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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Eber. 4. Hirschkuh. 5. Vögel.

Diese Abenteuer sind landschaftliche Naturdichtungen der arkadischen Wald- und Gebirgsgegend und zwar von sehr 194 eigenthümlicher und lebendiger Auffassung, besonders das erste. Charakteristisch ist es auch daß Herakles in diesen arkadischen Sagen vorzüglich als Jäger auftritt.

Der erymanthische Eber und die Kentauromachie auf der Pholoe, denn diese beiden Kämpfe gehören nothwendig zusammen, sowohl aus örtlichen Rücksichten als wegen des Zusammenhanges der Erzählung. Erymanthos hieß sowohl das hohe Waldgebirge an der nördlichen Grenze von Arkadien als ein Fluß, welcher auf dem von Schnee strahlenden, dem großen Pan geheiligten Gipfel dieses Gebirges Λάμπεια entspringtPaus. 8, 24, 2, Stat. Theb. 4, 290 candens iugis Lampia nivosis. Das ganze Gebirge dieser Gegend liegt so, daß man Elis und die ionischen Inseln und das dortige Meer übersieht, daher auch mit Elis und von dort übers Meer viel Verkehr bestand. So erklärt sich der Dienst der erycinischen Venus in Psophis und die Sage b. Paus. l. c. daß die Heroine dieser Stadt eine Tochter des Eryx gewesen sei, welche vom Herakles zwei Knaben geboren habe, ’Εχέφρων u. Πρόμαχος. und sich darauf durch das enge, aber fruchtbare Thal von Psophis eine Bahn nach Süden in das arkadische Centralbecken des Alpheios gräbt. Im Winter und im Frühjahre sind diese Bergströme eben so wild und stürmisch als sie im heißen Sommer zahm und matt sind, daher ohne Zweifel der erymanthische Eber jener Bergstrom selbst ist, der wie eine wilde Bestie des Waldes aus dem Gebirge hervorbricht und die Felder von Psophis verwüstetCurtius Peloponn. 1, 386 ff. u. über die Pholoe 2, 44. Auch bei Sophokl. Tr. 1095 werden der erymanthische Eber u. die Kentauromachie der Pholoe als zusammenhängende Dichtungen behandelt. Ein Bergstrom Συ̃ς am Olymp, der den alten Ort Libethra zerstört, 1, 427, [1314]., bis Herakles ihn ganz im Geschmacke des schon in der Odyssee 6, 103 erwähnten erymanthischen Jagdreviers mit wildem Halali bis hinauf in das Schneelager der Lampeia d. h. bis zu den Quellen des Erymanthos hetzt, wo er das ermattete Thier endlich mit der Schlinge fängt. Die Aufgabe des Eurystheus war das wilde Thier lebendig nach Myken zu bringen, daher der Held seinen Eber aufpackt und auf seinen Schultern bis auf den Hof des Königs trägt. Der erschrickt dermaßen darüber, daß er sich in ein ehernes Faß verkriecht, wie dieses viele alterthümliche Vasenbilder und andere Kunstdenkmäler auf naive Weise veranschaulichen. Auf dem Wege zu dieser Jagd geht Herakles über die Pholoe, das hohe und rauhe, in alter Zeit mit Wald bedeckte Grenzgebirge gegen ElisΦολόη vermuthlich für Θολόη von θόλος Kuppel, wie ’Όθρυς für ’Όφρυς. Auch in Thessalien gab es ein Gebirge des Namens und auch dort erzählte man von Kentauren, Lucan 3, 198; 7, 449. 827.. Hungrig und durstig kehrt er bei 195 dem Kentauren Pholos ein, dem Sohne eines Silens und einer Waldnymphe Melia (Esche), der ganz nach dem Muster des Chiron auf dem thessalischen Pelion gedichtet ist. Als Pholos dem Helden zu essen giebt, fordert dieser auch zu trinken. Auch ist, wie es sich unter Kentauren von selbst versteht, ein trefflicher Wein in der Nähe, in einem großen Faß, das ein Gemeingut aller Kentauren ist, ein Wein den Dionysos selbst ihnen geschenkt hatZum Lohne dafür daß Pholos beim Streite des Dionysos und Hephaestos um die Insel Naxos dieselbe jenem zugesprochen hatte, Schol. Theokr. 7, 149. Die Naxischen Sagen von Dionysos und Hephaestos hatte Stesichoros berührt, Schol. Il. 23, 92, derselbe welcher von Herakles und Pholos gedichtet hatte: σκύπφειον δὲ λαβὼν δέπας έμμετρον ως τριλάγυνον πι̃εν επισχόμεονς, τό ρά οι παρέθηκε Φόλος κεράσας. Vgl. Iuvenal 12, 44 urnae cratera capacem et dignum sitiente Pholo., also so gut wie der welchen Maron dem Odysseus und dieser dem Kyklopen giebt. Dionysos hat befohlen das Faß solle erst dann angestochen werden, wenn sein guter Freund Herakles komme, daher Pholos es jetzt für seinen Gast anbricht. Beide zechen nun aus gewaltigen Humpen, da dringt der starke Duft zu den Nasen der übrigen Kentauren, die wie die Homerischen Kyklopen zerstreut im Gebirge wohnen und jetzt wie rasend herbeieilen und in die Höhle des Pholos dringen. Mit Felsblöcken und Fichtenstämmen, Fackeln und Beilen bewaffnet gehen sie dem zechenden Helden zu Leibe, der aber treibt die Eingedrungenen mit Feuerbränden zurück und vertilgt darauf die Uebrigen im Walde mit seinen Pfeilen, jedoch erst nach großer Noth und Anstrengung. Denn ihre Mutter die Wolke kommt den Kentauren mit gewaltigen Regengüssen zu Hülfe, so daß sich Herakles kaum auf den Beinen behaupten kann, während die Kentauren mit ihren vier Beinen in diesem Wasserschwall wie zu Hause sind. Endlich überwindet er sie doch, so daß die Besten bleiben und die Uebrigen sich zerstreuen, die meisten nach Malea, wo auch von Silenen und Kentauren und vom Pan erzählt wurdeBd. 1, 577, [1832] u. 584, [1864]. Selbst den Chiron ließ man vor den Lapithen nach Malea flüchten und bei dieser Jagd des Herakles umkommen. Andre Kentauren fliehen in die Berge von Achaja oder nach Aetolien oder nach Eleusis, wo Poseidon sie in einem Berge versteckt, Apollod. 2, 5, 4, wenn dafür nicht mit Heyne die Sireneninsel Leukosia zu setzen ist, Lykophr. 670 Tz., Ptolem. Heph. 192, 22 Westerm. Vgl. Hom. Κάμινος 17 δευ̃ρο δὲ καὶ Χείρων αγέτω πολέας Κενταύρους, οί θ' ‛Ηρακλη̃ος χει̃ρας φύγον οί τ' απόλοντο.. Der arme 196 Pholos kommt auch um, grade wie Chiron. Er zieht aus einem der Gefallenen den Pfeil und wundert sich wie ein so kleines Ding so riesige Leiber zu tödten vermöge. Da gleitet der Pfeil aus seiner Hand, verwundet seinen Fuß und gleich ist er todt. Herakles begräbt ihn am Abhange des Gebirges, das von ihm seinen Namen bekommt. Bei der ganzen Dichtung liegen gewiß Elemente der einheimischen Naturdichtung zu Grunde, in welcher die Kentauren wie die thessalischen galoppirende Waldmänner und Dämonen der Bergfluth oder des im Waldgebirge brütenden Gewölks sind. Die dichterische Ausführung aber verräth eine Meisterhand, vielleicht die des StesichorosAus Pisander hat sich das Sprichwort erhalten νου̃ς ου παρὰ Κενταύροισι, von Stesichoros s. Athen. 11, 99. 100, Panyasis war hier sehr ausführlich. Auch von Epicharm gab es einen ‛Ηρακλη̃ς παρὰ Φόλω. Die vollständigste Erzählung b. Apollod. l. c. u. Biod. 4, 12, Vasenbilder b. Gerhard A. V. t. 119. 120 T. 2, 125 ff. Auch am Amyklaeischen Thron war η παρὰ Φόλω τω̃ν Κενταύρων μάχη abgebildet, Paus. 3, 18, 7. Nach Statius Theb. 10, 228 ff. wurden viele Pferde auf den Weiden der Pholoe gezogen.. Die große Popularität dieser Fabel bezeugen viele Vasenbilder.

Von der Hirschkuh erzählten die Theseis, Pisander und Pherekydes; für uns sind außer Apollodor gelegentliche Erwähnungen bei Pindar und Euripides wichtigPind. Ol. 3, 26 Schol., Eurip. Herc. f. 375 u. b. Aelian N. A. 7, 39, Kallim. in D. 109 u. A.. Es war ein der Artemis heiliges Thier, welches die Plejade Taygete (1, 366) der arkadischen Himmelsgöttin geweiht hatte. Ein Wunderthier mit goldnen Hörnern und ehernen LäufenEherne Läufe sind unermüdliche. Gegen die Hörner der Hirschkuh protestirten die Naturkundigen und die Grammatiker. Vgl. Boeckh expl. Pind. 139., welches bald die kerynitische heißt, nach dem Gebirge und Jagdrevier Keryneia an der Grenze von Arkadien und AchajaIn der Gegend von Kalavryta und dem Kloster Megaspilaeon, auch dieses ein berühmter Jagdbezirk. Ein Berg bei Kalavryta heißt noch jetzt Kynegu, der Jägerberg., bald nach dem berühmten Artemision bei Oenoe auf der Grenze von Argos und Mantinea (S. 58) benannt wurde. Die Aufgabe ist wieder das flinke Thier lebendig zu fangen, daher Herakles es im Laufe verfolgt. Er verfolgte es nach Apollodor ein Jahr lang, nach Euripides über viele Berge und Schluchten, Wiesen und Thäler, nach Pindar bis in die hyperboreischen Gegenden des Istros, worauf das ermüdete Thier dahin zurückkehrt wo diese große Jagd begonnen hatte, in das 197 arkadische Waldgebirge, wo es zu dem Heiligthume der Artemis seine Zuflucht nimmt, aber endlich von Herakles am Flusse Ladon ereilt wirdVirg. A. 6, 801 nec vero Alcides tantum telluris obivit, fixerit aeripedem cervam licet aut Erymanthi pacarit nemora et Lernam tremefecerit arcu.. Schon war er im Begriff das heilige Thier zu tödten, da traten Apollo und Artemis ihm entgegen, so daß er es verschonte und lebendig zum Eurystheus brachte, ein Zusammentreffen der göttlichen Geschwister und des Helden, auf welches auch verschiedene Kunstwerke deuten, die durch ihre Auffassung dieses Vorfalls sehr an den Kampf um den Dreifuß erinnernHerakles im Begriff das Thier mit der Keule zu erschlagen, Apollo gegen ihn den Bogen spannend, auf einem Helm aus Vulci, Nouv. Ann. de l'Inst. 1, 3. Apollo u. Artemis gegen Herakles u. Athena auf einem Vasenbilde b. Gerhard A. V. t. 101. Vgl. Apollod. 2, 5, 3 u. O. Jahn Archäol. Beitr. 224.. Ohne Zweifel ist diese wunderbare Hirschkuh mit den goldnen Hörnern, die ein Jahr lang und bis zu den Hyperboreern herumläuft, bis sie endlich zu dem Ausgangspunkte zurückkehrt, der Mond am arkadischen Himmel, als ob er von dem Sonnenhelden gejagt würde. Zur Bestätigung diene das einfachere Märchen von der Jägerin Arge d. h. der Weißschimmernden, welche einen Hirsch verfolgend ausrief: Und solltest du auch so schnell und leicht laufen wie Helios, ich werde dich doch ereilen, worauf der darüber erzürnte Sonnengott sie in eine Hirschkuh verwandeltHygin f. 205 vgl. Bd. 1, 225, [631]..

Die stymphalischen Vögel scheinen dagegen Sturm und Ungewitter, die Merkmale des Winters zu bedeuten. Das Thal von Stymphalos ist eine Grube zwischen hohen Bergen und ohne sicheren Wasserabzug, so daß sich bei plötzlichen Ergüssen des Regens von selbst Ueberschwemmungen bilden. Die Fabel macht daraus wie gewöhnlich einen mythischen Vorgang, durch dessen Erzählung sie zugleich die Art solcher stürmischen Wolkenbrüche schildertPaus. 8, 22, 4, der sich auf Pisander bezieht, Apollon. 2, 105 Schol., wo Pherekydes u. Hellanikos citirt werden, vgl. Apollodor, Diodor, Stat. Silv. 4, 6, 100 quantusque nivalem Stymphalon quantusque iugis Erymanthon aquosis terrueris u. A. Auf den Bildwerken sind es kranichartige oder reiherartige Vögel, s. Gerhard A. V. t. 106 u. 324.. Eine Unzahl von wilden Vögeln hatte sich in der Vorzeit in diese Waldung geworfen, menschenfressende Vögel mit eisernen Schwingen, mit Federn die so spitzig und scharf wie Pfeile waren, ein Dichter nannte sie Schwimmvögel (πλωίδες). Im Heiligthum der Artemis sah man Bilder von 198 ihnen, einige davon nach Art der Harpyien d. h. der personificirten Sturmvögel. Herakles jagt sie durch den knatternden Lärm einer ehernen Handklapper aus dem undurchdringlichen Walde auf, worauf er sie theils tödtet theils verscheucht. Die Argonautensage erzählte daß sie sich nach einer Insel des Ares im unwirthlichen Pontos gezogen hätten, wo jene kühnen Schiffer von ihrem herabfallenden pfeilscharfen Gefieder zu leiden haben, bis sie sie auch hier durch Geschrei und Waffenlärm verscheuchen, worauf diese Vögel »wie ein heftiges Schloßenwetter« übers Meer dahinziehnPlin. 6, 32 insula in Ponto – contra Pharnaceam Chalceritis, quam Graeci Ariam dixerunt Martique sacram et in ea volucres cum advenis pugnasse pinnarum ictu. Serv. V. A. 8, 300 Stymphalides aves, quae alumnae Martis fuisse dicuntur, quae hoc periculum regionibus irrogabant quod, cum essent plurimae volantes, tantum plumarum stercorumque de se emittebant ut homines et animalia necarent, agros et semina omnia cooperirent.. Und wirklich können sie nicht wohl etwas Anderes bedeuten als ein heftiges, durch dichten Hagel von Schloßen sich entladendes Ungewitter, da auch der herabfallende Schnee oft genug und in den Märchen und Sagen verschiedener Völker mit Gefieder verglichen wirdDie regio πτεροφόρος im hohen Norden, wo es immer schneit und wo man vor lauter Federn, υπὸ πτερω̃ν κεχυμένων, weder sehen noch fortkommen kann, πτερω̃ν γὰρ καὶ τὴν γη̃ν καὶ τὸν ηέρα ει̃ναι πλέον καὶ ταυ̃τα ει̃ναι τὰ αποκληίοντα τὴν όψιν, wie Herodot 4, 7 den Skythen nacherzählt und dazu 31 selbst die richtige Erklärung giebt, vgl. Plin. 4, 88 und Aesch. Pr. 993 λευκοπτέρω νιφάδι, Pind. fr. 84, 8 νιφετου̃ σθένος υπέρφατον, Psalm 18, 12–14 Er setzte sich Finsterniß zur Hülle, daß sie ihn umgab als ein Gezelt, wäßrige Nacht, Wolken auf Wolken. Vom Glanz vor ihm trennete sich sein Gewölk mit Hagel und feurigen Kohlen u. s. w. Frau Holle schüttelt ihr Bett wenn es schneit, Grimm D. M. 246. »Im Winter wann die weißen Mucken fliegen,« Handwerkslied a. d. 16. Jahrh.. Herakles, der hier wieder die höchste Macht des lichten Himmels bedeutet, mochte in dem Thale von Stymphalos um so eher als Befreier von solcher Noth genannt werden, da er in dieser Gegend, namentlich in dem benachbarten Pheneos, ohnehin sehr heimisch war und als deren Held und Wohlthäter in manchen Sagen gefeiert wurde. So nannte man ihn auch den Urheber jener unterirdischen Abzüge, die diesen tiefen Thalkesseln anstatt eines regelmäßigen Abflusses der leicht stagnirenden Gewässer dienen mußten. Die eherne Handklapper, mit welcher Herakles, und der Lärm der Waffen, durch den die Argonauten diese Vögel verscheuchen, werden nach Art des KuretenlärmsHygin f. 20 wo die Argonauten ex Phinei monitu clypeos et hastas sumunt exque more Curetum sonitu eas fugant. und ähnlicher Erzählungen bei den Alten zu 199 erklären sein, oder wie man bei uns ehemals dem Geläute der Glocken einen gleichen Einfluß auf Wetter und Gewitter und alle böse Geister der Luft zuschrieb.

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