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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 58
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Herakles bei der Omphale.

Der lydische Herakles.

Omphale scheint in den Sagen und Culten von Sardes und Lydien dasselbe bedeutet zu haben, was in anderen Gegenden der assyrischen und phoenikischen Ueberlieferung Astarte oder Aphrodite Urania war, eine kriegerische Mondgöttin, welche zugleich als erste Landeskönigin und als Stammmutter der lydischen Könige, speciell der Dynastie vom Stamme der assyrischen Herakliden gedacht wurde (S. 166). Die Landessage nannte sie bald eine Sklavin bald eine Tochter des Iardanos d. i. eines lydischen FlußgottesHerod. 1, 7, Apollod. 2, 6, 3. Iardanos ist der semitische Flußname, der auch auf Kreta und in Elis alt ist, Il. 7, 135. Das epheubekränzte Bild des Tmolos sieht man auf M. von Sardes, Eckhel D. N. 3, 113. 123 vgl. das der puteolanischen Basis b. O. Jahn Leipz. Ber. 1851 S. 135.. Sie soll zuerst dem Tmolos d. h. dem fruchtbaren Berge als erstem Könige des Landes vermählt gewesen sein und von ihm die Herrschaft geerbt haben, dann vom Herakles, der nach der griechischen Sage aus Griechenland zu ihr kommt, einen oder mehrere Söhne geboren haben, die mit verschiedenen Namen genannt werden, wie bei diesen Ueberlieferungen von Abkömmlingen des Herakles und der Omphale denn überhaupt verschiedene Zeiten und Gegenden wohl zu unterscheiden sindS. unten b. d. Herakliden.. Wie Omphale übrigens in den lydischen Sagen immer halb kriegerisch halb weichlich erscheint, eine kleinasiatische Semiramis, so ist auch der mit ihr verbundene Herakles, welcher bei den Lydern Sandon genannt wurde und im Sardanapal von Tarsos und 228 Ninive sein Gegenbild hatte, zugleich ein Held der Schlacht und des Harem, eben so kühn und stark als weiblich und weibisch; daher der Austausch der Attribute und der Bekleidung zwischen Omphale und Herakles, welche zugleich auf eine mannweibliche Natur von beiden in den Ueberlieferungen des Cultus hindeutet. Da er nach asiatischer Sitte als Hierodul gedacht wurde, erzählte man von jenem Verkauf wodurch er der Eigne der lydischen Göttin und Königin geworden und als solcher in ihrem Dienste ähnliche Thaten ausführte wie Bellerophon im Dienste des lykischen Königs und Herakles selbst in dem der argivischen Hera und des Eurystheus oder in dem des delphischen Apoll. Die herkömmliche Erzählung war daß Hermes, den die Lydier Kandaules nanntenHes. Κανδαύλας ‛Ερμη̃ς ὴ ‛Ηρακλη̃ς. Tzetz. b. Cram. Anecd. Oxon. 3, 351 τὸ Κανδαύλης λυδικω̃ς τὸν σκυλοπνίκτην λέγει, ώσπερ ‛Ιππω̃ναξ δείκνυσι γράφων ιάμβω πρώτω· ‛Ερμη̃ κύναγχα μηονιστὶ Κανδαυ̃λα, φωρω̃ν εται̃ρε, δευ̃ρό μοι σκαπαρδευ̃σαι. Also würde Κανδαύλης bedeuten einen Hundswürger s. G. Curtius Gr. Etymol. 1, 128. 204. Den Zusatz ὴ ‛Ηρακλη̃ς b. Hesych streicht Meineke Com. Gr. 1, 385., mit Herakles auf den Sklavenmarkt gegangen sei und Omphale ihn dort gekauft habe. Seine Thaten sind wie gewöhnlich Feldzüge und Heldenthaten von nationaler Bedeutung, z. B. ein Zug gegen räuberische Grenznachbarn der OmphaleDie ’Ιτώνιοι, deren Feste Herakles zerstört, Diod. 4, 31, Steph. B. v. ’Ίτων., ein andrer gegen die lykischen Tremilen wie es scheintWenn die b. Steph. B. v. Τρεμίλη erhaltenen Verse des Panyasis so zu deuten sind., und noch ein andrer gegen die Amazonen, wo Herakles das Doppelbeil erobert und der Omphale überbringt, welches die lydischen Könige als Zeichen ihrer Würde trugenPlut. Qu. Gr. 45, nach welchem dieses Beil später nach Karien kam und das Attribut des Z. Lebrandeus wurde, vgl. Bd. 1, 109. Von den Schlachten der Lyder und der Amazonen hatte der alte Dichter Magnes aus Smyrna gesungen, Nicol. Damasc. fr. 62 (Hist. Gr. fr. 3, 396).. Doch beschäftigte sich die griechische Fabel keineswegs mit diesen Großthaten des lydischen Herakles, wohl aber und um so eifriger mit seinem üppigen Lebensgenusse in der Knechtschaft der Omphale, eine Auffassung welche den Griechen um so näher lag, da auch ihr eigner Herakles nach gethaner Arbeit weidlich auszuruhn und tüchtig zu zechen liebte. Auch war es ein natürlicher Reiz für die Phantasie, sich den gewaltigen Helden in einer so weibischen Abhängigkeit zu denken und an seiner Seite das mächtige und kräftige Weib als seine Herrin, auf welche sogar die Attribute seines 229 Heldenthums, Löwenhaut und Keule, übergegangen waren. Das attische Theater war auch hier vorangegangen, die Komiker und verschiedene Dichter von Satyrdramen, namentlich Ion von ChiosDie Fragmente b. Nauck tr. gr. 569 sqq. Auch von Achaeos gab es ein Satyrspiel des Inhalts ib. 584 und von Antiphanes u. Kratin d. j. Komödien.. Andere Dichter und Sagenschreiber folgten, diese um so lieber, da die lydische Weichlichkeit ohnehin sehr verrufen warVgl. die Schilderungen des Klearch b. Athen. 12, 11, wo der phrygische Midas Gemahl der Omphale ist., auch die Künstler, für welche die Darstellung eines solchen Paares, der Athletengestalt im weibischen Putz und des schönen Weibes mit den Attributen des Herakles, gleichfalls einen nicht geringen Reiz hatte. Den Hintergrund bildet bald der lydische Harem, wo Herakles den gehorsamen Diener seiner Herrin spielt und wie eine Magd, auch in solcher Kleidung, bald am Rocken spinnt oder Wolle krempelt, bald tanzt und dazu die Handpauke schlägt u. s. w.Stat. Theb. 10, 646 sic Lydia coniux Amphitryoniaden exutum horrentia terga perdere Sidonios humeris ridebat amictus et turbare colus et tympana rumpere dextra. Vgl. die Schilderungen b. Seneca Hippol. 317 ff., Tertullian de pallio 4 u. A. Der spinnende Herakles ist bekannt durch verschiedene Bildwerke. Ueber den tanzenden Herakles s. Aristides 2, 568 ‛Ηρακλη̃ς εν Λυδοι̃ς ωρχήσατο.. Oder man sieht beide, Herakles und Omphale, schwelgen und jene üppigen Bacchanalien feiern, durch welche der lydische Tmolos in der Nähe von Sardes berüchtigt warOvid F. 2, 303–356 vgl. das pompejanische Wandgemälde b. R. Rochette t. 19 und das neuerdings bekannt gewordene b. Zahn 3, 84, Niccolini casa di M. Lucrezio t. 8. 9 mit der Erläuterung von O. Jahn Leipz. Ber. 1855 S. 215–242, wo auch über andre bildliche Darstellungen. Auch in Rom war Omphale eine beliebte Figur, Stephani ausr. Herakl. 203., wie Herakles denn auch sonst als Freund und Zechgenoß des Bacchus und als Theilnehmer seiner lärmenden Umzüge oft genug vergegenwärtigt wurde, in Kleinasien aber vollends diesem Gotte sehr nahe stand.

Noch andre Märchen von diesem lydischen Herakles sind die beiden gleichartigen vom Syleus und Lityerses, endlich das von den Kerkopen. Syleus und Lityerses sind nehmlich im Wesentlichen dieselbe Figur, der eine ein Weinzüchter, der andre ein Besitzer von reichen Kornfeldern, beide hart und grausam gegen ihre Arbeiter, beide dafür bestraft vom Herakles, welcher in diesen Sagen eine Art von Schutzpatron der Winzer und der Schnitter ist, beide wie es scheint ein Product des lydischen und phrygischen Volksgesangs. Syleus zwingt die des Weges ziehenden 230 Fremden in seinem Weinberge zu hacken und zu graben, bis Herakles kommt, den Weinberg um und um kehrt und den bösen Syleus und seine eben so hartherzige Tochter Xenodike todt schlägtDiod. 4, 31, Apollod. 2, 6, 3, wo εν Αυλίδι verdorben ist, und in eigenthümlicher Uebertragung auf Thessalien am Pelion b. Konon 17, auf die Gegend von Amphipolis epp. Socr. 36. Die Namen Συλεὺς und Ξενοδίκη sind bedeutungsvoll genug.. In einem Satyrdrama des Euripides wurde Herakles durch Hermes förmlich an ihn verkauft, wie sonst an die Omphale. Er schickt den Arbeiter in seinen Weinberg, aber Herakles reißt die Stöcke mit der Wurzel aus und bereitet sich in dem Weinbergshause ein leckeres Mahl, wozu er den besten Ochsen schlachtet und den besten Wein aus dem Keller holt. Dann zecht er und schmaust und singt und läßt sich auch durch den Herrn nicht stören, vielmehr er lädt auch ihn zum Mahle und schlägt ihn da er schilt, und als Syleus Hülfe holt, setzt er das ganze Gehöft durch einen abgeleiteten Fluß unter WasserNauck tr. gr. 453 sqq. Vielleicht hatte Euripides in den Theristen die Fabel vom Lityerses auf ähnliche Weise überarbeitet.. Das Lied vom Lityerses und seiner Strafe war eins der beliebtesten und die Arbeiter sangen es weit und breit beim Schneiden und beim DreschenVon dem Volksliede s. Theokr. 10, 42 ff. u. Apollodor b. d. Scholien, Poll. 4, 54, Hesych Λιτυέρσας u. Μαριανδυνός, Suid. Λιτυέρσης, Apostol. prov. 10, 74. Die Erzählung nach Sositheos b. G. Hermann opusc. 1, 54 u. Nauck tr. gr. 639, vgl. Schol. Theokr. l. c. Athen. 10, 8, Aelian V. H. 1, 27. Der Name lautet bald Λυτιέρσας bald Λιτυέρσας.. Er wird ein Bastardsohn des Königs Midas genannt, welcher im fetten Grunde von Kelaenae am phrygischen Maeander üppige Kornfelder besessen. Ein fauler Arbeiter, aber ein um so fleißigerer Fresser, der dreimal täglich drei mächtig große Brode verschlang und dazu in gleichem Verhältniß des Weins genoß. Wenn ein Fremder des Weges kam, so lud er ihn erst zum Schmause und gab ihm zu essen und zu trinken. Dann aber zwang er ihn den heißen Tag hindurch seinen mannshohen Waizen zu schneiden, schnitt ihm am Abende den Kopf ab, band den Leib in die Garben und lachte dazu des kopflosen Schnitters, der sich also hatte übertölpeln lassen. So trieb er es bis einst Herakles kam und den Spieß umkehrte d. h. nach dem Mahle ihm selbst den Kopf abschnitt und den Leib in den Maeander warf, wofür ihn der Gesang der Arbeiter fort und fort als den besten Schnitter pries. Das beliebteste und am weitesten verbreitete Märchen war aber doch das von den Kerkopen, obgleich wenige Ausleger seinen schalkhaften Humor verstanden 231 habenVgl. bes. Lobeck Agl. 1296–1308 u. Welcker ep. Cycl. 1, 409 ff.. Schon Homer hatte von diesen ausgemachten Schelmen und gaunerischen Vagabunden gesungenVgl. die Verse b. Suid. v. Κέρκωπες u. Harpokr. v. Κέρκωψ., vermuthlich nach kleinasiatischen Vorbildern, denn dort war dieses Märchen eigentlich zu Hause und dort, auf den großen Handelsmärkten zu Sardes und Ephesos, mochten auch die lebenden Vorbilder zu diesen durchtriebenen Dämonen, so weit sie als Diebe und Betrüger geschildert werden, zu finden seinDiod. 4, 31, Apollod. 2, 6, 3. Eigentlich sind Κέρκωπες Geschwänzte, von κέρκος, daher der Name auch auf Affen übertragen wurde. Also geschwänzte Dämonen, etwa Silene, zumal da Diod. l. c. eine ganze Schaar kennt, oder ist es wie σαίνειν, υποσαίνειν vom schmeichlerischen und betrügerischen Schwänzeln zu verstehen? Immer sind es betrügerische Schelme, πανου̃ργοι, απατεω̃νες, vgl. auch Paul. p. 56 cercopa Graeci appellant lucrari undique cupientem, quasi κέρδωνα, quem nos quoque lucrionem vocamur.. Von dort wurden sie nach Athen und auf die attische Bühne verpflanzt, wo sie zu humoristischen Charakterbildern verschmitzter Diebe geworden sind, an denen die komische Bühne überhaupt reich warNamentlich hatte Kratin von ihnen gedichtet, aber auch Eubulos, Hermippos, Plato u. A., s. Bergk comm. de com. antiq. p. 24 sqq., Meineke Com. Gr. 2, 24 sqq., Vindic. Strab. 234. In Athen gab es eine αγορὰ Κερκώπων, wo gestohlenes Gut verkauft wurde, Eustath. Od. 1430, 37, Hesych, Diogen. 1, 3.. Und wieder unter einer anderen Form erschienen sie in der griechischen Heraklessage von Trachis und in der von Boeotien, wo sie als räuberisches Diebesgesindel geschildert werden, zwei Brüder Namens Olos und Eurybatos, die auf den Kreuzwegen zu Hause sind oder am Ausgange des Passes der Thermopylen, wo der Weg am engsten war, dem Wanderer auflauertenHerod. 7, 216. Μελάμπυγος ist ein derber Ausdruck für gewaltige Kraft und Männlichkeit, im Gegensatze zu entsprechender Charakteristik der Weichlichkeit. Daher das Sprichwort μὴ σύ γε μελαμπύγου τύχοις, welches schon bei Archilochos vorkam, obschon in andrer Bedeutung, Zenob. 5, 10, Append. 3, 62. ’Ω̃λος und Ευρύβατος (ein wohlbekannter Diebsname) heißen diese beiden Kerkopen bei Diotimos, dem Vf. einer Herakleia s. Bergk l. c. und bei Nikander s. O. Schneider Nicandr. 132. Andre Namen b. Lobeck 1305.. Die Mutter hatte sie wohl gewarnt sich vor dem Schwarzarsch (Μελάμπυγος) zu hüten, aber sie vermochten ihr diebisches Gelüste nicht zu bändigen und versuchten es selbst mit dem wandernden Herakles. Dieser hatte sich unter einem Baume schlafen und die Waffen abgelegt, da bemächtigten sich die Kerkopen derselben und wollten ihm damit zu Leibe. Herakles aber ergreift sie, 232 bindet sie an einen Tragebalken und wirft diesen über seine Schultern um sie mit zu nehmen. So haben sie nun volle Muße über die Warnung ihrer Mutter Betrachtungen anzustellen und thun das in so drolliger Manier, daß Herakles darüber lacht und sie wieder laufen läßt. Die vielen und zum Theil sehr alterthümlichen Abbildungen dieses Vorfalls beweisen die große Popularität eines Märchens, welches in der That über die ganze civilisirte Welt der Alten verbreitet gewesen zu sein scheintDie Verse Homers: πολλὴν δ' επὶ γαι̃αν ιόντες ανθρώπους απάτασκον αλώμενοι ήματα πάντα. Die sehr alterthümliche Metope von Selinus b. Müller D. A. K. 1 t. 5. Vgl. die Nachweisungen b. Gerhard A. V. 2, 86 ff. u. b. Müller Handb. § 411, 4. Auf den Pithekusen wurde von der Verwandlung der Kerkopen in Affen erzählt, in Ligyen stehlen sie von den Geryonsrindern. Vgl. Plut. d. adul. et am. discr. 26, wo Alexander d. Gr., da er einen Narren reichlich beschenkt hatte, von einem Schmeichler mit Herakles und Dionysos verglichen wird, καὶ γὰρ ο ‛Ηρακλη̃ς Κέρκωψί τισι καὶ Σειληνοι̃ς ο Διόνυσος ετέρπετο..

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