle, zürnenden Muthes und mit gezücktem SchwerdtePaus. 5, 17, 4. Ueber andre auf diesen Abschied bezügliche Bilder s. O. Jahn Archäol. Aufs. 152 ff., Overbeck 91 ff., Bullet. Nap. 1853 n. 39 N. S. 3 t. 5.. Auch gab es Lieder von diesem Abschiede und der Ausfahrt des Amphiaraos (’Αμφιαράου εξελασία), die von weisen Lehren erzählten welche der scheidende Held seinen Kindern, die er nimmer wiedersehen sollte, gegeben habeHerod. v. Hom. 6, Bergk de com. antiq. 220.. Doch hieß es gewöhnlich daß er dem Alkmaeon beim Abschied die Rache seines Todes an der treulosen Mutter zur Pflicht gemacht habe.

Sie kamen zunächst nach Nemea, wo ihnen von neuem eine bedeutungsvolle Mahnung zur Umkehr bevorstand. In Nemea herrschte Lykurgos, ein Bruder des Admet von Pherae und Priester des nemeischen Zeus, Vater des Opheltes d. h. des Schlangenkindes, dessen Mutter gewöhnlich Eurydike heißt und dessen Pflege der Hypsipyle anvertraut ist. Diese ergeht sich mit dem Knaben in dem Thale, als die Sieben dahin 357 kommen. Sie suchen nach Wasser, Hypsipyle führt sie zur Quelle und setzt das Kind so lange ins Gras. Da kommt eine Schlange und tödtet es. Vater und Mutter eilen herbei, Lykurgos will in seinem Schmerze Hypsipyle umbringen, aber Tydeus nimmt sich ihrer an und es wäre zum blutigen Kampfe zwischen diesen beiden gekommen, wenn nicht Adrast und Amphiaraos begütigend eingeschritten wärenEin darauf bezügliches Bild am Amyklaeischen Throne, Paus. 3, 18, 7 ’Άδραστος δὲ καὶ Τυδεὺς ’Αμφιάραον καὶ Λυκου̃ργον τὸν Πρώνακτος (d. i. Herr der Höhe) μάχης καταπαύουσιν, wo Tydeus und Amphiaraos verwechselt sind, vgl. Stat. Theb. 5, 660 ff. Alterthümliche Vasenbilder, die sich vermuthlich auf denselben Vorgang beziehn, b. O. Jahn Leipz. Ber. 1853 S. 21–32 t. 3, Archäol. Ztg. 1854 t. 67. 6S n. 67 vgl. Roulez choix de v. p. du Mus. de Leiden pl. 13.. Dieser erkennt in dem Schicksale des Knaben das verhängnißvolle Vorzeichen ihres eignen Untergangs, daher er ihm den Namen ’Αρχέμορος giebt d. h. des Führers zum TodeSchol. Pind. Nem. Argum. p. 424 ’Αμφιάραος δὲ τούτοις μαντευόμενος ’Αρχέμορον αυτὸν εκάλεσεν, ότι αυτοι̃ς αρχὴ μόρου εγένετο ο του παιδὸς θάνατος. Wahrscheinlich bezieht sich der berühmte etruskische Scarabaeus der Stoschischen Sammlung auf diese Ereignisse in Nemea, s. v. Köhler ges. Schr. 5, 130 ff., Panofka Gemmen mit Inschriften, B. 1853 S. 56.. Dann wird der Knabe beweint und von den Helden mit Leichenspielen gefeiert, welche nach der gewöhnlichen Tradition zur Stiftung des Nemeischen Kampfspieles Veranlassung gabenPindar Nem. 8, 51; 10, 28, Simonides b. Athen. 9, 54 (Ευρυδίκας) ιοστεφάνου γλυκει̃αν εδάκρυσαν ψυχὰν αποπνέοντα γαλαθηνὸν τέκος u. A. Nach Hygin f. 74 durfte der Knabe nach einem Orakel nicht auf die Erde gesetzt werden bevor er gehen konnte. Daher Hypsipyle ihn in ein dichtes Eppichgebüsch an der Quelle setzte, deren Drachen ihn tödtete. So erklärte man den herkömmlichen Eppichkranz der Spiele, obwohl derselbe nach Schol. Pind. p. 425 erst seit den Perserkriegen herkömmlich war. Die ersten Sieger nennt Apollod. 3, 6, 4 vgl. Stat. Theb. 6. Vasenbilder u. andre Bildwerke b. Gerhard Archemoros und die Hesperiden, B. 1836, Overbeck S. 107 ff.. Die attischen Tragiker, namentlich Euripides, haben das Schicksal der Hypsipyle noch weiter ausgeführt. Sie war bei ihnen nach dem lemnischen Männermorde, aus welchem sie ihren Vater Thoas hatte retten wollen, nach Nemea und in den Dienst des Lykurgos verkauft worden (S. 325), gerieth nun durch den Tod des Archemoros in die äußerste Lebensgefahr und wurde aus derselben nur durch die besonnenen Vorstellungen des Amphiaraos und durch die Dazwischenkunft ihrer beiden vom Iason gebornen und von dem Stammgotte 358 Dionysos behüteten Söhne, des Euneos und Thoas gerettetWelcker Gr. Tr. 554 ff., Nauck tr. gr. 467 sqq.. Denn Dionysos galt für den Vater des Thoas, den er nach einigen Traditionen auch gerettet haben soll, wie er sein Geschlecht mit einem goldnen Weinstock begabte, durch den es jetzt den Söhnen der Hypsipyle gelang ihre Mutter aus dem drohenden Verderben zu befreienAuf der zehnten Platte des T. der Apollonis in Kyzikos waren zu sehen Euneos und Thoas αναγνωριζόμενοι τη̃ μητρὶ καὶ τὴν χρυση̃ν δεικνύντες άμπελον, όπερ η̃ν αυτοι̃ς του̃ γένους σύμβολον, καὺ ρυόμενοι αυτὴν διὰ τὸν ’Αρχεμόρου θάνατον τη̃ς παρ' Ευρυδίκη τιμωρίας, Anthol. Pal. 3, 10, wahrscheinlich nach Euripides. Sohn des Dionysos und der Ariadne heißt Thoas b. Schol. Ap. 3, 997, zur Rettung des Thoas hilft Dionysos b. Stat. Theb. 5, 265, Mythogr. lat. 1, 133. 199. So führt er auch die Söhne der Hypsipyle von Lemnos nach Nemea, Stat. 5, 711 ff. Der Bruder des Euneos heißt b. Apollod. 1, 9, 17 Νεβροφόνος, ein bacchischer Name.. Es scheint daß das attische Geschlecht der Euniden, welche sich vom Euneos, dem Sohne des Iason und der Hypsipyle ableiteten und die heiligen Handlungen mit ihrem Kitharspiel zu begleiten pflegtenHarpokr. Phot. Hes. Ευνει̃δαι. Daher ist Dionysos auf der Archemorosvase in der Nähe der Söhne der Hypsipyle mit der Leier in der Hand gelagert, O. Jahn b. Gerhard D. u. F. 1858 S. 191., diese und ähnliche Traditionen von dem Stammgotte ihres Geschlechts bewahrt hatten.

Beim weiteren Verlaufe fällt ein helles Licht auf Tydeus, von dem wir durch die Ilias 4, 382 ff. 800 ff.; 10, 285 ff. erfahren. Ein gewaltiger Kämpe, klein von Gestalt, aber von ungestümem Muth und großer Kraft und dabei ein Liebling der Pallas Athena. Das Reden war nicht seine Sache, wohl aber war er an seiner Stelle wo es mit dem Schwerdte drein zu schlagen galtIl. 4, 400, Eurip. Suppl. 902 ουκ εν λόγοις η̃ν λαμπρός, αλλ' εν ασπίδι δεινὸς σοφιστής. Dabei etwas derbe und aetolisch, daher das Sprichwort Τυδεὺς εκ συφορβίου s. Plut. Prov. 1, 5, Schol. Il. 4, 400.. Eine seiner glänzendsten Partieen war die Botschaft nach Theben, wozu es eines Mannes von festem Muthe bedurfte. »Als sie an den Asopos d. h. über den Kithaeron gekommen waren, schickten die Achaeer den Tydeus als Boten nach Theben. Da traf er viele Kadmeionen bei einander, wie sie gerade beim Könige Eteokles schmausten. Er richtete seine Botschaft aus, einen Versuch zur VerständigungIl. 10, 288 μειλίχιον μυ̃θον. Nach Apollodor die Mahnung an den Eteokles, daß er dem Polyneikes die Herrschaft des nächsten Jahres überlassen solle.. Sie 359 aber hörten nicht darauf, sondern luden ihn zum Mahle. Nun wurde er zornig und forderte Alle heraus ihre Kräfte mit ihm zu messen und besiegte Alle leicht, ein so kräftiger Beistand war ihm Athena. Die Kadmeer ergrimmten darüber und legten ihm einen Hinterhalt als er zurückkehrte, funfzig Jünglinge unter zwei Anführern. Tydeus aber erschlug Alle und ließ nur den einen Führer entkommen, daß er Botschaft brächte nach Theben.« Ein wichtiger Vorfall auch in der Geschichte des Kriegs, denn auf beiden Seiten war nun Haß und Zorn aufs äußerste gestiegen. Aeschylos erzählt Sieben 42 ff. von einem blutigen Opfer der Sieben an Ares und die anderen Götter der Schlacht und des Todes, wobei sie sich unter einander feierlich verschworen entweder zu sterben oder die feindliche Stadt zu zerstören, obwohl sie doch Alle ihres Unterganges im voraus gewiß waren.

Also rücken die Argiver an die Stadt und vertheilen sich und ihre Schaaren vor den sieben Thoren, wie Aeschylos und Euripides dieses vermuthlich nach dem Vorgange des Epos ausführen. Eteokles seinerseits wappnet die Thebaner und stellt jedem der Führer einen auserwählten Helden gegenüber, denn auch auf dieser Seite fehlte es nicht an tapferen und streitbaren Männern, unter denen vor allen Periklymenos, ein Sohn des Poseidon und Melanippos, der vierte von den tapfern Söhnen des Astakos gerühmt wurdeMelanippos war der Hektor des thebanischen Kriegs, aber glücklicher als dieser, s. Aesch. Sept. 407 ff., wo er dem Tydeus gegenübergestellt wird und Herod. 5, 67, wo Kleisthenes durch seine Verehrung die des Adrast aus Sikyon verdrängt. Paus. 9, 9, 1 spricht von Hülfsvölkern der Phlegyer und der Phoker.. Auch achteten die Thebaner der Götter und ihrer Zeichen, darum waren die Götter mit ihnen.

So fragte Eteokles vor der Schlacht den Teiresias wie er den Sieg erlangen könne. Teiresias, der aller verborgenen Dinge Kundige, versprach den Sieg wenn Menoekeus, der Sohn des Kreon, auch dieser vom alten Geschlechte der Sparten, sich dem noch immer wegen des Drachen zürnenden Ares opfere. Willig und freudig thut das der Jüngling indem er sich über der Drachenhöhle auf die Mauer stellt, dort sein Blut mit eigner Hand zur Sühne vergießt und entseelt in die Höhle hinabstürztEurip. Phoen. 931. 1009. 1090, Stat. Theb. 10, 756 ff., Hygin f. 68. Ein Bild davon b. Philostr. imag. 1, 4. Die Höhle des Drachen befand sich also vor der Stadt, am Fuße der Mauer, an der Quelle des Ares oder der Dirke, vgl. Unger Theb. Parad. 103 sqq. und oben Bd. 1, 256, [727]., worauf die Kadmeer siegesgewiß ausrücken. Am 360 Heiligthume des ismenischen ApollPaus. 9, 9, 1. Bei Aeschylos warnt Amphiaraos noch einmal, als die Argeier am Ismenos lagern, nicht weit von der Dirke, weil die Opfer nichts Gutes verhießen, worüber Tydeus und Amphiaraos von neuem in Streit gerathen. kommt es zur Schlacht und noch siegt der kühne Muth der Helden von Argos, so daß sie die Feinde an die Mauern und in die Thore zurücktreiben. Da greift der wilde, der riesige Kapaneus zu einer Sturmleiter und vermißt sich die Stadt auch wohl gegen den Willen der Götter zu erobern. Und schon ist er auf der Mauer, da trifft ihn Zeus mit loderndem Blitze durch beide Schläfe, daß die Leiche rauchend und zerschmettert mit der Leiter zusammenbricht, ein warnendes Beispiel des frevelnden UebermuthesEiner der bedeutendsten Vorfälle, s. Aesch. Sept. 423 ff., Soph. Antig. 127 ff., Eurip. Phoen. 1180 ff., auch in schönen Bildwerken u. Gemälden verewigt, s. das Relief b. Zoega t. 47. u. die von Plin. 35, 144, Philostr. imag. 2, 29. 30 u. Serv. V. A. 1, 44 beschriebenen Gemälde, letzteres zu Ardea im T. der Castoren, Capaneus fulmine per utraque tempora traiectus, vgl. Overbeck 126 ff. t. 5, 2–6 u. Welcker Jbb. d. Ver. v. A. F. im Rheinl. 29, 112 ff. t. 2, 13. Immer ist Kapaneus ein Bild des äußersten Uebermuthes, der noch im letzten Augenblicke trotzt und als solches aus Statius auf Dante Inf. 14, 46 ff. übergegangen.. Auch starb bei diesem Sturm der schöne, der liebliche Parthenopaeos trotz alles Schmuckes seiner strahlenden Waffenrüstung, die nicht weniger berühmt war als seine eigne Schönheit. Periklymenos warf ihm von der Zinne der Mauer einen gewaltigen Felsblock aufs Haupt, daß es ganz zerschmettert und die blonden Locken von dem rothen Blute ganz entstellt wurdenSo wurde sein Tod in der Thebais erzählt, dagegen die thebanische Ortssage einen der Söhne des Astakos als seinen Ueberwinder nannte und seinen Tod in die zweite Schlacht verlegte, s. Paus. 9, 18, 4, Eur. Phoen. 1153 ff., Apollod. 3, 6, 8. Von seiner Schönheit und von seinen Waffen Aesch. Sept. 533 ff., Eur. Suppl. 889 ff, Virg. A. 6, 479, Stat. Th. 6, 561 ff..

Adrast ruft seine Helden vom Sturme zurück und die Thebaner triumphiren. Da aber auf beiden Seiten Viele geblieben sind, vertragen sich die Heere daß Eteokles und Polyneikes, die Urheber des Kriegs, ihre Sache im Zweikampf ausmachen sollen. So begann der schreckliche Kampf zwischen Brüdern, auf Leben und Tod, im Angesichte der Mutter, eine Wirkung des väterlichen Fluchs, ein Fest der Erinyen und der KerenVgl. die Gruppe auf dem Kypseloskasten b. Paus. 5, 19, 1 und das Gemälde des Onasias ib. 9, 4, 1; 5, 5. Auch die noch vorhandenen Bildwerke, namentlich etruskische Aschenkisten suchen diesen Greuel des Brüderkampfes auf ihre Weise auszudrücken, dadurch daß Zeus mit einem Blitze dazwischen fährt oder daß die Brüder im Beisein der Erinyen sterben, Overbeck 135 ff.. 361 Er endete mit dem Tode beider und darauf entbrannte auch der Kampf zwischen beiden Heeren von neuem, in welchem die Götter nun den Söhnen des Astakos Ehre über Ehre gaben. Die besten Helden der Argiver fielen durch sie, Hippomedon und Eteoklos (Aeschyl. Sieben 439 ff. 469 ff.), endlich auch Tydeus, dessen Untergang von dem alten Gedichte wieder mit sehr grellen Farben ausgemalt wurde. Melanippos hatte ihn so schwer verwundet daß er mit dem Tode rang. Athena aber erlangte vom Zeus die Erlaubniß ihm zu helfen und eilte herbei um ihm nicht allein das Leben, sondern auch Unsterblichkeit zu gewähren. Aber auch Melanippos war in diesem Kampfe gefallen, durch den schon verwundeten Tydeus, worauf Amphiaraos aus Haß gegen diesen, weil er gegen seinen Rath und Willen den Krieg durchgesetzt hatte, das Haupt von der Leiche trennte und es dem sterbenden Tydeus reichte. Dieser zerreißt es »wie ein wildes Thier«, schlürft in seiner Wuth das Hirn des Getödteten und stirbtApollod. 3, 6, 8. Der Kampf des verwundeten Diomedes vor Troja ist diesem Vorgange seines Vaters nachgebildet, Il. 5, 125, wo Athena zu ihm sagt: εν γάρ τοι στήθεσσι μένος πατρώιον η̃κα άτρομον, οι̃ον έχεσκε σακέσπαλος ιππότα Τυδεύς, vgl. Schol. v. 126, die sich auf Pherekydes beziehn u. Eustath. 544, 16. Auch bei Bacchylides, bei Sophokles, bei Euripides kam die Sache vor, Schol. Arist. Av. 1536, Soph. fr. 726, Eurip. fr. 541. Beispiele ähnlicher Kriegeswuth b. Welcker ep. Cycl. 2, 362 ff.. Athena wendet ihr Antlitz von solchem Greuel und eilt davon, nach Einigen indem Tydeus ihr die Bitte nachrief seinem Sohne zu verleihn was ihm selbst nicht beschieden war.

Endlich ereilte auch den Amphiaraos sein Geschick, aber auf eine ganz außerordentliche Weise. Zeus wollte seinen frommen Seher retten und ihn für immer verherrlichen, in demselben Augenblicke wo sich auch ihm der Tod von Feindeshand nahte. Einer der letzten eilte er hinweg, Baton führte die Rosse, in seinem Rücken drohte die Lanze des tapfern Periklymenos. Da spaltete Zeus mit seinem Blitze die Erde, daß beide Helden mit Roß und Wagen in ihrem Schooße geborgen wurdenPindar N. 9, 25, Apollod. a. a. O., Paus. 9, 8, 2; 9, 1, vgl. die Bildwerke bei Welcker A. D. 2, 172 ff. t. 9, 15; 10, 16, Overbeck 144 ff.. Dort waltete nun Amphiaraos als verklärter Held und als Prophet, 362 von den Thebanern selbst und allen Griechen verehrt, ja selbst Kroesos und die Perser befragten sein Orakel um die Zeit ihres Feldzuges in Griechenland (Herod. 1, 46. 49. 52; 8, 134). Nachmals wurde dieses Orakel aus der Nähe von Theben in die von Oropos an der attisch-boeotischen Grenze verlegt, wo ihm ein Heiligthum mit göttlicher Verehrung und mit einem Heilbade und Incubation, auch gymnische und musische Spiele gestiftet wurden, wie davon noch jetzt an Ort und Stelle sichtbare Trümmer vorhanden sindPaus. 1, 34, 2, vgl. meinen Aufsatz in den Leipz. Berichten 1852 S. 140–188. Wenn gelegentlich von einem Ζεὺς ’Αμφιάραος die Rede ist, so ist das zu verstehen wie Ζεὺς ‛Ηρακλη̃ς, Ζεὺς ’Αγαμέμνων, Ζεὺς Τροφώνιος, Ζεὺς ’Ασκληπιός, eine Art von Superlativ der heroischen Verehrung. Das Bild des Amphiaraos, auch sein Cultus war dem des Asklepios sehr ähnlich. Seine Tochter ’Ιασὼ Arist. Plut. 701 Schol., Hesych..

Nur Adrast entkam, denn es rettete ihn sein Roß Areion, jenes geflügelte Streitroß von dem die epische und die örtliche Sage so manches Wunderbare erzählte (1, 461). Er entkam in dunklen Trauergewändern (είματα λυγρὰ φέρων) durch Areion mit dunkler Mähne, wie sich die alte Thebais ausdrückte (Paus. 8, 25, 5) und dieser Ausdruck von düstrer Trauer und schweren Leiden war bei dem Bilde des Adrast so vorherrschend, daß die Sikyonier ihn in tragischen Chören feierten, wie die andern Griechen den leidenden DionysosHerod. 5, 67. Adrasti pallentis imago Virg. A. 6, 480, Adrasteo pallore perfusus Ammian. M. 14, 11, 22 vgl. Zenob. 1, 30, Diogenian 1, 54 u. A. Auch in Argos war das Andenken des Adrast und Amphiaraos durch Denkmäler und Heiligthümer befestigt, Paus. 2, 23, 2.. Später pflegte man in ihm auf Veranlassung dieses schwermüthigen Eindrucks und des gleichen Namens ein Bild von der Macht der Adrasteia Nemesis zu sehen, deren Wesen sich in diesem ganzen Kriege so deutlich aussprach.

Aber auch der Sieg der Thebaner war ein so schwer erkaufter, daß der Ausdruck Καδμεία νίκη zum Sprichwort wurdePaus. 9, 9, 1. Doch waren die Erklärungen dieses Sprichworts sehr verschieden, s. Zenob. 4, 45 u. Paroem. gr. vol. 2 ed. a Leutsch p. 74.. Doch war das verhängnißvolle Brüderpaar ausgerottet, der grollende Fluch des Oedipus hatte endlich seine volle Sättigung bekommen. So scheint die alte Sage mit Versöhnung geschlossen zu haben, indem es den Vorstellungen des Adrast, dessen süße Rede bei den Alten berühmt warTyrtaeos fr. 12, 7 ουδ' ει Τανταλίδεω Πέλοπος βασιλεύτερος είη, γλω̃σσαν δ' ’Αδρήστου μειλιχόγηρυν έχοι. Plato Phaed. 269 A τὸν μελίγηρυν ’Άδραστον ὴ καὶ Περικλέα., gelang die 363 Thebaner zur feierlichen Leichenbestattung zu bewegen, welcher er selbst beiwohnte. Da brannten auf sieben Scheiterhaufen die Leichen der sieben gebliebenen FührerEine alte απορία, s. Schol. Pind. Ol. 6, 23. Sie löst sich am besten durch den oben berührten Umstand daß eigentlich sieben argivische Helden und Polyneikes und Tydeus auszogen. Jetzt waren zwei entkommen, Amphiaraos und Adrast.. Adrastos aber gedachte trauernd der Mahnungen des edlen und tapfern Amphiaraos, den er nun das Auge seines Heeres und eben so unfehlbar im Rathe als im Streite nanntePindar Ol. 6, 15 επτὰ δ' έπειτα πυρα̃ν νεκρω̃ν τελεσθέντων Ταλαιονίδας ει̃πεν εν Θήβαισι τοιου̃τόν τι έπος· Ποθέω στρατια̃ς οφθαλμὸν εμα̃ς, αμφότερον μάντιν τ' αγαθὸν καὶ δουρὶ μάρνασθαι. Auch die Ilias 14, 114 spricht von dem Grabe des Tydeus bei Theben, vgl. Paus. 9, 18, 2.. Also war das ganze Epos eine Verherrlichung des Willens der Götter und ihres Propheten und eine Verurtheilung des menschlichen Eigenwillens und der menschlichen Vermessenheit, auf eine tief ergreifende und wahrhaft tragische Weise.

Auf der attischen Bühne wurden diese Ereignisse freilich wieder ganz anders erzählt, indem man mit dem grausen Ende der feindlichen Brüder auch das der beiden Schwestern von demselben Stamme, der Antigone und Ismene verknüpfte und beim letzten Ausgange des Krieges sowohl Adrast oder Amphiaraos ihre Zuflucht nach Attika nehmen, diesen dort sein Ende und jenen beim Theseus Hülfe finden ließ: eine von den vielen Verherrlichungen des attischen Alterthums auf Unkosten der älteren Sage.

Von den beiden Schwestern wurde Ismene nach Mimnermos und der älteren Sage von dem thebanischen Helden Periklymenos geliebt und bei einer Zusammenkunft mit ihm von dem wilden Tydeus auf Antrieb der Athena erschlagen, nach Pherekydes an der Quelle Ismene, die von ihr den Namen bekommen haben sollArgum. Soph. Antig., Schol. Eur. Phoen. 53. Ein alterthümliches Vasenbild aus Caere mit Namen stellt diese Zusammenkunft ohne den Brunnen dar, Mon. d. I. 6, 14, Welcker in den Ann. 30, 35–41, andre, wenn sie auf diesen Vorgang bezüglich, scheinen den Brunnen anzudeuten, Overbeck 122. ’Ισμήνη ist ihrem Namen nach eigentlich die Liebliche, denn das Wort ist desselben Stamms wie ίμερος skr. ismas, von der Wurzel is. Eine in demselben Arg. erhaltene Ueberlieferung der Dithyramben Ions erzählte daß beide Schwestern, Antigone und Ismene, von Laodamas, dem Sohne des Eteokles, im Tempel der Hera entehrt wurden (καταπροισθη̃ναι, richtiger καταπροιχθη̃ναι, doch lesen dafür Andre καταπρησθη̃ναι).. Von der Heldenthat der Antigone und ihrem 364 traurigen Ausgange giebt Aeschylos zu Ende der Sieben eine Andeutung, wir wissen nicht ob nach dem Vorgange eines älteren Dichters. Desto bekannter ist die herrliche Tragödie des Sophokles, wo er der Kraft und Treue des weiblichen Gemüthes ein so wunderschönes Denkmal gesetzt hat, in der aufopfernden Liebe der Antigone zu ihrem unglücklichen Bruder Polyneikes, die sich durch keine Verwicklung des Lebens, durch kein Gesetz einer willkürlichen Staatsgewalt, nicht durch Brautstand, nicht durch die Aussicht des schrecklichsten Todes abhalten läßt an der einfachen Thatsache des höchsten Naturgesetzes und an dem Gebote der Götter, das die Bestattung der Todten forderte, festzuhalten. Dahingegen das Schicksal der Antigone beim Euripides wieder einen ganz eigenthümlichen Gang nahm. In den Phoenissen leben bekanntlich sowohl Oedipus als Iokaste und die beiden Schwestern noch während der Belagerung der Sieben in Theben, Iokaste tödtet sich nach dem Zweikampfe der Söhne, Antigone wandert fort mit dem Vater, den Kreon nach dem Rathe des Teiresias ausweist. Sie ist von Eteokles dem Haemon, dem Sohne des Kreon und dem letzten Sprossen der ungemischten Sparten, dem künftigen Könige verlobt. Aber sie will ihren Vater nicht verlassen, der auch in diesem Stücke nach Kolonos bei Athen wandert um dort sein Ende zu findenDie Phoenissen sind jünger als Oedipus König, älter als Oedipus auf Kolonos.. Ihren eigenen Ausgang behandelte eine zweite Tragödie, die Antigone hieß, wahrscheinlich so wie Hygin f. 72 erzählt. Nachdem Kreons Verbot ausgegangen war legten Antigone und Argeia, die Wittwe des Polyneikes, den Leichnam desselben auf denselben Scheiterhaufen auf welchem der Leichnam des Eteokles verbrannt wurde; wobei sich vermuthlich das auch sonst erzählte Wunder begab daß noch die Flammen, welche die feindlichen Brüder verzehren sollten, aus einander wichenPhilostr. imag. 2, 29, Stat. Theb. 12, 349 ff., Hygin f. 68. Ueber die Antigone des Euripides Welcker Gr. Trag. 563 ff.. Die Wächter kommen darüber zu, Argeia entflieht, Antigone wird zum Kreon geführt, der sie ihrem Verlobten Haemon übergiebt daß er sie tödte. Aber Haemon liebt das Mädchen und verbirgt sie deshalb auf dem Lande bei einem Hirten und lebt in heimlicher Ehe mit ihr. Maeon, der Sohn dieser Ehe, kommt als Jüngling nach Theben um sich bei dort gehaltenen SpielenVielleicht den Leichenspielen des Amphitryon s. S. 182. In der Ilias 4, 394 ist Μαίων Αιμονίδης einer der Anführer des von Tydeus vernichteten Hinterhalts (S. 359) und der einzige welcher davon kam. zu betheiligen und wird von Kreon an 365 dem Abzeichen aller Sparten, dem Merkmal des Drachen an seinem Leibe erkannt. Umsonst bittet Herakles um Verzeihung für Haemon und Antigone. Dieser tödtet sich und die unglückliche Tochter des Oedipus, Kreon aber giebt nun seine Tochter Megara dem Herakles, daß er mit ihr ein neues Geschlecht begründe.

Endlich das Schicksal des Adrast und der Gebliebenen nach der attischen Sage, wie dieselbe am vollständigsten in den Schutzflehenden des Euripides vorliegtSchon Aeschylos hatte davon gedichtet, s. Plut. Thes. 29 vgl. Paus. 1, 39, 2. Die Bitte des Adrast und der großmüthige Schutz des Theseus gehörte zu den herkömmlichen Lobeserhebungen der Athenienser, Isokr. Paneg. 54, Aristid. c. Leptin. p. 684 Ddf., wo Adrast neben Oedipus genannt wird, wie die Gräber von beiden bei Kolonos Hippios gezeigt wurden Paus. 1, 30, 4, das des Adrast aber auch zu Megara P. 1, 43, 1. Euripides dichtete die Schlacht zwischen Theseus und den Thebanern hinzu. Nach der gewöhnlichen Ueberlieferung erlangte er die Leichen durch gütliche Vorstellung.. Da Kreon die Leichen zu bestatten verbietet, wendet sich Adrast mit den Frauen und Kindern bittend nach Attika. Theseus erhört ihr Flehen, schlägt die Thebaner, bringt die Leichen nach Eleusis und bestattet sie dort, wo ein Denkmal von ihnen gezeigt wurde. Bei der Bestattung stürzt sich Euadne, die Tochter des Iphis, eine Schwester des Eteoklos, in den Scheiterhaufen des Kapaneus, ein rührendes Beispiel ehelicher Treue, von welchem in alten Liedern gesungne wurdeEur. Suppl. 1012 ff., Philostr. Her. 675 von der Laodameia: λέγει αυτὴν ευδοκιμώτατα γυναικω̃ν πράττειν αριθμουμένην εν αι̃ς ’Αλκηστίς τε η ’Αδμήτου καὶ Ευάδνη η Καπανέως καὶ αι ταύταις ίσ?αι σώφρονέσ τε καὶ χρησταί..

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