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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 82
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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e. Die Argonauten auf Lemnos.

Es beruht auf alter und zuverlässiger Ueberlieferung daß die Minyer sehr früh auf Lemnos ansässig gewesen (Herod. 4, 145), ja es ist schon in der Ilias wiederholt von dem »guten Schiffer« (Εύνηος), dem Sohne des Iason die Rede, der mit den Phoenikern von Sidon und mit den Griechen vor Troja Handel treibt, namentlich diesen von seiner fruchtbaren Insel den 325 Bedarf an Wein zuführt (Il. 7, 467; 21, 41; 23, 746). Die folgende Sage erzählt von dem Ursprunge dieser Minyer auf Lemnos, die später von den attischen Pelasgern von der Insel vertrieben wurden, und zwar ist in dieser Erzählung wieder religiöser Glaube und geschichtliche Erinnerung auf eigenthümliche Weise gemischt. Die Argonauten treffen bei ihrer Ankunft nur Frauen, keine Männer, welche von ihren Frauen alle meuchlings getödtet worden waren, ein Unheil welches Aphrodite angerichtet hatte. Sie hatten dieser Göttin so wenig geachtet daß sie sie mit einem üblen Geruch strafte, daher die Männer sich Beischläferinnen von der benachbarten Küste holten, eine Schmach; welche die ergrimmten Weiber in dem Blute aller Männer söhnten, denn alle wurden sie ermordet, Gatten und Väter, bis auf den einzigen Thoas, den schon der Ilias 14, 230 bekannten König von Lemnos, von dessen Rettung durch seine Tochter Hypsipyle später verschiedene Sagen erzählt wurdenApollod. 1, 9, 17, Schol. Il. 7, 468. Entweder wird Thoas von seiner Tochter in einem Kasten versteckt, aber später von den Lemnierinnen entdeckt und ins Meer versenkt, während Hypsipyle entflieht und durch Seeräuber nach Nemea verkauft wird, Schol. Pind. Nem. p. 424, Apollod. 3, 6, 4. Oder Hypsipyle rettet den Vater in einem Kahn, der ihn bald nach der Insel Sikinos in der Nähe von Euboea (früher Οινόη) führt, Apollon. 1, 622 ff. Schol., bald nach Tauris, dessen aus der Geschichte der Iphigenia bekannter König Thoas nun mit diesem lemnischen identificirt wurde, Hygin f. 15 (wo Hypsipyle nach Theben verkauft wird) n. 120. Oder Dionysos, der Vater des Thoas und Stammgott seines Geschlechts, rettet ihn nach Chios, Mythogr. lat. 1, 133. 199. Als Gemahlin des Thoas nannte man eine Heroine Myrina, Tochter des Kretheus, nach welcher die Stadt Myrina auf Lemnos ihren Namen bekommen, Schol. Ap. 1, 601. Sie ist nicht zu verwechseln mit der aus der Ilias 2, 814 bekannten Amazone Myrina, der Eponyme der Stadt Myrina in Aeolis, Str. 12, 573; 13, 623, Eustath. 351, 20, Steph. B. Μύρινα, von welcher man später auch in libyschen Traditionen erzählte, Diod. 3, 54, Anthol. lat. 1, 704.. Die minyeischen Helden aber wurden freundlich aufgenommen, als sich ihr Schiff dem Hafen naheteNach Aeschylos wehrten die Lemnierinnen mit den Waffen in der Hand die Landung ab, bis die Argonauten sich eidlich verpflichtet hatten ihnen beizuwohnen. Nach Sophokles kam es sogar zum heißen Kampfe, Schol. Apollon. 1, 769. und pflogen der Liebe mit den vereinsamten Frauen, wodurch auf Lemnos ein neues Geschlecht entstand, namentlich gebar Hypsipyle vom Iason jenen Euneos. Auch wurden Kampfspiele gehalten, angeblich zum Andenken des Thoas oder der gemordeten Männer überhaupt, bei denen die Minyer mit den amazonenartigen Frauen kämpfen, unter andern der 326 König Erginos von Orchomenos mit der Hypsipyle im Laufe, wovon Pindar mit Anmuth erzählt. Ueberhaupt waren diese Spiele, deren Preise in Gewändern bestanden, bei den Dichtern berühmtPindar P. 4, 252 ff. Schol. v. 450, Ol. 4, 19 ff. Auch Simonides dichtete davon und Philostr. gymn. 3 weiß sogar die einzelnen Ringer zu nennen und daß Peleus im Pentathlon den Preis gewann. Bei Apollon. 3, 1205 trägt Iason einen Mantel, den er zum Andenken seiner Liebe von der Hypsipyle bekommen hatte, vgl. Valer. Fl. 2, 408 ff., ja die ganze Verwicklung, der Männermord, die Ankunft der Argonauten und die darauf folgenden Genüsse der Liebe, des Weins und der ritterlichen Spiele, war von Aeschylos und Sophokles in verschiedenen Stücken auf die Bühne gebracht wordenVon Aeschylos gehören dahin die Argo, die Hypsipyle und das Satyrspiel der Kabiren, von Sophokles die Lemnierinnen. Auch für die Komiker enthielt dieser Stoff gute Motive. Aristophanes u. A. hatten Lemnierinnen gedichtet.. Ein entfernterer religiöser Zusammenhang und Hintergrund dieser Fabel ist dadurch angedeutet daß der Männermord auf Lemnos jährlich durch Auslöschung alles Feuers gesühnt wurde und daß die Sage ging auch die Kabiren, die befruchtenden Dämonen der Insel, hätten in Folge dieses Verbrechens Lemnos verlassenPhot. Κάβειροι δαίμονες εκ Λήμνου διὰ τὸ τόλμημα τω̃ν γυναικω̃ν μετενεχθέντες, vgl. 1, 141. Auch die δυσοσμία der Frauen und die Entfremdung der Männer wiederholte sich jährlich, Schol. Apollon. 1, 615, Antig. Mir. 130, wo dieses Uebel von der Eifersucht der Medea bei der Rückkehr der Argonauten abgeleitet wird. Der lemnische Mord (Λήμνιον κακόν) war in seiner Art zum Sprichwort geworden, Aesch. Choeph. 631, Zenob. 4, 91, Apostol. 10, 65.. Als Iason und die Argonauten erscheinen und mit den Frauen der Liebe pflegen, sind diese Dämonen aber nicht allein wieder zur Stelle, sondern sie spenden den Helden auch von ihrem süßen Weine bis zum Uebermaaße und versprechen die Insel nun erst recht fruchtbar zu machenAesch. fr. 91. 92.. Dieses Ab- und Zugehen der Kabiren, das Verlöschen des Feuers und die neue Fruchtbarkeit, der Untergang des einen Geschlechtes und das Wiederaufblühen des andern mag wohl mit alten Cultusideen der beiden Hauptgötter von Lemnos, des Hephaestos und der Aphrodite zusammenhängen und ein mythischer Ausdruck für die jährliche Naturgeschichte des auf diese Götter und jene Dämonen angewiesenen Bodens sein. Vom Herakles heißt es daß er sich aller dieser üppigen Genüsse der übrigen Helden weislich enthalten, vielmehr beim Schiffe geblieben und endlich 327 zur Weiterfahrt getrieben habe; auch nannte eine örtliche Tradition bald den Herakles bald den Iason als Stifter des durch die Sage vom Philoktetes berühmt gewordenen Altars der ChryseNach Philostr. iun. imag. 17 Iason, nach Schol. Soph. Philokt. 194 Herakles, aber auf dem Zuge gegen Troja, vgl. Bd. 1, 155 u. Steph. B. Νέαι. Auf Vasenbildern erscheint bald Herakles als Stifter dieses Dienstes bald ein ’Αρχεναύτης genannter Heros, welcher verschiedene Erklärungen zuläßt, Gerhard Archäol. Ztg. 1845 n. 35 t. 35, A. V. 3, 20 ff. t. 155, A. Michaelis Ann. d. I. 29, 240 ff.. Ferner lassen die späteren Dichter die Argonauten, ehe sie durch den Hellespont fahren, auf der benachbarten Insel Samothrake anlegen und den dortigen Kabirmysterien huldigen, denen man eine besondere Kraft und Weihe gegen die Gefahren der See zuschriebApollon. 1. 916 Schol., vgl. oben S. 107..

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