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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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b. Amphion und Zethos.

Die Odyssee 11, 260 ff. kennt ihre Mutter als eine Tochter des Flusses AsoposBei Andern gilt Thebe für ihre Mutter, die Heroine der Stadt Theben, deren Name eigentlich die Hügelstadt bedeutet, denn θη̃βαι sind nach altgriechischer und altitalischer Sprache i. q. colles, Varro d. r. r. 3, 1, 6., die in den Armen des Zeus geruht und von ihm die beiden Söhne Amphion und Zethos geboren habe, welche zuerst das siebenthorige Theben mit Mauern und Thürmen versahen. Denn sie konnten, setzt dieses Gedicht hinzu, die weit ausgedehnte Stadt ohne den Schutz der Mauern nicht mehr bewohnen, so stark sie waren: bei welchen Worten die Ausleger an die gefährliche Nachbarschaft der Phlegyer von Orchomenos und Panopeus erinnern. Es ist das die berühmte Mauer der Unterstadt (η κάτω πόλις), wie das über mehrere Hügel und die dazwischen liegenden Gründe zerstreute Theben zum Unterschiede von der kadmeischen Burg genannt wurde, berühmt durch ihre sieben Thore und durch den Sturm der sieben Helden.

Spätere Gedichte, namentlich die Hesiodischen Eoeen, die Kyprien und der alte Dichter AsiosPaus. 2, 6, 2 vgl. Apollod. 3, 5, 5, Schol. Apollon. 4, 1090. waren ausführlicher. Antiope stammt nun aus Hyria, bei welchem Orte man wahrscheinlicher an Hysiae am Kithaeron als an den alten Hafenort der Küste von Aulis, den angeblichen Geburtsort des Riesen Orion denktSchon wegen der Abstammung der Antiope vom Asopos, auch wegen der Epiphanie des Zeus als Satyr, da der bacchische Cultus in der Gegend von Hysiae und Eleutherae sehr alt war. Auch die Genealogieen b. Apollod. 3, 10, 1 sind in diesem Sinne aufzufassen: Alkyone gebiert vom Poseidon eine Tochter, die schöne Αίθουσα d. i. die Strahlende, welche vom Apollo Mutter des Eleuther, des Eponymen von Eleutherae wird, und die beiden Söhne ‛Υριεὺς und ‛Υπερήνωρ, in welchem Zusammenhange also jener gleichfalls besser für den Eponymen von Hysiae als für den des Hafenortes Hyria (1, 1, 354. 1, 366) gehalten wird. Hyrieus ist der Vater des Nykteus und Lykos, Nykteus der der Antiope. ‛Υρία ist nur eine andere Form für ‛Υσία oder ‛Υσιαί, auch galten beide Städte für nah verwandt, Str. 9, 404, Steph. B. v. ‛Υρία u. ‛Υσία.. Ihr Vater hieß in den Kyprien Lykurgos d. h. der Winterliche, gewöhnlicher Nykteus d. h. der Nächtliche, dessen Bruder Lykos d. h. der Lichte, offenbar ein beabsichtigter Gegensatz. Im weiteren Verlauf der Sage sind beide Könige von Theben, was durch die Minderjährigkeit des Königs vom kadmeischen Stamme 31 motivirt wird, aber wohl eigentlich nur die Folge der Uebertragung von Hysiae nach Theben ist. Zeus schwächt die Antiope in Gestalt eines Satyr, darauf entführt sie Epopeus d. i. der König der Höhe nach Sikyon, wo Antiope neben der Aphrodite Urania verehrt und in anderen Ueberlieferungen mit dem Sonnengotte gepaart wurdePaus. 2, 10, 4. Nach Eumelos waren Aloeus und Aeetes Söhne des Helios und der Antiope. Aloeus beherrschte die Asopia, dann Epopeus, der wohl nur eine andere Figur des Helios ist, s. Marckscheffel Hes. Eum. cet. fr. p. 397 sqq.. Nykteus vermag nichts gegen Epopeus, wohl aber zwingt Lykos ihn die Entführte wieder herauszugeben, wodurch der Gegensatz zwischen diesen Brüdern noch deutlicher wird. Als Antiope mit Lykos zurückkehrt, gebiert sie die Zwillinge am Wege in der Gegend von Eleutherae, nach der gewöhnlichen Fabel beide vom Zeus, nach der vermittelnden Sage den Amphion vom Zeus, den Zethos vom Epopeus. Beide wurden als Schutzgötter von Theben und als Heroen auf weißen Rossen verehrt (λευκόπωλοι), nach Art der spartanischen DioskurenEurip. Phoen. 606, Herc. f. 29, Hes. v. Διόσκουροι, οι ‛Ελένης αδελφοὶ καὶ Ζη̃θος καὶ ’Αμφίων, λευκόπωλοι καλούμενοι. Schol. Od. 19, 518 ου̃τοι τὰς Θήβας οικου̃σι πρω̃τοι καὶ καλου̃νται Διὸς κου̃ροι λευκόπωλοι. Noch Tiberius errichtete vor einem T. des Dionysos zu Antiochien zwei hohe Säulen zu Ehren τω̃ν εξ ’Αντιόπης γεννηθέντων Διοσκούρων, Io. Malalas p. 234, 17., die wie sie ein engverbundenes Brüderpaar, Söhne des Zeus und göttliche Mächte des Lichtes waren, nur daß bei diesen ein weitverbreiteter Cultus die Grundidee so viel mehr entwickelt und in sehr verschiedenen Beziehungen durchgeführt hatte. Auch darin sind beide Dioskurenpaare einander ähnlich daß die Brüder bei aller Innigkeit ihres Bundes doch nicht gleichartig waren, von den thebanischen Amphion ganz musikalisch, Zethos ganz rüstig und kräftig, wie namentlich Euripides ihre Charaktere weiter ausgeführt hatte, vermuthlich nach Andeutungen der örtlichen Sage. Auch die Mutter dieses Paares bedeutete ohne Zweifel eine Macht der Natur, wahrscheinlich die des Mondes, der wie die Sonne in diesen landschaftlichen und örtlichen Sagen unter immer neuen Bildern wiederkehrt; es spricht dafür sowohl der Name’Αντιόπη, das Gesicht gegenüber am Himmel. als die nahe Beziehung zur Aphrodite und zum Helios in Sikyon. Nach der boeotischen Fabel wurde sie im Winter als Tochter des Nykteus, als rasende Maenade gedacht, ein Bild welches in den Sagen dieser Landschaft, wo der bacchische Cultus 32 der vorherrschende war, etwas sehr Gewöhnliches ist; daher auch Zeus ihr in Gestalt eines Satyr, des bacchischen Walddämon beiwohnt. Oder sie wird entführt, aber um im Frühlinge mit »dem Lichten« zurückzukehren und vom Zeus die Mutter der lichten Zwillinge zu werden. Auch phokische Sagen aus der Gegend am nördlichen Parnaß erzählten von bacchischer Raserei der Antiope und von ihrer Entführung, doch wird sie auch hier gerettet und zuletzt mit ihren Söhnen göttlich verehrtPaus. 9, 17, 3; 10, 7, Steph. B. v. Τιθοραία..

Aber auch mit der Geburt der Zwillinge hatte sich das Schicksal der Antiope noch nicht erfüllt, wenigstens nicht nach der Fabel von Theben, welche sich an die von Hysiae scheinbar ergänzend, eigentlich nur wiederholend anschließt. Antiope geräth nehmlich jetzt in die Gewalt der Dirke, der bösen Frau des milden und freundlichen Lykos, welche die arme Antiope eben so erbarmungslos peinigt als dieser ihr gewogen ist, bis sie endlich durch ihre im Walde und bei den Hirten des Kithaeron herangewachsenen Söhne auch aus dieser Noth errettet wird. Das war der Inhalt eines der besten Stücke des Euripides, welches Dichter und Künstler zu manchen Nachbildungen derselben Fabel angeregt hatUnter den Dichtern Pacuvius und Propert. 3, 15. In der Kunst ist die große Gruppe in Neapel, der s. g. toro Farnese berühmt. Vgl. Hygin f. 8, Welcker Gr. Tr. 811–828 (Nauck p. 326), A. Denkm. 1, 352 ff., O. Jahn in der Archäol. Ztg. (Denkm. Forsch.) 1853 n. 56. 57.. Antiope ist glücklich der thebanischen Haft entkommen und in finsterer Nacht, im rauhen Winter über den Asopos in den Kithaeron geflüchtet. Da gelangt sie zu dem Gehöfte wo ihre Söhne, die sie am Wege bei Eleutherae geboren und dem Zufall überlassen mußte, in der Pflege eines Hirten herangewachsen sind, Amphion ganz der Musik und Poesie und dem zarteren Gemüthsleben, wozu ihm Hermes eine Laute geschenkt hatte, Zethos ganz kräftig und derbe und der Jagd und Viehzucht ergeben. Den zarter fühlenden Amphion zog es gleich zur Mutter, aber Zethos hatte Bedenken, also sah sich Antiope von neuem preisgegeben. Nehmlich auch Dirke wird jetzt durch die trieterische Dionysosfeier in den Wald geführt, findet dort die Antiope und beschließt sie auf entsetzliche Weise zu strafen. Auf einen wilden Stier sollte sie gebunden und von diesem geschleift werden und die eignen Söhne sind eben im Begriff diese Strafe an der Antiope zu vollziehn, da verräth der alte Hirt das Geheimniß ihrer Abkunft und die Wuth der Jünglinge richtet 33 sich nun gegen Dirke. Diese wird an den Stier gebunden und von ihm durch das Gebirge geschleift, bis sie in eine Quelle verwandelt wurdeHygin f. 7 ex cuius corpore in monte Cithaerone fons est natus, qui Dircaeus est appellatus, beneficio Liberi, quod eius baccha fuerat., welche Verwandlung auf örtlicher Sage beruht und zugleich manches Andere erklärt. Man zeigte den Ort der Verwandlung im Gebirge, welches gleichfalls nach der Dirke hießMons Dircaeus b. Stat. Th. 9, 678 ff. Vgl. Virg. Ecl. 2, 23 Amphion Dircaeus in Actaeo Aracyntho, das ist ein Theil des Kithaeron an der attischen Grenze, Prop. 3, 15, 42, Unger l. c. p. 89., so daß diese eigentlich eine örtliche Nymphe des kithaeronischen Waldgebirges gewesen zu sein scheint. Der von dort abfließende Strom mochte durch stürmischen Lauf und verheerende Wirkung zu dem Bilde des Stieres geführt haben (1, 427). Außerdem gab es aber auch bei Theben eine Quelle und einen Fluß Dirke, einen so angesehenen daß Theben und sein Gebiet nicht selten danach benannt wirdAesch. Sept. 307, Soph. Antig. 844, Eurip. Phrix. fr. 816, Phoen. 1026, Hippol. 555. Θη̃βαι Διρκαι̃αι Str. 8, 387, Prop. 3, 17, 33. Aresquelle und Dirke s. Unger l. c. p. 107 sqq.; und zwar galt die Quelle dieses Flusses gewöhnlich für identisch mit der Aresquelle der Kadmossage. Hier aber scheint man auch ein Grab der Dirke gezeigt und an demselben sühnende Todtenopfer und andre abergläubische Gebräuche begangen zu habenPlut. d. gen. Socr. 5, vgl. die portenta vor der Zerstörung der Stadt durch Alex. d. Gr. b. Diod. 17, 10, Aelian V. H. 12, 57, das Gedicht des Soterichos b. Ps. Kallisth. 1, 46., welche Gebräuche zugleich die Veranlassung gewesen sein mögen, Dirke die Rolle eines den Gründern der Stadt und ihrer Mutter feindlichen Plagegeistes spielen zu lassen.

Amphion und Zethos gelangen endlich zur Herrschaft in Theben und erbauen die Mauer, wobei die Sage wieder jenen charakteristischen Unterschied zwischen beiden geltend machte. So erzählt namentlich Apollon. 1, 738 ff. daß Zethos gewaltige Steine mit gewaltiger Kraft herbeigeschleppt habe, während Amphion, ein zweiter OrpheusMit diesem hatte ihn namentlich der Dichter der Europia d. h. Eumelos verglichen, Paus. 9, 5, 4. Vgl. Unger l. c. p. 31 sqq., mit seiner Laute zweimal so große Felsblöcke von selbst in Bewegung setzt. Die Zusammenwirkung beider Kräfte, der mechanischen Gewalt um die schweren Blöcke zu bewegen und der Harmonie um sie nach sinnigem Maaße zu fügen, wiederholt sich in der troischen Sage vom Mauerbau des Apoll und des Poseidon, wo jener Gott dem Amphion dieser dem 34 Zethos entspricht, und in der von Megara, wo Apollo seinem Freunde, dem Pelopiden Alkathoos, bei der Erbauung der Burg hilftTheogn. 773, Paus. 1, 42, 1.. Auch wurde die anmuthige Fügung und Bauart der Stadt Theben und die bekannte Siebenzahl der Thore zum Beweise der Legende angeführt, speciell für den Antheil Amphions, dessen Leier zuerst sieben Saiten gehabt habePaus. 9, 8, 3 vgl. 5, 4, Plut. de mus, 3, Unger p. 39 sqq. 254. Speciell haftete die Sage von der Leier des Amphion an dem neitischen Thore, ib. 304. Nonnos erklärt die sieben Thore durch die sieben Planeten.. Wie Amphion denn überhaupt in der Geschichte der griechischen Musik einen großen Ruhm hatte und in diesem Sinne auch in Sikyon, der zweiten Heimath seiner Mutter, genannt wurde.

Außerdem war Amphion als Gemahl der Niobe bekannt, während Zethos gewöhnlich Gemahl der Thebe genannt wurde, aber in andern Sagen, welche wie die von der Niobe kleinasiatischen Ursprungs zu sein scheinen, Gemahl der Nachtigall. In beiden Anknüpfungen tritt wieder die Naturbedeutung dieser thebanischen Dioskuren hervor, der Boten des Frühlings, seiner Fruchtbarkeit und seiner Gesänge.

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