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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 66
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI. Der Cultus des Herakles.

Dieser schwankte zwischen dem eines Heroen, dem man die gewöhnlichen Spenden und Opfer darbrachte, und dem eines Olympischen Gottes, den man wie die andern Unsterblichen verehrteHerod. 2, 44 δοκέουσι δέ μοι ου̃τοι ορθότατα ‛Ελλήνων ποιέειν οὶ διξὰ ‛Ηράκλεια ιδρυσάμενοι έκτηνται καὶ τω̃ μὲν ως αθανάτω, Ουλυμπίω δὲ επωνυμίην θύουσι, τω̃ δ' ετέρω ως ήρωι εναγίζουσι.. Und zwar soll sich der heroische Cultus zuerst in 259 Opus und in Theben, der des Gottes zuerst in Athen geltend gemacht haben, welchem Beispiele die übrigen Griechen, ja die ganze Welt gefolgt seiDiod. 4, 39, nach welchem ihm in Opus jährlich ein Eber Bock u. Stier geopfert wurde, also eine Trittya, wie zu Athen den Dioskuren s. oben S. 104, [Anmerkung 361]. In Theben und Sikyon war das gewöhnliche Opfer ein Schafbock, Poll. 1, 30, Paus. 2, 10, 1, in Athen ein Stier, Theophr. char. 27, Zenob. 5, 22.. Denn auch Athen und Attika bekannte sich mit großem Eifer zu dem Dienste des Herakles, welchen der einheimische Heros Theseus aus Dankbarkeit für seine Befreiung aus der Unterwelt durch Abtretung der meisten früher ihm geheiligten Grundstücke gefördert haben sollPhiloch. b. Plut. Thes. 35. Vgl. Eurip. Herc. f. 1325 ff., Aristid. Herc. p. 58.. Und wirklich lassen sich viele Heiligthümer in dem ganzen Lande nachweisenHarpokr. v. ‛Ηράκλεια. Vgl. die Nachweisungen b. Roß Theseion 19, 60 u. b. Keil sched. epigr. 35. Ein Herakleion τὸ εν κύκλω εν Χολαργέων in d. Samml. v. Inschr. d. archäol. Ges. zu Athen 1, 7 n. 8., darunter die angesehensten das zu Marathon und das im Kynosarges dicht bei Athen waren, beide aus der Geschichte der Schlacht bei Marathon und durch ihre Spiele bekanntHerod. 6, 108. 116 und von Marathon insbesondre, wo man sich rühmte den H. zuerst als Gott verehrt zu haben, Pind. Ol. 9, 18; 13, 110 m. d. Schol., Paus. 1, 15, 4; 32, 4, von dem H. im Kynosarges P. 1, 19, 3, Athen. 6, 76; 14, 3, wo es τὸ Διομέων ‛Ηράκλεια genannt wird, wie die dortigen Spiele b. Arist. Ran. 651 ‛Ηράκλεια τὰν Διομείοις genannt werden. Das Quartier hieß nehmlich gewöhnlich Διόμεια vom Diomos, dem Sohne des Kollytos (des Eponymen eines benachbarten Stadtquartiers), bei welchem einkehrend Herakles sein Wohlgefallen an dem Knaben hatte, daher ihm dieser nach seiner Apotheose auf der väterlichen Hestia opferte. Da kam ein Hund und verschleppte die Opferstücke vors Thor an die Stelle wo Diomos darauf τὸ Κυνόσαργες gründete, eigentlich das H. des Herakles, nach welchem aber auch das ganze Quartier benannt wurde. Der Name wird bald durch die weiße Farbe bald durch die Schnelligkeit des Hundes erklärt, denn beides heiße αργός Steph. B., Hesych, Phot. v. Διόμεια, Διομει̃ς, Κυνόσαργες vgl. Göttling Ber. der G. d. W. zu Leipzig 6, 14–27.; während in Athen selbst das Heiligthum des Herakles Alexikakos im Quartier Melite ein großes Ansehn hatteArist. Ran. 501 Schol., Hesych εκ Μελίτης, Zenob. 5, 22, v. Leutsch Philol. S. B. 1, 130. Ein von Sophokles gestiftetes H. des H. μηνυτής d. h. des Angebers, vit. Soph. 129 ed. Westerm., Hes. v., Cic. de Divin. 1, 25, 54.. Ueberall mag sich die Gleichstellung desselben mit den andern Göttern erst allmälig und unter Einwirkung des orientalischen Heraklesdienstes durchgesetzt habenEin Beispiel der Art in Sikyon, wo der Heraklide Phaestos aus Kreta, dessen Heraklesdienst meist phoenikischen Ursprungs war, auf göttliche Verehrung dringt, da man früher nur die heroische gekannt hatte, Paus. 2, 10, 1 vgl. 6, 3..

260 Suchen wir uns aber eine Gesammtübersicht über die Verehrung des Herakles, sowohl des Heroen als des verklärten Gottes zu verschaffen, so wird sich am besten unterscheiden lassen zwischen dem kämpfenden und leidenden, dem genießenden und ausruhenden, dem verklärten Kallinikos und Alexikakos, dem ländlichen und idaeischen, und endlich dem philosophischen Idealbilde einer Ethik, welche im Herakles das Muster eines durch Mühe und Arbeit zum höchsten Lohne geweihten Lebens verehrte.

Also zuerst der kämpfende und arbeitende Held, zunächst von der körperlichen Seite, welche beim Herakles im Sinne der älteren Zucht und Sitte fast noch wichtiger ist als die geistige und ethische. Denn wie er vom Schicksal vorzugsweise zur schweren Arbeit bestimmt worden war, so war auch das Maaß seiner Kräfte selbst unter den Heroen ein außergewöhnliches und seine ganze Natur mehr auf Derbheit angelegt als auf Geist und Seele; daher alle gymnastischen und athletischen Tugenden bei ihm im höchsten Grade vorhanden waren, die der musikalischen Bildung und des zarteren Seelenlebens aber keineswegs. Unter seinen Kämpfen aber waren für die Palaestra vorzüglich seine vielen Ringerkämpfe berühmt und vorbildlich, die mit dem aetolischen Acheloos, dem libyschen Riesen Antaeos, dem sicilischen Eryx u. s. w., während die Athleten sich an die schwereren Arbeiten hielten z. B. an den Kampf mit dem Löwen und in ihm auch den ersten Pankratiasten verehrtenPaus. 5, 8, 1, Pind. Schol. Pyth. p. 297, Hygin f. 273.. Denn es ist auch dieses eine Eigenthümlichkeit des Herakles daß er zugleich als Muster eines Epheben und Palaestriten und als das eines Athleten in der vollen Kraft und Reife der körperlichen Entwicklung dienen konnte, daher auch seine Bilder in dieser Hinsicht verschieden waren. Die des Palaestriten waren jugendlich und von leichtem und schlankem Körperbau, wie sie in den Gymnasien viel zu sehen waren, Herakles und Iolaos neben Hermes und Eros oder den DioskurenO. Jahn Ficoron. Cista 37 ff. Hermes und Herakles wurden oft so verbunden Pind. N. 10, 53, Paus. 4, 32, 1; 8, 32, 2. 3. Ueber die Zusammenstellung des Eros mit Hermes und Herakles in den Gymnasien Athen. 13, 12 u. Bd. 1, 395, über die mit den Dioskuren Pind. N. 10, 51, oben S. 99. 102. Die körperliche Bildung des παλαιστὴς beschreibt Philostr. de gymn. 35, dieselbe müsse von schlankem und leichtem Bau sein: ηρμόσθω δὲ ώσπερ οι ξύμμετροι, μήτε υψαύχην μήτε τὸν αυχένα επεζευγμένος, τουτὶ γὰρ δὴ προσφυὲς μέν, παραπλήσιον δὲ κεκολασμένω μα̃λλον ὴ γεγυμνασμένω, τω̃ γε ξυνιέντι καὶ τω̃ν ‛Ηρακλείων αγαλμάτων όσω ηδίω καὶ θεοειδέστερα τὰ ελευθέριά τε καὶ μὴ ξυντράχηλα etc.. Dahingegen das andere Vorbild 261 das des gewaltigen Athleten mit den riesigen Gliedern und der ungeheuren Muskelkraft ist, dessen Backenstreiche tödtlich waren und dessen Keule Alles niederschmetterte; ein Ideal welches uns der Farnesische Herakles und ähnliche Bilder am besten vergegenwärtigenBemerkenswerth ist u. a. der Kopf des Athleten Herakles mit geschulterter Keule auf einem Gewicht aus Herakleia Pontike aus der Zeit der römischen Kaiser, Mon. ed Ann. d. Inst. 1855 p. 1.. Die gymnastischen Uebungen und Anstalten in Theben und ganz Boeotien, so wie die in ihrer Art sehr berühmten in Elis mögen zur Vervollkommnung solcher Vorstellungen am meisten beigetragen haben; in Athen das bekannte Gymnasium des Kynosarges, aus welchem die Secte der Kyniker hervorging, welche im Herakles auch ihr Ideal von Mühe und Arbeit verehrte. Obwohl für die attische Jugend Theseus fast noch mehr als Herakles das Vorbild der Palaestra war, wenigstens im Sinne des feineren ionischen und attischen Geschmacks, welcher dem Theseus die ihm eigenthümlichen und ihn von Herakles unterscheidenden Farben verliehen hatte. Doch verehrten sie diesen beim Eintritte ins Ephebenalter durch einen großen Krug mit Wein, indem sie zugleich ihren Verwandten und Kameraden ein kleines Fest bereitetenHesych v. οινιστήρια, Athen. 11, 88 vgl. Poll. 6, 22 u. Phot. οινιαστήρια., wie die Epheben in Sparta vor dem Uebertritte zu den Männern gleichfalls dem Herakles ein Opfer darbrachtenPaus. 3, 14, 6.. Für die Athleten war er vollends der wahre Schutzpatron ihrer Zunft und das Ideal aller ihrer Anstrengungen und Leistungen, daher sie sich gerne mit ihm vergleichen und bei ganz besondrer Meisterschaft auch wohl einen noch innigeren Zusammenhang ihrer Natur mit der seinigen ahnen liessenPaus. 6, 5, 3; 11, 2, Aelian V. H. 12, 22. Im Gymnasium zu Elis, einer Art von Musteranstalt, scheinen sie vor ihrem Auftreten in Olympia dem Herakles geopfert zu haben, denn ihm war der dortige ξυστὸς heilig, Paus. 6, 23, 1. In Rom eine σύνοδος ξυστικὴ τω̃ν περὶ ‛Ηρακλέα αθλητω̃ν ιερονεικω̃ν στεφανειτω̃νG, C. I. n. 5906–5913, Grut. 315, 8..

Die größte und wichtigste That eben dieses Herakles der Gymnasien und Athleten war die Stiftung der Olympischen 262 Spiele, welche die ältere Ueberlieferung immer ihm zuschreibt d. h. dem Sohne des Amphitryon und der Alkmene, während die jüngere neben und vor ihm den idaeischen Herakles nannte, einen Zauberer und magischen Helfer in aller Noth. Jene ältere Ueberlieferung ist die von Pindar, Lysias, Kallimachos und vielen AndernPind. Ol. 3, 11 ff.; 11, 42 ff., Lysias Olymp, b. Dionys. H. Lys. 30, Kallimachos in den αιτίοις s. O. Schneider proleg. in Callim. αιτ. fr. p. 13.. Die gewöhnliche Veranlassung ist die des Sieges über Elis und den König Augeias, so daß die Stiftung dieser Spiele mit der Siegesfeier zusammenfällt; wobei übrigens die durch die Rückkehr der Herakliden und die Eroberungen der Dorier und Aetoler veranlaßte neue Staaten- und Sagenbildung im Peloponnes mit in Anschlag zu bringen ist. Herakles galt für den Begründer des Agon mit der ganzen Ordnung des Kampfspiels, den Zeitbestimmungen, dem Preise des Olivenkranzes, der stellvertretenden Aufsicht der Dioskuren. Er stiftet selbst die Heiligthümer des Orts, namentlich die sechs Altäre der zwölf Götter und die heroische Verehrung des Pelops, mißt das Stadion mit seinem Fuße aus, wonach später Pythagoras die Länge seines Leibes berechnen wollteGell. N. A. 1, 1 vgl. Boeckh metrol. Unters. 282., holt aus dem Hyperboreerlande schattige Bäume um jene der Sonne sehr ausgesetzte Stätte am Alpheios damit zu bepflanzenPind. Ol. 3, 13 ff. Bald holt er den wilden Oelbaum (κότινος), von welchem die Kränze für den Olympischen Sieger geflochten wurden (ελεία καλλιστέφανος) aus dem Hyperboreerlande, bald die Weißpappel aus Thesprotien, Paus. 5, 14, 3. Der vom H. gepflanzte Stamm des Oelbaums befand sich in der Nähe des Zeustempels und galt für nicht weniger alt und heilig als die Palme von Delos und die Olive auf der Akropolis von Athen, Paus. 5, 15, 3, Theophr. h. pl. 4, 13, 2, Plin. 16, 240., ja er soll auch die Plage der Stechmücken von Olympia entfernt haben, welche in diesem feuchten Thale in der heißen Sommerszeit sonst in ganzen Schaaren zu finden warenDurch Stiftung eines Dienstes des Ζεὺς απόμυιος d. h. des Fliegenbanners, P. 5, 14, 2 vgl. Plin. 29, 107, wo von einem deus quem myioden vocant die Rede ist, Aelian N. A. 5, 17. Es wurde ein Stier geopfert. Sobald die Mücken von seinem Blute genossen, entfernten sie sich. Ein gleichartiges Opfer beim Feste des Apollo Aktios auf Leukas nach Aelian ib. 11, 8. Vgl. den Baalsebub der Philister, Stark Gaza 260.. Endlich ist Herakles auch der erste Kämpfer und Sieger, neben ihm sein treuer Waffenbruder Iolaos, welcher deshalb in dem alten von Archilochos auf diesen Olympischen Herakles Kallinikos gedichteten Hymnos neben ihm gepriesen 263 wurdeIolaos siegte im Wettrennen, Paus. 5, 8, 1 vgl. oben S. 182. Von dem berühmten, oft in Olympia gesungenen Hymnos des Archilochos ist nur der Anfang erhalten: ω̃ καλλίνικε χαι̃ρ' άναξ ‛Ηράκλεες αυτός τε καὶ ’Ιόλαος, αιχματὰ δύο, τήνελλε καλλίνικε. Vermuthlich enthielt er eine kurze Uebersicht der Geschichte des Herakles.. So wurde auch die Begründung des für die ganze Halbinsel, ja für ganz Griechenland so überaus wichtigen Olympischen Gottesfriedens (εκεχειρία) in der gewöhnlichen Tradition dem Herakles zugeschriebenPolyb. 12, 26, 2..

Auch in dem Kampfe der Schlacht war Herakles ein Ideal für Jünglinge und Männer, löwenmuthig und höchst ehrgeizig und kühn wie er warVgl. oben S. 174, [Anmerkung 625]. Dem Eifer und Ehrgeize entspricht ‛Ηρακλη̃ς εριδανάτας in Tarent, Hesych, von εριδαίνω, dem unermüdlichen Muthe ‛Ηρακλη̃ς κυνάδας; einer Inschrift vom Olymp b. Heuzey le Mt. Olympe p. 483, 44., auch ausdauernd und auf bessere Wehr bedacht, wenn er bei dem ersten Angriffe zurückgeschlagen oder verwundet wurde. Ein immer wiederkehrender Zug der Erzählung von seinen kriegerischen Kämpfen und Schlachten, welcher offenbar zur Beharrlichkeit und guten Kameradschaft aufmuntern sollte. Daher das Sprichwort daß selbst Herakles es nicht mit Zweien aufnehmen konnte, wobei man gewöhnlich an den Kampf mit der lernaeischen Hydra und an die Verbrüderung mit Iolaos dachte, aber auch an den Kampf mit den beiden Aktorionen und andre Niederlagenπρὸς δύο ουδ' ο ‛Ηρακλη̃ς, Plat. Phaed. 89 C m. d. Schol., Euthyd. 297 C, Zenob. 5, 49..

Auch in sittlicher Hinsicht konnte Herakles zum Muster dienen, wenigstens that er es in späterer Zeit und für solche philosophische Schulen, welche die Tugend in Mühe und Arbeit setzten. Aber die ältere Zeit und Dichtung sah darin, was diese Philosophen zur freien Wahl machten, vielmehr ein höchst unbilliges Schicksal und eine schmachvolle Erniedrigung, oder die Folge eines entsetzlichen Verbrechens, so daß die Thaten des Herakles wohl den Charakter der Buße, aber doch mehr den eines schweren Unglücks als einer asketischen Uebung hatten. So die Ilias, für welche Herakles der vor allen geliebte Sohn des Zeus ist, der δι̃ος, der διογενὴς schlechthin, aber zugleich der durch das Schicksal Verstoßene, vom Eurystheus unbillig Geplagte, welcher oftmals »zum Himmel emporweinte«, bis Zeus ihm seine Lieblingstochter Athena zu Hülfe schickte (S. 161), und Hesiod, nach welchem Zeus ihn zu einem Helfer in der Noth für 264 Götter und Menschen bestimmt hatte, aber Herakles dessenungeachtet zugleich der beste und der unglücklichste Sohn des Zeus warIn diesem Sinne sagte Alkmene in den Hesiodischen Eoeen zu ihrem Sohne: ω̃ τέκνον η̃ μάλα δή σε πονηρότατον καὶ άριστον Ζεὺς ετέκνωσε πατήρ fr. 95 Göttl. Vgl. Soph. Tr. 811 πάντων άριστος ανὴρ τω̃ν επὶ χθονί, οποι̃ον άλλον ουκ όψει, ποτέ. Philokt. 1449 όσους πονήσας καὶ διεξελθὼν πόνους αθάνατον αρετὴν έσχον.. Dieses konnte wohl zum Mitleid und zum ernsten Nachdenken über die Wege des Schicksals, die bösen Folgen einer Uebereilung oder Gemüthsverblendung auffordern, aber nicht zur Nacheiferung. Auch haben namentlich die griechischen Künstler bei ihren vorzüglichsten Schöpfungen des Heraklesideals diese eigenthümliche Mischung von unerbittlichem Schicksal und unermüdlicher Kraft am meisten ins Auge gefaßt. So beim Farnesischen Herakles in Neapel, einem sehr oft wiederholten Bilde, dessen Original gewöhnlich dem Lysippos zugeschrieben wirdMüller Handb. § 129, 2, D. A. K. 1 t. 38 vgl. Stephani ausr. Herakl. 158 ff., welcher die Aechtheit der an der Statue zu Florenz befindlichen Inschrift Λυσίππου έργον in Abrede stellt. Eine Statuette in rosso antico deutet durch die Kopfbinde bestimmt auf Sieg, Mon. d. I. 1854 p. 92. Eine Wiederholung in Relief am Thore von Alyzia in Akarnanien ist bemerkenswerth, weil sich dort ein Cyclus der Herakleskämpfe von Lysippos befunden hatte, s. oben S. 187, [Anmerkung 667] u. Heuzey le Mt. Olympe et l'Acarn. t. 11 p. 413., eine Darstellung des Athleten von ungeheurer Kraft, welcher nach einem gewonnenen Siege ausruht, der Oberleib durch die Keule gestützt, das Haupt gesenkt und mit schmerzlichem Ausdruck vor sich hinblickend, denn das Schicksal drängt zu neuen und immer neuen Kämpfen. Und mit noch geistigerer Bewegung und bestimmterer Andeutung der Klage über das unbillige Verhängniß der eherne Koloß des Lysippos, welcher sich zuerst in Tarent, dann in Rom, zuletzt in Constantinopel befandStephani a. a. O. 134 ff. In der Beschreibung des Niketas Choniatas erinnern die Worte: τὰς ιδίας τύχας αποκλαιόμενος καὶ δυσχεραίνων τοι̃ς άθλοις, όσους αυτω̃ Ευρυσθεὺς ου κατὰ χρείαν, κατὰ δέ φθόνον μα̃λλον ηγωνοθέτει sehr bestimmt an Ilias 8, 364.. Hier war Herakles auf einem Korbe sitzend dargestellt, wodurch der Künstler wahrscheinlich an die Stallreinigung des Augeias, die schmählichste von allen Aufgaben des Eurystheus erinnern wollte, das von Kummer gebeugte Haupt mit der geöffneten Hand stützend, der andre Arm herabhängend. Ein ähnliches Bild des Lysippos stellte ihn seiner Waffen beraubt und von Eros Macht gebändigt darAnthol. Pl. 4, 103. 104. Vgl. die Gemme b. Müller D. A. K. 1, 38, 157., denn auch dieser Leidenschaft war 265 die gewaltige Kraft des Alkiden unterthänig und auch sie trieb ihn zu furchtbaren Thaten, wie die Geschichte der Iole und des Iphitos und ihres Vaters und der übrigen Brüder lehrt.

Eben so geläufig war es den Alten aber auch an die sinnlichen Genüsse zu denken, durch welche die Gunst der Götter diesen Helden während seiner irdischen Laufbahn erquickte, nicht blos Athena, sondern auch Aphrodite und Dionysos. Es ist dieses der ausruhende Herakles (αναπαυόμενος) d. h. Herakles in seinen Mußestunden, wo er sich durch Bäder und andre Erquickung, Liebe und Wein, Scherz und Spiel erholte und dabei eine eben so unbefangene Hingebung und eine eben so unerschöpfliche Kraft seiner gewaltigen Natur bewährte als bei seinen Kämpfen und Arbeiten‛Ηρακλη̃ς αναπαυόμενος auf dem Farnes. Relief, vgl. Aelian V. H. 12, 15 τὸν ‛Ηρακλη̃ λέγουσι τὰς εν τοι̃ς άθλοις σπουδὰς διαναποαύειν ται̃ς παιδιαι̃ς. – του̃τό τοι καὶ ο Ευριπίδης ημι̃ν υπαινίττεται ποιήσας τὸν αυτὸν του̃τον θεὸν λέγοντα· παίζω, μεταβολὰς γὰρ πόνων αεὶ φιλω̃. λέγει δὲ του̃το παιδίον κατέχων. Diod. 4, 14 απὸ γὰρ τω̃ν πολέμων τραπέντος αυτου̃ πρὸς ανέσεις τε καὶ πανηγύρεις, έτι δὲ εορτὰς καὶ αγω̃νας ετίμησαν αυτὸν δωρεαι̃ς οικείαις έκαστος τω̃ν θεω̃ν, ’Αθηνα̃ μὲν πέπλω etc. Aristid. p. 61 ου τοίνυν επὶ πράξεσι μόνον καὶ αγω̃σιν έχοι τις ὰν ‛Ηρακλέους μνημονεύειν, αλλὰ κὰν ται̃ς ευθυμίαις του̃ βίου πολλου̃ τινος άξιος. δηλοι̃ δὲ τω̃ν αγαλμάτων αυτου̃ τὰ πίνοντα.. Auch sein Leben war reich an solchen Scenen, z. B. wenn er bei guten Freunden, beim Molorchos, beim Kentauren Pholos, beim Könige Keyx einkehrend mit ihnen schmauste und zechte oder durch Athena und die Nymphen mit Bädern und schönen Gewändern beschenkt wurde; und die Volkskomödie und die Kunst, auch der Cultus hatte sich dieser Vorstellung mit großer Vorliebe bemächtigt. Die Ueberlieferungen vom lydischen und assyrischen Herakles, wo die unverwüstliche Kraft in der Ausschweifung zum Begriffe des Heldenthums gehörte und der tarsische Sardanapal zum Essen und Trinken und Spielen aufforderte, weil doch alles Uebrige eitel sei, mögen wesentlich zur Verbreitung solcher Anschauungen beigetragen haben. Doch gehörte die Unbefangenheit im sinnlichen Leben auch zur Natur des griechischen Helden und eine ungewöhnliche Kraft wie die des Herakles hatte auch ihre ungewöhnlichen Bedürfnisse, welche ihr sogar nach ihrer Verklärung blieben. Jedenfalls hatte ein alter SchriftstellerMegakleides b. Athen. 12, 6. Recht mit den Dichtern nach Homer und Hesiod zu hadern, die von nichts als den 266 kriegerischen Thaten und Feldzügen des Herakles wissen wollten, da er sich doch auch recht gut zu vergnügen und zu erholen gewußt habe und ein Trinker und Esser gewesen sei wie wenige.

Ein außerordentliches Bedürfniß verräth zunächst jener Herakles Buphagos, welcher gelegentlich einen ganzen Stier und zwar mit den Knochen verzehrte. Man erzählte davon bei den Dryopern der Oeta, bei den Lapithen am Olymp, zu Lindos auf Rhodos und in verschiedenen anderen Gegenden; wenigstens kannte die attische Komödie drei solche Geschichten vom Hunger des HeraklesTertull. Apolog. 14 tres Hercules famelici irrisi. Wahrscheinlich der Wettkampf mit Lepreos, der Vorfall beim Busiris und der beim lydischen Syleus oder dem phrygischen Lityerses. Vgl. Athen. 10, 1. 2. 8 u. Hesych γύλιος ο ‛Ηρακλη̃ς d. i. der Freßsack, Arist. Lysist. 928 ‛Ηρακλη̃ς ξενίζεται, επὶ τω̃ν βραδυνόντων, οι γὰρ υποδεχόμενοι τὸν ‛Ηρακλέα βραδύνουσιν, αδηφάγος γὰρ ο ήρως Schol., Suid. Die Komiker pflegten bei solchen Schilderungen des Herakles auch wohl die boeotischen Manieren des großen Thebaners ans Licht zu stellen, Athen. 10, 11., zu denen wahrscheinlich auch die von seinem Wettkampfe mit dem Kaukonenkönige Lepreos in Triphylien gehörte. Dieser hatte sich den Zorn des Herakles zugezogen, da er dem Augeias, als der Held seinen Lohn für die Ausmistung seines Stalles forderte, ihn zu binden rieth. Dann aber vertrugen sie sich wieder und begannen nun einen Wettkampf, zuerst im Diskoswerfen, dann im Wasserschöpfen, endlich im Fressen, wer zuerst einen Ochsen verzehren könne. Immer unterlag Lepreos und er wurde darüber so böse, daß er seinen Gegner nun auch zum Waffenkampfe herausforderte, worüber er denn sein Leben verlorAthen. 10, 2, Aelian V. H. 1, 20, Paus. 5, 5, 4.. Man könnte bei solchen Märchen wohl an die im Culte des Herakles herkömmlichen Stieropfer denken, namentlich wegen des zu Lindos beobachteten GebrauchsS. oben S. 247, [Anmerkung 881] u. Heffter Götterd. a. Rhodos H. 1.. Indessen ist diese Eigenschaft der Buphagie nicht blos dem Herakles eigen, sondern auch andern gewaltthätigen Recken, z. B. dem Idas, dem Gegner der Dioskuren, und verschiedenen ähnlichen Wesen der arkadischen SageS. oben S. 95, [Anmerkung 319]. Außerdem gab es einen Heros Buphagos mit seinem Weibe Πρώμνη zu Pheneos, Paus. 8, 14, 6 und auf mittlerem Wege von Heraea nach Megalopolis im Gebirge einen Ort Βουφάγιον, wo der Fluß Βουφάγος, ein Nebenfluß des Alpheios entsprang, benannt nach einem Heros Βουφάγος, den man einen Sohn des Iapetos und der Thornax nannte. Auch ging die Sage daß Artemis auf der Pholoe einen frechen Βουφάγος mit ihren Pfeilen erschossen habe, Paus. 8, 26, 5; 27, 11.. Also wird darin entweder eine alterthümliche 267 Charakteristik der riesigen Naturkraft überhaupt liegen, da die Riesen sich überall durch unmäßige Gier nach Speise und Trank auszeichnenGrimm D. M. 489., oder es wird eine Reminiscenz aus alter Naturreligion darin zu suchen sein, beim Herakles etwa an die allverzehrende Kraft der SonneVgl. die indischen und nordischen Sagen vom Indra und vom Thor b. Mannhardt german. Mythen 99 ff. u. IX..

Dieser gewaltigen Eßlust des Helden entspricht eine gleiche Lust am Zechen, wodurch Herakles vollends zu einem Liebling der Volkskomödie und obenein zu einem engverbündeten Kameraden des Dionysos geworden ist, dem er sich in manchen Beziehungen als gleichartiger Held und Gott des heiteren, ja ausgelassenen Lebensgenusses sehr nahe anschließt. Auch an solchen Zechgelagen war die Sage reich; einer der beliebtesten Vorfälle war der beim Kentauren Pholos, den auch die Künstler gerne ausbeutetenLukian Lapith. 13 ει δὲ καὶ κάμοιμι, χαμαὶ τὸν τρίβωνα υποβαλλόμενος κείσομαι επ' αγκω̃νος οι̃ον τὸν ‛Ηρακλέα γράφουσιν. 14 ες τούδαφος καταβαλὼν εαυτὸν έκειτο ημίγυμνος – πήξας τὸν αγκω̃να ορθόν, έχων άμα τὸν σκύφον εν τη̃ δεξια̃, οι̃ος ο παρὰ τω̃ Φόλω ‛Ηρακλη̃ς υπὸ τω̃ν γραφέων δείκνυται.. Das Theater fügte seinerseits die Umgebung der Satyrn hinzu, welche die Drolligkeit und ungenirte Derbheit derartiger Scenen vollends erhöhteAristid. 2 p. 405 ήδη δέ τις καὶ Σάτυρος τω̃ν επὶ σκηνη̃ς κατηράσατο τω̃ ‛Ηρακλει̃, ει̃τά γ' έκυψε προσιόντος κάτω. Iustin. M. ad gent. 3 ο τὰ τοσαυ̃τα καὶ τοιαυ̃τα καὺ τηλικαυ̃τα δρα̃σαι δυνηθεὶς ως νήπιος υπὸ Σατύρων κατακυμβαλισθεὶς καὶ υπὸ γυναικείου έρωτος ήττηθεις υπὸ Λυδη̃ς γελώσης κατὰ γλουτω̃ν τυπτόμενος ήδετο. Vgl. Welcker Nachtr. z. Aeschyl. Tril. 319.; ja diese Gestalt des lärmenden und zechenden Herakles war auf dem attischen Theater eine so gewöhnliche und beliebte geworden, daß Euripides keinen Anstand nahm selbst in seine sonst tragische Alkestis einen solchen Auftritt einzuschiebenv. 747 ff. 782 ff., wo Herakles sich ganz im Sinne Sardanapals vernehmen läßt: εύφαινε σαυτόν, πι̃νε, τὸν καθ' ημέραν βίον λογίζου σόν, τὰ δ' άλλα τη̃ς τύχης. τίμα δὲ καὶ τὴν πλει̃στον ηδίστην θεω̃ν Κύπριν βροτοι̃σιν etc.. Mit Dionysos wird er nicht allein auf Vasenbildern und andern bildlichen Denkmälern oft zusammengestellt, sondern er erscheint gelegentlich auch in dieser Umgebung als tapfrer Kämpe, indem er mit dem Gotte des Weines selbst in Gegenwart eines Kreises von Nymphen und Satyrn in die Wette trinktAuf einer goldnen Schale b. Millin Monum. ant. ined. 1, 225, Gal. Myth. n. 469 t. 126., oder sein Haupt ist so gut wie das des Bacchus 268 und seiner Gesellen mit Epheu bekränztTertull. d. cor. 7 Hercules nunc populum capite praefert, nunc oleastrum, nunc apium. Ein solcher Kopf des Herakles b. Millin G. M. n. 470., oder man sieht den Herakles neben seinem lieben Bruder und Landsmann auf dem Triumphwagen oder unter den taumelnden und muthwilligen Gestalten des bacchischen ThiasosStephani a. a. O. 197 ff.. So erscheinen auch die bacchischen Dämonen, Satyrn und Silenen, hin und wieder in der Kleidung des Herakles, wie die lydische OmphaleS. die Silenus-Lampen b. Böttiger Amalthea 3 t. 6 S. 168 (bes. S. 187) u. Bd. 1, 572, [1817].. Die Carnevalsscherze und das Volkstheater mögen solche Spiele einer üppigen Phantasie ins Unendliche vervielfältigt haben; doch scheinen auch gewisse Cultusbeziehungen zu Grunde gelegen zu haben, z. B. wenn Herakles den Dionysos aus dem Wasser ans Land trägt, was vielleicht auf die Rückkehr des Gottes der Freude nach dem Winter zu deuten istS. meinen Aufsatz in den Ber. d. G. d. W. zu Leipzig 7, 23 ff. t. 1. 2.. Vollends in Kleinasien, wo Bacchus und Herakles sich in der Vorstellung des Volks von Heldenthum und in den Erzählungen von ihren Kämpfen und Eroberungen im Morgenlande so nahe berührten daß sie leicht völlig in einander aufgehen konnten, wie denn auch die Verschmelzung ihrer Attribute, des Bogens und der Pfeile in der skythischen Toxotheke zwischen dem Schlangenpaare und im Vereine mit der bacchischen Lade, auf den kleinasiatischen Kistophoren eine entsprechende Verschmelzung der beiden Culte deutlich genug zu erkennen giebtPindar Kistophoren, Abh. d. K. A. d. W. 1855 S. 536. Vgl. die Legenden von Bacchus u. Herakles in Ephesos b. Tacit. A. 3, 61 u. Röm. Mythol. 657. 719.. Auch kämpfen beide gegen die Amazonen und gegen die Inder, daher beide Helden und Götter Vorbilder der Imperatoren und Triumphatoren im Orient waren, von Alexander d. Gr. und seinen Nachfolgern herab bis zu den römischen Kaisern. Genug dieser bacchische Charakter des Herakles war ein so allgemein anerkannter daß sehr natürlich auch die herkömmliche Darstellung sowohl des Heroen als des Gottes sich danach richtete. Daher das gewöhnliche Attribut des Skyphos, eines mächtigen Humpens, welcher dem Herakles eben so eigenthümlich war als der zierlichere Kantharos dem DionysosMacrob. S. 5, 21, 16 scyphus Herculis poculum est ita ut Liberi Patris cantharus, doch hat er auf Vasenbildern den Kantharos. Vgl. O. Jahn Einl. z. Münchn. Vasens. XCIX. CXI. 269 und die beliebte Darstellung des derb angezechten oder betrunkenen Herakles, wie dergleichen Bilder in kleinen Erzfiguren oft erhalten sindVgl. Welcker A. D. 3, 415. 416, Stephani a. a. O. S. 121, 1, Anthol. Pl. 4, 98. 99.. Wahrscheinlich dienten sie zu demselben Zwecke wie ein berühmtes Bild des Lysippos, welcher auch hier den Preis errungen hatte, der sogenannte Herakles Epitrapezios, weil man ihn als eine Art von Genius aller Tafelfreuden bei solchen Gelegenheiten auf den Tisch stellte. Das Bild soll zuerst im Besitze Alexanders, dann in dem des Hannibal, dann in dem des Sulla gewesen sein und war später in dem eines römischen Kunstfreundes, bei welchem Martial und Statius es sahen. Ihren Beschreibungen zufolge war es von Erz und kaum einen Fuß hoch. Herakles saß auf einem Stein, der mit einem Löwenfell bedeckt war. Er hielt in der Rechten den Becher, in der Linken die Keule. Der Oberleib war stark zurückgebeugt, der Blick nach Zecher Art gen Himmel gerichtet, doch so daß er zugleich an die Olympische Verklärung erinnerte und Würde Kraft und Heiterkeit in einer bewundernswürdigen Weise verschmolzen warenStat. Silv. 4, 6, besonders herausgegeben von F. Hand P. Papin. Statii Herc. Epitrap. Novii Vindicis, Ienae 1849, und Martial 9, 43. 44. Seneca schildert selbst den Herakles auf dem brennenden Scheiterhaufen mit gleichen Zügen: iacuit sui securus et coelum intuens etc. Herc. Oet. 1692 ff.. Denn auch den Olympischen Herakles dachte man sich in diesem Sinne als einen ausruhenden, ja es war nun die ewige Ruhe an die Stelle der vorübergehenden eingetreten, daher dieser Herakles auch wohl als Symbol einer ewigen Seligkeit im Sinne des heidnischen Alterthums diente. Auch war es eine nicht ungewöhnliche Darstellung des verklärten Herakles, ihn mit seinem Becher in der Hand auf einem Lager darzustellen und vor demselben ein SchweinZoega Bassiril. 2, 108 sq. A. 68, Stephani a. a. O. S. 117., welches Thier gleichfalls dem Herakles geopfert zu werden pflegte, sei es nun daß man auch damit blos an Sinnengenuß und leckere Speise oder daß man zugleich an Demeter und ihre Mysterien erinnern wollte, denen Herakles es verdankte daß er selbst zu einem Mystagogen der Unterwelt geworden war (S. 223).

Auch die warmen Bäder werden ausdrücklich zu diesen außerordentlichen Erquickungen des Herakles und für Merkmale der Verweichlichung gerechnet, so daß die ältere Erziehung sogar dagegen protestirteArist. Nub. 1051 vgl. Athen. 12, 6.. Doch waren später die Thermen und 270 Gymnasien fast synonym geworden, so daß sie insofern allerdings zur Gymnastik der Alten gehörten. Auch waren sie in diesen Zeiten fast überall dem Herakles heilig, welcher wegen so außerordentlicher und häufiger Kraftanstrengung auch dieser Erholung zu bedürfen schien. In Sicilien wurden in diesem Sinne die warmen Bäder von Himera und Egesta für Gaben der Nymphen zu seinen Gunsten angesehen (S. 215), in Griechenland nannte man in dieser Verbindung gewöhnlich seine Gönnerin Athena und die Thermopylen, in andern Gegenden mit dem Dichter Ibykos auch wohl den HephaestosIbykos u. Pisander b. Schol. Ar. Nub. 1050 vgl. Zenob. 6, 49, Hesych ‛Ηράκλεια λουτρά. Auch die Bäder zu Himera schrieben Manche der Minerva zu, Schol. Pind. Ol. 12, 25. Ueber die Thermopylen Herod. 7, 176, Str. 9, 428.. Ueberall, in Griechenland, in den Colonieen, in Italien und zuletzt in der romanischen WeltRöm. Mythol. 522, 2; 656, 1. wurde der Cult des Herakles auch dadurch sehr gefördert.

Endlich erscheint Herakles auf Vasenbildern und bei andern Gelegenheiten nicht selten mit dem Saitenspiel, sich oder Andre ergötzendGerhard A. V. t. 68, Trinksch. t. 15, 3. 4, O. Jahn Münchn. Vas. n. 132, Roulez choix d. v. p. t. 7, Welcker Gr. G. 2, 765. Auf geschnittenen Steinen Stephani a. a. O. 150., ja er galt sogar für einen Musageten wie sonst Apollo. Auch dieses hat man für eine Folge der gymnastischen Erziehung angesehen, wo die Bildung des Leibes und die der Seele durch Musik so unzertrennlich gewesen sei, daß Herakles als Vorstand der Gymnasien natürlicher Weise auch zum Musageten habe werden müssen; doch kann eine aufmerksame Erwägung auch damit nicht übereinstimmen. Eine musikalische Seele wie Amphion war Herakles durchaus nicht, wie schon der Todtschlag des Linos lehrt (S. 179); überdies scheint da wo er neben den Musen genannt und verehrt wird, gewöhnlicher die Eintheilung der Erziehung in Gymnastik und Musik gemeint zu sein als deren Zusammenfassung in einem und demselben göttlichen SchutzpatronSo namentlich in einer Inschrift aus Chios C. I. n. 2214, wo die Knaben Epheben und Jünglinge, welche in den musischen und gymnischen Kämpfen gesiegt, den Musen und dem Herakles opfern, vgl. zu Athen in der Akademie ein Altar der Musen, ein andrer des Hermes und weiter einwärts ein Altar der Athena und ein andrer des Herakles, Paus. 1, 30, 2 und in Messana Bilder des Apollo mit den Musen und des Herakles P. 4, 31, 8.. Vielmehr scheint auch dieses Attribut 271 des Herakles wesentlich auf die Momente seiner Erholung und Siegesfeier zu deuten, wie alsbald noch deutlicher hervortreten wird. Wir kennen den Herakles als Musageten übrigens nur in Rom, wo M. Fulvius Nobilior, ein Freund des Ennius, ihm unter dem Namen Hercules Musarum und nach griechischem Muster einen Tempel erbaute, welcher unter August wieder hergestellt wurdeS. Becker Röm. Alterth. 1, 612 u. meine Regionen 656. Bei den von Weichert Caes. Aug. Script, rel. 71 sqq. erregten Bedenken ist Macrob. S. 1, 12, 16 Fulvius Nobilior in fastis quos in aede Herculis Musarum posuit unberücksichtigt geblieben, vgl. Charis. p. 74 Lind. u. Mommsen Leipz. Ber. 6, 157. Zur Sache vgl. C. I. n. 5987 unter einem Bilde des Herakles mit der Lyra ‛Ηρακλει̃ τω̃ Μουσαγέτη Μηνόφιλος u. Grut. 1013, 4 Herculi Pacifero et Musis d. i. ‛Ηρακλη̃ς θαλλοφόρος C. I. n. 5985, H. mit dem Oelzweige des Friedens s. Stephani a. a. O. 181., angeblich weil der Gesang der Musen und die Kraft des Herakles einander gegenseitig bedürften, diese jener zur Verherrlichung und jene dieser zur Verteidigung.

Gewissermaßen eine Collectivfigur von allen diesen heiteren Genüssen und zwar in der Auffassung des verklärten Siegers, dessen Thaten die Erde von allem Scheusal befreit haben und der eben deshalb zugleich ein Schutz gegen alles Böse und alles Uebel ist, ist Herakles Kallinikos d. i. Hercules Victor oder Invictus, eine sehr beliebte Auffassung bei Griechen und Römern und, wie bereits bemerkt worden, das eine Hauptstück seiner göttlichen Verehrung neben der andern d. h. der des Alexikakos. Herakles Kallinikos ist nehmlich wesentlich der Sieger im Genuß des Sieges und mit dessen Feier beschäftigt, wie die Alten auch die Nike so oft als personificirte Siegesfeier denken und die Eirene, die Libertas gleichfalls vorzüglich nach Maaßgabe der Segnungen, welche der Frieden und die Freiheit brachten, ausstatteten. Es ist der aus den zahllosen Kämpfen, mit denen sein Geschick ihn heimsuchte, triumphirend Hervorgegangene, zu den Göttern Erhobene, ein Seitenstück zum Zeus Basileus, sofern nehmlich auch dieser erst nach schwerem Kampfe mit Titanen und Giganten der Olympischen Basileia sich erfreuen konnteEine parische Inschrift nennt einen Priester του̃ Διὸς Βασιλέως καὶ ‛Ηρακλέους Καλλινίκου C. I. n. 2358, vgl. das Vasenbild b. Panofka Zeus Basileus u. H. Kallinikos B. 1847.. Bald wurde dabei an diesen bald an jenen Kampf gedacht, an die Gigantomachie, den Cyclus der zwölf Kämpfe, die Zerstörung von Troja oder Oechalia u. s. w., aber immer war die Feier des Sieges die Hauptsache, die Feier mit Gesang und SaitenspielEurip. Herc. f. 680 ‛Ηρακλέους καλλίνικον αείσω παρά τε Βρόμιον οινοδόταν παρά τε χέλυος επτατόνου μολπὰν καὶ Λίβου αυλόν. El. 865 επάειδε καλλίνικον ωδὰν εμω̃ χορω̃. Vgl. Schoemann op. 3, 192., worüber 272 Herakles selbst zum Musengotte geworden ist, aber auch mit üppigen Gelagen und schwärmenden FestzügenEur. H. f. 180 τὸν καλλίνικον μετὰ θεω̃ν εκώμασε. Hesych τετράκωμος, μέλος τι σὺν ορχήσει πεποιημένον ες ‛Ηρακλέα επινίκιον. εκαλει̃το τε τέσσαρες κω̃μοι. Vgl. Poll. 4, 99, Athen. 14, 9. Von Rom Röm. Myth. 654., welche der geniessenden Kraft des Herakles entsprachen und noch in Rom wesentlich zum Cultus des Hercules Victor gehörten. Daher dieser Herakles Kallinikos zugleich den Lustigen, den Seligen schlechthin bedeutet, den Olympischen Gott der selbst im höchsten Grade guter Dinge war und deshalb zugleich für einen Schutz und Abwender alles Bösen galt. Also pflegte man sein Bild mit einer entsprechenden Inschrift an Häusern, Buden, Kramläden amuletartig anzubringen, wie sonst wohl das der Felicitas d. h. des personificirten Glückes, oder auch das Symbol der männlichen ZeugungskraftDiog. L. 6, 50 νεογάμου επιγράψαντος επὶ τὴν οικίαν· ‛Ο του̃ Διὸς παι̃ς καλλίνικος ‛Ηρακλη̃ς ενθάδε κατοικει̃, μηδὲν εισίτω κακόν etc. Vgl. 6, 39 u. Clem. Al. Str. 7, 25 p. 843 P., O. Jahn Leipz. Ber. 7, 75. Dieselbe Inschrift hat sich in einer Bude zu Pompeji mit rother Farbe angeschrieben gefunden, Minervini Bullet. Nap. 1855 n. 79.; denn wo Glück und Segen weilten, da konnte nach dem Glauben der Alten das Unglück keinen Eintritt gewinnen. Selbst die Bilder des Hercules Victor oder Kallinikos wurden gewöhnlich in diesem Sinne des Genusses und der Festfeier ausgestattet bald mit einem musikalischen Instrumente um auf Spiel und Gesang, bald mit dem Skyphos um auf das herkömmliche Gelage hinzuweisen, und außerdem etwa mit der gewöhnlichen Siegesbinde oder einem Palmzweig oder einer kleinen Nike auf der vorgestreckten HandStephani a. a. O. 157. 183..

Die Verehrung des Herakles Alexikakos, das andre Hauptstück dieses Cultus, schließt sich also insofern unmittelbar an die des Kallinikos an. Er ist der Gott einer außerordentlichen physischen Kraft, eines außerordentlichen Genusses und Segens, welcher als solcher zugleich eine Hülfe in aller Noth, ein Anwender des Bösen und Heiland im Sinne des Heidenthums war. Obwohl allerdings eine andre und höhere Auffassung hier sehr nahe lag und mindestens eben so alt ist als jener volksthümliche Aberglauben. Sie tritt am deutlichsten hervor in der engen Verbindung des Herakles mit dem pythischen Apollo und seinen 273 Sühnungen, von denen auch er, so gut wie Orestes, ein erhabenes Beispiel geben mußte. Also ist damit gemeint der Heros des Lichts, der alles Finstre und Wüste und Ungeheure vertilgt und auch die Ausbrüche seiner eignen Leidenschaft im Dienste des Apoll mit harter Buße büßt, bis er wieder rein und reif für den Himmel geworden; und zwar geschieht dieses zum Besten und zum Heile sowohl der Götter und der Menschen, da eins der wichtigsten Resultate seiner vielen Mühen und Arbeiten das Wohl der Menschheit und die Befreiung und Veredelung der ganzen Natur der Dinge ist. Schon bei Hesiod sc. Herc. 27 zeugt Zeus diesen Sohn um Göttern und Menschen eine Hülfe in der Noth (αρη̃ς αλκτη̃ρα) zu gewähren und die späteren Schriftsteller und Dichter heben diese Seite nicht minder eifrig hervor. Wie er selbst den Göttern eine Hülfe geworden lehrt die Gigantomachie, da ohne ihn die Riesen nicht bezwungen werden konnten, auch die Erlösung des Prometheus, da ohne ihn der Frieden zwischen Zeus und dem Titanen nicht wiederhergestellt werden konnteIn menschlichen Kreisen erscheint er als Retter in der Noth in der Alkestis des Euripides. Eine ähnliche Rolle spielte er im Athamas στεφανηφορω̃ν des Sophokles. Vgl. Artemid. 2, 37, die Erscheinung des Herakles bedeute etwas Gutes, wenn einem Unrecht geschehn, αεὶ γὰρ ο θεὸς καὶ ότε η̃ν εν ανθρώποις επήμυνε τοι̃ς αδικουμένοις καὶ ετιμώρει. Doch kann sie auch Mühsal bedeuten, denn so viel Glanz und Ruhm ihn auch umgiebt, so war sein Leben doch voll Mühe und Qual.. In den irdischen Kreisen hatten vorzüglich seine Thierkämpfe diese Bedeutung, die Erde von allen Unthieren und wilden Bestien der ungeschlachten Vorzeit zu befreienSoph. Tr. 1009 sagt Herakles: ω̃ πάντων ανθρώπων αδικώτατοι ανέρες, οὺς δὴ πολλὰ μὲν εν πόντω κατά τε δρία πάντα καθαίρων ωλεκόμαν. Eurip. H. f. 20 H. hat sich in den Dienst des Eurystheus gegeben εξημερω̃σαι γαι̃αν, είθ' ‛Ήρας υπὸ κέντροις δαμασθεὶς είτε του̃ χρεὼν μέτα. 225 πόντια καθάρματα χέρσου τε., doch nannte man daneben auch die Befreiung seines Vaterlands vom Joche der Orchomenier und die Bestrafung und Vertilgung von so vielen bösen Gewaltherrschern, Wegelagerern, Seeräubern und anderem Gezüchte, welches er überall wo er es fand vernichteteAristid. Herc. p. 54 Ddf. Eurip. Alk. 501 nennt drei Aressöhne zusammen, den Lykaon Kyknos und Diomedes (oben S. 201, [Anmerkung 714]), Plut. Thes. 6. 11 den Busiris, Antaeos, Kyknos und Termeros, welcher letztere nach Karien gehört und ein Bild des karischen Seeraubs zu sein scheint, Schol. Eur. Rhes. 496, Phot. v. Τέρμερος, Zenob. 6, 6. Einen von Herakles gezüchtigten Wegelagerer Sauros auf der Straße nach Olympia nennt Paus. 6, 21, 3, einen Soloeis in Sicilien Steph. B. v., viele bestrafte und abgesetzte Tyrannen der Vorzeit, deren Erbe später an die Herakliden oder bessere Herrscher gekommen, ep. Socr. 30 p. 36 sq. Orelli.. Daher 274 die gewöhnliche Anrufung des Herakles in tausend Fällen des täglichen Lebens, bald der Verwunderung bald in der NothDas bekannte ‛Ηράκλεις oder ω̃ ‛Ηράκλεις, Arist. Nub. 184, Acharn. 284, Vesp. 420 u. A., Suid. Et. M. Hesych ‛Ηράκλεις, ως αλεξίκακον τὸν ‛Ηρακλέα εις βοήθειαν εκάλουν γενομένης βίας, denn so ist zu lesen., und seine Verehrung bald unter dem Namen Alexikakos oder Alexis bald unter dem des Soter und anderen’Αλεξίκακος in Athen, ’Άλεξις in Kos s. oben S. 236, [Anmerkung 844], Σωτὴρ auf den Münzen von Thasos und Smyrna, Κηραμύντης b. Lykophr. 663 d. i. ο τὰς κη̃ρας διώκων, αλεξίκακος γάρ Tz. Ein Bild des Apollonios v. Tyana als Herakles Alexikakos in Ephesos, Lactant. 5, 3, 14.. Die Philosophen sahen in ihm das Ideal des Menschenfreundes und der Aufopferung, das Volk verband auch mit diesem Glauben mancherlei Aberglauben. Wie brünstig seine Verehrung war lehrt unter andern das eherne Bild des Herakles in Agrigent, welches unter den Küssen und Berührungen der Anbetenden nicht weniger gelitten hatte als der Fuß des h. Petrus in der Peterskirche zu RomCic. in Verr. 4, 43, 94..

Eine besondre Seite dieser wohlthätigen Hülfe des Herakles ist die des Geleitsgottes (ηγεμόνιος) auf Wegen und Stegen, Reisen und MärschenXenoph. Anab. 4, 8, 25; 5, 10, 15.. Wie er selbst die ganze Welt durchzogen, Straßen gebahnt und gereinigt, außerordentliche Werke an verschiedenen Orten geschaffen hatte, so war er auch der wohlthätige Schutzpatron aller Wanderer, welche in den älteren Zeiten von so vielen außerordentlichen Gefahren bedrängt wurden. Selbst den Durchbruch beim Olymp und Ossa, die erste Bedingung der Cultur von Thessalien, welcher sonst dem Zeus zugeschrieben wurde, nannten Manche ein Werk des HeraklesDiod. 4, 18, Lucan 6, 347., wie er in verschiedenen Gegenden auch als Quellengott d. h. als Auffinder süßer und befruchtender Quellen und als Freund der Nymphen verehrt wurdeAristid. p. 62 λουτρω̃ν τε τὰ ήδιστα ‛Ηράκλεια επωνυμίαν έχοντά εστι, χωρὶς δὲ πηγαὶ ποταμίων υδάτων επώνυμοι καὶ αυταὶ του̃ θεου̃, τοσαύτην παρὰ ται̃ς νύμφαις είληχε τὴν προεδρίαν, vgl. die Herakleische Quelle in Troezen Paus. 2, 32, 3 u. O. Jahn Archäol. Beitr. 62, 34. Eigenthümliche Ueberlieferung bei Iustin M. or. ad gent. 3 καὶ όρη πιδήσας ίνα λάβη ύδωρ έναρθρον φωνὴν αποδιδόν, ως λόγος. Auch das Vasenbild b. Gerhard A. V. t. 134 und der Spiegel t. 135 sind zu berücksichtigen..

Ferner war der Glaube an ihn und seine Hülfe sehr populär im Kreise der Bauern, der Winzer, der Hirten und überhaupt 275 auf dem Lande und in den Bergen eben sowohl als in den Städten. Als Freund der bedrückten Schnitter und Winzer haben wir ihn in dem beliebten Märchen vom Syleus und vom Lityerses kennen gelernt; überdies wurde er am Oeta wie sonst Apollo als Schutz gegen die Heuschrecken und zu Erythrae in Kleinasien als Schutz gegen das dem Weinstock schädliche Gewürm angerufenEustath. Il. 34, 25 οι γὰρ περὶ Τραχι̃να Οιται̃οι Κορνοπίωνα λέγονται τιμα̃ν ‛Ηρακλέα χάριν ακρίδων απαλλαγη̃ς ήτοι παρνόπων, οὺς εκει̃νοι κόρνοπας λέγουσιν, ’Ερυθραι̃οι δὲ ‛Ηρακλη̃ν ’Ιποκτόνον σεβάζονται ως φθείροντα τοὺς αμπελοφάγους ι̃πας.. Als einen Aufseher der Heerden und Beschützer der Hirten lassen ihn alte Bildwerke und Gedichte erkennenO. Jahn a. a. O.; auch wurde sein Antheil an den Heerden des Geryon gewöhnlich in diesem Sinne verstanden. Daher seine Verehrung neben der Großen Mutter im Gebirge, mit den einfachen Sitten und Gaben einer Hirtenbevölkerung z. B. in ArkadienDio Chrysost. or. 1 p. 12 Emp., Aristid. p. 62 ίδοις δ' ὰν καὶ εν όρεσι μέσοις ‛Ηρακλέα παρὰ Μητρὶ Θεω̃ν καὶ εν άστεσι καὶ πάλιν αυ̃ σὺν Διοσκούροις d. h. auf der See.. Im Allgemeinen aber wurde dieser Antheil des Herakles an der Fruchtbarkeit des Landes oder seiner Triften ausgedrückt durch das Attribut des Füllhorns, welches sich in der aetolischen Sage vom Acheloos und Oeneus deutlich genug auf den Segen des Bodens und der Weinberge bezieht, in anderen Fällen aber auf Viehzucht. So auf den Münzen von Cypern, wo man auf der einen Seite den Herakles auf einem Felsen sitzend sieht, in der Rechten die Keule, in der Linken das Füllhorn, auf der andern einen liegenden SchafbockDe Luynes Numism. Cypr. pl. 4., ein Symbol der für die Insel sehr wichtigen Schafzucht; während man anderswo erzählte, Hermes habe dem Herakles das Füllhorn gegeben, als er ausgegangen sei um die Rinder des Geryon nach Myken zu treibenHesych ’Αμαλθείας κέρας.. So galt Herakles in vielen Gegenden auch hinsichtlich der menschlichen Bevölkerung für einen befruchtenden Gott, z. B. zu Thespiae und zu Kos und wo er sonst als Stammvater der Landesbevölkerung oder ihrer hervorragenden Geschlechter genannt wurdeVon Kos vgl. die Legende und den Hochzeitsgebrauch b. Plut. Qu. Gr. 58, welcher auf Lydien und Kleinasien zurückweist. Zu Thespiae, dessen Herakles Pausanias 9, 27, 5 für den idaeischen zu halten geneigt ist, gab es auch eine dem Herakles befreundete Amaltheia, Palaeph. 46..

Endlich der idaeische Herakles, welcher diese 276 Eigenschaft der Befruchtung mit der eines magischen Schutzes gegen Gefahren aller Art verbindet und vielleicht eine Folge jener Verschmelzung des Heraklesdienstes mit dem der idaeischen Mutter ist. Herstammen soll er von Kreta und Onomakritos und der kretische Epimenides sollen ihm zuerst das Wort geredet haben; doch fand Pausanias seinen Cultus auch in Tyros und zu Erythrae in IonienPaus. 9, 27, 5.. In Olympia- galt er für den ältesten der fünf idaeischen Daktylen und für den ersten Stifter des KampfspielsDiod. 5, 64, Paus. 5, 7, 4, wo die Namen dieser fünf Daktylen diese sind: ‛Ηρακλη̃ς, Παιωναι̃ος, Επιμήδης, ’Ιάσιος, ’Ίδας., in einer Zeit wo Aberglauben mehr galt als Manneskraft, denn vorzüglich dem Aberglauben und noch dazu dem der Weiber diente dieser Herakles, mit Weihen Besprechungen und AnmietenDiod. l. c., wo als Beweis für das höhere Alter des idaeischen Herakles angeführt wird: τὸ πολλὰς τω̃ν γυναικω̃ν έτι καὶ νυ̃ν λαμβάνειν επωδὰς απὸ τούτου του̃ θεου̃ καὶ περιάμματα ποιει̃ν, ως γεγονότος αυτου̃ γόητος καὶ τὰ περὶ τὰς τελετὰς επιτετηδευκότος, dergleichen dem thebanischen Herakles doch eigentlich fremd sei. Doch wurde auch dieser nicht selten bei Leibesschäden und als magische Hülfe in der Noth angerufen, wie andre Heroen, Lob. Agl. 1171 sqq. Herakles als Erfinder einer Panacee gegen Wunden in Thessalien, Serv. V. A. 12, 419. Auch dem Heraklesknoten wurde eine magische Kraft zugeschrieben. Plin. 28, 63, v. Leutsch Paroemiogr. 2, 449., wie daran das Alterthum so außerordentlich reich war. Man nannte ihn deshalb den Beistand (παραστάτης) und verehrte ihn in andern Gegenden auch wohl neben der Demeter und Kore, also als einen Dämon des LandessegensPaus. 5, 8, 1; 14, 7; 8, 31, 1; 9, 19, 4..

Alle diese Vorstellungen nun muß man wohl bedenken um das sittliche Idealbild des Herakles, wie es sich in den philosophischen Schulen ausgebildet hatte und namentlich die sinkenden Zeiten des Heidenthums viel beschäftigte, in dem rechten Lichte aufzufassen. Auf ein allgemeines Ideal der Menschheit war es bei den alten und volkstümlichen Dichtungen und Ueberlieferungen vom Herakles so wenig abgesehen, daß man vielmehr gerade durch diese genöthigt wird einen andern Erklärungsgrund seiner Natur und Bedeutung zu suchen. Wohl aber konnte das Beispiel des Herakles in der Entbehrung und der Schule der Noth der Jugend mit Erfolg vorgehalten werden, zumal wenn man die harte Arbeit seines Lebens nicht mehr für ein böses Verhängniß gelten ließ, sondern für eine freie Wahl erklärte. Dieses ist der Sinn der bekannten Fabel vom Herakles am 277 Scheidewege, welche, von dem Sophisten Prodikos aus Keos erfunden und auf seinen Reisen in Griechenland vorgetragen, sich bald in weiten Kreisen eines außerordentlichen Beifalls erfreuteBöttiger Hercules in bivio e Prodici fabula et monumentis priscae artis illustratus Lips. 1829, Welcker kl. Schr. 2, 393–511. Ein höheres Alterthum konnte ihr Buttmann Mytholog. 1, 252 nur in Folge seiner falschen Auffassung der ganzen Heraklesfabel beilegen, vor welcher ihn schon Goethe in seinen Göttern Helden und Wieland hätte bewahren können.. Dem Jünglinge treten am Scheidewege des Lebens die Lust und die Tugend entgegen und lassen ihm die Wahl zwischen dem üppigsten Lebensgenuß und einem Leben voller Arbeit und Mühe; er aber entscheidet sich für die Tugend und für die Mühe. Es mochte dabei zugleich die entgegengesetzte Wahl des Paris und die idealen Bilder der Athena und der Aphrodite vorschwebenIn ähnlicher Bedeutung erschienen beide bei Sophokles, Athen. 15, 35 Σοφοκλη̃ς δ' ο ποιητὴς εν Κρίσει τω̃ δράματι τὴν μὲν ’Αφροδίτην ηδονικήν τινα ου̃σαν δαίμονα μύρω τε αλειφομένην παράγει καὶ κατοπτριζομένην, τὴν δ' ’Αθηνα̃ν φρόνηνσιν ου̃σαν καὶ νου̃ν έτι δ' αρετὴν ελαίω χριομένην καὶ γυμναζομένην. Vgl. über die Personifikation der Tugend und der Lust bei Dichtern und Künstlern Welcker A. D. 3, 310 ff. t. 20., von denen diese die Göttin der Lust und Weichlichkeit (ηδονή, κακία), jene die der Tugend und edlen Gesinnung (αρετή, καλοκαγαθία) war, so daß sich der hellenische Jüngling damit zugleich dem weichlichen Asiaten entgegensetzteEin ähnlicher Gegensatz ist der zwischen Herakles und Adonis den jener gelegentlich für einen Nichtswürdigen erklärt haben soll, Zenob. 5, 47, Schol. Theokr. 5, 21, Hesych. Suid. ουδὲν ιερόν.. Genug Herakles wurde nun auch zum Ideale jener männlichen Tugend, welcher den steilen Weg der zu den Gestirnen führtNam virtus mihi in astra et ipsos fecit ad Superos iter, Seneca Herc. Oet. 1942. absichtlich dem behaglichen Lebensgenusse dieser Erde vorzieht, und die Fabel des Prodikos als eine für die Jugend höchst anregende wiederholt überarbeitet und nachgebildet, vorzüglich von Xenophon Memorab. 2, 1, 21 ff. Oder man bediente sich desselben Ideals in freierer Anwendung, wie dieses der Fall mit dem gleichfalls sehr berühmten Herakles des Antisthenes, des Stifters der kynischen Schule war, welche den Herakles ohnehin vom Kynosarges her als idealen Vorstand ihrer Erziehung verehrte. Denn auch in dieser Schrift, wo Herakles als Lehrer der Tugend unter Jünglingen auftrat und dabei auf das Beispiel des von Chiron erzogenen Achilles hinwies, blieb die Mühe und Arbeit 278 das höchste Gut und der wahre Weg zur Tugend und aller LiebenswürdigkeitDiog. L. 6, 2. 16. 18. 104. 105, Plut. de vit. pud. 18, Eratosth. catast. 40, Prokl. in Plat. Alcib. p. 98.. Bis noch später Herakles zum Ideale des Weisen schlechthin im Sinne der kynischen und stoischen Schule geworden war, dem Viele nachstrebten, ein Jeder in seiner Weise, z. B. zur Zeit der Antonine, wo diese aus Mythologie und Erkenntniß gemischte Lebensweisheit besonders beliebt war, ein Kyniker von ungewöhnlicher Leibeskraft dadurch daß er am Parnaß im Freien lebte und sich durch Bekämpfung der Räuber und Straßenbau um die dortige Gegend verdient machteSostratos ein Boeotier, ὸν ‛Ηρακλέα οι ‛Έλληνες εκάλουν καὶ ω̃οντο ει̃ναι, Lukian Demon. 1..

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